litblogs.net aktuell http://www.litblogs.net/?bdprssfeed=1 BDP RSS Aggregator version 0.6.1 Die Dschungel. Anderswelt. (Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop) : III, 283 - Röcke http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/iii-283-roecke/ http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/iii-283-roecke/ Die sich übereinander stülpenden Röcke, weit ausladend. Nicht einladend, die Blöße findet im Kopf statt oder vor Äskulap. Der aber heischt Hände für tägliche Abreibungen da, wo manchmal das Gefühl herrscht, Dinge hinter einem wahrzunehmen, die man nicht sieht, sondern nur spürt, aber eben nicht auf der Haut, wie etwa Hände einer anderen Person. Und alles so gar nicht wie hinter bzw. sieben Röcken bzw. Bergen, d.h. in unbestimmter und nur ins Blaue hineingedachter Ferne und meinetwegen auch aus ihm herausgedacht mit Unter-Dach-Und-Fach-Funktion (unwillkürlich fiel mir heute der einstige Spruch wieder ein: “Das kannst du halten wie ein Dachdecker.” (Und so bekommt auch das seinen Rock bzw. Dachstuhl, als wär’ er bzw. er Hose wie Jacke)).
Vor wem aber die Röcke heben? Und heranlassen an die dunklen Inseln auf einem eingeschränkten hellen Meer. Es gibt Tage, da läßt sich auf ihnen wohnen. Sogar Nächte. Die halbe Welt käme in Frage: von der Elfenbeinküste bis Usbekistan.
War auch schon drauf und dran, meine Röcke beim Lumpensammler Hippokrates zu verpfänden, weil die Abreibung dessen formeller Verschreibung bedurfte, aber vor dem ebenerdigen und gut einsehbaren Wartezimmer angekommen, nahmen die Röcke gleich wieder Reißaus und gingen sich weiden am Gras, das über die Dinge wächst. Bis dann der Mai dem abhanden gekommenen April ein “apriti!” wie der Aperitif den Magen speisewilliger, den Rücken handsamer und den Röcken doch noch den Garaus macht. May it happen. Happen it must. Maybe.
Auf der Rückfahrt durch die Gassen erwischte ich dort, wo die Landschaft sich öffnet, Ibrahim, der prompt zustieg, um Schritte zu sparen. Ich staunte, nachdem ich ihn gebeten hatte, mir beim Schleppen der auch noch besorgten Gasflasche zu helfen (die Wettervorhersage will noch nichts von Temperaturen wissen, die ohne alles Heizen erträglich wären), daß er sie sich mir nichts dir nichts auf den Nacken lud. Wo ich sonst zu einem schief gebauten Skelett werde, meist rechtslastig der Erde zugeneigt.

eine links-herum-rührung
oder
eine rechts-herum-rührung
ändert nichts daran
daß es sich
um ein rührstück handelt
in das hinein sätze
verrührt werden
die eher nach
pantomimik heischen
denn nach wieder-worten


Von >>>>hier

III,282 <<<<
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Fri, 28 Apr 2017 17:16:00 +0000
Die Dschungel. Anderswelt. (Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop) : Zweites Sterbgedichtchen. (Entwurf). http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/zweites-stergedichtchen-entwurf/ http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/zweites-stergedichtchen-entwurf/ Wir sterben alle
sterben
sterben

und wir werben
länger nicht
wenn uns der herbe Duft

des kalten Frühlings ruft
durch Luft und Licht
zum letzten Trank

in die schon nahe Erde
Kommt!
Es ist mein Dank zu erben

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Fri, 28 Apr 2017 06:16:00 +0000
taberna kritika - kleine formen : Am Ende der Unendlichkeit http://www.abendschein.ch/am-ende-der-unendlichkeit/ http://www.abendschein.ch/am-ende-der-unendlichkeit/

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Fri, 28 Apr 2017 05:26:21 +0000
Glumm : Fußgängerzone 1989 https://glumm.wordpress.com/2017/04/27/fussgaengerzone-1989/ https://glumm.wordpress.com/2017/04/27/fussgaengerzone-1989/ Die ersten Male Heroin sind die Rückkehr in den Mutterleib. Man wird mit Glockenspiel und Tschingedarassabum geködert, einer Trommel, die tief im Leib wummert. Die Hitze kriecht dir das Rückenmark hinauf und umfängt dich mit einem Gefühl von Tiefsee, von ewiger Placenta.

Man taucht ein.

Heroin ist eine dieser Geschichten, wo du ziemlich genau weißt, wie es endet, wenn du damit anfängst, und du tust es trotzdem. Du gibst dich der Sucht hin, mit diesem höhnischen Gefühl, ihr könnt mich alle mal, ich geh jetzt zu meiner Geliebten, da könnt ihr tausend Mal sagen, sie tut mir nicht gut. Die führt dich in den Ruin. Die zieht dich ab, das ist ne linke Tante. Zehntausend Mal.

Das Blut, ausstaffiert mit frischem Stoff, rauscht lauter.

Und dass Heroin unecht ist, dass Heroin nur gestohlener Mut ist, das geht einem erst später auf.

*

Ich hielt mich immer für was besonderes. Bis ich anfing, Heroin zu nehmen und süchtig wurde. Die Droge zeigt einem, wie gewöhnlich man ist.

*

Es begann mit einem Telefonanruf. Die meisten Dinge beginnen mit einem Telefonanruf. Ein Telefonanruf ist so lapidar, dass man gar nicht auf die Idee kommt, damit würde eine neue Ära eingeläutet. Und dann nimmt das Gespräch an und die Sache geht ihren Weg. Ich bin seither extrem vorsichtig geworden mit der Entgegennahme von Telefonaten. Wenn auf dem Display eine Nummer erscheint, die ich nicht kenne, lasse ich erstmal die Mailbox ihrer Arbeit nachgehen. Schon klar, nach dieser Devise handeln heutzutage viele Leute, doch die Gräfin und ich waren Vorreiter, wir schmetterten schon Anrufe ab, als es noch gar kein Display gab, die eine unbekannte Nummer hätte anzeigen können.

Der Anruf im Sommer 1989 kam vom schönen Dirk. Mit seiner energischen Kinnpartie und der germanischen Haarpracht wirkte er wie eine Palastwache. Oder zum Höfling emporgestiegen. Er ist längst tot. Er starb in den frühen Neunzigern an einem Hirnschlag, ohne dass irgendwer davon etwas mitgekriegt hätte. Zwar war mir aufgefallen, dass die Schlagläden seiner Etagenwohnung jedes Mal geschlossen waren, wenn wir am Vogelsang entlang fuhren, doch ich unternahm nichts, ich war nicht um Aufklärung bemüht, ich wunderte mich nur. Vielleicht war er ja in Urlaub. Oder er war bei Mannesmann neuerdings im Nachtdienst und legte sich tagsüber aufs Ohr. Vielleicht war es auch einfach Zufall, dass die Schlagläden ausgerechnet immer dann geschlossen waren, wenn wir am Vogelsang entlang fuhren.

Ich weiß noch, dass ich irgendwann zu Karlos sagte, Mensch, der schöne Dirk hat aber einen gesegneten Schlaf, bei dem sind immer die Schlagläden zu, und wie entgeistert Karlos mich anguckte, so viel kann man doch gar nicht pennen. Erst als seine Schwester die Polizei informierte, weil sie seit Wochen nichts von ihrem Bruder gehört hatte, brach man die Wohnung auf und fand seinen Leichnam, noch halb im Bett sitzend, das Gesicht von Maden untertunnelt. Andere Reste seines Körpers mussten von Spezialkräften mit dem Löffel vom Bettlaken gekratzt werden, so erzählte man es sich, bevor der schöne Dirk im Zinksarg seine letzte Ruhe fand.

*

Er rief damals bei uns zu Hause an, weil er gutes Material auf der Tasche hatte und was verticken wollte. Karlos war nicht da. Ich fühlte mich persönlich angesprochen.

„Das ist ein Bombenmaterial, das zieht dir die Schuhe aus.“

Dirk war ein komischer Kauz. Machte gern auf dicke Hose, besonders wenn er auf Koks oder Ampf war, dabei war er im Grunde ein lieber Kerl, er hatte ein gutes Herz. Einmal traf ich ihn abends an der Bar. Er erzählte, dass er von seiner Großmutter kam, die ihn über alles liebte und 20 Mark geschenkt hatte, mit dem Hinweis: „Mit dir gibt das sowieso nix mehr, mein Junge.“

Wie wir da gelacht haben.

Viele Morphinisten sind im Grunde genommen nichts anderes als herzensgute Süchtige mit einem Batzen unerledigter Kindheit am Arsch. Und man muss ja nicht unbedingt jeden Tag die Fresse voll kriegen, um es nicht verarbeiten zu können, es reicht schon, dabei zu sein, wie jemand die Fresse voll kriegt, jemand, den man mag. Vielleicht die Mutter.

Mehr als einmal hab ich solche Geschichten gehört, wenn man unter Süchtigen zusammensitzt und konsumiert und einer beginnt zu erzählen, wie sein Vater früher die Mutter geschlagen hat, bis zu dem Punkt, wo man als Junge alt genug war, um dazwischen zu gehen und sich den Vater vorzuknöpfen: Wenn du Mutter noch ein einziges Mal anrührst, breche ich dir das Genick. Womit die Geschichte in der Regel nicht beendet ist. In der Regel bricht ein gewalttätiger Vater seine Gewalttaten nicht abrupt ab, nur weil sein Jüngster plötzlich Muskeln kriegt. Die Sache ist komplizierter, nebenan in der Wirklichkeit. Sie neigt dazu, eine Kopfnuss ins Spiel zu bringen. Einen zweiten Bruder. Ein Frauenhaus.

Wir hatten uns für den Nachmittag in einem Wirtshaus in der Nordstadt verabredet. Für vier Uhr.

„Was kann ich denn schönes für dich tun? Wieviel kann ich dir denn mitbringen?“ hatte der schöne Dirk noch gefragt, in diesem gespielt geschäftsmäßigen Ton, als ginge es um Keramikschalen oder Rockerkutten. Irgendwas unverfängliches, falls die Bullen sein Telefon abhörten.

„Na, einen Fuffie“, antwortete ich. Was sonst. Ein Fuffie war die übliche Einheit und eigentlich zu viel für mich. Ich war ja nicht drauf. Ich genehmigte mir zwei, drei Mal im Jahr ein Pack, damit war es dann auch ausgestanden. Nicht, dass Heroin mir nichts gegeben hätte, doch ich wäre nicht auf die Idee gekommen, dem Zeug nachzulaufen. Dafür war es mir zu stark. Es stellte alles auf den Kopf, und ich musste dauernd kotzen.

Ich hörte Dirk leise stöhnen. Ich hatte wohl das Falsche gesagt. Ich war zu deutlich geworden. Aber wie bitteschön hätte ich „für 50 Mark“ umschreiben sollen?! Unverfänglich, für Bullenohren?

Auf dem Weg zum Date mit Dirk lief mir Kilian über den Weg, in der Fußgängerzone zwischen Woolworth und Kaufhalle.

„He“, sagte er.

„He“, sagte ich.

Kilian war ein Schreinergeselle mit wallendem Haar, von dem ich Anfang der 80er Jahre eine Weile Haschisch gekauft und den ich dann aus den Augen verloren hatte. Viele Leute, die ich kannte, arbeiteten als Schreiner oder Tischler. Kilian war ein bisschen undurchsichtig. Ein freundlicher Zeitgenosse, der viel lachte, ein Hippie, aber ohne große Attitüde. Er saß mit Freunden gern im Park und ließ Frisbeescheiben hin- und her flitzen. Jetzt aber, zwischen Woolworth und Kaufhalle, im Frühjahr 1989, Monate vorm Mauerfall, war da etwas in seinem Blick, das war anders als früher. Er taxierte mich regelrecht. Er hatte etwas auf der Seele. Dann rückte er damit raus.

„Du ziehst doch auch schon einmal Näschen..“, begann er zögerlich, und erst, als ich nickte, fuhr er fort. „Ich kann morgen was klarmachen. Wenn du Lust hast, meine ich.. kannst du dich morgen Abend bei mir melden.. Oder die Tage.“

Ich war ein bisschen baff, dass selbst ein alter Kiffer wie Kilian jetzt mit Schore zu tun hatte, aber es lag einfach in der Luft. Überall um mich herum begannen Leute auf harte Drogen umzusteigen, darunter auch einige, die bislang strikt die Finger davon gelassen hatten. Heroin, Kokain und Amphetamine schwappten in gewaltigen Wellen durch die Straßen, und ehe man sich versah, stand man selbst bis zum Hals im Gift.

„Mal sehen“, sagte ich. „Warum nicht.“

Dass ich gerade auf dem Weg war, einen Fuffie kaufen, erwähnte ich nicht.

Der ersten Welle harter Drogen, die Anfang der 80er über die Stadt zusammengeschlagen war und Pepe und andere Bekannte mitgespült und getötet hatte, hatte ich noch ausweichen können. Diesmal fehlte mir die Kraft. Mehr noch: ich war bereit.

Dirk wartete schon auf mich. Er hockte am Tresen, mit winzigen diamantharten Pupillen, und nuckelte am Bier. Ich bestellte ein großes Kölsch. Im gleichen Moment wollte ich die Bestellung rückgängig machen. Ich kotz doch sowieso gleich alles wieder aus, sobald ich ein Näschen gezogen hab, dachte ich, beliess es aber bei der Bestellung.

„Alter, hast du gestern das Spiel gesehen?“ machte Dirk auf jovial, ich hatte keine Lust auf Gequatsche. Ich wollte das Pack kaufen, das Bier austrinken, dann nichts wie nach Hause. Doch Dirk meinte, mir noch unbedingt einen Bären aufbinden zu müssen. Angeblich hatte er am Wochenende eine Alte mit riesigen Möpsen klargemacht. Erst hielt ich es für eins seiner typischen Märchen, doch dann kam er zu der Stelle, wo er unten lag und die Möpse über ihm waren wie Sturmgeläut, „Alter, ich wusste nicht, wo ich zuerst hinpacken sollte, wie beim Jonglieren, ich schwöre!“

Er demonstrierte seine Verzweiflung, indem er einen Stapel Bierdeckel vom Tresen griff und damit wild hantierte, bis einer nach dem anderen zu Boden ging. „Alter!“ Wir tranken das Bier aus und trennten uns draußen vor dem Wirtshaus.

„Wenn nochmal was ist, ruf an“, sagte er.


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Fri, 28 Apr 2017 05:13:58 +0000
particles : 2 engel http://andreas-louis-seyerlein.de/air/engelgeschichte/ http://andreas-louis-seyerlein.de/air/engelgeschichte/ 9

sierra : 16.15 UTC – Ein Freund zeigte eine Mappe, die er stets mit sich nimmt, um zur Arbeit zu fahren. Schau, sagte er, bei diesem Fach hier handelt es sich um ein operatives Fach, in welchem sich vier weitere Fächer befinden, dort ruhen Schlüssel, Portemonnaie, Codekarten, Handytelefon. Das zweite größere Fach linkerhand birgt Abteile für meine Reisebücher für die Staßenbahn, 1 Kühlfach für Schokolade, 1 Fach, in welchem 2 fingerlange Engel hausen, das öffnen wir lieber nicht, und in diesem Fach hier nun befinden sich weitere sehr wesentliche Dinge, Blütensamen beispielsweise, 1 Streichholzschachtel, 1 Kompass und 1 Wanderkarte, 1 Kaffeethermoskanne, 1 Fotoapparat, 28 Beutel Trinkwasser des Jahres 1988, 16 Portionen Fertignahrung, 3 Kilogramm Trockenbrot, 36 Tabletten gegen Seekrankheit, 1 schwimmfähiges Messer, 5 Signalfackeln in rot, 2 Signalfackeln in gelb, 1 Signalflöte, 1 Schöpfgefäß, 1 Rettungswesten, 1 Wurfring mit Leine, 1 wasserdichte Taschenlampe, 14 Batterien, 1 Gasfeuerzeug, 5 Fettstifte, 1 Überlebenshandbuch in finnischer Sprache, 1 Funkschreibmaschine mit Handkurbel. – Seltsame Geschichte. – stop

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Thu, 27 Apr 2017 21:50:33 +0000
Glumm : Fußgängerzone 1989 https://glumm.wordpress.com/2017/04/20/fussgaengerzone-1989/ https://glumm.wordpress.com/2017/04/20/fussgaengerzone-1989/ Die ersten Male Heroin sind die Rückkehr in den Mutterleib. Man wird mit Tschingedarassabum und einer Trommel geködert, die tief im Leib wummert. Die Hitze kriecht dir das Rückenmark hinauf und umfängt dich mit einem Gefühl von Tiefsee, von ewiger Placenta.

Man taucht ein.

Heroin ist eine dieser Geschichten, wo du ziemlich genau weißt, wie es endet, wenn du damit anfängst, und du tust es trotzdem. Du gibst dich der Sucht hin, mit diesem höhnischen Gefühl, ihr könnt mich alle mal, ich geh jetzt zu meiner Geliebten, da könnt ihr tausend Mal sagen, sie tut mir nicht gut. Die führt dich in den Ruin. Die zieht dich ab, das ist ne linke Tante. Zehntausend Mal.

Das Blut, ausstaffiert mit frischem Stoff, rauscht lauter.

Und dass Heroin unecht ist, dass Heroin nur gestohlener Mut ist, das geht einem erst später auf.

*

Ich hielt mich immer für was besonderes. Bis ich anfing, Heroin zu nehmen und süchtig wurde. Die Droge zeigt einem, wie gewöhnlich man ist.

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Es begann mit einem Telefonanruf. Die meisten Dinge beginnen mit einem Telefonanruf. Ein Telefonanruf ist so lapidar, dass man gar nicht auf die Idee kommt, damit würde eine neue Ära eingeläutet. Und dann nimmt das Gespräch an und die Sache geht ihren Weg. Ich bin seither extrem vorsichtig geworden mit der Entgegennahme von Telefonaten. Wenn auf dem Display eine Nummer erscheint, die ich nicht kenne, lasse ich erstmal die Mailbox ihrer Arbeit nachgehen. Schon klar, nach dieser Devise handeln heutzutage viele Leute, doch die Gräfin und ich waren Vorreiter, wir schmetterten schon Anrufe ab, als es noch gar kein Display gab, die eine unbekannte Nummer hätte anzeigen können.

Der Anruf im Sommer 1989 kam vom schönen Dirk. Mit seiner energischen Kinnpartie und der germanischen Haarpracht wirkte er wie eine Palastwache. Oder zum Höfling emporgestiegen. Er ist längst tot. Er starb in den frühen Neunzigern an einem Hirnschlag, ohne dass irgendwer davon etwas mitgekriegt hätte. Zwar war mir aufgefallen, dass die Schlagläden seiner Etagenwohnung jedes Mal geschlossen waren, wenn wir am Vogelsang entlang fuhren, doch ich unternahm nichts, ich war nicht um Aufklärung bemüht, ich wunderte mich nur. Vielleicht war er ja in Urlaub. Oder er war bei Mannesmann neuerdings im Nachtdienst und legte sich tagsüber aufs Ohr. Vielleicht war es auch einfach Zufall, dass die Schlagläden ausgerechnet immer dann geschlossen waren, wenn wir am Vogelsang entlang fuhren.

Ich weiß noch, dass ich irgendwann zu Karlos sagte, Mensch, der schöne Dirk hat aber einen gesegneten Schlaf, bei dem sind immer die Schlagläden zu, und wie entgeistert Karlos mich anguckte, so viel kann man doch gar nicht pennen. Erst als seine Schwester die Polizei informierte, weil sie seit Wochen nichts von ihrem Bruder gehört hatte, brach man die Wohnung auf und fand seinen Leichnam, noch halb im Bett sitzend, das Gesicht von Maden untertunnelt. Andere Reste seines Körpers mussten von Spezialkräften mit dem Löffel vom Bettlaken gekratzt werden, so erzählte man es sich, bevor der schöne Dirk im Zinksarg seine letzte Ruhe fand.

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Er rief damals bei uns zu Hause an, weil er gutes Material auf der Tasche hatte und was verticken wollte. Karlos war nicht da. Ich fühlte mich persönlich angesprochen.

„Das ist ein Bombenmaterial, das zieht dir die Schuhe aus.“

Dirk war ein komischer Kauz. Machte gern auf dicke Hose, besonders wenn er auf Koks oder Ampf war, dabei war er im Grunde ein lieber Kerl, er hatte ein gutes Herz. Einmal traf ich ihn abends an der Bar. Er erzählte, dass er von seiner Großmutter kam, die ihn über alles liebte und 20 Mark geschenkt hatte, mit dem Hinweis: „Mit dir gibt das sowieso nix mehr, mein Junge.“

Wie wir da gelacht haben.

Viele Morphinisten sind im Grunde genommen nichts anderes als herzensgute Süchtige mit einem Batzen unerledigter Kindheit am Arsch. Und man muss ja nicht unbedingt jeden Tag die Fresse voll kriegen, um es nicht verarbeiten zu können, es reicht schon, dabei zu sein, wie jemand die Fresse voll kriegt, jemand, den man mag. Vielleicht die Mutter.

Mehr als einmal hab ich solche Geschichten gehört, wenn man unter Süchtigen zusammensitzt und konsumiert und einer beginnt zu erzählen, wie sein Vater früher die Mutter geschlagen hat, bis zu dem Punkt, wo man als Junge alt genug war, um dazwischen zu gehen und sich den Vater vorzuknöpfen: Wenn du Mutter noch ein einziges Mal anrührst, breche ich dir das Genick. Womit die Geschichte in der Regel nicht beendet ist. In der Regel bricht ein gewalttätiger Vater seine Gewalttaten nicht abrupt ab, nur weil sein Jüngster plötzlich Muskeln kriegt. Die Sache ist komplizierter, nebenan in der Wirklichkeit. Sie neigt dazu, eine Kopfnuss ins Spiel zu bringen. Einen zweiten Bruder. Ein Frauenhaus.

Wir hatten uns für den Nachmittag in einem Wirtshaus in der Nordstadt verabredet. Für vier Uhr.

„Was kann ich denn schönes für dich tun? Wieviel kann ich dir denn mitbringen?“ hatte der schöne Dirk noch gefragt, in diesem gespielt geschäftsmäßigen Ton, als ginge es um Keramikschalen oder Rockerkutten. Irgendwas unverfängliches, falls die Bullen sein Telefon abhörten.

„Na, einen Fuffie“, antwortete ich. Was sonst. Ein Fuffie war die übliche Einheit und eigentlich zu viel für mich. Ich war ja nicht drauf. Ich genehmigte mir zwei, drei Mal im Jahr ein Pack, damit war es dann auch ausgestanden. Nicht, dass Heroin mir nichts gegeben hätte, doch ich wäre nicht auf die Idee gekommen, dem Zeug nachzulaufen. Dafür war es mir zu stark. Es stellte alles auf den Kopf, und ich musste dauernd kotzen.

Ich hörte Dirk leise stöhnen. Ich hatte wohl das Falsche gesagt. Ich war zu deutlich geworden. Aber wie bitteschön hätte ich „für 50 Mark“ umschreiben sollen?! Unverfänglich, für Bullenohren?

Auf dem Weg zum Date mit Dirk lief mir Kilian über den Weg, in der Fußgängerzone zwischen Woolworth und Kaufhalle.

„He“, sagte er.

„He“, sagte ich.

Kilian war ein Schreinergeselle mit wallendem Haar, von dem ich Anfang der 80er Jahre eine Weile Haschisch gekauft und den ich dann aus den Augen verloren hatte. Viele Leute, die ich kannte, arbeiteten als Schreiner oder Tischler. Kilian war ein bisschen undurchsichtig. Ein freundlicher Zeitgenosse, der viel lachte, ein Hippie, aber ohne große Attitüde. Er saß mit Freunden gern im Park und ließ Frisbeescheiben hin- und her flitzen. Jetzt aber, zwischen Woolworth und Kaufhalle, im Frühjahr 1989, Monate vorm Mauerfall, war da etwas in seinem Blick, das war anders als früher. Er taxierte mich regelrecht. Er hatte etwas auf der Seele. Dann rückte er damit raus.

„Du ziehst doch auch schon einmal Näschen..“, begann er zögerlich, und erst, als ich nickte, fuhr er fort. „Ich kann morgen was klarmachen. Wenn du Lust hast, meine ich.. kannst du dich morgen Abend bei mir melden.. Oder die Tage.“

Ich war ein bisschen baff, dass selbst ein alter Kiffer wie Kilian jetzt mit Schore zu tun hatte, aber es lag einfach in der Luft. Überall um mich herum begannen Leute auf harte Drogen umzusteigen, darunter auch einige, die bislang strikt die Finger davon gelassen hatten. Heroin, Kokain und Amphetamine schwappten in gewaltigen Wellen durch die Straßen, und ehe man sich versah, stand man selbst bis zum Hals im Gift.

„Mal sehen“, sagte ich. „Warum nicht.“

Dass ich gerade auf dem Weg war, einen Fuffie kaufen, erwähnte ich nicht.

Der ersten Welle harter Drogen, die Anfang der 80er über die Stadt zusammengeschlagen war und Pepe und andere Bekannte mitgespült und getötet hatte, hatte ich noch ausweichen können. Diesmal fehlte mir die Kraft. Mehr noch: ich war bereit.

Dirk wartete schon auf mich. Er hockte am Tresen, mit winzigen diamantharten Pupillen, und nuckelte am Bier. Ich bestellte ein großes Kölsch. Im gleichen Moment wollte ich die Bestellung rückgängig machen. Ich kotz doch sowieso gleich alles wieder aus, sobald ich ein Näschen gezogen hab, dachte ich, beliess es aber bei der Bestellung.

„Alter, hast du gestern das Spiel gesehen?“ machte Dirk auf jovial, ich hatte keine Lust auf Gequatsche. Ich wollte das Pack kaufen, das Bier austrinken, dann nichts wie nach Hause. Doch Dirk meinte, mir noch unbedingt einen Bären aufbinden zu müssen. Angeblich hatte er am Wochenende eine Alte mit riesigen Möpsen klargemacht. Erst hielt ich es für eins seiner typischen Märchen, doch dann kam er zu der Stelle, wo er unten lag und die Möpse über ihm waren wie Sturmgeläut, „Alter, ich wusste nicht, wo ich zuerst hinpacken sollte, wie beim Jonglieren, ich schwöre!“

Er demonstrierte seine Verzweiflung, indem er einen Stapel Bierdeckel vom Tresen griff und damit wild hantierte, bis einer nach dem anderen zu Boden ging. „Alter!“ Wir tranken das Bier aus und trennten uns draußen vor dem Wirtshaus.

„Wenn nochmal was ist, ruf an“, sagte er.


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Thu, 27 Apr 2017 16:17:44 +0000
Tainted Talents (Ateliertagebuch.) : Spuren hinterlassen, 65 http://taintedtalents.twoday.net/stories/spuren-hinterlassen-65/ http://taintedtalents.twoday.net/stories/spuren-hinterlassen-65/

Auf der Suche nach Inspiration liegt der Griff ins Bücherregal nah. Doch hüten Sie sich vor den bissigen Exemplaren. ]]>
Thu, 27 Apr 2017 09:12:00 +0000
der goldene fisch : Gerald Koll : Das fünfzigste Jahr (196) http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12530 http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12530 27. April 2016, ein Dienstag

Schlechter als alle schlechten Plätze im Flugzeug sind die Sitze 31 E und 31 F. Diese Sitze lehnen steil gegen die Toilettenwand. Auf diesen Plätzen verbrachten D. und ich die zehn Flugstunden von Tokio nach Helsinki. Jede Minute hört man es hinter sich zischen. Jede Minute stiebt aus dem Türspalt Gestank, der klebt. Der eigene Sitz geht nicht zurück, der Sitz des Vorderpassagiers aber schon. Die Fluggesellschaft Finnair foltert seine Passagiere mit miserablen Speisen und tückischen Ohrsteckern: Der Pegel für Filme ist sehr niedrig eingestellt, der Pegel für Durchsagen sehr hoch, und wenn man sich nicht, sobald man während eines Films ein verdächtiges Rauschen hört, sofort die Stecker aus den Ohren reißt, zerreißt der dreiste Pilot mit seiner Durchsage das Trommelfell. Wie üblich, windet sich in nächster Nähe ein Kind im Dauerschreikrampf.

Ich würde gern darüber nachdenken, wie ein Aikido-Film aussehen müsste, der anders aussieht als die vielen Impressionen, Clips und Werbefilme, die die bezwingende Eleganz zelebrieren oder martialisch aufpeppen. Ich denke, er müsste aussehen wie eine Kalligrafie. Das Schöne an der Kalligrafie ist weniger die einmalige Schönheit als die Schönheit, die sich in fortwährender Wiederholung freisetzt, das Abschleifen, die Verflüssigung, das Ausarbeiten eines Schriftzugs. Aikido ist ähnlich: ein Bewegungsablauf, immer wieder, immer wieder neu, je nach Partner, nach Stimmung, nach Energiezufuhr, nach Alter, Wetter, Planetenkonstellation. Ein Film aus Wiederholungen. Ich denke, dass ich darüber nachdenken sollte, wenn es um mich herum nicht mehr dauernd zischt, stinkt, schreit und die Piloten endlich schweigen.

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Thu, 27 Apr 2017 08:18:03 +0000
taberna kritika - kleine formen : Elisabeth Wandeler-Deck: Versetzte Stücke. Erw. Fass. (etkcontext) http://www.abendschein.ch/elisabeth-wandeler-deck-versetzte-stuecke-etkcontext/ http://www.abendschein.ch/elisabeth-wandeler-deck-versetzte-stuecke-etkcontext/


Elisabeth Wandeler-Deck
Versetzte Stücke
Erweiterte Fassung

#10.17436/etk.c.038
#bild-text
#entkontextualisierung
#erweiterte fassung
#schnappsatz

URL: Download, PDF (Digitalisat, 1.2 MB, 34 S.)
DOI: 10.17436/etk.c.038
Zeitraum: 2017, Dokumentart: Volltext
Dokumenttyp: PDF
Archive/Kataloge: DNB / BORIS / e-Helvetica / SWISSBIB / BASE …

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Thu, 27 Apr 2017 06:38:11 +0000
particles : nachtfaltung http://andreas-louis-seyerlein.de/air/nachtfaltung/ http://andreas-louis-seyerlein.de/air/nachtfaltung/ 9

sierra : 20.22 UTC – Etwas Merkwürdiges hat sich ereignet. Ich will das schnell erzählen. Es ist nämlich so, dass ich einer Figur, die in einem Textgeschehen existiert, vor Monaten einmal, ich glaube im November bereits, einen Namen gegeben habe, welcher recht dunkel leuchtet, ein mächtiger, unheimlicher Name. Es handelt sich um die Zeichenfolge Mandrill. Immer wieder einmal erzählte ich in der langsamen Entwicklung des Textes von einem Mann dieses Namens. Als Mandrill gestern unvermittelt in einer Weise handelte, die ich nicht erwartet hatte, zart und einfühlsam, schmerzte der Name, als hätte ich meiner Figur Unrecht getan. Heute morgen war die wilde Verwerfung, die ich gestern noch spürte, wieder sehr schön gefaltet. Ich trat ans Fenster im ersten Licht der Sonne, der Himmel war voll Wasserdampfspuren, welche Nachtfernflüge an den Himmel zeichneten. Kein Mensch auf der Straße, aber zwei Eichhörnchen, die auf einem Briefkasten saßen. Das habe ich noch nie so gesehen, gestern noch hätte ich behauptet, Eichhörnchen würden niemals auf Briefkästen sitzen. Deniz Yücel weiterhin in Haft. – stop

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Wed, 26 Apr 2017 19:53:06 +0000
Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen! : „Ein Künstler ist nicht beschränkt. Ein Künstler ist grenzenlos.“ https://nwschlinkert.de/2017/04/26/ein-kuenstler-ist-nicht-beschraenkt-ein-kuenstler-ist-grenzenlos/ https://nwschlinkert.de/2017/04/26/ein-kuenstler-ist-nicht-beschraenkt-ein-kuenstler-ist-grenzenlos/ Die alarmierenden Meldungen, dass da draußen kaum ein anspruchsvolles Lesepublikum übrig sei und es zudem auch noch in naher Zukunft ganz aussterben werde, sind grad in Mode in den Zeitungen. Leider aber scheinen sie die Wahrheit zu beleuchten. (Ich merkte dazu bereits etwas an. =>) Die Hochzeiten der Oper aber oder die des Spielfilms sind schließlich auch einmal zuende gegangen, warum also nicht auch die der anspruchsvollen Literatur? Fragt man sich. Gute, neue Opern sind also die absolute Ausnahme, ebenso wie neue, gute Spielfilme. Wie aber mit dem oben angedeuteten Umstand der Verflachung der aktuellen, zeitgenössischen Literaturwelt umgehen als ein Schreibender, vor allem als einer, der die besagte Hochzeit der Literatur ohnehin in den generationen- und epocheübergreifenden Zeitraum von Ende des 18. Jahrhunderts bis 1989 ansiedelt? So wäre man, ist man ja ohnehin zu spät dran, allerdings aber auch noch nicht tot oder uralt … will sagen, anstatt rumzujammern oder sich dem Diktat der Verlage und deren Programmleitungshippstern zu unterwerfen, ist schreiben angesagt, erzählen, erfinden, Ingangsetzen von Sprache – ganz gleich, ob da draußen noch etwas oder jemand ist. Schließlich ist man frei zu tun, was man will. Freiheit bekommt man nicht gewährt, man nimmt sie sich. Und trägt die Konsequenzen. Peter Handke drückt dies ganz einfach aus: „Ein Künstler ist nicht beschränkt. Ein Künstler ist grenzenlos.“ So isses!


Zitat aus: Peter Handke im Gespräch mit Katja Gasser.

Gespräch zwischen Peter Handke und Katja Gasser in der österreichischen Botschaft in Paris.
ORF-Sendung ‚Das ganze Interview‘, ausgestrahlt am 03.03.2016.

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Wed, 26 Apr 2017 10:41:46 +0000
Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen! : Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman). Kapitel 12: Teufel und Heimsuchung https://nwschlinkert.de/2017/04/26/norbert-w-schlinkert-ankerlichten-oder-des-herrn-daubenfusses-rache-roman-kapitel-12-teufel-und-heimsuchung/ https://nwschlinkert.de/2017/04/26/norbert-w-schlinkert-ankerlichten-oder-des-herrn-daubenfusses-rache-roman-kapitel-12-teufel-und-heimsuchung/ Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel zwölf:

Teufel und Heimsuchung

Wenige Jahre später. Adam Bernd, ehemaliger Schüler des Elisabethgymnasiums zu Breslau, ist seit acht Tagen Richtung Westen unterwegs. Er dankt den Bauersleuten für die Mitnahme auf ihrem Wagen, mit dem sie aber nicht durch das Grimmaische Tor in die große Stadt Leipzig einfahren wollen. Am Peters-Tor kenne man die Torwächter und vor allem den Registrator, da gäbe es keine Fragen. Leipzig also! Im Dunst kann Adam die Pauliner Kirche und links neben ihr das große Fürstenhaus erkennen – wenn er sich nicht täuschte. In den Wochen vor seiner Abreise war ihm so einiges vorgeschwärmt worden, und sowohl der Herr Acoluth als auch der Herr Hanke besaßen eine stattliche Anzahl von Kupferstichen mit den verschiedensten Stadtansichten. Die Nicolauskirche mußte etwas rechts vom Tor zu finden sein, ganz vage schimmert im vormittäglichen Dunst ein Turm über der Stadt, während die Thomaskirche wohl rechts vom Schloß, ein dunkler Klumpen in weiter Ferne, ihren Platz hat, von hier aus aber eigentlich kaum zu erahnen war. Einige Wagen rumpelten an ihm vorbei, Bauern und Kaufleute. Adam setzte sich unter eine Eiche am Wegesrand, die schon in voller Blätterpracht stand, um noch eine Weile in sich zu gehen. Der Herr Acoluth wollte mir ja durchaus, überlegte er, Wittenberg ans Herz legen, und der Herr Hanke pries Jena als Ort für ein weltliches Studium, wenn es mir denn möglich sein würde. Nun also Leipzig, sagte er halblaut vor sich hin, wo ich wohlausgestattet Theologie studieren werde, so Gott will!

Man hatte ihm einige Briefe mitgegeben, auch einen versiegelten des Breslauer Stadtrates, die er an geeigneter Stelle vorweisen solle, doch zu viel sei davon nicht zu erwarten, hatte Acoluth gesagt. Vor allem aber halte Dein Mundwerk im Zaum, hatte er ihm noch geraten, das offene Wort ist nicht eben in Mode in Leipzig, vor allem nicht in theologischen Dingen, und auch Hanke bemerkte, daß er den Breslauer Möglichkeiten noch nachtrauern werde, so viel sei sicher. Was hier in Breslau Disputation ist, heißt dort bereits Gotteslästerung, so drückte er sich aus. Sei aber dennoch guten Mutes, sagte Hanke zum Abschied, und verliere Deine gute Breslauer Lebensart nicht. Besonders daran mußte Adam oft denken, daß er seine Art, über wichtige Fragen nachzusinnen und zu disputieren, nicht aufgeben wollte, dennoch aber all die schlechten Eigenschaften hinter sich lassen mußte, die er in den letzten Jahren angenommen hatte. Handelte es sich um eine Disputation, so war er ja immer die Ruhe selbst, ging es jedoch um Alltägliches, so war er nicht selten in wüste Streitereien geraten. Oft genug hatte er sich auch betrunken, um Geld Karten gespielt, war mit Freunden zu Tanzvergnügungen gegangen, ja, er hatte nichts ausgelassen, all dies zur Betrübnis der Mutter, die seit je her vehement gegen all diese Mitteldinge stritt. Kaum war seine Absicht in der Welt, nach Leipzig zu gehen, mußte er ihr versprechen, in der Fremde ein neuer Mensch zu werden. Und war ihre Sorge nicht berechtigt? Hatte sich nicht auch der Vater, dachte Adam jetzt wieder, unter dem hellen Blätterdach der Eiche sitzend und die Reisenden beobachtend, zu Tode gesoffen? Am Ende war der nur noch ein sabbernder Greis gewesen, ein Häuflein Elend, der seinen Schnaps brauchte und selbst in seinen hellsten Momenten nur immer die selben Geschichten zu erzählen hatte, seine Kinder kaum erkannte und sich tagtäglich ins Hemd schiß. Die Mutter kümmerte sich damals, als es so weit gekommen war, kaum noch um ihn, auch daran dachte Adam jetzt, denn die jüngste der Schwestern lag zu der Zeit oft krank zu Bett. Sie starb noch vor dem Vater, er erinnerte sich mit Schaudern, nachdem sie am Abend zuvor noch Pläne mit ihm und Johann geschmiedet hatte, wie es weitergehen solle nach dem Tod des Vaters, der sich bald einstellen müsse. Am Morgen lag sie dann tot in ihrem Winkel, niemand hatte etwas bemerkt, nicht einmal die Mutter, die neben ihr geschlafen hatte.

Adam atmete tief durch. Die Bilder jenes Morgens standen ihm deutlich vor Augen, er sah den Vater vor sich, der dem Anschein nach nur mitbekam, daß etwas nicht stimmte. Ob er überhaupt begriff, daß seine Tochter tot ist, konnte niemand sagen. Lange stand er steif und aufrecht wie ein Soldat an ihrem Lager und betrachtete sie, wie sie da lag, mit gefalteten Händen auf ihrem Strohsack, doch sein Blick war stumpf. Er sagte kein Wort. Alle standen um die Tote herum, so als hofften sie darauf, daß sie es sich noch einmal anders überlegen würde. Niemand weinte, niemand sprach. Am Ende muß wohl der Vater allein dort stehengeblieben sein, denn es war einiges zu veranlassen. Die Mutter und Adam gingen zu Herrn Acoluth, der ohne zu zögern seine Hilfe anbot, während Johann und Elisabeth die Nachbarschaft verständigten und beim Schreiner einen schlichten Sarg bestellten. Den Vater aber haben sie alle nicht mehr lebend wiedergesehen, er hat das Haus verlassen und muß wohl unbehelligt durch Breslau gelaufen sein, bis zur Oder. Ob er sich hineingestürzt hat oder gefallen ist, wußte niemand. Tage später brachte man ihn zurück, er war kaum zu erkennen. Die Stirn eingedrückt, die Nase fehlte fast ganz, er war aufgequollen und unförmig, doch es war der Leichnam des Vaters, ohne Zweifel, denn er trug all die Narben seines langen Lebens, vor allem die von Auspeitschungen, die er als Junge erlitten hatte. Die Mutter sah mit Abscheu auf den stinkenden Kadaver und bespuckte ihn. Man fürchtete auch um ihre Gesundheit.

Doch das alles war jetzt Vergangenheit! Adam atmete noch einmal tief durch und sprang auf die Beine. Dort also, sagte er dieses Mal laut und deutlich, in dieser Stadt will ich studieren und leben. Die Breslauer Jahre liegen nun hinter mir! Er wollte optimistisch in Leipzig eintreten, das da nun vor ihm lag – und hatte er, das dachte er oft, nicht allen Grund zum Optimismus, denn immerhin war es ihm im letzten Schuljahr, ein wenig zu seiner eigenen Überraschung, ja noch gelungen, bei einem Vortragswettbewerb ein Stipendium des Breslauer Rates zu ergattern, eines von nur zweien, die ausgelobt waren. Nun beginne, so hatte ihm ein Ratsherr bei der Feierlichkeit danach gesagt, seine Zukunft, die unter einem besonders guten Stern stünde, denn bisher habe noch jeder Stipendiat des Rates sein Glück gemacht! Also gut, sagte Adam jetzt und sah auf seine Stiefel hinunter, so als ob sie denn nicht endlich losmarschieren wollten, die letzten Schritte auch noch zu bewältigen. Aber die Gedanken an Vergangenes ließen ihn doch noch nicht los, das spürte er, es war, als müsse er sich alles Wichtige noch einmal vergegenwärtigen, bevor er auch nur einen Schritt tun konnte. Ein neuer Mensch werden, dachte er, sich an den Baumstamm lehnend, das sollte er – doch einfacher gesagt als getan! Die Mutter hatte ja noch am Tag seiner Abreise, er saß bereits in der Kutsche, die ihn zunächst bis nach Görlitz bringen sollte, eindringlich auf ihn eingeredet, er solle an Hebräer 12.1. denken, so sagte sie, dort finde sich die Warnung, daß die Sünden uns ankleben und träge machen für die Zukunft, wenn wir nicht vor Zeugen bekennen, den Kampf wider uns selbst anzunehmen. Er hatte der Mutter also noch einmal feierlich in die Hand versprechen müssen, fortan frömmer und heiliger zu leben, damit er nicht ende wie der Vater. Wie sie ihn angesehen hatte! Doch er war kein Kind mehr, er wußte um seine Schwächen, er kannte all die Anfechtungen, die vom Leib her den Kopf angreifen. Oder war es nicht eher der Kopf, der den Leib affizierte? Doch sei’s drum, mit allem nicht Gottgefälligen sollte es ein Ende haben, denn schließlich hatte er nicht wenig gelitten, seiner Sünden wegen. Ich werde, sagte er also, zur Stadt gewandt, so als sei eine letzte Bekräftigung notwendig, Theologie studieren und Prediger werden, denn immerhin habe ich neun Jahre das Gymnasium besucht, drei Jahre in Secundo, sechs in Primo ordine gesessen und am Ende noch ein Stipendium des Rates bekommen, so daß mir das Studieren wohl gelingen dürfte!

So schulterte er nun endlich seinen Ranzen und nahm die letzte halbe Meile seines Weges in Angriff. Direkt vor ihm zogen mehrere fremdländische Wagen langsam Richtung Stadt, und wenn ihn nicht alles täuschte, parlierte man auf ihnen französisch. Ein junges, rothaariges Frauenzimmer, rittlings auf allerlei Gerät sitzend, eigentlich noch ein Kind, wenn man genau hinsah, rief ihm etwas zu. Er hörte immer nur das Wort Apell und konnte sich keinen Reim darauf machen, obwohl er in den letzten Jahren Französisch gelernt hatte. Endlich aber begriff er, daß sie seinen Namen wissen wollte. Brav rief er Adam Bernd, sie aber warf ihm Kußmünder zu und sang eine Strophe aus einem französischen Lied, dessen sicher anstößigen Text er nicht verstand, doch mit jedem Refrain, aus dem sein Name herauszuhören war, öffnete sie ihre Schenkel ein wenig weiter. Als Adam knallrot war, diese Sprache versteht ein Jüngling von Anfang zwanzig nur allzu gut, hatte sie ein Einsehen und zog die Knie zusammen. Je m’appelle Monique, rief sie noch, bevor sie lachend unter der Plane verschwand. Ein Wanderer hinter ihm machte auf polnisch eine Bemerkung, die er wieder nicht begreifen konnte, doch der Mann lachte noch lange über seinen eigenen Witz.

So zog Adam Bernd also am Freitag vor Jubilate 1699, knapp drei Wochen nach dem Osterfest, noch immer mit hochrotem Kopf, am Wagen der Franzosen vorbeischreitend, die, von den Torwächtern befragt, eifrig einige Schriftstücke vorwiesen, durch das Grimmaische Tor in Leipzig ein. Er blieb vollkommen unbeachtet, auch wenn er noch eine Weile glühte wie eine italienische Tomate. Zunächst mußte er sich nun eine Unterkunft suchen, noch bevor er sich zu den Collegia anmelden wollte. Ob es ein Haus der Breslauer Studenten gäbe, wußte er nicht, er hatte nicht daran gedacht, sich danach zu erkundigen. So irrt er erst einmal durch die Gassen und Straßen. Er weiß nicht recht, ob Leipzig oder Breslau den prächtigeren Marktplatz hat, doch das mußte ihm gleich sein, denn die Stadt besichtigen konnte er auch noch, wenn er ein Lager für die Nacht sicher hätte. In einem überfüllten Gasthaus, durch dessen Fenster kaum Licht ins Innere dringt, faßt er sich schließlich ein Herz und fragt den Nächstbesten, einen etwas schäbig wirkenden jungen Mann, ob er ihm eine Unterkunft vermitteln könne. Ein Logis sucht der Herr, nun, wenns weiter nichts ist, sagte dieser lachend, für eine Stunde läßt sich was machen, in netter Gesellschaft, versteht sich, da kann ich Euch behilflich sein. Sonst seid Ihr hier falsch. Auch in den anderen Wirts- und Gasthäusern hatte er kein Glück, selbst teure Unterkünfte waren, wohl wegen einer Messe, nicht zu bekommen, so daß er bei einbrechender Dunkelheit noch immer nicht wußte, wohin.

Ein Student in Kniebundhosen, weitem Rock mit Stulpenärmeln und einem reichlich verbeulten Hut, nicht mehr ganz nüchtern, konnte ihm schließlich und endlich weiterhelfen. Er war Breslauer wie Adam, wenn auch um einige Jahre älter. Er nahm ihn mit ins Peters-Viertel und zeigte ihm einen Hof, wo gleich mehrere ihrer Landsleute logierten, soweit er wisse, da finde er sicher einen Platz. Dann verschwand er einfach grußlos und ein wenig torkelnd. Ein kleiner alter Mann mit riesigen Ohren am kahlen Schädel, der im Licht einer trüben Ampel eben dabei war den Hof zu kehren, schickte ihn auf eine Stube unter dem Dach, ganz oben, nicht zu verfehlen, wo noch ein Strohsack und Decken lägen, dort könne er seinetwegen eine Nacht schlafen, es wohne seit Wochen niemand mehr dort. Er solle, rief er ihm noch nach, eine der Kerzen im Flur mit hinaufnehmen und aufpassen, die Treppe sei nicht ganz in Ordnung. Die Stube stellte sich dann als ein Kabuff mit Tür und einem kleinen Fenster heraus, der Strohsack und die Decken stanken nach Mist, doch was blieb ihm, dachte er, anderes übrig, als damit Vorlieb zu nehmen.

Adam, völlig erschöpft und nun endlich doch einigermaßen beruhigt, ißt noch einen letzten schrumpeligen Apfel, pustet den Kerzenstummel aus und zieht die Decke bis ans Kinn. Es ist kalt und stockfinster, doch besser so, sagt er sich, als wenn er auf der Straße übernachten müßte. Mehrere Male ist er kurz davor einzuschlafen, doch es gelingt ihm nicht, ins Reich der guten Träume, wie er das nennt, hinüberzugleiten, denn die schönen Vorstellungen, die er sich nach seiner Gewohnheit beim Einschlafen macht, werden bald durch seltsame Geräusche gestört, so als kehre der alte Mann dort unten noch immer in einem fort den Hof, vom Tordurchgang zur Haustüre und von der Haustüre zum Tordurchgang, hin und her und zurück, immer und immer wieder. Die Geräusche kommen nicht aus einem der anderen Räume des Hauses, da ist sich Adam sicher, und wer wußte schon, ob überhaupt noch jemand hier war, denn nichts sonst ist zu hören, nur dieses Kehren. Doch das einzige, das er nun tun konnte, tun mußte, das weiß er, ist zu schlafen, tief und fest zu schlafen, mit dem Geräusch des unablässigen Kehrens einzuschlafen, denn es ist gleichmäßig, ein tonloses Sirren mit einer kleinen Hebung, dann eine Pause, dann das Sirren, dann die Pause, das Sirren, die Pause …

Adam zieht erschrocken die Luft durch die aufeinandergepreßten Zähne. Er hätte nicht zu sagen gewußt, ob eine Sekunde vergangen ist oder eine Stunde, ob er geschlafen hatte oder nicht. Dieses Geräusch aus dem Hof jedenfalls ist jetzt nicht mehr zu hören, still ist es und absolut dunkel. Wenn ich die Augen schließe, denkt er, macht es keinen Unterschied, es bleibt stockfinster. Er weiß nicht einmal, wo die Tür, nicht, wo das Fenster ist, nur daß er liegt, das weiß er, und daß er nun schlafen muß, weiß er auch. Doch da tauchen schon wieder Bilder in ihm auf, ungerufene dieses Mal, wie dünne Tücher legen sie sich über ihn, eines nach dem anderen, Bilder aus seiner Kindheit, seiner Jugendzeit, helle und leuchtende, dann auch düstere, und da erscheint ihm Cara mit ihrem staunenden Gesicht, dann unversehens Herr Acoluth, der ihm zum Abschied herzlich die Hand schüttelt, die weinenden Geschwister, Johann und Elisabeth, die Mitschüler, die ihm das Beste wünschen, dann wieder Cara, mit einem Korb zum Markt gehend, wie es ihr wohl gehen mochte, denkt er, wo sie wohl sein mochte, er hätte wetten können, daß sie irgendwo in Breslau sein mußte und als Magd arbeitete, er hatte Ausschau gehalten nach ihr, doch keine Spur, das arme Mädchen, meine arme Cara, denkt er, sie und er in seiner Kammer, jene Sommernacht, und da sind sie, diese Bilder, die ihn so oft peinigten, er ballt die Fäuste, nicht diese Bilder, nein, abwehren muß er sie, doch er hat kein Mittel dagegen, fast möchte er schreien, schwer atmet er, bis ein wirklicher Schmerz ihn durchfährt, ganz plötzlich, wie ein Blitz, es zerreißt ihn, die beiden Georgs, sie sind über ihm, sie schlagen auf ihn ein, er blutet, sein Gesicht, sein Unterleib, nur Blut und Schmerz, und Cara, was tun sie Dir an, die Teufel, ruft er laut, er atmet heftig, er keucht und keucht und schlägt sich selbst, mit der Faust gegen den Kopf und in den Magen, bis er endlich erwacht.

Beruhige Dich, sagt er endlich leise ins Dunkel hinein, beruhige Dich, ein böser Traum, nichts weiter als ein böser Traum!

Adam atmet bald ruhiger, in die Stille lauschend. Seltsam, denkt er, das ist nun meine erste Nacht in Leipzig, zum ersten Mal bin ich in einer fremden Stadt, doch niemand dachte daran, zuvor mir eine Unterkunft zu sichern, nicht Hanke, nicht Acoluth, Johann nicht und ich selbst am wenigsten, und nun liege ich in einem Verschlag auf dem Dachboden eines Hauses, von dem ich nichts weiter weiß, als daß es im Peters-Viertel steht. Was Wunder, daß ich schwer träume! Von ferne war jetzt etwas zu hören, so als marschierten Soldaten eine enge Gasse entlang, oder nein, war das nicht eher wieder dieses Geräusch aus dem Hof, ja sicher, ganz deutlich, nur lauter als zuvor, so scheint es ihm wenigstens, oder war es die ganze Zeit da, fragt er sich, dieses Sirren, dieses Kehren, hin und her, und hatte nicht, fällt ihm jetzt ein, dieser häßliche alte Mann im Hof etwas Teuflisches, ja, der Teufel, denkt er, ist er es, der Teufel, der mich hinaufgeschickt hat in diese Kammer, der mich gefangen hält, mich verzehren, mir die Seele rauben will? Oder ist er doch nur ein armer alter Mann, der in seinem Wahnsinn auch des nachts den Hof kehrt? Was also tun? Sein Bündel nehmen, die Tür ertasten, die Treppe hinunter? Nein, so nicht, nicht ihm in die Fänge laufen, ich muß liegenbleiben, überlegt er, ich muß ruhig werden, warten muß ich bis zum Morgen – das wird das Beste sein, das Geräusch ertragen, die Finsternis ertragen, unbeweglich liegen, nicht dem Teufel auf den Leim gehen, liegen, warten, die dunklen Bilder vergessen, zur Ruhe kommen, beten, ja beten, das Gebet ist der Schwachen Stärke, ich werde beten, denkt Adam, und er will beten, still für sich, doch es gelingt nicht, er findet die Worte nicht, er fragt sich, ob er wieder träumt und kneift sich in den linken Unterarm, nein, er träumt nicht, und nach und nach schält sich nun auch das Fenster vage aus der Dunkelheit heraus. Aus dem Hof ist nichts mehr zu hören, kein Geräusch dringt an sein Ohr, nur das Fenster ist zu sehen. Es schwebt in der Finsternis. Er starrt auf das schwache Licht, das graue Rechteck, er starrt und starrt, leise nur bewegt es sich auf und nieder, als tanze es ganz zart zu einer unhörbaren Melodie. Bald muß doch der Morgen kommen, das Licht, denkt Adam, das Licht des Tages! Soll ich denn ewig hier in der Finsternis liegen? Dann tastet Adam auf den Knien den staubigen Boden ab, die Kerze, die Zündhölzer, die er mit hinaufgenommen hatte, wo nur sind sie, fragt er sich, er tastet und tastet. Licht, er braucht endlich Licht! Ein Geräusch läßt ihn plötzlich innehalten, ein Knarren und Knarzen, nicht aus dem Hof, nicht in seinem Kopf, keine Einbildung, nein, vom Treppenaufgang her muß es kommen, kein Zweifel. Kommt etwa jemand herauf, denkt er, der wahnsinnige alte Mann, der Teufel? Atemlos lauscht er, ja, wieder das Knarren und Knarzen, so als erklimme jemand, langsam und schwerfällig, Stufe um Stufe das Treppenhaus, jede einzelne Stufe knarrt unter seinem Tritt, aufstöhnend, einmal vor Schmerz und einmal aus Erleichterung, so scheint es, Schrei um Schrei, Tritt um Tritt, er ist nicht einmal sicher, ob es näherkommt, ja ob er nicht wieder träumte und ganz friedlich hier liegt, auf dem Strohsack unter der alten Decke, ja, tatsächlich, er tastet nach seinem Arm, seinem Leib, sein Hals, sein Gesicht, die Augendeckel geschlossen, natürlich, denkt er erleichtert, das bin ich, ich schlafe seelenruhig. Doch halt, aufwachen muß ich, er ist verwirrt, ganz und gar, dieses Geräusch, es kommt nun doch näher, bald ein Keuchen direkt vor der Tür, ein tiefes, kehliges, rasselndes Keuchen, das des Teufels oder des wahnsinnigen alten Mannes, das fragt er sich, und hat er wirklich den Riegel vorgeschoben? Doch geht der Teufel nicht durch Türen und Wände! Was soll ich tun, denkt Adam, was soll ich nur tun, wie ihm entgehen, wie dem Teufel entgehen? Er rüttelt an seinem Leib, wach auf, ruft er, Adam, wach auf, doch der liegt da wie tot, wie ein Stein, hinaus, raus aus der Kammer muß ich, denkt er, aufstehen und durch das Fenster hinaus ins Freie! Nur raus! Doch da packt ihn etwas im Nacken, er spürt eine Pranke, die ihn brutal hochreißt, und schon ist ihm, als schwebe er zusammengekrümmt über dem taghell erleuchteten Hof, auf dem der häßliche alte Mann mit dem kahlen Schädel und den riesigen Ohren steht und zu ihm hochsieht, dann seinen Besen nimmt und zu kehren beginnt, vom Tordurchgang zur Haustüre und von der Haustüre zum Tordurchgang, hin und her und zurück, immer und immer wieder.


<= Kapitel 11

*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

Hinweis: Das Copyright © und alle denkbaren Rechte an „Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache“ liegen weltweit und darüber hinaus bei Norbert W. Schlinkert. Das Kopieren des Textes oder einzelner Teile ist ausschließlich für den privaten Gebrauch gestattet, sonstige Be- und Verarbeitung und eine Verbreitung in welcher Form und mittels welcher Medien und Techniken auch immer ist unter keinen Umständen gestattet.

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Wed, 26 Apr 2017 09:53:46 +0000
der goldene fisch : Gerald Koll : Das fünfzigste Jahr (195) http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12516 http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12516 26. April 2016, ein Montag

7 Uhr. In der Innenstadt. Ich habe gerade das Morgen-Training beim Sohn des Doshu geknickt. Der erste Morgenbus fuhr zu spät, um rechtzeitig anzukommen. Mit jeder Minute Wartezeit schwand mein Drang. Da ging ich in Richtung Straßenschluchtsonne. Versuchsidentifikation mit dem Modell “der spazierende Mann”, “der fotografierende Mann”, “der frühstückende Mann”, “der notierende Mann”. Die Stadt erwacht. Japan, das war wenig Schlaf und viel Fahrzeit. Das war Jagen und Sammeln.

16:30 Uhr. Es ließe sich sagen, dieser letzte Tag sei zerronnen. Erhebend demütigend aber war der Aufenthalt in den Geschäftsräumen von Iwata, der Traditionsmarke für Hakamas. Nur ein zierliches Schild in einer Nebenstraße verrät, dass sich im grauen Wohnhaus eine international renommierte Firma befindet. Man betritt einen recht kahlen kleinen Raum. Ein ernster Herr kommt aus der Hinterstube. Hakamas seien nicht am Lager. Die Herstellung dauere leider sehr lange. Man entspricht unserem Wunsch, Stoffe zu befühlen. Das sei Leinen. Schwierig zu pflegen. Man antwortet knapp. Man schweigt. Man wartet auf unser Gehen. Man verabschiedet ohne Beanstandung. Das Haus Iwata ist bedacht auf Diskretion. Es wirbt nicht für seine Ware. Es warnt davor.

20 Uhr: mit Yutaka in ein Onsen mit freiluftig gelegenen, warm überspülten Holzterrassen. Da liegt sich’s gut. Da sagt Yutaka, er schmiede Pläne, Berlin zu besuchen. Oh.

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Wed, 26 Apr 2017 08:57:30 +0000
rheinsein : Zons (2) http://rheinsein.de/2017/04/26/zons-2/ http://rheinsein.de/2017/04/26/zons-2/ Für seine Mauern ist Zons weit über Zons hinaus bekannt

Von Horror sprechende Gesichtsausdrücke in altem Turmgemäuer

Mauer mit eingekerkertem Fenster

Stilvoll koloriert: Mauer mit Auslaß

Klassische Landkartenmauer

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Wed, 26 Apr 2017 07:16:14 +0000
taberna kritika - kleine formen : UEBERICH I (youtube ed.) http://www.abendschein.ch/ueberich-i-youtube-ed/ http://www.abendschein.ch/ueberich-i-youtube-ed/

aka: datenbank der realfiktionen, 2009-2012
AT: database of real fiction (dbrf)
DOI: 10.17436/etk.c.013, 60 Min.

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Wed, 26 Apr 2017 06:15:10 +0000
isla volante : es verstreichen http://feedproxy.google.com/~r/volante/~3/f8qAqAkQ_ck/ http://feedproxy.google.com/~r/volante/~3/f8qAqAkQ_ck/

es verstreichen
die tage
nicht einer
wird gezählt
reiß ab
das kalenderblatt –
der zeit ist es egal
und meiner
liebe auch

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Wed, 26 Apr 2017 05:33:53 +0000
particles : landau http://andreas-louis-seyerlein.de/air/landau/ http://andreas-louis-seyerlein.de/air/landau/ 9

ulysses : 16.05 UTC – Wenn ich Menschen, junge oder ältere Menschen frage, ob sie den Moment erinnern, da sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben selbst die Schuhe gebunden haben, sind sie erstaunt, nicht nur deshalb, weil ich mich nach einem weit zurückliegenden Ereignis erkundigte, sondern auch, weil sie nicht selten sofort in der Lage waren, eine Geschichte vom Schuhbinden zu erzählen. Menschen, welche sie lehrten, ihre Schuhe zu binden, auch die Farbe der Schuhe oder Orte, eine Treppe, die Küche oder ein Garten kehrten ins Bewusstsein zurück. Wer sich die Schuhe selbst zu binden vermag, kann das Haus verlassen, kann eine komplexe Figur mit Händen gestalten, überall auf der Welt scheint die Methode der Schleife zu existieren, ja, Schleifen sind komplexe Strukturen, die einerseits sich selbst erhalten mittels Umarmung, andererseits sich auf einen Zugwunsch hin sofort aus ihrer Bindung lösen. Ich selbst habe mich in Landau unter einem Apfelbaum auf einem Bänkchen von Holz sitzend in der Schuhbindung geübt, meine Damalsschuhe waren blau und rot, die Gänseblümchen weiss, der Löwenzahn gelb, die Luft roch nach Stall und meine Tante duftete nach Moos und 4711. Gidhsti, die in Eritrea gross geworden ist, sagte: Was für eine seltsame Frage! Wir hatten nichts zu binden, wir sind barfuss gewesen oder trugen Sandalen. Ich war ungefähr 20 Jahre alt als ich lernte, meine Schuhe zu binden. Darauf muss man erst einmal kommen an einem Sonntagnachmittag. – stop
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Tue, 25 Apr 2017 23:49:39 +0000
der goldene fisch : Mirko Bonné : Lass die Enttäuschung http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12507 http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12507 Solche Tage nehmen deinem Leben
Jahre. Mülltonne Tag. Ewigkeiten
Nieselregen, in denen du die dunkle
Wohnung durchquerst. Du starrst
ins Innenhofgrau, blickst über deine
Straße hinüber zum Goldbarren der
letzten Bäckerei der Welt, deren Licht
am Mittag erlischt. Pourtant, lass sie,
diese Enttäuschung, nicht so ein Herz
in der Brust zu haben, wie sie sagen,
jeder müsste es. Also bist du schlecht?
Bah, du kennst Eine, die geht täglich
an den schlimmsten Gräben spazieren,
während du, ja, einkaufst, skrupellos
lachst du hinauf in Krankenhausfenster,
wo die Alten sitzen und dich ansehen.
Schlapper Rebell! Du müsstest, und so
müssten wir, aber was? Überall sein.
Lieben, was uns zu lieben ist geblieben.
Könnte ich eine Wahrheit formulieren,
Getrommel, dass sie durchs Blut pochte,
vielem gerecht wäre und übrigem etwa
etwas Zuspruch verschaffte. Was soll es,
am Ende ein Könner zu sein auf einem
winzigen, anderen gar nicht mitteilbaren
Gebiet? Auch darüber, lass sie, deine
Enttäuschung. Widerstand, ja vielleicht
muss er unformulierbar sein, Gedicht,
während er in deiner wilden Liebe lebt.

*

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Tue, 25 Apr 2017 23:03:57 +0000
Gleisbauarbeiten : LUGMERTRUG. Ein Traumbild. "Es ist immer wahr, was mir keiner glaubt." http://gleisbauarbeiten.blogspot.com/2017/04/lugmertrug-ein-traumbild-es-ist-immer.html#comment-form http://gleisbauarbeiten.blogspot.com/2017/04/lugmertrug-ein-traumbild-es-ist-immer.html#comment-form "Mir träumte", sage ich, "von einer Frau Lugmertrug." Pause. Lange Pause. "Und?" fragst du. "Weiß nicht.", sage ich.

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Sagen wir: Sie lugte. Um die Ecken. So gut wie sie log. Beispielsweise. Wie ich log. Ich lüge immer gut, wenn es nicht drauf ankommt. "Es spinnt sich was z´ammen." "Sie glaubt´s selbst.", sagt die Frau Mama. Was wahr ist. Es ist immer wahr, was mir keiner glaubt. Und nur das. Lugt um die Ecken. Er. Sie. Es.

Was passiert, wenn eine um die Ecke lugt. Wie sich das Bild bildet, das verruckte. 90 Grad verdreht, wie der Kopf schief liegt. Der Mond auf halber Höhe. Könnte ihn auftippen lassen wie einen Ball. Und einlochen. - Dabei scheint gar kein Mond. ("Das war doch nur ein Beispiel." "Aus dem Romantik-Fundus." "Woher sonst?")

Wir könnten ans Meer fahren. Lug. Meer. Trug. Ich ziehe einfach das "e" in die Länge. Schon sitze ich in einem weißen Spitzenkleid mit hochgeschlossenem Kragen unter einem seidigen Sonnenschirmchen auf einer Bank am Meer. Das Wetter ist zugig, aber die Luft wird silbrig, mit bläulichem Schimmer. Das Meer unterm Himmel jadebusiggrün. Wie ein Smaragd, nein, ein Opal, wenn er um meinen Hals liegt als schimmerndes Oval, gefasst in mattes Gold. Weil ich edel bin, hilfreich und gut. Ein echtes Luxusweibchen. Immer am Meer. Reich mir den Arm, geleite mich zu meiner Kutsche, hilf mir hinein. Leg die Hand an die Hosenbeine, steif! Benimm dich!

Und trug es uns dahin. Wie ein Betrug. Rattert das fort. "Jeder Betrug zeugt einen Tod in meinem Herzen." (Ja, ja, ja. Wie du die pathetischen Wendungen hasst. Aber lass mich doch. Ein wenig trudig sein. Ein bisschen 19.Jahrhundert-Madam. Warum denn nicht?) Die Leute (also die andern) denken beim Betrug immer an Geschlechter+Liebesverhältnisse, Eheversprechen, so Zeugs, weißt schon? Wir nicht. Wir nicht. Dieser Schmerz, jemanden an seinen eigenen Maßstäben scheitern zu sehen. Oder geschätzte, mindestens ("Minimum!") geachtete Mitmenschen sich selbst entblödend beobachten zu müssen. Wenn sie unterhalb ihrer Möglichkeiten bleiben. Moralisch-ästhetisch gesehen. Bei Leuten ist es egal. Leute bleiben immer unter. Wir nicht. Bei uns ist es am schlimmsten. Der Trug.

Wie ich dich niemals sehen wollte. Mich niemals sehen wollte.

Danach ist alles anders.

Und möglich.

Kein guter Anfang. Kein schlechtes Ende.

Danach ist Danach.

Lugmertrug.



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"Sahst du auch einmal, im Traume, meine ich, Herrn Lugmertrug? Aus dem Schatten treten? Dunkel?" Pause. Lange Pause. Keine Antwort. ]]>
Tue, 25 Apr 2017 16:26:00 +0000
Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus : Iwan und Buddy http://500beine.myblog.de/500beine/art/10233757 http://500beine.myblog.de/500beine/art/10233757
Wir treffen Regina am Nachmittag. Sie hat nur einen der beiden Boxer dabei, Buddy. Der ist ganz verrückt nach Frau Moll, die beiden Hunde machen sich sofort übereinander her und spielen Ich-bin-hier-der-Chef-ich-steig-dir-jetzt-aufs-Dach-halt-du-mal-schön-dein-Maul-du. Regina ist wie immer gesprächig. Sprudelt geradezu über.

"Ich bin noch ganz durcheinander.. Hab eben einen Anruf bekommen. Unser Kassierer hat sich erschossen. Im Wohnzimmer."

Wenn man das so hört, denkt man ja gleich:

"Unterschlagung?" frag ich.

"Nee, keine Unterschlagung. Ist ja nur unser kleiner Boxer-Club, da lohnt keine Unterschlagung. Außerdem hätte der Willi das niemals getan. Der ist.. der war in Ordnung."

"Ja, das denkt man immer", entgegne ich. "Weil Buchhalter harmlos und still in der Ecke hocken und das Geld zählen und dann ist das Geld weg und wer ist auf und davon? Der Buchhalter."

"Ach, der Willi, nee. Eigentlich war er ein lustiger Kerl, ein richtig gemütlicher Kölner, bis man vor einem halben Jahr Darmkrebs bei ihm diagnostiziert hat."

"Ach, der arme Kerl", sagt die Gräfin.

"Ja sicher, aber letzte Woche hat Willi erfahren, dass der Krebs gutartig war. Er hatte also gar keinen Grund mehr sich zu erschießen, er wäre ja wieder gesund geworden. Und dann noch im Wohnzimmer. Das muss doch nun wirklich nicht sein. Oder?"

Regina spricht stets in derselben Tonlage. Niemals aufgeregt. Immer cool. Sie hat eine kleine rote knubbelige Nase, wie ein Clown, der keine Maske aufziehen muss, weil er von Natur aus so aussieht. Eine praktische Frau. Rein von der Veranlagung her.

"Ich mein, da kommt die Rosi von der Arbeit nach Hause und wer liegt da im Sessel und hat sich erschossen? Ihr Mann. Muss das sein? Hätte der nicht in den Wald gehen können? Oder vor ne Mauer fahren? Oder einen Unfall vortäuschen, dann hätte die Rosi wenigstens die Lebensversicherung ausbezahlt gekriegt, aber so. .bei Selbstmord. Es wird in Köln schon schwer genug, einen Pfarrer zu finden, der die Beerdigung macht. Der war ja Katholik, der Willi."

"Vor ne Mauer fahren ist nicht ungefährlich", werfe ich ein. "Womöglich bleibt man querschnittsgelähmt und hat die Kacke richtig am Dampfen."

"Ach was, mit hundert vor die Mauer, da bleibt nicht viel übrig", meint Regina. Sie trägt ein schickes schwarzes Collegejäckchen, das ich noch nie an ihr gesehen hab. "Der Willi fuhr einen alten Ford. Das hätte schon geklappt. Der wär mausetot gewesen, auf der Stelle. Aber gemütlich im Wohnzimmersessel sitzen, die Zeitung lesen und sich erschießen, nur weil der Krebs plötzlich doch nicht bösartig ist, das muss nun wirklich nicht sein. Oder?"
Buddy, die noch Boxer vom alten Schlag sind mit ordentlich Speichelfluss. Regina nennt sie nur "meine zwei Sprinkleranlagen."

Wir treffen Regina am Nachmittag. Sie hat nur einen der beiden Boxer dabei, Buddy. Der ist ganz verrückt nach Frau Moll, die beiden Hunde machen sich sofort übereinander her und spielen Ich-bin-hier-der-Chef-ich-steig-dir-jetzt-aufs-Dach-halt-du-mal-schön-dein-Maul-du. Regina ist wie immer gesprächig. Sprudelt geradezu über.

"Ich bin noch ganz durcheinander.. Hab eben einen Anruf bekommen. Unser Kassierer hat sich erschossen. Im Wohnzimmer."

Wenn man das so hört, denkt man ja gleich:

"Unterschlagung?" frag ich.

"Nee, keine Unterschlagung. Ist ja nur unser kleiner Boxer-Club, da lohnt keine Unterschlagung. Außerdem hätte der Willi das niemals getan. Der ist.. der war in Ordnung."

"Ja, das denkt man immer", entgegne ich. "Weil Buchhalter harmlos und still in der Ecke hocken und das Geld zählen und dann ist das Geld weg und wer ist auf und davon? Der Buchhalter."

"Ach, der Willi, nee. Eigentlich war er ein lustiger Kerl, ein richtig gemütlicher Kölner, bis man vor einem halben Jahr Darmkrebs bei ihm diagnostiziert hat."

"Ach, der arme Kerl", sagt die Gräfin.

"Ja sicher, aber letzte Woche hat Willi erfahren, dass der Krebs gutartig war. Er hatte also gar keinen Grund mehr sich zu erschießen, er wäre ja wieder gesund geworden. Und dann noch im Wohnzimmer. Das muss doch nun wirklich nicht sein. Oder?"

Regina spricht stets in derselben Tonlage. Niemals aufgeregt. Immer cool. Sie hat eine kleine rote knubbelige Nase, wie ein Clown, der keine Maske aufziehen muss, weil er von Natur aus so aussieht. Eine praktische Frau. Rein von der Veranlagung her.

"Ich mein, da kommt die Rosi von der Arbeit nach Hause und wer liegt da im Sessel und hat sich erschossen? Ihr Mann. Muss das sein? Hätte der nicht in den Wald gehen können? Oder vor ne Mauer fahren? Oder einen Unfall vortäuschen, dann hätte die Rosi wenigstens die Lebensversicherung ausbezahlt gekriegt, aber so. .bei Selbstmord. Es wird in Köln schon schwer genug, einen Pfarrer zu finden, der die Beerdigung macht. Der war ja Katholik, der Willi."

"Vor ne Mauer fahren ist nicht ungefährlich", werfe ich ein. "Womöglich bleibt man querschnittsgelähmt und hat die Kacke richtig am Dampfen."

"Ach was, mit hundert vor die Mauer, da bleibt nicht viel übrig", meint Regina. Sie trägt ein schickes schwarzes Collegejäckchen, das ich noch nie an ihr gesehen hab. "Der Willi fuhr einen alten Ford. Das hätte schon geklappt. Der wär mausetot gewesen, auf der Stelle. Aber gemütlich im Wohnzimmersessel sitzen, die Zeitung lesen und sich erschießen, nur weil der Krebs plötzlich doch nicht bösartig ist, das muss nun wirklich nicht sein. Oder?" ]]>
Tue, 25 Apr 2017 15:42:11 +0000
Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus : Leben steht still seit Montag http://500beine.myblog.de/500beine/art/10233529 http://500beine.myblog.de/500beine/art/10233529
„Es ist was ganz Schlimmes passiert“, sagt er am Telefon, „Mutter ist tot.“

Ich stehe in der Küche. Ich bin gerade reingekommen, verschwitzt vom Einkaufen. Mutter ist tot. Es ist was ganz Schlimmes passiert. Ich sinke auf den Stuhl nieder.

„Was ist los?“ ruft Sanne.

„Meine Mutter ist tot“, sage ich tonlos, und zu Vater in den Telefonhörer: „Ich komme.. sofort. Ist jemand da?“

Ja, ein Bruder meines Vaters ist bereits da, der Bruder, der zwei Häuser weiter wohnt.

Die Nachricht vom Tod eines Menschen zu erhalten, den man liebt, das ist, als würdest du bei voller Fahrt den Kopf aus dem Zugfenster stecken und gegen einen Mast knallen. Mit dem Unterschied, dass du gar nicht wusstest, dass du im ICE unterwegs bist.

Sanne, Tränen in den Augen, nimmt mich in den Arm. Ich trinke ein Glas Wasser. Ich bin verschwitzt vom Einkaufen. Wieso trinkst du jetzt? Deine Mutter ist tot. Wie kannst du etwas so Profanes tun wie trinken?? Planeten müssten einstürzen, die Zeit müsste einfrieren, ich müsste im Boden versinken vor Scham.

Ein Glas Wasser.

Ich versuche meine Schwester zu erreichen, sie ist im Winterurlaub in Tirol. Sie geht nicht ans Handy. Ich atme auf. Ich will nicht derjenige sein, der die Todesnachricht überbringt, auch wenn man damit rechnen musste. Irgendwann. Aber doch nicht jetzt. Dem Tod dieser rätselhaften stolzen Frau, die es gern schlicht hatte und von der Sanne einst sagte, sie sei Igel und Hase zugleich: wehrhaft, und doch ständig auf der Flucht.

Ich rufe meinen Bruder an. Im Kölner Büro. „Mutter ist tot“, sage ich.

„Ach du Scheiße“, stammelt er leise. „Ich komme. Soll ich dich abholen? Fahren wir zusammen zu Vater?“

Er ist so durcheinander, so in sich verloren, ich höre förmlich, wie er die Gedanken sortiert: bloß nicht durchdrehen, jetzt.

Weil Sanne an Heiligabend, dem letzten Tag, an dem wir Mutter besucht haben, nicht mitkommen konnte, drängt sie darauf in die Klinik zu fahren, um sich zu verabschieden. „Ich möchte sie noch mal anfassen.“ Wir rufen Vater an, fragen, ob er mitkommen möchte, nein, wir sollen ohne ihn fahren. Mein Bruder ist sich nicht sicher, ob er Mutter noch einmal sehen möchte, ob er dazu in der Lage ist, ihren Leichnam zu sehen, und auch ich fürchte, dass ihr schönes Gesicht in meiner Erinnerung fortan zur Totenmaske erstarren könnte, ich halte mir die Entscheidung offen.

Zu dritt schleichen wir im Wagen meines Bruders durch die verschneite Stadt. Es geht nur langsam voran. Rollsplitt knirscht unter den Rädern, Granulat. Niemand spricht ein Wort. Obwohl viele Autos unterwegs sind, hört man kaum Fahrgeräusche. Die Dauerlast des Pappschnees hat die Bäume reihenweise umknicken lassen. Wie vom Blitz getroffen sind viele in der Mitte gespalten und umgestürzt; sie zersplittern, noch warm im Fleisch, schmerzhaft schön.

Bevor wir die geräumte Stadtautobahn erreichen, stoppt mein Bruder am Straßenrand. Er steigt wortlos aus und macht sich an die Arbeit, löst die Schneeketten von den Vorderreifen. Die Situation ist so unwirklich, als bewegten wir uns im Séparée der Wirklichkeit. Ich fühle mich leer und abgekämpft. Das Spiel meines Lebens: verloren. Mutter ist tot. Meine Mutter..

„Meine auch“, murmelt mein Bruder, als er wieder am Steuer sitzt und sich das Eis aus den Kleidern klopft. Sein Atem dampft. Sanne schaut aus dem Fenster, ist wie aus Porzellan. Immer wieder höre ich die Stimme meiner Mutter, es treibt mir die Tränen in die Augen: dass ich sie nie wieder hören werde. Wo sie doch so gern geschnattert hat, das Kinn vorgestreckt wie ein Vögelchen seinen Schnabel: “Ja, du wirst verrückt!” sagte sie gern, wenn man ihr etwas anvertraute. Du wirst verrückt im Sinne von Ja, das gibt’s doch nicht!

Ich spüre Sannes Hände. Endlich erreichen wir die Klinik. Wir erkundigen uns nach der Intensivstation, doch der Portier schickt uns versehentlich auf Station 30, wo wir Mutter Heiligabend besucht haben. Frau Wolf, ihre Bettnachbarin, ehemalige Hutmacherin aus Hamburg, telefoniert gerade, sie blickt uns erschrocken an. Noch sind alle Utensilien von Mutter im Zimmer. Ich sehe die Brille auf dem Nachttisch, die Reader’s Digest-Hefte. Wir kommen gleich wieder, bedeute ich Frau Wolf, die den Hörer mit der flachen Hand abdeckt, obwohl niemand etwas sagt. Wir machen uns auf die Suche nach der Intensivstation.

Der Zimmer des Abschieds. Wie Mutter daliegt, mit dem Kopf zum Fenster, genau in der Schneise, die das dämmrige Licht spendet an diesem Dezembertag. Ich bewundere diesen prächtigen, beinah dem Hinduismus huldigenden Leberfleck auf ihrer Stirn, der immer prächtiger geworden ist, je mehr sie abmagerte. Das weiße Bettlaken ist bis unters Kinn hochgezogen, nur das blasse wächserne Antlitz ist zu sehen, ihr spitzes Näschen. Wie Toblerone. Das Kinn wird von einer Stütze gehalten. Nichts in ihren friedlichen Gesichtszügen deutet auf den letzten großen Kampf hin. „Ihre Mutter ist uns unter den Händen weggestorben.“ Sie ging mit einem Paukenschlag: zwei Herzinfarkte, kurz nacheinander. Eine große bleiche Ruhe erfüllt den Raum.

Während mein Bruder im Hintergrund bleibt und das Zimmer bald fluchtartig verlässt, streichle ich Mutters Wange, die Gräfin schnuppert an der noch warmen Haut. Sie duftet nach Nivea. Wir ziehen das Laken zurück, wie immer liegt Mutters Hand auf dem Unterbauch, wo sie zeitlebens den Sitz ihrer Seele ausmachte. Eine Schwester betritt den Raum, dimmt das grelle Licht, „so ist es besser, nicht wahr.“ Sie fragt, ob sie etwas für uns tun kann, ich fühle ihre Hand an meiner Schulter.

11:30 ist als Todeszeitpunkt auf der Sterbeurkunde angegeben, die man Mutter aufs Totenbett gelegt hat, in Höhe der Fußknöchel. 11 Uhr 30. Genau zu dieser Zeit kam ich bepackt wie ein Sherpa vom Einkaufen und ging den engen Kannenhof runter, der noch nicht von Schnee und Eis geräumt war, da stand dieser Wagen halb auf dem Gehweg. Die Beifahrertür war offen und ragte weit auf den Bürgersteig, ohne dass der Mann im Wagen etwas davon bemerkt hätte, er war mit dem Handschuhfach beschäftigt.

In diesem Moment ist Mutter gegangen.


Auch wenn sie eine richtige Oma geworden war, klein und hutzelig, der Hals eine faltige Manschette, sie war noch in der Welt. Auch wenn sie Stück für Stück aus diesem Leben verschwand und zum Schluss kaum mehr 48 Kilogramm wog, (die zehn Kilo, die sie vorübergehend zugelegt hatte, waren im Gewebe angesammeltes Wasser, weil das Herz nicht mehr richtig arbeitete), sie war noch in der Welt. Auch wenn sie nicht mehr wusste, „wo ich es noch suchen soll“ und ihre Stimme oft schwach war und ins Schlingern geriet, sie war noch in der Welt, wir hörten ihr Wort, ein leises Schüss, bevor sie ein letztes Mal den Telefonhörer auflegte. Ihr Tod überraschte uns alle. Damit hatte niemand gerechnet. Nicht so rasch. Nicht jetzt.

Nachdem sie sich zu Hause bei einem Sturz einen komplizierten Bruch oberhalb des Knies zugezogen hatte, sie war im Beisein meines Vaters über die eigenen Schläppchen gestolpert, als sie ein Dessert-Tellerchen aus der Küche holen wollte, wurde sie in die Ohligser Lukas-Klinik eingewiesen und behandelt. Sie erinnerte an ein zerzaustes Vögelchen, das in den Regen gekommen war, aber sie kam nicht mehr auf die Beine. Während der täglichen Arztvisite am 27. Dezember erlitt sie einen Herzinfarkt. Sie wurde sofort reanimiert und auf die Intensivstation verlegt, wo sie kurz darauf einen weiteren schweren Herzanfall bekam.

„Ihre Mutter starb uns unter den Händen weg. Sie gab uns ja gar keine Chance mehr.“

Wäre sie nicht gestorben, sie wäre ein Pflegefall geworden, abhängig von Familie und Pflegepersonal. Doch ihr Herz spürte ihren letzten Willen und nahm das Heft in die Hand. Das Heft des Handelns. Das Welt-Heft, in dem für jedes einzelne Herz, das auf dieser Welt schlägt, detailliert aufgeführt wird, wann seine Zeit gekommen ist.

Zuvor war sie für vier Wochen nach Bethanien verlegt worden, um sich im Einzelzimmer zu erholen. Auch wenn sie in diesen Tagen oft allein war, sie genoss sichtlich die Ruhe im Sanatorium. Eine lange nicht mehr gesehene Entspannung bemächtigte sich ihrer Seele – es war, als hätten ihre inneren Streitkräfte ein letztes Mal die Waffen ruhen lassen, auch wenn sie in diesen Tagen oft allein war. Ich weiß, ja, wir hatten das schon – aber sie war wirklich viel allein damals. Einsam. Und es tut mir im Nachhinein leid, dass ich sie nicht öfters dagewesen bin.

An einem Sonntag im späten November 2010 besuchten wir sie in Bethanien: Vater, Sanne und ich. Zu viert saßen wir in ihrem Zimmer im Erdgeschoß, in diesem gemütlichen kleinen Erker mit Blick auf das weitläufige Parkgelände. Vater war mal wieder viel zu laut und redete dummes Zeug, bekam sogar einen Hustenanfall vor lauter Nervosität, doch selbst damit arrangierte sich Mutter, erst gegen Ende des Besuchs schien sie genervt. Ansonsten saß sie unerschütterlich wohlgesonnen in ihrem Rollstuhl am Fenster und rief den hochgewachsenen indischstämmigen Boy herbei, um ihre Bestellung aufzugeben, mit einem lässigen Fingerschnippen, lässig wie ein Pokerspieler, der ein bravouröses Turnier spielt und sich nun dem Personal gegenüber großzügig zeigt. Es war, als säßen wir in einem Café in Bombay und nicht in Bethanien; ein Maharadscha-Moment erster Güte.

„Vier große Kaffee, Kiran“, sprach sie mit heiterer Nonchalance, dass wir alle dahinschmolzen zu Füßen der Königin, und sie lächelte nachsichtig auf uns nieder. „Sie sah aus wie Astrid Lindgren“, sagte Sanne später. Und so saßen wir ein letztes Mal am Fenster und blickten hinaus in den Park, der Winter hielt Einzug, und du warst so sanft und warm und still, ich glaube, an dem Abend hast du Abschied genommen von uns, und wir haben es verpasst, haben nicht richtig hingehört, wir, die gleichzeitig An- und Abwesenden.

Als Indianersquaw hätte Mutter den Namen „Kleiner Vogel“ erhalten. Wenn man sich zur Begrüßung am Krankenbett zu ihr hinunterbeugte, bot sie einem ihr geschürztes Mündchen feil - ein hungriges Vögelchen, das Futter erwartete. Nur mit dem Unterschied, dass Mutter im Alter kaum noch Appetit verspürte. Und was das Begrüßungsküsschen betraf: eines reichte vollkommen.

Sanne schenkte ihr an diesem Tag ein gerahmtes kleines Bild, das sie gemalt hatte, zehn mal zwanzig Zentimeter groß. Sie war über ihren eigenen Schatten gesprungen und hatte auf Mutters Wunsch hin ein klassisches Stillleben angefertigt. („Mir fiel überhaupt nichts ein, aber ich habe mein ganzes Herzblut hineingelegt.“) Das Bild zeigt einen Strauß Blumen in einer Vase. Mitten in dem bunten Strauß rekelt sich eine dicke Raupe, im Hintergrund sieht man ein kleines Mädchen, das durch die Verandatür ins Haus späht, mit einem kecken Winken: Sanne. Das kleine Bild stand nicht nur in Bethanien am Fenster, es leuchtete später auch vom Fenstersims des Zweibettzimmers in der St. Lukas-Klinik.

Am Abend vor ihrem Tod, an zweiten Weihnachten, so erzählte es die letzte Zimmergenossin, eine herzensgute Hanseatin, gelernte Hutmacherin, schalteten Mutter und sie um 20 Uhr 15 den Fernseher ein, wo eine Sendung mit dem unvergessenen Diether Krebs lief. Ein Weihnachts-Special. „Eine Quatschsendung“, so die Hutmacherin, und dass Mutter sich prächtig amüsiert hätte. Wenn mir seither beim Zappen ab und an eine alte Sketchup-Folge mit Diether Krebs begegnet, muss ich daran denken, dass ihr letztes Lachen einem schnoddrigen Dickerchen und ex-Juso aus dem Ruhrpott galt. Und dann muss ich lachen. Nicht so richtig. Es ist vielleicht nicht mal ein Lachen. Aber irgendwas Kleines schon, verdammt.


Und plötzlich war Mutter tot. Diese rätselhafte stolze Frau, die es gern schlicht hatte und von der die Gräfin einst sagte, sie sei Igel und Hase zugleich: wehrhaft, und doch ständig auf der Flucht. Zum Schluss wurde sie so still, sie beteiligte sich kaum noch an der Unterhaltung. Wo sie doch sonst so gern geschnattert hatte, den Schnabel vorgestreckt wie ein vorwitziges Vögelchen: „Ja, du wirst verrückt!“ sagte sie gern, wenn man ihr etwas anvertraute. Du wirst verrückt im Sinne von Ja, das gibt’s doch nicht! Was gibt es schöneres, als sich unter Liebenden etwas anzuvertrauen.


Dass sie es sehr genau genommen hätte, kann man nicht sagen, das verbot ihr schon das halbitalienische Blut, das ihr das Leben mitgegeben hatte, sie war eine geborene Lesizza, mit Eltern und Geschwistern aus dem Friaul ins Bergische Land eingewandert, aber sie hatte ein waches, umherflitzendes Auge, dem nichts entging. Auch profane Dinge. Noch im Alter bemerkte sie während eines Friedhofbesuchs, dass auf dem Grabstein eines Anverwandten ein Buchstabe fehlte, der Steinmetz hatte es ausgelassen, mitten im langen Nachnamen. Ein Lapsus, der weder dem Steinmetz selbst noch nahen Angehörigen aufgefallen war, obwohl der Stein schon eine Weile gestanden hatte. Daraufhin musste die Schrift komplett erneuert werden. Das fand nicht jeder gut.


Es war ein Ritual geworden. Beim Verlassen des Krankenzimmers blieb ich kurz in der Tür stehen, drehte mich um und warf ihr ein Handküsschen zu, eine Geste, die sie wahlweise mit einem Augenzwinkern oder einem Lächeln erwiderte. Keine große Sache, doch es sind stets die kleinen Sachen zwischen zwei Menschen. Noch zwei Jahre nach ihrem Tod lag ich nachts im Bett, gerade wach geworden, und boxte in die Matratze: Warum zum Teufel habe ich mich ausgerechnet an diesem letzten Tag im Krankenhaus NICHT zu ihr umgedreht!? Warum habe ich diese allerletzte Chance verschenkt?! Was hat mich damals geritten, zum Teufel? Ich drehte mich um, und schlief weiter. Tief und traumlos, wie in Zement eingelegt.


Die letzten Jahre schlief sie alleine im Ehebett im Interlübke-Einbau–Schlafzimmer, während Vater ins große Wohnzimmer auswich, weil er zu sehr schnarchte und sie nachts oft raus musste. Das Schlafzimmer in seinem ganz in weiß gehaltenen Mobiliar strahlte eine Nüchternheit aus, die mich sprachlos machte, wenn ich es betrat oder auch nur einen kurzen Blick hineinwarf. Mutter war zuletzt so geschwächt, wäre sie nicht während der Reha-Maßnahme im Krankenhaus an einem Herzinfarkt gestorben, dieses weiße Zimmer wäre ihre letzte ständige Residenz geworden, die sie nicht mehr verlassen hätte. Sie wäre eine unglückliche bettlägerige alte Interlübke-Hexe geworden, doch dem hat Gott vorgebaut.


Eine Woche nach ihrem Tod trug ich abends 37 eingetütete Trauerbriefe zur Hauptpost, zur Nachtleerung, und jeder Brief bekam vorm Einwerfen ein Küsschen.


Beim Begräbnis sprachen mir zum ersten Mal im Leben Menschen ihr Beileid und Mitgefühl aus. Auch wenn die Trauer mit der Zeit nachließ, gab es noch Monate später Momente, ganz plötzlich und unerwartet, wo mir alles unendlich leidtat, wo ich immer noch damit haderte, wie das Leben ist, dass es nämlich dazu neigt, aufzuhören. Dass der Tod ein vom Amtswegen durchgeschnittener Personalausweis ist, ungültig gemacht im Bürgerbüro, entwertet wie ein Ticket, auf dem Postweg an den Witwer versandt.


Im Fernsehen verfolgte ich einen Nachtfilm. Eine Figur meinte: „Jeder hat doch eine Mutter!“ „Ich nicht!“ zürnte ich dem Fernseher.


Einer ihrer letzten Sätze, geflüstert in mein Ohr: „Pass auf, dass Papa keinen Blödsinn macht.“


Sie starb in der 351. Nacht des Jahres, der Raunacht.


Abgesehen von diesem schlichten Testament („ich vererbe hiermit alles an meinen Ehemann“) und der Absprache, nach der sich sowohl Mutter als auch Vater Ave-Maria bei der Trauerfeier wünschten, haben meine Eltern wohl eher wenig über den nahenden Tod gesprochen. („Was ist intimer als die Sprache unter Eheleuten“, sagt die Gräfin dazu.) Und: „Deine Eltern sind sehr kindlich geblieben bis ins hohe Alter.“


Das allerletzte Mal, dass wir sie sahen, zwei Tage vor ihrem Tod, war Heiligabend. Wir besuchten sie in der Klinik. Sie scherzte, dass sie ja schon deswegen gesund werden müsse, um bei der Schlussziehung der Aktion Mensch abzusahnen, wo sie seit vielen Jahr ein ä hatte.

„Eine Million“, wünschte sie sich.

„Und dann?“ fragte ich, „was machst du mit der Million?“, obwohl ich genau wusste, was kommen würde, aber ich wollte es hören.

„Dann nehme ich euch alle mit.“

„Wohin?“

Sie zwinkerte.

„Weg von hier.“


Man sagt, dass man erst dann erwachsen wird, wenn beide Eltern tot sind. Nun liegt Mutter seit dem 27. Dezember (Dritten Weihnachten!) 2010 unter der Erde, da, wo der gemeine Wurm seine Werkbank hat, doch Vater bot dem Wurm noch einige Jahre Paroli, er blieb noch ein bisschen. Solange sein altes Herz schlägt, bleibe ich ein halbes Balg, dachte ich. Schlag weiter, altes Vaterherz – schlag!


Man muss nicht unbedingt fünfzig werden, um zu begreifen, dass Geburt und Tod die rigorosesten Dinge sind, die dieses Leben zu bieten hat. Geburt und Tod sind die Lunte, die von beiden Enden aufeinander zu brennt und sich in der Mitte trifft, in der Lebensmitte, wo all die existentiellen Fragen auflaufen. Wer bin ich? Was soll das? Kommst du mit?


Am 2. Weihnachtstag 2010, dem Abend vor ihrem Tod, rief sie aus dem Krankenhaus an und hinterließ mit leiser und brüchiger Stimme einige Worte auf der Mailbox.

"Susanne, sag doch dem Andreas, er möchte mir Tempotaschentücher und Baldrian extra-stark mitbringen."

Die Nachricht beschloss sie, wie üblich, mit einem beschwingten "Enn-de!", als handelte es sich um ein altmodisches Spaßtelegramm, das an die Haustür gebracht wird. Und während sie nun den Hörer mühsam in Richtung Telefonapparat bugsierte, um einzuhängen und auf der Mailbox das damit verbundene Geraschel der Spital-Bettwäsche zu hören ist, wünschte sie noch ein fernes und sehr leises "..schüss..", ein kleines Wörtchen, das in den Schluchten von Zeit und Raum verschwand wie ein allerletztes Winken.

Außerdem im Hintergrund: das Tuscheln der nur wenige Jahre jüngeren Bettnachbarin, die in den Wirtschaftswunderjahren als Hutmacherin in Hamburg gearbeitet hatte. Vielleicht war aber auch Besuch für sie da, oder vielleicht telefonierte sie ebenfalls. Eine freundliche Person, die alte Hutmacherin, und der letzte Mensch, mit dem Mutter gemeinsam Zeit vorm Fernseher verbracht und gelacht hat.

Der nächste Tag, Montag, der 27. Dezember, beginnt ungemütlich, irgendwie geht alles schief. Seit Wochen liegt Schnee, nun wird es wärmer, Regen setzt ein und es beginnt zu tauen.

Weil ich zum Doc nach Gräfrath muss, um mein Rezept abzuholen, bin ich früh unterwegs. Ich hab ruckzuck nasse Füße, weil die Boots nicht mehr richtig dicht sind - fluchend verpasse ich den ersten Bus. Ich seh nur noch die roten Rücklichter, als er an der nächsten Ampel hält, ein schwerfälliges arrogantes Kastenwesen. Dann gibt es Gas, begleitet von hinterhältigem Geheul.

Weil ich keine Lust habe, zwanzig Minuten in der Nässe rumzulungern, bis der nächste Bus kommt, vergrabe ich die Hände in der Jackentasche und laufe weiter bis zur nächsten Haltestelle. Dann stehe ich da und warte. Vertrete mir die Beine, von einem Fuß auf den anderen stippelnd, zwanzig, dreißig Minuten geht das so, aber da kommt kein Linienbus.

Ein Lastwagen habe sich oben in Meigen quergestellt, höre ich endlich. "Der Bus kommt nicht durch." Ich könnte kotzen, so verärgert bin ich. Anstatt direkt zu Fuß in die Stadt gegangen zu sein und die 683 Richtung Vohwinkel/Gräfrath bestiegen zu haben, warte ich fast eine Dreiviertelstunde auf einen Bus, der nicht durchkommt, und hole mir nasse Füße. Nasse Füße sind ein großes Ärgernis.

Gegen halb elf bin ich zurück aus Gräfrath. Ich kaufe in der Innenstadt Mandelsemmel und Brötchen zum Einfrieren, wie jeden Montag. Weiter zum Discounter auf der Wupperstrasse, für ein paar Kleinigkeiten. Als ich den Kannenhof runtergehe, bepackt mit zwei Tragetaschen, ist es kurz vor elf und ich hab keine Ahnung, dass meine Mutter zehn Kilometer entfernt im Stadtteil Ohligs mit dem Tode ringt.

In der Lukas-Klinik erleidet sie kurz hintereinander zwei Herzinfarkte. Den ersten während gerade die Arzt-Visite stattfindet. Sie liegt im Bett, läuft blau an, röchelt, verliert das Bewusstsein. Weil Arzt und Schwestern im Zimmer sind, wird sie sofort reanimiert, schneller kann keine erste Hilfe sein. Sie wird sofort auf die Intensivstation gebracht, wo sie, laut Auskunft der Ärztin, ein weiterer "Rieseninfarkt" ereilt.

"Ihre Mutter hat uns keine Chance mehr gegeben. Sie ist uns unter den Händen weggestorben."

11:49 wurde als Todeszeitpunkt auf der Sterbeurkunde angegeben, die man Mutter auf dem Totenbett aufs Laken gelegt hatte, in Höhe der Fußknöchel – eine Uhrzeit, die nicht den Tatsachen entsprechen konnte, da unsere Mailbox bereits Punkt 11:30 den Anruf einer Intensivschwester aufzeichnete, ich möchte bitte umgehend zurückrufen.

Zur gleichen Zeit gehe ich bepackt wie ein Sherpa den Kannenhof runter, der immer noch nicht von Schnee geräumt ist, und da steht dieser PKW halb auf dem Gehweg. Überall ist es eng, wegen der vielen Schneehaufen, freie Parkflächen sind rar, am Kannenhof ist es besonders eng. Die Beifahrertür des Wagens steht weit offen und ragt auf den Bürgersteig, ohne dass der Fahrer im Wagen es bemerken würde, er ist mit dem Handschuhfach beschäftigt.

Ich schlängele mich seitlich am Wagen vorbei, bleibe dabei kurioserweise mit dem Innenfutter der offenen Jacke an der oberen Kante der Türe hängen. Erhitzt vom Einkaufen hab ich den Reißverschluss der Jacke aufgemacht. Für einen winzigen Moment steht die Jacke nun weit offen wie ein Zelt, es ist, als präsentierte ich mein Herz, es ist groß und geöffnet für diesen einen winzigen Augenblick.

Im Weitergehen, nachdem ich die Jacke von der Autotür befreit habe, denke ich so für mich, "Ja, was war das denn jetzt? Das ist mir ja noch nie passiert, in fünfzig Jahren Bürgersteig nicht", und lächle den Fahrer blöde an, der seinen Fauxpas mittlerweile bemerkt hat und entschuldigend nickt. In diesem Moment ist Mutter gegangen. ]]>
Tue, 25 Apr 2017 14:14:00 +0000
der goldene fisch : Gerald Koll : Das fünfzigste Jahr (194) http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12494 http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12494 25. April 2016, ein Sonntag

Fisch-Auktion in Tokio. Wir sind pünktlich, sehr pünktlich. D. war um 1:30 Uhr zu müde, um mitzukommen. Yutaka und ich stehen früh an der Pforte, werden eingelassen in eine Art Wartesaal, der sich füllt und überfüllt. Ein Sammellager. Manche reden, manche schlafen, alle kauern, lümmeln. So vergehen drei Stunden. Wenige können so munter bleiben wie Yutaka: Er wird nicht müde, seine Appartments zu bewerben. Dann sind drei Lebensstunden verstrichen, und für dreißig Minuten ist man Zeuge, wie gestiefelte Kerle eiserne Haken in vereiste Fischleiber schlagen, um deren Fettgehalt zu prüfen. Den Thunfischen fehlten Kopf und Flosse, die Rümpfe liegen in Reihe. Dann beginnt die Auktion. Die Auktionatoren singen lustiger als die amerikanischen Kollegen von der Rinderauktion. Sie singen weniger surrend-monoton, sie singen variabler und wippen dabei, aber was sie singen, versteht selbst Yutaka nicht.

Yutaka setzt mich an einer U-Bahn ab. Ich will das Besichtigungspflichtprogramm beenden, und das geht nur mit einer Ansicht des Berges Fuji. Ich will das Miststück jetzt auch gesehen haben wie alle Anderen. D. stößt dazu. Wir wandern von der Ortschaft Shimoyoshida auf einen Berg mit Pagode mit Fuji-Blick. Und ja, es ist ein weidlich ausschweifender, wohlgeformter, feinglasierter Berg, wenn das Wetter mitspielt. Es gibt womöglich bessere, nähere Aussichtspunkte. Dort tummeln Reisegruppen. Wir wandern, D. rastet, ich wandere weiter den Berg hinauf, finde im Fels einen kleinen Schrein, meditiere dort ein wenig. So ähnlich endete vor zehn Jahren der vorletzte Tag der Pilgerreise, oben an einem Berg bei einem einsamen Schrein. Damals schrie ich. Es war intensiver.

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Tue, 25 Apr 2017 11:47:22 +0000
rheinsein : Zons http://rheinsein.de/2017/04/25/zons/ http://rheinsein.de/2017/04/25/zons/ Platons Höhlengleichnis in der Zonser Variante als Schattenspiel am Kreismuseum

Zonser Verzweiflung: Maria Magdalena klammert sich ans Kreuz vor St. Martinus

Nicht nur farbliche Geschlossenheit herrscht in der Zonser Himmelsmetaforik

Ein plötzlicher Fuchs bevölkert den Blick von Zons in Richtung Rhein, der einst an die Stadtmauern der mittelalterlichen Festung reichte, mittlerweile jedoch einen halben Kilometer Abstand bevorzugt

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Tue, 25 Apr 2017 06:04:56 +0000
taberna kritika - kleine formen : 137 http://www.abendschein.ch/137-2/ http://www.abendschein.ch/137-2/ die innenausgabe meiner friendzone
tanzt während du schiesst

während ich streichel die katze
auf rätselhafter ebene

während ich streichel cosoco den
kannibalen in meiner friendzone

geschiehts und sie wächst
klein und schwer und immer sichtbar

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Tue, 25 Apr 2017 05:30:51 +0000
Die Dschungel. Anderswelt. (Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop) : III, 282 - Vor sechs Tagen http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/iii-282-vor-sechs-tagen/ http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/iii-282-vor-sechs-tagen/ Musik braucht er jetzt nicht, der Echsenpanzer, der ihm wächst, nicht jetzt. Der Körper selbst in einer Woche auf das Tara-Gewicht herabgesunken. Aber man weiß es nicht, man hat keine Waage. Daß er tagelang nur Flüssiges zu sich genommen, steht schon mal fest. Das blanke Schwert, auf dem er ruhte, der feste St(r)ahl, den die Nacht gezückt, während das Anwachsen des Panzers vergessen gewesen, und er schlafen konnte. Aber dann das Schwert. Das ihm dann dräute, plötzlich wieder aufzuzucken. Schneller als seine Beine es geschafft hätten, Reißaus zu nehmen. So entsteht Furcht. So entzückt Demut sich in Furcht. Und wandelt sich zum Gekreuzigten. Es ist sehr einfach. Zumal einem ein Panzer wächst.
Wovon man dann lebt, ist unerheblich. Zuvörderst von der Schwäche, die man verhätschelt. Der man zu trinken gibt. Mehr Körper ist kaum möglich als im Gefühl der Schwäche des Körpers. Nur der Kopf bleibt ausgenommen, dem die Schienen aber doch manchmal zuwachsen von Körpergestrüpp. Noch ist es nicht so undurchdringlich wie die seit Jahrzehnten brachliegenden Bahnschienen der Osthannoverschen Eisenbahn mitten durch die Felder, die Wälder, freigehalten nur die Bahnübergänge, auf denen nicht mehr die Gefahr besteht, von einem Zug überfahren zu werden. Fahrschüler, bade, was an Brust Dir noch geblieben, im Gestrüpp der Nacht, dem Beileibesein. Schlaf, der an Gaunerzinken hängenbleibt.
Folglich - eine Frage der Flüssigkeiten - kam ich wenigstens am Karsamstag wieder auf die Idee, mir Simon Rattles’ Matthäus-Passion-Aufführung anzusehen. Das war aber gleichgültig. Ich meine, die Wahl des Tages. Wichtig war, ich durfte mich gehen lassen - eine Frage der Flüssigkeiten. Es war nicht die Versöhnung (merkwürdiges Sohn-Etym (die zwei-drei Fotos, die ich als Jugendlicher von Ihm geschossen, zeigen lediglich eine Karikatur eines nicht ernst genommenen Menschen (das Wort trifft’s, so empfand ich ihn, als zu kurz gekommenen Menschen, als Vater nie))) in der Musik, sondern in den Gesten. Ein ähnliche Wirkung übt nur noch Pasolinis Evangelium auf mich aus. Kein religiöses Gefühl, obwohl man das Religiöse spürt. Da steckt es, sagt man sich. Und alles in einem sehr unschriftlichen Sinn.
(Zitatausklang von heute, dem 24.4.:
Weil diese Küchlein nicht gekaut, sondern geschluckt werden müssen, gleich denjenigen, so die Cosmische Familie zu Florenz in ihr Wapen aufnahm [Anm.: Die Medici in Florenz, von denen mehrere den Namen Cosimo trugen, hatten in ihrem Wappen Kugeln oder - dem Geschlechtsnamen entsprechend - Pillen.]; so sind sie nicht für den Geschmack gemacht. Was ihre Wirkungen anbetrift; so lernte bey einem ähnlichen Gefühl derselben Vespasian zuerst das Glück Deines Namens erkennen, und soll auf einem Stuhl, der nicht sein Thron war, ausgeruffen haben: VTI PVTO, DEVS FIO! [Anm.: Wie ich glaube, werde ich ein Gott. Ironischer Ausruf Vespasians, als er an einer Darmerkrankung starb.] - Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten)

III,281 <<<<

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Mon, 24 Apr 2017 16:50:24 +0000
Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen! : Mal zwischendurch was anderes, und zwar aus dem Bereich des Elitarismus und der Irrelevanz https://nwschlinkert.de/2017/04/24/mal-zwischendurch-was-anderes-und-zwar-aus-dem-bereich-des-elitarismus-und-der-irrelevanz/ https://nwschlinkert.de/2017/04/24/mal-zwischendurch-was-anderes-und-zwar-aus-dem-bereich-des-elitarismus-und-der-irrelevanz/ Der Schriftsteller Felix Philipp Ingold hat in der Neuen Zürcher Zeitung etwas zum Besten gegeben, über das ich auch lange schon nachgedacht, es mangels Fleißes aber nicht verschriftlicht habe. Warum auch, dachte ich immer wieder, interessiert ja doch keine Sau. Ingold erklärt jedenfalls, dass die kanonisierte (Welt-)Literatur ausgedient habe und die einzelnen Werke gegengelesen werden müss(t)en, um ihren literarischen Rang, wenn denn vorhanden, ganz individuell und aktuell erkennen zu können. Ja. Okay. Dann schreibt er noch, ich zitiere (direkt, um mir die schweißtreibende Arbeit der Umsetzung in den Konjunktiv zu ersparen): „Wo jeder als Künstler und alles als Kunst taugt, werden individuelle Autorschaft wie auch künstlerisches Vermögen unerheblich. Anstelle von nachhaltiger Kunst ist zeitgemässes Design gefragt: Schablone und Manier statt Eigensinn. Künstlertum (wenn nicht gar Genie) wird auch Nichtkünstlern umstandslos zuerkannt: Starköche, Starfussballer, Starmodels sind gleichermassen von einer künstlerischen Aura umgeben.“ Auch okay. So isses. Daraus leitet er ab, dass heutige Autoren ohnehin nicht in einen Kanon geraten werden und es Nachruhm ganz grundsätzlich nicht mehr geben wird können, so wie dies noch für zu ihrer Zeit wenig beachtete Autoren wie Kafka oder Musil galt. Jau, stimmt wahrscheinlich. Zum Ende seines Beitrags schreibt Ingold dann noch dieses, was direkt auf den literaturschaffenden Menschen gemünzt ist: „Wer noch einem Kunstbegriff nachhängt, der auf Können und Wollen angelegt ist, der zieht den naheliegenden Vorwurf des Elitarismus auf sich, der gemeinhin mit Überheblichkeit und Irrelevanz gleichgesetzt wird. (…) / Kein Autor darf in diesen Zeiten noch hoffen, irgendwann in postumer Zukunft in die kanonisierte Weltliteratur aufgenommen zu werden – der Shootingstar und vielfache Preisträger von gestern ist morgen wieder vergessen. Aber schon bald wird es wohl auch keinen mehr geben, der als «Klassiker» dem Schulbuch und der Ewigkeit angehören möchte.“ Tja, mmh, wer wollte je schon im Schulbuch landen? Aber abgesehen davon muss ich, der ich der ingoldschen Einschätzung in weiten Teilen zustimme, für meinen Teil deutlich niederschreiben, dass ich trotz der beschriebenen Situation weiterhin „nachhaltige Kunst im Sinne eines Kunstbegriffes“ betreibe, der auf „Können und Wollen“ angelegt ist, woraus folgt, dass ich meine Texte weiterhin nach den höchstmöglichen literarischen Kriterien beurteilt wissen will und nicht nach den quantitativen einen neoliberalen Marktes, für den dann doch bitteschön die passenden Autoren die passenden Texte für das passende Publikum liefern sollen. So weit, so bedenklich. Zum Ende noch dieses: Ich schreibe, also widerstehe ich. Es lebe der Elitarismus!


Die Klassiker haben ausgedient. Von Felix Philipp Ingold,

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Mon, 24 Apr 2017 13:54:06 +0000
Der SchneideRing : Onyxspiegel https://schneidering.de/20170424/onyxspiegel/ https://schneidering.de/20170424/onyxspiegel/ Mon, 24 Apr 2017 13:04:06 +0000 der goldene fisch : Gerald Koll : Das fünfzigste Jahr (193) http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12477 http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12477 24. April 2016, ein Sonntag

Im Bahnhof von Tokio steht neben mir auf einem Steig ein älteres Paar. Beide haben Fotoapparate. Beide fotografieren jedesmal, wenn ein Shinkansen-Zug einfährt, dessen imposante Schnauze. Der Shinkansen-Verkehr ist rege.

Mein Zug geht nach Nikko, ein beliebtes Ausflugsziel nördlich von Tokio. Im Waggon, in dem sonst, wenn überhaupt, diskrete Zwiesprache den Pegel deckelt, wird es plötzlich knäulig laut. Das ist eine italienische Reisegruppe. In Nikko steht der Toshogu-Schrein, darinnen befindet sich Weltkulturerbe mit den drei Affen (mit Pfoten vor Maul, Augen, Ohren), der Schrein der schlafenden Katze, fischfleischweiß getünchte Tore, viel Farbe, viel Gold, eine machtvolle Pracht, die mich zügig ermüdet. Um 10 Uhr bin ich da, um 13 Uhr wieder weg. Wie dringe ich durch den japanischen Panzer aus Tempeln, Schreinen, Reis, Udon, Budo, Kirschen und Kimonos? Sightseeing verblödet sehr schnell. Die Fahrten dazwischen sind erhellender. Zum Beispiel das Husten japanischer Männer. Ihre Lust am Abhusten. Es ist offenbar sehr mannbar, dieses Abhusten, das fast schon ein Erbrechen ist.

In der U-Bahn-Station warte ich auf D., sitze auf einer Treppe, verkrochen im Schutz meines Beobachtungs-Postens, registriere Schönheiten im Verfall: Fleischschwund am Wangenknochen … “ausmergeln”, auch so ein Wort. Oft zu beobachten: gehäkelte Krägen, lesende Menschen mit Büchern in Reclam-Format, aber schlanker und geschmackvoller. Papiermundschutzmoden.

Zwei Stunden später. Da kommt D. Wir fahren zu einem Hochhaus, darinnen in den 43. Stock, stehen mit Cocktails an einer Fensterfront und sehen von oben Tokio in den Abend dämmern. Um Mitternacht ins Bett. Der Wecker wird in eineinhalb Stunden klingeln. Wir wollen es wieder versuchen, nach zweimaligem Scheitern zum dritten Mal: zur Fisch-Auktion.

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Mon, 24 Apr 2017 10:43:38 +0000
schwungkunst.blog : die vögel 1 http://www.schwungkunst.de/wordpress/?p=6882 http://www.schwungkunst.de/wordpress/?p=6882 16.4., 19:31: von der Pohnsdorfer Stauung:
Trockenes Wetter, nette Leute.
Viele gut zu sehende Krick- und Schnatterenten, natürlich Stock- u. Reiherenten, Grau- und Kanadagänse, paar Graureiher, etliche Silberreiher (die immer weniger scheu sind anscheinend).
Ein Schwarm Bekassinen, Kiebitze und die ersten Rauchschwalben.
Ein Paar Rohrweihen. Kurz mal Seeadler.
Toll: ein Fischadler, sehr selten zu sehen, vermutlich auf dem Durchzug aus dem Winterquartier.
Singende Mönchsgrasmücken.

17.4., 12:37: aus der Schilkseer Au:
Kalt, aber gute Sicht.
Wunderbar viele Löffelenten, natürlich Stock-, Schnatter-, Reiher-, Schell- und Tafelenten. Grau-, Kanada- und diesmal auch Brandgänse. Keine Krickenten zu sehen.
Etliche Zwergtaucher, zweimal Rothalstaucher!
Herrliche Gesangsduelle der Mönchsgrasmücken.
Schwanzmeise.

(nach mails von kollege und genosse dr. jörg feldner)

links:

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Mon, 24 Apr 2017 10:09:14 +0000
der goldene fisch : Gerald Koll : Das fünfzigste Jahr (192) http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12458 http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12458 23. April 2016, ein Sonnabend

Es ist noch Freitagnacht, D. und ich kommen eben angetrunken aus dem Kyoter Vergnügungsviertel Ponoto-chô, das uns mit Sake über die Teepleite tröste sollte. Es hieß, dort würden Geishas wie Gespenster durch Gassen huschen, aber außer roten Papierlaternen sah ich nicht viel. Außer Vollmond. Und Jugendlichen, die bei Vollmond in den Fluss pissten. Vereinzelt fade Nutten. Aber ich wollte Sake, unbedingt Sake. Zwei Tücher an einer schmucklosen Hauswand schienen mir eben das zu signalisieren: eine Bar mit Sake. Es gab da auch Sake, aber drinnen wirkte alles sehr behelfsmäßig. Etwas unordentliche Gestalten saßen auf Klappbänken, als hätten sich ein paar Nachbarn zusammen eine Garage gemietet, um dort feierabends Sake aus- und einzuschenken. Das besorgte eine Wirtin mit mächtiger Schürze und unglaublich großen Flaschen. Alle kannten sich, keiner kannte uns. Da klemmten wir nun, zwei Beobachter und Beobachtung. Zwei Sake enthemmten, und ich ertrug es, ein weiteres Mal, wie schon so oft, von Umsitzenden beigebracht zu bekommen, wie man richtig mit Stäbchen isst. Ich kann mit Stäbchen essen. Aber natürlich nicht richtig. Also nicht japanisch korrekt. Als nach der Dressur die Nudel im Mund landete, spendete die Dame am Nachbartisch Applaus.

Abends. Kyoto hielt uns doch noch diesen ganzen Tag. Kyoto im Weekend. Wer auf sich hält, flaniert in Kimono in Tempeln, Schreinen und Gärten. Trinkt Tee. Klappert auf Holzsohle. Knipst. Eine Yukata für Frau S. erstanden, immerhin. Meine Gedanken schweifen Richtung Rückflug. Mit dem Zug zurück nach Tokio. Wir kamen wieder bei Yutaka unter, aßen Ramen.

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Sun, 23 Apr 2017 19:28:27 +0000
Der SchneideRing : Von der Kunstverdrossenheit der Gesamtbevölkerung am Beispiel des gemeinen Fahrgastes öffentlichen Nahverkehrs https://schneidering.de/20170423/von-der-kunstverdrossenheit-der-gesamtbevoelkerung-am-beispiel-des-gemeinen-fahrgastes-oeffentlichen-nahverkehrs/ https://schneidering.de/20170423/von-der-kunstverdrossenheit-der-gesamtbevoelkerung-am-beispiel-des-gemeinen-fahrgastes-oeffentlichen-nahverkehrs/ Sun, 23 Apr 2017 15:58:24 +0000 isla volante : mondsüchtig http://feedproxy.google.com/~r/volante/~3/koV-Wx-B0Qg/ http://feedproxy.google.com/~r/volante/~3/koV-Wx-B0Qg/

sonntag ruhetag

der mond dreht sich weiter um die erde

der kaffee wird warm serviert

ein gezeitenkraftwerk ist ein wasserkraftwerk, das potentielle und kinetische energie aus dem tidenhub des meeres in elektrischen strom wandelt. gezeitenkraftwerke entnehmen ihre energie letztlich der erddrehung mit hilfe der anziehungskraft des mondes und der sonne auf die erde

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Sun, 23 Apr 2017 08:14:11 +0000
litblogs.net - Wochenspiegel : Kurztitel & Kontexte bis 2017-04-22 http://www.litblogs.net/kurztitel-kontexte-bis-2017-04-22/ http://www.litblogs.net/kurztitel-kontexte-bis-2017-04-22/
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    Sat, 22 Apr 2017 22:24:00 +0000
    particles : von rechenkernen http://andreas-louis-seyerlein.de/air/von-rechenkernen/ http://andreas-louis-seyerlein.de/air/von-rechenkernen/ 9

    lima : 18.12 UTC – Apfelkern. Mandelkern. Rechenkern. – Ich stellte mir vor, wie ich mit feinsten Werkzeugen einen Kirschkern öffne, wie ich in der Kirschkernhöhle ein gefaltetes Blatt Papier ablege, auf dem mit kleinsten Schriftzeichen ein Gedicht verzeichnet wurde. Wie ich nun den Kern verschliesse, wie ich ihn zurücklege in seine Frucht, wie ich jetzt zufrieden und glücklich bin. – Oder die Vorstellung der Rechenkerne eines Prozessors. Wie ein oder zwei Romanentwürfe möglicherweise heimlich in ihren Registerwerken versteckt sein könnten, kuriose Idee. Das habe ich mir ausgedacht, weil ich gestern Abend hörte, dass Rechenkerne für mathematisch-logische Spracheindrücke zu jeder Zeit empfänglich sind. Darüber sollte unbedingt weiter nachgedacht werden. – stop
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    Der Beitrag von rechenkernen erschien ursprünglich auf andreas louis seyerlein : particles.

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    Sat, 22 Apr 2017 17:57:06 +0000
    Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus : Jetzt musst du es machen, Glumm http://500beine.myblog.de/500beine/art/10231249 http://500beine.myblog.de/500beine/art/10231249
    "Was..? Richard Brautigan??"

    "Ja. Er hat sich erschossen, in seinem Haus in Kalifornien, mit ner 44er Magnum. In den Kopf. Ist wohl schon letzten Herbst passiert. Jedenfalls wäre er heute fünfzig geworden. Hab ich im Autoradio gehört."

    "Ach du Scheiße.. Das wusste ich nicht."

    Ich nahm einen Schluck Bier.

    "Brautigan ist tot.. Du Scheiße. Gibts doch gar nicht.. Warum?"

    Linus hatte große Kulleraugen und raspelkurzes Haar, wodurch seine Augen noch größer wirkten, wie Auftaktsiege.

    "Warum der sich erschossen hat?" fragte er.

    "Ja."

    "Weiß nicht. Hat er mir nicht gesagt."

    Er stieß mit mir an.

    "Auf Brautigan. Auf seinen Fünfzigsten."

    "Ja..", sagte ich verstört.

    Ich war wie betäubt. Brautigan war tot. Ich kannte seine Bücher noch nicht sehr lange, und es war Linus gewesen, der mich darauf gebracht hatte. Linus, der immer einen Geheimtipp auf Lager hatte. Wir liebten beide die Amerikaner und ihre Art, das Leben zu schreiben. Das lebendige, das unverkopfte. Ich lieh ihm einen meiner Favoriten, John Steinbecks legendären Loser-Roman "Die Straße der Ölsardinen".

    Linus verliebte sich so sehr in das Buch, dass er, je länger er darin las, immer langsamer wurde, um das drohende Ende hinauszuzögern. Für die letzten beiden Seiten benötigte er geschlagene zwei Monate. Jeden Abend gönnte er sich wenige Sätze. Für den letzten Absatz brauchte er 14 Tage. Als er das Buch endlich zuklappte, weinte er.

    “Jetzt ist nur noch Hank übrig”, sagte ich deprimiert, und Linus nickte.

    Jetzt war nur noch Bukowski unter den Lebenden.
    Brautigan und Bukowski waren unsere Helden gewesen in einem Meer aus Scheiße, plus John Fante, aber der war schon lange tot. Ihre Bücher machten Mut, dass es auch anders ging. Dass es einen Versuch wert war, so zu schreiben, als hätte das Herz eine Füllerkappe. Einen Boxhandschuh. Ein Reinheitsgebot.

    Oder einfach gute Laune.

    "Jetzt musst du es machen, Glumm", meinte Linus.

    Ich sah in sein Gesicht und versuchte irgendwelche Anzeichen von Ironie zu entdecken, oder Verhohnepiepelung wenigstens, doch es war nichts zu sehen.

    Mir brach der Schweiß aus. ]]>
    Sat, 22 Apr 2017 17:56:00 +0000
    Tainted Talents (Ateliertagebuch.) : Farah Days Tagebuch, 52 http://taintedtalents.twoday.net/stories/anvertrauen/ http://taintedtalents.twoday.net/stories/anvertrauen/ Samstag, 22. April

    Anvertrauen

    Früher einer der aufregendsten Impulse in meiner Welt. Auch einer der aufwändigsten.
    (Stopp. Wollte doch niemals das Wort »früher« schreiben. Macht grau.)
    Im Laufe der Jahre sind wir viele geworden, vertrauen uns einander an, beobachten unsere Reaktionen, werden abhängig von ihnen. Nicht mehr der Akt selbst ruft das stärkste Gefühl hervor, sondern der Effekt, den er online erzielt.

    Draußen Glockengeläut. Lockruf der Kirche. Doch sie kommt nicht gegen all die anderen Köder an. Effekthascherei läuft über pics and tunes these days, nicht über Bronze.

    Der Poet am wenige Meter entfernten Schreibtisch singt die Oper mit, die leise aus seinen Kopfhörern dringt; seine Finger tänzeln über der Tastatur. Im Verlauf einer Stunde schreibt er schätzungsweise die fünffache Menge an Text wie ich, während meine Wörterburgen in den letzten Jahren eine nach der anderen die Brücken hochziehen. Wo ist meine Dringlichkeit hin? Das Anvertrauenwollen?

    „Früher...“
    „- Stopp!“

    Beim Schreiben verrinnt mir die Zeit, während ich nach reifen Gedanken und Formulierungen ausgreife, beim Malen indes wallt sie grandios um mich herum auf, als erfände ich sie neu.
    In der Arbeit mit Tusche und Papier geht es nicht um mich... vielleicht liegt’s daran. Ich male, was andere bereits vor mir gemalt haben, meine Motive nehmen keine Gegenwart für sich in Anspruch, sind weder zeitgenössisch noch veraltet, es gab sie schon immer und gibt sie weiterhin und ich male sie.
    Meine Pinsel, Papier, das Wasser, die schwarze Tusche.
    Seltsam, im Gegensatz zum Schreiben, bei dem mir immer ein Kobold im Ohr sitzt und mich auslacht, wenn ich Sätze hinschreibe, die schon tausendfach irgendwo anders notiert wurden, ist es gerade die Stärke der Tuschemalerei, dass sie nicht individuell sein will, sondern universell. Sagt mein Gefühl.
    Im Grunde könnte ich jahrelang das gleiche Motiv malen und hätte wohl kein Empfinden von Falschheit. Vielleicht würde mir eintönig, vielleicht aber auch nicht ... und vielleicht käme mit der Beschränkung auf ein einziges Motiv auch die Chance, die Fixierung auf Ergebnis und Originalität mal auszublenden.

    Ich suche nach einer Entfesselung vom Ego, möchte fließen wie meine Tusche. ]]>
    Sat, 22 Apr 2017 17:31:00 +0000
    Guido Rohms gestammelte Notizen : DU KUNST MICH MAL Folge 11 https://guidorohmsgestammeltenotizen.wordpress.com/2017/04/22/du-kunst-mich-mal-folge-11/ https://guidorohmsgestammeltenotizen.wordpress.com/2017/04/22/du-kunst-mich-mal-folge-11/
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    Sat, 22 Apr 2017 14:41:06 +0000
    Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen! : Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman). Kapitel 11: Adam und Cara https://nwschlinkert.de/2017/04/22/norbert-w-schlinkert-ankerlichten-oder-des-herrn-daubenfusses-rache-roman-kapitel-11-adam-und-cara/ https://nwschlinkert.de/2017/04/22/norbert-w-schlinkert-ankerlichten-oder-des-herrn-daubenfusses-rache-roman-kapitel-11-adam-und-cara/ Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

    Kapitel elf:

    Adam und Cara

    Natürlich hat jeder Junge von einem gewissen Alter an verbotene und verstörende Gedanken, die ganz und gar danach aussehen, als seien sie ihm vom Teufel eingegeben worden. Es gilt dagegen anzugehen. Ein Adam Bernd aus Breslau kämpft Ende des 17. Jahrhunderts gegen die Anfechtungen, indem er auf dem Rücken liegend auf seinen eigenen Händen einzuschlafen versucht. Die Arme werden natürlich taub, noch bevor er einschläft. Hätte er es sich nur getraut, so würde er seinen Lehrer Martin Hanke, Rektor des Elisabeth-Gymnasiums, oder, wenn er in der Neustadt vor den Toren Breslaus im Haus des Predigers Andreas Acoluth nächtigte, diesen gebeten haben, ihm vor dem Schlafengehen die Hände zu binden. Doch würde solch eine Bitte nicht erst recht beweisen, wie besessen er war vom Gedanken an die Fleischeslust? Zwar hatte ihm Acoluth schon einige Male kaum verklausuliert von dieser Sünde gesprochen und ihm versichert, Gott selbst vergebe sie, man müsse sich nur inbrünstig an ihn wenden, dies merke ja auch Martin Luther im Kleinen Katechismus an, doch diesen Hinweis empfand Adam keineswegs als Trost, ganz im Gegenteil. Die Gier und Wollust, die ihn oft tagsüber und besonders des nachts überfiel, war ihm weiterhin nicht geheuer, Gebete hin oder her. Es war, als würde eine fremde, teuflische Macht seine Gedanken und seine Hände lenken. Häufig genug hatte er nachgeben müssen, ängstlich darauf bedacht, daß keiner seiner Kameraden im Schlafsaal etwas mitbekam, und war mit Gewissensbissen eingeschlafen und auch wieder aufgewacht. Er bat Gott oft auf Knien, ihn von der Wollust zu befreien, ihn nicht zu strafen mit Verdammnis und Unheil, denn war ihm von Gott nicht so manche Wohltat erwiesen worden, durfte er nicht das Gymnasium besuchen und Sprachen und Mathematik lernen, statt als Kohlgärtner, wie seine Eltern und seine Schwestern, dereinst seine Tage beschließen zu müssen? Das Gute und Schöne konnte ihm, das wußte er, Gott wieder nehmen! Das sagte auch Acoluth in seinen Predigten.

    Neuerdings zog es ihn außerdem auch noch in die Schenken und zu den Bühnen, auf denen derbe Schwänke zum besten gegeben wurden. Sicher, er disputierte im Wirtshaus mit den Andersgläubigen, und das mochte eine gute Sache sein, doch er trank auch mit den Schulkameraden so manchen Krug Bier, spielte Karten, ging Kegeln, so wie er überhaupt einen Hang zu den Mitteldingen besaß. Diese Neigung verurteilte Acoluth, dem die Verehrung seiner Eltern und die seiner Geschwister galt, zwar nicht in Bausch und Bogen, hielt sie aber bei einem zukünftigen Prediger, denn als einen solchen sah er Adam, für unangemessen. So kämpfte die Einsicht des Verstandes mit der Wollust und der Verderbtheit seines Leibes, ohne daß die Dämonen sich vertreiben ließen.

    Zu allem Überfluß war da auch noch Cara. Sie sprach nicht viel und schien vor allem möglichen Angst zu haben, besonders vor der Acoluthin, der alten und kranken Mutter des Hausherrn, und selbst wenn sie etwas sagte, so klang es müde und schleppend und irgendwie fremdländisch. Wenn sie ihn wenigstens offen anblicken würde, dachte Adam, meinethalben auch frech wie so manch andere, doch sie blickte immer zu Boden oder an ihm vorbei. Eines Morgens jedoch, Adam hatte im acoluthschen Haus übernachtet und war früh aufgestanden, um den Prediger in die Kirche zu begleiten, huschte sie kaum bekleidet dicht an ihm vorbei über den Gang in ihre Kammer. Die Türklinke in der Hand warf sie den Kopf herum und blickte zu Adam hin wie ein scheues Reh. Adam stand wie vom Donner gerührt. Eine Gier nach diesem fremden Leib, die sich als eine Art Kitzel in ihm ausbreitete, hinter den Augen und im Kehlkopf und dann noch in seinem Unterleib, dort ganz besonders, lenkte ihn, als führe ihn die Verderbtheit selbst an Schnüren wie eine Marionette, zu Caras Kammer. Er hatte schon die Hand auf der Klinke, als Herr Acoluth von unten herauf nach ihm rief, es sei an der Zeit aufzubrechen. Adam erschien dieser Moment später, als löse ihn das Rufen des Predigers aus den Fängen des Teufels.

    Ausgerechnet an diesem Morgen sprach Acoluth in seiner Predigt in St. Salvator vor dem Schweidnitzer Tor von den Anfechtungen. Schlagen wir der einen den Kopf ab, sprach er laut zu seiner kleinen Gemeinde in der großen Kirche, wachsen zwei dafür nach, doch Gott weiß, wie wir dem zu begegnen haben, mit Einkehr und mit Buße. Adam, der, wie es seine Gewohnheit war, ganz hinten im Halbdunkel an einen Pfeiler gelehnt stand, fühlte tief in seinem Innern den Zwiespalt von Leib und Seele, oder den von Leib und Verstand, wie auch immer. Nach der Frühmesse ging er zum Unterricht ins Gymnasium, doch viel war an diesem Tag nicht mit ihm anzufangen, das Bild der unter dem Tuch deutlich sichtbaren mageren Brüste Caras, besonders aber ihr nackter Hintern, ließ ihn immer wieder in Tagträumereien versinken, aus denen er mehrmals erst erwachte, als die Klassenkameraden auflachten und der Lehrer vor ihm stand. Gott jedenfalls, das führte Adam sich immer wieder zu Bewußtsein, war seitdem allzu fern, wenn Cara irgendwo im acoluthschen Haus auftauchte und der Teufel mit unverkennbarer Gewalt in ihn fuhr. Das geschah oft, denn nun saß Cara zu allem Überfluß auch noch fast täglich für ein oder zwei Stunden im selben Raum, in dem Adam las und schrieb oder mit Acoluth Bibelstellen diskutierte, denn sie hatte einfache Lektionen im Schreiben, Lesen und Rechnen bekommen, damit sie mehr Aufgaben im Haus übernehmen könne. Natürlich wurde Adam gebeten, dem Mädchen zu helfen. So war es kein Wunder, wenn Adam sie nicht aus seinen Gedanken vertreiben konnte, ja manchmal ertappte er sich sogar dabei, wie er unwillkürlich ihren Namen hersagte.

    Adam war nun in seinem sechsten Jahr auf dem Elisabeth-Gymnasium in Breslau. Es war seiner eigenen Beharrlichkeit und der Hilfe seines Bruders Johann zu verdanken gewesen, daß er überhaupt diese Schule besuchen durfte, denn seine Eltern wären wohl kaum auf den Gedanken gekommen, ihren Nachzügler für Höheres zu bestimmen. Dem Rektor Martin Hanke fiel der Knabe bei seinem Eintritt in die Schule sofort auf, allerdings weniger wegen seines Fleißes als vielmehr seiner eigentümlichen Bauernschläue wegen, die sich vor allem in einer oft klugen Beredsamkeit zeigte. Adam war in Siebenhufen, der südwestlichen Vorstadt Breslaus, zu lange Jahre unter Kohlgärtnern gewesen, als daß er sich gehobener Sitten selbstverständlich hätte befleißigen können, das war Hanke, der neben Geschichte, Ethik und Politik eben die Beredsamkeit lehrte, und auch den anderen Lehren klar. Adam zeigte sich jedenfalls keineswegs gehemmt und war bei jeder Disputation vorne dabei und immer wohlunterrichtet, auch über die Argumente der Gegner, so als sei das Disputieren in der Schule nicht nur als ein Exempel zu sehen, sondern entscheidend für das Geschick Breslaus, Schlesiens oder gar der ganzen Welt. Oft allerdings war er allzu verbissen und mißachtete oder überhörte die Friedensangebote der Gegner, ja er versuchte manches Mal, sie lächerlich zu machen mit einer letzten, scharfsinnigen Bemerkung, auf die sich kaum mehr antworten ließe. Bei den Disputen mit Andersgläubigen in den Schenken fiel er zudem oft von fürchterlichem Ernst urplötzlich in die lustigste Stimmung, was ihn unberechenbar erscheinen ließ. Selbst seine Schulkameraden zogen die Stirn in Falten, wenn er dieses Verhalten an den Tag legte. Daß er oftmals in einer lustigen Runde ebenso plötzlich sehr ernst wurde, war weit weniger auffallend. Dann brachte Adam, während alles sich noch vor Lachen bog, seine Argumente nicht ohne Anstrengung in die gewünschte Ordnung und prägte sich diese ein. Er folgte damit einem unwiderstehlichen Drang, denn er mußte den Gegnern die Unglaubwürdigkeit ihrer Argumente zu beweisen suchen, unbedingt, und wenn nicht sofort, dann eben zu einem späteren Zeitpunkt.

    Er galt also mehr oder weniger als ein guter Disputant, so daß es dann umso mehr auffiel, als es mit seiner Schlagfertigkeit urplötzlich nicht zum besten bestellt war, er die Argumente der Gegner falsch zusammenfaßte, ihnen unklar antwortete, ja manchmal sogar viel zu viel trank und dann gar nichts mehr Vernünftiges herausbrachte. Er selbst wußte allerdings am besten, warum er kaum noch einen klaren Gedanken fassen konnte, und auch in dieser ganz und gar sein Gemüt beherrschenden Angelegenheit mit Cara schwankte er hin und her, nämlich zwischen der Freude über sein offensichtliches Verliebtsein und der Angst, eine Sünde zu begehen, die er keinesfalls wieder gutmachen konnte. Er wußte aber nicht einmal genau, wie es dazu gekommen war, wie das Verliebtsein in ihn gefahren ist. Sollte es etwa nur dieser zufällige Moment an jenem Morgen gewesen sein, überlegte er, kam aber zu keinem Ergebnis. Mit einem Freund darüber zu reden würde ihm womöglich geholfen haben, leider aber hatte er über die Jahre zwar immer Kameraden an seiner Seite, jedoch keinen wirklichen Freund, mit dem er alles bereden konnte. Seinem Bruder Johann vertraute er einmal an, es gäbe ja viele hübsche Mädchen in Breslau, besonders eines, doch der knuffte ihn nur in die Seite und machte eine Bemerkung, dann sieh mal zu, sagte er lachend, daß die Sache nicht wie das Hornberger Schießen ausgeht, was Adam aber nicht verstand. Als er später einen Lehrer fragte, was es denn auf sich habe mit diesem Schießen, ärgerte er sich über die Maßen, denn warum wußte Johann, der doch nur Kretschmar war, solche Dinge, und er nicht! Und was überhaupt die dumme Anspielung sollte, das fragte er sich auch.

    Eines Abends im Frühjahr, Adam saß am Hebräischen, während Cara mit dem römischen Alphabet und einfachen Sätzen kämpfte, wurde Acoluth zu einem Sterbefall gerufen. Er bat Adam, Caras Versuche zu korrigieren. Er hatte ihr schon öfter helfen sollen, doch immer war der Prediger im Zimmer gewesen oder wenigstens im Haus. Nun aber würden sie allein sein, niemand würde es wagen einzutreten, dachte Adam, außer der alten Mutter des Predigers, doch die konnte ja ohne Hilfe keinen Schritt tun. Ob der Herr Acoluth etwas ahnte, überlegte Heinrich weiter, und trotzdem die Stunde nicht beendete und sie allein ließ? Doch konnte das sein? Er wartete, nachdem der Prediger die Haustür hinter sich zugeworfen hatte, noch eine Weile klopfenden Herzens und auf sein Buch starrend, sich sogar zwingend, von Zweihundert auf Null herunterzuzählen, langsam tat er es, wie eine Bußübung, Zahl um Zahl, um dann endlich aufzustehen und neben Cara zu treten, die gesenkten Blickes über ihrem Blatt saß. Er überflog, sich ein wenig niederbeugend, die einfachen Sätze und sah sofort, daß alles richtig geschrieben war, etwas ungelenk vielleicht, aber richtig. Das hast Du gut gemacht, Cara, sagte er, worauf sie den Kopf herumwarf und schräg zu ihm heraufblinzelte. Das ging ihm durch und durch, wie ein Blitz, sie freute sich und strahlte ihn an, und da war ihm plötzlich, als ob sein rechter Arm sich wie von selbst hob, seine Hand sich wie von selbst auf den Scheitel Caras legte und bis in den Nacken fuhr, dann tat sie es noch einmal und noch einmal, seine Hand, gegen die Cara sich streckte wie ein Kätzchen, ganz leicht nur, in kleinen Stößen. Ein wohliger Schauer zitterte ihm durch den Leib bis in den Kopf, dann sagte er heiser, sie könne gehen, die Stunde wäre zuende. Hochrotglühend blieb Adam zurück in der Stube, bevor er endlich seine Bücher zur Seite räumte und sich auf den Weg zum Gymnasium machte. Er brauchte jetzt dringend frische Luft, und dann würde er sich mit seinen Kameraden noch einen schönen Abend machen!

    Im Hause Acoluth war Adam nun schon lange ein gern gesehener Gast. Der Prediger stellte seit Jahren immer einem oder sogar zwei Gymnasiasten eine Kammer zur Verfügung, um sie, durch Gespräche und Unterricht, auf das Theologiestudium vorbereiten zu können. Sein Experiment mit zwei Knaben aus der Nachbarschaft, davon hatte er Adam kürzlich erst erzählt, der eine Sohn einer Magd und eines Soldaten, der andere der eines alleinstehenden Krämers, beide Georg geheißen, war vor einer Weile allerdings gründlich schiefgegangen, denn sie wurden wegen Ungehorsam und Diebstahl wieder dem Gymnasium verwiesen, in das sie auf Acoluths Empfehlung erst kurz zuvor eingetreten waren. Nun halfen sie in der Küche und kümmerten sich auch um die Schweine, Adam habe die Beiden sicher schon einmal bemerkt, zu mehr seien sie leider nicht zu gebrauchen.

    Es war Rektor Hanke gewesen, der Acoluth, mit dem er seit langem Freundschaft pflegte, Adam Bernd dann als neuen Eleven vorschlug, ein ruhiger und vernünftiger, wißbegieriger und fleißiger Knabe, wie er versicherte, so daß Adam tatsächlich umstandslos und von heute auf morgen seine kleine Kammer unter dem Dach des acoluthschen Hauses bekommen hatte, die recht geräumig, jedoch keineswegs sehr hell war, denn das Fenster der Kammer ging zur Stadtmauer hinaus, die direkt hinter den Ställen und einigen kleinen Nebengebäuden dunkel in den Himmel wuchs, von dem somit nicht viel zu sehen war. Außer einem Tisch und einem Stuhl war zunächst nicht mehr darin als eine mit frischem Stroh gefüllte Matratze und ein kleiner Ofen. Inzwischen befanden sich dort aber fast alle seine kleinen Besitztümer, eine feine, bestickte Kappe und ebenso feine Tücher, die er immer dann trug, wenn er des Abends ausging, auch wenn das eitel sein mochte, und natürlich auch einige Bücher, besondere Schätze, teilweise von Hanke geliehen, etwa die erste Ausgabe der Lustigen und Ernsthaften Monats-Gespräche, eine Zeitschrift, die ein gewisser Christian Thomas herausgab, in der anregende Diskurse zu finden waren, alles auf deutsch und sehr lebensnah. Zum Lernen des Französischen war ihm von Hanke der Roman La Princesse des Clèves zugestanden worden, er dürfte ihn aber, gab er ihm zu verstehen, keinesfalls einem seiner Kameraden zu lesen geben und selbst besonders darauf achten, wie sehr die Prinzessin hin- und hergerissen sei zwischen Vernunft und Leidenschaft. Er las den Roman bald sogar zum zweiten Male, denn er hatte beim ersten Mal nicht einmal die Hälfte verstanden, wie er sich eingestehen mußte.

    Adam wußte sich damals jedenfalls, als er vom Prediger hinaufgeleitet wurde, vor lauter Freude kaum zu beherrschen, denn dies war nun allein sein Reich, das er nicht mit Kameraden teilen mußte, wie dies im Schlafsaal der Schule der Fall war. Wie oft war er nicht schon aus dem Schlaf gerissen worden, entweder durch freche Späße oder, weit öfter, durch Albträume eines der Knaben, durch Zappeln, Stöhnen und sogar durch Schreie, ja einmal war einer aufwachend aus dem oberen Bett gestürzt und hatte sich den Arm gebrochen. Der Teufel sandte diese Träume, das schien ihm sicher, doch nie hatten mehrere gleichzeitig einen üblen Traum ­– es mußte also den treffen, überlegte er, dessen Sünde am schwersten wog, den Knaben, den der Satan am leichtesten ergreifen konnte. Auch er selbst hatte ja oft schlechte Träume, vor allem wenn er viel an die Mädchen dachte und nicht nur jedem Rock hinterherschielte, sondern es auch einzurichten wußte, einen Blick auf die Beine zu erhaschen, indem er sich dort aufhielt, wo sie die Röcke heben mußten wegen des Kots auf den Wegen der Vorstädte. So etwas reizte den Teufel ganz besonders.

    Adam träumte indes nie von den Mädchen, sondern oft, wie er etwa hastig den Ofen mit Holz befeuerte, um nicht erfrieren zu müssen, worauf aber die Flammen herausschlugen und auf alles übergriffen, bis er selbst in Flammen stand, die er, wild um sich schlagend, zu löschen versuchte. Oder es war ihm, als müsse er ertrinken, weil er von einem Boot aus in die Oder gesprungen war, ganz freiwillig, obwohl er nicht schwimmen kann. Er wachte dann immer schweißgebadet auf und dachte lange darüber nach, warum er lachend ins Wasser springt, wenn es ihn doch sein Leben kosten konnte. Irgendwie mußte ihn das glitzernde Naß angezogen haben, zuerst war es ja auch köstlich und erfrischend, er ließ sich sogar ein wenig von der Strömung treiben und ging zu seiner eigenen Überraschung nicht unter, bis ihn aber mit einem Male etwas hinunterzog, ganz plötzlich. Die Kameraden im Boot riefen ihn ängstlich, streckten ihm die Hände entgegen, einer ruderte wie besessen, und das war das letzte, was er sah, ja, er dachte im Traum, das fiel ihm später wieder ein, daß er von Gottes Welt zuletzt nun dies sehen durfte, das kleine Ruderboot mit dem Rudernden, nur Rücken und Arme ohne Kopf, und Hände, viele Hände, die sich ihm entgegenstreckten, ohne ihn erreichen zu können.

    So oft es möglich war übernachtete Adam im Haus des Predigers. Einen ruhigen Schlaf fand er aber auch dort in der Vorstadt schließlich nicht mehr, vor allem der zunehmenden Schwäche und Krankheit der Acoluthin wegen, der nunmehr ans Bett gefesselten und immer hinfälliger werdenden Mutter des Hausherren. Niemand konnte es ihr recht machen, nur wenn ihr Sohn an ihr Bett trat, wurde sie ruhiger, ging in sich und betete. Sonst aber jammerte und jaulte sie Tag und Nacht, beschimpfte jene am meisten, die ihr am ehestens helfen konnten, die sie fütterten, ihr den Nachttopf unterschoben, sie wuschen und die durchs dauernde Liegen auftretenden Wunden versorgten. Zur Hölle sollst Du fahren, schrie sie fast jeden an, der ihr nur zu nahe kam, selbst den Medicus, der aber als einziger darüber lächelte und sie ansprach wie eine gesunde Frau, die er allein der Höflichkeit halber besuchte. Die Mägde und der Hausknecht jedenfalls reagierten, was Wunder, verstört auf das Verhalten der früher so vornehmen und strengen Frau. Ein weiterer Schlagfluß aber raubte der Alten bald die Sprache, doch richtete dies bei der armen Frau innere Schäden an, so daß es bald nur so aus ihr herausfloß, wie der Arzt es einmal leise einer Magd gegenüber formulierte. Es stank tatsächlich nun wie die Hölle im ganzen Haus, und einmal hörte Adam, wie der Medicus dem Sohn riet, der Sterbenden nur noch zu trinken zu geben. Dieser wies das empört von sich, stimmte aber wenigstens dem Vorschlag zu, Weihrauch abzubrennen, nicht der Kranken, sondern der Hausbewohner wegen.

    Trotz alledem zog es Adam meist vor, im acoluthschen Haus zu nächtigen, in dem der Prediger den Alltag immerhin so gut aufrecht zu erhalten wußte, daß er ihn weiterhin unterrichten konnte und selbst Cara nicht vergaß mit ihrem Alphabet und den einfachen Rechenaufgaben. Schrie die Acoluthin unten aus ihrem Zimmer unartikuliert und völlig unverständlich ins Haus hinein, schloß ihr Sohn für einen Moment die Augen, murmelte wohl auch ein kurzes Gebet, sprach dann aber weiter und erklärte Adam wie immer geduldig die Besonderheiten des Hebräischen oder vertiefte die Frage der Rechtfertigung. Jeder verrichtete so weiter still seine Arbeit, und es würde wohl in diesen Tagen nichts Berichtenswertes geschehen sein, wäre Adam nicht eines Nachmittags um das Haus herum zu den Ställen gegangen. Er war direkt von der Schule hergekommen und zu früh dran. Er trödelte herum, gab den Pferden alte, verschrumpelte Äpfel zu fressen, scheuchte die Hühner ein wenig vor sich her, und was ein junger Mann sonst noch aus Langeweile tun mochte. Plötzlich jedoch traf ihn ein Stein am Kopf und ein weiterer am Rücken. Erschreckt fuhr er herum, und da erkannte er die beiden Georgs, die ihn vom Dach des Stalles aus bewarfen. Wen haben wir denn da, rief einer der Beiden, ist das nicht der schöne Adlatus unseres hochverehrten Herrn Predigers! Noch bevor Adam ins Haus fliehen konnte, sprangen sie bereits vom Dach herunter. Der eine landete vor, der andere hinter ihm. Ein kurzer Hieb auf die Nase, urplötzlich, nicht einmal die Hände hatte Adam zur Abwehr hochreißen können, ebenso plötzlich von hinten eine Kopfnuß, dann das selbe noch einmal, nur andersherum, weil Adam sich zu dem hinter ihm Stehenden herumdrehte. Es ging alles sehr schnell und wortlos vor sich, dem Fliehenden wurde ein Bein gestellt, schon folgte ein Tritt in den Magen, ein weiterer Hieb noch ins Gesicht, er schmeckte Blut, dann floh Adam in Richtung Küche, stolperte, rappelte sich wieder hoch und sprang endlich die wenigen Stufen hoch. Die Köchin, eine recht korpulente Polin, drückte ihm einen Lappen in die Hand, ging hinaus und beschimpfte die beiden Kerle in ihrem eigenartigen Deutsch, die sich dafür mit obszönen Reden und Gesten bedankten und schließlich lachend irgendwohin verschwanden. Das Ganze hatte kaum zwei Minuten gedauert.

    Acoluth, eben eingetroffen, fand Adam in der Küche. Die Köchin berichtete, während Adam mit dem blutigen Tuch unter der Nase gesenkten Kopfes am Tisch saß, was geschehen war, dann nahm er den Jungen mit hinauf. Cara, die ihn ganz erschrocken ansah, bekam ihre Aufgaben, indes der Prediger seinen Schüler in ein im hinteren Teil des Hauses gelegenes Zimmer zog, in dem die weltlichen Bücher ihren Platz hatten, mehrere hundert an der Zahl. Er wird doch nicht mich, überlegte Adam ängstlich, für die Sache verantwortlich machen, denn was hätte ich denn tun sollen gegen die zwei? Acoluth riß das Fenster auf, denn auch hier hatte sich der üble Geruch festgesetzt, und ging dann noch einmal hinunter, um einen Kräuteraufguß und Gebäck zu bestellen. Als er wieder eintrat, begann er ohne Umschweife, Adam vor verderbten Menschen zu warnen, wie diese zwei Burschen es waren, auf die er einst, das habe er Adam ja schon einmal angedeutet, große Stücke gesetzt hatte, das bekenne er offen, die sich dann aber selbst zugrunde gerichtet hätten. Ja, Adam, fuhr er nach einer Pause fort, auch ich trage eine Schuld daran, ebenso wie dein verehrter Lehrer Martin Hanke. Weder er noch ich haben das Treiben der Beiden früh genug entdeckt, obgleich wir die Gefahren und die Anfechtungen kennen, denen sich junge Männer zu erwehren haben. Adam wich dem Blick Acoluths aus, der nun wieder schwieg, fahrig ein Stück Kuchen zerbröselte und einen Schluck von dem Kräutersud trank. Du weißt, von was ich spreche, Adam, setzte er dann schließlich wieder an, Du bist alt und verständig genug, das zu begreifen. Adam nickte, wurde ganz rot im Gesicht und wäre am liebsten im Boden versunken. Wenn sein Gegenüber nun wirklich das Berühren seiner selbst meinen sollte, dachte er, jenen verderblichen vom Teufel kommenden Drang, gegen den er selbst ankämpfte, nicht immer mit Erfolg, so verstand er doch nicht, was das mit den beiden Georgs zu tun hatte und mit dem Angriff auf ihn. Die Nase begann wieder zu bluten, Acoluth selbst holte einen nassen Lappen aus der Küche, dann saßen sie sich wieder gegenüber. Mit Hebräisch oder Griechisch würde es heute wohl nichts mehr werden, nahm Adam an.

    Nun, fuhr der Prediger, ihn streng ansehend, schließlich fort, warum sind die beiden Übeltäter so geworden, nachdem sie doch, ebenso wie Du, für geeignet befunden wurden, das Gymnasium zu besuchen? Ich will es Dir sagen und Dir die Entdeckung des Übels offen schildern. Er räusperte sich, nahm noch einen Schluck, dann fuhr er fort. Eines Abends, sagte er also, ging Herr Hanke in den Hof des Elisabethgymnasiums hinunter, um den stillen Ort zu besuchen, ganz hinten, neben den Ställen. Es war spät, in den Schlafsälen schon längst Ruhe eingekehrt und niemand mehr wach, so daß er erschrak, unter der Tür hindurch flackerndes Licht zu sehen und Gekicher zu hören. Du kennst deinen Lehrer, Adam, er ist resolut und läßt seinen Gedanken sofort Taten folgen, so auch hier. Er riß also die Tür mit Gewalt auf und fand die beiden Georgs mit heruntergelassenen Hosen, die Teile des Körpers entblößt, die sonst der Scham halber verborgen bleiben. Sie rafften ihre Hosen hoch, stießen Hanke zur Seite und entflohen. Du wirst davon nichts gehört haben, denn die Angelegenheit wurde nur im engsten Kreise besprochen, so daß nicht einmal Gerüchte die Schülerschaft erreichten, nicht einmal die Gleichaltrigen, soweit ich weiß. Die beiden Burschen aber wurden schon anderntags aufgegriffen, als sie an der Stadtwaage herumlungerten und Unfug trieben. Sie durften das Gymnasium nicht mehr betreten und wären wohl umstandslos bei den Soldaten gelandet, wenn ich sie nicht als Stallburschen aufgenommen hätte. Hanke bat mich darum, er wollte sie trotz allem nicht in Bausch und Bogen verurteilen, und ich willigte nach einigem Überlegen ein. Mit aller Deutlichkeit führte ich ihnen aber vor Augen, Adam, so daß es nicht mißverstanden werden konnte, was von ihnen nun verlangt wurde, treuer Dienst, Gehorsam und natürlich ein Verhalten nach den Regeln der Sittlichkeit. Nun, jetzt werden sie zu den Soldaten müssen, wenn sie denn erstmal gefaßt sind, denn sie werden wieder geflohen sein und sich irgendwo verbergen, ob hier in Breslau oder in einer der Vorstädte. Adam nickte, er war immer noch knallrot, ja er glühte geradezu. Da ihm das Beispiel einer Verderbnis, hob Acoluth nach einer kurzen Pause wieder an, nun so deutlich vor Augen stünde, wolle er ihm nun noch einiges berichten über die Folgen einer der größten Sünden, nämlich der Selbstberührung, die junge Männer für den Rest ihres Lebens an Leib und Seele verdürben. So würden viele noch in jungen Jahren an der Fallsucht sterben und bekämen Geschwüre eben dort an den mißbrauchten Teilen des Körpers, doch er wolle nun nicht Mitleid für die Übeltäter erregen, sondern ihm, Adam, als einem zukünftigen Prediger, die Sache klar auseinandersetzen, damit auch er dereinst davor warnen könne. Damit stand Acoluth auf und nahm einen einfachen, schmalen Band aus dem Regal hinter ihm. Er wolle ihm das Exempel eines gewissen Wilhelm vortragen, von einem Prediger gewissenhaft aufgeschrieben, er solle genau zuhören und sich dabei die beiden Georgs vor Augen führen.

    Er hatte das Buch bereits aufgeschlagen in Händen und wollte eben seinen Vortrag beginnen, als plötzlich ein gräßlicher Schrei das Haus erschütterte. Schon war ein Trampeln zu hören und der Prediger wurde gerufen, er müsse sofort kommen. Er drückte Adam das Buch in die Hand und lief hinaus. Die Acoluthin, so stellte sich heraus, war aus dem Schlaf erwacht und hatte den Beelzebub selbst an ihrem Bett stehen sehen, ja sie hatte sich schon tot gewähnt, da sie nichts sonst hatte erkennen können als diese Gestalt. Das jedenfalls glaubte man aus ihrem Gestammel heraushören zu können. Niemand, auch ihr Sohn nicht, konnte sie beruhigen, und bald jammerte und schrie sie wieder wie in den schlimmsten Tagen. Die Mägde raunten sich mit zugehaltener Nase zu, Gott zögere noch, die Acoluthin zu sich zu nehmen, und da versuche der Teufel mit allen Mitteln, die Seele der Frau an sich zu bringen. Der Medicus, der bald eintraf, untersuchte sie und verbot nun klipp und klar, ihr etwas zu essen zu geben, nur abgekochtes Wasser dürfe sie zu sich nehmen, doch kaum war der Arzt verschwunden, bettelte die Sterbende um eine Mahlzeit, etwas Suppe nur, die sie dann mit aller Gier, wirr um sich blickend, herunterschlang. Niemand wagte es, der Frau etwas abzuschlagen, sogar Brot aß sie und Brei. Der Medicus schlug beim nächsten Besuch die Hände über dem Kopf zusammen und sah sich schließlich bestätigt, als die Bauchdecke der Acoluthin zwei Tage nach ihrer Teufelsvision buchstäblich aufplatzte und die blutigen Gedärme freilegte. Das Entsetzen stand allen ins Gesicht geschrieben. Die Schreie der alten Frau hörte man in der ganzen Nachbarschaft.

    Adam hatte das ihm von Acoluth in die Hand gedrückte Buch, Warnung und Belehrung für Knaben, mitgenommen und in seine kleine Holztruhe gelegt, die unter seinem Bett im Schlafsaal stand und in der allerhand Kleinigkeiten aufbewahrt wurden. Keiner der Jungen verstaute etwas Anstößiges in seiner Kiste, denn die Lehrer konnten jederzeit den Inhalt prüfen und taten dies auch, doch das Büchlein des Predigers würde wohl kaum Anstoß erregen. Doch wer immer dieses Buch verfaßt hatte, das der Aufklärung des heranreifenden Knaben ebenso wie der Warnung vor dem Verbotenen dienen sollte, mochte wohl die Wirkung auf einen mit Phantasie begabten jungen Mann falsch eingeschätzt haben. Sicher, die Beschreibung des sich zugrunderichtenden Knaben, Wilhelm genannt, warnte Adam durchaus vor der Selbstberührung, denn wer wollte schon die Fallsucht bekommen und zuletzt ganz den Verstand verlieren? Auch die von solchen Unglücklichen stammenden Briefe, die am Ende des Bändchens abgedruckt waren, verfehlten ihre Wirkung auf Adam durchaus nicht. Eine ganz andere Wirkung hatten jedoch die kurzen und ja eigentlich recht nüchternen Abschnitte, die die Zeugung des Menschen zum Inhalt hatten. Vollkommen unbedarft war Adam natürlich keineswegs, ältere Burschen machten oftmals eindeutige Scherze und zeigten mit Gesten und mit mimischem Spiel, wie das Geheimnisvolle vonstatten ging, doch erst die Darstellung in diesem Aufklärungsbuch, schwarz auf weiß, erregte Adam wirklich. Immer wieder las er die selben Stellen, heimlich in eine Ecke gedrückt, und dabei durchfuhr es ihn heiß und kalt.

    Das war nun ohne Zweifel eine Anfechtung, wie sie im Buche stand, es war eine Probe, ob er denn wirklich das Zeug dazu hatte, Priester zu werden – das war ihm nur allzu klar! Zu allem Unglück tauchte auch noch jedes Mal das Bild Caras vor ihm auf, wenn von der empfängnisfähigen Frau die Rede war, ihr Blick, ihre Brüste, ihr nackter Hintern, wie sie vor ihrer Tür steht, die Hand auf der Türklinke. Er schrieb bald das ein oder andere aus dem Buch ab, dann stellte er es bei der nächsten Gelegenheit heimlich zurück. Doch so oft Adam sich die Warnungen nun auch zu Gemüte führte, mancher Knabe war infolge der Selbstberührungen in Wahnsinn verfallen oder sogar gestorben, die Wirkung der doch an sich allzu nüchternen Zeilen zur Fortpflanzung des Menschengeschlechts war stärker, zumal nun in seiner eigenen Handschrift, denn während die Warnungen nur die Angst in ihm auslöste, mit der er schon umzugehen gelernt hatte, steigerte das zur Fortpflanzung Ausgeführte seine jugendliche Wollust nur noch weiter. So nahm er also oft die Blätter zur Hand und las, die Worte vermengend mit den Bildern Caras, die ihm vorschwebten, ihr seltenes Lächeln, ihr Gang, die zarten Knospen ihrer Brüste, die manchmal zu erahnen waren. Lag er in seiner Kammer im Haus des Predigers Acoluth, so befriedigte er sich ungeachtet der durchs Haus gellenden Schreie der immer noch im Sterben liegenden Acoluthin. Hätte ihn einer seiner Kameraden gebeten, ihm den Akt der Fortpflanzung zu erläutern, so wäre er durchaus, so oft hatte er den Text gelesen, in der Lage gewesen, ihn auswendig herzusagen, und einmal, als die Acoluthin in gnädiger Ohnmacht lag und das Haus stille war, sagte er sich, nackt auf seinem Lager liegend, den Text leise auf:

    Allein Vater und Mutter, flüsterte er, haben einen Verdienst um euch, ohne welches ihr gar nicht in der Welt sein würdet. Sie sind die Ursache von eurem Leben und ihr seid durch sie entstanden. Die beiden Personen verschiedenen Geschlechts, die jetzt für euch Vater und Mutter sind, vereinigten sich in ihrem erwachsenen Alter miteinander, euch hervorzubringen; und dazu hatte Gott sie geschickt gemacht, indem er ihre Körper, so wie den eurigen, mit denjenigen Teilen begabte, die die Geschlechtsteile heißen. Bei beiden Geschlechtern findet sich in dem Bau dieser Teile eine solche Verschiedenheit, daß eine genaue Vereinigung derselben miteinander möglich ist. Diese genaue Vereinigung der Geschlechtsteile beider Geschlechter macht diejenige Handlung aus, die wir die Zeugung oder eheliche Beiwohnung nennen, und ihr seht hieraus, warum jene Teile auch Zeugungsteile genannt werden. Diese vertrauliche Handlung, die Zeugung, sollte nun nach der Absicht Gottes die Folge haben, daß der erste Grund zur Bildung eines Kindes in dem Leibe einer Person weiblichen Geschlechts gelegt würde. Und die Folge hat sie auch wirklich, ohne daß wir es genau erklären können, wie es eigentlich zugeht.

    So nutzte Adam die Kammer im Hause seines Förderers, die Sünde der Selbstberührung und damit der Selbstbefleckung ungestört begehen zu können, willig und widerwillig zugleich. Ob es nicht Hochmut war, dachte er oft, eine weitere Sünde also, wenn er sich, nachdem er den Abend in einer Schenke verbracht hatte, auf sein Lager legte und schwor, nichts zu tun, sich nicht zu berühren und so am Ende einzuschlafen, wenn er sich dann doch nicht beherrschen konnte? Und steigerte dieses Schwören nicht noch seine Lust, umso mehr vielleicht, desto lauter die Acoluthin schrie und stöhnte in ihrem nun schon seit Wochen andauernden Todeskampf, der das ganze Haus zu einem stinkenden Pfuhl gemacht hatte, zu einem Vorgeschmack auf die Hölle? Warum lebte man denn, fragte sich Adam immer wieder, wenn nicht auch der Lust wegen!

    Adam schlief nicht mehr sehr oft im Schlafsaal des Gymnasiums, und eben dies würde er, nahm er sich vor, in der nächsten Nacht auch durchaus nicht tun. Um den Unterricht schwänzen zu können, denn es sah nach einem schönen Sommertag aus, hatte er früh am Morgen dem Hausdiener des Gymnasiums eine echte Schmierenkomödie vorgespielt, Magenschmerzen, Gliederreißen und so weiter, er wolle zu seiner Mutter gehen, da nur sie das Gegenmittel kenne. Er mußte fast lachen, als er dies sagte. Als sei sie eine Hexe, dachte er. So war er bei zunehmender Hitze zuerst unruhig in Breslau hin und hergelaufen und hatte dann in Siebenhufen die Mutter und seinen Bruder Johann besucht, der nun die Hausherrenrolle innehatte. Später saß er in einer Schenke und spielte Karten, wurde zu einer Kegelpartie eingeladen, aß etwas, trank Bier und Branntwein. Doch seine Gedanken kreisten, je mehr er trank, spielte und redete, immer deutlicher um Cara. Er mußte sie wenigstens sehen, heute noch! Das wohlige Gefühl erfüllte bald seinen ganzen Leib, als habe er einen Ofen verschluckt, das dachte er plötzlich und kicherte eine Weile blöde vor sich hin. Kurz auch der Gedanke, zu einer Hure zu gehen, doch nein, entschied er schließlich, er würde zum acoluthschen Haus hinausgehen und dort Cara irgendwie abpassen, denn mit ihr einmal nur allein zu sein, dazu drängte es ihn lange schon so unwiderstehlich, daß er manchmal fast glaubte, er würde glatt dem Teufel dafür seine Seele verkaufen, wenn das der Preis wäre.

    Nachdem der Kretschmar sie allesamt zu bereits später Stunde hinauskomplimentiert hatte, begleitete Adam einen seiner Kumpane, den trinkfesten ältesten Sohn einer Weißgerberfamilie, noch ein Stück Weges und verließ dann, unter dem mißtrauischen Blick des Torwächters, die Stadt durch das Ohlische Tor. Es war spät, sicher schon Mitternacht, doch notfalls würde er Cara wecken, nahm er sich vor, unter irgendeinem Vorwand – ihm fiele da schon etwas ein. Von Westen her kündigte sich mit Wetterleuchten und fernem Grollen ein Gewitter an, und so beeilte er sich schwankenden Schrittes, das acoluthsche Haus zu erreichen. Zu seiner Überraschung stand alles sperrangelweit offen, die Haustür und alle Fenster, und als er eben in die kleine Gasse einbiegen wollte, um wie immer, wenn er getrunken hatte, das Haus durch die Küchentür zu betreten, bemerkte er, daß es stank wie die Hölle selbst, schlimmer noch als sonst. War die alte Hexe nun endlich geplatzt und tot, dachte er, doch da drang wie zur Antwort das bekannte Jammern der Acoluthin an sein Ohr. Adam tastete in der Dunkelheit nach dem Schlüssel, den er unter einem Stein versteckt hatte, stapfte dann die drei, vier Stufen zur Küchentür hinauf, stocherte im Schlüsselloch herum und stand schließlich drinnen. Mein Gott, was für ein Gestank, dachte er, da kommt einem ja die Kotze hoch! Auf dem Herd kokelte zwar Weihrauchharz und Holzkohle in einer Schüssel vor sich hin, doch viel brachte das nun nicht mehr. Jetzt aber schnell nach oben! Im Treppenflur hastete plötzlich, wie aus dem Nichts kommend, er konnte eben noch ausweichen, Andreas Acoluth an ihm vorbei, doch der beachtete ihn gar nicht, wahrscheinlich sah er ihn nicht einmal. Der Medicus, der ihm schnellen Schrittes folgte, schien wenigstens so etwas wie eine leichte Verbeugung anzudeuten, dann war auch er wieder verschwunden. Nun denn, überlegte Adam, dann will ich mal Ausschau halten nach Cara, doch ihm war mit einem Male speiübel und schwindelig, sei es allein wegen des Gestanks oder einfach, weil er betrunken war. Sollte er vielleicht doch noch zurück ins Gymnasium oder nach Siebenhufen gehen? Würde der Torwächter ihn überhaupt hineinlassen, fragte er sich, und selbst wenn, so dürfte er ihm mitten in der Nacht in jedem Fall einen Torgroschen abknöpfen! Er setzte sich auf die Treppe, um zu überlegen. Bald kam er zu dem Schluß, es sei wohl doch das Beste, nach Siebenhufen zu gehen und dort zu schlafen, selbst wenn das bedeutete, sich morgen früh wieder einmal eine Gardinenpredigt der Mutter anhören zu müssen.

    Er war dann wohl auf der Treppe eingenickt. Als er vom Schreien der Acoluthin wieder wach wird, nähert sich ein Licht, es ist Cara, mit einer Kerze in der Hand. Sie wirkt erschöpft und hat, soweit das im flackernden Licht überhaupt zu erkennen ist, rotglühende Wangen, wie im Fieber. Adam!, ruft sie, es klingt erleichtert. Sie setzt sich neben ihn und erzählt leise und stockend, es gehe zuende mit der Acoluthin, es sei fürchterlich, er könne sich das nicht vorstellen, der Leib habe sich ihr an vielen Stellen geöffnet, manchmal schreie sie und schlüge um sich, dann jammere sie wieder leise und läge sogar manchmal wie tot da. Nun aber hat der Medicus mich fortgeschickt, schloß sie, denn man kann nichts mehr tun, sagt er. Adam hört lächelnd zu, dabei ein wenig mit dem Oberkörper hin und her schwankend. Die Wege des Herrn sind unergründlich, bringt er endlich lallend heraus, und dann will er ihr sagen, daß er wegen ihr, Cara, heute Abend hier sei, er setzt mehrmals an, doch er findet die Worte nicht. Stattdessen nimmt er das Mädchen dann endlich einfach bei der Hand und zieht sie, die nicht widerstrebt, hinter sich her, zwei Treppen hinauf bis in seine Kammer. Schon sitzen sie nebeneinander auf der Strohmatratze. Die Kerze in beiden Händen, wie ein Engelchen, denkt Adam, sitzt sie da, dann fällt ihm ein, er hat ganz vergessen, eine Schale mit Weihrauch aus dem Flur mitzunehmen, obwohl er beim Hinaufgehen noch daran gedacht hatte, und nun, da Cara endlich in seiner Kammer ist, will er nicht noch einmal aufstehen, trotz des Gestanks, der hier oben nicht weniger schlimm ist als unten, wenn nicht sogar noch unerträglicher. Sein Herz klopft wie wild, und weil er aus lauter Verlegenheit und auch weil er seiner Zunge nicht trauen kann, nichts sagt, nimmt er ihr die Kerze aus der Hand, stellt sie neben sich und beginnt dann einfach, ihr über das Haar zu streicheln wie in den Unterrichtsstunden, wenn sie ihre Buchstaben malt. Oft hatte er sich vorgestellt, wie es mit einem Mädchen, mit Cara, sein würde, hatte den Prahlereien der Handwerksburschen zugehört, geradezu an ihren Lippen gehangen, wenn sie von den Mädchen sprachen, die sich erst zierten, dann aber doch wollüstig und wild würden und schließlich kaum zu bändigen seien. Warum aber, fragt er sich nun, bleibt dann Cara jetzt so starr und sitzt nur stumm neben mir? Sie sitzt einfach da und schaut auf ihre Füße, denkt er. Sicher machte er etwas falsch! Doch da fällt ihm zum Glück die Sache mit der Salzsäule ein, die er ihr erzählen wird. Er ärgert sich, das hätte er sich alles vorher überlegen sollen. Also beginnt er nun zu erzählen, in einem Predigtton, ohne es zu wollen, er hat Schwierigkeiten, die Worte herauszubringen, und als er endlich heiser und lallend starr und steif stehen sie da für immer gesagt hatte, schweigt er und hofft, sie würde etwas erwidern, vielleicht etwas fragen. Ihm ist, als müsse sein Herz so laut hämmern und stampfen, daß man es bis in den Hof hören kann, und dann endlich nimmt er all seinen Mut zusammen und legt ihre Hand vorsichtig in seinen Schoß, so sanft, als lege er etwas unendlich Wertvolles in eine Schatulle. Doch auch jetzt sagt Cara kein Wort, vielleicht daß sie die Lippen ein wenig fester aufeinanderpreßt, das ist alles. Wieder geschieht eine Weile nichts, nur sein Glied pocht durch den Stoff gegen Caras Hand, die sie nicht wegzieht, einmal sieht sie hin und zuckt zurück, als glaube sie nicht, daß das ihre Hand sein kann. Wie nun weiter, fragt sich Adam, wie weiter? Von unten die Schreie der sterbenden alten Frau.

    Das Prasseln des Regens heftiger, während Blitze und die im Luftzug ein wenig flackernde Kerze die immer noch unveränderte Szenerie beleuchten. Ein süßes, wollüstiges Reißen durchrieselt Adam, nimmt ihm die Luft, kaum noch einen Gedanken fassen kann er, und dann, endlich, drückt er Cara, die nichts sagt und nicht aufblickt, sachte auf das Lager, so als habe ein fremder Wille sein Handeln übernommen. Cara weiß nicht, wie ihr geschieht, wie im Fieber ist alles heiß und kalt, sie denkt, sie muß hinunter, was tue ich hier, sicher benötigte man dort unten nun doch ihre Hilfe, das wird sie Adam sagen und aufstehen und gehen, aber dann läßt sie es zu, daß er seine Hände auf ihren Leib legt, auf ihren Bauch, ihre Brust, die auf und nieder bebt. Ganz nahe hört sie seinen schweren Atem. Jetzt trampelt jemand die Treppe hinauf und wieder hinunter, man ruft laut nach dem Hausherrn, Türen schlagen zu, es donnert und blitzt, und als bald darauf Hagel auf das Dach prasselt, legt Cara, als sei dies ein Zeichen, ihre Hände auf die Schultern Adams und schiebt ihn sanft von sich. Ein ängstliches Lächeln gleitet über ihr Gesicht, sie blickt auf, ich gehe nun, denkt sie, es ist Unrecht, was Adam will, er darf nicht, er darf das nicht, ich muß gehen, doch dann zieht sie sich das Kleid über den Kopf, sie selbst ist ganz überrascht, und sitzt nun nackt da, wieder donnert es, kurz und krachend, ein Blitz erhellt die Kammer, Adam denkt einen Moment lang an den Teufel, einen kleinen Moment nur, doch dann schon liegt er zwischen ihren Beinen, bloß wie Gott ihn schuf, alle Gedanken sind fort und nie gedacht gewesen, er glüht, Haut an Haut liegen sie, und unversehens ist er in ihr, er weiß nicht wie. Doch er tut ihr weh, sie stöhnt auf vor Schmerz, vor und zurück bewegt er sich, es geht wie von selbst, wie oft hatte er es nicht gesehen, wenn Betrunkene in einer Schenke, lallend und lachend den Beischlaf imitierten, manchesmal gar zusammen mit einer betrunkenen Frau. Als er nun aber Caras schmerzverzerrtes Gesicht sieht, hält er inne, ihm ist, als nehme eine höhere Macht ihn auf und legte ihn neben Cara, ich will ihr doch nicht, um Gottes Willen, weh tun, denkt er, und dann sind da nur noch die Schreie der Sterbenden, wie von weit her, das Prasseln des Regens, das Donnern des Gewitters und das schwere Atmen von Mann und Weib. Die Zeit steht still, so muß es wohl beiden erscheinen. Ich bin wie ein wildes Tier über sie hergefallen, denkt Adam verzweifelt, denkt es in ihm, die Wollust, der Teufel will die Oberhand gewinnen, das ist sicher. Doch noch kann er entrinnen! Er hört ihr Herz rasen, als wolle es herausspringen. Ohne Berührung liegen sie nebeneinander, dann legt Adam seinen Kopf auf ihre Brust. Unbeholfen streichelt sie ihn. Noch nie in ihrem Leben hat sie jemanden so gestreichelt, noch nie in ihrem Leben war sie jemandem so nah. Und auch Adam streichelt sie, ihren Bauch, ihre Schenkel, ihr Geschlecht, behutsam, vorsichtig. Sie sucht Adams Mund und findet ihn, schüchtern fast berühren sich die Zungen und spielen miteinander. Dann liegt er wieder zwischen ihren Beinen, wieder dringt er in sie ein, doch langsamer und behutsamer nun. Sie sehen sich an, ein Innehalten ist es, ein Augenblick tiefen Einverständnisses, ein Einswerden. Wortlos versinken sie ineinander.

    Unversehens aber ein Krachen, ein Poltern und fremde, laute, geifernde Stimmen. Schon stehen die beiden Georgs glotzend und mit hochroten Gesichtern in der Kammer. Sie reißen Adam, ehe der reagieren kann, an den Haaren von Cara weg, alles geht rasend schnell, der eine schlägt und tritt auf den am Boden Liegenden ein, während eine stinkende Hand Cara, die schreit, den Mund zuhält. Schon ist Adam blutüberströmt, das sieht sie noch, ein Tritt in den Unterleib, ein weiterer, er ist nur noch ein einziger Schmerz, einer schlägt weiter auf ihn ein, wild und wie besinnungslos, bis Adam sich nicht mehr rührt, noch ein Tritt, noch ein Zucken, Cara drückt man ein Tuch in den Mund, sie muß würgen, ein brennender Schmerz, sie schlägt um sich, der schwere Leib auf ihr, der stinkende Atem, brutal dringt er ein, reißt an ihren Haaren, keucht kehlig, die Todesschreie der alten Hexe und das Prasseln des Regens vermengen sich mit dem Keuchen des Unmenschen, und als der lachend von ihr abläßt und sie einen Moment frei ist, will sie fliehen, zur Tür gelangen, doch ein Schlag gegen den Kopf, ein Hieb in den Magen, sie geht zu Boden, und schon ist der zweite Georg über ihr und reißt ihr die Beine auseinander. Der Schmerz ist unerträglich, und er nimmt kein Ende.

    Es ist still im Haus, als Cara aus ihrer Bewußtlosigkeit erwacht. Ein Leib liegt auf ihr, nackt zwischen ihren Beinen. Getrocknetes Blut klebt in seinem Haar, das Gesicht ist angeschwollen und ganz entstellt. Er ist tot, denkt sie, Panik steigt in ihr auf, er atmet nicht, doch als sie sich rührt, stöhnt Adam leise. Langsam kommt er zu Sinnen. Bald liegen sie wieder nebeneinander auf seinem Lager. Sein Unterleib, seine Beine und selbst der Rücken sind übersät mit aufgeplatzten Wunden. Er versucht zu sprechen, doch seine Stimme versagt. Noch ist es finstere Nacht. Die Schreie der sterbenden alten Frau sind bald wieder zu hören, schwächer nun. Es regnet nicht mehr.

    Erst am frühen Morgen, noch vor dem ersten Hahnenschrei, geht Cara, kaum daß sie einen Schritt vor den anderen setzen kann, Wasser holen. Notdürftig gewaschen und versorgt verläßt Adam schließlich, auch wenn er vor Schmerzen kaum gehen kann, das Haus des Predigers Acoluth. Aus dem Sterbezimmer dringt derweil kein Laut, die Nacht ist bald vorbei und die Acoluthin tot.

    Seiner Mutter und den Geschwistern berichtet Adam, er sei vor der Neuen Kirche von Trunkenen überfallen und ausgeraubt worden. Bald weiß es die ganze Nachbarschaft, und auch in das Haus Acoluth dringt die Kunde. Elisabeth, seine Lieblingsschwester, pflegt ihn schließlich gesund, nach gut drei Wochen kann er wieder den Unterricht im Gymnasium besuchen und geht schließlich auch wieder zu Acoluth, der ihn empfängt, als sei nichts geschehen. Von den beiden Georgs hörte Adam nur noch, daß sie gesucht würden, denn sie hatten in der selben Nacht, in der die Acoluthin nach langem Leiden starb, Schmuck und wertvolle Tücher aus dem Haus gestohlen. Den Gedanken, die beiden Teufel seien sicher irgendwo in der Fremde unter Qualen gestorben, verbot sich Adam nicht, ja er genoß ihn sogar und sponn ihn weiter. Cara, die einen Sturz auf der Kellertreppe erfand, um die Prellungen im Gesicht zu erklären, sieht er häufig, sie ist jetzt meist in der Küche beschäftigt, aber sie sind nicht eine Minute allein, so daß sie kaum einmal ein Wort wechseln können. Und selbst wenn manchmal dazu die Gelegenheit ist, stehen sie nur voreinander und halten sich schüchtern an den Händen. An einem kalten Tag schließlich, die Luft riecht schon nach Schnee, findet Adam den Prediger ratlos vor. Mein guter Adam, begrüßt er ihn, Cara ist verschwunden, sie hat niemandem etwas gesagt. Weißt Du, wo sie sein mag? Adam schüttelt den Kopf, ohne ein Wort. Dann machen sie sich an das Hebräische, doch ein guter Lehrer spürt, wenn der Schüler nicht bei der Sache ist. Ob Adam nicht etwa doch weiß, wohin Cara ist? Das fragt er sich.


    <= Kapitel 10

    Kapitel 12 =>

    *Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

    Hinweis: Das Copyright © und alle denkbaren Rechte an „Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache“ liegen weltweit und darüber hinaus bei Norbert W. Schlinkert. Das Kopieren des Textes oder einzelner Teile ist ausschließlich für den privaten Gebrauch gestattet, sonstige Be- und Verarbeitung und eine Verbreitung in welcher Form und mittels welcher Medien und Techniken auch immer ist unter keinen Umständen gestattet.

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    Sat, 22 Apr 2017 12:16:30 +0000
    der goldene fisch : Gerald Koll : Das fünfzigste Jahr (191) http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12448 http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12448 22. April 2016, ein Freitag

    Ja, herzlichen Glückwunsch, Yutaka, und danke noch mal für die Reservierung der Tee-Zeremonie. Denn die Teemeister der Teemeisterei Ura-senke haben auf deinen Anruf hin für D. und mich eine Betriebsführung in ihren Produktionsstätten für Matcha-Herstellung organisiert, und das hat mich genauso begeistert, als hätte man mir Tickets für ein Fußballfinale versprochen und würde mir stattdessen zeigen, wie Bälle gemacht werden. Nach zwei Stunden präsentierte die beflissene Dame uns beim Ausgang die feinsten Sorten. Ich bestellte ein matcha-grünes Softeis.

    Prince ist tot, sagte D. beim Aufstehen. Das war Kyoto.

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    Sat, 22 Apr 2017 07:34:35 +0000
    taberna kritika - kleine formen : @etkbooks twitterweek (20170422) http://www.abendschein.ch/etkbooks-twitterweek-20170422/ http://www.abendschein.ch/etkbooks-twitterweek-20170422/ * Blatt 04.2 https://t.co/cCv43xXd7V https://t.co/fbnBFIKVMU Apr 20, 2017 / die elastischen fakten. Apr 19, 2017 / * 20130619 https://t.co/s3KDufcdvl https://t.co/kgGJa6Nkqt Apr 19, 2017 / Schöner Mai! @derekbeaulieu , Konzeptuelle Arbeiten, https://t.co/ywrHf5PL97 / Christian de Simoni, Das Rigilied,… https://t.co/ubvMr6bv4q Apr 18, 2017 / * https://t.co/vIeTm8lyOs Lesezeichen 01/2017 https://t.co/eEl7JKoizn https://t.co/I7IZUXlQBS Apr 18, 2017 / es bleibt spannend. Apr 17, 2017 / kunst kommt von kauen. Apr 16, 2017 / lisa spalt, die zwei henriettas / garruks horde, magic cards https://t.co/kiaIFRKv22 Apr 15, 2017 / @bsartorius @BadBonn wär ja so gern da. hm. Apr 15, 2017 /


    (die elastischen fakten.)

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    Sat, 22 Apr 2017 06:16:17 +0000
    der goldene fisch : Gerald Koll : Das fünfzigste Jahr (190) http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12428 http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12428 21. April 2016, ein Donnerstag

    16 Uhr. Wir sind nicht nach Kumamoto gefahren, nachdem wir neue Zahlen erfahren haben: 52 Tote, 700 Verletzte. Kumamoto ist 250 Kilometer von Fukuoka entfernt. Außerdem regnet es den ganzen Tag. Schon fünf Uhr morgens, als wir aufstanden, um zum Morgen-Aikido zu gehen. Es ist jetzt Nachmittag, und es regnet noch immer.

    Unter den vielen betagten und versierten Aikidoka befand sich auch ein 70er, der im Gespräch andauernd in Gelächter ausbrach und eine kurze Pause zwischen seinen Lachsalven dafür nutzte, D. und mich für die Mittagszeit in ein Luxus-Ryokan mit Onsen einzuladen. Sehr schnieke, sehr fein dort alles, auch die platschenden Quellen, auch der japanische Garten, aber nichts von all der feinsinnigen Badekultur hat mich nachhaltiger beeindruckt als jene Viertelstunde in den Räumlichkeiten des Umkleidens. Dort befiel den launigen Mann, der neben seiner Nebentätigkeit als Zahnarzt leidenschaftlich gern Taiko und Flöte spielt, plötzlich größte Lust, uns einige Techniken und Energieflüsse zu zeigen. Nun kamen wir gerade aus dem Bad und waren nackt, und so tummelten wir drei Herren uns in kontaktfreudigem Miteinander herum, und ich war froh, dass zu dieser Uhrzeit keine anderen Gäste dort waren. Eine Frohnatur. Die Erdbeben, sagt er, seien natürlich unbehaglich, aber das sei eben die Kehrseite der herrlichen heißen Quellen in Japan, und diese wolle er auf keinen Fall missen.

    24 Uhr. Nach dem Abend-Aikido führte uns ein französischer Aikidoka in ein Restaurant für Okonomiyaki, eine Art japanische Pancakes mit Käse, Zeugs, kräftiger Sauce und einigem Gewicht. Der Franzose lebt seit einem Jahr in Fukuoka und erzählte freimütig, wie schwer es für ihn als Ausländer in Japan sei: die Schwierigkeit, hinter Lächeln und gelächelte Lügen zu blicken, die Schwierigkeit, nicht nur als Gast, sondern als Einwohner willkommen zu sein, die Schwierigkeiten mit Rassismus und Ausländerfeindlichkeit. Er bewirbt sich bei Suganuma-Sensei um den Posten des Uchi-Deshi. Er trainiert im Durchschnitt 16 mal die Woche. Er sagt, dass man auf diesem Level ein völlig anderes Verhältnis zum Partner hat, weil man die Energie ganz anders spürt. Er hat auch die Erdbeben gespürt. Sie kamen, wie Erdbeben so sind, in Wellen. Das erste Vorbeben sei gekommen, als der Franzose im selben Restaurant saß, in dem er soeben mit uns aß. Es sei seltsam gewesen: Plötzlich klingelten überall Telefone – alle Gäste hatten die automatische Erdbebenwarnung aktiviert, und allerseits sei man gebannt und bass erstaunt gewesen, bis es wenige Augenblicke später im Gebälk gerumpelt habe.

    Morgen nach Kyoto, zur Teezeremonie!

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    Fri, 21 Apr 2017 22:08:29 +0000
    particles : montauk http://andreas-louis-seyerlein.de/air/montauk/ http://andreas-louis-seyerlein.de/air/montauk/ picping

    MELDUNG. Montauk, Point Lighthouse, 5. Etage, steinernes Zimmer : Kirsche No 282 [ Marmor, Makrana : 3.08 Gramm ] vollendet. – stop

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    Fri, 21 Apr 2017 16:00:29 +0000
    Glumm : Armin Schwenke (1963 – 2017) https://glumm.wordpress.com/2017/04/21/armin-schwenke-1963-2017/ https://glumm.wordpress.com/2017/04/21/armin-schwenke-1963-2017/

    *

    Man liest jeden Tag davon. Man liest davon in der Zeitung und im Videotext, man hört in den Internet-Foren davon, in Fernsehmagazinen und auf der Straße, überall ist die Sprache davon, von den Toten dieser Welt.

    Da 100 Tote bei einer Überschwemmung, da zwei Tote bei Unruhen, da 10 Tote bei einem Erdbeben in Russland, um nicht zu reden von den vielen Toten, die einfach so sterben, Tag für Tag, ohne schweren Unfall, ohne große Meldung.

    Das Komische daran: es sind stets Andere, die plötzlich tot sind. Als gehörten sie einer anderen menschlichen Rasse an, die auserwählt ist zu sterben. Wir jedenfalls gehören nicht dazu. Wir sterben nicht.

    *

    „Wenn jemand stirbt, den man mag“, so Sanne, „betrauert man auch den eigenen Tod, der dich eines Tages heimsuchen wird und den du nicht betrauern kannst, weil du dann tot bist.“

    *

    „Weinet nicht an meinem Hügel, jauchzet laut! ich bin unsterblich! Schwinget eurer Seele Flügel; Eilt mir nach! wir sind unsterblich!“

    (Grabinschrift 1850, Friedhof Kasinostraße/Solingen)

    *

    Armin Schwenke (53) ist tot. Ich hab nichts davon gewusst. Er starb am 2. April 2017 in der Berliner Charite. Ich hatte die Todesanzeige in der Wochenendausgabe des Solinger Tageblatts schon übersehen, als Sanne einen Blick in die Zeitung wirft und plötzlich meint: He! Der Armin ist tot! Welcher Armin? Na, der Schwenke, da!

    Eine kleine, beinah unscheinbare Annonce, (dabei in Szene gesetzt von einer roten Stromgitarre und einem Schlagzeug, wie es sich gehört für einen Ska-Boy), aufgegeben von seinem ältesten Bruder Alex, im Auftrag der anderen Brüder und der ganzen Familie:

    Nach schwerer Krankheit verstarb in Berlin..

    Armin Schwenke

    *25. 6. 1963 † 2. 4. 2017

    Wir werden dich nie vergessen.

    *

    Wir wären fast Freunde geworden. Es hat nicht viel gefehlt. Wahrscheinlich haben wir uns zu spät kennengelernt, um noch richtig dicke miteinander zu werden, aber wir haben eine gute Zeit gehabt, 2001/02.

    Das war unsere Saison.

    Die Geschichte beginnt exakt am 15. September 2000. An meinem 40. Geburtstag. Ich saß in einer Wirtschaftsschule in einem kleinen Nebenraum und absolvierte eine Aufnahmeprüfung, bisschen Deutsch, bisschen Dreisatz. Ziel war eine vom Arbeitsamt finanzierte Umschulung zum Steuerfachangestellten. Brotberuf, dachte ich, so etwas hatte ich noch nie zuvor gedacht. Brotberuf, und nebenher kannst du ja noch schreiben, wenn du irgendwann wieder mit dem Schreiben anfängst.

    Ein schreibender Buchhalter.

    Oh mein Gott.

    Im Januar ging’s los. In der zweiten Stunde öffnet sich die Tür und herein schneit eine tiefe Stimme, die mir bekannt vorkam: einer der vier Schwenke-Brüder, Armin, der jüngste, soviel ich wusste. Ich kannte ihn vage aus alten Zeiten, er gehörte zur verzweigten Mod-Szene, zu den Punkrockern, er war Musiker, er spielte Schlagzeug bei den herrlich lärmenden Heebie Jeebies, und er hatte eine Stimme wie ein Kohlenschlepper, ganz tief unten aus dem Bauch heraus.

    Von der nächsten Stunde an saßen wir nebeneinander, für die nächsten anderthalb Jahre, und waren hauptsächlich damit beschäftigt, mit wechselnden Taschenrechnern die offiziell geduldete Fehlzeit von 25 % auszuloten. Was nie so richtig hinhaute. Besonders Schwenke verbrachte nicht eben wenig Zeit im Folterkeller, wie wir das Büro der Institutsleiterin nannten, die uns, ebenfalls mit Taschenrechner bewaffnet, ein ums andere Mal vormachte, wie Prozentrechnung wirklich funktioniert.

    Schwenke und ich steckten dauernd zusammen, wie die Pennäler, wir führten uns auf wie Max und Moritz. Kritzelten uns gegenseitig Nackedeis und halbe Hähnchen ins Steuerbuch, warfen uns blöde Sprüche und Küsschen zu, er war ein charmanter Vogel. Ein bisschen klein geraten, aber nicht zu klein, außerdem war da dieser tiefe Bass, der machte (bei den Frauen) einiges wett. Er hatte eine Affäre mit Alina, der Jüngsten in der Klasse, einem rosigen Wildfang, ich ertappte die beiden beim Fummeln im Fahrstuhl und nahm das Treppenhaus.

    Schwenke hatte diebische Freude an Retro, an den Gepflogenheiten unserer Kindheit. Wenn wir eine Freistunde hatten und durch die Ohligser Fußgängeroase bummelten und er traf einen hochgewachsenen Bekannten, grüßte er ihn garantiert mit „.. he Langer! wie ist die Luft da oben?!“

    Und wenn ihn etwas erstaunte, hörte man Sachen wie „ei, der Daus.“

    Er war verrückt nach den gelben Wrigley’s, nach Juicy Fruit Chewing Gum, Wenn er abends zu viel gekifft oder zu lange im Proberaum rumgelungert hatte, kam er erst zur zweiten Stunde, ein lässiges Kaugummi in Arbeit.

    *

    Ein besonderer Spaß, ausgedacht in seinem kranken Kopf, wenn wir im Unterricht nebeneinander saßen: mit unbeteiligtem Gesichtsausdruck, als hätte er mit der ganzen Sache nichts am Hut, bugsierte er mich samt meinem Bürodrehstuhl mit dem Fuß ganz langsam in Richtung Mittelgang, Zentimeter für Zentimeter schob er mich fort und die Klasse begann zu kichern. Damit hatte er mich natürlich. Ich hab fast in die Hosen gemacht vor Lachen, mit 41.

    *

    Schwenke hatte lange Jahre als Briefträger bei der Post gearbeitet, doch kurz bevor er den Beamtenstatus erreicht hätte, haute er in den Sack und wollte was Neues anfangen. Ich hatte hauptberuflich Drogen konsumiert und kurz bevor ich den Elendenstatus erreicht hätte, haute auch ich in den Sack. So waren wir unabhängig voneinander für einen Moment unseres Lebens an der gleichen Stelle angekommen und drückten wieder die Schulbank. Dabei warteten wir eigentlich nur auf die Pausenklingel, um endlich rüber zum Bahnhof zu stratzen, für den nächsten starken Kaffee.

    Die Umschulung war eine blöde Idee gewesen, wie sich bald herausstellte, aber immerhin eine Idee. Was ich dabei nicht bedacht hatte, war Buchführung. Ich konnte keine Buchführung, auch nicht nach zwei Jahren Wirtschaftsschule und einem Jahr Praktikum beim Steuerberater. Das war nicht meine Welt. Das war die Zahlenwelt. Zwar fand ich Zahlen an sich jetzt gar nicht mal soo übel, aber die Zahlen mochten mich nicht. Sie lehnten mich rundherum ab. Der Widerstand war gewaltig. Ich hatte nie eine reelle Chance. Geh zurück auf Anfang, lachten die Zahlen, wenn sie mich zu Gesicht kriegten, und zeigten ihr Spruchband:

    Zisch ab, Glumm.

    (Am Morgen der Zwischenprüfung hatten Schwenke und ich uns vorgenommen, unserem Klassenprimus Timo in der Teeküche der Wirtschaftsschule aufzulauern, ihn zusammenzuschlagen und per Strohhalm sämtliches Buchführungs-und Bilanzsummen-Wissen aus seinem überdimensionalen Schädel zu schlürfen. Das jedenfalls war der Plan gewesen.)

    Die ganze Umschulung entpuppte sich bald als Lachnummer, aus der man aber nicht ohne weiteres rauskam, also mogelte ich mich bis zur Abschlussprüfung durch, ohne blassen Schimmer von Aktiva, schon eher etwas Passiva. Dass ich die Prüfung schaffte, zählt für mich zu den grossen Rätseln meines Daseins. (Wobei die Bemerkung gestattet sei, dass mir nach Beendigung meines 1jährigen Praktikanten-Gastspiels im Steuerbüro niemand, aber auch wirklich überhaupt niemand eine Träne nachweinte.)

    Schwenke, viel talentierter als ich, er kapierte sogar Buchhaltung, warf nach 18 Monaten das Handtuch. Er hatte die Nase voll von dem ganzen Steuergedöns, zudem hatte sich herausgestellt, dass man jede Menge pauken musste, wollte man die Abschlussprüfung packen. Dazu fehlte ihm die Motivation. Er lernte, unter Umständen, die mir verborgen blieben, seine Katja kennen, der er nach Berlin folgen wollte. (Oder die schon in Berlin wohnte, ich weiß es nicht.)

    Ich erinnere mich aber an einen Satz von Schwenke, einen wütenden Satz, den er mir bei unserem letzten Treffen entgegenschleuderte: „Ich wünschte, ich hätte die Eier, um mit der Frau nach Berlin zu gehen.. aber ich hab die Eier nicht!“ Er schien echt bestürzt zu sein, er war richtig sauer. Ready or not, sagte ich. Das letzte, was ich hörte: er war doch nach Berlin gegangen, er lebte mit Katja zusammen. Er war sogar Torwart bei einer Kreuzberger Fußballmannschaft geworden!

    Er hatte die Eier gehabt.

    *

    Einer unserer Running Gags im Unterricht war ein Spruch von Mitschülerin Olga T. aus Kasachstan, wenn ihr in Rechnungswesen mal wieder der Schädel qualmte wie ne doppelte HB,

    „UND WIE BITTE“, schnippte sie wild mit den Fingern, „KANN MAN DAS LOGGISCH DENKEN?!“

    *

    Er lud mich mehrmals ein, einen Fußballabend bei ihm zu verbringen, im Kreis seiner Ohligser Kumpel, mit Bier und Haschisch, doch mir war damals nicht nach Bier und Haschisch, ich hatte den Ranzen noch dick vom Heroin, ich wollte all dem aus dem Weg gehen. Ich glaube, Schwenke hat das nicht richtig verstanden, oder ich hab es nicht richtig erklärt.

    *

    Wenn ihm etwas gefiel, legte er sich richtig ins Zeug. Einmal hat er mir ein Tape mitgebracht, voll gepackt mit raren Sixties-Nummern, die er vergötterte. Darunter fünf oder sechs Aufnahmen von Sam the Sham and The Pharaohs, die 1965 mit Wooly Bully einen Hit hatten und die ich nie richtig ernst genommen hatte. Ein Fehler, wie sich beim Hören der Kassette herausstellte. Ich hab in den Nullern kaum eine Musik mehr gehört als Schwenkes großartiges Mixed Tape.

    Sam the Sham & The Pharaohs: Black Sheep

    (mit der wunderbaren Textzeile „Black Black sheep lays around drinking wine all day….. reading poetry and laying in the grass..“)

    *

    In dem Moment, wo Schwenke nach Berlin ging, war’s das mit uns beiden. Ich hab ihn nie wieder gesehen oder gesprochen. Es gab noch zwei Emails, darunter eine, wo ich ihn auf meinen 500beine-Blog hinwies, worauf er merkwürdig reagierte. Das wäre ja richtige Literatur, antwortete er nur, und das war’s.

    *

    Einen weiteren Running Gag lieferte unsere Umsatzsteuer-Lehrerin Frau Gabriele H.-D., die im Sommer gern mal barfuß vor die Klasse trat.

    „Herr Schwenke, zum Vorsteuerabzug brauchen wir noch..?“

    „..??!“

    „..eine schnuckelige Rechnung, richtig, Herr Schwenke, und eine Rechnung beinhaltet wieviel TBM’s..?“

    „..fünf?“

    „Richtig, fünf TBM’s, fünf Tatbestand-Merkmale, die wir schön nacheinander ablutschen..“

    Die ganze Klasse:

    „.. ablutschen, ablutschen, ablutschen.. !“

    „.. müssen! Sehr richtig, meine Damen und Herren!“

    *

    Armins Beerdigung wird am 5.5. um 13 Uhr in der Kiefholzstraße 221, 12437 Berlin stattfinden. Alle die von ihm Abschied nehmen möchten sind herzlich willkommen.

    Liebe Grüße

    Katja


    Einsortiert unter:Biografie ]]>
    Fri, 21 Apr 2017 15:00:33 +0000
    Glumm : Nachbarschaft https://glumm.wordpress.com/2017/04/21/nachbarschaft/ https://glumm.wordpress.com/2017/04/21/nachbarschaft/

    *

    *


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    Fri, 21 Apr 2017 08:54:10 +0000
    Die Dschungel. Anderswelt. (Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop) : Die Bamberger Elegien. http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/wirklich-erschienen-bamberger-elegien-jetzt-lieferbar/ http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/wirklich-erschienen-bamberger-elegien-jetzt-lieferbar/
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    Fri, 21 Apr 2017 05:34:04 +0000
    Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen! : Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman). Kapitel 10: Der Einbeinige https://nwschlinkert.de/2017/04/20/norbert-w-schlinkert-ankerlichten-oder-des-herrn-daubenfusses-rache-roman-kapitel-10-der-einbeinige/ https://nwschlinkert.de/2017/04/20/norbert-w-schlinkert-ankerlichten-oder-des-herrn-daubenfusses-rache-roman-kapitel-10-der-einbeinige/ Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

    Kapitel zehn:

    Der Einbeinige

    Bei Tagesanbruch war Heinrich, sein Bündel über der Schulter und sein Geldsäckchen mit Pfennigen und Groschen in der Tasche, aus dem Gasthaus bei Helmstedt geschlichen und in die aufgehende Sonne hineingelaufen, doch erst als er in Marienborn am Friedhof vorbeiging und eine Beerdigung sah, fühlte er sich befreit, warum auch immer. Ein Student hatte ihm am Abend zuvor bei einem kleinen Nachttrunk die Route nach Breslau auf ein Stück Papier gezeichnet, über Oschersleben, Aschersleben, Halle, Leipzig, Dresden, Görlitz, Bunzlau und Liegnitz, den Weg sei er selbst gegangen, andersherum, von Neumarkt aus, von wo er herstamme, bis hierher, nach Helmstedt, um zu studieren. Vier Wochen habe er benötigt. Es gäbe zwar, sagte er noch augenzwinkernd, auch einen kürzeren Weg, doch dann würde er Leipzig und die Gasthäuser und die Frauen dort verpassen, und das wäre schade drum, wenngleich Breslau in dieser Hinsicht auch nicht zu verachten sei. Heinrich hatte dann lange noch wachgelegen und wäre sicher zu spät aufgewacht, hätte nicht Thorbecke gegen Morgen ganz fürchterlich zu schnarchen begonnen.

    Mit jedem Tag seiner Reise Richtung Breslau war das Wetter schlechter geworden. Er hatte das Gefühl, es werde immer noch ein wenig kühler und regnerischer, wann immer er ein Flüsschen überquerte, erst die Bode, dann die Wipper, dann die Saale. Mal pladderte der Regen nur so nieder, mal gab es heftige Gewitter, mal nieselte es nur. Draußen zu übernachten war kaum möglich, und auch in der Nacht vor seiner geplanten Ankunft in Leipzig mußte er wieder einmal auf dem nackten Boden eines Gasthauses schlafen, auf halbem Wege zwischen Halle, um das er einen Bogen gemacht hatte, und seinem vorläufigen Ziel, wenn man das denn überhaupt Schlafen nennen konnte. In der Stube nebenan wurde Unzucht getrieben mit irgendwelchen betrunkenen Weibsbildern, dann war ein Kerl im Streit wohl schwer verletzt worden und jammerte die halbe Nacht fürchterlich. Als Heinrich frühmorgens in den Schankraum trat, sah er durch die offenstehende Tür den Wirt, der eine Blutlache mit einem alten Lumpen verwischte und dann Sand aus einem Krug darüberstreute. Er war froh, als er fortkam, kaum daß er für ein paar Pfennige ein wenig Brot bekommen hatte, um es ins Bier zu brocken. Noch lag ein gutes Stück des Weges vor ihm bis nach Leipzig, von wo aus er dann bald nach Breslau weiterzureisen gedachte. Vielleicht kann ich mich ja als Gehilfe bei einem Kaufmann verdingen, der Richtung Schlesien reist, überlegte er. Er würde sehen, was sich machen ließe.

    Tatsächlich steht Heinrich dann am frühen Abend des selben Tages staunend auf dem Marktplatz der großen Stadt Leipzig. Nachdem er am äußeren Ranstädter Tor durchgewunken worden war und am Barfüßerpförtchen seinen Namen als Heinrich Daubenfuß, Kaufmannsgehilfe, angegeben hatte, er sei im Auftrag seines Meisters hier, war er einfach in die Stadt hineinmarschiert, nach rechts um eine Häuserecke und dann wieder nach links gegangen, um schließlich auf dem Markt mitten im Getümmel zu landen. Es ist noch hell, am Himmel blaue Lücken zwischen auseinanderfahrenden dunklen Wolken, um ihn herum allerlei Trubel und Menschen aller Stände, darunter viele Studenten mit wallenden Perücken und schwarzen Hüten, bestickten Mänteln, Kniebundhosen, weißen oder gelben Seidenstrümpfen und Schnallenschuhen, alle mit einem feinen Degen bewaffnet, ihnen zur Seite manche Dame mit hochaufgestecktem Haar und engtailliertem Kleid, daneben Mägde und Handwerksgesellen und junge Burschen, die ihren Herrschaften die eingekaufte Ware hinterhertrugen. Wenn er da an den armseligen Markt in Schwerte dachte! Er geht von Stand zu Stand und sieht sich die Ware an, Gänse und Hühner in Käfigen, Buchstände mit galanten Romanen und gelehrten Werken, Gemüse, Fleisch, Würste, Tuche, alles ist vorhanden. In den Läden unter dem Rathaus finden sich feine Öle aus Italien und Kerzen aus Schweden ebenso wie Felle aus Rußland, dazu Pfeffer, Honig und Drucke aller Art, Stadtansichten vor allem, auch Stiche nach Gemälden. Vor einem Laden für Messer und Degen steht ein Stadtsoldat, der Heinrich prüfend ansieht und ihm dann zunickt. Heinrich grüßt zurück und geht weiter, durch einen Durchgang unter dem Rathaus hindurch, noch ein Markt, stellt er überrascht fest, ebenso bevölkert. Ein Bürger mit einer dunkelgrauen Perücke und einem großen Hund an seiner Seite erklärt dem Staunenden ungefragt, dies hier sei der Naschmarkt und das prächtige Gebäude dort die Kaufmannsbörse, worauf Heinrich nickt und sich nach einem Schlafplatz erkundigt, er sei Kaufmannsgehilfe und im Auftrag hier.

    Wie gut ist es doch gewesen, dachte er zufrieden, nachdem er sein bescheidenes Quartier in der Ritterstraße Ecke Brühl bezogen hatte und ausgestreckt auf einem Strohsack in der Ecke eines großen Raumes lag, daß ich mir vor einer Weile schon diese Seidenstrümpfe habe verschaffen können, denn eine noch so zerrissene Kleidung wird fast anständig, sind die Strümpfe nur von feiner Machart und ansprechender Farbe. Ihm jedenfalls sind die seidigen Dingerchen, das weiß er genau, zusammen mit einer halbwegs vorzeigbaren Perücke und einem leidlich sauberen Rock, wie jedem anderen Manne das Eintrittsbillet in eine jede Stadt. Wie als eine Versuchung waren ihm die Strümpfe, frisch gewaschen und tropfnaß, ja geradezu vor die Nase gehangen worden, erinnert er sich, ausgerechnet in Paderborn war das gewesen, wo man sie so mißtrauisch behandelt hatte. Ein ungeheurer Glücksfall. Die Perücke allerdings, die ihm ein wenig zu groß ist und jedesmal verrutscht, wenn er sich am Kopf kratzt, besaß er erst seit wenigen Stunden. Auch daran dachte er jetzt, allerdings mit weniger Vergnügen, denn auch diese hatte er, als sich ihm die Gelegenheit bot, gewissermaßen gestohlen, als er heute gegen Mittag auf einem abkürzenden Nebenweg unterwegs gewesen war, zu dem ihm der Wirt geraten hatte, denn wenn man das Pferd der Apostel reiten müsse, hatte er gesagt, dann sei doch jeder Schritt zu viel lästig, vor allem bei diesem Wetter. Es mochte dann wohl noch gut eine Meile bis Leipzig gewesen sein, als es wieder einmal bedrohlich nach einem Gewitter aussah, das sich von Südwesten her näherte. Es tröpfelte auch bereits, als er, aus einem kleinen Stück Wald heraustretend, eine umgestürzte Kutsche alter Bauart sah, deren Verhängnis ohne Zweifel die Spurbreite der hiesigen sächsischen Wagen geworden war. Sie muß, ohnehin schräg fahrend, heftig umgeschlagen sein, vielleicht einer Windböe wegen. Die Räder links waren zerborsten, die rechtsseitigen hingen in der Luft, während die beiden Pferde wohl tot waren, wie Pferde nur tot sein können. Auf den aufgerissenen Flanken saßen dutzende von Kolkraben, die nicht einmal aufflogen, als Heinrich sich langsam und vorsichtig näherte. Menschen waren auf den ersten Blick nicht zu sehen, doch war der Boden übersäht mit Fußabdrücken, kleinen wie großen, alle schon vollgelaufen mit Wasser. Wer weiß, wie lange der Unfall her sein mag, dachte er, die Raben beobachtend. Nun, so lange keine Wölfe auftauchten! Ein Mann in Hildesheim hatte Thorbecke und ihn eindringlich gewarnt, daran erinnerte er sich, je weiter sie nach Osten reisten, desto mehr Wölfe gäbe es. Als er nun noch ein wenig näher herantritt und um die Kutsche herumstapft, sieht er, daß ein einzelner Schuh, schwarz und mit einer silbernen Spange versehen, aus dem offenen Verschlag der Kutsche herausragt. An ihm hängt ein weißbestrumpftes Bein, und an diesem einen Bein ein Leib und obenauf ein Kopf, das linke Auge ist weit aufgerissen, vom anderen kleben nur noch schleimige Reste in der Augenhöhle, durch das blutige Loch der weggefressenen Wange rechts hindurch sind Zahnstümpfe und die angefressene Zunge zu sehen. Heinrich wendet sich erschreckt zusammenfahrend ab und schüttelt sich, zwingt sich dann aber, wieder hinzusehen. Ein nicht ohne Geschmack gekleideter älterer Herr, stellt er fest, einbeinig und von einiger Leibesfülle, mit auffallend schönen Knöpfen an seinem Rock, der Kopf seltsam verdreht, Genickbruch. Ist da wer, ruft Heinrich nun ganz unsinnigerweise, einige der Raben flattern kurz auf, fallen dann aber aus geringer Höhe, krah, krah rufend, wieder in die offenen Wunden hinein. Vorsichtig nähert er sich noch ein Stück, nicht so sehr aus Ehrfurcht vor dem Toten als vielmehr aus Angst vor den Vögeln, die weiter unbeeindruckt, ihn aber gleichwohl beobachtend, Fleischbrocken aus den Kadavern reißen. Die Kreatur ist unberechenbar, das weiß Heinrich aus manchem Erlebnis. Doch die Vögel tun nichts und der Einbeinige auch nicht, der liegt nur da, während Heinrich nun unschlüssig eine Weile am Ort des Geschehens steht und die Kutsche betrachtet, einmal auf dem linken, dann wieder auf dem rechten Bein balancierend, wie das wohl ist, so einbeinig zu sein, denkt er, die Vögel im Augenwinkel, die emsig ziehen, zerren, reißen und vertilgen, während bald schon dicke Tropfen aus schwefelgelbem Himmel zu Boden klatschen.

    Als das Gewitter mit einem Guß und krachendem Donner losbricht, klettert Heinrich, was bleibt ihm übrig, über den Toten hinweg in die schräg im Graben liegende Kutsche hinein, denn er wollte noch heute Leipzig erreichen und dann natürlich nicht aussehen wie ein ersoffener Hund. Der Aufbau gibt beim Einsteigen ein wenig nach und knarrt bedrohlich. In der hintersten Ecke macht er es sich mit zwei völlig verschlissenen Sitzkissen und mit seinem Bündel einigermaßen gemütlich. So ist es auszuhalten, denkt er endlich, die Beine ausstreckend. Und da saß er nun also mit einem einbeinigen und einäugigen Toten und konnte nicht fort, ohne klatschnaß zu werden oder sich sogar vom Blitz erschlagen zu lassen! Nur keine Angst, sagte Heinrich laut, der den Blick von dem Toten nicht wenden konnte, doch je öfter er dies sagte, nur keine Angst, nur keine Angst, nur keine Angst, und je dunkler die Welt wurde, je öfter ein Blitz den Himmel zerriß, je näher das Gewitter kam, desto lebendiger schien die Leiche zu werden. Das wäre ja nicht der erste Tote, dachte er, den der Teufel wieder zum Leben erweckt! Was also tun? Sich naßregnen lassen und am Ende nicht eingelassen werden, weil ein Torwächter ihn für einen Landstreicher hält – das kam absolut nicht infrage! Manch einer hatte ihm, wenn am Abend in einer Schenke das Gespräch auf das Reisen kam, von Leipzig geschwärmt, Salpetersieder, Schuster, Kaufleute, Zimmer- und Maurergesellen, Mörtelrührer, Wirte, Studenten, alle rieten dazu, die Stadt zu besuchen, ob sie nun schon mal dort gewesen waren oder nicht, und nun wollte er auch hinein, das stand fest. Bald tropfte es auch noch durch das Dach ins Innere, nur an einer Stelle zwar, doch dabei geradewegs in die Augenhöhle des Toten. Tropf-tropf-tropf machte es, und vielleicht war es dieser Rhythmus, der Heinrich daran erinnerte, wie er als Kind immer ein Lied gesungen hatte vor lauter Angst, wenn er allein im Wald Beeren suchte oder im Dunkeln von einem Botengang nach Schwerte zurückgehen mußte zum Hof. Doch er kannte nur zwei oder drei Lieder, und so sang er einfach das erste, das ihm einfiel, zuerst ein wenig verzagt, er konnte sich selbst bei all dem Geprassel und Gedonnere kaum hören, dann lauter. Er singt:

    Es wollt ein Mädchen früh aufstehn,

    Und in den grünen Wald spazieren gehn.

    Und als sie nun in den grünen Walde kam,

    Da fand sie einen verwundeten Knab’n.

    Der Knab, der war von Blut so rot,

    Und als sie sich verwand, war er schon tot.

    Wo krieg ich nun zwei Leidfräulein,

    Die mein feines Liebchen zu Grabe wein’n?

    Wo krieg‘ ich nun sechs Reuterknab’n,

    Die mein feins Liebchen zu Grabe trag’n?

    Wie lang soll ich denn trauren gehn?

    Bis alle Wasser zusammen gehn?

    Ja alle Wasser gehn nicht zusamm’n,

    So wird mein Trauren kein Ende han.

    Das war vielleicht nicht gerade das passendste Lied, doch er sang es in ständiger Wiederholung, während der Leichnam einäugig weinte und das Gewitter nicht weiterziehen wollte. Endlich aber klarte es auf, und bevor Heinrich aus der Kutsche stieg, nahm er noch einmal allen Mut zusammen, zog dem Toten die Perücke vom Kopf, klopfte sie aus und steckte sie ein.


    <= Kapitel 9

    Kapitel 11 =>

    *Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

    Hinweis: Das Copyright © und alle denkbaren Rechte an „Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache“ liegen weltweit und darüber hinaus bei Norbert W. Schlinkert. Das Kopieren des Textes oder einzelner Teile ist ausschließlich für den privaten Gebrauch gestattet, sonstige Be- und Verarbeitung und eine Verbreitung in welcher Form und mittels welcher Medien und Techniken auch immer ist unter keinen Umständen gestattet.

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    Thu, 20 Apr 2017 14:43:12 +0000
    der goldene fisch : Gerald Koll : Das fünfzigste Jahr (189) http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12405 http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12405 20. April 2016, ein Mittwoch

    Wir ließen es nicht. D. und ich sind nun auf der Erdbebeninsel Kyushu in Fukuoka, einer betonierten Stadt ohne Witz. Wir finden einen Schrein. Was soll uns ein Schrein nach Tagen voll von Schreinen? Der Reiseführer lockt uns in die “Canal City”, eine typisch doofe Einkaufpassage. Ohne Crêpes wäre sie völlig ungenießbar.

    Abends ins hiesige Hombu-Dojo zum Aikido. Die Aikikai-Dojos von Fukuoka stehen unter der Leitung eines Mannes namens Suganuma, der einstmals näher an dem Aikido-Begründer Morihei Ueshiba war als kaum ein anderer. Suganuma-Sensei wird in den offiziellen Listen des Aikikai als vorletzter Uchi-Deshi geführt, also als Hausschüler, der im Dojo wohnte und dem Meister als persönlicher Assistent diente. Eine Art Jünger, der den Heiligenschein der Zeitzeugenschaft trägt. Suganuma-Sensei ist indes ein nahbarer freundlicher Mann. Mit seinen über 70 Jahren lehrt er noch immer, ist beneidenswert dehnbar, lässt sich von mir angreifen, greift auch selbst an – eine Art Willkommensgruß. Die Atmosphäre in seinem Dojo ist weitaus gastfreundlicher als in Tokio. Im Trainingsraum befindet sich eine Küchenzeile, im Anschluss ans Training wird eine Decke ausgebreitet, Tee gekocht, Gebäck gereicht. Der Meister bittet dann eine Schülerin, den Sitzenden einige Zeilen aus einem Buch über die Ethik des Budo vorzulesen. Altertümlich, und doch: ein Dojo mit Charme und Stil.

    Allseits rät man uns dringend und eindringlich ab, ins Erdbebengebiet weiterzureisen. Ich verhehle meine Zerstörungsvoyeurismuslust. Aber ich spüre sie.

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    Thu, 20 Apr 2017 08:41:36 +0000
    taberna kritika - kleine formen : Blatt 04.2 http://www.abendschein.ch/blatt-04-2/ http://www.abendschein.ch/blatt-04-2/

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    Thu, 20 Apr 2017 07:33:52 +0000
    particles : beckett http://andreas-louis-seyerlein.de/air/beckett/ http://andreas-louis-seyerlein.de/air/beckett/ 9

    charlie : 6.32 UTC – In dem kleinen Café, das den Namen Sahara trägt, wird Menschen, die am Flughafen arbeiten, Rabatt gewährt. Iclal ist müde, sie kommt gerade von der Arbeit. Außerdem schneit es in einer Weise, als wäre Winter. Sie zieht ihren Mantel aus und die Handschuhe, legt sie auf den Tisch vor sich hin und sagt: Ich will über die Abstimmung in der Türkei nicht sprechen. Sprechen wir über meine nächste Reise, ich weiss nicht wohin ich reisen soll, ich bin seit ich denken kann, immer in die Türkei gereist, diesmal werde ich nicht in die Türkei reisen.Ist es zu gefährlich, frage ich. – Nein, antwortet lcal, es ist nicht gefährlich für mich, ich will nicht. Wohin könnte ich nur reisen im Sommer? – Ich sage: Venedig ist schön, aber eher im späten Herbst, vielleicht magst Du in die Berge gehen, Du könntest auf einer Hütte im Karwendelgebirge wohnen und wandern, das ist ganz wunderbar dort. In diesem Moment entdecke ich einen Schriftzug von weisser Farbe, der Iclals rosafarbenes T-Shirt bedeckt: Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better. Das sind wunderbare Worte, sage ich, Samuel Beckett hat sie geschrieben.Ja, wirklich, antwortet Ical, wer ist das? Sie sieht an sich herab. Ich habe nicht darauf geachtet, was da steht, das ist Englisch, ich kann kein Englisch, was steht da, das Beckett geschrieben hat? – Ich überlege, wie ich Becketts Sätze korrekt übersetzen könnte. ich überlege lange. Das ist offensichtlich schwierig, sagt Iclal. Nein, sage ich, das ist Poesie, da muss man sehr behutsam mit den Wörtern umgehen, man muss sehr genau sein. Kurz darauf werde ich mit meiner Übersetzung fertig. Iclal hört zu. Iclal beginnt zu lachen. Bald bekommt sie kaum noch Luft wie so lacht, und ich dachte noch, wie gerne ich ihr Lachen in diesem Moment auf Tonband aufgenommen hätte – stop

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    Der Beitrag beckett erschien ursprünglich auf andreas louis seyerlein : particles.

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    Thu, 20 Apr 2017 06:11:54 +0000
    Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen! : Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman). Kapitel 9: Die größte aller Sünden https://nwschlinkert.de/2017/04/19/norbert-w-schlinkert-ankerlichten-oder-des-herrn-daubenfusses-rache-roman-kapitel-9-die-groesste-aller-suenden/ https://nwschlinkert.de/2017/04/19/norbert-w-schlinkert-ankerlichten-oder-des-herrn-daubenfusses-rache-roman-kapitel-9-die-groesste-aller-suenden/ Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

    Kapitel neun:

    Die größte aller Sünden

    So oft wie möglich besucht Heinrich nun den dritten Prediger, während er sich in der Schenke kaum noch sehen läßt. Nur den Montag betrachtet er weiterhin als seinen Tag, an dem er sich mit einigen Saufkumpanen treffen konnte, um allerhand Unsinn zu reden und mit den Mädchen herumzumachen. Beim dritten Prediger aber war er die Ernsthaftigkeit selbst. Eines Sonntagabends fragte er beim Abschied, ob er nicht noch einiges über die Sünde erfahren dürfe, das interessiere ihn sehr, er wolle auch gleich morgen wiederkommen, blauer Montag hin oder her. Der Prediger war überrascht und erfreut, dies zu hören, es würde ihm selbst auch, überlegte er, sicherlich gut tun, mit Heinrich über Themen zu sprechen, die ihm seit je her am Herzen lagen. Nachdem er bei der Besetzung der Predigerstellen, ohne daß er wußte, warum dies so geschah, mehrere Male übergangen worden war, und er sich nun auch nicht mehr in Nachbargemeinden bewerben wollte, war er schon fast ganz der Melancholie verfallen, ja ein Grübler geworden, wie er im Buche steht. Reden und Unterrichten half immer. Natürlich konnte er nicht ahnen, daß sein Schüler für seine Wißbegier nur diesen einen bestimmten Grund hatte, den er sicher nicht gutheißen würde, nämlich in Erfahrung zu bringen, wie er seine Rache an jenem Adam Bernd am besten planen konnte. Heinrich suchte händeringend nach Ideen, jetzt, wo ihm die anstehende Reise die Möglichkeit bot, nach Breslau zu gelangen, und wer wäre wohl, dachte er, der beste Ratgeber, wenn nicht ein Prediger.

    Für den Prediger selbst war indes auch diese neue Art der Frömmigkeit der thorbeckschen Hausherrin, von der Heinrich berichtete, ein weiterer Ansporn, den Jungen zu belehren, denn daß diese Frau den sogenannten Pietisten nahestand, war ihm ein Stachel im Fleisch. Die Schrift eines gewissen Philipp Jakob Spener, Pia desideria, hatte er selbst vor Jahren einmal gelesen und vieles richtig daran gefunden, vor allem in bezug auf den Lebenswandel der Menschen und die Notwendigkeit, Lug und Betrug, die Hurerei und überhaupt jede Form der Unsittlichkeit zu bekämpfen. Doch daß die Laien dabei eine wichtige Rolle spielen sollten, selbst die Frauen, das war ihm wieder nicht recht einsichtig gewesen, während er der gewünschten Erbauung der Gläubigen viel abgewinnen konnte. Doch dafür reichte es wohl, wenn die Menschen die arndtschen Schriften lasen und die Predigten anhörten, sagte er sich damals, und bei dieser Meinung war er auch geblieben. War es denn nicht, überlegte er immer wieder, Unglück genug, daß die Reformierten in Schwerte ihr Unwesen trieben und Papisten aus dem Sauerland zu den Markttagen zuhauf in die Stadt kamen! Und nun sollte auch noch diese pietistische Lehre hier Fuß fassen! Er hoffte, in Heinrich einen Mitstreiter gewinnen zu können gegen dieses Unwesen, das sich langsam durchzusetzen drohte. Er war ja durchaus präpariert und mit Argumenten gut ausgestattet, denn nach jenem Anschlag auf sein Leben, damals im Herbst des Jahres 1687, hatte er nicht nur damit begonnen, noch ausgiebiger als zuvor zu lesen, sondern er schrieb sich seitdem täglich all das von der Seele, was ihn nicht ruhen ließ, denn wenn Gott ihn hatte strafen wollen, so ein immer wiederkehrender Gedanke seither, mit den nicht enden wollenden Schmerzen im linken Bein und dem Fieber, das ihn oft heimsuchte, dann mußte auch er Sünden auf sich geladen haben, die nicht eben klein gewesen sind, die Gott ihm aber nicht offenbarte. Schreibend, so hoffte er, würde er der Wahrheit näherkommen. Doch vielleicht hatte Gott ihm nun den Jungen geschickt, dachte er, denn der wollte ja alles erfahren über die Sünde und die Anfechtungen, den Teufel und die Hölle und den ganzen Rest.

    Im Diarium des Predigers fanden sich also ganz naturgemäß allerlei Gedanken und gute Argumente gegen die Abweichler, aber auch eine längere Abhandlung zur Sünde, die ihm eines Abends aus der Feder geflossen war. Er wollte Heinrich das eine oder andere daraus vorstellen, ohne daß es wie eine Predigt wirkte. Immerhin ging der Junge bald zusammen mit Thorbecke auf Reisen, da würde es gut sein, ihn auf die Gefahren der Welt aufmerksam zu machen, damit er nicht etwa als ein Pietist wieder hier erschiene. Er schlug sein Tagebuch auf. Wo große Strafen und Züchtigungen Gottes sich finden, las er also laut, sich das Büchlein direkt vor die Nase haltend und in seiner Stube trotz der Schmerzen im Bein hin und her humpelnd, da mögen wir wohl denken, daß gewiß nicht kleine Sünden begangen wurden, die Gott veranlaßt haben, uns mit solchen bittern Ruten zu geißeln. Und sollte ich nach dem gemeinen Sprichwort nicht etwa sagen müssen, den ärgsten Hunden hängt man die größten Klöppel an? Er hielt inne und setzte sich. Er wollte Heinrich ja nicht mit seinen Selbstanklagen aus dem Haus jagen! Er blätterte weiter, es mußte etwas weniger Schweres sein, etwas Weltliches. Vielleicht, dachte er, sollte ich Heinrich von der Mischung der Säfte berichten, dem Temperament, das Gott einem jeden Menschen mitgibt. Er selbst war ja schließlich ein Melancholiker, da war viel zu erzählen. Denn obwohl, las er also wieder laut, nachdem er nach vielem Hin- und Herblättern eine passende Stelle gefunden hatte, die Melancholici wegen ihres Temperaments und verbrannten dicken Geblütes schon zu schrecklichen Anfällen geneigt sind, so glaube ich doch, dieselben würden nicht so leicht ausbrechen, wenn nicht mit den Sünden Holz zugetragen würde zu dem Feuer, dem feurigen Ofen der Anfechtungen, in welchem sie öfters brennen müssen, bis die Schlacken ihrer Sünden verzehrt sind! Das war nun, fand er, ein wenig zu deutlich im Ton einer Predigt, doch er würde schon, sagte er sich, die richtigen Worte finden. Endlich klopfte es, der Prediger legte sein Tagebuch wieder an seinen Platz und öffnete die Tür. Heinrich trat ein, einen großen Krug Bier und geräucherte Würste in der Hand.

    Er würde aufmerksam zuhören an diesem Montagabend. Besonders interessierte ihn, darauf war er erst am Morgen verfallen, ob eine Tat, die er nicht vorsätzlich herbeigeführt hat, ihm als Sünde angerechnet werden könnte, etwa wenn er im Zustand des Wahns oder der übermäßigen Wut einen Gegner oder einen Feind anginge und niedermachte. Er drückte das ein wenig umständlich aus, mit falschen Begriffen und unter Zuhilfenahme der üblichen Teufelsmetaphern. Dem Prediger, der die Frage dennoch sofort verstand, stieg das Blut zu Kopf. Von seinen eigenen Überlegungen, die er oft genug anstellte, hatte er nie irgendjemandem etwas berichtet, doch natürlich hatte er damals die Calvinisten und mit ihnen die Reformierten wütend zum Teufel gewünscht, als er so lange auf dem Krankenlager gelegen hatte. Sogar Rachepläne schmiedete er damals, doch die liefen ins Leere, auch deswegen, weil sich der Täter nicht finden ließ. Er konnte sich ohnehin nur bruchstückhaft erinnern, ja eigentlich nur an den üblichen abendlichen Spaziergang und daran, daß vor ihm das besorgte Antlitz des Medicus erschien, nach und nach wie aus einem Nebel. Er war auf jeden Fall hinterrücks überfallen worden, er hatte eine schwere Wunde am Hinterkopf erlitten, den Täter also nicht sehen können, der dann auch noch auf ihn eingeschlagen oder eingetreten haben mußte. Was aber, das fragte er sich jetzt wieder, würde ich getan haben, wenn mir etwa der Richter unter vier Augen den Kerl genannt hätte? In einer kleinen Stadt läuft man sich über den Weg, ob man will oder nicht. Würde mich die Wut überwältigen, würde ich dem Täter die Faust in die Fresse schlagen, würde ich ihn zu Tode prügeln, stünde er vor mir, würde ich ihn ermorden, in all meiner Wut, und damit die größte Schuld auf mich laden? Er sah Heinrich an, der scheinbar geduldig, an einer Wurst kauend, auf Antwort wartete. Fest steht, dachte der Prediger, daß mich Gott seitdem mit Schmerzen und bösen Träumen straft, ohne daß ich Gewalt gegen einen Menschen ausgeübt hätte, ohne daß ich des Mordes oder überhaupt eines Verbrechens schuldig bin. Aber auch böse Gedanken sind ohne Zweifel bereits böse Taten, kommen sie auch ungerufen und lassen sich nicht vertreiben! Er nahm einen tiefen Schluck Bier. Heinrich blickte ihn ernst an, nur ein leichtes Wippen des Fußes zeigte seine Ungeduld. Was sollte er dem Jungen, überlegte der dritte Prediger angestrengt, nun sagen? Wäre eine solche Tat, wie er sie selbst im Geiste oft begangen hatte, keine Sünde, weil sie im Wahn ausgeführt wird, so wäre ein Totschlag im Rausch kaum zu ahnden! Niemand muß sich betrinken oder sich seiner Wut hingeben, wenn auch die Mischung der Säfte das begünstigen mag. In Hiob, hob er also endlich an, den Jungen fest anblickend, steht geschrieben, mein Lager soll mir lindern meine Pein, doch so erschreckte mich Gott durch Träume. Ebenso, Heinrich, ergeht es auch mir seit Jahren, nach jenem Streit mit den Calvinisten aus Breslau und dem Überfall auf mich. Meine Träume seither sind in der Tat schrecklich, und auch die Schmerzen wollen nicht vergehen, obwohl ich nichts Böses getan habe. Darüber aber außer sich zu geraten und seine Gegner im Streit niederzumachen, ob in größter Wut und selbst in Gedanken, ist Sünde, hörst Du, Heinrich, das wäre Gott zuwider gehandelt! Heinrich nickte, sagte aber nichts. Ihm war nicht recht klar, wie ein Mensch durch Gedanken sündigen konnte, auch wenn er davon schon gehört hatte, und er verstand auch nicht, warum das Besiegen eines Feindes im Kampf Sünde sein soll, wenn dieser Feind Böses getan hatte. War ein Kampf ohne Wut denn überhaupt möglich? Dieser Adam Bernd jedenfalls ist schuldig, das sagte er sich immer wieder, weil er Cara in die Verzweiflung getrieben hat, und wenn Gott selbst die Sünder strafen würde, durch ein lahmes Bein und durch böse Träume, so würde er, Heinrich, es ja nicht tun müssen! War das nicht so? Sicher, auch er hatte schon oft schlecht geträumt, manchmal steckte er bis zum Hals in einem schlammigen Tümpel, das brackige Wasser lief ihm in den Mund hinein, dann wieder fiel er aus einem Fenster in die Tiefe, doch konnte er nicht erkennen, daß Gott ihn so wegen seiner Sünden, die er doch ohne Zweifel beging, strafte. Er dachte an Emilia, an das, was sie getan und was er von ihr gefordert hatte. Danach hatte er keineswegs böse Träume gehabt, ganz im Gegenteil, überlegte er weiter, verschmitzt lächelnd. Ob Emilia deswegen schlecht träumte, fragte er sich nicht.

    Am nächsten Abend fand Heinrich den Prediger auf dem Krankenlager vor. Die Zugehfrau war, als er eintrat, soeben damit beschäftigt, große Stücke Pappelrinde auf sein linkes Bein zu legen und diese mit heißdampfenden Tüchern abzudecken. Heinrich ließ sich durch ihre bösen Blicke nicht beirren, denn er war nach dem gestrigen Besuch, leidlich besoffen am Busen eines Mädchens hängend, auf eine Frage gekommen, die ihn nun doch sehr beschäftigte. So ist denn, fragt er nunmehr unvermittelt, kaum daß er sich gesetzt hatte, die Angst vor einer Sünde schon eine solche, aus dem Grunde, weil die Angst böse Träume auslösen muß und dem Menschen das Leben zu einer Hölle macht? Der Prediger lächelte, trotz seiner Schmerzen. Das, was Heinrich da sagte, war sicher naiv und fast noch kindlich, es war ein wenig zu kurz gedacht, denn die Angst vor der Sünde hatte Gott ja dem Menschen wohlweislich zu dessen Schutz eingegeben; und wenn diese Angst am Ende dem Teufel schmeichelte, dann mußte wohl auch diese Angst zweifellos schon eine Sünde sein. Dies setzte er Heinrich auseinander, der aber schien mit der Antwort nicht zufrieden und grübelte lange nach. Dann fragte er schließlich, die Frau hatte eben die Wickelei beendet und die Tür hinter sich geschlossen, was denn die größte Sünde sei, so daß bereits die Angst davor die schlimmste Pein auslöse. Daraufhin sprach der Prediger von den sieben großen Sünden, dem Hochmut oder der Eitelkeit, dem Geiz oder der Habgier, der Wollust, dem Zorn oder der Rachsucht, der Maßlosigkeit, dem Neid oder der Eifersucht, der Trägheit des Herzens und des Geistes oder der Feigheit, doch all dies kannte Heinrich ja bereits aus Arndts Schriften und den Büchern der Hausherrin. Außerdem leierte der Prediger die Aufzählung nur herunter, wie er dies manchmal in seinen Predigten tat. Heinrich suchte etwas anderes, denn er würde, das kristallisierte sich immer mehr als sein eigentlicher Plan heraus, diesem Adam Bernd die Hölle auf Erden bereiten, indem er ihm Angst vor der Sünde eingab, vor der größten aller Sünden, und kostete dies auch sein eigenes Seelenheil. Das war sein Plan, aber er spürte, wie unausgegoren er noch war – das Entscheidende fehlte noch!

    Der Prediger schrie auf. Er hatte sich ungeschickt bewegt. Alles Blut wich ihm aus dem Gesicht. Schwer atmend lag er eine ganze Weile mit geschlossenen Augen auf seinem Lager. Heinrich öffnete derweil das Fenster und sah hinaus. Manchmal wünschte ich mir, sagte der Prediger endlich leise, mich in zwei Menschen aufteilen zu können und dem anderen den Schmerz lassen! Leider ist das unmöglich, Heinrich, und grad jetzt würde ich mich, wenn eben dieser Schmerz mich nicht hinderte, am liebsten zum Fenster hinausstürzen, damit er aufhört, doch könnte ich ohne Umstand zum Fenster gehen, so hätte ich keine Schmerzen und auch keinen Veranlassung, mich hinunterzustürzen. Er lächelte matt und blickte zu Heinrich, der aber stand schweigend am Fenster und sah auf den dunklen Marktplatz hinunter. Für einen kurzen, schauerlichen Moment erschien ihm, wie von einer kleinen bösen Sonne aus der Finsternis herausgeschnitten, das Bild des unten auf dem Pflaster liegenden Predigers. Jede Einzelheit war zu erkennen, die verrenkten Glieder, die erloschenen, ins Leere starrenden Augen, das Blut, das aus dem zerschlagenen Schädel rann. Dann verschwand das Bild wieder, so plötzlich wie es erschienen war. Heinrich sprach noch eine Weile mit dem Prediger, über dies und das, doch mit einer Fahrigkeit, die nicht zu ihm paßte. Dann verabschiedete er sich. Ihm war ein Licht aufgegangen. Und was für eins!

    Kaum oben in seiner Kammer schreibt er auf ein Blatt Papier: Die größte aller Sünden ist der Selbstmord! Daneben zeichnet er ein Haus mit einem geöffneten Fenster, in dem ein Mann steht mit schwarzem Gesicht. Ja, dachte er, und die größte Angst ist es, sich umbringen zu müssen! Es wird wohl eine Art Anfechtung sein, überlegte er, spürt man die Lust, sich ins Wasser zu stürzen oder aus dem Fenster zu springen. Er konnte das nicht recht begreifen. Auf seinem Balken in der Scheune hatte er sich natürlich immer so gesetzt, daß er nicht hinunterfallen konnte, doch in einem melancholischen Augenblick, in einer Art Umnachtung, ja, das konnte sein, würde der ein oder andere Mensch sich fallen lassen. Das mochte von seinem Temperament und der Mischung der Säfte abhängen. Er dachte an Cara. Ihm war ja sofort, als man sie nicht finden konnte, klar gewesen, daß sie tot sein mußte, der Prediger war umhergelaufen und hatte die Leute gefragt, doch sie war von niemandem gesehen worden. Sie war zurückgekommen nach Schwerte, dachte er jetzt, und dann ging sie wieder fort, in den Tod! Der Prediger fragte ihn damals noch, ob er denn nicht traurig sein würde, wenn sie tot sei, er wollte ihn zu weiterer Suche animieren, aber war er wirklich traurig gewesen, als er die Mutter tot im Wald gefunden hatte? Er wußte es nicht. War die Mutter nicht blöde gewesen die ganze Zeit, sie verstand kaum, was man ihr sagte, und warum sollte man dann traurig sein, wenn sie tot ist? Auch Cara war wohl so geworden, blöde und des Teufels, vielleicht ganz plötzlich. Die Mutter hatte tot auf dem zugefrorenen Tümpel gelegen, die Wildschweine oder die Wölfe mochten sie gefressen haben, und Cara haben die Fische gefressen. Gott, oder der Teufel, hatte das bewirkt, der Mensch stand nur daneben und sah zu, bis er selbst an die Reihe kam. Nein, entschied er, traurig war er nicht, und noch weniger traurig würde er sein, wenn Adam Bernd sein Schicksal erleiden wird.

    Würde der dritte Prediger sich aus dem Fenster stürzen, wenn die Schmerzen im Arm wären und nicht im Bein? Das fragte er sich, am nächsten Tag müde auf dem Kutschbock hockend. Er mußte lächeln, nein, der Prediger würde sich nicht umbringen, denn dann würde er zu den Verdammten gehören und ewig in der Hölle schmoren. Dennoch, eine plötzliche Beraubung des Verstandes, und ein Mensch wirft sich vor eine Kutsche, springt ins Feuer oder ins Wasser, und war vielleicht einen Lidschlag zuvor noch bei Verstand gewesen. Heinrich dachte lange darüber nach, er selbst würde dies nicht tun, niemals, auch nicht im berauschten Zustand. Den Weibern unter die Röcke gehen, das ja, natürlich, oder Streit beginnen, sich prügeln, dummes Zeug quatschen, aber sich kopfüber in einen Strudel stürzen oder ins Feuer – nein, das werde ich nicht tun, entschied er, niemals.

    Doch ganz so sicher war er sich durchaus nicht, denn der Gedanke ließ ihn nicht los, daß auch er selbst einmal plötzlich einem Wahn verfallen könnte. Was wäre denn, überlegte er, als er am selben Abend totmüde auf seinem Strohsack lag, wenn einer sich selbst nicht trauen kann, wenn er den Teufel in sich spürt wie die Wollust, die sich ja auch nicht vertreiben läßt so ohne weiteres? Muß er dann nicht Angst haben vor sich selbst? Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Das, dachte er, wäre die Hölle auf Erden für den armen Sünder, und diese Hölle, die würde er Adam Bernd bereiten! Angst vor sich selbst! Er wußte noch nicht, wie er es anstellen sollte, aber sein Plan nahm nun langsam Gestalt an.

    Einige Wochen später machen sich der Kaufmann Thorbecke und sein Gehilfe Heinrich bei schönem Frühlingswetter mit einem zweispännigen, neuen Wagen auf den Weg Richtung Osten, beladen mit einigem Tuch, das unterwegs loszuschlagen sein würde. Heinrich wollte sich, das stand fest, so bald wie möglich davonmachen, denn nichts sollte ihn nun daran hindern, nach Breslau zu kommen.


    <= Kapitel 8

    Kapitel 10 =>

    *Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

    Hinweis: Das Copyright © und alle denkbaren Rechte an „Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache“ liegen weltweit und darüber hinaus bei Norbert W. Schlinkert. Das Kopieren des Textes oder einzelner Teile ist ausschließlich für den privaten Gebrauch gestattet, sonstige Be- und Verarbeitung und eine Verbreitung in welcher Form und mittels welcher Medien und Techniken auch immer ist unter keinen Umständen gestattet.

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    Wed, 19 Apr 2017 12:13:00 +0000
    rheinsein : Blatnýs Rhein http://rheinsein.de/2017/04/19/blatnys-rhein/ http://rheinsein.de/2017/04/19/blatnys-rhein/

    aus: Ivan Blatný – Alte Wohnsitze. Gedichte. Aus dem Tschechischen von Christa Rothmeier, Wien 2005

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    Wed, 19 Apr 2017 10:32:51 +0000
    Psittacos : No title http://www.lisaspalt.info/341-2/ http://www.lisaspalt.info/341-2/

    Ein Paar tritt aus einem Veranstaltungsraum heraus in die Nacht. Schöne, runde Straßenlaternen. Schweigen. Lächeln.

    Sie: Grapefruit.

    Er: Schokolade.

    Sie: Bohne.

    Er: Embryo.

    Sie: Rank.

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    Wed, 19 Apr 2017 09:54:38 +0000
    der goldene fisch : Gerald Koll : Das fünfzigste Jahr (188) http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12379 http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12379 19. April 2016, ein Dienstag

    Hiroshima. Die touristenattraktivste Attraktion ist natürlich die “A-Bomb-Area”: dem Frieden geweiht, der Zerstörung verdankt. Ruinen staken wie Gerippe. Durch das Museum schieben Massen, man schiebt mich hindurch und heraus wie aus einem Mastdarm.

    Miyajima ist eine Hiroshima vorgelagerte Insel, vor der ein wuchtiges Tor orange im Matsch steckt, ein Shinto-Schrein. Er ist womöglich noch beliebter als die Ruine auf dem A-Bomb-Gelände. Es vergeht keine Sekunde, in der nicht hundert Touristen einen einzigartigen Blick für die Ewigkeit festhalten: leuchtender Tori im Sonnenuntergang bei Ebbe mit Spiegelung – wenn man blöde genug ist, macht man mit. Ich bin es. Auch auf Miyajima wird vor Giftschlangen gewarnt.

    D. und ich landen in einem schaurig-schönen Hotel-Wolkenkratzer mit offenem Schacht in der Mitte. Auch im zehnten Stock sind die Geländer niedrig, ein Paradies für Selbstmörder. Wir sitzen in hoteleigener Yukata auf dem Bett, trinken Bier und überlegen den Plan für morgen. Wir wollen auf die südliche Hauptinsel Kyushu. Aber dort waren die Erdbeben stärker als gedacht. Die Nachrichten senden täglich neue Schreckensbilder. Unser eigentliches Ziel liegt im Norden der Insel, ein gutes Stück vom Epizentrum entfernt. Dennoch unbehaglich, in diese Richtung zu fahren. Wir wissen nicht, wie erwünscht Gäste sind, die nicht als Helfer kommen. Wir wollen bei einem berühmten Lehrer Aikido üben. Vielleicht sollten wir das besser lassen.

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    Wed, 19 Apr 2017 07:34:41 +0000
    taberna kritika - kleine formen : 20130619 http://www.abendschein.ch/20130619-2/ http://www.abendschein.ch/20130619-2/

    ein
    ansporn zur kontinuität
    es singen die wahngesinnten ihre nonexit exit strategie im warenkorb die vorortkultur gegen die vorortkultur die verbraucher meiner texte konsumenten meines romans die erste zigarette am morgen
    mein nach denken über
    den grund zustand

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    Wed, 19 Apr 2017 06:40:44 +0000
    Tainted Talents (Ateliertagebuch.) : Das große Unbekannte, II http://taintedtalents.twoday.net/stories/das-grosse-unbekannte-ii/ http://taintedtalents.twoday.net/stories/das-grosse-unbekannte-ii/


    Tusche auf Bütten, 2017 ]]>
    Wed, 19 Apr 2017 06:14:00 +0000
    isla volante : das herz http://feedproxy.google.com/~r/volante/~3/-JN5vgFAhXs/ http://feedproxy.google.com/~r/volante/~3/-JN5vgFAhXs/

    das herz
    auf unbestimmte zeit
    vereisen lassen
    im abgrund bleiben
    und auch dort
    nicht sicher sein

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    Wed, 19 Apr 2017 05:58:00 +0000
    particles : = http://andreas-louis-seyerlein.de/air/31483-2/ http://andreas-louis-seyerlein.de/air/31483-2/ 9

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    Wed, 19 Apr 2017 04:12:38 +0000
    Der SchneideRing : Sonic Venom https://schneidering.de/20170418/sonic-venom/ https://schneidering.de/20170418/sonic-venom/ Tue, 18 Apr 2017 18:07:49 +0000 Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen! : Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman). Kapitel 8: Der Gehülfe https://nwschlinkert.de/2017/04/18/norbert-w-schlinkert-ankerlichten-oder-des-herrn-daubenfusses-rache-roman-kapitel-8-der-gehuelfe/ https://nwschlinkert.de/2017/04/18/norbert-w-schlinkert-ankerlichten-oder-des-herrn-daubenfusses-rache-roman-kapitel-8-der-gehuelfe/ Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

    Kapitel acht:

    Der Gehülfe

    Der dritte Prediger schickt auch dieses Mal keinen Boten mit einer Nachricht, sondern geht selbst hinaus zum Hof. Er ist gewissermaßen im Auftrag des Schichtmeisters Thorbecke unterwegs, der immer noch einen Gehilfen sucht und sich an die Geschichte mit Cara und Heinrich erinnert hatte. Da er mit Leinen und anderen bäuerlichen Waren handelte, benötigte er einen Burschen, der es ohne weiteres mit den Linnewebern und Bauern aufnehmen konnte, und da Heinrich, wie der Prediger sagte, nicht nur kräftig geworden war, wie er es kaum für möglich gehalten hätte, sondern sogar lesen und schreiben konnte, wollte er diesen und keinen anderen. Doch ob Heinrich zustimmen würde, war mehr als fraglich, das wußte der Prediger nur allzu gut, ja er war sogar sicher, ihn als den mißmutigen, mehr oder weniger armen Tropf vorzufinden, wortkarg und verschlossen, als den er ihn kannte. Ich werde aber mein Bestes tun, denn für Heinrich wäre solch eine Stelle ein Glücksfall sondergleichen, dachte der Prediger, während er über den steinhart gefrorenen Weg ging. Vor gut einer Woche hatte es eine fast frühlingshafte Episode gegeben, aller Schnee war weggeschmolzen, worauf dann aber wieder leichter Frost eingetreten war.

    Die Schmerzen in seinem Bein ließen jetzt immerhin langsam nach, während er heute morgen noch gedacht hatte, keine zwei Schritte gehen zu können. Der Medicus faselte in letzter Zeit von einer Methode, die daraus bestand, Baumrinde um das Bein zu wickeln und feucht zu halten, so zöge man die Substanzen aus dem Fleisch, die die Schmerzen verursachten. Wenn’s denn hilft, hatte er dem Stutzer geantwortet, der daraufhin sogar anderntags mit einem Buch herangelaufen gekommen war, in dem die Heilung beschrieben wurde. Sobald es ein wenig wärmer sei, wolle er mit der Behandlung beginnen. Wie er den Kerl kannte, würde der dafür aber einiges berechnen wollen – dem konnte man nicht kommen mit dem Gotteslohn, der ihm einst zukommen würde, ja hatte er ihm nicht sogar ins Gesicht hinein gesagt, das Himmelreich und der Glaube an den Jüngsten Tag sei alles nur steinalte Überlieferung, Miß- und Afterglaube! Der Prediger spürte, wie die Wut wieder in ihm aufstieg, denn wer weiß, vielleicht lag er jedem Kranken in Schwerte mit solch Heidengeschwätz in den Ohren. Doch er war nunmal der einzige Arzt in der Stadt, das war vorderhand nicht zu ändern. Er atmete tief die kalte, frische Luft ein. Nun muß ich aber, dachte er, das ist wichtig, Heinrich überzeugen, in das thorbecksche Haus einzutreten, das wäre für alle ein Gewinn.

    Eine Magd, die eben dabei war, mit einem langen Stecken im Brunnen herumzustaken, zeigte nur stumm auf die Scheune, aus der Hämmern zu hören war. Er fand Heinrich eben dabei, von oben einen Keil in das Querstück eines Tisches hineinzutreiben, die fertige Tischplatte stand schon bereit. Seid ihr nun unter die Tischler gegangen, begrüßte ihn der Prediger, und wie überrascht war er, als Heinrich lächelnd aufblickte. Zwar ging auch ein Anflug von Sorge über sein Angesicht, doch als er hörte, er solle Gehilfe eines Kaufmanns in Schwerte werden, beim Schichtmeister Thorbecke nämlich, der ihn, den Prediger das Angebot zu überbringen beauftragt habe, lachte er und sagte, das würde wohl nicht das Schlechteste auf Erden sein. Trotzdem hielt der Prediger, so überrascht er auch war, die ganze lange Rede, die er sich, Heinrich zu überzeugen, zurechtgelegt hatte. Er zählte also all die Vorzüge des Kaufmannsstandes auf, die da seien das Reisen zu fremden Orten, das gute Geld, das sich verdienen ließe, den guten Stand, der einem wackeren Kerl auch eine gute Frau einbringen mußte, ja womöglich könnte einer, der von der Pike auf das Gewerbe lerne, in späteren Jahren ein eigenes Geschäft eröffnen, ein Haus bauen und viele Kinder haben. Er mußte aufpassen, nicht zu übertreiben, doch da Heinrich aufgeräumt und gutmütig zuhörte, wurde auch ihm ganz hoffnungsvoll, so daß er auch noch einiges über den Schichtmeister selbst und seine Frau und Tochter hinzufügte. Am Ende sagte er noch, damit die Bäume nicht in den Himmel wuchsen, es sei natürlich trotzdem eine schwere Arbeit, die so ein Kaufmannsgehilfe zu verrichten habe, er würde viel lernen müssen, um ein guter Gehilfe werden. Die Sache war also ausgemacht, sie gaben sich fast schon feierlich die Hand, bevor sie dann den Bauern suchen gingen.

    Mit diesem jedoch war die Sache nicht so einfach, er war eben ein typischer Bauer, von schwachem Verstand und ohne jeden Skrupel auf seinen Vorteil bedacht. Er habe, so krakeelte er mit quietschiger Stimme, zwei Knechte im November entlassen, sie kämen erst im April zurück, wenn überhaupt, kurz gesagt, ohne Heinrich ginge es nicht, er werde ihn nicht entlassen, da könne kommen, wer wolle. Erst wenn die Buchen die ersten Blätter zeigten und der Flachs ausgesät sei, könnte man unter Umständen darüber reden. Das sei sein letztes Wort in dieser Angelegenheit. So erfuhr Heinrich zum ersten Mal in seinem Leben eine gewisse Wertschätzung, sogar gleich doppelt, denn nun buhlten zwei Seiten um ihn. Der Prediger marschierte also, nachdem er Heinrich versprochen hatte, in der Sache nicht nachzulassen, mit einigen Würsten bepackt nach Schwerte zurück, mußte aber dem Schichtmeister eine schlechte Nachricht überbringen. Der jedoch machte sich anderntags in aller Herrgottsfrühe selbst auf den Weg und kaufte dem Bauern kurzerhand und für einen guten Preis sämtliches im Winter hergestellte Tuch ab, das Heinrich auch gleich, als letzte Diensthandlung für den Bauern und als erste für den Kaufmann, auflud.

    Heinrich bekam im thorbeckschen Haus in der Kötterbachstraße eine kleine Kammer unter dem Dach angewiesen, wurde neu eingekleidet und schließlich, da war er noch keine Stunde im Haus, in die Schreibstube gesteckt. Der Meister wies ihn an, Kopien so manchen Schriftstückes herzustellen und legte ihm einen ganzen Stapel neben das Schreibpult. Zeig einmal, was Du kannst, sagte er, dem Jungen auf die Schulter klopfend, und daß ich keinen Tintenklecks finde und kein verdorbenes Blatt! Heinrich machte sich also an die Arbeit, denn hier konnte er zeigen, was er gelernt hatte. Doch wenn er glaubte, er könne seine Zeit in der Stube verbringen, so hatte er sich getäuscht, denn bald schon, kaum daß Thorbecke das Haus verlassen hatte, stand des Meisters Frau in der Tür und nahm ihn mit zur Feldarbeit vor den Toren der Stadt, wo er mit der Tochter des Hauses, einige Jahre älter, den fast noch gefrorenen Boden aufzulockern hatte. Außerdem mußte eine mannshohe Mauer ausgebessert werden, die im Winter teilweise umgestürzt war. Da bin ich nun, so dachte er, über die vielen kleinen, armseligen Parzellen blickend, doch irgendwie vom Regen in die Traufe geraten. Emilia, die einzige Tochter neben zwei Söhnen, die aber nicht mehr im Hause sondern in weit entfernten Städten als Kaufmannsgehilfen lebten, gab ihm, nachdem sie ihn eine Weile unfreundlich beobachtet hatte, gleich mal ihre Ansichten zur Familie zum besten, wobei die Mutter schlechter wegkam als der Vater, der wenigstens gelegentlich ein gutes Wort an die Menschen richte und auch mal den Herrgott einen guten Mann sein ließ, wenn es darum ging, ein wenig Freude ins Leben zu lassen.

    Als es dunkel wurde an diesem ersten Tag, war es aber der Meister, der ihn zurück in die Schreibstube holte, denn dort sei genug zu tun, er solle nicht rasten und ruhen, bis er ihm erlaube, sich zu Bett zu legen. Gleich an diesem ersten Abend kam dann auch noch Emilia zu ihm auf die Stube geschlichen, er solle bald schon für sie einen Brief schreiben, aber grad so, als habe sie ihn geschrieben, und den müsse er dann zu dem Sohn des Schulzen von Haus Villigst bringen. Niemand aber, setzte sie hinzu, darf das erfahren, sonst mach ich Dir die Hölle heiß und brate Dich am Spieß! Heinrich versprach Stillschweigen, was blieb ihm übrig, und schrieb auch sofort, trotz seiner Müdigkeit, den Brief nach Emilias holprigem Diktat. Es waren zum Glück nur wenige Zeilen, in denen es um ein versprochenes Rendezvous ging. Dann legte er sich auf sein Lager, zog die Decke bis übers Kinn und schlief sofort ein, seit einer ganzen Weile zum ersten Mal, ohne an Adam Bernd und seine Rachepläne zu denken.

    So kam es, daß Heinrich in seinen ersten Wochen als Kaufmannsgehilfe die Feldarbeit nicht zur Zufriedenheit der Hausherrin erledigte, zugleich aber Schreibarbeit zu verrichten übrig blieb, was wiederum den Meister in Rage brachte. Nur Emilia schenkte ihm hier und da mal ein Lächeln. Seine Fähigkeiten, sich unbemerkt heranzuschleichen und selbst geflüsterte Worte besser zu hören als jeder andere, kamen ihm in seiner neuen Stellung auch nicht mehr zugute, obwohl man hier weder davon wußte noch von seinem Spitznamen Daubenfüßer oder Herr Daubenfuß. Natürlich wurde auch bei Thorbeckes manches unter vier Augen gesprochen, und er bekam auch einiges mit, wenn er in der Schreibstube Abschriften verfertigte oder des nachts oben in seiner Kammer auf seinem Strohsack lag, doch war eben dies nicht von besonderer Bedeutung, da es ihm ohnehin erzählt wurde, meist von der Tochter während irgendwelcher Arbeiten im Haus oder auf dem kleinen Acker. Selbst als der Meister seine Frau beschlafen wollte und diese, wie sie wohl gesagt hatte, die Luke dichtmachte, wußte das am nächsten Tag das ganze Haus, samt aller Aufträge bringender oder Waren abholender Kunden. Der Meister selbst erzählte es wieder und wieder, als sei es ein Scherz. Ich habe ja auch kein Kind zeugen wollen, prustete er, denn das kann Gott nun nicht mehr von mir verlangen und auch der Deibel nicht! Darauf genehmigte er sich jeweils einen Schnaps, nicht ohne alle Anwesenden, selbst seine Tochter, dazu einzuladen, so daß der Tag nach dieser Angelegenheit fast wie ein Fest begangen wurde. Die Hausherrin konnte indes über solche Reden nicht lachen, sie zog sich, tief gekränkt und beschämt, mit strenger Miene zurück, ohne ein Wort über ihren Gatten zu verlieren, doch Heinrich sah ihr an, wie sehr es sie ekelte. Er hörte sie in den Tagen danach spät noch, stockend und mit langen Pausen zwischen einzelnen Sätzen, geistliche Texte lesen, die ihm bekannt vorkamen. So blieb die Liebschaft Emilias mit Caspar, des Schulzen Sohn, das einzige Geheimnis im thorbeckschen Haus. Heinrich mußte mehr als einmal, wenn er mit dem Marktwagen unterwegs war, ein Brieflein überbringen. Der Splint, den Engelbert auf dem Weg zwischen den Ruhren hatte liegenlassen, fand sich nicht mehr dort, und ob man Knu an Ort und Stelle verscharrt hatte, war nicht ersichtlich. Ein aus Ästen gebundenes Holzkreuz, das üblicherweise an solchen Orten zu finden ist, war auch nicht zu sehen. Vielleicht hatten ihn ja auch die Raben gefressen!

    Ein Frauenzimmer muß schreiben und lesen könnte, sagte Thorbecke, denn wie oft sind die Männer auf Reisen oder gar im Krieg, da tut es not, wenn die Frau eine Feder halten kann. In dieser Art begann alle paar Tage der Streit zwischen den Eheleuten. Thorbecke erklärte dann schließlich immer seine Frau für zu dumm zum Lesen und Schreiben und befahl Emilia mit strenger Miene, es nicht an Übung fehlen zu lassen. Heinrich solle ihr helfen, ja ein Vorbild könne sie sich an ihm nehmen, das sagte er oft. Tatsächlich konnte Emilia nicht einmal einfache Rechnungen fehlerfrei ausfertigen, während Heinrich durch die tägliche Übung die Feder immer besser und sauberer führte. Über Fehler ärgerte er sich selbst am meisten. Auch wurde seine Schrift immer ansehnlicher und schöner, er hielt viel darauf, einen eigenen Stil herauszubilden, den er selbst bei banalsten Schriftstücken, bei Bestandslisten oder ähnlichem, anwendete. Für Emilias Briefe an Caspar verwandelte er ihn sogar ins Feminine, und für sie fand er auch passende Verse in den Büchern, die in der bescheidenen Bücherstube in den Ecken lagen, und manches schrieb er dergestalt umgedichtet auf, daß ein junges Mädchen es durchaus an ihren Geliebten schicken kann. Sie setzte dann nur noch ihren Namen darunter, den immerhin konnte sie galant aufmalen, bevor sie den Brief sorgfältig versiegelte und ihm treuhänderisch übergab, nicht ohne ihn dabei entweder bezaubernd anzulächeln oder böse anzustarren, je nach Laune. Bilde Dir bloß nichts ein, zischte sie ihn aber meistens an, für einen wie Dich ist wohl schon eine Magd zu gut. Zu anderen Stunden machte sie ihm dann wieder schöne Augen, auf dem Acker band sie den Rock höher als nötig und bückte sich tief, wenn sie etwas aufhob. Heinrich war durch ihr Verhalten hin und hergerissen, einmal wollte er ihr wegen der frechen Reden am liebsten eins aufs Maul geben, dann wieder stand ihm der Schwanz, wenn sie nur wenige Schritte entfernt mit dem Arsch wackelte. Verschwand sie hinter der kleinen Hütte, um zu pinkeln, schlich er neuerdings so nah wie möglich heran und lauschte, und einmal, als sie sich direkt neben ihn hinhockte und mit glasigem Blick in die Ackerfurche pinkelte, wäre es ihm fast gekommen. Na, sagte sie, noch über der gelben Pfütze hockend, da hat aber ein Bauernlümmel eine Beule in der Hose, worauf sie lachte und ihm zuraunte, lieber an eine andere zu denken, wenn er schon dem Teufel die Messe bereite, denn sie, sie sei dem Caspar verschrieben, wie er wohl wisse, worauf Heinrich grinste und sich das Gemächt zurechtrückte, denn in seinen Augen war des Schulzen einziger Sohn nur ein weinerlicher dünner und blasser Mensch, dem man in Liebesdingen wohl kaum etwas zutrauen konnte. Außerdem bediente er sich ebensowenig eigener Verse wie Emilia, denn er schrieb diese einfach aus Büchern ab. Er galt zwar allgemein für begabt und genoß Unterricht, war dennoch aber kein großes Licht, was der Informator, ein gewesener, in Armut gestürzter Student, aber für sich behielt, um die Stelle zu behalten. Als Heinrich, daran mußte er jetzt denken, während er sich wieder an die Arbeit machte, das erste Brieflein Emilias überbrachte, ließ eben dieser Informator es zu, daß der Bauernlümmel, für den er Heinrich hielt, seinem Schützling beim Abschreiben der Zeilen über die Schultern sah. Auch Caspar dachte wohl nicht daran, daß Heinrich lesen konnte, obgleich er ja der Gehilfe eines Kaufmanns war. So las Heinrich also die Zeilen, die er sich gut merkte und die da lauteten: So soll der Purpur deiner Lippen, las er, jetzt meiner Freiheit Bahre sein? Soll an den korallinen Klippen mein Mast nur darum laufen ein, daß er an statt dem süßen Lande, auf deinem schönen Munde strande?

    Während der Ausfahrten zu den Bauern und Linnewebern brachte Heinrich nun immer öfter Briefe hin und her, wenn er denn nicht auf dem Acker sich den Rücken krummschuftete oder in der Schreibstube schrieb, bis ihm die Augen brannten. Er war ohne Zweifel, das kam ihm eines Abends, während er einen Vertrag ins Reine brachte, plötzlich siedendheiß zu Bewußtsein, innerhalb kürzester Frist der Diener nicht nur des Kaufmanns, sondern gleich zweier Frauen geworden! Er bereute es schon, den Hof verlassen zu haben. Oft hörte er am Abend Emilia laut seufzen, bevor sie zu ihm heraufschlich und einen weiteren Brief verlangte. Sie legte ihm jedes Mal Caspars neuestes Verslein hin, worauf er in den Büchern eine passende Antwort zu suchen und der ungeduldig Wartenden zu präsentieren hatte.

    So folgte Tag auf Tag. Im Herbst des Jahres ging Thorbecke schließlich auf Reisen, um in Holland bessere Stoffe zu kaufen. Feines Leinenzeug kann ich zu weit höheren Preisen verkaufen als das, was die hiesigen Bauern und Linneweber mir anbieten, also reise ich, erklärte er kurz und knapp. In Duisburg schließe er sich einem Kaufmann aus Köln an, mit dem er dann auch den Rückweg antreten werde. Kaum drei Wochen später setzte der Winter frühzeitig mit Schnee und eisiger Kälte ein. Vom Meister weder Spur noch Nachricht. Heinrich war nun der einzige Mann im Haus mit seinen gut fünfzehn Jahren, doch daß ihm dies nicht etwa zu Kopf stieg, dafür sorgte schon die Hausherrin, die ihn streng hielt und keinen Müßiggang zuließ. Auch als er sein Nachtlager in der Schreibstube aufschlug, wollte sie das zunächst nicht zulassen, sicher weil es vis à vis von Emilias Schlafstube lag. Der Frost wurde jedoch bald immer strenger und Heinrich konnte sie umstimmen, indem er sie in seine eisige Dachstube führte, wo selbst das Wasser in der Waschschüssel gefroren war. So lebte er also nun inmitten von Schriften und Büchern, die er, da es an ausreichend Regalen mangelte, thematisch geordnet an den Wänden hochstapelte. Ein kleiner, gut ziehender Ofen beheizte sein Reich, in dem er viele Tage damit verbrachte, nun endlich die Schichtbücher sauber abzuschreiben. Wann immer möglich las er aber auch in den Büchern, die der Meister über die Jahre von seinen Reisen mitgebracht hatte, darunter auch zwei, drei Romane, die aus dem Französischen übersetzt waren.

    Emilia steckte gelegentlich des Abends ihre Nase in seine neue Stube. Er könne sich nicht vorstellen, beklagte sie sich dann immer wieder, wie langweilig ihr sei, die Mutter ließe sie nicht einmal zu den Teestunden, die doch jetzt in Mode kämen, geschweige denn zu Tanzabenden. Hausarbeit ist alles, was sie mir zu tun aufgibt, sagte sie, Milch und Brot darf ich holen wie eine Dienstmagd, putzen und scheuern und waschen darf ich, doch wenn es dunkel wird, schickt sie mich zu Bett, und dann liege ich halbe Nächte wach. Du kannst wenigstens Holz hacken und schreiben und lesen, doch mir wird die Zeit lang. Heinrich hörte sich die Klagen wortlos an und vertiefte sich dann wieder in sein Buch. Eines Abends stand sie plötzlich wieder in seiner Stube, doch diesmal hatte er sie nicht einmal kommen hören, denn er war in ein Büchlein vertieft mit dem vielversprechenden Titel Der wahrsagende Mercurius – Das neu aufgelegte Glücksbüchlein, in dem sowohl Lebensfragen für Mannspersonen als auch für Frauenzimmer behandelt wurden. Das war sehr spannend, kein Wunder also, daß er alles um sich herum vergaß. Kurz bevor Emilia hereingeplatzt war hatte er all die Fragen für die Frauen durchgelesen, die auszuwürfelnden Antworten aber nur überflogen. Im Männerteil war er zuvor schon auf die Frage gestoßen, ob er denn bald heiraten werde, worauf er mit geschlossenen Augen die Antworten anvisierte und den Zeigefinger dort fand, wo es hieß, er würde bald ein fruchtbares Weib heiraten und solle sich beizeiten nach Wiegen und einem großen Haus umsehen. Das war natürlich Unsinn, er wußte wirklich nicht, ob dieses Buch ernst zu nehmen ist. Natürlich hatte er es auch falsch angefangen, es mußte ja gewürfelt werden nach einem bestimmten Prinzip, doch er hatte im Haus keine Würfel finden können. Die Fragen für die Frauen waren ganz ähnlich, nur nach dem Studieren, dem Beruf oder dem Kriegsdienst wurde natürlich nicht gefragt. Ansonsten aber ging es fast nur um die Ehe. Da war es ja nur passend, daß Emilia hereinpolterte, damit er ihr die Langeweile vertreibe.

    Er las ihr, die sofort neugierig wurde, die ersten drei Fragen für die Frauen vor, wozu du natürlich geneigt seiest, ob du glücklich im Leben und ob du bald Braut sein wirst. Emilia klimperte wild mit den Augendeckeln und lief ganz rot an. Sie wollte sofort eine Antwort auf eben diese dritte Fragen haben und hockte sich ihm gegenüber auf den Boden; dabei war die nun folgende, so fand Heinrich, nämlich wie viele Männer du haben werdest, um einiges spannender. Er erklärte ihr ruhig die Sache mit den Würfeln, doch da auch sie nicht wußte, ob im Haus welche zu finden seien, die Mutter haßte schließlich Glücksspiele, mußte es anders gehen, indem sie nämlich mit geschlossenen Augen mit dem Finger auf eine Antwort wies. Ja, gut, rief sie, das machen wir eben so, ich muß wissen, ob ich bald Caspar heirate! Heinrich lächelte. Gut, sagte er und legte das Buch zwischen sich und dem Mädchen auf den Boden, dann schließe die Augen und fahre mit dem Zeigefinger über die Seite mit den Antworten, das ist ebenso gut wie das Würfeln. Die Augen fest zupressend fuhr sie nun mit dem Finger hin und her, erst langsam, dann schneller und schneller, sie konnte gar nicht aufhören damit, denn hier würde sie die Antwort finden, das Schicksal würde zu ihr sprechen, ob sie endlich bald heiraten würde, oh wenn doch bald der Vater zurückkäme, dachte sie, und mit dem Schulzen sprechen würde! Hin und her fuhr der Finger, hin und her. Dann hielt sie inne, die Augen geschlossen. Der Finger wies genau auf die Nummer zwölf. Lies vor, rief sie aufgeregt, ohne die Augen zu öffnen, lies vor! Einen Moment lang überlegte Heinrich, ob er die bezeichnete Antwort nicht gegen eine andere tauschen sollte, denn warum sich Ärger einhandeln, dachte er. Die Antwort mit der Nummer zwölf ist, sagte er aber dennoch, holte noch einmal tief Luft und las: Du bist allzu böse, und das weiß jedermann. Drum hüten sie sich und kommen dir nicht zu nahe. Emilias Schnute verzog sich, sie öffnete die Augen, den Mund, setzte zum Sprechen an, doch kein Laut entrang sich ihrer Kehle, nur die Unterlippe zitterte ein wenig. Ihr Zeigefinger lag noch immer auf der Seite. Nun, es kommt oft auf die kleinsten, die allerkleinsten Veränderungen an; sei es also, daß Emilia derweil die Position ihres Fingers unmerklich verändert, sei es, daß Heinrich das Buch berührt und ein wenig bewegt hatte, denn als die Entgeisterte selbst hinsah, lag der Finger bei Antwort vierzehn. Sie drehte das Buch um, hielte es sich nah vors Gesicht und entzifferte mit viel Mühe den Text. Deine ausbündige Schönheit, las sie stockend, läßt dich nicht lang ledig, und du wirst ehestens einen Freier bekommen. Das hörte sich schon besser an! Sie warf das Buch auf den Boden und verabreichte Heinrich eine schallende Ohrfeige. Ein Hundsfott bist Du, schrie sie aufspringend und knallte die Tür hinter sich zu. Weiber, murmelte Heinrich vor sich und rieb sich die Wange, Weiber!

    Endlich kam ein Brief Thorbeckes. Der Meister schrieb, er müsse bis zum Frühjahr in Holland bleiben, da wegen widriger Winde lange kein Schiff gegangen sei und er nun auch nicht mehr rechtzeitig nach Nimwegen kommen werde, um von dort mit der wertvollen Ware auf dem Rhein Duisburg zu erreichen. Heinrich solle weiterhin die Schichtbücher der letzten Jahre sauber abschreiben, dabei aber kein Licht verschwenden, auch binden lassen solle er die Bücher nach dem Muster des ersten Jahrgangs, all dies natürlich nur, wenn andere Aufgaben erledigt seien. Die Hausherrin zeigte ihm den Brief und ließ sich die Schichtbücher zeigen. Ja, auch sie war der Ansicht, alles müsse noch einmal ins Reine geschrieben und neu gebunden werden, selbst wenn es Geld und Zeit kostete, denn was würden wohl die anderen neun Schichtmeister beim nächsten Schichtfest sagen, wenn ausgerechnet das thorbecksche Haus es fehlen ließe an einer ordentlichen Führung der Bücher. Heinrich gab ihr recht, und gut auch, daß er sich ja ohnehin schon an die Arbeit gemacht hatte; doch wenn, das aber dachte er nur bei sich, er nun in drei Teufels Namen kein Licht entzünden sollte, so würde er von nun an zeitig Feierabend machen.

    Am selben Abend stahl er sich aus dem Haus und besuchte, eigentlich hätte er dies längst einmal tun sollen, den dritten Prediger in seiner neuen Wohnung am Markt. Der lag wie so oft wegen seines kranken Beines danieder, manchmal schaffe er es kaum die vielen Stufen hinauf oder hinunter, sagte er, aber eine Wohnung im Erdgeschoß wäre nicht verfügbar gewesen. Heinrich hörte ihm lange zu, als dieser, froh darüber, einen Zuhörer zu haben, über die Mitteldinge sprach, die manch ein Prediger den Menschen nicht gestatten wollte, da sei ein Disput im Gange, der schon viele, viele Schriften hervorgebracht hätte, dafür und dawider sprechende ebenso wie eher indifferente. Später kam er sogar noch zu den Fragen der Rechtfertigung. Natürlich verstand Heinrich nur wenig, doch er merkte sich das ein oder andere Argument, so gut er konnte, damit er selber nicht, so sagte er sich, in die Defensive geraten würde, käme es einmal darauf an. Ihm schien sogar hier und da, als verstehe er wirklich, um was es gehe, so als würde ein frischer Wind durch sein Oberstübchen wehen. In jedem Fall waren die Mitteldinge solche Sachen wie Tanzen, Trinken, Kartenspielen und so weiter, also alles, was den Menschen Freude machte.

    Heinrich wiederholte die Besuche. Beide gewöhnten sich bald daran. Eines Abends steuerte Heinrich nach dem Besuch beim Prediger eine Schenke an, um noch etwas zu trinken und um sich all dies einmal anzusehen, was der Prediger so wortreich verteufelte. Auch dies wurde ihm eine Gewohnheit, auch wenn er eher schüchtern in einem Winkel bei einem Krug Bier saß, während es, vor allem vor Feiertagen, um ihn herum hoch herging und manch einer sich ordentlich die Hucke vollsoff. Die Obrigkeit hatte zwar strenge Regeln erlassen, doch wurden diese, da man Unruhe und Aufstände etwa der Handwerksgesellen befürchtete, nicht allzu strikt angewendet. Einmal alle sieben Tage mußte gefeiert werden, das sah mancher als sein Recht an, da konnte die gute Polizei machen, was sie wollte.

    Die Marktschenke an einem naßkalten Abend, Anfang Februar. Als Heinrich, vom Prediger kommend, eintrat, hatte sich bereits eine illustre Gesellschaft versammelt, es wurde musiziert und getanzt, die Luft war geschwängert von Bierdunst und dem hin- und herwabernden Tabaksrauch. Linneweber und Zimmerleute prosteten sich fröhlich zu und feilschten scherzhaft um die Mädchen, die sich immer wieder lachend einen Burschen zum Tanz nahmen, ihn dann aber mit gespielter Empörung zurückstießen, sobald er aufdringlich wurde, seine Hand sich dem verlängerten Rücken näherte oder er einen Kuß haben wollte. Heinrich zog sich mit einem Krug Bier in eine Ecke zurück und sah dem Treiben zu, schnorrte von seinem Nebenmann ein wenig Tabak, rauchte seine Pfeife und ließ den Herrgott einen guten Mann sein. Das sind also die Mitteldinge, dachte er wieder, die der Herr Pfarrer so verteufelte! Selbst jetzt, an Lichtmess, feierten die Menschen, statt zu beten und ruhig zu sein, hatte er Heinrich heute zur Begrüßung mit empörter Stimme gesagt. Er würde ihn einmal fragen müssen, wie denn die ganz und gar guten und die ganz und gar bösen Dinge aussähen und was die Leute denn anders tun sollten am Feierabend, denn man kann doch schließlich nicht jeden Abend in den Erbauungsbüchern oder der Bibel lesen, dachte er und war ganz in Gedanken, als plötzlich eine dralle Weibsperson mit hochgebundenem Rock, sicher doppelt so alt wie er selbst, vor ihm stand und ihn anblinzelte. He, Du kleiner Pumper, willste nicht tanzen!, rief sie und zog ihn im selben Moment zu sich heran, buchstäblich an ihren Busen. Ein scharfer Geruch nach Schweiß drang ihm in die Nase, dann fand es sich mitten auf der Tanzfläche wieder, und da er nicht recht tanzen konnte, hob die Frau ihn einfach hoch und schleuderte ihn herum, mehrere Paare wichen lachend zu den Tischen hin aus. So etwas erlebte er ja nicht zum ersten Mal! Wie damals auf dem Hof schüttete man sich fast aus vor Lachen. Heinrich blieb so wieder einmal nichts anderes übrig, als sich beschämt zu seinem Bier in die Ecke zu verziehen, während die Stimmung immer ausgelassener wurde. Bald setzten sich einige Mädchen den Burschen auf den Schoß und bewegten keck ihre Hintern, so daß den Kerlen ganz heiß wurde und sie rot anliefen. Auch Heinrichs Mast richtete sich auf, als gleich neben ihm eine Hand unter den Rock eines Mädchens drängte. Das junge Ding quiekte auf, tat aber nichts, um den Kerl loszuwerden. Er dachte wieder an die Worte des Predigers, der die Unzucht streng verurteilte, doch schon war da auch die Stimme Annas, die von ihrem Herrn Kaufmann sprach, lange hatte er sie nicht mehr in seinem Innern gehört. Sicher war sie tot, die Arme, erfroren, verhungert oder ertrunken, so wie Cara. Der Tanz hörte bald auf, die Mädchen verzogen sich, die Musiker bekamen einen Obolus und einen Krug Bier, dann wurde Karten gespielt, man warf sich Schimpfworte an den Kopf, ärgerte sich, wenn man verlor, feixte, wenn man gewann, einer ging raus, um zu kotzen, ein anderer erzählte tolldreiste Geschichten von einer Reise nach Osnabrück, während Heinrich rauchte und trank und zuhörte und beobachtete, ohne selbst aber beachtet zu werden.

    Gut eine Stunde später verließ Heinrich an diesem Abend die Schenke und tastete sich in fast völliger Dunkelheit zum thorbeckschen Haus. In der Schreibstube war Licht. Emilia erwartete ihn aufgeregt, er müsse einen Brief schreiben, noch heute Nacht, es sei sehr wichtig, bitte, bitte, bitte, denn ihr sei zu Ohren gekommen, daß Caspar einer anderen versprochen sei. Sollte er sie nicht einfach hinauswerfen, überlegte Heinrich müde. Emilias Augen glänzten unnatürlich, so als habe sie Fieber. Bitte, sagte sie noch einmal, schreib mir um Gottes willen diesen Brief, mein Lebensglück hängt davon ab! War das noch das selbe Frauenzimmer, das ihm eine Ohrfeige verpaßt hatte und auch sonst ziemlich grob werden konnte? Doch war sie ihm jetzt, überlegte er, das zitternde Mädchen fixierend, nicht ausgeliefert? Nahm dieser Caspar nicht seine Handschrift als die ihre? Bitte, sagte sie wieder, doch diesmal so wehleidig, daß Heinrich schmunzeln mußte. Dann plötzlich begriff sie, was sie tun mußte, noch bevor es Heinrich überhaupt in den Sinn kam. Kurzerhand zog sie ihm die Hosen runter und legte gleich Hand an, ungelenk und zögerlich erst, bis es dann aber wie von selbst ging.

    So gab es nun also ein zweites Geheimnis im Hause des Kaufmanns Thorbecke in der Kötterbachstraße in Schwerte an der Ruhr, das freilich mit dem ersten eng zusammenhing. Die Briefe an Caspar, die Heinrich in den folgenden Wochen für Emilia schrieb und die er nun der Dringlichkeit wegen zu Fuß transportierte, wurden immer besser, die Briefe des jungen Mannes vom Schulzenhof, die Heinrich alle zu Gesicht bekam, blieben sich hingegen gleich, stellten nichts in Aussicht und beantworteten keine der Fragen. Sie waren nach wie vor bloß kunstlos abgekupfert. Eines Tages gestand Emilia dem überraschten Heinrich, sie habe Caspar überhaupt nur einmal gesehen und auch nur wenige Worte mit ihm gewechselt, bald aber schon, wenn dieser endlich aus Holland zurück sei, wolle sie mit dem Vater sprechen, damit es mit dem Schulzen zu einer Einigung käme. Und dann ist Schluß mit dem sündigen Tun, Heinrich, schloß sie streng ihre kleine Beichte, bilde Dir bloß nichts ein, worauf er nur mit den Schultern zuckte, er war zufrieden mit dem, was er bekam, doch es gab ja auch noch, das dachte er oft, andere Mädchen auf der Welt und nicht nur dieses dumme Ding. Zwei oder drei Mal wies er, wenn sie einen Brief verfaßt haben wollte, ihr Ansinnen aber auch ohne jeden Hintergedanken zurück und verschanzte sich hinter Büchern und Papierstapeln in seiner Schreibstube. Dann mußte sie, das erkannte Emilia schnell, bettelnd wie ein Kind vor ihn hintreten, bis er endlich die Feder zur Hand nahm und lustlos etwas von Heirat und Kindern schrieb, von Gottes Wille, dem Segen der Väter und so weiter und so weiter, alles garniert mit einem Verslein.

    Den Namen Adam Bernd sprach Heinrich nicht mehr aus, auch nicht dem dritten Prediger gegenüber, doch in seinen Gedanken und Tagträumen war er stets präsent. Mehr als nur einmal hörte er Cara leise Adam Bernd sagen, so als stünde sie lebendig direkt neben ihm und flüsterte es in sein Ohr. Eines Tages, die Hausherrin war zu einem Treffen der Schichtmeister ausgegangen, wo sie ihren Mann zu vertreten hatte, hörte er Cara diesen Namen sogar laut und deutlich sagen, kaum daß Emilia damit begonnen hatte, sein Gerät zu bearbeiten, weil sie wieder einmal dringend seine Schreibkünste benötigte. Adam Bernd hallte es durch die Schreibstube, wie ein Donner. Er wunderte sich zuerst, daß Thorbeckes Tochter nicht innehielt. Im selben Augenblick aber, in dem er sie an den Schultern faßte und sie zur Seite schob, standen ihm blitzartig Bilder der peinlichen Befragung Adam Bernds, einer schattenhaften, auf einer Bank festgebundenen Gestalt, vor Augen, hell und klar wie der Tag. Er selbst vollführte die Befragung, mit Zwicken und Zwacken und Strecken, ein nackter, geschundener Leib, zuckend in Blut und Exkrementen lag vor ihm. Dann zerstob das Bild und Emilia stand vor ihm. Ist Dir nicht gut, fragte sie besorgt, Du zitterst am ganzen Leib, doch Heinrich schüttelte nur den Kopf. Der Teufel hat mir eine Vision geschickt, erwiderte er matt, oder Gott. Es war schrecklich.

    Derweil kam ein weiterer Brief des Meisters, er könne auf einem Hamburger Schiff reisen, sobald der Wind günstig stehe. Er reise also nicht über Nimwegen nach Duisburg, um von dort auf dem Hellweg nach Schwerte zu gelangen, sondern würde von Hamburg aus, wo er aber immerhin Geschäftskontakte erneuern konnte, nach Paderborn reisen, um von dort den Hellweg von Osten her zu nehmen. In wenigen Wochen wäre er, wenn alles gut ginge, zurück. Emilia war außer sich, denn jeder Tag Verzögerung konnte Unheil bedeuten. Außerdem lag das Gerücht, Caspar werde bald in den heiligen Stand der Ehe treten, wieder in der Luft, eine Freundin, die regelmäßig zu den Teestunden ging, hatte es brühwarm erzählt. Und auf ihre Briefe hatte er zuletzt auch nur noch fahrig und einsilbig geantwortet! Emilia lebte in größter Angst, alle Lebensfreude war ihr vergangen. Als Heinrich schließlich eines Tages Anfang April unverrichteter Dinge zurückkam, der Schulze hatte alles herausbekommen und jagte ihn, einen zähnefletschenden Hund am Halsband haltend, geradezu vom Hof, warf es sie umgehend aufs Krankenlager, sie heulte und flennte und wollte nichts essen. Die Hausherrin versuchte herauszubekommen, was geschehen war, sie fragte Heinrich, doch der schwieg wohlweislich wie ein Grab und tat gänzlich unbeteiligt und unwissend. Erst die Freundin gab Auskunft über die Sache mit Caspar. Die arme Emilia mußte sich eine Standpauke anhören, die sich gewaschen hatte, sie wurde aus dem Bett gezerrt, was sie sich einbilde, eine dumme Göre sei sie, was sie denn mit diesem Schulzensohn wolle, ein Prahlhans sei der, und schließlich ließ die Mutter den ersten Prediger von St. Viktor kommen, der mit ihr zu sprechen hatte in der Wohnstube, sie solle ruhig und sittsam ihre Arbeit tun, sagte er zu ihr, die beschämt auf ihre Schuhe blickend vor ihm saß, Tränen hinter der Stirn, die nicht hinausdurften, Gott der Herr werde ihre Gebete erhören, ihr Vater sei ein rechtschaffender Christ und werde seiner Tochter einen guten Ehemann verschaffen, darauf solle sie bauen, so wie Gott seine Kirche auf einen Fels gebaut hat, die Messe sollte sie nicht versäumen, die Eltern ehren und ihnen zu Gehorsam sein, in Demut und Ehrfurcht Gott lieben und den Trubel der Welt fliehen, dann würde alles gut werden und sie ihrem künftigen Mann eine gute Ehefrau sein, an der Mutter solle sie sich ein Beispiel nehmen, solch eine rechtschaffende, kluge und gottesfürchtige Frau! Emilia versprach mit leiser Stimme, in allem zu gehorchen.

    Mit den länger werdenden Tagen mußte Heinrich wieder viel auf dem Acker arbeiten, zusammen mit einer immer mehr verstummenden Emilia. Thorbecke war endlich mit den ersten Frühlingsknospen, das feine Leinen und noch manch anderes im Gepäck, wieder in Schwerte angelangt und hatte einen großen Teil der edlen Ware zu einem recht guten Preis verkauft. Für seine Tochter besiegelte der Meister, kaum wieder im Lande, durch Handschlag schnell eine leidlich gute Partie, nämlich den Sohn des siebten Schichtmeisters. Die beiden Männer waren sich seit Jahren schon einig gewesen in dieser Sache, auch wenn sie es nicht einmal ihren Ehefrauen mitgeteilt hatten, doch nun würde alles gut werden, die Kinder sollten im nächsten Jahr heiraten, sobald das Haus des siebten Schichtmeisters erweitert und Emilia die Arbeit an ihrer Aussteuer beendet hatte. In jedes Laken, in jedes Tuch ein E. Th. hineinzusticken, sagte sie eines schönen Tages zu Heinrich während der Feldarbeit, ist schlimmer als all das Umgraben und Säen, und müßte ich es alleine tun. Ihre Augen glänzten rot und fiebrig, das Haar war matt und verklebt, der Rock hing im Modder und zog Wasser bis zu den Kniekehlen hinauf. Auf die Frage, wer denn ihr zukünftiger Mann sei und was er tue, sagte sie nur, als Kind hätte sie mit ihm Zank und Streit gehabt und ihm einmal einen Zahn ausgeschlagen.

    Für Heinrich hieß die Rückkunft Thorbeckes, zusätzlich zur Feldarbeit wieder dringende Schreibarbeit verrichten zu müssen. Da er inzwischen ausdauernder schreiben konnte, als er selbst je gedacht hatte und zudem eine immer schönere Feder führte, oblag ihm nun auch das Ausfertigen der wichtigsten Schriftstücke. Der Meister beglückwünschte sich zu seinem guten Einfall, den Jungen in Dienst genommen zu haben. Selbst als Heinrich im Sommer damit begann, an Montagen manchmal ganz blau zu machen wie die Handwerker, schritt Thorbecke nicht ein. Auch ich bin einmal jung gewesen, sagte er zu seiner Frau, die solch sündhaftes Benehmen aber nicht durchgehen lassen wollte, denn noch habe man eine Tochter im Haus, und da müsse, darauf bestand sie, in allen Dingen Strenge herrschen, das sei überaus wichtig. Der Meister ließ sie reden und Heinrich seine kleinen Freiheiten, der es aber leiden mußte, daß die Frau des Hauses ihn bald schon als Vorleser neu erhaltener Schriften bestimmte, eine Stunde an jedem Abend. Womöglich dachte sie ihn dadurch zu bekehren, ihn von den Besuchen in der Schenke abzuhalten. So las Heinrich nicht selten wieder aus Arndts Werken, wie vor Zeiten auf dem Bauernhof, dazu auch Schriften wie Der Einfältige Christ, durch wahren Glauben mit Christo vereinigt und ähnliches. Sah er während des Vorlesens auf Emilia, die von der Mutter dabeizusitzen genötigt wurde, da sie nun ja bald heiraten und das Haus verlassen werde, so fuhr es wie ein Blitz durch seine Eingeweide. Wenn aber Emilia, das passierte bald immer öfter, schließlich nach einer Weile anfing zu zittern und zu beben und die Hände im Schoß vergrub und weinte, so schickte die Mutter den Vorleser hinaus, der dann schnurstracks zur Schenke eilte. Er hatte schnell heraus, daß ein paar Blicke und ein paar besondere Betonungen beim Lesen das Mädchen zuverlässig zum Weinen brachten. Die Mutter sah darin allerdings ein Zeichen der Ergriffenheit und sprach der Tochter von Wiedergeburt und Frömmigkeit, ja sie nahm sich die Tochter und deren Empfindsamkeit zum Geleit. Las Heinrich aber nur ihr allein aus den Schriften vor, wollte es ihr absolut nicht gelingen, sich selbst zu verlieren und in Christo aufzugehen. Lange lag sie dann wach in der Nacht und befragte sich selbst, ob sie ein gottgefälliges Leben führte oder ob der Teufel in ihrem Herzen niste und sie zu Sünden und sündigen Gedanken verleite, trotz aller Vorsicht und Strenge. Es befiel sie jedes Mal große Angst, sie betete dann inbrünstig und bat Gott inständig um ein Zeichen. Der Kaufmann schlief seit einiger Zeit schon mit Wachs in den Ohren, er mußte sich um seine Geschäfte kümmern, nicht zuletzt auch deswegen, weil auch eine schlichte Hochzeitsfeier einiges kostete, die beiden Söhne würden anreisen und allerlei Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins und wer weiß noch alles. Da muß man seine Groschen schon zusammenbringen, sagte er oft verschmitzt zu Heinrich, der ihm immer mehr ans Herz wuchs, und die Frömmelei der Weibern überlassen, Hermes sei es geklagt.

    Es geht, sagte der dritte Prediger eines Abends beiläufig, ohne daß Heinrich eine Frage an ihn gerichtet hätte, das habe ich zufällig gesehen, eine Post von Dortmund nach Frankfurt an der Oder, und von dort geht dann sicher eine weitere Post oder ein Schiff nach Breslau. Das könne er ihm sagen, mehr wisse er nicht. Wieder waren zwei Jahre ins Land gegangen, Heinrich war noch ein wenig gewachsen und auch kräftiger geworden, Emilia nun verheiratet und bereits Mutter einer kleinen Tochter, während des Kaufmanns Geschäfte allerdings immer schlechter gingen. Die Preise für grobes wie feines Leinen, für Drillich wie Zwillich, waren zwar gestiegen, wie überhaupt alles teurer wurde, doch zugleich blieben die Löhne sich seit Jahren gleich, weil wieder mehr Menschen nach Arbeit und Lohn Ausschau hielten. Seine Ware aber, das erklärte Thorbecke Heinrich eindringlich, unter Preis zu verkaufen, weil die Menschen weniger Geld hätten, käme nicht infrage, so lange man nur über die Runden käme und noch einen kleinen Acker sein eigen nennen könne. Thorbecke unternahm nun häufig Reisen, ins bergische Land, nach Köln und sogar nach Frankfurt am Main und Würzburg, denn er müsse sehen, wie sich das Geschäft verändern und erweitern ließe. Sollten doch die anderen Kaufleute der Stadt sich in ihr Elend fügen, er würde etwas dagegen tun. Seine Frau argwöhnte zwar, ihn treibe eher die Abenteuerlust als das Geschäft in die Fremde, doch da tat sie ihm Unrecht, auch wenn er sich gute Gelegenheiten nicht entgehen ließ und mit manch Täubchen turtelte, denn er lieh sich Geld, wann immer das möglich war, kaufte alle mögliche Ware zu geringen Preisen, mietete Fuhrleute zum Transport und auch vor den Toren Schwertes Scheunen und Lagerhäuser, feilschte und forderte, übervorteilte hier und da, blieb selbst auf mancher Ware sitzen und so weiter, kurz, er betrieb sein Geschäft mit aller Kraft, ohne das Risiko zu scheuen. Ein Kaufmann muß kaufen und verkaufen, das sagte er Heinrich immer wieder mit einem Augenzwinkern, sonst hätte er ja gleich Bauer oder Mörtelrührer werden können. Heinrich schrieb also viele neue Arten von Ware in die Bücher, Pfeffer, Honig, Salz in Scheiben, Unschlitt, Flachs und sogar Kalk und Ziegel, verzeichnete Ort und Tag des Kaufs und den Namen des Verkäufers, die Menge in Maß, Pfund oder Metzen und den Ort der Lagerung, dann den Verkaufspreis und in die letzte Spalte den Namen des Käufers, wenn er denn nicht ein Kreuz zu machen hatte, wenn die Ware verdarb oder gestohlen wurde. Der Meister zeigte ihm genau, wie all das aufzuzeichnen sei, denn nun mußte nicht nur mit Ellen gerechnet werden wie früher. Wie mit Talern und Goldgulden zu rechnen sei und wie alles in Pfennige umgerechnet werden müsse, begriff Heinrich aber nach wie vor nicht, das war noch zu hoch für den Jungen, doch irgendwann würde er es schon begreifen, dachte Thorbecke, der Kerl ist doch sonst pfiffig wie ein Fuchs.

    Von seinen Reisen, und war er auch nur in Unna oder Soest, kam Thorbecke immer gut gelaunt zurück, mit neuer Ware und oft auch mit einem oder zwei weltlichen Büchern, die seine Frau aber nicht einmal anzurühren wagte. Die Laune des armen Mannes wurde dann aber mit jedem Tag wieder schlechter, bis er sich abermals zu einer Reise aufmachte, sei es wegen eines Geschäfts oder auch einer gerichtlichen Untersuchung, die er etwa wegen ausstehender Bezahlung angestrengt hatte. Heinrich blieb so nach wie vor oft mit der frömmelnden Hausherrin allein. Wie früher Emilia, so forderte auch sie nun neuerdings Heinrichs Schreibdienste, wenn auch in gänzlich anderer Absicht, denn sie war in Kontakt getreten mit einem Prediger aus Detmold, dem sie, wann immer Thorbecke länger außer Haus war, den Stand der Dinge in der schönen Handschrift Heinrichs mitteilte. So erfuhr Heinrich mehr als ihm lieb war über ihre stetigen Versuche, die Leidenschaften und alle Eigenheiten in sich zu ertöten, die Anfechtungen des Teufels zu erkennen und sich ihrer zu erwehren. Zu allem Überfluß mußte er ihr auch noch die Briefe des Detmolder Predigers vorlesen, und ließ er es einmal an Innigkeit der Darstellung fehlen, so schlug sie ihm mit der flachen Hand ins Gesicht, außer sich vor Wut. Was Wunder, daß Heinrich nun jeden Abend zum Saufen in die Schenke ging, dort war Leben und nicht Tod, Vergnügen und nicht Aufopferung, und als er einmal einen Finger tief hineinsenkte in die Mutz eines aufreizenden und ziemlich betrunkenen Mädchens, roch er tagelang daran, als sei es der Duft des Paradieses. So lebte Heinrich zwei Leben, das des leidlich fromm gestimmten Schreibers und Vorlesers und das des Säufers und Möchtegernweiberhelden. Nie ließ ihn eine richtig an sich heran, denn wenn er auch ein leidlich hübscher Bursche geworden war, sogar tanzen hatte er gelernt, eine gute Partie war er beileibe nicht, nicht mal für die Huren.

    Nicht selten war in der Schenke die Rede von Schwangerschaften. Diese und jene werde wohl lange nicht auftauchen, zischte man sich zu, die Hure die, konnte ja nicht lassen von den Kerlen, doch ich frage mich, sagte dann immer einer, sich umblickend, welcher Hundsfott seine Rute nicht im Zaum halten konnte! Sah einer dann Heinrich länger an, so lachten alle, worauf er rot anlief wie eine Erdbeere und in Schweiß ausbrach. Dann half auch alles Schulterklopfen nicht mehr, ihm war der Abend verdorben und er stiefelte bald nach Hause, in Gedanken bei Cara in der Stube des dritten Predigers, ihr geschwollener Bauch, die kleinen Schnitzfigürchen und die abgebrochenen Köpfe, all das tauchte auf in ihm, und dann war sie in die Ruhr gegangen, ganz sicher hat sie sich hineingestürzt, hatte sich ersäuft, sollte doch der Prediger sagen, was er wollte, aus Verzweiflung, mit einem Kind im Leib, die Fische haben sie gefressen, sie und das Kind, und Schuld allein ist dieser Adam aus Breslau, dieser Adam Bernd, der bei ihr gelegen hat und dem seine ganze Wut galt, Pläne schmiedete er, tagträumend vor sich hinmurmelnd, er mußte vorher wissen, was zu tun ist, wich sich rächen für den Tod der Schwester. Einmal wollte er das Vertrauen Adam Bernds erringen, um ihm dann bei einer Wanderung in den Bergen, denn Berge mußte es dort bei Breslau unbedingt geben, seine Sünden an den Kopf zu werfen. Cara ist tot, würde er sagen, mit einem Fluch auf den Lippen ist sie gestorben, deinetwegen! Und dann werde ich, so überlegte er, diesen Menschen in die Tiefe stoßen und ihm hinterherspucken! Natürlich wäre es auch möglich, den Kerl in ein Moor zu treiben, denn dann bliebe, während er jammernd und um sein Leben bettelnd versank, noch genug Zeit, ihm seine Sünde vor Augen zu führen. So träumte Heinrich oft vor sich hin, die Phantasien waberten hin und her zwischen einem Stoß in den Tod, dem Aufspießen mit einer Lanze, der peinlichen Befragung und sogar dem Abschneiden der Genitalien, ausbluten wird der Teufel, wisperte er dann vor sich hin, ausbluten, bis kein Tropfen mehr drin ist in ihm! Wachte Heinrich aus diesen Tagträumen auf, so waren seine Fäuste geballt und die Knöchel ganz weiß, manchmal sahen ihn die Menschen mit schräggelegtem Kopf scheu und ängstlich an, ein Wahnwitziger, dachten sie, ein vom Teufel Besessener, und suchten das Weite.

    Die entscheidende Idee kam Heinrich jedoch frühmorgens in der Schreibstube, als er mit dem Aufstellen von komplizierten Listen beschäftigt war, die der Meister für einen Prozeß in Elberfeld benötigte. Wie er drauf kam, hätte er nicht sagen können, doch plötzlich war der Gedanke da – was hatte Cara noch gesagt, sollte dieser Adam Bernd nicht Prediger werden? Natürlich! Das hatte sie gesagt! Sein Feind ist kein Gymnasiast, sondern steckt im Predigergewand! Und muß nicht jeder Priester, überlegte er, aufgeregt in der Stube auf- und abgehend, weiter, ängstlich darauf bedacht sein, keine Sünden zu begehen, auf daß er nicht in der Hölle lande! Wie gut wäre es also, ihn nicht einfach zu töten, sondern zu Sünden zu verführen, damit er tagaus, tagein in Angst lebte, tagaus, tagein glaubte, der Teufel sei in ihn gefahren und hocke ihm im Herzen! Das ist die Idee, rief er laut aus, die Hölle auf Erden werde ich ihm bereiten! Am selben Abend fragte Heinrich den dritten Prediger aufgeregt, was denn die größten Sünden seien, die ein Mensch, oder gar ein Prediger, ein Mann Gottes, begehen könne. Froh, seinen jungen Besucher belehren und zudem vom übermäßigen Trinken abhalten zu können, hob er an, ihm den Katalog der Sünden zu erläutern. Heinrich hörte mit einem Interesse zu, daß den Prediger fast glauben machen konnte, der Junge würde gar ein Studium der Theologie im Sinn haben.

    Im folgenden Herbst fuhr Heinrich durch das Brück-, das Osten-, das Westen- und das Hüsingtor mit dem Marktwagen hinaus und durch alle vier Stadttore auch wieder hinein. Zwar hatte ihm der dritte Prediger erst kürzlich gesagt, er könne auch bis zur Elbe reisen, dort eine Schiffspassage nehmen, um dann von Wittenberg oder Dresden aus den Landweg nach Breslau zu nehmen, doch war ihm, wann immer er wieder in die Stadt hineinfuhr, zumute, als würde er nie fortkommen. Übellaunig und gereizt brachte er dann die bei den Webern und Bauern abgeholte Ware ins Lager, gab seinem Meister Bericht und ging in seine Schreibstube. Briefe an den Detmolder Prediger fielen zum Glück erst wieder an, wenn Thorbecke auf Reisen war. So konnte er, war nur genügend Rapsöl oder ausreichend Kerzen zur Beleuchtung im Haus, sich seinen eigenen Arbeiten widmen, das heißt, er las in den christlichen Büchern der Hausherrin, die sie ihm freudig lieh, und schrieb alles feinsäuberlich heraus, was nur irgend zu tun hatte mit schweren Sünden. Wer weiß aber, sagte er manchmal zu sich selbst, vielleicht ist das alles nur eine Anfechtung des Teufels, der sich feixend ins Fäustchen lacht – doch wenn schon, dachte er, ich werde ja nicht allein zur Hölle fahren, sondern zusammen mit Adam Bernd!

    Endlich kam die Gelegenheit, auf die er gewartet hatte. Bereite nach und nach alles vor, sagte eines schönen Frühlingsmorgens Meister Thorbecke, aufgeräumt in die Schreibstube tretend, wir reisen, denn dieses Mal sollst Du mit mir kommen, noch diesen Sommer nach Magdeburg und Berlin. Für einen kurzen Moment glaubte Heinrich, ein kleines, feistes Teufelchen auf des Meisters Schultern sitzen zu sehen, dann nickte er und sagte, er freue sich auf die Reise.


    <= Kapitel 7

    Kapitel 9 =>

    *Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

    Hinweis: Das Copyright © und alle denkbaren Rechte an „Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache“ liegen weltweit und darüber hinaus bei Norbert W. Schlinkert. Das Kopieren des Textes oder einzelner Teile ist ausschließlich für den privaten Gebrauch gestattet, sonstige Be- und Verarbeitung und eine Verbreitung in welcher Form und mittels welcher Medien und Techniken auch immer ist unter keinen Umständen gestattet.

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    Tue, 18 Apr 2017 11:02:09 +0000
    der goldene fisch : Gerald Koll : Das fünfzigste Jahr (187) http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12363 http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12363 18. April 2016, ein Montag

    Ein rasender Mönch. Was für ein Ritt war das? Kosho Omoto hatte uns vor Tempel 17 aufgegabelt, wo wir unsere Teilzeitpilgerei beendeten. Der Mönch brachte uns das Gepäck, das wir zum Pilgern nicht brauchten und bei ihm gelagert hatten. Er begrüßte uns kurz mit “I’m very busy today”, und schon trieb er seinen Mitsubishi-Transporter durch engste Winkelgassen zum Bahnhof. Der gehetzte Mönch war gebunden ans Gebot der Gastfreundlichkeit. Ich habe sie mal wieder überspannt.

    Bis dahin lief’s beschaulich. Tempel 13, 14, 15, 16 abgeklappert und bei Tempel 17 einem Mann zugesehen, der in den bereits einsamen Tempelhof trat, seinen Kassettenrekorder aufstellte und zu chinesischer Musik Tai Chi übte. Er zeigte uns eine Schwert-Kata, eine zartkraftvolle Kalligrafie. Für unsere Bewunderung dankte er mit einer Fächer-Kata. Wir hätten ihm und uns einen Gefallen getan, uns nicht mit unserer simpel einhergedroschenen Stock-Kata zu revanchieren. Peinlich.

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    Tue, 18 Apr 2017 09:06:29 +0000
    taberna kritika - kleine formen : Litblogs.net Lesezeichen 01/2017 http://www.abendschein.ch/litblogs-net-lesezeichen-012017/ http://www.abendschein.ch/litblogs-net-lesezeichen-012017/ Die Lesezeichen-Ausgabe 01/2017 erschien am 17. April 2017.

    In dieser Ausgabe:

    Genetisch veränderter Mais und Waterboarding, Palmkätzchen und abschwellendes Powerrauschen, Vögel ohne Füße in Sehnsuchtstrümmern, Nymphen und Nixen, Ludwig Feuerbach und die Triebbefriedigung, unsichtbare Hackordungen, Jack, der doofe Junge und das Massaker im Bataclan, heftig harte Bewusstseinsprozesse am Innuvm.

    ZUM INHALT …

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    Tue, 18 Apr 2017 06:25:25 +0000
    particles : kamelschnellbahngeschichte http://andreas-louis-seyerlein.de/air/kamelschnellgeschichte/ http://andreas-louis-seyerlein.de/air/kamelschnellgeschichte/ 9

    marimba : 6.28 UTC – Der junge Mann, der mir eine Geschichte von Kamelen erzählt, ist 22 Jahre alt. Er trägt ein leuchtend blaues Hemd, das sieht an ihm sehr gut aus, weil seine Hautfarbe dunkel ist, weil er ein Mann ist, der tatsächlich aus Afrika kommt, der aus Afrika geflüchtet ist, obwohl er ganz sicher nicht aus Afrika flüchten wollte. Wäre er nicht aus der Not heraus geflüchtet mit Zügen und Bussen und zwei Flugzeugen, dann wäre er jetzt tot. Weil er nicht tot ist, sitzt er mit mir in einer Schnellbahn und wir sprechen kurz über sein Land, das ich unbedingt einmal besuchen werde, wenn es dort so sein wird, dass man mich nicht sofort umbringen wird. Der junge Mann kommt aus Somalia, sein Großvater hütete Kamele. In seiner Kindheit trank er immer viel Kamelmilch. Es gibt, sagt er, nichts Gesünderes auf der Welt als Kamelmilch. Sie schillert nicht wie die Milch der Kühe, sie ist etwas bitter und süß zur gleichen Zeit. Er sagt noch, dass er gerade sein Geld zähle, er wolle nach Afrika reisen. In Afrika angekommen werde er soviel Kamelmilch trinken, wie in seinen kleinen Bauch überhaupt jemals hinein passen wird. Und jetzt ist die Schnellbahn am Ziel, und der junge Mann steigt aus. Ich seh noch seine Hand, wie sie mir winkt über die Köpfe der Pendlermenschen hin. – stop

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    Tue, 18 Apr 2017 05:57:09 +0000
    Glumm : Schlangen https://glumm.wordpress.com/2017/04/18/schlangen/ https://glumm.wordpress.com/2017/04/18/schlangen/ Schlangen waren mir von klein auf suspekt. Keine Arme, keine Beine, nicht mal Federn oder ein Hintern. Ein Hintern war das mindeste. Schlangen hatten keine Knochen, Schlangen waren glitschig. Ich mochte keine glitschigen Sachen, die lebten. In denen ein glitschiges Herz schlug.

    „Schlangen beißen dich tot“, wusste jemand. „Die kommen von unten.“

    An der Hasseldelle gab es eine Wiese, die niemals gemäht wurde, die Schlangenwiese. Hohes Gras. Kaum ein Baum. Abschüssig. Sie hieß schon Schlangenwiese, als wir noch gar nicht geboren waren, hieß es. Einmal spielten wir Verstecken, obwohl die Schlangenwiese für uns Kinder aus der Nachbarschaft tabu war für Spiele. An diesem Tag nicht. Viele fremde Kinder waren da. Es war Ostern. 1967 vielleicht. Man müsste in Gottes Tagebuch zurückblättern, um das exakte Datum zu ermitteln.

    ..neun, zehn! Ich komme!

    Keinen halben Meter von mir entfernt nahm ich plötzlich ein Zischeln wahr. Ein Rascheln.

    „Eine Schlange!“ schrie Patrizia, die gern luftige Sommerkleidchen trug und immer die Knie auf hatte. Alles flüchtete. Rannte um sein Leben. Durchs hohe Schlangengras. Kroch etwas. Durchs hohe Gras. Kroch etwas in meine Richtung. In kurzen Lederhosen rempelte ich jemanden an – am Boden eine hechelnde Bewegung, ein Hinschnappen. Ein Züngeln.

    Störrische Halme knickten um beim Laufen, Gräser rissen, Schürfwunden – Nattergetrappel.

    Ich war der erste, der die Straße erreichte. Sicheres Gebiet.


    Einsortiert unter:Biografie ]]>
    Tue, 18 Apr 2017 05:13:03 +0000
    schwungkunst.blog : astronomisches ereignis http://www.schwungkunst.de/wordpress/?p=6872 http://www.schwungkunst.de/wordpress/?p=6872 „es ist davon auszugehen, dass der stein denkt“ (rainald goetz)

    es ist davon auszugehen,
    dass dies ein einmaliges
    astronomisches ereignis ist:

    sonnenstand so nur am 16. april
    und – in sonnenlaufes wiederkehr –
    im frühherbst, 26. august.

    unwahrscheinlich – auch in den nächsten
    jahren –, dass an beiden tagen
    selben sonnenstands

    dasselbe wetter ist, gewittrig,
    schwarze wolken im hintergrund,
    regen und daher bogen.

    also vermutlich einmalig
    in diesem leben. die kamera,
    das einzige bild, einmalig.

    ein astronomisches ereignis:
    ich dabei einzig beobachtend,
    bei mir die einzig zusehenden.

    ((vermerkt im datumsblatt:
    wir aßen spargel, gekocht und gebraten,
    roastbeef, dörrwürste vom rind.
    ))

    (170417)

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    Mon, 17 Apr 2017 21:51:30 +0000
    der goldene fisch : Gerald Koll : Das fünfzigste Jahr (186) http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12345 http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12345 17. April 2016, ein Sonntag

    6:15 Uhr. Nacht mit viel Regen. Und so dunkel. Dank D. Dieser praktische Mann hat sich das defekte Deckenlicht gleich mal genauer angesehen und schaffte es mit wenigen Handgriffen, den Strom der ganzen Umgebung matt zu setzen. Leider konnten wir auch unsere Smartphones nicht mehr aufladen.

    Alles so nass draußen. Schade, meine Regenhose liegt in Berlin bei den Sachen, die ich nicht vergessen wollte. Im Onsen gaben uns Badende mit auf den Weg, schlecht werde das Wetter, und hart werde der Gang in den Bergen. Netter wäre, jetzt unter einem alten Tempeldach in den Tag hinein zu meditieren. Nun ja, dann latschen wir mal los.

    17:50 Uhr. Tagsüber kein Regen. Viel Licht auf den Waldwegen, als knistere es durch Zweig und Blatt. Da war ein Tier, groß wie ein Hund, mit dickem Fell in blassem Beige und einem flachen breitem Schweif. Was das wohl war? Eine Busreisepilgergruppe, die ausgestiegen ist, um den Berg zu einem Tempel zu besteigen, bildete für uns ein Spalier und applaudierte, denn Fußpilger sind eine Seltenheit. Entzückend-schamhafte Momente. Auch mit jenem Mann am Tempel, der uns seine deutsche Sprachkenntnis beweisen wollte, indem er Beethovens Schiller-Ode vorsang. Wir sangen sie dann gemeinsam.

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    Mon, 17 Apr 2017 19:24:48 +0000
    rheinsein : Rheinische Tierwelt (22) http://rheinsein.de/2017/04/17/rheinische-tierwelt-22/ http://rheinsein.de/2017/04/17/rheinische-tierwelt-22/ Ein Goldfasan hastet schreiend durch die Rheinauen des Kölner Nordens

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    Mon, 17 Apr 2017 10:59:08 +0000
    Gleisbauarbeiten : Frust-Post oder Schluss mit diesen Forderungen nach Liebe undsoweiterundsofort http://gleisbauarbeiten.blogspot.com/2017/04/frust-post-oder-schluss-mit-diesen.html#comment-form http://gleisbauarbeiten.blogspot.com/2017/04/frust-post-oder-schluss-mit-diesen.html#comment-form Morgen muss ich nach 2 Wochen Urlaub wieder zur Arbeit antreten. Unvermeidlich dabei zugleich: Die Begegnung mit nicht wenigen jener Türkischstämmigen, die "Evet" gewählt und damit die Demokratie in der Türkei zugunsten eines Autokraten abgewählt haben. Das frustriert mich. Mehr noch: Das dümmlich-dreiste Argument, das mir - wie schon seit Wochen - entgegenschlagen wird: das Demokratische des Verfahrens sei ja gerade dadurch bewiesen, dass die Mehrheit sich schonungs- und rücksichtslos durchsetzen könne. Erdogans Anhänger verstehen Demokratie als Diktatur der Mehrheit bzw. "des Volkes", mit dem sie sich ähnlich blöde wie die Anhänger der hiesigen AfD- und Pediga-Apologeten oder der "Front National" mirnichtsdirnichts gleichsetzen. Wer anderes will, ist ein "Verräter" (Frauen denken sie gelegentlich gar nicht oder - behauptet - irgendwie immer mit).

    Jetzt wird wieder mal von interessierter Seite behauptet, das Wahlverhalten der in der BRD zum Teil schon in der 3. oder 4. Generation Ansäßigen (über 60% für Erdogan) sei darauf zurückzuführen, dass ihnen die Integration verweigert worden sei. Hätten "wir" nur..., wären "wir" nur....Die Hybris dieser - meist sich als "links" verortenden - Denkschablone ist unüberbietbar: Was immer "unsere Opfer" tun, es liegt an dem, was "wir" getan oder unterlassen haben. Das ist auf seine Weise eine nicht weniger herablassende (oder im Duktus dieser Leute: "rassistische") Sichtweise als jene rechtsnationale, deutschtümelnde, die sie so vehement und in der tiefen Überzeugung ihrer moralischen Überlegenheit bekämpfen.

    Die aus der Türkei stammenden Menschen haben ganz überwiegend so gestimmt wie die Verwandten und Bekannten aus ihren "Heimatregionen". Stammen sie aus ländlichen Regionen, so verehrt eine Mehrheit von ihnen den religiös motivierten Despoten, stammen sie aus säkularen Familien und urbanen Verhältnissen, so verabscheuen sie dessen Stil und Politik zumeist. So einfach ist das. Und so unangenehm. Denn es heißt tatsächlich, dass die Bindungen und Prägungen aus dem "Herkunftsland" (das für die meisten ja gar keines mehr sind), tiefer reichen als jene neu geknüpften im Alltagslebensland Deutschland.

    Vielleicht muss man bei der Analyse dieses Phänomens (des Wiedererstarkens dumpf-nationaler, religiös-ausgrenzender, illiberaler Politikangebote), das sich ja nicht auf die Türkei beschränkt, tiefer schürfen: Ganz offensichtlich handelt es sich fast überall um einen Konflikt, der sich zwischen urbanen liberalen Lebensstilen und ländlich geprägten, kollektivistisch-"volkstümlichen" abspielt (siehe Österreich, Frankreich, USA...etc.pp.) Es sind zwei verschiedene kulturelle "Prägungen", die offenbar auch tief in familiären Bindungen verwurzelt sind: ein Verständnis von "Kultur" als Angebot zur Selbstbildung trifft auf ein Verständnis, das "Kultur" als identitätsstiftenden, stabilisierenden und abgrenzenden Panzer gegen eine unverständlicher werdende komplexe, vielfältige Welt einsetzt.

    Es kann politisch gegenüber jenen Bewegungen, die auf Ausgrenzung, Hass, Diskriminierung des Anderen setzen, kein "Entgegenkommen" geben, auch keinen "sozialpädagogischen" Ansatz der Belehrung durch mehr "Angebote" zur Teilhabe an deren jeweilige "Identitätsgruppen" (seien sie durch Religion, Nation, Heteronormativität oder was immer bestimmt). Solche Zugeständnisse sind schlicht deswegen ausgeschlossen, weil sie menschenfeindliche und diskriminierende Rückschritte darstellen würden.

    Was tun? "Kultur" als Angebot zur Selbstbildung, Selbstreflexion und Selbstkritik zu verstehen, ist eine Chance, die jeweils immer nur eine Einzelne, ein Einzelner für sich, geleitet von ihrem je eigenen Begehren ergreifen kann. Die Wege sind unterschiedlich, trotzdem lohnt es sich vielleicht, hinzuschauen, wo, wie und warum das Einzelnen gelingt. Es geht um "Prägungen", wie ich oben schrieb, tief sitzende, die dennoch überwunden, mindestens modifiziert werden können.

    Der Vater einer Schülerin, dessen Deutsch sehr schlecht ist, trotz vieler Jahre, die er in Deutschland gelebt und gearbeitet hat, ist für mich ein solches Beispiel. Der Mann kommt sicher aus dem, was man "einfache Verhältnisse" nennt oder "bildungsferne" Schichten. Im - sprachlich holprigen - Gespräch erlebte ich ihn als einen Vater, der sich für seine drei Töchter einsetzt, der sich für sie und ihre Gedanken, Hoffnung und Träume interessiert und um sie sorgt. Das ist der Unterschied ums Ganze: In jedem Satz wurde deutlich, dass ihm wichtig ist, seine Töchter als jeweils Einzelne und Unterschiedliche zu verstehen und ihnen dabei zu helfen, das zu werden, was sie sein wollen. Ich habe das in den vielen Jahren immer wieder erlebt: Den Ausschlag, ob ein Kind sich frei entwickeln kann, seine Potentiale verwirklichen, gibt nicht allein der Bildungsstand oder die Einkommensgruppe der Eltern (obwohl es hier Korrelationen gibt), sondern vor allem dieser Wille, diese Bereitschaft von Eltern, das eigene Kind nicht als Besitz, als Fortführung des "Eigenen" zu begreifen, sondern "über ihren Schatten zu springen", um ihr Kind auf seinem eigenen Weg zu begleiten. Und natürlich gibt es eben auch die anderen: die ihr Kind nicht sehen (wollen oder können), denen es fremd bleibt und die diese Fremde, die alle Menschen voneinander unterscheidet und trennt, zukleistern mit "Identität", klebrigem "Wir-gegen-die-anderen-Gefühl", mit dem Ersticken von Neugier auf die "Ungläubigen", die "Fremden", die "Schwarzen", die "Schwulen" undsoweiterundsofort.

    Was lässt sich politisch daraus folgern? Wenig vielleicht. Und doch, was mir wichtig ist: Ich kann politische Bewegungen, die Identitätspolitiken unterstützen, in denen die Zugehörigkeit zu diskriminierten Minderheiten markiert wird, die sich am Konzept der "Intersektionalität" oder der "Privilegienkritik" orientieren, nicht länger unterstützen. Denn aus meiner Sicht stärken sie mit diesen Ansätzen in letzter Konsequenz genau jene grundsätzlich aus- und abgrenzende Perspektive auf "Kultur", die sie nur noch da bekämpfen, wo sie nach ihrer Ansicht hegemonial ist (also hier: der viel zitierte "alte, weiße Mann"). (Diese Dramatisierung von Minderheitenzugehörigkeiten führte in der Praxis u.a. zu problematischsten Allianzen von linken und feministischen Gruppen mit Anti-Israel-Aktivistinnen, bei denen ich schaudere.) Stattdessen geht es mir um eine Politik, die ihre Hoffnung aus der je Einzelnen und dem Einzelnen hernimmt, deren/dessen Vermögen sich zu ändern, neue Bindungen einzugehen (gelegentlich, indem sich von alten gelöst werden muss - was eben kein "Verrat" ist - , gelegentlich in jener Ambivalenz zwischen Altem und Neuem, die schwer auszuhalten, aber auch sehr bereichernd und verbindend sein kann). Solidarität gilt also nicht "Schwulen" oder "Muslimen" als Gruppe, bewertet wird nicht (auch nicht positiv) eine sexuelle Orientierung, die Zugehörigkeit zu einer Minderheitenreligion oder welche Gruppenidentität auch immer. Wer Menschen beleidigt, kränkt, verfolgt und entrechtet, weil sie lesbisch sind, weil sie Muslime oder Christen oder Ungläubige sind, weil sie schwarz, weiß oder gelb sind, wer bewertet, was Menschen sind und nicht, was sie tun, kann auf Solidarität eben gerade nicht setzen.

    "Liebe für Alle" ist keine Lösung. (Auch, obwohl und weil es so "nett" klingt.) Die Wahrheit ist nämlich: Es gibt keine Lösung. Wir müssen mit Menschen leben, deren Lebensentwürfe uns fremd, auch abstoßend erscheinen. Es gibt nur Hoffnung. Auf die Bewegung der Einzelnen, auf die Vielfalt der Begegnungen, der Ablösungen und Konflikte. Darauf, dass immer mehr Menschen begreifen, wie gefährlich und falsch die Sehnsucht nach "Harmonie" (völkischer, religiöser, nationaler etc.ppp.) ist. Ich werde Menschen, die die AfD wählen oder mit "Evet" gestimmt haben, morgen noch genauso wenig mögen wie heute. Ich betrachte sie als politische Gegner, aber ich nehme sie ernst. Sie sind kein Fall für die Pädagogik oder die Psychologie. Sie folgen ihrem Begehren. Dahinter stecken Sehnsüchte nach Gemeinschaft, Verantwortungslosigkeit und Herrschaftswillen. Zum Beispiel. Sehnsüchte, die ich nicht teile und durch die ich mich und meine Lebensweise zurecht bedroht sehe. Denen stelle ich meine eigenen entgegen: Sehnsucht nach Höflichkeit und Distanz, nach Individualität und Schönheit. Zum Beispiel.

    Aber: Ich kann damit werben, auch bei denen: Dass meine Sehnsüchte ihre Lebensweise nicht bedrohen. Weil es mir egal ist, wie sie ihren Gott verehren, sich kleiden, welche Musik sie hören oder wie sie feiern. Die Kränkung, dass es mir egal ist, die kann ich ihnen allerdings nicht ersparen, sofern sie dies als Kränkung wahrnehmen. Denn ich verlange von ihnen auch nichts weiter, als was ich zu geben bereit bin: Nicht "Liebe statt Hass", sondern "Leben und leben lassen" und das friedliche Austragen von Konflikten, selbstverständlich.

    Deshalb: Ich werde die Beleidigungen und Verunglimpfungen nicht vergeben und nicht vergessen, mit denen Erdogan Menschen wie mich überzogen hat. Ich merke mir das. Es ist wichtig, den Gegner zu kennen und ihm auch mit der gebotenen Härte zu begegnen, wo es nötig ist. Man muss gelegentlich unfreundlich werden und dennoch höflich bleiben. Jene, die Erdogan bestätigt haben, werde ich auch nicht als seine Opfer betrachten, sondern als seine Komplizen. Und daher an der Seite all der anderen stehen: Jener fast 50% in der Türkei, die mutig HAYIR gesagt haben.

    Zum Beispiel.



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    Mon, 17 Apr 2017 10:17:00 +0000
    litblogs.net - prozesse : Das Lesezeichen 01/2017 ist da! http://www.litblogs.net/das-lesezeichen-012017-ist-da/ http://www.litblogs.net/das-lesezeichen-012017-ist-da/
    Die Lesezeichen-Ausgabe 01/2017 erschien am 17. April 2017.

    In dieser Ausgabe:

    Genetisch veränderter Mais und Waterboarding, Palmkätzchen und abschwellendes Powerrauschen, Vögel ohne Füße in Sehnsuchtstrümmern, Nymphen und Nixen, Ludwig Feuerbach und die Triebbefriedigung, unsichtbare Hackordungen, Jack, der doofe Junge und das Massaker im Bataclan, heftig harte Bewusstseinsprozesse am Innuvm.

    ZUM INHALT …

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    Mon, 17 Apr 2017 07:17:19 +0000
    litblogs.net - lesezeichen : Inhalt 01/2017 http://www.litblogs.net/inhalt-012017/ http://www.litblogs.net/inhalt-012017/

    Die Lesezeichen-Ausgabe 01/2017 erschien am 17. April 2017.

    In dieser Ausgabe:

    Genetisch veränderter Mais und Waterboarding, Palmkätzchen und abschwellendes Powerrauschen, Vögel ohne Füße in Sehnsuchtstrümmern, Nymphen und Nixen, Ludwig Feuerbach und die Triebbefriedigung, unsichtbare Hackordungen, Jack, der doofe Junge und das Massaker im Bataclan, heftig harte Bewusstseinsprozesse am Inn … uvm.

    INHALT:

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    Mon, 17 Apr 2017 06:48:08 +0000
    particles : anjuta http://andreas-louis-seyerlein.de/air/anjuta/ http://andreas-louis-seyerlein.de/air/anjuta/ 9

    ulysses : 5.25 UTC – Es ist Montag, früher Morgen, und die Vögel pfeifen. Ich bin noch nicht ganz wach, ich habe gut geschlafen, ich hatte einen lustigen Traum: In diesem Traum war ich versucht, Anton Tschechow einen Brief zu schreiben. Tatsächlich habe ich mich im Traum an meine Schreibmaschine gesetzt und notiert: Lieber Mr. Tschechow, gestern las ich eine traurige Geschichte, die Sie einmal aufgeschrieben haben. Sie erinnern sich vielleicht an Anjuta? Sie lebte in der Pension Lissabon mit einem Studenten der Medizin in einem schmutzigen Chaos. Eigentlich wollte ich nachlesen, wie Sie vom anatomischen Studium berichten, vom Lernen oder Pauken, eine Ärztin hatte mich auf ihre Geschichte aufmerksam gemacht. Was mich dann sehr berührte, war das Mädchen Anjuta selbst, ihre Geduld oder Duldsamkeit, wie traurig, wie sie als menschlicher Gegenstand angesehen und behandelt wurde, eine gute Geschichte! Es ist noch etwas Weiteres geschehen, ich erinnerte mich im Traum einmal, vor einigen Jahren, Ihre gesammelten Erzählungen, Novellen, Theaterstücke, Essays in digitaler Spur aus dem Internet geladen zu haben, 19657 Positionen. Ich bemerkte damals, dass es tatsäch­lich möglich ist, für den Preis einer Pista­zien­eis­kugel Joseph Roths Gesam­melte Werke auf ein Paperw­hite – Lese­gerät zu holen. James Joyces Ulysses kostet soviel wie keine Eiskugel. Virginia Woolfes Mrs. Dalloway eine halbe Kugel. Ihre, Anton Pawlo­witsch Tsche­chows Kurz­ge­schichten, Novellen, Dramen wiederum eine voll­stän­dige Kugel / Down­loadrei­se­zeit : 5,2 Sekunden. Sehr beunruhigend, wie ich finde. Gleich werde ich aufwachen, ich werde einen Cappuccino trinken, und dann werde ich Ihnen diesen Brief, den ich träumte, notieren an einem frühen Morgen bald, wenn Montag sein wird bei leichtem Regen, und die Vögel pfeifen. – stop

    ping

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    Mon, 17 Apr 2017 06:10:53 +0000
    der goldene fisch : Christine Kappe : http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12319 http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12319 heute Nacht hast du wieder geschrien fast 3 Stunden das macht mich leer genauso wie

    dieses sinnlose Geballer da draußen Wir wollten fliehen aber der Wald war voller Leute

    oder die Bäume derart dünn dass es nur so aussah

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    Sun, 16 Apr 2017 19:18:34 +0000
    der goldene fisch : Christian Lorenz Müller : ZAZEN (Sitzen mit verschränkten Beinen) http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12316 http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12316 Ein Wort ist keine Blüte.
    Es bricht aus keiner Knospe
    und hat keinen Duft.

    Ein Wort ist nicht einsam,
    ist nicht ängstlich,
    fürchtet sich nicht
    vor der Leere.
    Es kennt keinen Gleichmut
    und keine Empörung.

    Es bedeutet sich nichts
    und meint dennoch
    immer sich selbst.

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    Sun, 16 Apr 2017 18:06:55 +0000
    particles : vom suchen und finden http://andreas-louis-seyerlein.de/air/vom-suchen-und-finden/ http://andreas-louis-seyerlein.de/air/vom-suchen-und-finden/ 9

    zoulou : 15.01 UTC – Das Suchen nach Gegenständen in Gärten, oder das Suchen nach Menschen in Wäldern oder Parklandschaften, wo sie sich freiwillig versteckten, Vergnügen, Freude, Glück, wie das Suchen nach Büchern oder Zitaten in Antiquariaten, die zum Zeitpunkt der Suche noch nicht digitalisiert worden waren. Einmal hörte ich eine Freundin an ihrem 85. Geburtstag wie sie sich nach ihrer Brille erkundigte. Ich wusste genau, wo sich die Brille in dem Moment ihrer Frage aufgehalten hatte, aber meine alte Freundin schimpfte, während sie nach ihrer Brille suchte, so freundlich vor sich hin, und erzählte Geschichten, die sie entdeckte, obwohl sie doch nach ihrer Brille suchte, dass ich mir ein wenig Zeit liess, um ihr zu sagen, wo sie ihre Brille sofort finden könnte. Ich erinnere mich, wie ich als Kind einen Wald durchsuchte, in dem ein weiterer, etwas kleinerer Wald enthalten war, ein Efeudschungel nämlich, es war ein feuchtwarmer Tag und die Luft duftete nach Löwenmäulchen. Anstatt der erwarteten Schneckengehäuse, fand ich eine Herde goldbrauner Frösche vor, die sich vermutlich über mein Erscheinen wunderten. Vor drei Tagen bemühte ich mich längere Zeit um die Erfindung einer Telefonnummer, die in der Stadt Chicago vorkommen könnte, aber garantiert nicht existiert. Und noch heute, vor drei Stunden, suchte ich nach einer größeren oder kleineren Stadt, in der folgende Adresse existiert: Im Schnee 10. Obwohl ich zahlreiche, auch spezielle Suchmaschinen verwendete, war ich nicht erfolgreich gewesen. Ich sollte vielleicht sagen, dass manchmal wunderbar ist, nicht zu finden was man sucht, es könnte dann reine Erfindung sein. – stop

    ?feed-stats-post-id=31448

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    Sun, 16 Apr 2017 13:16:56 +0000
    Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus : 500beine, die nächste http://500beine.myblog.de/500beine/art/10223953 http://500beine.myblog.de/500beine/art/10223953
    Gerade erst hatte Frau Moll eine französische Bulldogge angerempelt, schon kam uns am Rasenplatz das nächste Exemplar entgegen, das genauso aussah, mit kleinen knackigen Hodeneiern. Keinen Hacken Unterschied. Bis auf die Namen. Einer hieß Zeus, einer Jerry, der dritte Stu. Alles Rüden aus demselben Wurf, plus Kimba, die laufende Nummer 4. Sie war das einzige Bulldog-Mädchen, das hier am Stadtrand rumlief und mit ihren knapp neun Monaten auch schon trächtig war und die nächste Ladung kurzatmiger nasenloser Krächzer vorbereitete, mit knackig-geballten kleinen Hodeneiern.

    *

    - Mutti, schau mal da vorn! Die Frau weint ja Butter! -

    - Psst, Kindchen.. Das sind reiche Leute. -


    *

    Womit man sich so alles beschäftigen muß, bevor man in den Himmel kommt. Mit Hundehaufen zum Beispiel, die einem plötzlich unterm Schuh kleben. Und dann sitzt man beim Frisör und wundert sich über den Gestank, der einem in die Nase steigt. Aus dem eigenen Körperkeller. Üble Situation. Der Frisörkittel, den man standardmäßig umgebunden kriegt, um abgeschnittenes Haar abzufangen, ist nicht lang genug, um über die Schuhe zu fallen, die nach Hundescheiße müffeln.

    "Ich muss eben noch was erledigen", entschuldige ich mich, und bin weg.

    Den Kittel lass ich da.


    *

    Ich schritt mit dem Hund der Cronenberger Strasse entlang, da hockte in der prallen Mittagssonne eine fette schwarze Kellerspinne an einer weiß getünchten Hauswand, wie eine französische Bulldogge auf dem Sprung, den Kopf eingezogen. Kurz vorm Zupacken. Sogar Frau Moll blieb stehen und kläffte wütend die Spinne an. Hätte ich den Hund nicht weitergezogen, es wäre in eine böse Beisserei ausgeartet.

    *

    "Ich muss noch eine Weile rumoren und reifen."

    - Die Gräfin -

    *

    "Ja und? Ich komm doch auch von früher!" sagt sie entrüstet, weil ich mich wundere, dass ihr der Bandname Geier Sturzflug noch ein Begriff ist.

    "Wieso?" entgegnet sie. "Kennt doch jeder."

    "Nee, nicht jeder. Bestimmt nicht. Vielleicht früher mal."

    "Ja und, ich komm doch auch von früher."


    *

    Normalerweise ist die Trommel unserer Waschmaschine mit 3/4 Wäsche von ihr und 1/4 Wäsche von mir befüllt. Ich bin sparsamer mit Wäsche, ich zieh mich seltener um, ich dusche nicht so oft. Ich trage Hosen bis sie allmählich ihre Form einbüßen und vom Hintern rutschen. Ich liege hoffnungslos hinten am Waschtag. Ausnahme: Wenn besonders schmutzige Wäsche in die Trommel kommt. Wo man mit Essig ran muss und einer höheren Waschtemperatur, um noch Grund reinzukriegen, wie meine Mutter gesagt hätte. "Da kriegt man ja kein Grund mehr rein!" Dann bin ich vorne. Dann steht es, bei einer 6/6-Auslastung, 5/6 für mich, und 1/6 für sie. Sieg!!

    *

    - Psst! In mir sprechen gerade mehrere Menschen. -

    - Ach.. Hast du wieder deine Stimmen an? -

    *

    Sobald ich das Haus verlasse, ist das Notizbuch griffbereit in meiner Jackentasche. Ich gehe nie ohne Notizbuch aus dem Haus, nicht mal die paar Meter zur Mülltonne. Ich hab maßlos Angst davor, von einem Fremden das ganze Leben in 2 1/2 Sätzen erklärt zu kriegen, und niemand schreibt mit.

    *

    Mittags im Discounter-Markt, Kasse 1.

    Kundin (vor mir): "Na, die Stimme kenn ich doch!"

    Kassiererin: "He, Maggie! Was tust du denn hier!?"

    Kundin (vor mir): "Na, einkaufen. Und du?"

    Kassiererin: "Na, kassieren."

    Sie steht vom Stuhl auf, die Kundin beugt sich übers Laufband, die Beiden umarmen sich umständlich.

    Kundin (vor mir): "Du siehst so wuschig aus. Warst du beim Frisör?"

    Kassiererin: "Frisör? Ich? Wuschig..? Nö, nicht dass ich wüsste. Aber die wachsen gerade, die Haare."

    Kundin (vor mir): "Ach, siehst du. Deswegen so wuschig. Und..? Wohnt ihr noch Nachtigallenweg?"

    Kassiererin: "Nee, ich bin ausgezogen. Endgültig."

    Während sie redet, nimmt die Kassiererin einzelne Artikel vom Band und zieht sie über den Scanner.

    Kundin (vor mir): "Was denn!? Endgültig? Ist wahr?!"

    Kassiererin: "Ja, da war nichts mehr zu machen. Ich hatte die Nase voll von dem Kerl.. Ich war ja immer an allem schuld. Achtzehn achtundneunzig."

    Die Kundin reicht einen 20-Euro-Schein rüber, die Kassiererin gibt Wechselgeld raus.

    Kassiererin: "So, bitteschön. Ein Euro und zwei zurück."

    Kundin (vor mir) : "Danke. Na. Dann machs mal besser."

    Kassiererin: "Klar, dafür ist immer Platz."

    Kundin: "Was..? Wofür?"

    Kassiererin (guckt mich an): "Für besser. Für besser ist immer Platz. Oder nich?" ]]>
    Sun, 16 Apr 2017 12:11:13 +0000
    Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus : 500beine, die nächste http://500beine.myblog.de/500beine/art/10223725 http://500beine.myblog.de/500beine/art/10223725 Sun, 16 Apr 2017 12:09:12 +0000 Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus : 500beine, die nächste http://500beine.myblog.de/500beine/art/10223497 http://500beine.myblog.de/500beine/art/10223497 Sun, 16 Apr 2017 12:08:44 +0000 Glumm : Peace mit 3 Fingern https://glumm.wordpress.com/2017/04/16/peace-mit-3-fingern-2/ https://glumm.wordpress.com/2017/04/16/peace-mit-3-fingern-2/ „Meine Kommunion war klasse“, erzählt sie. „Haben wir in der Mahnert Mühle gefeiert, zwischen Erkrath und Haan. Da bin ich nie wieder gewesen. Da sind heute Griechen drin. Ich hab die halbe Zeit die Musikbox gefüttert, immer fünf Songs am Stück, für eine Mark. Ich weiss gar nicht mehr, was da alles drin war. Elvis war drin, Viva Las Vegas, die Nummer, die so rast, als wäre sie in den Windkanal geraten, und trotzdem ist jedes Instrument an seinem Platz – fantastisch. Mandy von Barry Manilow war drin, klar, Mandy. Darauf hab ich mit meiner kleinen Schwester Blues getanzt, aber die wusste gar nicht, was los ist. Was die ganze Fummelei sollte, das Schäkern. Dabei hab ich nur Bluestanzen geübt. Ausserdem war da dieser deutsche Schmuseheinz, der Wuschelkopf, wie hiess der noch.. na.. Mamy Blue hat der gesungen..“

    „Ricky Shayne“, sag ich.

    Ricky Shayne, der Schwarm meiner grossen Schwester. Den kenn ich. Da kann mir keiner was erzählen. Da war 1972 augenblicklich jede kleine Muschi gepolstert wie ein Wasserbett, wenn Ricky Shayne auftrat. Der sah aus wie ich damals, nur in schwarz und alt. Oder anders: ich war Ricky Shayne in blond und blutjung.

    „Ja, genau, Ricky Shayne! Der war männlich und trotzdem weich irgendwie. Weisst du übrigens, wobei ich als junges Mädchen die ersten Gefühle hatte? Bei den Fußballalben. All die Fotos von Männern in kurzen Hosen.. Die Schwänze hab ich mir dazu gedacht.“

    Bevor das Gespräch aus dem Ruder läuft, führe ich es in die ursprüngliche Spur zurück, zu Ricky Shayne.

    „Ja, Ricky Shayne“, schwärmt sie, „der hat immer Peace mit drei Fingern gemacht.“

    „Wie, Peace mit drei Fingern..?“

    „Na, das Peacezeichen. Das macht man doch mit zwei gestreckten Fingern, hier, so.. Aber Ricky Shayne hat das mit drei Fingern gemacht. Hab ich mal gesehen, auf einem Foto.“

    „Aber woher weisst du, dass er damit Peace meinte?“

    „Na, weil das unterm Foto stand. Ricky Shayne macht Peace.“

    „Na, dann war das ein Fehler vom Redakteur, nicht von Ricky Shayne.“

    „Pff. Na, du weißt ja alles besser. Du alter Unterarmfrisör.“

    Der restliche Nachmittag geht dafür drauf, Peace mit drei Fingern zu üben, das muss man erstmal hinkriegen. Gar nicht so einfach. Ich zum Beispiel kann eine Faust machen, groß wie mein Herzmuskel, oder eine Strickleiter, um einem Menschen zu den Sternen hinauf zu helfen, geht auch. Geht alles, kein Thema, aber Peace mit 3 Fingern..

    „Wie sah das denn aus auf dem Foto?“ frag ich.

    „Wie falsch.“


    Einsortiert unter:Biografie ]]>
    Sun, 16 Apr 2017 10:45:36 +0000
    isla volante : eiersuche http://feedproxy.google.com/~r/volante/~3/dXtUZARkXUc/ http://feedproxy.google.com/~r/volante/~3/dXtUZARkXUc/

    leider sind sie ausgegangen, die eier. die hühner wollten dieses jahr nicht soviel eier legen. die eiersuche kann also noch sehr lange dauern.

    übrigens: schuld ist niemand, auch keine fremde macht, oder irgend eine verschwörung der hühner. die hühner gackern weiterhin auf der insel herum.

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    Sun, 16 Apr 2017 08:07:56 +0000
    Tainted Talents (Ateliertagebuch.) : Schöne Ostern, allerseits! http://taintedtalents.twoday.net/stories/schoene-ostern-allerseits/ http://taintedtalents.twoday.net/stories/schoene-ostern-allerseits/ ... Und schicken Sie mal einen guten Gedanken in die Türkei heute. Schaden kann's nicht.


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    Sun, 16 Apr 2017 08:00:00 +0000
    der goldene fisch : Gerald Koll : Das fünfzigste Jahr (185) http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12295 http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12295 16. April 2016, ein Sonnabend

    Die Pilgerei zu Zweit ist eine lässige Angelegenheit. Ich setze mich nicht der Fremde aus, mit D. habe ich ja Bekanntes um mich. Ein wenig vermisse ich das klamme Unbehagen, die einschleichende Kälte, wenn sich ein Weg verliert und niemand da ist, der helfen kann. Was wir hier tun, ist Wanderschaft in Kostüm, eine launige Besichtigung. Zum Beispiel eines auf dem Weg liegenden verlassenen Shinto-Tempels, aus dem wir gern ein Dojo machen würden … Abends finden wir wieder eine Notunterkunft, diesmal direkt neben einem öffentlichen Bad, das wir sofort aufsuchen. Wir leihen Fahrräder aus, holen Essen, sitzen draußen, genießen. Und wissen: Morgen geht es in die Berge. Morgen soll es regnen. Kosho Omoto hat für Shikoku in naher Zukunft das stärkste Beben seit 160 Jahren vorausgesagt. Beben bei schlechtem Wetter wäre dann doch nicht so schön.

    In Kyushu scheint das Erdbeben, dessen Ausläufer wir in Tokio zu spüren bekamen, erheblich stärker gewesen zu sein als wir dachten. Mindestens 9 Tote, heißt es nach erster Schätzung. Dort wollten D. und ich eigentlich in den nächsten Tagen hin.

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    Sun, 16 Apr 2017 06:21:01 +0000
    der goldene fisch : Gerald Koll : Das fünfzigste Jahr (184) http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12293 http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12293 15. April 2016, ein Freitag

    Was Mönch Kosho Omoto heute morgen seinem Gott zuraunte und mit Fingerzeigen zu verstehen gab, blieb mir denn doch verborgen. Auch kehrte er uns ja beim Goma-Ritual den Rücken zu. Das emsige Werkeln mit Holz und Samen freute mich, auch Rauch und Flamme, aber müde war ich dennoch. Das Leben des Mönchs Kosho Omoto verläuft auf beneidenswerte Weise unbeirrt. Beim Kaffee nach der Zeremonie erzählte er, er sei früh nach Tibet gegangen, weil ihm in einer Vision gesagt worden sei, dort würde er seinen Lehrer finden. Er ging also hin, fand den Lehrer und verbrachte bei ihm drei Jahre. Weiter erzählte er, er habe nach der Übersetzung eines tibetanischen Textes 40 Tage lang fastend meditiert. Am Ende konnte er kein Wasser mehr aufnehmen. Buddha habe ihm dann angeraten, ein grünes Blatt zu essen. Auch habe er sechs Monate lang in einer Höhle gelebt, versorgt von einem Jungen, der ihm immer mal etwas Gemüse vor den Eingang legte. Er selbst habe im Inneren gehaust, ohne Aussicht, im Dunkel. Sechs Monate! Ich wurde recht neidisch auf seine Visionen und seinen Buddha.

    D. und ich zogen weiter. Einer meiner Lieblingstempel war vor zehn Jahren der sogenannte Bekkaku 1, der nicht zu den 88 Tempeln der eigentlichen Route gehört. Er stand immer noch mit seinem groben mächtigen Holz im wuchernden Grün. Der Koch einer Udon-Küche hatte sich, als wir bei ihm einkehrten, erboten, uns dorthin zu fahren. Er riet uns zum Abschied, den Rückweg über die Straße zu nehmen. Nahmen wir aber nicht, denn im Wald war es schöner. Allerdings entzifferten wir Schilder, die vor Giftschlangen warnten.

    D. hat ein wenig Pech. Die Japan-Reise war für ihn eigentlich eine Flucht, um mit seinen Allergien dem deutschen Frühling zu entgehen. Hier aber blühen derzeit die Kirschen wie wild. Gerade jetzt, im Anraku-ji-Tempel, hat D. ununterbrochen gehustet, als würde er ersticken. Seit wir die Betten wieder eingerollt und verstaut haben, geht es besser. Sie müssen im Kirschblütenwind ausgelüftet haben.

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    Sat, 15 Apr 2017 22:46:42 +0000
    litblogs.net - Wochenspiegel : Kurztitel & Kontexte bis 2017-04-15 http://www.litblogs.net/kurztitel-kontexte-bis-2017-04-15/ http://www.litblogs.net/kurztitel-kontexte-bis-2017-04-15/
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  • der goldene fisch : Gerald Koll : Das fünfzigste Jahr (181) https://t.co/7ojNp1az7o 2017-04-12
  • der goldene fisch : Gerald Koll : Das fünfzigste Jahr (180) https://t.co/LjUlnfFep3 2017-04-12
  • taberna kritika – kleine formen : 20130618 https://t.co/A8D3Kv1s9Y https://t.co/tCKWr3VPTM 2017-04-12
  • particles : bildschirmlicht https://t.co/dYHTVq9gmI https://t.co/tkxS7KLVGm 2017-04-12
  • Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus : Man kommt als Rohdiamant zur Welt https://t.co/iWABlffnjN 2017-04-12
  • Glumm : DIE ELVIS-UHR VON DEN BAHAMAS https://t.co/rqWtugGFIb https://t.co/ifzBImLYBU 2017-04-11
  • Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen! : Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache… https://t.co/mLNPKsy62d 2017-04-11
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    Sat, 15 Apr 2017 22:23:49 +0000
    particles : ai : HAITI http://andreas-louis-seyerlein.de/air/ai-haiti/ http://andreas-louis-seyerlein.de/air/ai-haiti/ aihead2

    MENSCHEN IN GEFAHR : “Die Menschenrechtsverteidiger David Boniface und Juders Ysemé fürchten nach dem plötzlichen Tod ihres Kollegen Nissage Martyr um ihr Leben. Nissage Martyr starb einen Tag, nachdem die drei in den USA gegen Jean Morose Viliena, den ehemaligen Bürgermeister ihrer Heimatstadt in Haiti, Klage wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen eingereicht hatten. Die Männer berichten seit 2007 von wiederholten Morddrohungen und Angriffen durch den ehemaligen Bürgermeister. Sie müssen daher angemessenen Schutz erhalten. / Am 22. März reichten David Boniface, Juders Ysemé und Nissage Martyr Klage gegen Jean Morose Viliena, den ehemaligen Bürgermeister ihrer Heimatstadt Les Irois im Südwesten von Haiti, bei einem Bundesgericht in Boston im Nordosten der USA ein. Die Klage wurde in den USA eingereicht, weil Jean Morose Viliena Anfang 2009 in die USA geflohen war, nachdem die haitianischen Behörden wegen des Mordes an David Bonifaces Bruder im Jahr 2007 und eines Angriffs auf den Gemeinderadiosender im Jahr 2008 ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet hatten. Bei diesem Angriff verlor Nissage Martyr ein Bein und Juders Ysemé ein Auge. Die drei Männer werfen Jean Morose Viliena vor, dass er für eine Reihe von Angriffen gegen seine Kritiker_innen verantwortlich ist, darunter “Brandstiftung”, “außergerichtliche Hinrichtungen”, “versuchte außergerichtliche Hinrichtung”, “Folter” und “Verbrechen gegen die Menschlichkeit”. Die Verbrechen wurden auf seine Anweisung hin von einer bewaffneten Gruppe verübt, die mit seiner politischen Partei in Verbindung steht. Am 24. März 2017, einen Tag nachdem die Klage gegen Jean Morose Viliena eingereicht worden war, erkrankte Nissage Martyr plötzlich schwer und starb auf dem Weg ins Krankenhaus von Les Irois. Seine Familie gibt an, dass er zuvor ganz gesund war. Mit Hilfe ihrer Rechtsbeistände fordert die Familie eine sofortige unabhängige Autopsie und umfassende Untersuchunge seines Todes. Die örtliche Staatsanwaltschaft hat zwar die Autopsie genehmigt, doch bis jetzt keine Untersuchung aufgenommen. / David Boniface und Juders Ysemé sind Menschenrechtsverteidiger und werden als Unterstützer der Partei Organisation du Peuple en Lutte, einer Oppositionspartei in Haiti, betrachtet. Seit 2007 berichten die beiden Männer und Nissage Martyr, dass Jean Morose Viliena und seine Verbündeten ihnen Morddrohungen schicken und sie tätlich angreifen und versucht haben, sie zu töten, weil sie ihre legitime Arbeit als Menschenrechtsverteidiger ausführen. Im Zuge dessen haben sie das erste Gemeinderadio initiiert sowie die strafrechtliche Verfolgung von Jean Morose Viliena und seinen Verbündeten angestrebt, um der Gewalt in der Gemeinde ein Ende zu bereiten. 2015 gewährte die Interamerikanische Menschenrechtskommission den drei Männern und ihren Familien Schutzmaßnahmen, um ihre Sicherheit zu gewährleisten. David Boniface und Juders Ysemé berichteten Amnesty International, dass die haitianischen Behörden aufgrund der grassierenden Straflosigkeit im Land jedoch nichts unternommen hätten, um diesen Maßnahmen Folge zu leisten. Die beiden Männer sind nach Nissage Martyrs Tod mit ihren Familien aus Les Irois geflohen, da sie um ihre Sicherheit fürchten. Sie gaben an, dass der einzige Weg zu Gerechtigkeit ihre Aussage gegen Jean Morose Viliena sei, doch dass sie ohne angemessenen Schutz fürchten, getötet zu werden, noch ehe sie ihre Aussage machen können.” – Hintergrundinformationen sowie empfohlene schriftliche Aktionen, möglichst unverzüglich und nicht über den 24. Mai 2017 hinaus, unter »> ai : urgent action

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    Sat, 15 Apr 2017 20:33:25 +0000
    Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus : Peace mit 3 Fingern http://500beine.myblog.de/500beine/art/10220305 http://500beine.myblog.de/500beine/art/10220305
    "Ricky Shayne", sag ich.

    Ricky Shayne, der Schwarm meiner grossen Schwester. Da kann mir keiner was erzählen. Da war 1972 augenblicklich jede Muschi gepolstert wie ein Wasserbett, wenn Ricky Shayne auftrat. Der sah aus wie ich damals, nur in schwarz und alt. Oder anders: ich war Ricky Shayne in blond und blutjung.

    "Ja, genau, Ricky Shayne! Der war männlich und trotzdem weich irgendwie. Weisst du übrigens, wobei ich als junges Mädchen die ersten Gefühle hatte? Bei den Fußballalben. All die Fotos von Männern in kurzen Hosen.. Die Schwänze hab ich mir dazu gedacht."

    Bevor das Gespräch aus dem Ruder läuft, führe ich es in die ursprüngliche Spur zurück, zu Ricky Shayne.

    "Ja, Ricky Shayne", schwärmt sie, "der hat immer Peace mit drei Fingern gemacht."

    "Wie, Peace mit drei Fingern?"

    "Na, das Peacezeichen. Das macht man doch mit zwei Fingern, hier, so.. Aber Ricky Shayne hat das mit drei Fingern gemacht. Hab ich mal gesehen, ein Foto."

    "Aber woher weisst du, dass er damit Peace meinte?"

    "Na, weil das unterm Foto stand. Ricky Shayne macht Peace."

    "Na, dann war das ein Fehler vom Redakteur, nicht von Ricky Shayne."

    "Pff. Na, du weißt ja alles besser. Du alter Unterarmfrisör."

    Der restliche Nachmittag geht dafür drauf, Peace mit drei Fingern zu üben, das muss man erstmal hinkriegen. Gar nicht so einfach. Ich zum Beispiel kann eine Faust machen, groß wie mein Herzmuskel, oder eine Strickleiter, um einem Menschen zu den Sternen hinauf zu helfen. Geht auch. Alles kein Thema. Aber Peace mit 3 Fingern..

    "Wie sah das denn aus auf dem Foto?" frag ich.

    "Wie falsch." ]]>
    Sat, 15 Apr 2017 13:20:00 +0000
    taberna kritika - kleine formen : @etkbooks twitterweek (20170415) http://www.abendschein.ch/etkbooks-twitterweek-20170415/ http://www.abendschein.ch/etkbooks-twitterweek-20170415/ * Emesis https://t.co/g1FamDsRbL https://t.co/GyiyuFEMR6 Apr 14, 2017 / apero now @dreiviertelart, @etkbooks store: niesen manoevre. nino baumgartner in der ed. benjamin dodell. https://t.co/LTDjQntC6n Apr 13, 2017 / * 19.04.2017: Hybrido Unreim feat. Bobby Vacant & the Worn + Special Guest Noemi Somalvico in der Matte Brennerei… https://t.co/b0hC6s3eDV Apr 13, 2017 / ragusa forte. Apr 12, 2017 / ich mag seinen map-sweater. https://t.co/ta2BCMpH5I Apr 12, 2017 / Jabba the Hutt, Pumuckl, Fräulein Rottenmeier. Apr 12, 2017 / * 20130618 https://t.co/rIFWp7mpwl https://t.co/iBfamOMdmm Apr 12, 2017 / guerilla gardening ist auch anti-offroader-parking-outdoor-topf. Apr 11, 2017 / RT @dreiviertelart: Editions-Apéro, Nino Baumgartner, Edition Nr. 36 am Donnerstag 13. April 18 Uhr Apr 11, 2017 / bear, bee, buzz. Apr 10, 2017 / true. https://t.co/ry4zJQPoeW Apr 10, 2017 / diese brilliante konzeptidee lottmanns, alle seine bücher michel houellebecq zu widmen. Apr 08, 2017 /


    (bear, bee, buzz.)

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    Sat, 15 Apr 2017 06:04:41 +0000
    Glumm : Tischgespräche (150) https://glumm.wordpress.com/2017/04/14/tischgespraeche-150/ https://glumm.wordpress.com/2017/04/14/tischgespraeche-150/

    „Wahrscheinlich muss man sterben, weil das Leben so schön ist, Joe. Wegen der Balance.“


    Einsortiert unter:Susanne Eggerts Tischgespräche ]]>
    Fri, 14 Apr 2017 16:58:13 +0000
    Glumm : Mann an der Bar (1) https://glumm.wordpress.com/2017/04/14/mann-an-der-bar-1/ https://glumm.wordpress.com/2017/04/14/mann-an-der-bar-1/

    „Immer, wenn ich irgendwo Kirchenglocken läuten höre, denke ich, da geht wieder das Telefon für den lieben Gott, da kriegt er wieder einen Anruf. Was der durch die Gegend telefoniert, der gute Mann.. Dem seine Flatrate müsste man haben.“


    Einsortiert unter:Cartoons Susanne Eggert ]]>
    Fri, 14 Apr 2017 16:30:39 +0000
    particles : jangbongdo http://andreas-louis-seyerlein.de/air/jangbongdo/ http://andreas-louis-seyerlein.de/air/jangbongdo/ picping

    MELDUNG. Tiefseeelefanten, 358 hupende Rüsselrosen, nahe Jangbongdo im Gelben Meer gesichtet. Man befindet sich in zirkulierender Bewegung. – stop
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    Fri, 14 Apr 2017 16:20:42 +0000
    schwungkunst.blog : TITANIC 105 http://www.schwungkunst.de/wordpress/?p=6828 http://www.schwungkunst.de/wordpress/?p=6828 Vor 105 Jahren, in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912, sank die Titanic nach einer Kollision mit einem Eisberg im Nord-Atlantik. Sie galt als unsinkbar, aber schon das beginnende 20. Jahrhundert – wie wiederum das 21., weil ein Untergang dem nächsten rät – setzte zum Untergang an … Das Lese-Trio Nils Aulike, Matthias Wilms und ögyr hat diesem menetekelnden Jahrhundertereignis vor genau fünf Jahren in der hansa48 (Kiel) ein „Denkmal“ gesetzt, das aus aktuellem Anlass hier nocheinmal zugänglich gemacht wird.

    Frank Peter porträtierte uns damals bei der Lesung …

    Nils Aulike:

    Matthias Wilms:

    ögyr (Jörg Meyer):


    TITANIC 100

    oder: „Wie rät ein Untergang dem nächsten?“

    Lesung am 14. April 2012 in der hansa48 (Kiel) mit Nils Aulike, Matthias Wilms und ögyr (Jörg Meyer)

    Live-Aufzeichnung des Programms

    1. Matthias Wilms (Lesung Off):
    H. M. Enzensberger: „Der Untergang der Titanic, 1. Gesang“

    2. Projektion:
    ögyr: „blaue stunde / 14. april“ (prelude) (Text)

    3. ögyr (Lesung):
    ögyr: „zwischendeck“ (Text)

    4. ögyr (Lesung):
    ögyr: „wohl temperiert, atlantisches hoch“ (Text)

    5. ögyr (Lesung):
    ögyr: „… fabelhafter marconi“ (Text)

    6. Matthias Wilms (Lesung):
    E. F. Hansen: aus „Choral am Ende der Reise“ (S. 483)

    7. Projektion:
    ögyr: „löse meines schiffleins ruder“ (Text)

    8. Nils Aulike (Lesung):
    H. Melville: aus „Moby Dick“

    9. Matthias Wilms (Lesung):
    H. M. Enzensberger: „Der Untergang der Titanic, 8. Gesang“

    +++ PAUSE (last song „songe d’automne“) +++

    10. Projektion (Diashow / Lesung):
    ögyr: „maßstabsgetreu“ (Text/Bilder)

    11. Matthias Wilms (Lesung):
    E. F. Hansen: aus „Choral am Ende der Reise“ (S. 218)

    12. Nils Aulike (Lesung):
    ögyr: „leckend“ (Text)

    13. Matthias Wilms (Lesung):
    ögyr: „eis am sonntagabend“ (Text)

    14. Projektion:
    ögyr: „meines schiffleins ruder“ (Text)

    15. Nils Aulike (Lesung):
    H. M. Enzensberger: „Der Untergang der Titanic, 14. Gesang“

    16. Matthias Wilms (Lesung):
    H. M. Enzensberger: „Der Untergang der Titanic, Apokalypse. Umbrisch, etwa 1490“

    17. Nils Aulike (Lesung):
    Weltkriegsgedichte

    • A. Lichtenstein: „Prophezeiung“ (1912)
    • A. Lichtenstein: „Die Fahrt nach der Irrenanstalt II“ (1912)
    • W. Owen: „Gleichnis von dem alten Mann und dem Jungen“ (Juli 1918)
    • W. Owen: „Dulce et decorum est“ (März 1918)
    • A. Stramm: „Sturmangriff“ (1915)
    • Philip Johnstone: „High Wood“ (1918)

    18. Matthias Wilms (Lesung):
    T. Mann: aus „Der Zauberberg“

    19. Projektion:
    ögyr: „singend gesunken“ (Text)

    Links:

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    Fri, 14 Apr 2017 13:12:12 +0000
    der goldene fisch : Gerald Koll : Das fünfzigste Jahr (183) http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12265 http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12265 14. April 2016, ein Donnerstag

    Wir pilgern ein bisschen. Im ersten der 88 Tempel, die den buddhistischen Pilgerweg shikoku hachijū hakkasho markieren, ist alles genau wie vor zehn Jahren: derselbe Basar, dieselbe mürrische Verkäuferin, derselbe freundliche Kalligraph. Die Wege sind besser markiert als früher. Munteres Ausschreiten. Im Tempel “Aizen In” wohnt noch immer Kosho Omoto, der Shingon-Mönch, den ich hier vor zehn Jahren kennenlernte. Auch er ist unverändert, ich erkenne ihn sofort, er mich erst nach und nach. Dank Kosho Omoto kommen D. und ich in einer kleinen Notunterkunft für Pilger unter, einer reizenden Hütte am Straßenrand, weniger als zehn Quadratmeter groß, vollgehängt mit Segenspapierchen. Den Abend verbringen wir zu Dritt im öffentlichen Bad. Es gibt Neuigkeiten: Kosho Omoto hat geheiratet, und Kosho Omoto hat eine neue Glocke. Um sie mit buddhagefälliger Energie aufzufüllen, hält Kosho Omoto täglich eine dreistündige religiöse Zeremonie ab, ein Goma-Ritual, 1.000 Tage lang. Dank meiner Aufdringlichkeit dürfen D. und ich morgen früh dabei sein, in der letzten der drei Stunden, wenn die geheimen Gebete zu Nyorei gemurmelt sind und Kosho Kräuter und Samen verbrennt.

    Der Mönch erzählte, dass die Pilgerweg-Beschilderung zwischenzeitlich sogar besser gewesen sei als jetzt; seit dem letzten Jahr allerdings wurde sie wieder schlechter, denn Korea ließ die von Korea gestifteten Schilder wieder abmontieren, nachdem Japan seine Entschuldigungen für die japanischen Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg (Folter, Massenmorde, Sex-Sklaverei und mehr der Greuel) zurückgezogen hatte.

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    Fri, 14 Apr 2017 12:41:52 +0000
    Glumm : Nein. Der Hund lebt nicht mehr hier. https://glumm.wordpress.com/2017/04/14/nein-der-hund-lebt-nicht-mehr-hier/ https://glumm.wordpress.com/2017/04/14/nein-der-hund-lebt-nicht-mehr-hier/


    Einsortiert unter:Fotos Andreas Glumm ]]>
    Fri, 14 Apr 2017 12:03:25 +0000
    Psittacos : Wiege der Menschheit http://www.lisaspalt.info/wiege-der-menschheit/ http://www.lisaspalt.info/wiege-der-menschheit/

    In einem Raum wird aus kleinen Döschen Oxytocin gereicht. Jeder weiß, dass die Körper es heute kaum mehr herstellen, sodass die Gemeinschaft in Gefahr ist, denn es ist der Stoff, der es einst möglich machte, die ganze Welt zu lieben, auch die Kinder, die übrigens nicht mehr zur Welt kommen, weil das Zeug eben fehlt. Heute gibt es nur noch diese Rettung aus dem Labor für uns. Verschließt euch nicht dieser wunderbaren Lösung! Dann, in einem anderen Moment, stellt der Mensch fest, dass das Ganze vielleicht nur ein Theater ist. „Ich meine“, sagt die Person, „das ist ja nur ein Rausch“. Ist das schlimm oder nicht? Sie liebt aufgrund des Zeugs jedenfalls auch die, die es ihr geben und die eigentlich einen Feldzug gegen sie führen.

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    Fri, 14 Apr 2017 11:28:14 +0000
    der goldene fisch : Konstantin Ames : Geben Sie Planhs auch noch händisch ein? http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12254 http://der-goldene-fisch.de/ping/archives/12254 als’ch das erste Mal ein Gedicht schrie’
    so ganz ohne Trichter oder zwei oder Mondscheiden
    ’b Um die Finger kaum mehr als das hier

    undch wollte eigentlich höllländsch re’n
    ’s war hei’z und am Meer undch hie’z (damals hie’zch noch)
    stürzte mein Urlaubsname in mich als Schrei’, bumm

    L’ego war längst passé (Spie’zerspiel, je le sais)
    undch las zum letzten Mal in den Lehrlingen zu Sais

    kenn Montventouxlandschaften si’nd dumm
    kenn die Oradourlandschaften si’nd dumm
    kenn die Craonnelandschaften si’nd dumm
    kenn die Lookalikelandschaften si’nd dumm
    kenn die Bukkakelandschaften si’nd dumm
    Dümmer als Ken Dümmer als eine Henne

    Dumm sind die Gebäude dümmer als Höhlen
    sie machen Menschen klein, rosig, saftig
    Dumm sind die Augen dümmer als Grölen
    sie vereiteln Ohren statt Analogien
    Dumm sind die Ameisen wie Anthologien

    schaftig, the kids are alt-right, schal eiig, beflissen
    Dumm: Lichtputzscheren (als wären’s Nissen)
    knipsen Lichtchen und Ichchen (hör auf zu flennen)

    aus Dumm ganz dumm, wenn sie noch brennen
    mach ein fliederweißes Lied aus
    Dumm: das Dröhnen der Drohnen im Fleisch der Ärmsten
    Erster! Nagel von denen vom Kreuz, auf das die Kreuzfahrer sie legten,
    dem sie sich entrissen, verfehlte sein Ziel nur um 10 cm

    Zehn Zentimeter zwischen einem Bürgerkrieg und dem wärmsten
    Frieden, den es je gab, wie mein Torwart Trobador zu sagen pflegte

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    Fri, 14 Apr 2017 11:25:38 +0000
    Psittacos : Die Goldene Pagode http://www.lisaspalt.info/die-goldene-pagode/ http://www.lisaspalt.info/die-goldene-pagode/

    Die Domus Aurea, die Villa eines Gottes namens Kaiser mitten im Zentrum, ist der Inbegriff der Störung des kleinen Mannes. Der kleine Mann mit seinem braunen Sakko geht morgens aus dem Haus. Er hat seine Träume unwillig hinter sich gelassen. Nun strebt er sie wieder an. Da verfängt sich auf dem Weg sein Blick an etwas auf seinem Hemd, das er aus anatomischen Gründen nur ganz verschwommen sehen kann. Es ist vielleicht ein Fleck, vielleicht auch ein Insekt, ein Skarabäus, der ihm etwas prophezeit. Aber die Sache kommt ihm viel größer vor, denn er will seinem Leben unbedingt eine Bedeutung geben. Dieser kleine Mann von der Straße, die immer und immer wieder um die Domus Aurea herumführt, dieser Leidensweg, der ständig eine Umleitung nimmt, die dann das Leben gewesen ist, kommt zu keinem Schluss. Das deutet ja auch schon der Ausdruck „der kleine Mann von der Straße“ an. Dieser kleine Mann ist immer unterwegs, er strebt und strebt, aber die Straße ist verschlungen. Und er strebt, denn die Domus Aurea steht immer vor seiner Nase und behindert seinen Fortgang. Und da steht er und denkt, er müsse vor einem wichtigen Meeting noch einmal nach Hause, um ein neues Hemd anzuziehen. Er fühlt sich nicht gerüstet, eine Heldentat zu vollbringen, die ihn als Gott in die Domus Aurea versetzen könnte. Nur dieses neue Hemd wird aus ihm einen Durchmarschierer machen, einen, der mit dem Kopf durch die Wand kann. Aber die Villa, die sein Wahn ist, liegt eben auch wieder zwischen ihm und dem rettenden Produkt, und so verzögert sich alles. Ja, genau das, was er am Ende erreichen will, das Leben als Gott, steht ihm als das Leben eines anderen, zu dem er sich auf den Weg gemacht hat, im Weg. Wie sollte man da nicht verrückt werden? Und während er das alles bedenkt und wahnsinnig wird, wischt der kleine Mann von der Straße ein bisschen an dem Fleck rum, an dieser blöden Domus Aurea, aber das macht das Ganze nur noch schlimmer, die Domus Aurea, sein Traum und sein Hindernis auf dem Weg zum Wahrmachen des Traums wird immer noch ausladender, je öfter er diese Wunderlampe poliert. Sie bekommt irre schillernde Einsichten, die natürlich nur Projektionen sind, aber immerhin. Sie laden ihn ein, sich das Paradies probeweise anzusehen.

    ]]>
    Fri, 14 Apr 2017 10:45:09 +0000
    Die Dschungel. Anderswelt. (Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop) : Gedenken an Gerd-Peter Eigner. http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/gedenken-an-gerd-peter-eigner/ http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/gedenken-an-gerd-peter-eigner/ Geboren am 21. April 1942.
    Gestorben am 13. April 2017.

    Als einer der großen Unbekannten der deutschsprachigen Romankunst. Daran haben auch >>>> die Literaturpreise >>>> der letzten Jahre nichts, gar nichts ändern können.

    Er war oft ungerecht. Doch bis zum Starrsinn stolz. Das wurde ihm in den letzten Wochen, die er im Koma lag, beinahe genommen. Einer weiteren Entwürdigung kam er durch seinen Fortgang zuvor.

    >>>> Er zitierte gerne Flaubert: Man könne im Leben nicht mehr als vier Romane von wirklicher Bedeutung schreiben. Dies ist ihm gelungen.

    ANH
    April 2017

    >>>> „Jede Sucht will ihre Katastrophe
    ODER Das irdische Leben“

    Geschrieben für die horen Bd. 237, 2010


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    Fri, 14 Apr 2017 10:43:40 +0000
    Glumm : Peter Osterhazy https://glumm.wordpress.com/2017/04/14/osterhase-mueller/ https://glumm.wordpress.com/2017/04/14/osterhase-mueller/


    Einsortiert unter:Cartoons Susanne Eggert, Die Kabinettstücke der Susanne Eggert ]]>
    Fri, 14 Apr 2017 09:39:22 +0000
    Psittacos : Sprint http://www.lisaspalt.info/sprint/ http://www.lisaspalt.info/sprint/ Die letzten Wähler und Wählerinnen setzen nicht mehr als einen zittrigen Schritt vor den anderen. Kaum werden sie es bis zur Wahlurne schaffen. Doch jubelt diesen Erschöpften das Volk ganz besonders zu. „Hopp, hopp, hopp“, schreien die Leute, „es sind nur noch zwei Minuten bis ins Ziel“, und sie reichen den Kämpfern und Kämpferinnen Plastikflaschen mit Mineralwasser, die jene nach ein paar Schlucken mit letzter Kraft auf die Straße schleudern. Und der Teil des Publikums, der seine Pflicht tun wird bis zum letzten Moment, jubelt und schlägt mit allerlei Gratis-Instrumenten, auf denen bunte Werbeaufdrucke prangen, gegen die eigenen Hände. Denn der Ton macht die Musik. Wenn aber die Wähler und Wählerinnen endlich angekommen sind, wenn die Hand ihre Urne berührt hat, werden sie in goldglänzende Folien gewickelt, und das Volk zieht ihnen die Schuhe aus, dann legen sie sich endlich nieder.

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    Fri, 14 Apr 2017 09:25:55 +0000
    isla volante : geblendet http://feedproxy.google.com/~r/volante/~3/fN7H9ph5VrE/ http://feedproxy.google.com/~r/volante/~3/fN7H9ph5VrE/

    katharina vasces denkt unvermitelt, an herrn algunos.

    hat er sich zu fest verausgabt, oder ist er von sinnen. der kobboi muss eine pause einlegen.

    der nieselregen hat aufgegeben.

    welche dunkle macht, hat dies wohl verursacht?

    sequenz 90 von 90 der serie poco dúo
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    Fri, 14 Apr 2017 07:50:34 +0000
    taberna kritika - kleine formen : Emesis http://www.abendschein.ch/emesis/ http://www.abendschein.ch/emesis/

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    Fri, 14 Apr 2017 07:05:42 +0000
    Glumm : Am dicksten Geldautomaten der Stadt https://glumm.wordpress.com/2017/04/13/am-dicksten-geldautomaten-der-stadt/ https://glumm.wordpress.com/2017/04/13/am-dicksten-geldautomaten-der-stadt/ ]]> Thu, 13 Apr 2017 16:19:30 +0000