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der goldene fisch » Sylvia Geist : Ohne Titel
18.03.2012, 22:57 … Lesen ▼
Vielleicht in dem Schatten, der am langen Vormittag
eines Kindes in den Hof fällt. Auf das Handtuch
von Rasenstück, sonntags von einem Nachbarn,
zerbrechlich vor Leben und Haltung, gestutzt
mit einer Schere für Papier. Wo es die Halme
streicht, oder zählt, als wäre da etwas verloren
gegangen, das daran erinnerte, was es einmal wird
suchen müssen. Hinter halbgeschlossenem Fenster
Lid Gurren, Gespräch von Löffeln, später anberaumt
im Birkengefieder die heimlichen Gebäude. Es zählt,
als wärs schon verloren und wüsste, es wird vermisst
bleiben, mit dem Gesicht des Nachbarn, dem vielleicht
jedes ähnlich sieht, das ich wiedererkenne, entfallen
im Schatten, verklappt durch die Luke über dem Hof.
e.a.richter » F-15 DORFSTANDPUNKT
18.03.2012, 20:00 … Lesen ▼
Nach einer Biegung in einer Mulde
gleich neben dem Sägewerk
um einen unsichtbaren Anger herum
liegt schräg das Dorf
an einem mageren Bach: es reicht
bis zum Schloß mit den kupierten Türmen,
den Kastanienbäumen, den scheuen,
dreckigen Schafen im Graben,
bis zum Milchkasino, zur Bäckerei,
zur Dollfuß-Gedenkplatte,
bis zum Kirchturm, zum Wirtshaus
mit dem Telefon hinterm geblümten Vorhang,
es reicht bis zu den Bauern-Zimmern
hinter den spiegelnden Fenstern,
zu den Jahreszeit-Ritualen
in den Höfen, auf den umliegenden Feldern.
Heut ist das Dorf für uns nur
eine bewußt eingesetzte Ablenkung
von übermäßiger Innerlichkeit:
jeder arbeitet an seinen Beziehungen,
den frustrierenden Lieben,
den kläglich endenden Befreiungsversuchen;
den Gleichgültigkeitsanfällen,
den Überfällen beharrlicher Hoffnung;
den abgestandenen Dreiecksverhältnissen,
den Kämpfen um Kinder und Frauen.
Auf jeder Fliege sitzt ihr Herr,
Beelzebub, sag ich, und lacht sich eins.
Als es Nacht wird, strömt aus dem Friedhof warme Luft,
der Geist der unlängst begrabenen Neunzigjährigen,
die jahrelang nur von Schnaps und Brot gelebt hat.
Wir blicken in ihr Haus, sehen nichts,
laufen in panischer Angst zum Kornfeld, lassen uns
fallen, holen uns einen winzigen Trost
von den glimmenden Satelliten,
den Fußabdrücken der Astronauten am Mond.
(1981)
(Erschienen in: Friede den Männern, Residenz Verlag, 1982) [Link/Kommentar]
der goldene fisch » Gerald Koll : Zazen-Sesshin (11)
18.03.2012, 16:59 … Lesen ▼
Für wie blöde halte der Schüler ihn, donnert der namenlose Mönch. Halte der Schüler den namenlosen Mönch für jemanden, der Antworten erteile, ohne gefragt zu werden? Die Glocke sei dreimal geschlagen und damit das verabredete Zeichen gegeben, dass der Schüler berechtigt sei, seine Frage vorzubringen, mit gefalteten Händen den Pfad zur Klause hinaufzusteigen, sich der Schuhe zu entledigen, die Tür beiseite zu schieben, die Schwelle zu übertreten und auf dem Boden Platz zu nehmen, um die Frage zu stellen. Es hieße, das Zeichen der Glocke zu missachten, nun, beim neuerlichen doku-san, da der Schüler mit seiner Frage bis zur Schwelle vorgedrungen sei, auf dieser Schwelle schweigend und stehend zu verharren und auf weitere Zeichen oder Einladungen des im Zazen ruhenden Meisters zu warten.
Der Leitfaden für das tägliche Handeln, sagt der namenlose Mönch, der den Schüler darin unterweist, die Ausbildung basiere nicht auf dem Disput, sondern der Unterweisung, sei die spontane Liebesreaktion auf die jeweilige Situation, und wir sprechen über Bomben.
Gleisbauarbeiten » PUNK PYGMALION (27): "Ich bin sie los."
18.03.2012, 11:28 … Lesen ▼
Fortsetzung des Brief- und Blog-Romans PUNK PYGMALION (Kapitel 1-26): hier.
Inden letzten zwei Wochen hatte ich keine Zeit, um von dem Abend mit Björn in Berlin zu erzählen. Es drängt mich ja auch niemand mehr, mich zu beeilen, umdiese Geschichte im Blog zu Ende zu bringen. Das Material wird knapp, ohne dasseine Auflösung sich andeutet. Nur noch zwei Briefe des ´rough guys´ sind unveröffentlicht.Emmi ist seit Dezember verstummt, ohne ihr Geheimnis zu offenbaren. Was mich weiterantreibt, ist allein meine Neugier, die sie allerdings geschürt hat: Wohinverschwand Ansgar im Sommer 1984, nachdem sie ihn bei Barcelona besuchte? Was triebsie im Spätsommer des vergangenen Jahres mit Ansgars Sohn im Süden Frankreichs? Undwarum kehrte sie mit Lars zurück nach Berlin, mietete eine Wohnung, wo sie mitihm lebte – oder noch lebt? Weiß der junge Mann, dass diese Frau die letzteGeliebte seines Vaters war? Seine äußere Erscheinung, wie sie von jenen Leuten beschriebenwird, die ihn mit Emmi in Südfrankreich sahen, entspricht exakt der des Vaters,wie ich ihn im Sommer 1984 getroffen habe. Ist das Emmis Werk? Welchen Planverfolgt sie? Ist er gescheitert an meiner Unfähigkeit, ihr das zu schreiben,was sie unter einem „Happy End“ versteht, und schweigt sie deshalb?
PUNKPYGMALION. Es war Emmi, die der Serie in meinem Blog den Titel gab. Ich dachte,es gehe um Ansgars Übergriffe auf sie, darum, wie er sie aus der Ferne durchseine Worte zu seinem Geschöpf machte, den blonden Lockenkopf in eine blasseschwarzhaarige Punkerin verwandelte. Ich hatte nur bruchstückhafte Erinnerungenan Ansgar gehabt; er war mir als faszinierende, aber auch abstoßende Urgewalterschienen, die in Emmis Leben einbrach, sie überflutete und als kraftloses Bündel auswarf, dem Lebennur noch seine Briefe aus dem Norden einzuflößen schienen. Doch er war Episodegeblieben. Ich hatte das verdrängt.Emmi kehrte im Herbst ´84 aus dem Süden zurück und schien frei zu sein. Wirnahmen unser Studium auf, an verschiedenen Orten, und sahen uns nur noch selten.Bis zu jenem Abend im Oktober 2010, mit dessen Beschreibung diese Serie im Blog beginnt, erwähnte sie Ansgar nie mehr.
EmmisEx-Mann Björn und ich trafen uns vor zwei Wochen in einem Weinlokal inKreuzberg. Er wohnt noch immer in der Wohnung, die er mit Emmi teilte. Diesmalstellte er die Fragen. Als wir uns zuletzt gesprochen hatten, war ihm klargeworden, wie wenig er in den Jahren ihrer Ehe Emmi gekannt hatte. Eine Skizzeihres Lebenslaufes hatte sie ihm gegeben und sich ansonsten seinen Bedürfnissenund Wünschen angepasst. Außer mir kannte er keine alten Freunde von Emmi und zuihren Kolleginnen in der Kanzlei war sie distanziert und sachlich gewesen; effizient, strukturiert, ergebnisorientiert, so wurde sie beschrieben. Björnwollte durch mich ein Bild von der Frau gewinnen, mit der er einige Jahre verheiratetgewesen war und die er rückblickend nicht mehr erkennen konnte.
Undich erzählte. Ich erzählte die Geschichten aus unserer Kindheit auch mirselbst. Ich wollte mich erinnern, wie Emmi war und wer, die Freundin, die ichfast mein ganzes Leben lang gekannte hatte. Ich suchte nach Erinnerungen, die nochnicht zu den Lügengeschichten geworden waren, mit denen wir uns selbst eineKette von Ursachen und Wirkungen vormachen: Wie wir wurden, was wir sind.
Ichsehe Emmi und mich auf dem Weg zu Schule. Am Morgen klingelte ich und hüpfte ungeduldigauf den drei Treppenstufen zur Eingangstür des zweistöckigen Fachwerkhausesherum, das meinem Elternhaus gegenüber stand und in das Emmis Familie im Sommer 1976 gezogen war. Meine Mutterwunderte sich, dass sie sie sich nichts am Kirchberg gesucht hatten, wo die „besseren“Leute wohnten in modernen Bungalows. Aber dort gab es nichts zu mieten, werdort wohnte, hatte gekauft oder gebaut. So machten es auch Emmis Eltern kurzeZeit später. Meine Knie waren damals immer ein wenig verschruppt, ich hatte dasRollhockeyspielen auf der Gasse noch nicht aufgegeben. Ich trug kurze Röcke,wie sie Mode waren, und enge T-Shirts mit riesigen stilisierten Blumen imPril-Stil drauf, aber ich wirkte nicht mädchenhaft. Ich war hoch aufgeschossen,schmal und drahtig. Mein Körper war immer in Bewegung; ich kickte Steine vormir her, balancierte über den Bordstein, nahm zwei Treppenstufen auf einmal,mindestens. Dann kam Emmi heraus, kleiner als ich, mit blonden Locken um das herzförmigeGesicht, in einem flirrenden Kleidchen und bunten Sandalen. Sie trippelte nebenmir her, während ich große Schritte machte, sie hielt meistens den Mund,während ich meine Reden schwang. Wir sollten den Dernbach umleiten, einen Stammquer legen direkt vor der Weide unter der Ziegelei. Das wäre ein Ding. Wirkönnten so vielleicht den Bunker fluten. Dann müssten sie ihn endlichaufsperren, das wollten wir doch mal sehen. „Willst du denn nicht wissen, Emmi,was da drin ist?“ „Doch“, sagte Emmi. Und ich redete weiter und weiter. Ich warimmer voller Pläne, die meisten undurchführbar, ganz offensichtlich, aber Emmisagte: „Ja.“ und „Doch.“ oder „Schon.“ Mit Emmi an meiner Seite fühlte ich michstärker und zuversichtlicher. Alles, was mir durch den Kopf schoss, die wirrenGedanken, Träume, Pläne, die sich in der Nacht, beim Frühstück und beimZähneputzen aufgestaut hatten, purzelten heraus. Indem ich sie Emmi vortrug, die etwaskurzatmig neben mir her rannte, verpufften sie wie die lustigen Fehlstarts derEnte von Emmis Mutter, ohne viel Dreck oder Ärger zu hinterlassen und machtenPlatz für neue.
Björnhörte mir aufmerksam zu. Ich weiß nicht, ob er sich uns beide, Emmi und michvorstellen konnte Mitte der 70er Jahre, wie wir als unzertrennnliche allerbesteFreundinnen (wie jedes Mädcheneine braucht und hat sie keine, ist sie verloren) jeden Morgen gemeinsam zur Schule gingen, ein Pult teilten,nach Schulschluss die Abkürzung über den Friedhof hinter der Kirche nahmen, wieich auf der riesigen Grabplatte der Bodenstegfamilie posierte, während Emmi ander Hecke stand, mich beobachtete und aufpasste, dass mich keiner erwischte.
Gelegentlichmachte ich eine Pause in meinem Redefluss und nippte an dem Riesling, den Björn ausgesucht hatte. „Dann warsie schon damals so?“, fragte er schließlich. „Was meinst du?“ „So formbar?“Ich dachte darüber nach. „Sie kam mir biegsam vor, wie Bambus, biegsam undstark.“ „Aber sie richtete sich ganz nach dir.“ So wie ich es erzählt hatte,wirkte es so. War es wirklich so gewesen?
Ichwar gern bei Emmi drüben. Es war so anders als mein Elternhaus: dieBücherwände, das Klavier, die unordentlich über das Sofa geworfenenKleidungsstücke, wie Emmis Vater ihre Mutter vor unseren Augen küsste „mitZunge“, wie ich meinem staunenden Bruder erzählte. Emmis Mutter, die sich alsKünstlerin verstand, war oft monatelang abwesend, malte in dem Haus in derProvence, das sie sich gekauft hatte. Emmis Vater trug weiche Anzüge und Hemdenmit Stegkragen, wenn er aus dem Haus ging. Was an meinem Vater steif undverkleidet wirkte, strahlte bei ihm Selbstbewusstsein und Eleganz aus. Nie sahich ihn in einem gerippten Unterhemd im Garten arbeiten, was mein Vater nichtlassen konnte, obwohl meine Mutter und ich uns für ihn schämten. Ich fühltemich stark in dieser Freundschaft, weil Emmi zart war und freundlich, wo ichaufbrausend und halsstarrig wurde, weil Emmi keine Einwände machte gegen meineausufernden Phantasien und unrealisierbaren Pläne, weil Emmi so schön war undich so herb. Trotzdem spürte ich schon damals, dass meine Kraft nichtausgleichen konnte, was sie hatte: Dieses Elternhaus mit Büchern und Musik undFreizügigkeit, so unordentlich und eigentümlich, ein Reich für Entdeckungen undZweifel, wo bei mir daheim Ordnung und Antworten waren. Darum beneidete ichsie, daran wollte ich teilhaben, so stellte ich mir vor, dass man „etwas aussich machen könnte“.
Björnaber, war mein Eindruck an diesem Abend in Berlin, konnte nicht nachvollziehen, was ich ihm zu erzählenversuchte. Emmis Vater hatte er nie kennengelernt. Emmi hatte ihm auch so gutwie nichts über den erzählt. Emmis Mutter fand Björn nervig, ihrefehlgeschlagenen Versuche, sich als Künstlerin zu etablieren, die inSparkassen-Foyer-Ausstellungen gemündet waren, schienen ihm lächerlich. Was füreine Sensation Emmis Eltern und ihre Lebensweise in den 70er Jahren in einerKleinstadt wie D. gewesen waren, konnte er sich nicht vorstellen. Björns Vaterwar Anwalt gewesen, wie Emmis Vater es gewesen war, und wie es dann auch Emmi wurdeund Björn selbst einer war. Für Björn waren Emmis Eltern ein typisches bürgerlichesPaar jener Jahre: linksliberal und in vertretbaren Grenzen – kreativ, künstlerisch, sozial,sexuell – auf einem ein wenig exaltierten Trip. Aus seiner Sicht entsprachensie einem Klischee und einer Realität, die er zu gut kannte, um sie interessantzu finden. Für mich dagegen war der Einzug von Emmis Familie in dasgegenüberliegende Haus einer Offenbarung gleichgekommen. Schon das Sammelsuriuman Möbeln, chaotisch gepackten Bücherkisten, Decken und in Kartons gestopftenKleidern, die aus dem Umzugswagen auf den Bordstein gehievt wurden, wirkte wieein Einbruch aus einer anderen Welt in unsere geordneteKleinbürger-Kleinstadtidylle. Emmis Mutter kochte nicht und ließ den Gartenverwildern, sie konnte sich keine Namen und keine Verwandtschaftsverhältnissemerken und war also gegen den Tratsch immun. Sie hörte nicht zu, wenn über die„Blocks“ geklagt wurde, wo die Türken, Italiener und Jugoslawen wohnten,sondern summte „ Wenn du denkst du denkst dann denkst du nur du denkst“ und die Frauen begriffen es als das was eswar, eine Beleidigung. Dafür bewunderte ich sie.
MeineMutter war eifersüchtig, nicht auf das Leben dieser anderen Mutter, sonderndarauf, dass ihre eigene Tochter die „Rabenmutter“ anhimmelte und auf dieseWeise ihre Anstrengungen entwertete. Aber sie sah auch klarer als ich, was mitEmmi los war. „Das Kind ist ganz auf sich gestellt.“, sagte sie. Emmi war zuHause fast immer allein. Wenn die Mutter weg war, richtete sie ihrem Vater dasAbendessen. Ihre Mutter traute ihr alles zu. Dass das eine Zumutung war undkeine Freiheit, begriff ich damals nicht. Emmi beklagte sich nie darüber, dassihre Mutter sie wochenlang mit dem Vater allein ließ. Eine Zugehfrau kam undputzte, kochte auch gelegentlich ein Mittagessen für sie. Wenn die Mutter dawar, drückte sie Emmi an sich, bat sie um Rat bei der Auswahl des Lippenstiftsoder ihrer Schuhe. Das hätte ich mir auch gewünscht, damals, eine Mutter, dieeine Freundin sein will und niemals ermahnt und sich sorgt. Während ich immerdarauf drängte, in Emmis Elternhaus herumzuhängen, die Plattensammlung durchzugehen,an den Bücherwänden entlang zu spazieren oder Emmi beim Klavierspielenzuzuhören, wollte Emmi gerne bei mir sein, wo meine Mutter an die Zimmertür klopfteund mit Fragen nervte, ob wir was zu trinken oder zu essen haben wollten, obwir noch raus gehen würden oder drinnen bleiben und uns einfach nie in Ruhelassen konnte. Mir war es peinlich, wie meine Mutter Emmi aushorchte: Wie langihre Mutter weg sei und wie sie zurecht kam allein mit dem Vater. Ich dachte:Das geht sie doch gar nichts an. In meinen Ohren hörten sich Mutters Fragen wieVorwürfe an und ich hielt das für spießig. Aber Emmi sagte: „Deine Mutter istnett.“ Meistens waren wir bei uns daheim an den Nachmittagen, wenn wir nichtdraußen waren, wo ich Fußball spielte oder Hockey und Emmi zusah und meineMannschaft anfeuerte.
Ichkonnte es Björn nicht richtig erklären. Emmi sprach nicht viel und hörte sichalles an, aber am Ende machten wir nichts von dem Quatsch, den ich vorschlug.sondern saßen in meinem Kinderzimmer oder bei meiner Mutter im Esszimmer. Emmiwar mir um Jahre voraus. Sie ließ sich zwar von mir einiges erzählen, sich aberin nichts reinreiten. Es schien, als hielte ich die Zügel in der Hand unddamals war ich auch fest davon überzeugt. Wenn ich jetzt zurückschaue, sehe ichetwas anderes. Ich sehe einen Wirrkopf, mich, der von einer überlegenen Handgeführt wird, an so einem langen Gängelband, dass er sich weiter einbildenkann, frei zu sein. Vielleicht aber ist das auch die Projektion, die ich jetztüber diese Erinnerungen werfe, jetzt, nachdem ich mich von Emmi verraten fühle.Sehr wahrscheinlich ist das so, ich sortiere um, damit es wieder passt, meinBild von Emmi und mein Bild von mir, damit die Gleichung wieder aufgeht, wiewir wurden, was wir sind: Emmi, die Betrügerin und ich die Betrogene.
Wirfluteten den Bunker nie. Wir stiegen auch nicht, wie ich ein andermal plante,über eine Luke im Dach in ihn ein. Nachts aber lag ich wach und stellte mirvor, wie wir die Leiter hinunterkletterten in den dunklen Schacht, uns auf denrauen Boden fallen ließen (natürlich stützte ich Emmi ab) und dann durch dieGänge krochen, die Taschenlampen zwischen den Zähnen. So arbeiteten wir unsvorwärts vorbei an geplatzten Rohren und schimmeligen Wänden, einem Lichtentgegen, das von Weitem lockte. Immer schlief ich ein, bevor wir eserreichten. Emmis aufgerissene Augen, wenn sie mir zuhörte, weckten meineAbenteuerlust, ihre Aufmerksamkeit ließ mich zur Hochform auflaufen, aber siehielt mich auch davon ab, Risiken einzugehen. Einige Wochen nach meinemvierzehnten Geburtstag aber im Sommer 1979, als Emmi mit ihren Eltern in derProvence war, gelang es mir mit einem Jungen aus unserer Klasse das Schlosseines Seiteneingangs zum Bunker zu knacken. Es war nichts drin, was die Mühegelohnt hätte, aber ich ließ mich im Dunkeln dort, mit der Taschenlampe imHosenbund und den Füßen im Brackwasser zum ersten Mal „richtig“ küssen.
DasLetzte erzählte ich Björn an jenem Abend in Berlin nicht. Er wirkteunzufrieden; was ich ihm gesagt hatte, erklärte nichts. Ich wusste, dass wiruns nicht wiedersehen würden. Ich hatte ihn ebenso sehr enttäuscht wie er mich.Emmi hatte ihm gepasst und sich passend gemacht, das war genug für ihn gewesen.Ihr unerklärlicher Abgang hatte ihn verwirrt und bedrückt. Er wollte einenGrund erkennen, eine pathologische Störung, die ihn entlastete und die Sacheabschloss. Das hatte ich nicht liefern können. Stattdessen fühlte ich mich nachdieser einseitigen Unterhaltung entleert und böse, ein weiteres Mal böse aufEmmi, die sich mit so einem abgegeben hatte.
Erstals er schon bezahlt hatte, fiel mir ein, was ich ihn eigentlich hatte fragenwollen. Ich zog den Flyer der Galerie heraus, in der Lars ausgestellt hatte.„Kennst du die?“ Björn nahm ihn in die Hand. „Das ist in Mitte? Nein, bin ichnie gewesen. Kann mich jedenfalls nicht dran erinnnern. Vor Jahren haben wirmal einen Galerienrundgang als Kundenevent gemacht, kann sein, dass die dabeiwar.“ „Es geht mir um die Ausstellung ´Godfather´ im Sommer 2010. DieVernissage war am“, ich schaute in mein Notizheft, „9. Juli.“ Björn hatte vondieser Ausstellung nie gehört. Er verstand auch nicht, was meine Fragen mitEmmi zu tun hatten und ich wollte ihn nicht aufklären. Die Krise zwischen denbeiden hatte schon vorher begonnen, aber endgültig gebrochen hatte sietatsächlich Mitte Juli, wenn Björn sich recht erinnerte. „Ich kann dasüberprüfen“, sagte er, „ sie sagte es mir, direkt nachdem ich von einerGeschäftsreise aus Warschau zurückkam.“ Er tippte mit dem Plastikstift aufseinem Blackberry herum. „Ja, das war ein Donnerstag. Der 15. Juli.“ Wirstanden auf. Björn half mir in den Mantel. „Wie man es auch sieht“, sagte er. „Ichbin sie los.“ Wir verabschiedeten uns an der U-Bahn-Station.
Seineletzten Worte hallten nach. Das hatte ich auch gedacht, als Emmi in die Ferienfuhr im Sommer 1979, bevor ich in den Bunker stieg: „Jetzt bin ich sie mal los.“Beides war in diesem Satz: Verlust und Befreiung. Diesmal aber, das spürte ich,würde ich sie nicht loswerden. Nie mehr. [Link/Kommentar]
litblogs.net » Wochenspiegel » Kurztitel & Kontexte bis 2012-03-18
18.03.2012, 8:34 … Lesen ▼
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Die Dschungel. Anderswelt. (Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop) » Das Konzert- und Opernjournal des … http://t.co/3pVyz6IS Mar 11, 2012
[Link/Kommentar]
isla volante » windportrait 1
18.03.2012, 8:15 … Lesen ▼

eine kleine dienstleistung an die inselbewohnerinnen und seereisenden.
da es auf der insel ständig windet, wollen wir ihnen in der nächsten zeit, immer wieder menschen vorstellen, wie sie mit und ohne wind zu erkennen sind.
als ersten tapa bonete, der eigentlich immer mit mütze unterwegs ist um sich vor dem regen und der sonne zu schützen.
in|ad|ae|qu|at » Salon Littéraire | Brigitta Falkner : collection #03
18.03.2012, 7:49 … Lesen ▼
Literatur @ in|ad|ae|qu|at : Der SALON LITTÉRAIRE als www- Galerie für Bild und Text
Salon Littéraire : Literatur als Video | Brigitta Falkner :
collection #03¹
collection #03 (06:00) from brigitta falkner on Vimeo.
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¹ - errötendes mädchen | anagramm | strange loops | palindrome #03
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Brigitta Falkner ( Bio – Bibliographie )
Bisher auf in|ad|ae|qu|at :
video als literatur : Prinzip i ( 1 – 3 ) video als literatur : Populäre Panoramen shortcut version ( 03:44 ) APHATISCHER MUSE REDE - Laudatio auf Brigitta Falkner anlässlich der Verleihung des österreichischen Förderungspreises für Literatur 2007 ( 11. 4. 2008 , Benedikt Ledebur ) video als literatur : collection #01 + collection #02
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