Archiv der Kategorie: Ausgabe 04/2014

WeinLese

(„Sie hat sich nicht in der Hand.“)
(„Geben wir ihr was dagegen.“)
(„Hey. Löwin.“)
((„Ich bin hier.“))

Setz Dich auf den Boden, dicht an die Wand. Schieb den Rücken fest gegen die Fläche, den Hinterkopf, lass den Hals in die Höhe wachsen, schließe die Augen. Umfasse deine Knie, zieh sie an den Körper, lass sie rechts und links zur Seite kippen, leg die Fußsohlen gegeneinander. Nicht verkrampfen dabei. Einfach nur gegeneinander legen. Ja, so ist es gut.
Warte.
Atme.
Nun die Arme. Lass sie hängen, leg die Hände mit der Innenseite nach unten über deinen Bauchnabel, spür ihre Wärme. Leg die Fingerspitzen zu einem Dreieck zusammen. Schieb sie etwas tiefer, über
((K n o c h e nblume hat er sie genannt.))
(Vergiss es.)
den Hügel. Bedecke ihn mit Deinen Händen. Atme.
((Test, Test))
Begehrst Du ihn noch? Im Ernst,

Wie

viele Jahre hintereinander war die alte Frau mit ihr zur Weinlese nach Westhofen gefahren. Die Dackel, ausnahmsweise, blieben zuhause. (Für den Rest ihres Lebens würde sie sich an die W e l l e erinnern, die ihr beim Einsteigen entgegenschlug: wie stark der Käfer nach Benzin und den Familiendackeln roch. Oft waren die Hunde auch nass vom Wald gewesen.)
Man ging noch vor Anbruch des Morgens hinaus.
Die Flanken der Hänge. Darauf, säuberlich gereiht, Rebstöcke.
Das Kind war bedächtig, doch das fiel nicht ins Gewicht, die Gruppe war groß genug, schweigsame Frauen und Männer, deren Hände an den nachtnassen Beeren von selbst wussten, was zu tun war. Drei Stunden wurde gearbeitet, dann Frühstück, die zweite Schicht dann ununterbrochen plaudernd, nur die Kleine sprach weiterhin nicht. Es war ihre Art. Die Erwachsenen kommentierten das ebensowenig wie ihre zögernden Handgriffe.
Stunden ver
gingen so lang
samfür die Kleine.

Drin, viel später, der Moment, in dem zwei oder drei von uns die Schuhe auszogen, in den riesigen Bottich frisch geernteter Trauben stiegen. Alle wollten, wenige durften, ich passte immer noch mit hinein. Wenn ich mich vom dicken, hölzernen Rand des Bottichs mit nackten Beinen in den Fruchthaufen niedersenkte, betrat ich den merkwürdigsten Grund der Welt.
Trauben treten,

während in

der Nacht im zentralen Raum die Entscheidungen gefallen sind. Ich sehe zu, wie er sie entrückt, ich weiß, wie sich das anfüllt, er berührt ihre Flanken, routiniert, fast widerwillig. Sie murmelt etwas, doch ich bin zu weit weg.
Ab- und an sieht er zu mir herüber, eine Brücke, gleich gültig. Es spielt keine Rolle, was die Frau sagt; sie ist nicht gemeint.
Beiwohnen.
Das Bild greift mir mit beiden Händen ins Gesicht, die Stirn, in die Öffnungen, streift die Wangen, die Ernte auf meinen Hängen einzufahren, reiche Ernte, Weinlese.
Im Getriebe des Blickens feinste Härchen, versiegeln meine Nüstern, die Muscheln der Ohren, die Zunge schmilzt, die winzigen Poren der Haut, bis keine mehr allein ist. Ich verliere mein Gesicht,
(scheiß drauf)
(XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX)
doch die Augäpfel, verliebt, wie sie sind, rücken ein Stückchen zusammen, noch eines, dann aufwärts, die Verräter. Ich halte sie nicht auf. Als sie ineinander glitschen ist es, als wären sie nie getrennt gewesen.
Der Mann wirft mir einen Blick zu. Ich ihm auch. Nur einen aus einem.

Ganz
sacht
richte ich mich
her und

gehe aus:

Schwarze Corsage, langer, enger Rock, hautfarbene Bluse mit sehr kleinen, vielen Perlmuttknöpfen, Ringe. Keine Halskette. Schlichte, sehr hohe Schuhe. Mund nicht rot (vulg.), stattdessen das Auge verschatten, smokey!,
mein Stirnauge, meine Weide, Wimpern fast fingerlang, die Pupille eine süße Kirsche in dunklem Aubergine, riesig.
Ich tusche sie, die Wimpern. Versuche es: Das Bürstchen ist zu klein. Ebenso der Kajalstift. (Werde mir neues Schminkzeug besorgen, aber wo?)
Es klingelt.
Ich sehe aus dem Fenster; der Wagen wartet vor dem Haus.

Als ich den Raum betrete, Damen und Herren in Pulks und gewandet, ist mein Platz sicher irgendwo markiert, ganz gewiss aber geh ich nicht schildchenlesend durch die Reihen, ihn aufzuspüren. Man plaudert in den Gängen, jemand spielt eine Art (verdammte kack – Hirten…!) Flöte, Stoffbahnen, feinste, fallen weich von der hohen Decke, in ihrer Mitte Dutzende Amaryllis an Fäden, mit den Blüten nach unten erhängt. Ich schreite durch die
Reb
und
seh’ den Hünen. Sofort. (Klar.)
Er trägt Anzug, einen knappen Millimeter Haar auf dem Schädel, darunter definitiv XLarge. Verdammt, der Hüne hat von allem das Doppelte, will mir scheinen, und er kann g e h e n. Von Männern wie Frauen gibt es nicht viele, die das können.
Schon von weitem macht er eine HandPrankenbewegung, während er durch die
stöcke
pflügt.
Ich bleibe, wo ich bin und erwarte ihn.

Samstag, 27. Dezember 2014

Aber wie denn in die Buchstaben sinken, in dieser Schellenzeit mit Blick aus dem grau gespiegelten Fenster, wie denn in die Grütze des Tages tauchen, eintauchen in die Wegstrahlen des Außen? Und wann ein Fragezeichen setzen in einen Text, der erst im Januar beginnen sollte. Hier setzen sie bitte kein Fragezeichen.
Wäre ich doch ein Fälscher, könnte mit Kirchstuhlstaub die Papiere bestäuben, auf das Gedichte sprießen, bestäubt, betäubt von all dem literarischen Weltgehaltsuntergangsgedröne (hatten wir schon, hat keiner gekauft), Sproßen in den Himmel hämmern, und aufsteigen, ja, aufsteigen. Aber wem lüftet das den Ionenschwall in den Axionen? Hier bitte ein Fragezeichen setzen.
Aber, aber, mein Kleiner, könnte man nicht völlig verfälscht eine Tinte trinken und Grimmen spucken auf die Orangenhaut der Abenddämmerung, die ja schon lang in Nacht vertropft ist, grau wird’s ja nicht mehr bis zum Morgen, vielmehr sitze ich in Bach, in der Tube sitzt Bach und lautet sein Lautenspiel durch einen lebenden Lautenisten zu mir hin, in mich rein. Wo waren wir stehen geblieben? Fragezeichen. Wir waren in der Nacht stehen geblieben.

 

Wenn die Stille stammelt. Der Schnee taumelt. Die Staffage sich in die Laken wickelt. Ach, ein de Chirico, in dem ich lebe, ich klebe zwischen den metaphysischen, den konfusen Schatten. Und ich zahle meine Schuld in Ratten an die Nacht, die olle Jungfrau.
 

.

GOLD, GLANZ, HEITERKEIT

Sie sagen, ich bin älter als mein Vater,
als er zu Gold wurde, womit Sie vielleicht
seine Kostbarkeit meinen, die er sich vorher
nicht verdient hat. Sie haben sie ihm nicht gegönnt,

nie an Glanz, Heiterkeit, Tanz und Beruhigung geglaubt,
wenn er Ihnen aus seiner erstaunlichen Entfernung
wieder an die Haut gerückt ist. Ihre Haut,
deutlich älter geworden, die Adern hervorspringend,

helle Dellen, Bluttupfen. So haben Sie Ihren Vater
nicht in Erinnerung. Nie kam er Ihnen physisch nahe,
Sie haben das aus dem Gedächtnis gelöscht.
Seine Haut auf der Ihren, Ihre plötzliche Einsicht:

er ist ein anderer, so nah, so nahe dem Gold.
Sie wollten seine Knochen nicht spüren, nichts
über seine Gichtfinger wissen, den Schmerz,
den er mit Mühe verdrängt hat. Gold auch die Augen,

mit denen er Ihnen immer noch unter die Lider schaut.
In der Dunkelheit, wenn in Ihren Augen etwas
aufblitzt, sein Gold; und der goldene Laut
seiner Stimme. Vielleicht ist sein Pfeifen

noch hörbar. Vielleicht sollten Sie selbst nach ihm
pfeifen, vielleicht auf ihn. Vielleicht sollten
Sie nicht an seinen Nacken denken,
den Sie gar nicht wahrgenommen haben wollen.

Jetzt denken Sie einen Augenblick an Schlachtvieh,
an dessen Tod er angeblich nicht beteiligt war.
Schweine nur aufgehängt, schon in blutlose
Hälften geteilt, und er der fleißige Zerfleischer.

Nie irgendetwas Blutgetränktes an ihm, immer gewaschen
ins Zimmer getreten, immer so karg sein Dasitzen
und verborgen, wenn er sich eine Entscheidung abrang.
Als Kind sieht man nur die Hosenbeine, den Schurz,

den Hut, die Schwielen auf der Hand, die Schuhe,
die sich von selbst zu bewegen scheinen.
Der Vater als ganzer Mann erschien erst viel später,
eigentlich immer aus der Entfernung, wenn Sie

Stadt und Land verlassen haben. Er lud keine Schuld
auf sich, Ihnen auch keine auf, auch wenn Sie sich
schuldig fühlen wollten und Schuld aus Ihrem Wortschatz
tilgten. An seinem Leben nur am Rand beteiligt,

so wollten Sie sich definieren: als vom Vater
völlig losgelöst, der Ihnen keinen Auftrag geben konnte,
eigentlich auch keinen Rat, keinen Einfluß ausüben sollte.
wenngleich Sie nur diese eine Spur vor sich hatten,

die sich nicht und nicht zeigen wollte. Es war dieses Gold,
das irgendwann durchschien, seine erstaunliche Kostbarkeit,
die sich langsam erhärtet hat, zugleich als Mischung
von Zärtlichkeit erkannt werden mußte und Weckruf

(Donnerstag, 25.12.2014, 8.17 Uhr, DZL-08 GOLD, GLANZ, HEITERKEIT)

 

Notizen von unterwegs

Auf der namenlosen Landzunge im Rhein unterhalb des Loreleyfelsens. Am Nordende die Loreleystatue, Touristen in Kleinbusladungsstärke tauchen auf, zeigen mit Fingern auf das Monument, klettern daran empor, fotografieren, posaunen in Zuständen der Rührung, fast schon der Erlösung ihre Begeisterung, den üblichen Klatsch, ihre Bildungslücken heraus, machen sich vom Acker, indes ein neuer Schwung herantrabt, die Bronze zu betrachten. Etwas weiter entfernt, im Gebüsch, eine Kleingruppe, erst drei, dann vier Personen, männlich, weiblich, gemischtes Doppel, lose aufgereiht, Hohlkreuze, Fischmäuler, weit aufgerissene Augen, hoch konzentriert. So starren sie in die Landschaft. Nach einigen Minuten erschlaffen ihre Körper, hörbares Ausatmen, Lockerungsübungen. “Was machen Sie da?” “Wir trainieren.” (Einer der Männer führt sich als Gruppensprecher auf. Trägt eine Armbinde, mit einem “C” für Captain.) Auf Nachfrage: für die Weltmeisterschaft im Staunen trainierten sie, seien ein eingespieltes Team, erstmals Deutscher Meister geworden dieses Jahr auf Neuschwanstein, damit qualifiziert als Nationalteam gleichermaßen. “Und dann staunen Sie einfach so?” “Das wäre in der Tat zu einfach!” (Die anderen schauen ihm konzentriert bei der Erklärung zu:) “Staunen ist eine erlernbare Technik; ein unvorbelasteter Erwachsener braucht mehrere Jahre, bis er ein solides, brauchbares Grundstaunen hinbekommt, die Fähigkeit zum konzentrierten Dauerstaunen im Alltag.” Der Sport (der Sprecher nannte die Beschäftigung tatsächlich so) sei im Zuge des Deutungswandels aufgekommen, ein postmodernes Fänomen. “Anfangs, als die Bestrebungen in Geistesleben und Politik begannen, uns, salopp gesagt, ein X für ein U vorzumachen, und diese Umwertung tatsächlich von vielen Menschen, häufig aus Angst um den Arbeitsplatz, akzeptiert wurde – da staunten wir nicht schlecht.” (Mit “wir” meint er offenbar seine drei KollegInnen, um die er mit dem Kinn einen angedeuteten Kreis zieht.) “Wir kamen dann auf die Idee, unser Staunen zu verbessern, das Gefühl stärker auszuleben. Wir machten uns kundig und erfuhren, daß es in vielen Orten Gleichgesinnte gab. Wir sind ja aus dem Osten. Das war damals ein kleiner Standortvorteil.” Die ersten Vereine gründeten sich um das Neunzigerjahr, Ligabetrieb mit offiziellen Meisterschaften seit 1991. “Wir machen das nicht groß bekannt, aber bei uns auf dem Land hat längst jedes zweite Kuhdorf ein Team.” Es gibt mehrere Disziplinen. Hauptdisziplin ist, den Weltenlauf zu bestaunen und auf noch bestaunenswertere Weise zu interpretieren. Die Interpretation ist Sache der “Club-Literaten”. Dann gibt es das klassische Landschaftsbestaunen. “Das ist unsere besondere Teamstärke: hochgradig bekannte, millionenfach dokumentierte Landschaften und Sehenswürdigkeiten immer wieder neu zu bestaunen, ihnen sozusagen das letzte Quentchen inspirierender Kraft abzuringen. Der eigentliche Trick ist aber: gerade, wenn der Gedanke aufkommt, daß es nichts von Interesse mehr aus, sagen wir mal, diesem Loreleyblick hier herauszuquetschen gibt, daß dann die persönliche Überwindung einsetzt, um das Weiterstaunen zu ermöglichen, was uns letztlich in Zustände versetzt, die mit Trance, Traum oder auch Drogeninduktion vergleichbar sind, und da wird es dann richtig spannend und das ist, das muß klar gesagt sein, für labile Menschen nicht ungefährlich, und es ist mittlerweile zum Beispiel verbreitet, private Probleme auf das eigene Staunen abzuschieben. Im Verband sind wir derzeit dabei, Hilfestellungen auszuarbeiten und anzubieten.” Eine dritte Disziplin ist die umstrittenste, heiß geliebt von wenigen, vehement abgelehnt von der Mehrheit, gleichsam die Königsdisziplin: das Staunen über sich selbst. “Jedenfalls, die Loreley ist ein idealer Ort für Landschafts-Trainingslager. Da staunen Sie, was!” Verkneife mir das, so gut es geht, um möglichst neutral zu notieren. Ein paar Fragen beantwortet der Captain noch, bevor sie wieder loslegen. Sie trainieren nach der Arbeit, manche auch währenddessen. An Wochenenden bis zu 10 Stunden täglich. Der Ort, an dem die Weltmeisterschaften stattfinden, wird erst einen Tag im Voraus bekanntgegeben, der Überraschungseffekt soll die Leistungen im Staunen beflügeln. Unter sich nutzen sie einen Gruß, an dem sie sich erkennen: “Guck mal da!”

ZURÜCK AUF ANFANG („Du kannst niemandes Heimstatt sein.“)

„Dass du dir diese Gestalt gibst, Heilmann, macht dich nicht glaubwürdiger.“ Sie klang härter, metallischer, ihre Stimme, als sie beabsichtigt hatte. Heilmann war aus seinem Suff erwacht und blinzelte hinter der Brille, die sie ihm auf die Nase gesetzt hatte. Er wollte sie mit der Hand wegwischen, dieses Gestell einer demonstrativen Intellektualität, mit dem sie ihn ausgestattet hatte, absichtlich, um den Blick abzulenken, nicht nur den ihren. Bei Almuth hatte er nie eine Brille getragen. Seine Lider wie weggeschnitten, so hatte er Almut gesehen, kein Zwinkern hatte seine Augen auch nur für Sekundenbruchteil von ihrem Antlitz verschont. Almuth, der er zuletzt die Augäpfel ausgeschnitten hatte, um den Teufel zu befriedigen. „Doch nur im Traum.“ „Between grief and nothing.“

 

Sie saß auf seiner Bettkante, die Melusine, sah hold und demütig aus wie eine gütige Mutter und schob ihr Knie unter seinen Kopf. Er wollte nicht ruhen, sich nicht an sie lehnen. Er gab ihr noch immer an allem die Schuld. Aber sein Körper gehorchte ihm nicht. „You took nothing.“ Sie sprach es ohne jeden Vorwurf aus. Er war noch nie ein alter Mann gewesen. Der Teufel hatte ihm einen Deal angeboten und er hatte ihm die Mutter geopfert für den Sohn. Um diesen Preis: Dein Sohn wird leben, wenn du dich ergibst. „Kann nicht kapitulieren„, hatte aber die Melusine einmal über ihn gesagt. Das musste im 20. Jahrhundert gewesen sein, nach einem der großen Kriege. Sie lächelte müde auf ihn herab: „Da liegst du nun.“

 

Er wollte sich erheben. Standhaft bleiben. Ihr Lachen perlte in seiner Erinnerung. „Du gibst keinen Helden ab mit deinem Stohhütchen und deinem gestreiften Sommeranzug, Heilmann. Zierlich wie du bist und weich.“ Das war 1913. Da waren die Härchen auf seinem Handrücken blond gewesen, die sich aufrichteten, ihren Fingern entgegen. Der Wind strich über das kaspische Meer, Turkmenbasi hieß der Hafen, in dem ihr Schiff anlegte. Das war jedoch ohne Bedeutung. Ihrem Schicksal begegneten sie dort nicht. Sie verbrachten nur wenige ruhige Tage unter Deck. Als wenn Almuth nicht werden würde und keine Willoughbys, nirgends. Als habe die Zukunft sich verzogen, gelegentlich, doch währte es niemals lang. Wie damals am See.

 

„Heilmann. erinnerst du dich?“ Er schwieg. So leicht konnte er ihr nicht vergeben. Und sich. Sie ergriff seine Hand. „Sieh, wie die Adern hervortreten.“ Er kniff die Augen absichtsvoll zu wie ein störrisches Kind. „Du wirst nun runzlig, Heilmann. Für ein einziges Leben des Willoughbys hast du dich hergegeben.“ „Mein Sohn…“ Heilmann wollte sich rechtfertigen mit weiter geschlossenen Augen. „Pscht…“ Sie fuhr ihm mit den Fingern über die Lippen. „Ich weiß. Ich verstehe es nicht. Du hättest doch wissen müssen…Au.“ Er hatte sie in den Daumen gebissen. Sie beugte sich über sein Gesicht: „Mein Kind.“ Heilmann war wie gelähmt. Er hätte sie schlagen müssen, sie unter das Bett treten wie zuvor, um dem vorzubeugen.

 

„Du weißt, du kannst niemandes Heimstatt sein.“ „Mein Sohn..“ wiederholte er trotzig. Sie stand auf. „…bist du.“, setzte sie den Satz fort. „Du dachtest wahrhaftig, du könntest mir entkommen, Heilmann.“

 

Sie hatte ihre Drachengestalt angenommen, ihn schauderte vor ihrer schuppigen Haut. Wie gewaltig sie über seinem Bett lungerte, wie sie ihn anfauchte aus ihrem riesigen, feurigen Maul, wie sie die Flügel ausbreitete in der winzigen Kammer und die Wände fortsprengte und flog. Als ein kraftloser Greis hielt er den Himmel in Armen. Um ihn lichteten die Flammen, verglühte das Holz, verkohlte sein knochiger Körper. Asche stob auf  und fiel grau in sich zusammen.

 

Dann.

 

Da war mir als sey ich entsprungen
Dem innersten Leben der Mutter,
Und habe getaumelt
In den Räumen des Äthers
Ein irrendes Kind.

 

Heilmann weinte in seiner Wiege: „Maman.“

 

ankomme 16uhr13

ich werde da sein,
gekommen um zu bleiben,
wie immer auch abgefahren
ich bin.

reisende haben noch
einen fahrplan mit
ankunft und abfahrt,
wechseltapetete,

verfrüht ist jede
abreise, wieder auf den
zugigen absteigen
ihrer herkunft.

ich werde sein, wo ich
zu selten bin, bei dir,
und also bei mir,
und dennoch wieder fahren,

dorthin, wo mir stillstand
widerfährt, ohne fahrplan
stolpernd durch die
augenblicke,

in denen ich aufschaue
und sehe durch all das gewirr,
wo ich bin nicht,
aber schon immer war.

(@ юлия)