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Notizen von unterwegs

Auf der namenlosen Landzunge im Rhein unterhalb des Loreleyfelsens. Am Nordende die Loreleystatue, Touristen in Kleinbusladungsstärke tauchen auf, zeigen mit Fingern auf das Monument, klettern daran empor, fotografieren, posaunen in Zuständen der Rührung, fast schon der Erlösung ihre Begeisterung, den üblichen Klatsch, ihre Bildungslücken heraus, machen sich vom Acker, indes ein neuer Schwung herantrabt, die Bronze zu betrachten. Etwas weiter entfernt, im Gebüsch, eine Kleingruppe, erst drei, dann vier Personen, männlich, weiblich, gemischtes Doppel, lose aufgereiht, Hohlkreuze, Fischmäuler, weit aufgerissene Augen, hoch konzentriert. So starren sie in die Landschaft. Nach einigen Minuten erschlaffen ihre Körper, hörbares Ausatmen, Lockerungsübungen. “Was machen Sie da?” “Wir trainieren.” (Einer der Männer führt sich als Gruppensprecher auf. Trägt eine Armbinde, mit einem “C” für Captain.) Auf Nachfrage: für die Weltmeisterschaft im Staunen trainierten sie, seien ein eingespieltes Team, erstmals Deutscher Meister geworden dieses Jahr auf Neuschwanstein, damit qualifiziert als Nationalteam gleichermaßen. “Und dann staunen Sie einfach so?” “Das wäre in der Tat zu einfach!” (Die anderen schauen ihm konzentriert bei der Erklärung zu:) “Staunen ist eine erlernbare Technik; ein unvorbelasteter Erwachsener braucht mehrere Jahre, bis er ein solides, brauchbares Grundstaunen hinbekommt, die Fähigkeit zum konzentrierten Dauerstaunen im Alltag.” Der Sport (der Sprecher nannte die Beschäftigung tatsächlich so) sei im Zuge des Deutungswandels aufgekommen, ein postmodernes Fänomen. “Anfangs, als die Bestrebungen in Geistesleben und Politik begannen, uns, salopp gesagt, ein X für ein U vorzumachen, und diese Umwertung tatsächlich von vielen Menschen, häufig aus Angst um den Arbeitsplatz, akzeptiert wurde – da staunten wir nicht schlecht.” (Mit “wir” meint er offenbar seine drei KollegInnen, um die er mit dem Kinn einen angedeuteten Kreis zieht.) “Wir kamen dann auf die Idee, unser Staunen zu verbessern, das Gefühl stärker auszuleben. Wir machten uns kundig und erfuhren, daß es in vielen Orten Gleichgesinnte gab. Wir sind ja aus dem Osten. Das war damals ein kleiner Standortvorteil.” Die ersten Vereine gründeten sich um das Neunzigerjahr, Ligabetrieb mit offiziellen Meisterschaften seit 1991. “Wir machen das nicht groß bekannt, aber bei uns auf dem Land hat längst jedes zweite Kuhdorf ein Team.” Es gibt mehrere Disziplinen. Hauptdisziplin ist, den Weltenlauf zu bestaunen und auf noch bestaunenswertere Weise zu interpretieren. Die Interpretation ist Sache der “Club-Literaten”. Dann gibt es das klassische Landschaftsbestaunen. “Das ist unsere besondere Teamstärke: hochgradig bekannte, millionenfach dokumentierte Landschaften und Sehenswürdigkeiten immer wieder neu zu bestaunen, ihnen sozusagen das letzte Quentchen inspirierender Kraft abzuringen. Der eigentliche Trick ist aber: gerade, wenn der Gedanke aufkommt, daß es nichts von Interesse mehr aus, sagen wir mal, diesem Loreleyblick hier herauszuquetschen gibt, daß dann die persönliche Überwindung einsetzt, um das Weiterstaunen zu ermöglichen, was uns letztlich in Zustände versetzt, die mit Trance, Traum oder auch Drogeninduktion vergleichbar sind, und da wird es dann richtig spannend und das ist, das muß klar gesagt sein, für labile Menschen nicht ungefährlich, und es ist mittlerweile zum Beispiel verbreitet, private Probleme auf das eigene Staunen abzuschieben. Im Verband sind wir derzeit dabei, Hilfestellungen auszuarbeiten und anzubieten.” Eine dritte Disziplin ist die umstrittenste, heiß geliebt von wenigen, vehement abgelehnt von der Mehrheit, gleichsam die Königsdisziplin: das Staunen über sich selbst. “Jedenfalls, die Loreley ist ein idealer Ort für Landschafts-Trainingslager. Da staunen Sie, was!” Verkneife mir das, so gut es geht, um möglichst neutral zu notieren. Ein paar Fragen beantwortet der Captain noch, bevor sie wieder loslegen. Sie trainieren nach der Arbeit, manche auch währenddessen. An Wochenenden bis zu 10 Stunden täglich. Der Ort, an dem die Weltmeisterschaften stattfinden, wird erst einen Tag im Voraus bekanntgegeben, der Überraschungseffekt soll die Leistungen im Staunen beflügeln. Unter sich nutzen sie einen Gruß, an dem sie sich erkennen: “Guck mal da!”

Pseudonym & Verwechslung

Liebe Leser und Leserinnen!

Ein Wort in eigener Sache. Es kommt, so mußte ich feststellen, immer wieder zu Verwechslungen meines Pseudonyms Norbert W. Schlinkert mit meinem bürgerlichen Namen Norbert W. Schlinkert – und umgekehrt. Sogar immer häufiger. Ich denke, das müßte nun wirklich nicht sein. Dabei machen manche den Fehler nie, andere aber ständig, viele jedenfalls viel zu oft, und es ist mir, um der Wahrheit die Ehre zu geben, schleierhaft, wie das überhaupt passieren kann. Muß man denn den Menschen alles bis ins Klitzekleinste erklären? Auf die Nase binden? Soll man an jeden bürgerlichen Namen und an jedes Pseudonym einen Beipackzettel tackern, eine Betriebsanleitung, gar Warnhinweise, nicht zusammen mit Alkohol einnehmen, nicht von der Seite anquatschen … Also ehrlich, das kann man sich doch alles denken, vorausgesetzt natürlich, man erkennt, wen man da vor sich hat, wer sich da entäußert, wer da aus dem Nähkästchen plaudert, sein Inneres nach Außen kehrt. Sie müssen auch berücksichtigen, daß immerhin auch nicht selten Fehler auftreten, wenn denn Norbert W. Schlinkert nicht für ihn gedachte Botschaften an Norbert W. Schlinkert weiterreichen muß, so wie dieser die nicht für ihn geltenden, was auch hier zu Verwechslungen oder gar zu einem Durcheinandergeraten der Nachrichten selbst führen kann, so daß am Ende niemand mehr weiß, wo ihm der Kopf steht und ob es überhaupt der eigene ist. Also, liebe Leser und Leserinnen, Sie sehen, die Angelegenheit ist ernst und erfordert Maßnahmen. Seien Sie also so gut und checken einmal alle Funktionen Ihres Denk- und Wahrnehmungsapparates durch, und prüfen Sie, wenn Sie schon einmal dabei sind, auch genau, wer Sie im Augenblick überhaupt sind, respektive nicht sind, tja, und dann, dann sollte es im besten Falle, so hoffen wir jedenfalls, nicht mehr zu diesen Unannehmlichkeiten kommen.

In diesem Sinne,

Ihr Norbert W. Schlinkert

Kritzeleien-15a-NB-Norbert-W.-Schlinkert

WeinLese

(„Sie hat sich nicht in der Hand.“)
(„Geben wir ihr was dagegen.“)
(„Hey. Löwin.“)
((„Ich bin hier.“))

Setz Dich auf den Boden, dicht an die Wand. Schieb den Rücken fest gegen die Fläche, den Hinterkopf, lass den Hals in die Höhe wachsen, schließe die Augen. Umfasse deine Knie, zieh sie an den Körper, lass sie rechts und links zur Seite kippen, leg die Fußsohlen gegeneinander. Nicht verkrampfen dabei. Einfach nur gegeneinander legen. Ja, so ist es gut.
Warte.
Atme.
Nun die Arme. Lass sie hängen, leg die Hände mit der Innenseite nach unten über deinen Bauchnabel, spür ihre Wärme. Leg die Fingerspitzen zu einem Dreieck zusammen. Schieb sie etwas tiefer, über
((K n o c h e nblume hat er sie genannt.))
(Vergiss es.)
den Hügel. Bedecke ihn mit Deinen Händen. Atme.
((Test, Test))
Begehrst Du ihn noch? Im Ernst,

Wie

viele Jahre hintereinander war die alte Frau mit ihr zur Weinlese nach Westhofen gefahren. Die Dackel, ausnahmsweise, blieben zuhause. (Für den Rest ihres Lebens würde sie sich an die W e l l e erinnern, die ihr beim Einsteigen entgegenschlug: wie stark der Käfer nach Benzin und den Familiendackeln roch. Oft waren die Hunde auch nass vom Wald gewesen.)
Man ging noch vor Anbruch des Morgens hinaus.
Die Flanken der Hänge. Darauf, säuberlich gereiht, Rebstöcke.
Das Kind war bedächtig, doch das fiel nicht ins Gewicht, die Gruppe war groß genug, schweigsame Frauen und Männer, deren Hände an den nachtnassen Beeren von selbst wussten, was zu tun war. Drei Stunden wurde gearbeitet, dann Frühstück, die zweite Schicht dann ununterbrochen plaudernd, nur die Kleine sprach weiterhin nicht. Es war ihre Art. Die Erwachsenen kommentierten das ebensowenig wie ihre zögernden Handgriffe.
Stunden ver
gingen so lang
samfür die Kleine.

Drin, viel später, der Moment, in dem zwei oder drei von uns die Schuhe auszogen, in den riesigen Bottich frisch geernteter Trauben stiegen. Alle wollten, wenige durften, ich passte immer noch mit hinein. Wenn ich mich vom dicken, hölzernen Rand des Bottichs mit nackten Beinen in den Fruchthaufen niedersenkte, betrat ich den merkwürdigsten Grund der Welt.
Trauben treten,

während in

der Nacht im zentralen Raum die Entscheidungen gefallen sind. Ich sehe zu, wie er sie entrückt, ich weiß, wie sich das anfüllt, er berührt ihre Flanken, routiniert, fast widerwillig. Sie murmelt etwas, doch ich bin zu weit weg.
Ab- und an sieht er zu mir herüber, eine Brücke, gleich gültig. Es spielt keine Rolle, was die Frau sagt; sie ist nicht gemeint.
Beiwohnen.
Das Bild greift mir mit beiden Händen ins Gesicht, die Stirn, in die Öffnungen, streift die Wangen, die Ernte auf meinen Hängen einzufahren, reiche Ernte, Weinlese.
Im Getriebe des Blickens feinste Härchen, versiegeln meine Nüstern, die Muscheln der Ohren, die Zunge schmilzt, die winzigen Poren der Haut, bis keine mehr allein ist. Ich verliere mein Gesicht,
(scheiß drauf)
(XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX)
doch die Augäpfel, verliebt, wie sie sind, rücken ein Stückchen zusammen, noch eines, dann aufwärts, die Verräter. Ich halte sie nicht auf. Als sie ineinander glitschen ist es, als wären sie nie getrennt gewesen.
Der Mann wirft mir einen Blick zu. Ich ihm auch. Nur einen aus einem.

Ganz
sacht
richte ich mich
her und

gehe aus:

Schwarze Corsage, langer, enger Rock, hautfarbene Bluse mit sehr kleinen, vielen Perlmuttknöpfen, Ringe. Keine Halskette. Schlichte, sehr hohe Schuhe. Mund nicht rot (vulg.), stattdessen das Auge verschatten, smokey!,
mein Stirnauge, meine Weide, Wimpern fast fingerlang, die Pupille eine süße Kirsche in dunklem Aubergine, riesig.
Ich tusche sie, die Wimpern. Versuche es: Das Bürstchen ist zu klein. Ebenso der Kajalstift. (Werde mir neues Schminkzeug besorgen, aber wo?)
Es klingelt.
Ich sehe aus dem Fenster; der Wagen wartet vor dem Haus.

Als ich den Raum betrete, Damen und Herren in Pulks und gewandet, ist mein Platz sicher irgendwo markiert, ganz gewiss aber geh ich nicht schildchenlesend durch die Reihen, ihn aufzuspüren. Man plaudert in den Gängen, jemand spielt eine Art (verdammte kack – Hirten…!) Flöte, Stoffbahnen, feinste, fallen weich von der hohen Decke, in ihrer Mitte Dutzende Amaryllis an Fäden, mit den Blüten nach unten erhängt. Ich schreite durch die
Reb
und
seh’ den Hünen. Sofort. (Klar.)
Er trägt Anzug, einen knappen Millimeter Haar auf dem Schädel, darunter definitiv XLarge. Verdammt, der Hüne hat von allem das Doppelte, will mir scheinen, und er kann g e h e n. Von Männern wie Frauen gibt es nicht viele, die das können.
Schon von weitem macht er eine HandPrankenbewegung, während er durch die
stöcke
pflügt.
Ich bleibe, wo ich bin und erwarte ihn.

Busblaue Blumen

Deine busblauen Blumen im
Blattlichtgewitter der Teile
kleb ich fuchsrote Farne
zu Fragmenten frier sie
mit Fingern zwischen Buchstaben
im Grün der Büsche ein die
birkenblattlose Sammlung der
Hoffnung auf vergiss mein
mageres Schauen nicht am klanglich
sag einfach gesammelte Blicke vielleicht
verdecke lieber noch verstecke
mich in deinen Bildern
blanken Balladen träum ich
oder wandre im Wald
busblauer Blumen

Für R.F.

Die Nandus in Törpt

Sie wissen, alles Ferne hat Augen.
Stumm folgen ihnen große Wagen, und
da sind immer Hunde in den Schatten, die
hinter Hagebuttenhecken flach im Gras liegen
und nach Sterben und roten Tränen riechen.
Sie sind Muldenvögel, lieben Laubkrater,
sind schlehenbeerenversessen, einer
auf einem Bein ist gleich Baum.

Nachts weite Pampa. Träume, blau.
Keiner wird je vergessen, was war, nur
die dreizehn Alten, die an dem Tag
durch den Zaun brachen, runter
zum Ufer rannten und hinüber
über die Wakenitz kamen,
sehen das Leuchten nicht mehr,
das ihnen da hell vor Augen stand.

Die Nandus sammeln im Maiswald
Beiträge zur Geschichte der Freude,
ein unerklärlich langsames Schreiten.
Goldene Sterne funkeln den Jüngeren
in den Augen, die im Dunkeln in Törpt
an die Maurine laufen zum Saufen
und erschöpft zitternd ausruhen
unter zwei verrosteten Tankwagen.

Sie rupfen sich Gras, das Nachtgras
im Knickschatten, und sie wärmen
einander, beinahe hundert, auch
wenn keiner von ihnen noch ein Bild
für den Nanduweg weiß, namenloses
freies Hinfliegen knapp über dem Laub,
hinter der Stirn nur die Wärme der Liebe
zum Rennen durchs dunkelgrüne Licht.

Für Tom Schulz

*

grammophon

pic

zou­lou : 3.36 — Wür­den jene Fahr­zeit­räume früh­mor­gens in war­men Abtei­len der Züge nicht exis­tie­ren, wür­den wir viel­leicht nie mit­ein­an­der spre­chen. Er ist meis­tens müde von der Nacht­ar­beit. Fünf­zehn Minu­ten Zeit, zu kurz, um schla­fen zu kön­nen, zu lang, um zu schwei­gen. M. wurde in der marok­ka­ni­schen Hafen­stadt Nador gebo­ren. Er ist Mos­lem, gläu­big, einer der Guten, wie er sagt, einer vor dem sich nie­mand fürch­ten müsse. Er geht in die Moschee, er spielt Fuß­ball, er ist ver­hei­ra­tet, nachts beauf­sich­tigt er Maschi­nen, die Briefe sor­tie­ren, und er lacht gern. Sein Blick ist warm, er ver­fügt über zwei Hände, dar­auf besteht er, und zwei Augen, eine Nase, einen Mund. Vor Kur­zem warnt er mich, weil ich öffent­lich über den Glau­ben der Mos­lems notierte. Er sagte: Da musst Du vor­sich­tig sein, es gibt viele Ver­rückte, schau, dass sie nicht wis­sen, wo Du wohnst. Ein­mal, kurz nach einer Reise nach New York, lese ich ihm eine Geschichte vor, fol­gende Geschichte, sagen wir, eine Geschichte wie eine Frage: Im Cen­tral Park zur Mit­tags­zeit ein beten­der Mann, Mos­lem, Rik­scha­fah­rer, der Höhe 61. Straße unter einer mäch­ti­gen, weit­ver­zweig­ten Ulme kniet, viel­leicht unter einem jener Bäume, deren Setz­linge im Jahr 2008 nach Ore­gon geschickt wur­den, um sie dort groß zu zie­hen und wie­der nach Man­hat­tan zurück­zu­ho­len. Das kla­gende Sin­gen der Kin­der­schau­keln. Ein Eich­hörn­chen hetzt über eine Wiese. Bald kau­ert das Tier in der Nähe des beten­den Man­nes, scheint ihn zu beob­ach­ten. Ich könnte jetzt war­ten, bis der Mann mit sei­nem Gebet fer­tig gewor­den ist. Ich könnte mich zu ihm in seine Rik­scha set­zen. Wir könn­ten gemein­sam durch den Park fah­ren. Ich könnte ihm eine Geschichte erzäh­len. Ich könnte erzäh­len, dass ich gerade eben noch in einem Café hörte, wie eine junge, lus­tige Mut­ter von ihrer Absicht berich­tete, ihren Sohn, der noch nicht gebo­ren wor­den ist, mit dem Namen “Gram­mo­phon” zu ver­se­hen. Das ist eine wirk­lich auf­re­gende Geschichte, die ich tat­säch­lich sofort erzäh­len sollte. Ich sollte den jun­gen Mann wei­ter­hin fra­gen, ob er mir viel­leicht erklä­ren wolle, wes­halb es lebens­ge­fähr­lich für mich sein könnte, wenn ich mich fra­gend über Moham­med, den Pro­phe­ten, äußern würde. Viel­leicht würde der junge Mann brem­sen, viel­leicht sich unver­züg­lich von sei­nem Fahr­rad schwin­gen. Wir wür­den uns auf eine Bank set­zen und Geschich­ten erzäh­len von Gram­mo­pho­nen, von Pro­phe­ten und wie es ist, im Win­ter Rik­scha zu fah­ren. Und viel­leicht würde ich ihm dann noch vom Schnee erzäh­len, den ich als Kind aus der Luft gefan­gen habe. Ja, so könn­ten wir das machen, sofort, gleich wenn der betende Mann sich erhe­ben wird. – stop

algunos

 

einigen

er ist wie vom erdboden verschluckt, von herr algunos fehlt jede spur.

in seiner wohnung fehlt nichts, auch seine kleine reisetasche, die er immer dabei hatte, ist noch da, sie steht neben seinem bett auf dem boden. der schlüssel steckte von innen noch im türschloss, die hausmeisterin konnte zum glück über den balkon in seine wohnung einsteigen.

dass die dachlucke geschlossen, aber nicht verriegelt war, bemerkte niemand.

nächtens wieder motorisiert

Advent, Advent am Wochenende

flarf Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Heute im Adventskalender: Vorabgedruckte Popgedichte.

Dies soll nicht nicht nur ein Musikblog sein, sondern ein «Popblog» im weiteren Sinne sein. So gibts heute eine Leseprobe des geschätzten Autors Hartmut Abendschein

aus seinem Band «Flarfdisco», der nächstes Jahr erscheinen wird. Für «Flarfdisco» hat Abendschein die Liederlisten der «Spex-Beilagen-CDs» mit den Nummern 1 bis 120 ins Deutsche übertragen, die Titel kombiniert und permutiert und mutiert, bis, ja, bis ein Gedicht erdichtet war. Das klingt dann etwa so:

nächtens wieder motorisiert
sind wir hängen geblieben
mit nem memphis blues
im komplex des vergoldens
schatz
so hatte ich dich nie

krokodile geister hardware
farben der lenkung
verstehe ich nicht
und auch nicht
das blasen im wind

wenn dieser hut fehlt
geh ich andere mädchen jagen
küsse
graue tage
jeden den ich kenne
und der hiphop hört

nachts dann im zirkus
machen sich die bakterien vom acker
eindruck zu schinden
beim sunset strip meiner welt

im loch baltimore
sitzt ein meister des kriegs
wir verlieren den schlaf
in der letzten stadt
sind hundertzwölf pianotapes
ein einsamer spass

die zahl vierundvierzig a
ist uns angewandte muziek
mit seiji alleine
hätt ich sie sonst hingeschmissen

ich muss immer
an schrödingers katze denken
und daran
was vor den vögeln war

Da ich das Vorwort zu «Flarfdisco» schreiben durfte, gibts nun auch das erste Quiz der «Tonspuren»-Geschichte. Und das funktioniert so: Wer am meisten der im Gedicht verarbeiteten Liedtitel errät (und diese in der Kommentarspalte einträgt), dem schicke ich gerne ein Exemplar zu. Das wird dann so im Frühling 2015 der Fall sein. Ein Tipp: dieses Lied hier ist drin, googlen ist aber ansonsten ziemlich langweilig.

Viel Freude beim Knobeln.

«Flarfdisco. Popgedichte» erscheint 2015 im Verlag Edition Taberna Kritika.

Benedikt Sartorius (Tonspuren)

GOLD, GLANZ, HEITERKEIT

Sie sagen, ich bin älter als mein Vater,
als er zu Gold wurde, womit Sie vielleicht
seine Kostbarkeit meinen, die er sich vorher
nicht verdient hat. Sie haben sie ihm nicht gegönnt,

nie an Glanz, Heiterkeit, Tanz und Beruhigung geglaubt,
wenn er Ihnen aus seiner erstaunlichen Entfernung
wieder an die Haut gerückt ist. Ihre Haut,
deutlich älter geworden, die Adern hervorspringend,

helle Dellen, Bluttupfen. So haben Sie Ihren Vater
nicht in Erinnerung. Nie kam er Ihnen physisch nahe,
Sie haben das aus dem Gedächtnis gelöscht.
Seine Haut auf der Ihren, Ihre plötzliche Einsicht:

er ist ein anderer, so nah, so nahe dem Gold.
Sie wollten seine Knochen nicht spüren, nichts
über seine Gichtfinger wissen, den Schmerz,
den er mit Mühe verdrängt hat. Gold auch die Augen,

mit denen er Ihnen immer noch unter die Lider schaut.
In der Dunkelheit, wenn in Ihren Augen etwas
aufblitzt, sein Gold; und der goldene Laut
seiner Stimme. Vielleicht ist sein Pfeifen

noch hörbar. Vielleicht sollten Sie selbst nach ihm
pfeifen, vielleicht auf ihn. Vielleicht sollten
Sie nicht an seinen Nacken denken,
den Sie gar nicht wahrgenommen haben wollen.

Jetzt denken Sie einen Augenblick an Schlachtvieh,
an dessen Tod er angeblich nicht beteiligt war.
Schweine nur aufgehängt, schon in blutlose
Hälften geteilt, und er der fleißige Zerfleischer.

Nie irgendetwas Blutgetränktes an ihm, immer gewaschen
ins Zimmer getreten, immer so karg sein Dasitzen
und verborgen, wenn er sich eine Entscheidung abrang.
Als Kind sieht man nur die Hosenbeine, den Schurz,

den Hut, die Schwielen auf der Hand, die Schuhe,
die sich von selbst zu bewegen scheinen.
Der Vater als ganzer Mann erschien erst viel später,
eigentlich immer aus der Entfernung, wenn Sie

Stadt und Land verlassen haben. Er lud keine Schuld
auf sich, Ihnen auch keine auf, auch wenn Sie sich
schuldig fühlen wollten und Schuld aus Ihrem Wortschatz
tilgten. An seinem Leben nur am Rand beteiligt,

so wollten Sie sich definieren: als vom Vater
völlig losgelöst, der Ihnen keinen Auftrag geben konnte,
eigentlich auch keinen Rat, keinen Einfluß ausüben sollte.
wenngleich Sie nur diese eine Spur vor sich hatten,

die sich nicht und nicht zeigen wollte. Es war dieses Gold,
das irgendwann durchschien, seine erstaunliche Kostbarkeit,
die sich langsam erhärtet hat, zugleich als Mischung
von Zärtlichkeit erkannt werden mußte und Weckruf

(Donnerstag, 25.12.2014, 8.17 Uhr, DZL-08 GOLD, GLANZ, HEITERKEIT)