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die mich & daß deine

die mich …

die mich
und durchs
ganze haus
laufen, ohne
einer
vom lesen
ab-
und damit
einer menschen-
seele zu
begegnen
& zum leben
vergebens (indarno)
angehalten

ha……sen

 

daß deine …

daß meine
und dann auch
deine
also der pferde
speichel und
das dann
ineinander
glitschte
und wir uns
fragten ob
fliege, du
vielleicht nicht
doch
rauswillst

leis’ nur schwie’n
zunächst
die wasser

ihr “do do do
but I don’t swear”

das zuckerstück

 

Der Silberrücken

Wenn mir vor gar nicht so langer Zeit Leute begegneten, die um die Fünfzig waren, dachte ich immer, Junge, wie kann man so lange existieren ohne durchzudrehen. Mittlerweile weiß ich, es ist tatsächlich nicht so einfach. Jedenfalls, es ist kein Selbstläufer. Man muss sich schon ordentlich anstemmen gegen den Irrsinn.

Der Irrsinn macht sich ja nicht mal die Mühe, sich anzuschleichen. Er trumpft frontal von vorn auf (wenn man übers Mäuerchen der Geriatrie blickt), er kommt total link von links (mit all seinen schlaflosen Nächten), aber am ärgsten sind die Seitenhiebe der Vergangenheit. Diese melancholischen Knackgeräusche. Die machen einem wirklich zu schaffen.

Weil ich den Kopf voller Löckchen hatte, machten sich meine Schwester und meine Cousine einen Spaß daraus, mich zu verkleiden und zu schmücken, sie konnten nicht genug davon kriegen, wenn sie wieder mal auf mich aufpassen mussten. Sie profitierten von meiner fatalen Angewohnheit, still zu halten und alles mit mir geschehen zu lassen, sobald meine große Schwester in der Nähe war.

Sie nannten mich Goldmarie und trugen mir Lippenstift auf, sie behängten mich pfundweise mit Lametta vom Christbaum, sie kicherten albern. Ich hatte keine Chance. Ich war zwei Jahre alt. Ich war ein hilfloses Häufchen Locken in ihren Händen und mein Pimmel war noch nicht groß genug, um sie zu verscheuchen.

Sie schickten mich in immer seltsameren Anziehsachen auf den Catwalk, der durch den langen Flur führte. Einmal pappten sie mir einen ausrangierten Gipsarm ans Bein und ließen mich zu Downtown von Petula Clark den Flur entlang hoppeln, wie ein deppertes Häschen, das die eigenen Batterien leergesoffen hatte. Ich war jedes Mal heilfroh, wenn das Babysitten vorüber war.

Als Teenager hatte ich eine Matte, man konnte mich auf hundert Meter Entfernung von hinten erkennen, nur an der wilden Naturkrause. Ich war ein junger weißer Little Richard, ein Priester der Straße. Und heute?

“Herr Geheimrat! Wo ist dein Afro?!” entrüsten sich Leute, die mich länger nicht gesehen haben. Oder: “Och nö! Deine Frisur ist aber kurz geworden!” Als hätte ich meine XXL-Locken selbst gerodet, aus lauter Lust am Plattmachen. Aber es ist schon wahr. Aus der wallenden Little Richard-Mähne ist gemäßigter Wellengang geworden, es plätschert über den Schädel, und das ärgste: Geheimratsecken fressen sich voran wie Parkplätze in den Urwald. Ein unhaltbarer Zustand. Ich spiele mit dem Gedanken, mich aus Protest an die letzten verbliebenen Riesen zu ketten und zu Tode zu hungern.

“Also, ich finde das sexy”, sagt die Gräfin, als wir nebeneinander vorm Spiegel stehen. “Das sieht so verletzlich aus..”

“Sexy?! Du findest Geheimratsecken sexy?”

“Na.. sexy nicht wirklich. Aber verletzlich. Verletzlichkeit finde ich sexy. So herum ist richtig..”

Erst sexy, dann nicht wirklich sexy, oder doch nur mit Einschränkung sexy, also ich weiß nicht. Früher lagen die Dinge einfacher. Ich hatte ne schöne Matte und die Mädels liefen mir hinterher. Das war besser. Da war ich mein eigenes Naturvolk.

“Blödsinn, das sind doch gar keine richtigen Geheimratsecken. Die kommen erst noch..”, tröstet sie mich.

Na, toll! Weißt du noch früher? Da war ich mein..”

“..eigenes Naturvolk, ja, ja, ich weiß.”

*

“Der ist wie Elvis”, hat Karlos der Gräfin gesteckt, als die mich noch nicht so gut kannte.

“Wie Elvis? Was meinst du damit?”

“Na, wie der in die Kneipe reinkommt. Wie Elvis nach Las Vegas. Wie Harald Juhnke die Showtreppe runter”, gackerte Karlos.

Dabei war das mit Juhnke die Treppe runter nur an meinen schlechten Tagen. Und für den Elvis in mir, dafür kann ich nichts. Das ist der Stenz in mir. Der Silberrücken. Der liegt in der Familie.

Mein Onkel Fitting etwa. Wo er auftaucht, steht er im Mittelpunkt. Auch auf dem Fußballplatz. Als Mittelstürmer tat er früher nichts anderes, als neunzig Minuten lang in der Nähe des Elfmeterpunktes herumzulungern. Wenn die Pille dann kam, und irgendwann kam sie, machte er ZACK! die Hütte und liess sich feiern. Dass er neunundachtzig Minuten nur rumgestanden hatte, lauthals motzend, wo bleibt der Ball?! – geschenkt.

Oder mein Großonkel. Der saß noch im Altenheim während der Besuchszeit locker im Clubsessel und liess seinen Lümmel heraushängen.

“Jetzt packen Sie Ihr verfluchtes Ding da weg!” zischelte die Stationsschwester böse, wenn sie mit dem Vordruck der Pflegeversicherung über den Flur hastete.

“Kindchen”, antwortete mein Großonkel, “das kann man nicht einfach wegpacken. Das ist meine Fröhlichkeit.”

Noch im gesegneten Alter von 94 Jahren liess er in sein Gehwägelchen Leuchtdioden einbauen, damit die Puppen ihn besser sehen konnten, wenn die Dämmerung einsetzte, auf Station. Die Puppen, das waren drei Pflegerinnen aus Thailand. Mit denen war Großonkel so dicke, sie haben sich seine Pension jahrelang durch vier geteilt, bis die Stationsschwester dahinterkam und die Puppen rausschmiss.

Wie auch immer – wer solche Vorfahren hat, wächst in dem Glauben auf, automatisch Vorfahrt zu genießen im Leben. Aber ich will ehrlich sein. Es gibt auch andere Tage. Da hat mein Gang nichts von Elvis Presley.  Dann schleiche ich hinter den Marktständen herum, damit mich niemand sieht. Da gehts mir nicht gut.

“He, Stückchen Fleischwurst?!” fragte mich mal ein Markthändler an einem solchen Morgen, mit aller ihm zur Verfügung stehenden Abschätzigkeit. Er spürte einfach, wie schwach ich war an diesem Tag.

Ein Zaungast am eigenen zertrümmerten Leben.

Als ich wieder in Ordnung war, paar Tage später, bin ich mit Elvis-Schritt und gänzlich anderen Augen an seine Metzgerbude und orderte 250 Tonnen Bock-und Bratwurst für denselben Nachmittag, 15 Uhr, Graceland, Lieferanteneingang.

Mahlzeit, Arschloch.

SCHREIBZIMMER

hier fuhr ich weg, nachdem die Putzfrau gekommen war,
ausnahmsweise an einem Sonntag, was mich im Vorhinein
schon mit einer gewissen Unruhe erfüllt hatte, auch Scham:
ich schäme mich tatsächlich fast immer ein wenig,

wenn sie in meiner Gegenwart putzt, auch wenn ich
ihr dabei nicht zusehe. Ich überlegte, ob ich nicht
schon vorher wegfahren sollte, fand das aber albern
und blieb, bis sie läutete. Sie läutet immer, um auf sich

aufmerksam zu machen, obwohl der Schlüssel in einem Gefäß
bei der Eingangstür liegt. Ich hörte, wie sie das Rad abstellte
und jemanden grüßte. Sie läutete, ich reagierte nicht. Erst
als sie schon im Bad stand, schob ich die angelehnte Tür

des Schlafzimmers auf und stellte mich vors offene Bad.
Sie trug bereits ihre gelben Arbeitshandschuhe, sprach
bedauernd darüber, dass sie noch immer keine eigene Unterkunft
gefunden hatte, allerdings auf eine Gemeindewohnung warte

und währenddessen alles Angebotene in Kauf nehmen würde.
Ich schlug ihr ein Essen in einem Lokal in der Nähe vor, aus Anlaß
ihrer Schtaasbiagschaf. Manchmal sagte sie auch Schtaasbüaga,
Schtaasbiaga oder nur Biagschaf. Oft halte ich sie von der Arbeit ab,

um mit ihr zu reden, schon wegen der neuen Wörter,
die von ihr zu lernen sind, ihrer ureigensten Grammatik.
Noch immer denke ich daran, mich mit ihr einmal zu treffen
und Sprachaufnahmen zu machen, wegen ihrer ständig

in Bewegung befindlichen Deutschsprachwortbildung.
Also genug Grund sich zu schämen, wenn sie Staub saugt,
Staub wischt, Fenster putzt, alles in der Küche und im Bad
Befindliche zur Reinigung in ihre behandschuhten Hände nimmt.

Gestern lud ich sie gleich auf einen Kaffee oder Tee ein.,
Und danach: Apfel oder Kuchen? Und wie so oft sagte sie: Schpäta,
noch Oawat. Ich sagte: Tschüß, nachdem sie erwähnt hatte,
dass auch ihre zweite Tochter die Biagaschaf anstrebt,

jetzt, nachdem sie von ihrem Mann, der ein Jahrzehnt –
rauchend und fernsehend – die Scheidung verhindert hat,
endlich weg ist. Im Auto war zuerst nicht klar, ob ich
zum Training oder gleich zum Schreibzimmer fahren sollte.

Ich übersah dort den Staub auf dem Fensterbrett, die staubigen
Gläser, die Flasche mit dem fast farblosen Cola, die Staubschlieren
auf den Scheiben, den Staub und die Flecken auf dem Boden.
Zuerst musste ich Zeitschriften und Bücher vom Bett entfernen.

Dann zog mich aus, legte eine Decke und zwei Pölster
auf die bloße Matratze. In der „Krone“ bekam ich prompt
14 Punkte für meine Selbstkontrolle, 12 für meine Neigung
zum Genießen, was mich höchst erstaunte, aber nur 8

fürs Sich-Gehen-Lassen. Außerdem las ich noch
einen der stets lehrreichen Artikel der Gerti Senger. Diesmal:
Wie schnell ein Mann kommen soll. Was es bewirkt,
wenn er zum schnellen Orgasmus aufgefordert wird.

Ich erinnerte mich an einige Frauen, bei denen ich ähnliches
erlebt hatte. Eigentlich nur kontraproduktive Erfahrungen:
zuerst das Ausdauertraining, so lange, bis es Spaß machte;
dann – und das war gewiss keine Wahl – ab und zu solche,

die entweder nach kurzer Zeit kamen – vielleicht das nur spielten –
oder auf längeren Sex überhaupt gar keinen Wert legten.
Dazu fiel mir gleich das Gegenbeispiel ein, eines, an das ich
bei solch flüchtigen Reminiszenzen immer denken muss:

Schriftstellerin, die DDR-Frau – damals für mich – in Person.
Sehr dünnhäutig, sehr labil, frauenpflegerisch, aufgebaut
von Volk und Welt, ihr Werk über fünf Jahre lang finanziert
und auf Lesbarkeit zurechtgestutzt. Wohnung beim Alexanderplatz,

Laube in Adlershof, weit draußen. Wie sie dort kochte, wie sie
Weniges viel erscheinen lassen konnte. Wie sie mich scherzend
durch den Osterwald zog, über stromführende Schienen.
Sie kam schon im Linzer Hotel, noch in der ersten Nacht,

mehrmals, auch für sie überraschend. Und die anderen Male,
in ihrer Plattenbauwohnung im ersten Stock, in ihrem kurzen,
viel zu harten Bett: sie hielt durch trotz ihrer oft eingetretenen
unerklärlichen Ohnmacht. Sie genoss es und trieb es voran.

Erstaunlich, dass sich jetzt grad das, was sich mehr in Briefen
als am realen Lebensort abspielte, gleich in den Mittelpunkt
gerückt hat. Erstaunlich, wie wenig Konkretes – Gerüche,
Gefühlsintensität, unwiederbringliche persönliche Details –

von Ehen, Seitensprüngen und Abenteuern verschiedenster Art
geblieben ist. Erstaunlich diese völlig unerwünschte Schrumpfung
auf eine Gefühlsminiatur, ein Konzentrat, in dem sich so vieles
mischt, zu dieser Gefühlseinheitsfarbe, Blaurotgrüngrau.

Bedenkenloses Vergessen durchzieht die Tage und wird beklagt,
zugleich auch mit einem gewissen Genuss gefördert. Ich schaue
nicht zurück, so die Prämisse. Ich schaue zurück, doch nur kurz,
um mich des Zurückschauens vorsorglich zu entledigen.

Im „Standard“ las ich über zwei Arten, Krieg zu führen –
jene der Briten und die der Amis. Die Amis töteten
Frauen und Kinder, um die Bewohner zu schocken
und so leichtere Durchfahrt zu haben; die Briten

schossen zuerst in die Luft, dann in den ersten Reifen,
in den zweiten usw., bis sich das Auto nicht mehr bewegte.
Nun der Bericht über die Neocons, die unter anderem hoffen,
dass sich der Irak vorbildhaft zur Demokratie entwickelt,

die sich danach wie eine hormonelle Kaskade auf die ganze Region
ergießt und so den Amis einen weiteren Krieg erspart.
Schließlich der Artikel über die mehr als 1000 Juden 1939
im Praterstadion, vor dem Abtransport noch wissenschaftlich

vermessen, und Winds of Life. Destinies of a Young Viennese Jew,
das Buch des einzigen Überlebenden. Schwierig, mich zu konzentrieren –
– zwar Sonntag, aber wie hätte ich vergessen können,
dass hinter der Mauer, an der die Anrichte der Tante steht,

ein Mann lebt, der Heavy Metal hört oder sich Pornovideos
reinzieht. Gestern hörte er Black Sabath, so laut, als wäre
zwischen ihm und mir nur eine dünne Mauer. Plötzlich
merkte ich den Kopfschmerz. Ich stand auf, ging zur Anrichte,

wo oben alte Kassetten lagen, aber auch Ordner, Schachteln
mit Briefen und Zeitungsausschnitten, und darauf Fotos,
die in Klarsichthüllen steckten, auch sie staubig, vielleicht
voller Bakterien – ohne dem Impuls nachzugeben,

sie vorher zu betrachten, um mich der Erinnerungsbilder
an Wanderungen durch Städte, Bergbesteigungen, Fernflüge
zu vergewissern. Ich wischte sie feucht ab, noch immer im Schwanken,
ob ich den Nachbarn von meiner Anwesenheit informieren sollte

oder das Schreibzimmer so schnell wie möglich verlassen.
Inzwischen hatte es drüben mehrmals geläutet, ohne dass sich
viel änderte: neue Band, raues Gebrüll mit Hall. Zwischendurch
auch weniger Aufdringliches, das sich aber nicht durchsetzte.

Plötzlich gabs eine Pause, und ich hörte zwei männliche
Stimmen, ohne zu verstehen, was sie sprachen. Sie standen
etwa einen oder eineinhalb Meter von der Mauer entfernt,
und schon das verzerrte ihren Dialog zur Unverständlichkeit.

Ich sah auf den Wecker auf dem Kasten der Großmutter:
die Zeiger waren ein paar Minuten vor 13 Uhr stehengebliebelieben,
an irgendeinem Tag, nicht in meiner vergesslichen Gegenwart.
Ich war noch immer bloßfüßig, der Staub auf dem Boden

gab mir den Impuls, daran zu denken, hier aufzuwischen,
auch die verschmierte Waschmuschel im winzigen
Vorzimmer zu reinigen, die Klobrille. Keine Ahnung,
wann ich dort das letzte Mal gesessen war. Ich rettete mich

mit dem Gedanken, dass ich ja jemanden einladen könnte,
um mich so zum Wischen, Staubsaugen und Putzen zu motivieren.
Einen Moment lang dachte ich an die Putzfrau: wie sehr ich mich
schämen würde, wenn sie sich hier vor meinen Augen

in dieser Enge bücken müsste. Wohin ich dann gehen sollte.
Wie ich ihr diese Verwahrlosung überhaupt erklären könnte.
Es war klar, nie würde ich ihr vom Schreibzimmer erzählen,
in keinem Zusammenhang. Währenddessen war die Musik völlig

verstummt, und die Stimmen waren ganz leise geworden. Die beiden
Männer – ich wusste nicht, in welchen ich mich versetzen sollte,
würde ich die Situation umkehren wollen –, hatten sich offenbar
ins Wohnzimmer oder in die Küche zum Essen zurückgezogen.

Ich wollte sie animieren, die Wohnung zu verlassen,
und zwar genau in dem Moment, wenn ich die Tür öffnete
und auf den Aufzugknopf drückte. Gewöhnlich
stand der Aufzug, wenn ich hinaustrat, nicht im letzten Stock,

sondern darunter, oft im Erdgeschoß oder im Keller. Also gab es
noch einen Spielraum, eine Chance für den Zufall,
die von mir vorgestellten Gesichtsfragmente zu korrigieren
und zu realen Gesichtern zusammenzufügen, fürs Protokoll.

Der Lift kam nicht. Ich schaute nach links, eine Schachtel
mit Abfall vor der Wohnungstür. Die ging nicht auf, ich läutete nicht,
stellte mir nur ein Auge vor, das mir knapp über dem Kopf folgte,
bis ich beim Eingang angekommen war, wie üblich im Laufschritt

(Sonntag, 18.05.2003, 15.30 Uhr)

(Erschienen in: Schreibzimmer, Edition Korrespondenzen, 2012)

Galatea

Die betuchteren Gebiete der Fantasie. Tatsächlich bekommt das alles etwas sehr Unwirkliches, verglichen mit der Realität. Sitzt man im Garten als Texter und begegnet den Textverwaltern, den anderen Redakteuren. Mein Gesang wirkt schief, undeutlich, im Grunde auch lächerlich (ich hüpfe in ein anderes Leben, ich kann nur noch extrem). In der Nacht hatte ich eine Gitarre auf dem Rücken, und sang mit Stöpseln im Ohr einen Lemonheads-Hit mit; ein junger Mann überholte mich und wollte mich gleich für einen Auftritt engagieren, ich gab ihm meine Nummer. Into your arms, oho. Man muss sich auf etwas einlassen, sagte mir dann jemand anderes am Telefon, dann macht man auch keinen Fehler. Ja, sagte ich erstaunt. Ja.

„Die Einnahme von Lüttich“ ist auch ein guter Titel.

Spielfilmhandlung (Kreuzersonate): Mann begehrt kaltherzige Frau, macht ihr einen Heiratsantrag, dem sie überraschend einwilligt. Frau bleibt nach der Hochzeit aber so kalt wie zuvor. Er beginnt, andere Männer zu vermuten, ihr nachzustellen, manisch eifersüchtig zu werden.

Bessere, aktuellere Handlung: Nach der Hochzeit stellt der Mann fest, dass er sich getäuscht hat. Sie ist nicht die Richtige. Er stellt eine Kaltherzigkeit an sich fest, die ihn überrascht und mehr als nachdenklich stimmt. Fortan sucht er sie zu vermeiden oder blickt sie nur mehr traurig an; was wiederum nach und nach ihre Leidenschaft weckt. Entfacht. Entflammt (sic!). Jetzt ist sie es, die ihn zu gewinnen sucht, ihm gefällig wird, sich um ihn bemüht. Vergebliche Liebesmüh. Bald beginnt sie, ihn zu verdächtigen, ihm nachzustellen, rasend eifersüchtig zu werden.

Auftakt einer Paranoia-Reihe.

Gegen Mittag verließ sie das Hotel. Es schien sie niemand zu verfolgen. Die Menschen verfolgten andere, eigene Ziele. Der Himmel gab sich gescheckt. Die Sonne schien minutenlang auf den glänzenden Asphalt und verschwand wieder. Tauben hingen in der Luft wie Marionetten. Ein Mann mit Kinderwagen ließ sich Feuer geben. Die Bewohner des anliegenden Viertels standen vor ihren Häusern und warteten. Kioskbesitzer und ihre Söhne, Getränkelieferanten und Taxifahrer, Imbissbudenbetreiber und ihre Angestellten, Tagelöhner, Säufer, gewöhnliche Arbeitslose. Worauf sie alle warteten, wurde nicht klar. Sie hatten mit ihren Leben abgeschlossen, schien es, und lebten jetzt auf den Tod hin. Franziska bog um die Ecke.

Dann eine Erinnerung, ein Stechen, ein unwillkürliches Gefühl. Hier in der Nähe hatte sie einmal gearbeitet. Vor siebeneinhalb Jahren. In einer kleinen Idylle voller Topfpflanzen und Arbeit, die ihr nichts bedeutete. Schattiges Dasitzen unter launigen Chefs und rauchenden Kollegen in einer umgestalteten Altbauwohnung. Sie schaute das Haus hinauf, das Haus trug Markierungen, ein Panikschub kündigte sich an. Sie wandte sich ab und lief in die andere Richtung.

Ein Junge stellte sich ihr in den Weg. Weißes T-Shirt mit Aufdruck, irgendeine Frisur. »Haben Sie eben einen Punker gesehen?«
»Nein, tut mir leid.«

Parkhausfluchtwege. Nichts geht ohne Vermittlung. Wieder musste sie an ihn denken, nicht an Gregor, sondern an ihn, aber sie wollte ihm partout keinen Namen geben, sie wollte nicht an ihn wie an einen Mann mit Namen denken, allerhöchstens dachte sie sich einen falschen Namen dazu, einen Namen, der gar nicht zu ihm passte, einen lächerlichen Namen wie Gregorij. Das rare Gefühl, das flüchtige Gefühl von Verwirrung ob der Existenz einer anderen Person, natürlich fast ausschließlich eines anderen Geschlechts.

»Zeigen Sie mir Ihre Brüste?«
»Nein, auch das nicht.«

Sie hatte ihm einen Brief schicken wollen, na ja, man schrieb bereits das Jahr 2014, also eine Mail. Die Zukunft hatte keine schwebenden Autos gebracht, nur schwebende Verfahren, und Post, die elektronisch vermittelt wurde. Sie hatte fragen wollen, ob er nie dieses Gefühl vermisst habe, das er doch mit ihr gehabt habe. Ob es in späteren Zeitläuften tatsächlich um sie gegangen wäre. Statt um das Gefühl. Ob man nicht viel mehr ein Gefühl vermisst, und dann in der Welt herumsucht nach jemanden, der einer noch einmal, nur noch einmal dieses Gefühl vermitteln konnte. I searched the whole wide world just to find it: you can’t beat this feeling. Don’t fight it, feel it.