Archiv der Kategorie: Ausgabe 01/2017

Das Kapital, schon immer, und nix als das Kapital. Oder: Hiob und Marx.

Ludwig Feuerbach schreibt in Das Wesen des Christenthums folgendes: „Die Religion, wenigstens die christliche, ist das Verhalten des Menschen zu sich selbst, oder richtiger: zu seinem Wesen, aber das Verhalten zu seinem Wesen als zu einem andern Wesen. Das göttliche Wesen ist nichts andres als das menschliche Wesen oder besser: das Wesen des Menschen, abgesondert von den Schranken des individuellen, d.h. wirklichen, leiblichen Menschen, vergegenständlicht, d.h. angeschaut und verehrt als ein andres, von ihm unterschiednes, eignes Wesen – alle Bestimmungen des göttlichen Wesens sind darum Bestimmungen des menschlichen Wesens.“ (Ludwig Feuerbach: Das Wesen des Christenthums. Dritte Auflage, Leipzig 1849, 2. Kapitel. [1. Auflage 1841]) Aber wir wollen uns nicht auf Zitate stützen, sondern fragen, was denn heute in der westlichen Welt dieses Wesen sein kann bzw. ist, das vom Menschen angeschaut und verehrt wird als „ein andres, von ihm unterschiednes, eignes Wesen“. Wenn die Statue des Königs der König selbst ist, und man also den König anpinkelt, wenn man gegen die Statue uriniert, wenn im antiken Griechenland und Rom die Statue des Gottes oder der Göttin immer sie selbst sind als göttliches Wesen, also das mit dem Urinieren auch hier gilt, was ist dann in unserer westlichen Moderne die berühmte Sängerin oder der berühmte Fußball- oder Fernsehstar? Denn, machen wir uns nichts vor, angepinkelt wurden die Angebeteten immer schon auch, nicht nur verehrt, und dies, beides!, heutigentags vielleicht krasser denn je, nimmt man nur (einerseits) das Wort shitstorm als den passendsten Ausdruck ever. Schon der biblische Hiob hat Gott, ganz zurecht, angeschissen, weil dieser wegen einer Wette mit dem Teufel es zuließ, dass des Hiobs Familie ausgelöscht, sein Besitz vernichtet und seine Gesundheit ruiniert wurde. Am Ende muss der von Hiob angeklagte Gott gegen sich selbst als Täter zu Gericht sitzen und verurteilt sich selbst zu Reparationsleistungen, neue Frau, neue Kinder, prima Gesundheit und alles Besitztum doppelt zurück. Doppelt!! Einfach hätte ja wohl auch gereicht, oder? Und da liegt schon eines der Probleme und die üble Wurzel des Kapitalismus. Übrigens: Hätte Gott ganz zeitgemäß die Todesstrafe als Urteil festgesetzt, so hätten wir heute diese ganzen Scheißprobleme nicht mit der absolut ungerechten Verteilung des Besitzes und der Produktionsmittel auf diesem Planeten – aber nein, aber nein, aber nein, Gott als der ultimative Oberkrösus kauft sich praktisch frei, macht einen Einzelnen, also Hiob, wieder zum wohlhabenden, zum doppelt wohlhabenden Mann und nimmt ihm so alle Wut und Energie und also den Antrieb, aufgrund der gemachten Erfahrung mit Besitz über eben das Besitztum als solches nachzudenken und eine Schrift dazu zu verfassen, nämlich Das Kapital. Etwa zweitausendzweihundert Jahre, bevor Karl Marx den Widerstand gegen diese Verteilungspraxis von Besitz und Kapital wieder aufnahm, hätte Hiob (andere Schreibweise: Job) zum Begründer einer gerechten Weltordnung werden können, was dann etwa vierhundert Jahre später ein gewisser, von Gott aus seinem schlechten Gewissen heraus geschickter Jesus von Nazaret wieder hätte tun können, aber auch dieser hinterließ keine eigenen Schriften und hatte (wie Hiob) leider auch keinen kongenialen Schriftsteller zur Seite, so wie Sokrates, der sich ebenfalls geweigert hatte, seine Gedanken zu verschriftlichen, mit „seinem“ Platon. Gegen die Schriften Platons sind die meisten biblischen Texte krude und fordern kaum einmal zum selbständigen Denken auf, während allein der Bericht Platons über die Anklage des Sokrates, nach der er durch seine Reden die Jugend verderbe, schon die klarste Vorlage bietet, über Herrschaft, Gerechtigkeit, Tod und vieles weitere nachzudenken. Und heute gilt es eben wieder nachzudenken und damit den Lauf der Dinge zu ändern, bevor all die Fullsize-Kapitalisten und selbsternannten Götter dieses Planeten es getan haben werden und noch krasser als zuvor weitermachen mit dem Töten von Menschen und dem Ruinieren der schönen Erdkugel. So. Das dazu!

Dieser Text ist in freier „kleistscher“ Gedankenassoziation entstanden und ohne Unterschrift gültig.

Kry, Mimi, kry …

[…] beweist die geheime Gesellschaft für detektierbare, aber nicht mit menschlichen Sinnen wahrnehmbare Phänomene (AFDBNPP), die uns gewiss noch alle ins Grab bringen wird, die Existenz eines Tieres oder vielleicht sogar menschenähnlichen (!) Lebewesens. Es ist auf der Erde zuhause, scheint sehr anpassungsfähig zu sein, bewohnt jedes Habitat, wiewohl noch kein Mensch je bewussten Kontakt mit ihm gehabt hat (außer den Mitgliedern der Gesellschaft für etc.) Das X ist  mit dem Geiger-Zähler erfassbar. Ebenso ist seine Eigenschaft nachgewiesen, auf Eisen abstoßend zu wirken, zumindest fallen Gegenstände aus diesem Metall an ihm runter, als sei Magnetismus eine pure Erfindung irgendwelcher Schreiberlinge, die sich dann bewahrheitet hat. Kann das Wesen aber zum Beispiel in Gefangenschaft gehalten werden? Spuckt es unter Folter Geheimnisse aus? Hat es Angst vor Waterboarding? Könnte es durch diese Angst identifiziert werden? Wir wissen es nicht. Das X zeichnet sich jedenfalls durch die Fähigkeit aus, sich zu bewegen, doch weiß man nicht, ob es Beine besitzt oder besitzen muss, um X zu sein. Andererseits erfahren wir aus dem Artikel, der hier rudimentär wiedergegeben wird (vielleicht ist dies hier der die Fakten rudimentär wiedergebende Artikel), dass X Laute im Infraschallbereich von sich gibt. Und: Es verdaut offensichtlich (unabsichtlich?) Pollen oder Plastikteilchen, irgendwas mit P. Sie fragen sich, warum dieser Vorgang nicht sichtbar ist, wenn das Wesen selbst sich doch der Sichtbarkeit entzieht? Müssten wir dann nicht sehen, was in seinem Inneren vor sich geht? So viel passiert (p), das wir uns nicht erklären können. Ja, dergleichen passiert immer mehr, es muss mithin eine Überpopulation (PP) des Wesens X in Betracht gezogen werden. Jedenfalls aber gilt: Unsichtbar ist nicht transparent. Die beiden Eigenschaften als gleichbedeutend zu betrachten, wäre verfehlt. Ja, es gibt zwei Wörter, zwei Eigenschaften. Man könnte vielleicht sagen: Dieses Lebewesen nimmt jeweils das Aussehen jenes Teils der Umwelt an, den es verdeckt […].

Das Dogma des Textes und die Freiheit des Lesers

Als Leser sehe ich es gar nicht ein, mich auf eine bestimmte Art von Literatur festzulegen. Weder auf eine Gattung, noch auf einen bestimmten Stil. Weder bin ich Krimileser, oder Sachbuchleser, noch Lyrikleser oder irgend ein anderer Spezialleser. Das funktoniert nämlich bei komplexen organischen und geistigen Strukturen nicht so einfach mit der Triebbefriedigung. Von wegen: dieses Brötchen hat geschmeckt, ich ernähre mich von nun an nur noch von solchen Brötchen. Irgendwann wird alles fade, und man erinnert sich sehnsüchtig an den Moment, als der Geschmack neu und überraschend war.

Etwas anderes ist es für mich als Autor. Da halte ich an Stoffen fest und teste Formen aus, dass es den Anschein von Dogmatik haben könnte. Nicht nur den Anschein. Es ist dogmatisch, sich in einen Stoff zu verbeißen, alles aus ihm herauszupressen. Die Form als Schraubzwinge. Und es macht Spass.

Das Eine hängt, vermute ich, mit dem Anderen zusammen. Das Dogma des Textes und die Freiheit des Lesers bedingen einander.

Vom Sprechen und vom Schweigen

Heute Morgen nahm ich das rote, samtige Schmeichelkleid vom Bügel. Gegen den von der Nacht noch durchweichten Morgen und als Rebellion gegen die Melancholie. Ein Wort, das ich letzte Woche den beiden jungen Somaliern beigebracht habe, die in meiner neuen Schreibgruppe waren. Auch die Afghanen mochten es. Alle Jugendlichen, die erst seit ein, zwei Jahren im Land sind, lassen sich von meinen Synonym-Trainingseinheiten begeistern.
Wörter, sage ich immer, sind eine Art Schmuck für eure Persönlichkeit, der euch nichts kostet. Lernt jeden Tag ein paar besondere und die Leute, denen ihr begegnet, werden mehr Geduld mit euch haben. Man wird auch neugieriger auf euch werden. Ihr könnt noch nicht gut genug Deutsch, um eure Persönlichkeit richtig zeigen zu können. Umso wichtiger sind die Wörter, die ihr verwendet, die Auswahl, die ihr trefft: Überrascht die Menschen, mit denen ihr sprecht.
Es gab, neben der Melancholie, noch ein anderes Wort, das die Gruppe mochte:
Charmant.
Grell mochten sie auch.
Dafür hab’ ich nun endlich kapiert, wie man Vallah verwendet. Es heißt so viel wie: ich schwör’s.
Zumindest haben es mir die Jungs so erklärt. Sie veräppeln mich ja auch manchmal. Ich werd’ das bei meiner nächsten Gruppe noch einmal überprüfen mit dem Vallah…

Die einzige Frau, von der ich in diesem ersten Monat des Jahres etwas hatte lernen wollen, hat auf meinen Brief bereits am darauffolgenden Tag geantwortet. Ich lernte sie vor drei Jahren kennen. Sie war der Ankerpunkt einer Gruppe, die sich an meinem bevorzugten Meditationsort zusammengefunden hatte, um gemeinsam in ein großes Inneres hineinzuhorchen, meist schreibend. Gelegentlich lasen wir einander vor. Reaktionen auf diese Lesungen fanden im Schweigen statt. Blicke, minimale Handbewegungen, fast unmerkliche Veränderungen in der Körperspannung der Zuhörenden. Das war die Absprache: nicht zu sprechen.

“Ich hätte zu gerne weiter geschwiegen, hatte eine besondere Intimität während dieser Tage empfunden. Sie ging verloren, als der Kurs endete und alle anfingen, Erfahrungen und Eindrücke auszutauschen. Zu früh, zu drängend, wie um etwas nachzuholen.
Ich hatte nichts nachzuholen.
Sprechen ist immer Verblendung, selbst wenn man sich viel gute Mühe dabei gibt.
Ich schreibe lieber. Ist natürlich auch Verblendung, aber wenigstens grätscht mir niemand dazwischen.“

Das, unter anderem, hatte ich ihr geschrieben. Und sie um etwas gebeten, das ich in ihr, der älteren, sah und mir aneignen wollte.
Sie lehnte ab.
Ich respektiere das. Sie hat eine Form des Teilens entwickelt, die ihr entspricht, eine Form des Lehrens. Eine andere mag sie mir nicht anbieten.
Vielleicht hätte ich an ihrer Stelle genauso entschieden.

Ich bin gerne mit Menschen zusammen. Ich finde nur, es wird meistens zu viel gesprochen. Während dieser Verbalisierungen geht es fast andauernd um Macht. Um die unsichtbare Hackordung. Darum, die eigene Wahrnehmung im anderen unterzubringen, möglichst schnell, möglichst effektiv.
Das muss gar nicht so brutal sein, wie man es im dialogischen Schnellfeuer der Alphatiere oft beobachten kann. Das Ganze funktioniert subtil genauso – und genauso gut, wenn nicht sogar besser. Sprechen ist, aus meiner Erfahrung, ein andauerndes Kräftemessen.

Von dem ich mich keineswegs ausnehme. Doch es strengt mich – außerhalb meiner pädagogischen Arbeit – immer mehr an. Ich spüre den Wirkungen nach, die von bestimmten Sätzen und verbalen Gesten ausgehen und bin verstimmt wie eine nasse Geige.
Meine private Kommunikationsregel rettet mich vor dem Gröbsten: Nach spätestens drei Stunden ziehe ich mich aus jeglichem Gespräch zurück, sei es persönlich oder beruflich.
Ich klinke mich aus. Lasse erst einmal wirken, was im Austausch geschehen ist.

Das Wirken lassen und Nachspüren könnte auch bereits innerhalb von Gesprächen stattfinden. Tut es aber nicht. Weil die meisten Menschen meiner Erfahrung nach keine Pausen aushalten. Kein Schweigen. Empfinden sie Schweigen wie einen Sog, der ihnen alles unter den Füßen wegzieht, was sie zuvor mühsam mit ihren Worten etabliert haben?
Für mich ist es das Gegenteil. Ich liebe die pure Gegenwart, die Menschen ausströmen können, wenn sie endlich einmal den Mund halten und einfach nur d a sind.

(((Das rote Kleid wirkt bereits. Eben wird der Tag licht.)))

all work a nocturnal jayplay

  All work and no play makes Jack a dull boy

  All work and no play makes Jack a dull boy

  All work and no play mmakes Jack a dull boy

v All work and no PLay ma es Jack a dull boy

  All work and no play makes Jack a dull boy

  
  All work and no ply mAKes Jack a dull boy

  All work and no pllay makes Jack a dull boy

— variatio 1 —

  All work and no play makes Jack a dull boy

  All work and no play MAcKEs dull Jail boy

  All works no play makes Jack a dull boy

v All work and no play mikes Jack a dull boy

  All work and no play makes Jack a dull boy


  All work and no dull makes Jack play boy

  All work and no play makes Jack a dull boy

— variatio 2 —

  All work and no play makes Jack a dull boy

  All work but no play dull boy makes Jack

  All words’ no play makes Jack a dull boy

v All work and Jack’s play makes dull boy

  All work and no play makes Jack a dull boy



  All work’s nocturnal play makes Jack dull boy

  All work and no play makes Jack a dull boy

(170201 – found footage: stanley kubrik: „the shining“)