Archiv der Kategorie: Ausgabe 04/2014

Die Nandus in Törpt

Sie wissen, alles Ferne hat Augen.
Stumm folgen ihnen große Wagen, und
da sind immer Hunde in den Schatten, die
hinter Hagebuttenhecken flach im Gras liegen
und nach Sterben und roten Tränen riechen.
Sie sind Muldenvögel, lieben Laubkrater,
sind schlehenbeerenversessen, einer
auf einem Bein ist gleich Baum.

Nachts weite Pampa. Träume, blau.
Keiner wird je vergessen, was war, nur
die dreizehn Alten, die an dem Tag
durch den Zaun brachen, runter
zum Ufer rannten und hinüber
über die Wakenitz kamen,
sehen das Leuchten nicht mehr,
das ihnen da hell vor Augen stand.

Die Nandus sammeln im Maiswald
Beiträge zur Geschichte der Freude,
ein unerklärlich langsames Schreiten.
Goldene Sterne funkeln den Jüngeren
in den Augen, die im Dunkeln in Törpt
an die Maurine laufen zum Saufen
und erschöpft zitternd ausruhen
unter zwei verrosteten Tankwagen.

Sie rupfen sich Gras, das Nachtgras
im Knickschatten, und sie wärmen
einander, beinahe hundert, auch
wenn keiner von ihnen noch ein Bild
für den Nanduweg weiß, namenloses
freies Hinfliegen knapp über dem Laub,
hinter der Stirn nur die Wärme der Liebe
zum Rennen durchs dunkelgrüne Licht.

Für Tom Schulz

*

grammophon

pic

zou­lou : 3.36 — Wür­den jene Fahr­zeit­räume früh­mor­gens in war­men Abtei­len der Züge nicht exis­tie­ren, wür­den wir viel­leicht nie mit­ein­an­der spre­chen. Er ist meis­tens müde von der Nacht­ar­beit. Fünf­zehn Minu­ten Zeit, zu kurz, um schla­fen zu kön­nen, zu lang, um zu schwei­gen. M. wurde in der marok­ka­ni­schen Hafen­stadt Nador gebo­ren. Er ist Mos­lem, gläu­big, einer der Guten, wie er sagt, einer vor dem sich nie­mand fürch­ten müsse. Er geht in die Moschee, er spielt Fuß­ball, er ist ver­hei­ra­tet, nachts beauf­sich­tigt er Maschi­nen, die Briefe sor­tie­ren, und er lacht gern. Sein Blick ist warm, er ver­fügt über zwei Hände, dar­auf besteht er, und zwei Augen, eine Nase, einen Mund. Vor Kur­zem warnt er mich, weil ich öffent­lich über den Glau­ben der Mos­lems notierte. Er sagte: Da musst Du vor­sich­tig sein, es gibt viele Ver­rückte, schau, dass sie nicht wis­sen, wo Du wohnst. Ein­mal, kurz nach einer Reise nach New York, lese ich ihm eine Geschichte vor, fol­gende Geschichte, sagen wir, eine Geschichte wie eine Frage: Im Cen­tral Park zur Mit­tags­zeit ein beten­der Mann, Mos­lem, Rik­scha­fah­rer, der Höhe 61. Straße unter einer mäch­ti­gen, weit­ver­zweig­ten Ulme kniet, viel­leicht unter einem jener Bäume, deren Setz­linge im Jahr 2008 nach Ore­gon geschickt wur­den, um sie dort groß zu zie­hen und wie­der nach Man­hat­tan zurück­zu­ho­len. Das kla­gende Sin­gen der Kin­der­schau­keln. Ein Eich­hörn­chen hetzt über eine Wiese. Bald kau­ert das Tier in der Nähe des beten­den Man­nes, scheint ihn zu beob­ach­ten. Ich könnte jetzt war­ten, bis der Mann mit sei­nem Gebet fer­tig gewor­den ist. Ich könnte mich zu ihm in seine Rik­scha set­zen. Wir könn­ten gemein­sam durch den Park fah­ren. Ich könnte ihm eine Geschichte erzäh­len. Ich könnte erzäh­len, dass ich gerade eben noch in einem Café hörte, wie eine junge, lus­tige Mut­ter von ihrer Absicht berich­tete, ihren Sohn, der noch nicht gebo­ren wor­den ist, mit dem Namen “Gram­mo­phon” zu ver­se­hen. Das ist eine wirk­lich auf­re­gende Geschichte, die ich tat­säch­lich sofort erzäh­len sollte. Ich sollte den jun­gen Mann wei­ter­hin fra­gen, ob er mir viel­leicht erklä­ren wolle, wes­halb es lebens­ge­fähr­lich für mich sein könnte, wenn ich mich fra­gend über Moham­med, den Pro­phe­ten, äußern würde. Viel­leicht würde der junge Mann brem­sen, viel­leicht sich unver­züg­lich von sei­nem Fahr­rad schwin­gen. Wir wür­den uns auf eine Bank set­zen und Geschich­ten erzäh­len von Gram­mo­pho­nen, von Pro­phe­ten und wie es ist, im Win­ter Rik­scha zu fah­ren. Und viel­leicht würde ich ihm dann noch vom Schnee erzäh­len, den ich als Kind aus der Luft gefan­gen habe. Ja, so könn­ten wir das machen, sofort, gleich wenn der betende Mann sich erhe­ben wird. – stop

nächtens wieder motorisiert

Advent, Advent am Wochenende

flarf Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Heute im Adventskalender: Vorabgedruckte Popgedichte.

Dies soll nicht nicht nur ein Musikblog sein, sondern ein «Popblog» im weiteren Sinne sein. So gibts heute eine Leseprobe des geschätzten Autors Hartmut Abendschein

aus seinem Band «Flarfdisco», der nächstes Jahr erscheinen wird. Für «Flarfdisco» hat Abendschein die Liederlisten der «Spex-Beilagen-CDs» mit den Nummern 1 bis 120 ins Deutsche übertragen, die Titel kombiniert und permutiert und mutiert, bis, ja, bis ein Gedicht erdichtet war. Das klingt dann etwa so:

nächtens wieder motorisiert
sind wir hängen geblieben
mit nem memphis blues
im komplex des vergoldens
schatz
so hatte ich dich nie

krokodile geister hardware
farben der lenkung
verstehe ich nicht
und auch nicht
das blasen im wind

wenn dieser hut fehlt
geh ich andere mädchen jagen
küsse
graue tage
jeden den ich kenne
und der hiphop hört

nachts dann im zirkus
machen sich die bakterien vom acker
eindruck zu schinden
beim sunset strip meiner welt

im loch baltimore
sitzt ein meister des kriegs
wir verlieren den schlaf
in der letzten stadt
sind hundertzwölf pianotapes
ein einsamer spass

die zahl vierundvierzig a
ist uns angewandte muziek
mit seiji alleine
hätt ich sie sonst hingeschmissen

ich muss immer
an schrödingers katze denken
und daran
was vor den vögeln war

Da ich das Vorwort zu «Flarfdisco» schreiben durfte, gibts nun auch das erste Quiz der «Tonspuren»-Geschichte. Und das funktioniert so: Wer am meisten der im Gedicht verarbeiteten Liedtitel errät (und diese in der Kommentarspalte einträgt), dem schicke ich gerne ein Exemplar zu. Das wird dann so im Frühling 2015 der Fall sein. Ein Tipp: dieses Lied hier ist drin, googlen ist aber ansonsten ziemlich langweilig.

Viel Freude beim Knobeln.

«Flarfdisco. Popgedichte» erscheint 2015 im Verlag Edition Taberna Kritika.

Benedikt Sartorius (Tonspuren)

algunos

 

einigen

er ist wie vom erdboden verschluckt, von herr algunos fehlt jede spur.

in seiner wohnung fehlt nichts, auch seine kleine reisetasche, die er immer dabei hatte, ist noch da, sie steht neben seinem bett auf dem boden. der schlüssel steckte von innen noch im türschloss, die hausmeisterin konnte zum glück über den balkon in seine wohnung einsteigen.

dass die dachlucke geschlossen, aber nicht verriegelt war, bemerkte niemand.

Das Pfand

Die Türen klappern und die Eulen kauzen, sie erledigen ihr finsteres Mahl. In den Katakomben wären sie die Herrscher der klandestinen Welt, auf den Bäumen sind sie die Augen der Nacht, denen das Flirren der vom Irrlicht angestrahlten Insekten die Straße in den Nebel ist.

Aus den Schornsteinen schälen sich die Gespenster der Holzrinde in hellgraue Mäntel. Ihr Ziel ist, wie so oft, das Nirgendwo.

Nur mich treibt es über das unebene Plastrum hinaus, und ich wundere mich, daß ich unbehelligt fliehe, ohne ein forsches Tempo anzuschlagen, ohne die unzureichenden Sinne auszufahren, um die Schatten zu deuten, die gemütlichen Gerüche, die aus schlecht schließenden Fenstern schleichen, von den ätzenden Salben der Gefahr zu unterscheiden. Das stille Wunder der Nacht verschluckt mich an Ort und Stelle, unsichtbar, weil ich mich unsichtbar denke. Nur die Arglosen sowie Kinderseelen könnten mich jetzt noch entdecken, wie ich mich aufmache in die jenseitige Welt, die für mich nicht schwer zu erreichen ist durch das Pfand, das ich bei mir trage.

Aber auch die würden mich nur in einem Traum wie ein Schemen finden, das Grauen in ihnen auslöst ohne Grund, so daß sie sich weigern, allein zu schlafen und darum bitten, es möge eine Kerze scheinen, ihren Atem bewachen, die Tür angelehnt, die Schränke verschlossen, denn vielleicht kröche ich aus dem Gewühl des Unaufgeräumten.

Ohne Grund, nur aus der tiefen Ahnung des Todes heraus, den sie in Gedanken vorwegnehmen und sich damit zeichnen all ihr Leben lang. Es wird dieses Bild sein, daß sie auf ihrem Sterbebett imaginieren, daß ihnen sagt: „Alles ist bar jeder Hoffnung. Kein Licht wird dich erretten, wenn du fällst in meine dunklen Schwingen:“

Nichts Sensationelles gebührt mir, keine Chronik verbindet meinen Namen mit Papier, ich fürchte gar, man sieht mich an und vergißt mich gleich beim nächsten Augen=Niederschlag. Wie schwarze Materie vermutet man mich in leeren Häusern, verlassenen Orten; man spricht mit mir über die Wunder dieser Welt, als wäre ich ihnen näher. Doch ich bin nur der Wanderer, der flieht, auch wenn niemand sich hinter mir zeigt.

Und ich wundere mich, daß ich unbehelligt bin, obwohl ich diesen Kopf bei mir trage, der mit Tropfen statt mit Krumen den Weg mit Abschied füllt. Kalt die Lippen, kalt das Glas der Augen, Wund der ferne Körper.

Vielleicht träumt mich jemand vor sich her und wünscht, daß all dies geschähe. Vielleicht bin ich nur das fahle Blatt eines Gedankens der Wut, der Hilflosigkeit, deren Schild die Gewalt ist, deren Dreizack der Atem der Verwünschung ist, unachtsam aus der Niederung formuliert. Vielleicht aber bin ich die Tat und die Bewegung des Ungesagten. Der beginnende Regen spricht mich frei von der Kälte, die durch Wände kriecht.

Zehn Jahre Bloggen

Anfang Januar 2005 startete ich einen Autobiografie-Service für Menschen mit Brieftasche und Vergangenheit. Dafür brauchte ich einen Internetzugang. Mein Bruder kam rüber und installierte das Modem, während ich im SPIEGEL einen Artikel übers Bloggen entdeckte. Ich hatte noch nie davon gehört.

“Kennst du Weblogs?”

“Glaub schon. Sind das nicht die Quasselforen, wo dicke Frauen um die Wette stricken?” murmelte mein Bruder. “So, das wars. Müsste fluppen jetzt.”

Und wie das fluppte. Es dauerte keine halbe Stunde, schon war ich bei myblog.de als Blogger angemeldet, als 500beine. Willkommen in meinem Weblog! Schnell lernte ich die drei goldenen Regeln des Bloggens.

1) Du sollst nicht langweilen. 2) Ein Weblog muss ein Geheimnis haben. 3) Scheiss drauf.

“Wolltest du nicht mit einem Autobiografie-Service Geld verdienen?” fragte mein Bruder irgendwann.

Stimmt schon. Aber es kam ja keiner, der mich engagieren wollte. Der Markt war zu klein für die vielen verzweifelten Anbieter, die nicht wussten, wie sie sonst zu Geld kommen sollten. Und wenn keine Kundschaft kam, die die Geschichte ihres Lebens verfasst haben wollte, dann schrieb ich eben meine eigene Geschichte. In meinem Weblog. Dann wurde ich eben mein eigener Klient, mein bester Kunde.

Auch gut.

Dann, im Herbst 2005, die Förderung des Job-Centers war fast abgelaufen, kam eine erste schüchterne Anfrage via Email. Unser Vater feiert bald seinen 85. Geburtstag. Zu diesem Anlass möchten wir ihm etwas außergewöhnliches schenken, seine eigene Autobiografie. Doch zunächst wolle man prüfen, ob wir menschlich miteinander könnten und lud mich zu einem ersten Kennenlernen ein. Nach Bünde in Westfalen. Ich nahm die Eisenbahn.

Bahnsteig 3. Raucherzone.

“Du bist schon ein richtiger alter Reisehase”, sagte die schick gekleidete Großmutter zu ihrem Enkelchen, während sie eine lange weiße Damenzigarette inhalierte.

“Ich bin kein Hase.”

“Nein, du bist kein Hase. Mit diesem Einspruch habe ich gerechnet. Und du hast natürlich Recht. Du bist ein erfahrener Reisejunge.”

“Erfahrener?” Der Junge war ratlos. “Wer fahren..?”

“Erfahren. Das bedeutet, du bist schon oft mit der Eisenbahn gefahren. Mit dem Zug. Du bist ein Profi.”

Der Junge hockte mit seinen kurzen Beinen auf dem Schoß der Großmutter, sein Kopf baumelte hin und her, gleich hat er die Kippe der Oma in der Fresse, dachte ich.

“Wo kommt der Zug her, Oma?”

“Aus Köln.”

“Warum kommt der Zug zu spät, Oma?”

“Wegen einer Störung.”

“Woher weißt du das, Oma?”

“Das haben die eben durchgesagt.”

“Hat Köln immer Störung, Oma?”

Was man alles für Leute sieht, wenn man mit der Bahn unterwegs ist. Mir gegenüber saß ein junger Mann, dessen Schädel frappierend einer aufrecht stehenden großen Kaffeebohne ähnelte. Wenn der unterwegs Lust auf ein Tässchen bekommt, muss er das Köpfchen nur durch kochend heisses Wasser ziehen, fertig ist das Gedeck. Schon praktisch.

Oder dieses andere eisenbahnfahrende Gesicht, das in sich gespalten wirkte. Die linke Hälfte war auf der Klötzchenschule Prügelknabe gewesen und hatte ständig die Hucke vollgekriegt, weil sie so scheiße aussah, die rechte hübschere Hälfte hingegen hatte das kleine Latinum in petto und hätte sicherlich einen guten Job ergattert, wäre da nicht die linke Gesichtshälfte, na, Sie wissen schon.

Oder da vorn im Gang, das stille Gesicht.

Ist das nun wirklich noch ein Antlitz, fragte ich mich, kann man das noch so bezeichnen, oder ist das schon ein Stummfilm aus vergangenen Tagen? Ganze Gesichtsbereiche schienen wie verödet. Keine Kontaktaufnahme möglich. Totholz.

Mir gegenüber liess sich ein Ehepaar nieder. Während sie sich angeregt unterhielt, und zwar mit mir, griff der Mann mehrmals unbeholfen nach hinten. Plötzlich hielt er inne, mitten in der Bewegung, und schlug sich auf die Stirn.

“Mannomann.. Kannst du mal sehen, was ich für ein eingefleischter Autofahrer bin, Maria – jetzt will ich mich schon im Zug anschnallen.”

Seine Frau, pummeliges Madonnengesicht, quasselte einfach weiter. Ihr Mann guckte mich an. Großer Sorry-Blick. Na, schon in Ordnung – wir Männer müssen zusammenhalten, wenn die Weiber uns um den Verstand quasseln.

Bünde in Westfalen.

13 Uhr 50. Backsteinrotes Städtchen, hell und schlicht. Ich fühlte mich in die Kindheit zurückversetzt, wenn ich im Hobbykeller mit der Eisenbahn spielte. Nur dass nirgends der Trafo stand, mit dem man Tempo machen konnte. Vom Bahnhof aus schlug ich mich zu Fuß zur Adresse durch. Obwohl ich zu spät war, schaute ich mir das Haus zunächst von aussen an, in aller Ruhe. Das hatte ich von meinem Hund gelernt. Erst mal vorsichtig mit der Schnauze ran. Erstmal an der Pissse schnuppern. Modernes Eigenheim, nicht zu protzig. Daneben drei protzige Auto-Garagen. Am Gartentor eine in Gold eingefasste Klingel. Alles in Ordnung.

Es war Messing.

Als ich ins Wohnzimmer trat, empfingen mich Rauhaardackel Tobi und der graumelierte, sportiv nuschelnde Hausherr und ich dachte zunächst: Moment! Bin ich hier im Hotel? Muss ich wieder als Nachtportier ran?! Ein riesiger Raum, geschnitten wie ein Foyer, mit breiten Polstersesseln, Überwachungsmonitor und einer Veranda, hinter der ein gepflegter englischer Garten wartete; Hummeln gaben ein Konzert, es nieselte.

“Fritz Walter Wetter”, sagte ich.

Der greise Möbelfabrikant lächelte verständnislos und schüttelte mir so lange die Hand, bis ich als der weitaus Jüngere die Geschichte sachte beendete.

Ist gut jetzt.

“Ich ruf eben meine Tochter und meine Ftrau an”, sagte er. “Die wollen dabei sein. Auf deren Mist ist das Ganze ja gewachsen.”

Er verschwand mit dem Handy am Ohr Richtung Diele.

“Ja. Der ist jetzt hier, ja”, hörte ich ihn wispern. Ein kleiner energischer Mann. Vonwegen Greis. Die 85 Jahre waren ihm nicht anzusehen. Rauhaardackel Tobi schnupperte an meinen Schuhen und den Hosenbeinen. Sein Schwänzchen zitterte. “Der riecht meine Hündin”, sagte ich zum Hausherren, als der wieder reinkam, das Handy in der Hemdtasche.

Er nickte desinteressiert.

“So, ja. Die Damen warten schon. Wir müssen ein paar Strassen weiter. Fahren Sie mit mir oder in Ihrem eigenen..?”

“Ich fahr kein Auto.”

Er schnappte sich den Wagenschlüssel vom Haken und zwinkerte.

“Wie lang ist der Lappen denn weg?”

“Nein.. ich meine, ich fahr überhaupt kein Auto.”

“Ach, wie? Gut. Hab ich keine Probleme mit.”

In der Garage stand eine silbrige Limousine. So niedrig, ich musste beim Einsteigen den Kopf einziehen. Edles Interieur. Urwaldholz. So ein Scheiß.

“Sie können sich den Sitz einstellen, wie Sie mögen.”

“Schon in Ordnung. Wohin gehts denn?”

“Na, in den Betrieb.”

Der Nieselregen war Sonnenschein gewichen. Wir fuhren über Seitenstrassen. Mir brach der Schweiß aus. Was machte ich eigentlich hier? War ich in jungen Jahren nicht der Hohepriester der blonden Lockenrasse gewesen, hoffnungslos faul, fatalistisch? Und jetzt, mit Gongschlag Mitte Vierzig, kutschierte mich ein alter Geldsack durch die Gegend, dem ich die Lebensbeichte abnehmen sollte, gegen Bezahlung? Wie passte das zusammen? Was war passiert?

“Soll ich langsamer fahren?” sorgte sich der Fabrikant. “Sie schauen so erschrocken..”

Ich fing mich wieder. Blödsinn alles. Das Leben kennt eh nur eine sichere Perspektive: seine Auslöschung. Warum also bis dahin nicht alles mitnehmen, was sich bietet.

“Schon gut, nein. Als ich meinem Vater erzählt hab, dass ich nach Bünde fahre, hat er gesagt, Bünde? Da gibts Zigarren und gute Möbel”, versuchte ich mich in Konversation. Eine Bemerkung, mit der ich eigentlich auf einen Schlag 100.000 Bonuspunkte einfahren wollte, doch der Seniorchef teilte meine Beigeisterung nicht weiter.

“Ja, Bünde war früher das Zentrum der deutschen Zigarrenindustrie”, sagte er dann doch.

Für sein Alter fuhr der Seniorchef einen kessen Stiefel. Zum Glück war die Strasse frei. Dennoch sah mich schon ein, zweimal gekonnt im Vorgarten abrollen.

“Praktisch jede Familie hatte im Erdgeschoss ihre eigene kleine Manufaktur. Na, lang her. Das gibt’s so nicht mehr. Da vorn.. IMPERIAL.. die hatten früher sechzehntausend Mitarbeiter. Heute noch fünfundzwanzig, vielleicht dreissig. Ist alles kaputt gegangen. Und da sind wir schon.”

Er bog auf den Parkplatz eines grossen Gebäudekomplexes ein.
Langgezogener Siebzigerjahrebau. Abschätzig zeigte er auf Hexy, “ein Import-Export-Ding, Sie wissen schon.” Er zwinkerte. “Das ist alles mein, na, unser Betrieb. Wir produzieren aber nur noch in kleiner Stückzahl, es lohnt nicht mehr wirklich. Es ist mittlerweile wirtschaftlicher, Teile des Komplexes fremd zu vermieten.”

Er zeigte abschätzig aufsTeppichland und weitere Ladenlokale.

“Das Möbelhaus gibt es aber schon noch?” fragte ich.

“Ja, sicher.”

Wir betraten sein Reich durch den Hintereingang. Von einem langen Korridor zweigten Büroräume ab, die aber Freitagnachmittags nur spärlich besetzt waren. Der alte Mann federte voraus wie ein Dreissigjähriger und führte mich in einen Besprechungsraum.

“Nehmen Sie Platz, legen Sie ab. Ich hol eben meine Tochter und des Teufels Generalin, meine Frau.”

Auf dem Glastisch stand Kaffeegeschirr für vier Personen. Ein Kaffee wär nicht schlecht jetzt, dachte ich. Und da war auch schon eine Thermoskanne. Problem: Es rocht keinen Hacken nach Kaffee. War da gar kein Kaffee drin? War das Tee? Soffen die im tiefen Westfalen am Freitagnachmittag Tee? Dann war ich aber angeschissen. Die Tür schnappte auf. Der Alte und seine Tochter. Nahm ich jedenfalls an. Ich hatte einigen Email-Kontakt mit ihr gehabt. Sie war jünger als erwartet.

“Unser Nesthäkchen”, stellte der Chef sie vor.

Hübsche Zähne. Jeans. Halstuch.

“Hallo”, sagten wir.

Als die Ehefrau dazukam, das Haar zum Turm errichtet wie eine schwarze Gospelsängerin, (allerdings auf westfälische Art eingedampft), war die Entscheidungsrunde komplett. Mit den Augen tastete ich verstohlen den Raum ab. Lagen die errechneten zehntausend Scheinchen schon irgendwo rum? Und was war mit Kaffee? War da noch was zu machen?

“Kaffee?” fragte die Dame des Hauses, die Stimme tiefer Südstaatensoul.

“Gern.”

“Unser Vater”, sagte sie und meinte ihren Mann, “hat ein aufregendes Leben geführt, das muss festgehalten werden, für die Kinder und die Enkel. Wenn die später mal fragen, wie war Opa denn überhaupt..”

Die Stunde verging wie im Flug, obwohl die Situation anstrengend war, eine Art psycholgischer Eiertanz. Wenn man sich drei fremden Personen gegenüber sieht, die einen permanent taxieren, ist es oberste Pflicht, alle drei abwechselnd anzusehen, mit einem winzigen Übergewicht in  Richtung Seniorchef. Mit dem würde ich es schliesslich hauptsächlich zu tun haben, sollte die Sache klappen. So ein Boden will gut vorbereitet sein.

Mit Chemie.

Einmal blickte ich mitten im Gespräch erschrocken an mir runter und dachte, Scheiße! Hab ich grosse Hände! Komische Gedanken, komische Chemie.

Auf die Frage, wieviele Biografien ich schon verfasst hätte, antwortete ich dreist “drei”. Ich mein, wenn schon, denn schon. Ich konnte ja schlecht mit der Wahrheit rüberkommen: Sie sind mein Versuchsballon. Mein 10.000 Euro-Versuchsballon. Kann sein, dass das Ding abstürzt und in Flammen aufgeht. Ja, dann müssen Sie schnell sein.

Knackpunkt Nummer 2: das Geld. Dafür musste der Alte den Raum verlassen. Es sollte ja ein Geschenk sein, zu seinem 85. Geburtstag, auch wenn er von dem Geschenk wusste.

“Immer, wenn es spannend wird, muss ich raus”, feixte er. Ein Schelm. Ha ha! lachten Tochter und Eheweib. Haha ha! setzte ich frech einen drauf.

“Macht doch nichts”, sagte ich. “Fritz Walter wartet draussen. Mit seinem Wetter.”

Da lächelte auch der Chef, endlich.

Kaum war er fort, nahm die Tochter das Heft in die Hand und begann zu rechnen.

“Sie kosten wieviel?”

“40 Euro pro Buchseite”, sagte ich, obwohl auf meiner Website 45 Euro angegeben war. Es kam mir plötzlich unverschämt viel vor, selbst wenn ich hier in einer Familie zu Gast war, die Zaster hatte. 40 Euro, klare Ansage – null Reaktion. Die Ehefrau lächelte stumm.

“Damit ist mein Job abgedeckt. Also das Schreiben. Hinzu kommt noch der Druck.”

“Und wieviel kommt da noch hinzu?”

Jetzt hing ich in der Luft. Zwar hatte ich noch am Abend zuvor mit einem Düsseldorfer Drucker telefoniert, doch der wollte sich partout nicht festlegen, was den Preis betraf. Und die Damen wollten konkrete Zahlen hören. Ich redete mich heraus, dass der Preis natürlich von Faktoren abhängt, die jetzt noch gar nicht zu überblicken sind: Umfang des Buches, Höhe der Auflage, Bindung, Papierqualität etcetera. Dazu Anzahl der Fotos, Schwarz-Weiß oder Farbe, eventuell Faksimiles..

“Das kann man erst am Ende überblicken.”

“Ja sicher, aber aus Ihrer Erfahrung heraus müssten Sie uns doch eine Hausnummer nennen können.”

“Okay”, sagte ich gequält. “Der letzte.. Klient hat 2000 Euro gezahlt.”

“Wofür?”

“Für den Druck.”

“Hm, ja. Und das war welche Qualität?”

Ich war nicht ohne Vorbereitung ins Gespräch gegangen. (Und eine Lebensweisheit der Gräfin, “Es gibt nichts schlimmeres, als sich selbst beim Lügen zuzuhören”, traf hier zum Glück nicht zu.)

“Zehn Exemplare für die Familie, Halb-Leinen, Schutzumschlag, 200 Seiten.”

Die Zahlen hatte ich einem von mir angeforderten Angebot eines anderen Autobiografie-Services entnommen.

“Gut”, sagte die Ehefrau, deren Blick offener wurde. “Das ist doch mal eine Zahl.”

“Ist aber nur der Druck, Mama”, meinte die Tochter. “Da ist der grösste Batzen noch nicht drin.” Sie blickte mich an. “Ist denn in Ihren 40 Euro pro Seite sonst alles inklusive?”

“Ja, ausser Hotelkosten und Spesen.”

Danach kam nicht mehr viel. Wenn die Tochter richtig mitgerechnet hatte, musste es auf ihrem Schreibblock in etwa so aussehen: 40 EUR/Buchseite, bei geschätzten 200 Seiten = 8.000 EUR + 2.000 EUR Druck = 10.000 EUR.

Rückfahrt ins Bergische Land. Im Interregio. Ich war geschafft. Es nieselte wieder ununterbrochen. Fritz-Walter-Wetter. Vielleicht lag ich ja schon 3:2 in Führung und wusste gar nichts davon.

Puscas! Immer wieder Puscas..!

Hinter mir sprach ein Student so laut in sein Handy, ich musste mithören, ob ich wollte oder nicht. Er teilte seinem unsichtbaren Gesprächspartner mit, dass er “gerade in Enn-Err-Wehh” unterwegs sei, irgendwo in Westfalen, “den Namen vom letzten Bahnhof hab ich vergessen. Und es pisst die ganze Zeit.

“Hä? Nee. Politischer Liberalismus war das Thema an der Uni. Der Dozent ist total jung und erinnert mich irgendwie an den Typ, der den Eiskalten Engel spielt. Ich komm jetzt nicht auf den Namen. Nee, der spielt den Eiskalten Engel. Wie heisst der noch..?”

Das wiederholte er zirka fünf Mal bis ich die Nase voll hatte und mich umdrehte.

“Alain Delon”, sagte ich, “heisst der.”

Der Student glotzte verblüfft.

“Ja, kann sein..”, murmelte er ins Mobiltelefon. “Was..? Nein.. hier hat gerade jemand Alain Delon gesagt..”

Dass der Film im Original “Le Samurai” heißt, hätte ich noch anfügen sollen. Schliesslich handelte es sich um einen der Lieblingsfilme der Gräfin.

“Da gibt es die einsamste Filmszene überhaupt”, hatte sie behauptet. Die Szene, wo Delon, der Eiskalte Engel, nach Hause kommt und man eine Weile nur das Geträller des Kanarienvogels hört. Sonst nichts. Nur Zwitschern. Geträller.

Das Leben eben.

ZURÜCK AUF ANFANG („Du kannst niemandes Heimstatt sein.“)

„Dass du dir diese Gestalt gibst, Heilmann, macht dich nicht glaubwürdiger.“ Sie klang härter, metallischer, ihre Stimme, als sie beabsichtigt hatte. Heilmann war aus seinem Suff erwacht und blinzelte hinter der Brille, die sie ihm auf die Nase gesetzt hatte. Er wollte sie mit der Hand wegwischen, dieses Gestell einer demonstrativen Intellektualität, mit dem sie ihn ausgestattet hatte, absichtlich, um den Blick abzulenken, nicht nur den ihren. Bei Almuth hatte er nie eine Brille getragen. Seine Lider wie weggeschnitten, so hatte er Almut gesehen, kein Zwinkern hatte seine Augen auch nur für Sekundenbruchteil von ihrem Antlitz verschont. Almuth, der er zuletzt die Augäpfel ausgeschnitten hatte, um den Teufel zu befriedigen. „Doch nur im Traum.“ „Between grief and nothing.“

 

Sie saß auf seiner Bettkante, die Melusine, sah hold und demütig aus wie eine gütige Mutter und schob ihr Knie unter seinen Kopf. Er wollte nicht ruhen, sich nicht an sie lehnen. Er gab ihr noch immer an allem die Schuld. Aber sein Körper gehorchte ihm nicht. „You took nothing.“ Sie sprach es ohne jeden Vorwurf aus. Er war noch nie ein alter Mann gewesen. Der Teufel hatte ihm einen Deal angeboten und er hatte ihm die Mutter geopfert für den Sohn. Um diesen Preis: Dein Sohn wird leben, wenn du dich ergibst. „Kann nicht kapitulieren„, hatte aber die Melusine einmal über ihn gesagt. Das musste im 20. Jahrhundert gewesen sein, nach einem der großen Kriege. Sie lächelte müde auf ihn herab: „Da liegst du nun.“

 

Er wollte sich erheben. Standhaft bleiben. Ihr Lachen perlte in seiner Erinnerung. „Du gibst keinen Helden ab mit deinem Stohhütchen und deinem gestreiften Sommeranzug, Heilmann. Zierlich wie du bist und weich.“ Das war 1913. Da waren die Härchen auf seinem Handrücken blond gewesen, die sich aufrichteten, ihren Fingern entgegen. Der Wind strich über das kaspische Meer, Turkmenbasi hieß der Hafen, in dem ihr Schiff anlegte. Das war jedoch ohne Bedeutung. Ihrem Schicksal begegneten sie dort nicht. Sie verbrachten nur wenige ruhige Tage unter Deck. Als wenn Almuth nicht werden würde und keine Willoughbys, nirgends. Als habe die Zukunft sich verzogen, gelegentlich, doch währte es niemals lang. Wie damals am See.

 

„Heilmann. erinnerst du dich?“ Er schwieg. So leicht konnte er ihr nicht vergeben. Und sich. Sie ergriff seine Hand. „Sieh, wie die Adern hervortreten.“ Er kniff die Augen absichtsvoll zu wie ein störrisches Kind. „Du wirst nun runzlig, Heilmann. Für ein einziges Leben des Willoughbys hast du dich hergegeben.“ „Mein Sohn…“ Heilmann wollte sich rechtfertigen mit weiter geschlossenen Augen. „Pscht…“ Sie fuhr ihm mit den Fingern über die Lippen. „Ich weiß. Ich verstehe es nicht. Du hättest doch wissen müssen…Au.“ Er hatte sie in den Daumen gebissen. Sie beugte sich über sein Gesicht: „Mein Kind.“ Heilmann war wie gelähmt. Er hätte sie schlagen müssen, sie unter das Bett treten wie zuvor, um dem vorzubeugen.

 

„Du weißt, du kannst niemandes Heimstatt sein.“ „Mein Sohn..“ wiederholte er trotzig. Sie stand auf. „…bist du.“, setzte sie den Satz fort. „Du dachtest wahrhaftig, du könntest mir entkommen, Heilmann.“

 

Sie hatte ihre Drachengestalt angenommen, ihn schauderte vor ihrer schuppigen Haut. Wie gewaltig sie über seinem Bett lungerte, wie sie ihn anfauchte aus ihrem riesigen, feurigen Maul, wie sie die Flügel ausbreitete in der winzigen Kammer und die Wände fortsprengte und flog. Als ein kraftloser Greis hielt er den Himmel in Armen. Um ihn lichteten die Flammen, verglühte das Holz, verkohlte sein knochiger Körper. Asche stob auf  und fiel grau in sich zusammen.

 

Dann.

 

Da war mir als sey ich entsprungen
Dem innersten Leben der Mutter,
Und habe getaumelt
In den Räumen des Äthers
Ein irrendes Kind.

 

Heilmann weinte in seiner Wiege: „Maman.“