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marianne büttiker » F4/O6/E24
Vor 12 Minuten … Lesen ▼
Oktave. 198// Vielleicht nicht das Gesammelte, nicht das Dichte, das die Form bestimmt und ein Wort bildet. Die Bebilderung des Geistes. Auflösung. Die Formel eines Gedichtes ohne Fassung, ohne Titel. Das Aquarium eines Fisches. Verschwiegen, er und es. Das Lot am Horizont befestigt. Den Himmel zu sich ziehend. Auch er Wasser. Und während der Schnee fällt, steigt der Wal auf.
Die Bergung. Die Dame mit Hut las. Das Einhorn hatte ich nicht gesehen. Es sei hinter ihr gestanden. Ab und zu mit dem einen Vorderhuf im Moos geschart, das sich mit den Jahren über den Fussboden ausgebreitet hatte, durch die Ritzen der roten Fliessen, als wäre ein Teppich vor die Füsse der Frau und unter den Stuhl ausgerollt worden. Die Zeit war nicht still gestanden. Der Wind wehte vom Meer her und bewegte die Wellen flussaufwärtes. Es könne nicht sein, dass sie den ganzen Tag so dagesessen und gelesen hätte, denn es lag Schnee und die Sonne hatte nicht die Kraft, die Steine, auf denen die Frau sass, einmal auf diesem, einmal auf dem andern, aufgewärmt hätte. Das Schmelzwasser aus der Dachrinne. Das Gurgeln des Baches, die Orchestrierung in der Szene, ein Singsang, gaben dem Gemälde etwas Gedankenloses, etwas Unwirkliches. Doch es könnte auch die Zusammensetzung der Figuren gewesen sein, die ohne eine ersichtliche Bestimmung, ohne eine Verbundenheit, die Komposition bestimmten; den Blick von der Veranda in den Park, vor den Stufen die Statue der Dame mit Hut. Lieber Freund, schrieb sie, hätte sie geschrieben, oder würde sie schreiben; Jetzt, der erste Tag mit Sonne und einer Ahnung Frühling, seit ich hier angekommen bin. Wäre der heutige Tag nicht, ich hätte angenommen, dass hier nur Nebel existieren, die den Park und die Welt hinter ihm, einhüllen, als würden sie ein Geheimnis hüten, als müssten sie es im Verborgenen halten. Nebelland. Ohne Konturen, ohne Schatten, ohne Geräusche. Das Wissen um das nahe Meer brachte keine Welle an Land und das Bewusstsein darüber, dass es so ist. Man wäre aufgestanden und in ein Nichts gelaufen. Nichts, das einem Gewissheit gab, etwas zu erkennen, ein Zeichen, das Hiersein bezeugte, keinen Namen, kein Wort, kein Beschreiben. Der Leere Inhalt. Ich hatte den Eindruck, als hätten die Tage zuvor nie existiert, als hätte es nie einen Schmerz gegeben, als gäbe es nur diesen Tag mit Sonne, der die Erinnerung an Nebel aufgelöst hatte und die Welt im Jetzt entbirgt. Es ist, als hätte die Zeit nur auf diesen einen Augenblick hin gewartet, in dem ich in der Sonne sitze und an Sie schreibe. Der Wind bewegt sanft die Blätter des Bambusbusches und das Wasser aus der Dachrinne teilt in seinem Fallen die Stille in diese und jene Wirklichkeit, ohne Schattierung im Bild der Dame mit Hut.
rheinsein » Roter Rhein (2)
Vor 24 Minuten … Lesen ▼
Auwaldhütte, 14. April 1940
Am frühen Morgen weckten mich die Maschinengewehre vom Panzerwerk »Roter Rhein« – das neue in der oberen Scharte des Panzerturmes und das überschwere, das unseren rechten Flügel flankiert. Ich rief Erichson an und gab ihm Feuerbefehl. Dann fuhr ich, nachdem ich mich hastig angezogen hatte, mit dem Rade durch den Auwald nach vorn.
Kurz vor dem Stand geriet ich in eine Garbe, die in die Pappelstämme klatschte, und suchte eilig den Verbindungsgraben auf. Spinelli, der bereits an Ort und Stelle war und mit der Besatzung hinter der Betonwand des Bunkers stand, winkte mich richtig ein. Ich ließ zwei schwere Gewehre auf die Scharten richten und teilte Scharfschützen ein. Dann ging ich, um noch einen guten Richtschützen zuzuziehen, zu Erichson, in dessen Kampfraum ich den Krankenträger fand. Er war damit beschäftigt, Erichson zu verbinden, der stark am Halse blutete, auch hatte er drei Schützen, die durch Splitter verletzt waren, mit Jod betupft. Sie waren alle benommen wie Fische, die plötzlich an die Luft gezogen worden sind.
Ich hörte, daß ein Schartentreffer mit lautem Knall und einem Feuerstrahl im Raum auseinandergeflogen war. Andere Geschosse hatten das Maschinengewehr am Lauf getroffen und das Zielfernrohr gekappt, das auf dem Tische lag. Zum Glück war auch Erichson nur leicht verletzt, so daß ich mich gleich wieder zu jenem Stande begeben konnte, der unser Brennpunkt ist.
Die Garben strichen noch durch den Wald, in dem mir der Verbindungsgraben zustatten kam. Freilich war er noch nicht durchlaufend ausgebaut, so daß es auch Stücke zu überspringen gab. Sehr gut die Kalkulation an Strecken, an denen es so über Deckung geht. Der Geist stellt immer eine scharfe Wahrscheinlichkeitsrechnung an, ehe der Körper springt.
Vor dem Stande hatte Spinelli schon alles aufgebaut. Ich ging noch einmal an das Scherenfernrohr und visierte die Scharte an, aus deren Schlitz ein neues und stärkeres Gewehr als jenes vor unserer letzten Räucherung hervorragte. Nachdem ich den Richtschützen eingeschärft hatte, daß es von ihnen abhänge, ob der Beschuß ernsthaft erwidert würde oder nicht, gab ich das Feuer frei. In diesem Augenblick strichen drüben, wie vor einer Zauberhandlung, zwei Elstern mit leuchtend weißem und erzgrünem Schimmer von den Bäumen über die Kuppel ab.
(aus: Ernst Jünger – Gärten und Strassen [Sämtliche Werke, 1. Abteilung, Tagebücher Bd. 2 – Strahlungen I])
der goldene fisch » Markus Stegmann : die klopfen?
Vor 53 Minuten … Lesen ▼
“Nur das Gelenk noch, den Schädel gipsen, Schlacht bestellen, die Erde, Andromeda: falscher, flacher Blick schlang deine betrübte, deine angefassten Arme um meinen, meinen gelandeten Kapitän, Kapitän.”
“Meinst du, das geht wirklich?”
Behilft sich, aber schläft schlecht.
“Welche Bringer sind es, die klopfen?”
“Martha, mein Helfer ist die letzte Nacht als Nomade gelangt in den Zwischenraum der Erlen.”
“Wir zelten, Leander, aber die Zone bleibt frei.”
Wer will widersprechen. Los, meine Liebe, die Patienten kommen.
Die Dschungel. Anderswelt. (Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop) » Heute 37
Vor 3 Stunden … Lesen ▼
Kein Weiß im Aug wie vorhergesehen. Im Spiegel es nicht gesucht. Verhangene Horizonte. Regen. Blaudome erst am Nachmittag, oder Blaublasen. Einen Augenblick an das Wiehern eines Pferdes gedacht, als gerade ein Motor nicht gleich ansprang. Steinchen-Tag. Wo die Steinchen noch zu erfinden sind. Gestolpert über das Wort Staatsbürgergesellschaft. Erst mal viel zu lang. Wie die Zugankunftswahrsagerinnen von Herzmanovsky-Orlando. Stein? Mag sein. Postwurfsendung von Rifondazione Comunisti Italiani (lange nichts mehr gehört von denen): eco(noi)mia, comu(noi)smo, cittadi(noi), in(noi)vazione, e(noi)rgia, u(noi)versità. Da ist ihm was eingefallen! Eine noie Di(wir)sion des Seins! Caro Damiano, hai una faccia da culo! Die Zukunft habe sich geändert. Pardon! Die Zugankunft. Staatsbürgergesellschaftsbürgerstaat. Beschlossen, ein Rubbellos zu kaufen. Das Geld dafür bekomme ich nach erfolgreichem Rubbeln dann morgen zurück. Die Rückgängigmachung. Oder übermorgen. Die Tabaccaia scheint Krach gehabt zu haben mit dem sonst doch immer, nun aber seit Wochen gar nicht mehr anwesenden jungen Mann mit dunkler Hautfarbe, der der Sohn sein soll eines Bauern, der eine Asiatin sich habe kommen lassen, der in der Nähe meines vorherigen Landsitzes lebt und auch schon mal auf (uns)ere damalige Bitte hin das angrenzende, der Liegenschaft zugeschlagene und überhaupt wegen der Hanglage ungünstige landwirtschaftliche Grundstück vom hüfthohen Grase befreit, des Name Efrem.
Die Dschungel. Anderswelt. (Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop) » so, dieses war der siebte schumannstreich. der achte und letzte der chamissovertonung…
Vor 5 Stunden … Lesen ▼
so, dieses war der siebte schumannstreich. der achte und letzte der chamissovertonung folgt morgen. dann fehlt nur noch das unvertonte neunte gedicht. mit nummer sieben geh ich glatt als bdsm-dichterin durch. ich simse m, dit jeht jetzt alles in den schumann, simst m, wird das ein text oder wird das ne vorlage, simse ich zurück, dit jeht weg wie nix, äh wix, wirst sehen, also ne vorlage, ganz klar, wird sich ja auch permanent an die brust gepackt und fleißig lust uff jede brust gereimt, also, konsequenterweise muss man mal sagen, was drinsteht. raus aus dem sublimen. jetzt auf zu den dressuren, akademie der künste, pariser platz, harr harr, clubraum, hoho. [Link/Kommentar]
Die Dschungel. Anderswelt. (Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop) » Elfe stanzt Rose
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Sanftes Lot erze,
letzter Ton fasse.
Seelenfortsatz
fraß tote Lenze,
oft zerlesen, Ast-
falter setzen so
stolzeste Farne
fest, orales Netz,
zerflossene Tat.
Los, tanze fester! [Link/Kommentar]
Die Dschungel. Anderswelt. (Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop) » Der sechste Brief an die Undine.
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der goldene fisch » Andreas H. Drescher : EFHARISTO DES WETTBÜROS II VON II
Vor 12 Stunden … Lesen ▼
Die Füße auf der Bahn in Richtung Schlacht. Die Metzgerfüße ein- und ausgezogen. Zart, sehr zart Gestolpertes. Ein Blumenhändler für fleischfressende Pflanzen. Eine Frau Bestatterin in jeder Blüte. Soso bleiben sie, die Dinge selbst. Auch, was loslässt, lässt nie wieder los. Gerade in dern Saft und ausgebeult wie ausgebeutet. Die Tür quietscht aus in letztes Katzenkreischen. Füßefauchen, auch und auch. Aber sie schweigen es, sie denken es nicht mal. Fleisch, so weiß und süß, wie´s nur das Schweigen kann. Katzen sitzen sich auch schon mal selber aus. Kreisende Fleische, die einander Pfoten schlucken. Bargeldlos, ein Pal. Wuff, ein Pay-Pal, ein halbes Prozent. Gesichtsverleiher, ausbezahlt mit Spielgeld, Blechgeld, Schummelgeld. Katzen aus Spanien, Katzen aus Portugal, Katzen aus Griechenland. Verkocht vom Blütenstängel. Die Kater als Genossenschaft, mit Kater Raiffeisen als letztem Substantiv. Alles muss gemeinsam sein, nicht wahr! Das Schild zur Einbahnstraße ist noch nicht begossen. Er versteht die Ruhe wie sie ganz. Auch wenn er inzwischen beim Wechselunterschreiben schon beide Pfoten nimmt. Ist klar? Und bei dir? Pfotiges E, pfotiges Z, pfotiges B. Fleisch, das Fleisch verabschiedet. Oh! Was heißt nochmal Stoßstange auf Spanisch? Ach ja! Hauptsache gesund! Die ausgelegten Krallen gehen ein. Ein Zurück, mein kein Zurück. Unsystematisch. Zeitlos ausgerechnet. Ja klar! Kniehelenen, sososo ist das gelaufen. Ach wo! Vergiss es! Was nach Müll riecht, wird auch keine Katze kaufen. Ausgebremst, versteh mich doch! So schön graviert zahlt sich kein Bankrotteur mehr ein. Raiff für die Insel. Raiff schleckt seine Produktivstreusel auf. Natürlich geht das so! Eine Katzenklappe geht auf Raisen. IBAN-Linie. Auf Eis gleitend, entflohen. Da komm ich grad rüber! Miauer, aua, aus und aus. Neinnein! Dann ist schon aus. Ob das was? Ob das eine Arbeitsanweisung ist? Nein! Das sind die Zecken! Auch Katzen fangen sich schon einmal Zecken ein. Zahlungsanweisungen, sag ich doch! Mir geht das genausoso. Sechs Uhr zwölf Uhr ach, zehn Uhr? Katzenschwanz und Kapital. Das ist ja wirklich… Nicht? Warum? Zähl doch mal auf! Nach der Arbeit? Wieso nach der Arbeit? Bingbong! Ab jetzt wird auf von neun bis fünf gezählt. Architektur war, Bildhauerei war, Kritzelei war. Mann, ist mir das über! Der LKW verwirft das Fleisch des Blumenhändlers jetzt in die Dolden. Dann gehst du hin und rufst nochmal. Der Blick, dem Blick, den Seitenblick. Farben schnupft das, lässt das fließen. Vereinigter Blumenfeldgeruch. Ach, so ein Duft geht schließlich aus! Hmhm. Auch wenn das noch so lange läuft, es ruft doch seine Steigerung. Dann geht es einfach nur noch so. Tschüss! Flucht ins Ampelgrün, dann Flucht ins Ampelrot. Gorgias kauft sich ein neues Fahrrad. Lach nicht! Nein! Lach nicht! Ein Wiederverkauf kommt gar nicht in Frage. Aigisthos nun als fleischfressende Pflanze. Der Chef kommt selbst. Als Bademeister. Gemischte Zuckungen zum Schalter und wieder zurück. Zwischennetztische, langsam rotierend, langsamer rotierend, schneller. Zahl und Zahl. Wer zahltzahltdrauf. Das Bankgeheimnis eingeschlossen. Ein Ungenehmigte mit einem Knüppel aufgelöst. Mit mehr als einem Knüppel. Die Kapitalaufstockung bis ins Gras. Plumps, ein Aus. Und plumps, ein Neuanfang. Füße in der Luft, dann Füße in der Erde. Geh zum Papa. Mama hat jetzt keine Zeit. Raiffeisen wagnert sich inzwischen selber aus und macht Rendite überm Rost und weiter. Wo gehen wir hin? Sagst du irgendwas? Narkoleptika, Zirkelschluss, Zivilschutz und Echo als verliebte Jungfer. Undurchsichtigkeiten, Unübersichtlichkeiten. Papas Sprünge zur Seite. Was du nicht glaubst, langt dir auch lang. Ach, hilflos! Aberaber! Papa ist gestorben. Es war zu ausgedünnt. Das ist seine Aufgabe. Nun ist seine Aufgabe hinter den Dolden.
So, jetzt komm! Kommkomm, nimm endlich deine Ohrfeige zurück.
Selbstverständlich kann ein E dich schlagen, bis ins Z herunter, bis ins B herauf.
Die Dschungel. Anderswelt. (Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop) » Roger Norrington dirigiert die Junge Deutsche Philharmonie: Bartók, Brahms und ein…
Vor 13 Stunden … Lesen ▼
Noch niemand spricht von Dienst, wenn dieses Orchester Konzerte gibt. Wie die Berliner Philharmoniker w ä h l t man seine Dirigenten, und die sind stolz, einige auch glücklich, die jungen Musiker dirigieren zu dürfen - schon weil die Rede von Arbeitsverträgen und eben Dienstzeiten noch nicht ist, deretwegen manch berühmter Dirigent in Deutschland nicht auftreten mag; nichts von Tarifverträgen, Überstunden und all dem übrigen für einen Alltag aber ja doch nötigen Kram, wenn man zum Beispiel Familie hat, für die das Wort Freizeit nicht inhaltsleer sein kann kurz: noch keine andere Routine als die der künstlerischen Arbeit, die Routine eben drum nie wird. Bei der >>>> Jungen Deutschen Philharmonie.
Einverständnis ist das erste, was mir immer wieder auffällt, wenn ich diesen Philharmonikern zuschau und -hör. So auch >>>> gestern abend im leider nicht ausverkauften Saal der Philharmonie Berlin; das macht, wiederum, aber nichts: macht nichts wegen des Einverständnisses, das Musiker, die heute nicht mitspielen (aber sie werden es morgen), für den CD-Verkauf auch mal die Kasse halten läßt; eine strahlende, jugendliche, klasseschöne Pressefrau begrüßt mich am Tisch; strahlen tut auch Norrington, na ja, lächeln tut er, so knapp vorm Auflachen immer, vor Musizierfreude dauernd, auch am Pult, ein irgendwie gemütlicher daddy for all, dem man die Präzision seiner Arbeit so überhaupt nicht ansieht, nicht die Härte, die er den Klangkonturen verleihen läßt, die Unnachgebigkeit, mit der er Weichzeichner wegignoriert, so daß Konturen Konturen auch sind. Besonders zu hören war das bei Brahms, dessen Dritter diese Auffassung die analytischen Strukturen zurückgibt: die motivische Arbeit des Komponierens, Durchführung muß das genannt sein und Materialität eben: Ton und Klang als Stein, den einer behaut. Was so als Weltanschaung im musikalischen Halo mitschwingt, wird in diesem Netzwurf überhaupt erst gefangen, nicht v o r dem Fang schon eingeholt. Man mag das nüchtern nennen, das ist es aber nicht: sondern erfüllt, wiewohl aus der Wiederentdeckung der Alten Musik hervorgearbeitet, ein Diktum der frühen Moderne, das sehr bewußt gegen die Aufblähungen der Spätromantik (ACHTUNG! Zeit des Nationalismus, sich perfektionierende Warengesellschaft und verschleiernder Gründerschmock. ACHTUNG!) gestellt worden war: daß man im fertigen Werk auch die Baustelle sehe, aus der es entstanden:: daß sie Teil des Kunstwerkes sei und es bleibe. Was ein Gegenentwurf auch zur poststabilierten Harmonie der Klassik (und der Postmoderne) ist. Norringtons legendäre Inszenierungen der Beethoven-Sinfonien schlugen den, ausgerechnet b e i der Klassik, ein- für allemal in den Boden.
Analytisch auch Bartóks Zweites Violinkonzert, das ein für die Zeit und Bartók selbst vergleichsweise konservatives ist; es liegt nahe, einen Reißer daraus zu machen, auch wenn das zweite Thema des Stücks mit den zwölf Tönen spielt. Norrington läßt hier einen Akzent aufs Melancholische setzen, während Carolin Widmanns Geige nur so dahinrast; es gibt geradezu >>>> schattenhafte, hätte Mahler geschrieben, Momente im zweiten Satz, dann fächert sich der Klang impressionistisch auf und saugt die Geige ein in seine, danach klingt es, freitonale Melancholie. Die Musikalität, mit der der Pauker spielte, hätte auch ihm einen Sonderapplaus einbringen müssen. Bracht es aber nicht, weil Widmanns Virtuosität so gestrahlt hat. Hätte nicht Papa Norrington dauergütig gelächelt und mitapplaudiert, es wäre insgesamt zu merken gewesen, welch ein Knochenjob also welch ein Beruf das ist, den alledie jungen Musiker zu ihrem Leben machen wollen. Und man wäre ein wenig, vielleicht, schockiert gewesen.
Nicht zu begreifen aber, weshalb man als Zugabe Wagner gab, Lohengrin, Vorspiel Aufzug III. Es ist um so weniger verständlich, wenn man die bis heute nachwirkenden Auseinandersetzungen zwischen Brahmsianern und Wagnerianern kennt. Denn das vibratolose, sozusagen reine Spiel Wagners machte das Stück so roh, wie es sich der Mob vorgestellt haben mag, bevor er loszieht, um den Geist zu lynchen: schmissig hätte meine Oma gesagt. Grobes, hohles Pathos mit knallenden Posaunen, das vor allem aus dem dramaturgischen Zusammenhang des Musikdramas gerissen wurde und nun dastand wie des armen Liszts Les Preludes bei den Heeresmeldungen eines Tausende Jahre währenden DauerndSiegens. Und das nach Brahms seltsamem Versickern von Pathos, nach diesem fast aufseufzenden, nüchtern aufseufzenden Nö, nicht weiter, dem die Traurigkeit darüber schon zwölf Jahre früher vorausklingt, was er bei Weyermanns sagte, als er vom frischen Grab der Schumann kam: Ach was, es ist doch alles eitel in dieser Welt. Der einzige Mensch, den ich wirklich geliebt habe, den habe ich heute begraben! Gute Nacht, meine Herrschaften! Ja, Herr Professor Brahms. Mit diesem falsch gebrauchten Wagner. Gute Nacht.
Die nächsten Aufführungen:
Mi, 10.03.2010, 20 Uhr: Wilhelmshaven, >>>> Stadthalle
Do, 11.03.2010, 20 Uhr: Ludwigsburg, >>>> Forum am Schlosspark
Fr, 12.03.2010, 20 Uhr: Baden-Baden, >>>> Festspielhaus
Sa, 13.03.2010, 20 Uhr: Interlaken, >>>> Casino Kursaal
Die Dschungel. Anderswelt. (Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop) » das ist jetzt irgendwie ein ganz blöder rat. aber wenn ne wund aufhören soll zu bluten,…
Vor 13 Stunden … Lesen ▼
das ist jetzt irgendwie ein ganz blöder rat. aber wenn ne wund aufhören soll zu bluten, darf man nicht ständig an ihr rumfummeln, sondern muss sie lassen. sie mal ne weile vergessen. und später flatschenkrusten knibbeln. und mal so ein wenig mit luhmann sehen, da haben auch noch andere pynchon gelesen zb. und man muss sich vor augen halten, dass die ansprechbarkeit, die so selten geworden ist und die einen so beglückt, zunächst ja einmal auch nur eine ansprechbarkeit ist. was weiß man denn von all denen, die das herz nicht so auf der zunge tragen, und die einen nur unartikuliert ansprechen in ihren stillsten stunden? nix weiß man, ausser dass man denkt, krieg die zähne auseinander, junge, bitte. tja. aber es gibt eben da draussen auch männer mit angst vor zurückweisung, das sind meist nicht die schlechtesten.
gestern dachte ich wieder in meiner verblendeten paranoia, wow, alles nur für mich, ein großes hinters lichtgeführe nur für mich, irre, himmelfahrt, apotheose, abspann.
ob es draußen wirklich kalt sei, ja, sage ich. an den geräten wenig los, und ständig wurde an mir rumgeschraubt. fucking ell, ja, sehr angenehm die nähe eines anderen warmen körpers. lass es schnell samstag werden, sonst vergess ich mich. m sagt, ich dürfe alles. ich denke, ach was, und auch, nee, so nu auch nicht, bitte. man kann das nicht einfach alles umwidmen jetzt, so einfach gehts ja auch nicht. und überhaupt. sowieso, man soll mal seine arbeit lieben, daran lernt man, dass man eben nicht zurückgeliebt wird, basta, und damit eben klar kommen muss. ob das alles der luther gemacht hat? ich will aber von meiner arbeit zurückgeliebt werden, aber so was von, sonst guck ich die auch nicht mehr mit meinen hinterkopfaugen an nich. 'begriffspersonen' fordert deleuze. ich fordere die abschaffung der person als begriff, und die befreiung der verben wie 'handeln' aus ihrem unerlöst performativen dasein. ich seh ja auch, da tut sich was. es wird gefahren und gewendet und und und. ist das schon ebene auf der sich gemüht wird? mir kommts immer noch vor wie aufstieg. wie schrieb es die m so treffend, sagt der eine berg zum anderen, isch hab halt en hang zu ihr. seufz. cuidado, lawinengefahr, wird frühjahr! [Link/Kommentar]
Die Dschungel. Anderswelt. (Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop) » 69. Tag des Jahres ZwanzigZehn
Vor 14 Stunden … Lesen ▼
Gestern schrieb ich zum ersten Mal einen Tagebuchbeitrag, den ich nicht einstellte. Ich habe ihn aufgehoben, aber die Gedanken dort habe ich alle schon einmal formuliert.
Rasend sei ich, hatte mir Anwar gesagt, als es ganz schlimm war und ich dachte, ich würde mich in all meine Einzelteile auflösen, nur zu laufen hielt mich zusammen. Rasend war sehr treffend, vorangeprescht bin ich, umgestellt habe ich und aufgeräumt, nun geht mir langsam die Luft aus, ich kann diese Geschwindigkeit nicht mehr lange halten. K. hat Recht wenn er sagt, er wolle nicht mehr die Breite abgrasen, er wolle in die Tiefe, einzig ich will nicht in seine resp. ich will ihn nicht in meine lassen.
Du reagierst wirklich sofort sagte meine Freundin J. als sie ihre geschulten Hände unter meinen Rippenbogen schiebt, um mein Zwerchfell zu mobilisieren. Ja, mein Körper ist sensibel auf Hände. Hände die wissen was sie tun. Wie ein Mann meine Taille greift, sagt mir viel. Kann schon alles sein.
In diesem Laufen und Rennen wollte ich zwei Dinge erreichen, mich zusammen zu halten und mich zu betäuben, das hat ganz gut funktioniert, aber irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man sich nicht mehr betäuben kann, dann muss man sich den Gefühlen stellen und endlich lernen, damit umzugehen. Von mir geliebt zu werden ist ein sehr selten erteiltes Privileg, ist ein Satz, von dem ich annehme, das Anwar ihn zwar gelesen hat, aber auf seine Weise verdrängt, denn für ihn gibt es nur eine, die er liebt. Ich liebe und werde nicht zurück geliebt an einer Stelle meines Lebens. Kann das ausgeglichen werden? Dadurch, dass ich an anderen Stellen geliebt werde und auch zurück liebe? Ich weiß es nicht.
Es ist auch eine Art schöner Schmerz, diese Liebe, und ich bin stolz, dass sie mich nicht bitter gemacht hat. Aber jeder, der antritt, mich zu erobern, hat eigentlich schon verloren, ich bin nicht mehr so bereit und nicht mehr so frei, wie ich es mal war, mich einzulassen, und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, dann habe ich eine Art Ersatz gesucht, von dem ich schon wusste, dass es utopisch ist, ihn auch nur finden zu wollen. Gefunden habe ich jemanden, den ich nicht suchte, dem ich nie verschwiegen habe, dass er auch eine Art Trostpflaster ist. Er wird bleiben, wie Frau Samen Baum, deren Abneigung für flache Schuhe ich teile, aber das ist alles, was ich mit ihr teilen will, mein Herz sei groß und hell und licht sagte Anwar einmal, es hat keinen Platz für einen Samen, aus dem ein Baum entstehen könnte, er würde mein Herz durchbohren, vielleicht an der gleichen Stelle, an der Anwar neulich den Splitter zog und vorsichtig ein Pflaster drüber legte. Ich muss wohl mal den Verband wechseln lassen, er ist schon ganz durchgeweicht. Herzblut hört eben nie auf zu fließen, erst wenn der Herzschlag stoppt und die Gerinnung einsetzt.
rheinsein » Roter Rhein
Vor 14 Stunden … Lesen ▼
Auwaldhütte, 29. März 1940
Die Dinge lagen so, daß kurz nach Mittag ein Wachtmeister und ein Gefreiter von der nahen Artilleriebeobachtung gekommen waren, beide Neulinge am Ort. Der Wachtmeister äußerte den Wunsch, die von Geschoßeinschlägen besäte Stirnwand des Bunkers zu photographieren, und ohne auf die Warnungen des Unteroffiziers zu hören, stieg er, gefolgt von dem Gefreiten, über den hohen Aufwurf des Werkes zum Rheinufer hinab. Im gleichen Augenblick begann von drüben aus dem Panzerwerke »Roter Rhein«, in dem rabiate Burschen hausen, ein Maschinengewehr zu spielen, und die beiden Artilleristen blieben auf der grünen Böschung liegen, die weithin sichtbar ist. Der eine hatte noch gerufen, vom anderen hatte man nichts mehr gehört.
Nachdem ich den Ort besichtigt hatte, beschloß ich, die beiden zu bergen, was freilich auf dem Wege, den sie genommen hatten, unmöglich war. Vielmehr mußte links von dem Bunker ein breiter Drahtverhau zur Annäherung durchschnitten werden, und zwar derart, daß die Arbeit durch einen Saum von dürrem Gras getarnt wurde, das zwischen den Uferbäumen wuchs.
Inzwischen war auch Spinelli angekommen, und wir folgten den Leuten, die kriechend die Gasse schnitten, bis nach einer guten halben Stunde der Weg geöffnet war. Zwischen den Bäumen hingen noch einige Tarnmatten aus gelbem Rohr, die gegen den gröbsten Einblick deckten, dann waren bis zu den beiden liegenden Gestalten noch etwa fünfzehn Schritte zu tun. Die Feste »Roter Rhein« war gegen vierhundert Meter weit entfernt.
(aus: Ernst Jünger – Gärten und Strassen [Sämtliche Werke, 1. Abteilung, Tagebücher Bd. 2 – Strahlungen I])
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