

aus der serie / dem korpus: kassation kassette (raw cuts)


aus der serie / dem korpus: kassation kassette (raw cuts)

milla cremeso lebt auf einer fliegenden insel. auf einer fliegenden insel? ja, eine insel mit leuchtturm, anlegestelle, möwen und meer – mit fischen darin und wolken darüber. irgendwie scheint alles dort in der schwebe zu sein und fliegt. menschengeist. gleitet mit fischen durch kühle tiefe und zieht unterm blau der himmelskuppel mit den wolken. oder auch andersherum. und, was es dort auch gibt, sind die legendären hochzeitstorten milla cremesos.
milla cremeso betreibt eine kleine konditorei, in der sie ihre kreationen zum besten gibt. ich las, das gerücht gehe um, einige menschen würden ihrer hochzeitstorten wegen heiraten, und, noch besser, dass dies auch wahr sei und der zauber der torte den beginn einer großen liebe stifte.
eines späten nachmittags saß milla betrübt in der hintertür ihrer pâtisserie auf den stufen zum hof. stützte das kinn auf die hände und betrachtete über den blühenden garten hinweg den see. den see, der das meer um die fliegende insel inspiriert hatte. dessen wellen wiegten das glitzernde spiel der tief stehenden sonne. still lag er da, die ruhe selbst.
milla sann ihrer ehe nach, die ihr, allem zauber der von ihr gefertigten torten zum trotz, alles andere als die erfüllung einer großen liebe gebracht hatte. in die brüche gegangen war.

alpha : 22.28 UTC – Louis erzählte mir eine heitere Geschichte, die er nicht erfunden, vielmehr von Monroe erzählt bekommen haben will, Monroe, die in Brooklyn in der Baltic Street seit fünf Jahren lebt. Sie habe, erzählte Monroe, ihre Freundin Lilly besucht in der Warrenstreet an einem fürchterlich heißen Tag im August. Sie habe Lillys Wohnung betreten und sofort gespürt, dass etwas seltsam ist. Das linke Augenlid Lillys flatterte nämlich wie ein wild gewordener Falter über ihrem Augapfel herum. Dieses Flattern habe nicht aufgehört, sagte Lilly, seit in der Nacht vor drei Tagen über ihrem Bett ein Feueralarmmelder angesprungen sei, ein äusserst strenger heller Ton, der so komponiert worden sei, dass man unbedingt wach werden müsse, weswegen sie sogleich senkrecht im Bett hockte und nach Feuer suchte, aber keinerlei Feuer gefunden habe. Sie habe dann etwas abgewartet, aber das Wesen an der Decke wollte sich nicht beruhigen, da sei sie dann auf einen Stuhl gestiegen und habe das pfeifende, blinkende Tier flugs abgeschraubt, habe versucht das Tier zu beruhigen, habe Schalter und Knöpfe gedrückt, dann das Tier in einen Pullover gewickelt, eine Decke darüber gelegt, und noch eine Decke, schließlich habe sie ihre Handtasche geöffnet, sei auf die Straße getreten, um zu Fuß in Richtung der Brooklyn Bridge zu marschieren. Indessen flatterte ihr Augenlid noch immer herum wie ein gefangener Falter, weswegen sie sich sehr konzentrieren musste im wilden Straßenverkehr. Das Tier, das in einer Weise in der Handtasche pfiff, dass Seemöven Lillys Gegenwart flüchteten, habe sie dann in den East River geworfen, was ihrem Auge ganz offensichtlich nicht sofort geholfen habe. – stop


Unterschiedliche Passagen: Entwürfe und Aufzeichnungen aus dem Projekt -Eden- eine Rauminstallation: Der Wind II
Der König ist sprachlos, der Wind spricht für ihn,
er wendet, was ist, er durchweht was wird, er ist Wirbel,
Winde sind so, Könige ebenso, lautlos, im Sturm.
Lese ich Wind, lese ich Raum, sehe ich die Dinge fliegend,
die sonst unter der Erde wachsen, wo kein Licht sie erreicht,
fliehen die Schatten, leise, im Sturm, höre ich sie rufen.
Unsichtbar ist alles, sage ich dir, spricht der König,
erheben sich die Dinge aus den Winkeln der Erde,
diese schwebenden Lichter, wie Schiffe, die Worte.
Wachsen sie, wendet sich Zeit, der Wind,
kehrt sie um und ein und vorüber, in mir,
in diesem Land, durch die Jahre, ist es geworden.
Was wir nicht sehen, ist so geblieben,
unsichtbar, in unseren Augen, wie die Schatten
die uns stehen lassen, wo die Farbe fehlt,
entfacht sie das Licht.

avenidas
avenidas y flores
flores
flores y mujeres
avenidas
avenidas y mujeres
avenidas y flores y mujeres
un admirador
Eugen Gomringer
Alleen, Blumen, Frauen
und
und?
Ein Betrachter
Keine korrekte Übersetzung ins Deutsche hier. Ein und? mit Fragezeichen. Denn: Man (d.i. der Asta der Alice-Solomon-Hochschule Berlin) liest hinein in die konkrete Poesie, es handele sich hier um die Fortführung einer „patriarchalen Kunsttradition“, in der Frauen „ausschließlich schöne Musen sind“.
Und? Wenn schon.
Nein, das meine ich, selbstverständlich, nicht so. Wenn Frauen „ausschließlich“ schöne Musen sein könnten, dann wäre das nicht schön. Schön ist aber doch, dass und wenn Frauen schöne Musen sein können, auch. Finde ich.
Wie ist das mit der Konkreten Poesie noch mal gedacht? Die Konkrete Poesie entkleidet die Worte von ihrem semantischen Sinn, ohne freilich damit jemals vollständig erfolgreich sein zu können. Denn die Konkrete Poesie spielt mit den Worten, ihrem Klang, ihrem Zeichencharakter und – ein wenig, ein wenig, trotz alle dem – mit ihrer Bedeutung. Sie scheitert damit zwangsläufig, je gelungener sie ist, mit jedem Mal, das sie Worte verwendet, an ihrer Konkretisierung. Und darum geht es.
Und dann:
Alleen (pl.), Alleen (pl.) und Blumen (pl.)
-as – es
y
Es gibt Alleen und es gibt Alleen und Blumen. Gleichzeitig. In einem Bild? In zwei Bildern, aneinander geschnitten? Alleen- breite, große, belebte, leere, laute, leise? Blumen – kleine, blättrige, blühende, große, kelchige, knospende? Kultur und Natur. Diese Interpretation geht schon zu weit.
Man muss das auch hören. Auf Spanisch.
Und dann gibt es nochmal Alleen und es gibt Alleen und Frauen. Gleichzeitig. In einem Bild. In zwei Bildern, aneinander geschnitten? Frauen – große, kleine, dicke, dünne, helle, dunkle, kluge, dumme? Kultur und Natur. Diese Interpretation geht zu weit. Man muss zuhören.
Es gibt keine „Frauen und Blumen“.
(Denken Sie doch mal darüber nach!)
Es gibt einen Bewunderer. Unbestimmter Artikel. Männlich.
-or
un
Das Gedicht gibt das: einen unbestimmten, männlichen Bewunderer. Zuletzt. Von dem aus schaut die Leserin zurück auf Frauen und Blumen und Alleen. Keine schönen Musen weit und breit. Es bleibt aber ein männlicher Bewunderer nach der Mehrzahl von Frauen und Blumen und Alleen. Niemand sagt, übrigens, dass die schön sind, alle. Steht da nicht. Blumen sind schön, meistens. Und Frauen, oft (Ansichtssache). Aber Alleen? Vielleicht. Manchmal. Blumen und Frauen stehen nicht zusammen, da. Sondern: Ein Bewunderer. Männlich. Es ließe sich lesen: Ein männlicher Bewunderer sieht auf Straßen, Frauen und Blumen. Für männliche Bewunderer seien Frauen und Blumen und Straßen dasselbe oder mindestens auf derselben Schauwert-Ebene. Aber vielleicht auch nur „Straßen und Frauen“, denn „Frauen und Blumen“ gibt es nicht. Oder umgekehrt? Weil Blumen und Frauen Straßen gleichermaßen „beleben“ für den Bewunderer?
Und wenn?
Wenn es so wäre, wäre das Gedicht Eugen Gomringers ein hochgradig ironischer Umgang mit jener „patriarchalen Kunsttradition“, von der der Asta der Hochschule schreibt, – und das Gedicht mithin selbst Kritik an dieser Tradition. (Und an einer männlichen Sichtweise, die die Wahrnehmung von Frauen bewundernd auf ihre äußere Erscheinung, ihren Schauwert einschränkt. Andererseits: Man könnte auch sagen, dass Männern, pl. die Bewunderung für den Schauwert ihrer Erscheinung traditionell allzu oft versagt bleibt. Auch und gerade in der Dichtung.)
Und: Das ist es wohl. Eine ironische Kritik am männlichen Schauen und Dichten. Auch.
Und aber: Poesie. Konkret.
Es gibt hier keine Verben. Niemand belebt nichts. Niemand liest. Niemand sieht. Niemand denkt. Auch der Bewunderer nicht, Asta.
Es sind Worte. Auf die wir reagieren. Als Betrachterinnen und Leserinnen. Auf ihren Klang, ihre Form, ihre Bedeutung. Aber unsere Reaktionen auf sie und die Worte sind nicht dasselbe. Dass die Worte nicht sind, was sie bedeuten, darauf will die Konkrete Poesie nämlich aufmerksam machen.
Was hier ganz offensichtlich gleichermaßen gelungen wie gescheitert ist, also sehr konkret, aber nicht poetisch: Der Asta der Hochschule versteht keine Poesie und liest die Worte nicht als Worte. An der Fassade oder sonstwo.
Sondern: Die Tradition.
Die Klischees.
Belästigungen von Frauen auf Straßen.
(Wo bleiben die Blumen? Asta.)
Es liest sich selbst. Ins Gedicht hinein.
Und wenn schon? Das wäre ja weiters nicht schlimm.
Die Hochschule hat aber entschieden – um des Schulfriedens willen -, das Gedicht auf der Fassade der Alice-Solomon-Hochschule zu übermalen.
Zensur ist das (noch) nicht. (Weil das Gedicht ja damit nicht verboten ist.)
Aber es ist dumm.
Und es gibt guten Grund, die Dummheit* zu fürchten.
Eine dumme Welt ohne Poesie.
Konkret.
* Dass die Dummheit im Gewand des Feminismus daherkommt, stimmt mich persönlich besonders traurig.

Dürer auf Durchreise
stieg in Bamberg immer
in seinem Lieblingskrug
Zum Wilden Mann ab, dann
eilte er sofort, rannte
mit wehenden Locken,
in denen der Wind
knisterte, hinaus an
die Regnitz, seinen Herz-
fluss, um am Ufer zu zeichnen.
Zeichnen die Pferde, die
über die Felder zogen
zwischen Nürnbergs
Waldungen, am Himmel
die Schwärme der Stare,
der Schwalben, der Krähen
und der Tauben. Zeichnen
im grünen Wasser den Fisch,
der dastand, still, zwischen
den lang behaarten Steinen
am Grund der Schilfbänke.
Die Köche zeichnen, jungen
Mägde, die Alten wie Geister
in den Augärten Kleinvenedigs.
Kleine schwarze Rose, gestochen
mit Tinte auf den Handteller, sein
Bamberger Blümla. Zeichnen Julie
und zeichnen Juliens Busch.
Den Hasen. Den Hohlweg.
Tout s’était passé
d’une manière révoltante,
sagte auf der Unteren Brücke
ein Franzose, und Dürer war heftiger
Widerspruch peinlich. Die Zeichen
im Zeichenbuch wuchsen. Wolken-
vielfältig Bambergs Abende.
Am nächsten Mittag der kalte
Regen von Franken, die Weinberge,
Würzburg, wozu immer weiter, weiter,
weiter in die nördlichen Regengebiete.
Das Licht war ein Puls, langsam,
beständig langsamer, beinahe
glaubte man, es hört auf.
*

Ein Freund schreibt mir von
zwei Gedanken, beide von heute,
ich berichte ihm von meinem
zweiten Gehirn, dem im Bauch,
wo beredte Bakterien Dienst tun.
Es gebe solche, die lassen die Maus
tapfer wie ein Samurai der Katze
ins Auge blicken, einer Welt,
in der sie es besser haben werden.
Bedenkend, was von Verdauung lebt,
Irrtümer, Mut, Entscheidungen,
fiele es schwerer, von unten
und oben zu sprechen. Jede Energie
frisst die Ordnung. Mein Mitgefühl
für die Maus ist echt, ein Ausdruck
probiotischer Verhältnisse. Täglich,
schreibe ich, denke ich daran,
etwas zu unternehmen, was ich tue,
löst sich im Milieu des Satzes.
Jede Ordnung frisst Energie.

oh ja, ich sang dir meinen kontrapu[ck/nk]t
in den schlitz, in das sehnen.
zweistimmig war ich, im kontradickt,
ich schrieb es in fut und fuga.
und sahest du mich so singen,
du hättest mich nicht ge- und erhört.
du bliebest im schweigen, das weib,
das mir die wäsche wäscht, gut’s mir zu tun.
das mir das mitternachtsmahl gekocht,
allein, du schwiegest weise all meinen
worten, denn die lassen sich nicht
braten im kreis einer pfanne,
wo jetzt das ei-gewusst des schweines
denaturiert oder der kühe,
die ihr haupt senken den schlächtern
wie ich dir hin.
oh ja, ich sang dir vom grabe,
vom balde das tröstende lied.
und wenn nicht, doch dann von den fenstern
den öffnenden klick.
(170907)

Ich ziehe an zwei Bändern, die rot aus meinem Sternum herabhängen,
ich ziehe an einer von Hand in meinen Brustkorb gelegten Schleife.
Ich tue das, weil es mir in den Sinn kommt
als ich im Spiegel sehe, dass sich kleine Buchstaben
auf meinen Lippen profilieren.
Ich ziehe an beiden Bändern, löse einen Zirkus aus,
der mich bauchpinselt, blau-weiß gestreift vom Nabel bis zu den Zehen
versuche ich von hier oben aus
– mich tief in die offene, dunkle Erde hinabbeugend –
möglichst alle grünen Schlangen in meinen Korb zu legen,
die gerade hektisch durch das Gewitter aalen,
die die zwei Clowns, die sich entspringen
sobald sie sich gegenseitig als Leiter zum Himmel zu nutzen versuchen,
in die Grube der Sphinx werfen sollten.
Papageien steigen aus meinem Hintern empor,
fliegen gen Eden.

Bei der Anfahrt mit dem Zug aus Richtung Norden bildet sich die Idee Karlsruhes bereits mit dem Verlassen Mannheims: die landschaftlichen Linien (Tal- und Waldgitter, in denen kaum merklich Schwarzwaldstubenhaftigkeit sich auszuprägen beginnt), der badische Dialekt, dessen Karlsruher Ausformung, das Brigandedeutsch kurz darauf in der residenzstädtischen Bahnhofshalle unmißverständlich die Ankunft besiegelt. Der Dialekt bewirkt eine Verniedlichung seiner Sprecher und der Umgebung, als spiele sich mit Betreten Karlsruhes kein wirkliches, ernsthaft zu bewältigendes Leben ab, als sei alles Puppenkiste, bzw eine virtuelle Welt (wie in der TV-Serie Westworld) für den hochdeutsch sprechenden Provinzbesucher, in der tausende Laienschauspieler die vielgerühmte Gemütlichkeit der Region in gedehnten Frasen unter reichhaltigem Einsatz weicher Endlaute und mit auf ungefähr halbes deutsches Tempo gepolten Handlungen zelebrieren: numme ned huddle (wobei sogar die eigentlich akzelerierenden Doppelkonsonanten entschleunigend ausgesprochen werden können)! Der erste Gang führt entlang des Zoos, dessen Haupteingang der Bahnhofshalle direkt gegenüberliegt. Nirgends sonst findet sich in deutschen Innenstädten eine solch reiche Kombination exotischer Tiere, eines japanischen Gartens und von unsichtbarer Kraft dahingleitender Gondelboote, die von kapitalen Karpfen mit weit aufgerissenen Schlünden verfolgt werden. Ein beinahe magisches Idyll, haftete nicht dem gesamten Zentrum Gemachtheit, Reißbretthaftigkeit, Künstlichkeit, Verwaltungswille an wie einem Ravensburger Brettspiel. Von der das Zoogelände gleich einem Gürtel überfassenden Fußgängerbrücke lassen sich Elefanten betrachten. Einst galten die Tiere als hospitalisiert, heute wirken sie halbwegs therapiert. Pfauen schreien, Kinder und Mütter tun es ihnen gleich. Karlsruher Gezeter besitzt eine dialektale Eindringlichkeit, die an normalltägliche Sprechweisen der schwäbischen Nachbarn erinnert. Das Tier, insonderheit das exotische, spielt in der wunderbaren Vielfalt seiner Ausformungen, die bis ins Fantastische reichen, eine große, jedoch so gut wie überhaupt nicht stilisierte, vielmehr zufällig wirkende Rolle in Karlsruhe. Der badische Greif, ein Adler-Löwe-Hybrid wacht in Stein über den Rondellplatz, im Max-Planck-Gymnasium stand zu unserer Schulzeit ein original Wolpertinger aus den umgebenden Wäldern ausgestopft in einer Vitrine zur lehrreichen Ansicht, das Naturkundemuseum wird flankiert von Flugsauriern und beherbergt eine imposante Japanische Riesenkrabbe, der erstaunlicherweise noch kein eigenes Horrorgenre huldigt. Wo zu unserer Schulzeit fast ausschließlich Urbadener die Straßen bevölkerten, hat der migrantische Anteil stark zugenommen und damit auch die Varianten des Dialekts, den viele Zuwanderer anstelle von Hochdeutsch erlernen. Diese eritreeischen, italienischen, syrischen oder türkischen Einflüsse auf das Brigandedeutsch sind bisher kaum erforscht. Am Werderplatz gruppieren sich um das Indianerdenkmal, das auf einen Besuch Buffalo Bills (sic!) zurückgehen soll, Alkoholiker und Drogenabhängige, die von den Anwohnern, obgleich sie einen großen ausgefransten Pulk bilden, mithilfe genauer Beobachtung in Kategorien geschieden werden. Aus dem Pulk vernehmen wir intellektuelle Sprechweisen auf Hochdeutsch, Russisch und Laute, die dem auf das Allernötigste reduzierten (bzw. oft sich selbst aufs Rudimentäre reduzierenden) Brigandedeutsch entstammen, Laute, die dem Fremden tierhaft erscheinen müssen, dem Einheimischen hingegen als Höflichkeitsflosklen erkennbar sind, die der Badener, je nach Zustand, gern auch mit einer Mischung aus Respekt und Ekel vor ihrer Notwendigkeit zu behaften vermag. Für den Auswärtigen hören sich diese grob nach “idde”, “angge” oder “ao” klingenden, Konsonanten möglichst zugunsten finaler Diftonge verschluckenden Äußerungen an, als seien irgendwo in der Nähe resonanzkräftige Gegenstände aneinandergestoßen, weswegen er die wahren Lautquellen erst nach einiger Gewöhnung entdeckt. Das Wetter ist schwül, auf der Straße verdampfen luzide Schweißlachen. Der Weg führt uns nach Rüppurr, einem der am seltsamsten geschriebenen Vororte Deutschlands, bestärkt durch die Tatsache, daß es sich beim heutigen Namen um eine Abwandlung von Rietberg (=Anhöhe im Schilf) handelt, die weit abseits dialektaler Entwicklungen zu stehen scheint, denn der Dialektname Rüppurrs lautet heute Rieberg. Dadaistische Verwaltungseinflüsse sind bei dieser Namensgebung nicht auszuschließen, auch wenn historisch bisher kein Karlsruher Dadaist nachgewiesen wurde. An der Alb erklingt der hochtönende Ruf des Eisvogels, gefolgt von seinem glitzernden, ins Ufergebüsch einschlagenden Blitz. Bei unserem letzten Besuch erzählte ein Anwohner von einer unmäßig langen Schlange, deren Fotos er Experten des Naturkundemuseums zur Auswertung übermittelt habe, diesmal erfahren wir von den besten Stellen zur Glühwürmchensichtung: das Tierleben drängt in den Outskirts genauso zur Oberfläche wie in der Innenstadt.