Archiv der Kategorie: Ausgabe 04/2015

Hommage an Harry Oberländer.

Meine Damen und Herren,

da ich von den Autorinnen und Autoren, die heute hergekommen sind, als erster sprechen darf, möchte ich allem anderen voran den Dichter Harry Oberländer ehren, einen Dichter der stillen Vergessenheiten, vergessener stiller Geschichten, vergessener Landschaften und Häuser und ihrer vergessenen Bewohner, in Stille gestorbener teils, teils johlend oder gemütslos ermordeter, sei es von Krankheiten, sei es von gleichfalls vergessenen Menschen, sei es auf, um es so kalt zu nennen, wie es war, industrielle Art und Weise –

also den Dichter ehren, den ich lese, wenn ich >>>> „Chronos krumlov“ lese, was ich heute fast den ganzen Tag über tat,

denn so ehren wir Dichter am meisten, sogar vielleicht nur, wenn wir, die anderen Dichter, sie in dem ehren, worin sie eigentlich sind, in ihren Themen und Formen, nicht aber in ihren Funktionen, die wie ihr Leib hinwegsinken werden; jene aber bleiben, wie Chronos krumlov bleibt, die Zeit des Städtchen Český Krumlov, Krumau zu deutsch, oder Krummau, nämlich „krumme Au“, erbildet auf einem in einer Moldauschlinge gelegenen und vormals mithin, wie wir dem Namen anhören können, periodisch überfluteten Flecken in Böhmen. Diesem hat Harry Oberländer seinen nach dem Städtchen benannten neuen Gedichtband gewidmet,

einem, entnehmen wir dem Buch, Zeitloch des Stillstands, das uns in die Vergangenheit saugt, die Kontinuität zu sein scheint, auch wenn sich die Stadt dagegen auflehnen möchte: Wie hilflos wirkt doch gegenüber Oberländers Poesie der Titel, den sie 2013 einer Landesausstellung gab: „Hopfen, Salz und Cyberspace“.

Dagegen spricht der Dichter ein:

nachts ist die moldau schwarz

in stummen straßen leere stunden
die stadt, die narben, winkel, wunden
laut leben in den tag die armen leute
der dieb, der tod, holt sich die beute

lackiertes wasser glatt wie harz

Doch ein anderes Gedicht Harry Oberländers möchte mein Festgruß ehren, und zwar so, wie ein Komponist Kollegen ehrt – vermittels eigener Variationen auf eines seiner, Oberländers, Themen, und es lautet:

Thema

wir sahen ein gesicht im stein,
ein kindergesicht. in der dämmerung
reduzierte das licht seine konturen.
es alterte mit dem abend schwand es

wir sahen es beide mit eigenen augen
und sprachen und sahen und waren selbst

das junge, das alte gesicht, das vergehen
jenseits der strömung im moldaugeklipp

Variation 1

Wir sahen am Ufer ein Stück Stein
Es ließ es das Halblicht vage ein Kind
und uns die alten Eltern sein

die unter der Strömung, die da lind
über die Klippe flutete,
in ihm erkannten, was sie sind.

Da blutete der Abend auf uns nieder
und wieder, in einer linden Schnelle,
nahm‘s uns im Dämmern fort,

und sich aus Welle, Zeit und Ort.

Variation 2

Im Moldaugeklipp
unter den Strudeln
darinnen Fischlein trudeln
kurz ein Gesicht

im Wurzelgelipp
Aus Stein und Wasser und Zeit
schaut eine fernste Vergangenheit
Erst ein Gesicht, schon ein Geripp‘ –

Liebste, du erkennst uns nicht?

Variation 3

Die Dämmerung, am Flußrain, fiel
Kaum ein Hauch war in den Wipfeln
Auf den Gipfeln letztes Licht

Drunter stieg kühl ein Dunst an das Ufer
Drunter verschwamm ein Gespenstergesicht
Warte nur, Geliebte, balde

waren auch wir beide nicht

Variation 4

wir sahen ein gesicht im stein,
ein kindergesicht in der dämmerung

es sah uns an und wollte sein
und war‘s

und ward‘s und schwand
Wir standen lang noch Hand in Hand

Thema

wir sahen ein gesicht im stein,
ein kindergesicht. in der dämmerung

reduzierte das licht seine konturen.
es alterte mit dem abend schwand es

wir sahen es beide mit eigenen augen
und sprachen und sahen und waren selbst

das junge, das alte gesicht, das vergehen
jenseits der strömung im moldaugeklipp

schnee

9

oli­mambo : 2.22 — Ich hörte das Geräusch einer schep­pern­den Glo­cke, ein Klin­geln oder metal­le­nes Hupen. Ich dachte, irgend­je­mand wollte mich wecken, obwohl ich doch bereits wach gewor­den war. Ich spa­zierte zunächst in die Küche. Das Geräusch wan­derte mit. Plötz­lich erin­nerte ich mich, woher ich das Geräusch kannte, ich hatte über das Geräusch schon ein­mal notiert. Ich erin­nerte mich zunächst an mei­nen Text und dann an den Ursprung des Geräu­sches, das ich hörte, oder war es viel­leicht genau ander­herum gewe­sen? Das Geräusch mei­ner Erin­ne­rung kam von einem Glöck­chen her, das am Weih­nachts­abend hin­ter einer Tür von mei­nem Vater durch hef­tige Bewe­gung zum Klin­gen gebracht wor­den war, ein ver­trau­tes, jähr­lich wie­der­keh­ren­des Geräusch. Ein­mal bekam ich ein Radio geschenkt. Das Radio war das erste Radio mei­nes Lebens gewe­sen, ein Tran­sis­to­r­emp­fän­ger, hand­lich und doch sehr schwer. Ich weiß nicht wes­halb, ich öff­nete das Radio mit Hilfe eines Schrau­ben­ziers, ich zer­legte die kleine Appa­ra­tur in ihre Ein­zel­teile und wun­derte mich. Ein Jahr dar­auf bekam ich einen Foto­ap­pa­rat, den ich am dar­auf­fol­gen­den Tag wie zuvor das Radio öff­nete und auf das genau­este unter­suchte, im Früh­ling zählte ich Vögel, im Som­mer durch­suchte ich das Unter­holz nach Kno­chen von Hasen und Rehen, um sie in mei­nem Zim­mer auf dem Schreib­tisch so zu kon­fi­gu­rie­ren, dass ich sie mir vor­stel­len konnte. Es ist merk­wür­dig, wie Geräu­sche über große Zeit­räume hin­weg wie­der­keh­ren, als wären sie gerade erst in der Wirk­lich­keit abge­spielt wor­den. Es lässt sich nicht über­prü­fen, aber sie schei­nen sich tat­säch­lich nicht ver­än­dert zu haben, sind unteil­bare Wesen. Heute Schnee, sehr leise. — stop

Vela Luka

In den hohen Oliventerrassen,
wo Lavendel wächst, Fenchel, Majoran,
wenn du zwischen den Steinzäunen hindurch
dort in den Mittag wanderst, achte
auf den hornissengroßen Vogel
oder Fastvogel, Schwärmer,
sein Schwirren
von Blüte zu Blume,
Blume zu Blüte. Im Flug
taucht sein Schnabel in alles
bunte Offene, in jeden Lichtmund,
und es gibt für ihn keine Sonne, keine,
die zu schwach wäre. Lass Falter gaukeln!
Schwarze Raupe steigt vom Dach
des Trafostanicahäuschens
ins leuchtende Gras,
wartet auf nichts,
erwartet nichts,
geht und ergeht sich
mit einem Schwarm Luft
trinkender Fische als Beine. So
solltest du vielleicht auch gehen? Ja.
Komm und bleib eine Weile, bevor du
unten am Hafen verschwindest,
wo die Lastwagenfähre
lautlos die Bucht zerteilt und
im Schatten die Kräutergärten schlafen.

*

VIDEO

Plötzlich pilzt er im Himmel,
rot im Grau. Giftige Sporen, knallen die Patronen
aus den Läufen der Kalaschnikows.
Du siehst ihn zappeln,
ein Myzel aus Angst im Bauch.
Das symbiotische Geschrei
der Bewaffneten, Kameragewackel, Schnitt –

Stephan Maria Karl
Vorsintflutliche Menschen …
Schreibe einen Kommentar …

Die Gleitschirmflieger an sonnigen Tagen.
Die leergekauften Waffengeschäfte.
Die Glasfaserkabel, die im Solarplexus enden.

32/15 – Soleur // Materialien


Ein Arbeitsheft: Nachtrag vom 8.11.15 // Einordnungen // Sinnvoll // Vielleicht wäre eine kühne Meditation angebracht, einen Raum in der Zeit zu schaffen, aus dem der Blick über die Ebene, die Stadt und den Fluss möglich würde. Offenbar waren die unruhigen Gedanken der Grund, weshalb nichts seinen Platz einnahm und keine bemerkenswerten Schritte und Überlegungen mehr vollzogen werden konnten. In diesem Schwebezustand blieb ich lange, im freien Fall, wie Schnee, leicht bunt, schweigend, wo er den Boden berührte ohne Gleichung, ohne Resonanzen zum Bestehenden, zum Bleibenden. Ich blieb richtungslos. Losgelöst vom Bild erschien die Farbe. Ein Strauss bunter Flecken und über den Dächern eine etwas hervorgehobene Räumlichkeit, die Anfangs erschienen Flächen verschoben sich in und aus der Welt der papierenen Quadratur. Zugegen war ein Schwirren und Flirren. Das Ruhelose und das Offensichtliche kreiste über den Feldern und suchte aus der formalen Gefangenschaft und Enge einen Ausweg. Materialien: ein work in progress: eine Aufzeichnung des Werdegangs der Ausstellung mit dem Arbeitstitel: Soleur.

von der diaspora

„arm bist du nicht ohne geld, arm bist du ohne herz.“ (syrischer flüchtling)

wir alle woll’n jetzt endlich bess’res leben,
das süß’re stück vom fetten sahnekuchen.
doch dafür ist kein nehmen, sondern geben,
ein finden uns nur in dem uns jetzt suchen.

so ist mein herz ein großes, kleinem geist
und eifersüchten manchmal nur gegeben.
denn wie auch immer ihr mich nennet, leist’
ich widerstand auch solchem untergehen.

ich bin nicht arm durch den verlust, doch reicher,
weil mein herz schlägt für dich und immer euch,
es pocht gemeinsam an der pforte. leichter

wird’s mir, wenn ich gewusst, dass der verzicht
auf heimat, bergung tränen macht mir feucht
und meine zunge auch für dies’ gedicht.

Zum Audiofile

(@ j&m)

Der Andere

Sie sind nicht Eduard Raban, hörte er eine Stimme sagen. Der Kopf des Richters wirkte klein über der roten Robe. Er sagte es noch einmal, etwas lauter diesmal, so als sei er nicht sicher, ob der Mann ihn verstanden habe. Der Mann sagte nichts. Er verweigerte keineswegs die Aussage, das wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Er spürte sein Herz schlagen in dumpfen, wie in Zeitlupe ablaufenden Schlägen: Kawumm, kawumm schien es zu machen. Wie bitte?, hörte er die selbe Stimme, dann eine andere, von der Seite, eine weibliche, die fragte, ob ihm nicht gut sei, ob er ein Glas Wasser wolle. Möchten Sie ein Glas Wasser?, fragte die Stimme, rief aber schon nach dem Saaldiener, der Angeklagte benötige ein Glas Wasser. Man wartete schweigend. Es war lauwarm, und im schräg in den Gerichtssaal fallenden Sonnenlicht erkannte er, dass das Wasser nicht ganz sauber war. Er nahm einen Schluck, voll Widerwillen, und stellte das Glas neben sich auf die helle Buchenholzbank, die ursprünglich hochglänzend lackiert gewesen war, nun aber dort, wo die Angeklagten saßen, nur noch matt glänzte; die Hosenboden der Beschuldigten hatten den Glanz zum Ermatten gebracht. Auch die Armlehnen waren matt, während unter ihnen, am Rand der Sitzfläche, eine Spur des alten Glanzes erhalten geblieben war. Sind Sie in der Lage, Fragen zu beantworten, hörte er den Richter sagen. Der Mann hinter ihm stieß ihn leicht an, sein Verteidiger. Dieser hatte vor der Verhandlung versucht mit ihm zu sprechen, aber er hatte nicht ein Wort sagen können, nicht eine Frage hatte er ihm beantwortet, so als sei er plötzlich stumm geworden. Nun gut, hatte sein Verteidiger endlich gesagt, ich erkläre Ihnen die Zusammenhänge und Sie nicken, wenn Sie verstanden haben. Dann waren verschiedene, wichtige Zeichen ausgemacht worden, leichtes Anstoßen, Räuspern oder kurz den Rotz in der Nase hochziehen, daswaren die Zeichen, die der Anwalt vorgeschlagen hatte, aber er konnte sich jetzt nicht mehr erinnern, was diese Zeichen zu bedeuten hatten. Natürlich, sie bedeuteten Ja oder Nein oder Ich kann mich nicht erinnern, eben das, was er sagen sollte, wenn der Richter oder der Staatsanwalt etwas fragte, nur wusste er nicht, welches Zeichen nun im Einzelnen Ja oder Nein oder Ich kann mich nicht erinnern bedeutete. Warum, hörte er den Richter sagen, geben Sie sich als Eduard Raban aus? Ein Ventilator in großer Höhe surrte, seine Füße waren eiskalt und das Wummern in seiner Brust schlug ihm bis in den Hals; es schien ihm fast, als müsse man sein Herz deutlich sehen, wenn er nur den Mund weit genug öffnete, wie es in den Mundraum drängte, pulsierend, rot schimmernd, immer ein wenig mehr sich hinein- oder vielmehr aus dem Körper sich herausarbeitend, um schließlich den Mundraum völlig auszufüllen.

Wir wissen, Sie können nicht Eduard Raban sein, hörte er den Richter noch sagen, bevor ihm schlecht wurde. Er bekam keine Luft, er atmete wie gegen ein Ventil, ein wie auch immer verkehrt herum eingesetztes Ventil. Das Glas mit dem Wasser fiel zu Boden, es drehte sich, auf der Seite liegend, einige Male um sich selbst, bevor es endlich still lag. Es glotzte ihn an. Er war zu Boden gesunken. Was nur wollte man von ihm? Er wusste doch selbst, dass er nicht Eduard Raban war; natürlich wusste er das. Er hatte es nie behauptet. Wäre ich Raban, dachte er, so läge ich im Leichenschauhaus, kaum zweihundert Meter von diesem Saal entfernt. Das wussten doch alle, oder etwa nicht? Das jedenfalls würde er sagen, wenn man ihn nur ließe, wenn er nur könnte.

Ein seltsames Gesicht beugte sich über ihn, weitere drängten herbei, ein Jemand packte ihn unter den Achseln, von hinten, so dass er zwei Fäuste vor seinem Gesicht hatte, geballt und zu allem bereit. Ein Anderer hatte seine Füße ergriffen, vielmehr seine Fersen, so dass ihn nun diese Beiden, der Jemand, von dem er nur die Fäuste sah, und der Andere, von dem er nichts sah, forttrugen. Der Ventilator summte noch immer weit oben an der Saaldecke, er bekam noch immer keine Luft und seine Füße waren noch immer eiskalt. Er hob ein wenig den Kopf, auch wenn es ihn sehr anstrengte. Der Andere, der ihn an den Fersen trug und rückwärts ging, fast so als sei er es gewöhnt und mache es regelmäßig, kam ihm durchaus bekannt vor, doch war es nicht etwa sein Verteidiger, keineswegs, und es war auch durchaus nicht der Richter, auf keinen Fall. Er ließ den Kopf wieder in den Nacken sinken. Der Ventilator bewegte sich aus seinem Blickfeld heraus, noch immer schlug sein Herz dumpf und wie in Zeitlupe, sein Mund stand offen, er erkannte den Türrahmen, aus Eiche, die zweiflügelige Tür, die er nur im Anschnitt sehen konnte, dann der Flur, die Tonnendecken, die weißen, erleuchteten Kugellampen, in denen tote Insekten den unteren Bereich grau und schmutzig erscheinen ließen. Auch als es die große und breite Treppe hinunterging, er konnte sich nicht erinnern, sie hinaufgegangen zu sein, und er den immer noch rückwärts gehenden Anderen besser sehen konnte, wollte ihm nicht einfallen, wer dieser Andere nur sein könnte. Ein Tropfen fiel auf seine Stirn und lief ihm die Nase hinab in den Mund. Er war salzig, er schmeckte es deutlich unter seiner Zunge. Auch der Andere schwitzte jetzt, so schien es, als sie die Eingangstür des Gebäudes durchschritten und ins Freie getreten waren. Er erkannte einen blauen, hohen Himmel; in großer Höhe waren Vögel zu sehen. Keine Wolken. Kies knirschte unter den Schuhen der Männer, sie schritten voran, wie Soldaten, im Gleichschritt, nur dass Soldaten nicht rückwärts marschierten, wie der Andere es tat. Er hörte sie keuchen, er spürte, dass sie sich ansahen und sich gegenseitig Mut machten, nur mit den Augen. Der Jemand hinter ihm fasste jetzt nach, indem er ihn kurz nach oben stieß und die Fäuste neu ballte, was den Anderen aus dem Tritt zu bringen schien, jedoch nur leicht. Linker Hand waren jetzt Baumkronen zu sehen, die Schritte der Männer aber nicht mehr zu hören, so als liefen sie auf Gras. Nur ein leichtes Keuchen war noch zu vernehmen, ein kurzes Hüsteln, ein pfeifendes Atmen, mehr nicht. Auch sie bekamen schlecht Luft, wenngleich nicht in dem Maße, wie er selbst. Der Andere musste nun, nur kurze Zeit später, so schien es, mit der Sohle eine Tür aufgestoßen haben, sicher eine Metalltür, die in ihren Angeln quietschte, eine Pendeltür, so hörte es sich an. Eine weitere Tür folgte, ein Türrahmen aus Metall, kaltes Licht in einem Raum, von einer weißen Decke ausgehend, ohne dass Lampen oder Leuchten zu sehen wären. Eine Tür fiel ins Schloss.

Der Jemand, der ihn, um nachzufassen, nochmals leicht nach oben stieß, zog den Rotz in der Nase hoch; oder war es der Andere, der nicht ein Malhatte nachfassen müssen? Der Raum war kühl, und irgendwo tropfte sicher ein Wasserhahn, wenn auch nichts zu hören war außer den jetzt schlurfenden Schritten der Männer. Er wandte noch einmal alle Kraft auf, den Kopf ein wenig zu heben, im selben Moment aber stießen ihn beide Männer seitlich von sich. Er spürte die harte Unterlage, auf der er nun lag; kein Zweifel möglich, er lag wieder, diesmal aber nicht auf dem Boden, wie im Gerichtssaal, er lag höher, auf einer schmalen Pritsche womöglich, über ihm eine weiße Decke, hell, aber ohne Lampen oder Leuchten. Wenn er jetzt nur den Kopf ein wenig drehen könnte, das musste gelingen, es war deutlich leichter als ihn zu heben, so viel Kraft sollte er noch aufbringen, unbedingt, dann könnte er nochmals einen Blick werfen auf den Anderen und, zum ersten Mal, auf den Jemand. Es gelang ihm. Zwei Gesichter sahen ihn an. Der Jemand, der ihn unter die Achseln gefasst und auf diese Art getragen hatte, war ohne Zweifel sein Verteidiger. Er schwitzte, der Schweiß rann ihm von der Stirn. Die Ärmel seines Oberhemdes waren aufgekrempelt, die Jacke musste er im Gerichtssaal gelassen haben. Er atmete schwer und blickte ernst auf ihn hinunter. Der Andere aber, mit vor der Brust verschränkten Armen dastehend, wirkte keineswegs ernst, im Gegenteil, er schien zufrieden und lächelte sogar ein wenig. Wer nur mochte er sein? Nach einer Weile schließlich nickten beide sich wortlos zu und schoben die Lade, auf der er lag, mit leichtem Schwung in die Tiefe der Wand. Kalte Dunkelheit umschloss ihn, tiefe Stille und eisige Kälte. Wer aber war der Andere?

Die Frage blieb ihm im Bewusstsein stecken, auch als die Dunkelheit, später,sofort, er wüsste es nicht zu sagen, ohne Übergang, fast ohne Begreifen seinerseits, einer blendenden Helle wich. In dem Augenblick aber, der sich wiederum, wenn also nicht alles täuschte, ohne weitere Verzögerung anschloss an diese Helligkeit, in dem Augenblick, als die Stimme des Mannes, dessen Kopf über der Robe so klein wirkte, sagte, dass er nicht Eduard Raban sein könne, begriff er, so als erinnere er sich endlich, ja, natürlich, er war nicht Eduard Raban! Aber es ist zu spät, für immer und seit je her zu spät, dachte er, es sei denn, er sagte, dass er nicht Eduard Raban sei, selbstverständlich nicht, dass er mitnichten dieser Mann sein könne, der im Leichenschauhaus läge, kaum zweihundert Meter entfernt, und an dessen Tod er Schuld zu tragen angeklagt sei, auch wenn er nicht wisse warum. Das alles Entscheidende aber war, er wusste es jetzt, er wusste es schon immer, es tatsächlich zu sagen, der Welt sprechend zu bestätigen, dass sie im Recht sei, dass er es jetzt und hiermit zugäbe, nicht der Genannte sein zu können. Der Richter wiederholte die Frage, doch noch bevor er antworten konnte, fragte ihn eine andere Stimme, ob ihm nicht gut sei und ob er ein Glas Wasser wolle. Das Sonnenlicht schien hell in den Saal und in großer Höhe surrte der Ventilator. Alles wartete schweigend. Als er das Wasser endlich bekam, erkannte er, dass es nicht ganz sauber war. Etwas schwebte zwischen Grund und Oberfläche, ohne dass er zu erkennen vermochte, was es ist. Trotzdem aber führte er das Glas an die Lippen und trank.

© Norbert W. Schlinkert – Alle denkbaren Rechte weltweit und darüber hinaus beim Autor

Polaroid 68 (Ausschnitt) Norbert W. Schlinkert

aprikosen- … (lyrisches intermezzo LVIII) u.a.

1 aprikosen- … (lyrisches intermezzo LVIII)

aprikosen-
blüten – kalt
selbst im mantel
: schattenbald

du/ich schreiten
sonnenaus
zitrusduftig
spucken aus

kern’ und diener
please-pläsier
drängend stürmisch
„hier sind wir!“

lach! ich mache
arm will arm
windkobolde
tränen : larmes

grünen blättern
dich als saum
ungescheiter
wäre schaum

Die Hunde bellen, die Diener

2 die eulen … (lyrisches intermezzo LVII)

die eulen
ihr schreien im wind
die teilen
in kind : uns : und kind

wir dehnen
in altes uns ein
und wähnen
wie stets : uns : allein

Ich seh sie am Fenster lehnen

3 beta-herzen … (lyrisches intermezzo XXXVI)

beta-herzen
im alpha-mieder
dein delta wieder
o wie so erzen

gamma-bauten
ein eta zagen
– ein unbehagen
seit wir uns trauten

… und wollen nicht sagen
[omega]

rubrik lyrisches intermezzo (nach vorgeschriebenen endreimen)