Archiv der Kategorie: Ausgabe 03/2015

Effekt

und also war es, da ich hier auf meiner Liege saß,

bei offenem Fenster und ich wohn Parterre

ich las den Schlüter/Wordsworth laut so vor mich hin,

dass auf meiner Strasse in der Stunde sich

eine Menschengruppe sammelte und stumm

den Worten lauschte, die aus meinem Fenster drangen.

Zehn Millionen waren es, vielleicht auch mehr.

 

Sorge um Kirgisien

Die Botschaft der kirgisischen Republik befindet sich in der Otto-Suhr-Allee Nummer 146, Postleitzahl 10585.

Die Republik Kirgisien hat für ihre deutsche Botschaft einen besonders schönen Platz gefunden. Gleich neben dem Botschaftsgebäude streckt sich das Schloss Charlottenburg.

Sonnenlicht legt sich auf das Anwesen und seine geschmackvolle Fassade. Sonnenlicht strahlt im Wappen über Gebirge und See, eingefangen in den Schwingen des silbernen Falken. Sonnenlicht dringt auch ins Innere, wenngleich klug gedämpft und weich abgefangen durch sorgsam gefältelte Gardinen.

Und doch, es ist minder gut bestellt um die Botschaft der Republik Kirgisiens. Wie sonst wäre zu erklären, wie heillos sich an der Pforte die Flagge der Republik Kirgisien in der Spitze der Tanne – schon ist der Februar vorbei, und immer noch eine Tanne? – verfangen hat?

Gewiss, heute ist Mittwoch. Am Mittwoch hat die Konsularabteilung der Botschaft der Republik Kirgisiens geschlossen, eine Vereinbarung zu außergewöhnlicher Öffnung wurde nicht getroffen. Aber sähe sich nicht auch die Botschaftskanzlei zur Entflechtung von Stoff und Nadel in der Pflicht? Gewiss, sehr hoch ragt die Tanne, hier sind Menschen mit beträchtlicher Körperlänge und guter Sprungkraft gefordert. Mangelt es daran den Kirgisen?

Anlass zur Hoffnung gibt die energische Förderung des kirgisischen Basketballs. In der FIBA-Rangliste findet Kirgisien keine Erwähnung. Die Botschaft zeigt sich um Abhilfe bemüht. Im vorgelagerten Garten der kirgisischen Botschaft steht ein Basketballkorb bereit. Das Feld ist klein, sein Maß entspricht nicht internationalem Standard, und manch einer zweifelt, ob der kirgisische Basketball auf diese Weise die erhoffte Leistungsförderung erfahren kann. Doch ein Anfang ist gemacht. Gelänge in der Botschaft der Republik Kirgisiens ein Aufschwung des heimischen Sports, käme er schon morgen der Botschaft, ihrer Tanne, ihrer Flagge, der Schönheit dieses Ortes zugute.

DAS BETT

das Bett, das alles verraten wollte
und nichts verriet: nichts über die Lampe,
die sich über die sieben Polster
hinwegbog, neben denen ich, dicht

an die Mauer gepresst, oft unvermittelt
einschlief. Nichts über die Herkunft der Polster,
die sich schnell von selbst auftürmten,
links neben dem Kopf, Lichtschutz,

zugleich durchscheinend für all das Licht,
das die ganze Nacht draußen brannte.
Nichts über den Tag, der zur Nacht
gemacht wurde, ungefragt, ohne Groll:

alles, was in die Vergangenheit wies,
hatte da in Ordnern, Mappen sich angehäuft,
auf Disketten, Festplatten und Sticks:
so oft unzugängliche absurde lokale Poesie.

Diesen Raum konnte ich mir
jederzeit umschnallen. Er konnte mir
den Atem nehmen, mir ein ausgelagertes
Gedächtnis vorspiegeln, Stufen,

die in Gänge, Gewölbe hinabführten,
Tische, die sowohl der Niederschrift
als auch weiteren Lagerung dienten,
Fensterbretter, auf denen sich Mitbringsel

aus allen Weltgegenden ansammelten.
Es konnten auch jederzeit neue Tuchenten
und Decken auftauchen. Sie konnten blank
oder voller unvorhersehbarer Verse sein,

gedruckten, auch handgeschriebenen,
die sich von selbst vorlasen,
und zwar mit meiner eigenen Stimme,
über die sich dann fremde Stimmen legten.

Bett unter mir, auch zu beiden Seiten.
Zu manchen Zeiten eine Art Seidenhimmel,
wenn ich aufblickte, der allerdings nie
die Farbe des natürlichen Firmaments annahm.

Bett, so nah wie die staubtrockenen Leintücher,
Tücher überhaupt, schwarzen Hemden,
alles Schwarze und Rote, die Bluttaten,
die Wundmale, der Nabel, das Geschmeide

(2014)

(Erschienen in: Der zarte Leib, Edition
Korrespondenzen, 2015
)

(Rezension: fixpoetry)

(Rezension: Literaturhaus Wien)

Zwei Dutzend Spatzen

Wiebke Porombka im »Traumschiff«-Gespräch mit Alban Nikolai Herbst (08.09.2015, Literarisches Colloquium Berlin)
Wiebke Porombka im »Traumschiff«-Gespräch mit Alban Nikolai Herbst

Wer eine Stadt seiner Sehnsucht erreicht, dem ist sie erlaubt.

Alban Nikolai Herbst
»Traumschiff«mare 2015

••• 52° 29′ 13″ N / 13° 22′ 32″ O: Das ist Kreuzberg, auf der weniger schönen Seite des Viktoriaparks. In Bayern sind noch Ferien, die Kinder bei uns. In den Urlaub fahren konnten wir nicht, aber wir haben für einige Tage einen Ausflug nach Berlin gemacht. Geplant war eigentlich, dass ich die Party zum 20. Geburtstag des Verbrecher-Verlages besuche. Stattdessen fuhren wir gestern zum Wannsee hinaus, um im Literarischen Colloquium die erste öffentliche Lesung aus Alban Nikolai Herbsts neuem Roman »Traumschiff«zu erleben. Das war ein rechter Familienausflug: mein Vater, Einat und ich, die Teenager-Kids und Leo im Tragetuch, eine kleine Karawane.

Ich habe in diesem Jahr nur ein Buch gebraucht. Und wenn Sie nur ein Buch wahrnehmen können zurzeit, dann sollte es dieses sein. Es gibt nur ganz wenige Autoren in Deutschland, die sowohl die Erfahrung als auch das intellektuelle, sprachliche, gestalterische und – musikalische Vermögen mitbringen, um einen solchen Roman schreiben zu können. Dass Herbst gestalterisch kaum etwas unmöglich ist, hat er in an die 30 Büchern längst bewiesen. Im »Traumschiff« zeigt er nun jedoch etwas, das die alternde Kollegenschaft beschämen dürfte: Er hört nicht auf, sich das Maximum abzuverlangen. Er hört nicht auf, besser zu werden. Ein Meisterwerk wie dieses fällt einem nicht zu. Herbst hat sich nie geschont. Und das vielleicht ist das Geheimnis der Virilität in seinem Werk. Offen, wach, verletzlich, wissbegierig und unabgeklärt – das ist der Teil des Handwerkszeugs, den man nicht lernen kann.

Vor Monaten schon habe ich erste Fahnen des Romans lesen dürfen, und von den ersten Sätzen an empfand ich so etwas wie – Resonanz.

Lange habe ich gedacht, dass wir einander erkennen. Aber das stimmt nicht. Wir vestehen uns nur. Dennoch lehne ich stets an der Reling des Promenadendecks, wenn die Reisegäste das Traumschiff verlassen. Und wenn die neuen eingeschifft werden, sehe ich mir jeden Menschen sehr genau an. Wie er seine Füße auf die Gangway setzt, zum Beispiel, ob fest, ob unsicher. Ob er sich am Geländer festhält.

Viele sind krank. Andere können nicht mehr richtig gehen und stützen sich auf rollbare Hilfen.

Ich möchte wissen, ob jemand das Bewusstsein schon mitbringt.

Ich habe es seit Barcelona. Das liegt lange zurück.

Gregor Lanmeister, der Ich-Erzähler dieses Romans, Ende 60 und gebrechlich, fährt auf einem Kreuzfahrtschiff über die Weltmeere. So jedenfalls denkt er es sich und sollen wir Leser es uns denken. Das Bewusstsein, das er »seit Barcelona« zu haben meint, ist ein besonderer Daseins- oder Empfindungszustand, der ihn mit einigen seiner Mitreisenden verbindet. Zwölf Dutzend Menschen auf diesem Schiff werden es nicht mehr verlassen. Ihre Kreuzfahrt ist so etwas wie die Überfahrt über den Styx, die gekreuzten Weltmeere eine Art Zwischenreich zwischen Leben und Tod. Wir lauschen Lanmeister, der das Sprechen aufgegeben hat und demonstrativ schweigt, ins Innere. Wir begleiten ihn beim Sterben, beim Abschiednehmen, und dass es um nichts anderes geht, das eben ist Lanmeister seit Barcelona nach und nach klar geworden. Nur, wie lange es dauern wird, das weiß er nicht.

Herbst überblendet die Seereise mit einer anderen Realitätsebene. Da befindet sich Lanmeister in einem Altenheim. Da ist seine Kabine ein Zimmer und das ukrainische Zimmermädchen Pflegerin, die nicht nur Staub wischt, sondern ihn, was ihn verwundert und ihm sehr unangenehm ist, auch wäscht.

Was ist angenehmer oder doch zumindest weniger schlimm, wenn man denn schon gehen muss und auf den letzten Metern hilflos im Rollstuhl sitzt? Dann doch lieber die Reling und der Blick über den Ozean als ein Altenheimkorridor. Herbst nennt sein »Traumschiff« denn auch eine Utopie des Sterbens. Wenn das Gehen so aussieht, wäre es erträglich. Wenn auch keineswegs leicht.

Das eingangs erwähnte »Resonanz«-Empfinden war unausweichlich. Herbst kommt mit diesem Roman meiner eigenen Poetologie so nah wie nur möglich. Erzählt wird in zwei sich überlagernden Realitätsräumen in der ersten Person, und der Erzähler, Lanmeister, ist ein Anti-Held. Gezeugt nach Kriegsende bei einer Vergewaltigung durch einen russischen Soldaten, wird er von seiner Großmutter und seiner Mutter lieblos und brutal aufgezogen. Die Kindheit gibt den Ton vor für das Folgende: Überleben, Durchlavieren, nur kein Gefühl zeigen. Im Geschäftsleben ist er ein Schlitzohr. Zu seinen Frauen ist er widerlich. Seinen Sohn kennt er kaum. Ein soziales Leben beginnt er eigentlich erst auf dem Traumschiff zu führen. Liebe zu empfinden und sich selbst zuzugeben, auch das gelingt ihm erst in seiner Zeit des Abschiednehmens.

Die mystischen Überlieferungen mehrerer Religionen kennen Orte der Läuterung, wie es das Traumschiff für Lanmeister ist. In der jüdischen Überlieferung ist es das Sheol. Bei mir spielte schon im »Alphabet des Rabbi Löw« diese Idee im zentralen Anna-Kapitel die Hauptrolle. In »Replay« lieferte die Idee des Sheol die Exposition für Ed Rosens »Läuterungsreise« von Replay zu Replay. In »Ein anderes Blau« wird zwei der erzählenden Personen erst im Laufe des Buches klar, dass sie sich in einem Reich zwischen Leben und Tod befinden, dass sie nicht in diese Welt zurückkehren können. Nachdem sie Abschied genommen haben, steigen sie in ein Boot und fahren hinaus auf den nächtlichen See.

Mystisches webt auch Herbst wie einen Musterfaden in seine Erzählung ein. Das chinesische Mahjongg wird auch Sperlingsspiel genannt. Monsieur Bayoun, bevor er final »an Land geht«, verehrt Lanmeister ein solches Spiel, das aus zwölf Dutzend Steinen, auch Spatzen genannt, besteht. Herbst verbindet das Spiel mit der talmudischen Legende (die sich ähnlich übrigens auch im Islam findet), dass die Spatzen (oder Tauben) die Bewahrer der Seelen sind und die Aufgabe haben, den Neugeborenen die für sie vorgesehene Seele zu überbringen. (In »Die Leinwand« erzähle ich diese Legende im Zusammenhang mit Maos Krieg gegen die Spatzen im China der Kulturrevolution.) Wie dieses Motiv webt Herbst auch immer wieder Zitate aus dem 144. Psalm in den Text ein – all dies zusätzliche Ebenen für den Text, die man nicht zu erkennen braucht, um das Buch mit Genuss und Gewinn zu lesen, die aber doch einen Teil des besonderen Reizes ausmachen.

Dieses gesamte Setup bleibt natürlich ein uneingelöstes Versprechen, wenn es dem Autor nicht gelingt, den richtigen Ton zu treffen. Ich habe mich hier mehrfach als Fan Herbstscher Experimente bekannt, sei es bei »Aeolia« oder auch den »Bamberger Elegien«. In der Prosa fühle ich mich häufig mit Herbst nicht eben »gleichgestimmt«. Eine klare Ausnahme war »Meere«. Und ebenso klar schwinge ich mit Herbst bei diesem Roman. Man sollte den Text laut lesen, und am besten sollte man den Text vom Autor laut gelesen bekommen, denn seine Musikalität sucht ihresgleichen. Und so ist letztlich der Klang ein weiterer Grund für mein Resonanzerlebnis bei der Lektüre.

Mir kommt es auf Erklärung allerdings nicht weiter an. Es wäre im Beisein der Freunde leicht gewesen, unter der Sonne zu sterben, mit ihrem warmen Licht auf den Augen. Man schließt sie vor Helligkeit sowieso. Dabei stört es auch nicht, daß der Besuch meine Hand hält. Es ist sogar sehr angenehm. Man ist locker daran festgemacht wie ein Boot auf einem so stillen See, daß man ihn für verwunschen hält. Am Ufer, mit einer Schnur. Da muß keiner fürchten davonzutreiben, oder nur kaum. Bei geschlossenen Lidern habe ich außerdem den Eindruck, daß es eine Männerhand ist, die mich hält. Eine, möchte ich fast sagen, Vaterhand. Es gibt Illusionen, um die ist es schade, wenn man sie stört.

Ende Oktober werde ich mit ANH gemeinsam im Literaturhaus in Darmstadt auftreten. Ich werde »Ein anderes Blau« mitbringen und er das »Traumschiff«. Auf dieses Gespräch freue ich mich bereits unbändig.

Übrigens bin ich gerade hier: 50° 55′ 30″ N / 11° 35′ 15″ O. Das ist Jena Paradies. »Es gibt Illusionen, um die ist es schade, wenn man sie stört.«

zuckerfee(d)

zum zuckerfest so süß getanzt
bist du, und ich dir eifernd nach.
der zucker, wie in vers gestanzt,
wird nach(t)getanzt schon in den schlaf.

wir brechen auf das fasten, schlachten
heut nacht’ ein jedes süßgetränk.
denn wohin wir uns reisten, brachten,
ist anvertrauen das geschenk.

wir feiern mit dem in uns fremden
und zücken, zücht’gen uns mit zucker.
mit uns ist tanz und sich verwenden,
die kenn’n musil und mooses brugger.

die mörder, hieß es, unter uns
sind auch das uns im tanz erkennen.
als kennten wir nicht solchen schwund,
baletten deren sich bekennen.

ich bin so zucker meiner zunge
an deiner katz’, die muschi nennt
nur das ballet auch meiner lunge,
ein atem, der den zucker kennt.

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Der Einfluss der Leerstelle

Die erste, die ich küsste, die mich küsste, war dann aber C. Sie war auch die erste, mit der ich ging– zwei Wochen lang oder auch drei. Sie war jünger als ich, die Tochter von Freunden meiner Eltern, wir verbrachten oft die Ferien miteinander (ich erinnere mich an den Mückenstich, den sie Jahre zuvor erleiden musste: auf dem linken Augenlid), und einmal, als sie von den Duschen kam, öffnete sie ihren Bademantel für mich, damit ich sie nackt sehen konnte. Dabei gab es noch gar nichts zu sehen. Als sie eines Tages ins Allgemeine sagte, Wir lieben uns doch, war eine Grenze überschritten. Denn ich wusste, dass das nicht stimmte. Ich begehrte ihr Begehren, ich mochte es, begehrt zu werden, aber Liebe – nein, das war es nicht. Ich war nicht verliebt in sie, nicht so, wie ich es in K. und P. gewesen war. (Wenn man so will, bildete C. den Anfang einer anderen Reihe – die, in der Liebe und Sex streng voneinander getrennt waren.) Kurz darauf machte ich Schluss, ohne es explizit zu sagen.

Was dann passierte, sollte Auswirkungen haben. Ich löste mich von dem Kuss, weil ich den Windhauch eines über meinen Kopf hinweg segelnden Glases spürte. Es zerschellte an der Wand rechts von uns, erschreckt sahen wir uns um, erkannten aber zunächst nicht die Quelle dieses plötzlich ausbrechenden Tumults. Über einen Trumeau über der Bar konnte ich dann sehen, wie ein Lude mit einer Karomütze zum Schlag ausholte. Weit geöffnete Münder ringsum. Von irgendwo ertönte ein dumpfer Knall, wie ein Schuss aus einem Schalldämpfer, aber vielleicht war das auch nur ein Geräusch, das in der Luft lag. Ondine fiel mit schmerzverzerrtem Gesicht über den Tisch. Das Blut, ich hatte es kommen sehen, strömte ihr aus den Mundwinkeln auf die Tischplatte und tropfte dann wie in Zeitlupe auf den Boden. Das alles geschah innerhalb weniger Sekunden, während ich noch den Geschmack von Valeries Lippen auf den meinen spürte, Jason machte wild gestikulierend Zeichen, eine Frau schrie, wieder fielen gedämpfte Schüsse, vermutlich von den Toiletten aus. Rotierendes Licht, noch mehr Schreie, vielleicht war jemand getroffen worden. Jemand musste sich übergeben, mitten auf die Tanzfläche, zu viel Schnaps, zu viel Blut, zu viele Tränen. Die Hektik nahm zu, ein unübersichtliches Gerangel entstand, jemand machte Fotos, jemand rief die Bullen, Streulicht aus Mobiltelefonen, Edith, Jason und der Barista versuchten verzweifelt, die Lage zu beruhigen.

Bedarfsorientierte Sexualität
Der Einfluss der Leerstelle
Informationskontrolle, Homilie

Vor uns Autos, die aussehen wie Turnschuhe. Das Italienisch, das wir an der Autobahnraststätte hören, regt zu Dauergesang an: Lasciate mi … Chi non lavora … Felicità …

Im Schatten des großen Leuchtschilds: AGIP. Im Hintergrund, nur noch knapp zu sehen, die letzten Berge. „Dass es die Alpen gibt, ist ein Problem“, aber nicht, wenn man lediglich durchzufahren braucht. Als Kulisse machen sich die Alpen gut.

Lift noch als Limonade, Feuchttücher von 4711, mit Handtüchern und T-Shirts verhängte Seitenfenster, Fleisch in Alufolie. Meine Kindheit war eine glückliche, jedenfalls in diesen Phasen.

Den Fliehenden: Dodicesima Ameriana. Venerdì. 28 agosto 2015.

[Traumschiffs Kamintisch,
8.18h]


Thy soul
Grown delicate with satieties,
Atthis,
O Atthis,
I long for thy lips.
I long for thy narrow breasts,
Thou restless, ungathered.

Pound, Ίμερρω

 

50 Leute erstickt im LKW | und „bevor“ sagt der Freund
„sie hier ankommen, brennen schon die Lager“
Sie wolln doch nur weg
ihre Kinder schützen, sich selbst schützen
wollen nicht brennen
nicht die Arme finden ihrer Liebsten, beide
einen rechts, den andren links am Weg mit drei
weggeschnittenen Fingern | wollen nicht
hungern nicht | gekreuzigt werden | wollen
nicht die Hunde an den Hoden | die Brüste abgeschnitten
die Vaginen mit der Kacke der Warlords gestopft | wollen
wie My Lai ‘68 nicht | die Handgranate hineingeschoben
nicht zwei Suren mit dem Colaverschluß | geschnitten
in die Wange und die Zunge | herausgeschält aus der Tochter
O Frieden der Mauern | ihn wolln sie nur auch
während im Hintergrund wieder geschachtert um Umsatz
aus Waffen | melden die Schlepper die Fracht
in Brüssel um Klarheit wie Panzer und Brüssel berichtet
Entkerner für Kirschen eignen sich gut für die
Augen | Extraktion
wollen nicht hungern | schon „Wirtschaftsflüchting“
ein Wort für die Gschaftlbarbaren
und in den Städten (in Tokyo gesehen) Städte aus
Zelten | Wellblech in Mumbai (in Bombay gesehen)
Es floriert die Büchsenindustrie

Gestern sagte ich zum Freund, als die Nachricht von den Erstickten kam, „Europa hat seine (ihre?) Mauer gebaut, was wird denn erwartet?“ Nichts läßt das Illegale besser florieren. Ich frag mich, wer da mitverdient. Und hier die Angst um die Arbeitsplätze für
Nichtausgebildete
die doch ganz selbst keinen deutschen Satz fehlerlos aufs Papier bekommen
und erheben sich über das Elend der andern.

Ich war erschreckt, ein bißchen erschreckt, als ich an >>>> Thetis dachte, womit ich es anfing, was ich drin schrieb vor fast zwanzig Jahren, vorhersah „Europa“,hätt ich denn gesehen, wär nicht nur meinem Instinkt gefolgt, der meiner wohl nicht war – was alles längst geschehen | eingetreten was die Welt werd‘ | ward
und hielten mir die Grausamkeit vor | „das darf man nicht sagen!“
sagte J.Sch., „du bist unmenschlich“ und verhängte die Sperre
Maulsperre | kommt sich noch aufgeklärt vor und human
Was ich nicht sehe, das ist nicht
O altes Lied der Satten
War ja weit weg, die Schlachterei | „sind ja nur Schwarze“:
was man freilich nicht ausspricht, nicht einmal denkt aber
fühlt | wie man Frauen wegen der Titten
undsoweiter | „Die Fernsehsendung mach ich doch nur,
weil ich dann“ (der fette Sack) „Frauen bekomme“: | purer O-Ton
anno zwotausenddrei | halb ein Jahr später zerbarsten die Türme
doch nicht seither, vorher schon Grauen um Grauen
Balkan Sudan | fünfhunderttausend Kinder ein Opfer
das Albright bitter sich selbst bracht‘ | (die eignen studierten,
wert das Embargo, an Williams Columbia, hab ich gelesen)
– is‘ auch egal, war nur das Pech und der Teer in der Wolle
die in die Folter voraus|leuchtet: Man kann den IS
kaum unmodern nennen –

Was da in Gang kam | Europa wird‘s zahlen
müssen | so oder so | „so“ meint den Krieg
und die Barmherzigkeit „so“: wenn wir bereit
sind zu lieben | Der nächste Strom wird übern Pontos
fließen, und „Flüchtling“ ist ein Zungenbonbon | Euphemismus
für Unbe|rührbare | Wie
kann ich da ruhig noch | >>>> Steine sehen? | Sehe
„Mauern“ anders | Als wären Menschen frostiger Wind
und wir mit um uns gebogenen Rücken | kauern im Sommer auf Frühling

… ->Zur Videoreihe: ANH spricht Tag für Tag.