Archiv der Kategorie: Ausgabe 02/2014

Soldier of Love

you got this strange defect on me
and I like it
you make my world seem wrong
you make my darkness shine, oh yes
I got this strange effect on me
and I like it

Song 1
Song 2

Philip Roth, Exit Ghost:
„Mein erster (…) Eindruck war der von einem Mann, der das Opfer einer generellen Verwirrung war – mit achtundzwanzig bereits gedemütigt durch die mangelnde Bereitschaft der Welt, sich seiner Kraft und Schönheit und den dringenden persönlichen Bedürfnissen, denen sie dienten, bereitwillig zu unterwerfen. Das war es, was aus seinem Gesicht sprach: die wütende Erkenntnis eines unerwarteten, gänzlich lächerlichen Widerstands.“ (S. 110)

Wir ließen das Forsthaus zurück. Zwei Bilderbuchfamilien ersetzten uns. Eine Zwölfjährige hatte noch von ihrer ersten E.-A.-Poe-Lektüreerfahrung erzählt. Es ging um Kannibalismus, glaube ich. Während dieser paar Tage hatte ich ständig Verdauungsprobleme. Zwei warme Mahlzeiten pro Tag und der übliche Feierabendunsinn. Ich habe auch mal wieder ein Kilo zugenommen. Ich habe seit Tagen in keinen Spiegel gesehen.

„Mir hast du krank besser gefallen.“
„Was soll das heißen?“
„Du hast nicht alle mit deiner Sichtbarkeit verschreckt.“

Mir gelang ein Foto. Kirsten Dunst setzte sich auf mein Gesicht. Wie eine Wespe. „Zu nackt fürs Vaterland.“ Später richtete sich ein ganzer See nach ihr (sie war als Einzige im Wasser). Man liest ihren Namen auf Barkassen, auf Gedenktafeln. Diskretionen vs. Quäkquellen. Als wir flach im Kornfeld lagen, ordentlich bekifft, und Änderung so möglich schien, ein Indieluftsprengen der dörflichen Welt. Daran erinnerte ich mich. An Narrenkappenträger in den Nachtbars in der Sommerzeit. Damals, bevor uns die Maschinen kriegten.

„Ich will eine SMS von dir.“
„Warum? Magst du keine Telefonate?“
„Ich kann deine Stimme nicht hören.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Das musst du auch nicht. Sagen wir so: Die Maschinen stehen woanders.“

Über der Kleinstadt ging ein Gewitter herunter, während wir unter dem Dach der kleinen Bushalte saßen und auf den Rufbus warteten, der dann ein Taxi war und uns für zwei Euro zum Bahnhof brachte. Dem Fahrer fehlten Kleingeld und ein guter Blick für die eigene Körperpflegebedürftigkeit. Wir sahen dem wackelnden Wald zu und schwiegen die Fahrt über. Wir fuhren zurück, endlich. Hinter Angermünde öffnete sich der Himmel. Wir fuhren zurück, in eine Stadt voller Taxis.

Die Welt ist groß, aber kleinteilig.

Es fehlt eine Geschichte. Die von der Amnesie nach der durchrauschten Nacht. Eine weitere Nacht mit vielen Intoxikationen, eine Nacht in einer Bar ohne Filter, mit Sternschnuppen, mit gedämpften Frühlingsgefühlen. Jedenfalls, zu merken war nicht viel, viele Gläser, viel Gespräche, ein Zucken in den Augenlidern, ein Blick wie aus einem Wäschekorb, und irgendwann stand ein Taxi an der Straße. Die Lichter der Großstadt, die über die Heckscheibe wandern. Ein französischer Film. Eine bewusstlose Nacht. Am nächsten Morgen klingelt das Telefon. Ein Körper, der die Decke zur Seite schlägt und Schritte macht. Eine Tür wird geöffnet. Ein Gespräch angenommen. Der ideologische Staatsapparat ist dran. Zu hören sind nach ein paar Floskeln und Formeln weiter nichts als ein Rums und das Geräusch des Auflegens. Und dann fiel die gesamte Gedächtnisleistung aus. C’est pas vrais, doch, genau so.

novela corta #48

vier meer aquarelle

eigentlich wollte der kobboi heute auch mal ein selfie machen, aber er schaffte es nicht. ob es an der rauen see lag oder ob ihm die koordination fehlte, konnten wir nicht feststellen.
fest steht, dass katharina vasces gerne ein portrait von ihm hätte. was er wiederum nicht verstehen kann, denn lebendige gesichter brennen sich regelrecht in seinen kopf. so hat er frau vasces natürlich immer bei sich.
nun geht er zum leuchtturm, um sich real bei katharina vasces zu zeigen. irgendwann bleibt sein gesicht in ihren gedanken hängen – jedenfalls hat sie ihn bisher immer wiedererkannt.

Die Rapunzel-Sabine ist auf Facebook! (DREI SABINEN)

Die Rapunzel-Sabine tauchte nach über 20 Jahren wieder in einer Facebook-Gruppe auf. Nach ihrem Profilbild hätte keine sie erkannt. Es war unscharf und im Gegenlicht aufgenommen, eine etwas mollige Frau in einem zu engen, silbrigen Spaghetti-Träger-Top, von dem die Bohnenstangen-Sabine jeder Frau über fünfundvierzig, die nicht regelmäßiges Hantel-Training machte, abraten würde, falls die Bohnenstangen-Sabine sich jemals die Mühe gegeben hätte, anderen Frauen Ratschläge zu ihrem Outfit zu erteilen. In Wirklichkeit urteilte die Bohnenstangen-Sabine zwar scharf, behielt das aber für sich.

 

Die Facebook-Gruppe hatte der Norbert gegründet, aber vielleicht hatte er es auf Anraten oder gar Befehl von Claus getan. „Wir aus der Milchau“ hatte der Norbert die Gruppe genannt, aber praktisch jeden und jede eingeladen, die er kannte, also zum Beispiel auch alle die gar nicht aus Haselberg kamen, sondern nur mit ihm in der Kreisstadt aufs Gymnasium gegangen waren. Die Gruppe war offen und die Mitgliedschaft schnell gewachsen. Die kleine Sabine war natürlich von Anfang an dabei gewesen, schließlich war sie die Frau vom Norbert und als „Mädchen für alles“ in seinem Reisebüro direkt gegenüber dem Rathaus saß sie im Zentrum von Klatsch und Tratsch. Schon nach wenigen Wochen hatte die Gruppe fast 1000 Mitglieder, was vor allem dem Claus zu verdanken war, der zu den ersten zehn gehörte, die der Norbert eingeladen hatte. Böse Zungen behaupteten, dass der Claus den Norbert instruiert habe, die Gruppe als ein Wahlkampfplattform für ihn zu installieren. Wenn das stimmte, war es jedenfalls geschickt gemacht. Erstens war der Claus, als der Norbert die Gruppe gründete, gar nicht im Wahlkampf gewesen, sondern mitten in einer Legislaturperiode. Und zweitens wurde auf der Plattform am Anfang gar nicht über Lokalpolitik gepostet, sondern bloß alte Fotos aus der Milchau oder neue Fotos von der Umgehungsstaße, der das High End, die altersschwache Disko am Ortseingang, im vergangenen Sommer zum Opfer gefallen war. Der Claus likte die alten Fotos, wenn er jemanden darauf erkannte und hielt sich ansonsten zurück. Trotzdem traten viele nur seinetwegen der Gruppe bei, weil sie es als Gelegenheit ansahen, öffentlich anzuzeigen, dass sie den Claus sozusagen „privat“ und „von früher“ kannten und also einen Draht zu ihm hatten, was, wie viele sagten, „jedenfalls nie schaden konnte“.

 

Und plötzlich war da die Rapunzel-Sabine aufgetaucht. Wie aus dem Nichts. Die Bohnenstangen-Sabine war von der kleinen Sabine, mit der sie nach wie vor Weihnachts- und Urlaubspostkarten tauschte, natürlich sofort eingeladen worden. Aber die Adresse oder Mail von der Rapunzel-Sabine hatte keine und es hatte auch keine nach ihr auf Facebook gesucht. Jedenfalls hätte keine das zugegeben. Trotzdem erhielt der Norbert als Administrator der Gruppe etwa ein Vierteljahr nach ihrer Gründung eine Anfrage von der Rapunzel-Sabine und schaltete sie sofort frei. Da sprach aus seiner Sicht nichts dagegen und auch die kleine Sabine war ganz aufgeregt, als er ihr davon erzählte. „Schau an. Die Rapunzel-Sabine. Die gibt´s auch noch.“, freute sie sich und schickte der Rapunzel-Sabine sofort eine Freundschaftanfrage. Sie musste zwei Tage warten, bis die Rapunzel-Sabine die Anfrage annahm, sagte sich aber, dass die vielleicht nicht so oft im Netz war. Die kleine Sabine dagegen hatte in einem Fenster immer die Facebook-Seite offen, wenn sie im Reisebüro war und ansonsten war sie mit ihrem Smartphone online. Aber es gibt ja, sagte sich die kleine Sabine, in „unserer Generation“ nicht wenige, die den neuen Kommunikationsmöglichkeiten skeptisch oder sogar ablehnend gegenüberstehen. Die kleine Sabine hielt sich viel darauf zugute, dass sie in der Hinsicht ganz offen war. Sie postete fröhlich und ein bisschen angeberisch Urlaubsfotos von sich, dem Norbert und den Kindern. Wo sie nicht überall gewesen waren….Es gab da eine App, mit der man das eintragen und die Fotos verlinken konnte, damit hatte sich die kleine Sabine mal ein ganzes Wochenende befasst und Fotos und Urlaubsorte zurück bis in die 90er Jahre gepostet und verlinkt. Jedes Mal war aufgepoppt: Sabine ist in…New York, Shanghai, Malediven, Costa Rica, London, Paris, Vorarlberg, Rio de Janeiro, Thailand, Neuseeland…und ihre „Freunde“ hatte geliket und gescherzt: „Hoppst von einem Ort zum anderen?“ und sie hatte geantwortet: „Das war 1996“. Das hatte sie gemacht, bis ihre älteste Tochter, die schon nicht mehr zu Hause wohnte, ihr eine verärgerte PM geschickt und sie gebeten hatte, wenigstens sie nicht mehr auf den Fotos zu verlinken. „Das ist so peinlich, Mama.“ Seitdem war die kleine Sabine ein bisschen vorsichtiger geworden, stellte aber immer noch mal gern ein Bild von sich ein, wenn sie mit dem Norbert einen der tollen Kurztrips unternahm, die ihnen die Pauschalreise-Anbieter regelmäßig kostenlos oder zu günstigsten Konditionen zur Verfügung stellten. „Super-Feriendorf-Anlage im Burgenland.“, postete sie dann und sagte ein bisschen entschuldigend zum Norbert: „Als Werbung.“

 

Die kleine Sabine klickte sich in einer ruhigen Phase im Reisebüro durch die Facebook-Seite von der Rapunzel-Sabine. Die trug also immer noch ihren Mädchennamen. Bei „Beziehung“ hatte sie nichts angegeben und auch sonst war die Seite ziemlich unergiebig: Es gab nur das unscharfe Profil-Bild, sonst keine Fotos. Als Wohnort war „Frankfurt“ eingetragen. „Gar nicht weit weg“, dachte die kleine Sabine. Die Rapunzel-Sabine hatte 23 Freunde. Die meisten von denen hatten Blumen- oder Tier-Bilder für ihr Profil gewählt und gaben auf der allgemein zugänglichen Seite nichts über sich preis. Was die Rapunzel-Sabine jetzt arbeitete oder sonst so machte, konnte die kleine Sabine auf Facebook nicht herausfinden. Die Rapunzel-Sabine hatte bloß zwei Youtube-Videos gepostet: eine Live-Aufnahme von „Do you really want to hurt me“ von Culture Club und die See-Szene mit Colin Firth als Mr. Darcy. Das war´s. Die kleine Sabine war enttäuscht. Andererseits verspürte sie auch eine gewisse Schadenfreude. Die Rapunzel-Sabine war schließlich damals unter den drei Sabinen die schönste und klügste gewesen. Aber das hatte sich offenbar nicht ausgezahlt. Kaum Kontakte, nix Interessantes los bei der. Oder sie gehörte zu denjenigen, die sich auf Facebook rar machten und ihre deutschen Ressentiments dagegen pflegten. Die kleine Sabine verzog die Lippen: Das war so provinziell, fand sie. „In anderen Ländern…“, mit dieser Phrase begann die kleine Sabine viele Sätze und langweilte ihre Zuhörerschaft, indem sie ihre vorgebliche Weltläufigkeit und Vorurteilsfreiheit zur Schau stellte. Durch die trostlose Facebook-Seite von der Rapunzel-Sabine fühlte sich die kleine Sabine sehr ermuntert, der eine persönliche Nachricht zu schicken: „Toll, dass du da bist. Wie geht´s dir denn? Wir haben uns ja ewig (!!!) nicht gesehen. Melde dich doch mal. Frankfurt ist gar nicht weit. Da können wir uns mal treffen. Ich würde mich sehr freuen! LG Sabine B. (jetzt B., haha, früher D.)“

 
Die Rapunzel-Sabine antwortete erstmal nicht. Aber der Norbert bekam einen Anruf vom Claus, noch am selben Abend, an dem die Rapunzel-Sabine der Gruppe beigetreten war. „Was ist denn das mit der Rapunzel-Sabine? Wie kommt die in die Gruppe?“ „Wahnsinn“, freute sich der Norbert, „oder? Dass es die noch gibt.“ Aber der Claus war schlechter Laune, der Norbert merkte es schnell an diesem bellenden Ton: „Hast du die eingeladen?“ „Wie denn?“, fragte der Norbert zurück, „wir haben doch ewig nix mehr von der gehört. Seit sie damals…“ „Ich hätte auch lieber nix mehr von ihr gehört.“, sagte der Claus und legte auf. Der Norbert legte das Handy perplex auf den Tisch. Dass der Claus so reagierte wegen der Rapunzel-Sabine…Der kleinen Sabine, seiner Frau, erzählte er nichts von dem Gespräch. Irgendwie hatte er ein komisches Gefühl.

»re-writing the image« textkunst ausstellung in australien

»re-writing the image« ausstellung in der town hall gallery
 
ich nehme zur zeit an einer wunderschönen textkunst ausstellung in der nähe von melbourne teil.

town hall gallery
hawthorn arts centre
360 burwood road hawthorn, vic 3122
australien

start: dienstag, 17. juni 2014
ende: sonntag, 10. august 2014

teilnehmende künstler:

mehr information

Partitur

Bild: Marianne Büttiker

Michael Perkampus nach einem Gemälde von Marianne Büttiker. (Öl und Farbstift auf Leinwand)

ich komm mit aufmäntelchen gestockert; hierherein hierherein! ein laterniges rufen, brahmanisch irgendwie, so voller sternenlicht, so voller antiker quasare. Allschau : ein weg ins himmelbunte, dornfleischige, blütenwürzige.
Vieler tritte tanz, vieler tanzschritte tritte, luftausgepolstertes singen über ansteigenden gassen, treppwege zu den auster=augen hin. Lispelndes laspelndes lachen stürzt unter die hüte DERER VON, die hüte tragen, da letzte haar krawallt und bäumt sich gegen die see, vom atem angesaugt.
– Das lied : wie ists, wo ists : das lied ?
– Im schneckenkasten eingefasst in blendend weißen taften, die an den spitzen außer sich geraten, flappen, flunkern, flügeln. Man säh da einen engel, meint man, man säh, wie er zum start sich hebt.
Es finden sich jene, die ins unermeßliche steigen, um einen kranz von büsten kauern, der sämann Arepo hält mit mühe die räder, auf der suche, die andauert.

Zeiten, als nämlich das Schreiben noch geholfen hat

Man wird mir, Entschuldigung, also bitte!, schon nachsehen müssen, einigermaßen verwirrt zu sein. Ist ja auch alles so undurchsichtig heutzutage, das Leben selbst als das eigene mit Leib und Seele, das Leben der anderen, die Literatur als Gänze, die Weltwirtschaft als solche, das deutsche Steuersystem im besonderen, die Funktion des sogenannten Internet ganz global, die Stoffwechselvorgänge im Säugetier stofflich betrachtet, die Überwachung aller Menschen durch alle Geheimdienste, dazu all diese Kriege jedweder Art mit all diesen Greueln, naja, und so weiter. Alles unklar, undurchsichtig, wenn überhaupt nur dem Fachmenschen einzeln und im Einzelnen (Einzellnen!) einigermaßen verständlich. Das Eindeutigste, was also oftmals überhaupt präsentiert werden kann, ist eine schematische Vereinfachung – da also wird, sagt eine Grafik, nur so als Beispiel, die Ware hergestellt und verpackt, dann wird sie transportiert, sehen Sie, da fährt ein LKW über die Autobahn, und da wird die Ware vom Menschen gekauft, sofort gefressen, dann verdaut und so weiter, und das geht auch mit Krieg und Literatur und Wirtschaft und Internet, wir sehen Symbole, Pfeile, Zahlen … fatal ist nur, daß mit dieser Art der auf einfachste Einfachheit heruntergebrochenen Information nichts weiter verbreitet wird als Scheinwissen, selbst wenn dazu ein pfiffiger Journalist noch einen Text schreibt und damit, wenn er Glück hat, sein Geld verdient, das dann als bunte Scheinchen oder als Plastikkarte in Erscheinung tritt und gegen Waren und Dienstleistungen aller Art getauscht werden kann, was dann aber eben auch nicht die ganze Wahrheit ist sondern auch nur so ein winziges, bewegliches Pünktchen im Gespinst des Allseins. Ich persönlich denke ja, nicht das Schlechteste ist immer noch, sich die Welt als einen ins Licht gehaltenen fadenscheinigen Hosenboden einer Anzugshose vorzustellen und darüber dann sich nicht nur der schlechten Qualität wegen maßlos aufzuregen, denn eben da soll ja nicht durchgeblickt werden können, sondern darüber auch noch tatsächlich verrückt zu werden, auch wenn man, statt buchstäblich ins Irrenhaus zu kommen, eben auch einen Text schreiben könnte, in dem eben dies erzählt wird, wie das Thomas Bernhard schon Anfang der 1970er Jahre tat mit seiner Erzählung Gehen, doch waren das, scheint mir, andere Zeiten, solche nämlich, in denen das Schreiben noch geholfen hat.

Anfechtungen

Im Atelier direkt über dem meinigen singt ein junger Mann: nicht sonderlich gut, aber inbrünstig. Es wird einer der Maler sein, oder ein Bildhauer. Jene, die aufgrund ihrer Sangeskünste ein Stipendium innehaben, proben meistens zu zweien in den Räumen am Ende des Korridors, die sind mit einem Klavier ausgestattet.
Der Korridor ist lang, sehr lang, und gesäumt von Holztüren, auf denen jeweils ein kleines Messingschild prangt mit dem Namen des Landes, welches das Atelier und das Stipendium bezahlt. Manchmal ist es auch eine Stiftung. Oder etwas ganz anderes. Auf meiner Tür, beispielsweise, steht:

Atelier François Preziosi
Tombé en mission le 17. Août 1964

Ich habe nachgelesen. François Preziosi. Ein italienischer UNHCR Mitarbeiter der International Labour Office. 1964 verlor er sein Leben bei dem Versuch, ruandische Flüchtlinge im Ostkongo zu beschützen.
Ein merkwürdiges Gefühl, in einem Atelier zu wirken, das mit dieser Geschichte verknüpft ist. Fast wie ein Hinweis.
Wie fühlte es sich in mir an, würde ich „arbeiten“ durch „wirken“ ersetzen? Schwing Dich auf, dann kommt auch Wind, flüstert eine Stimme in meinem Kopf. Klingt nach Sanssourir.

Ateliers sind Krisenräume. Wenn eine Stimme etwas anderes behauptet, muss sie künstlich hinzugefügt sein. Keine von meinen.

Alles, was von außen kommt, ist gut.
Alles, was von außen kommt, ist verfälscht.
Für das, was zählt, gibt es kein dictionnaire.
Aber die Mauern.
Dahinter zu sein.
Ich zweifle an mir wie am ersten Tag.
Es gibt einen interessanten Unterschied zwischen authentisch und ehrlich. Irgendwann werde ich ihn herausfinden. Man kann, und das ist wirklich eine große Erkenntnis für mich, nicht alles nachschlagen.

Inbrünstig die Hitze von beiden Seiten; am Tage ganz gewellt. Die Nächte hingegen legen sich wie Lappen übers Gemüt, drücken es flach, sehr sanft, wie ein zum Trost für den Geist ausgelegtes Tuch.
Wenn ich erwache, ist es immer schon hell.

Während wir in den Tag gleiten, sind wir noch alle beisammen, Farah, Sanssourir, Sha’ und ich, erst nach dem ersten Cafe au lait übernimmt eine von uns die Führung. Sha’ indes nicht, sie ist die einzig Abhängige, deswegen spreche ich nicht von ihr. Das verschafft ihr etwas Freiheit.

Er singt nicht mehr.
Etwas hat ihn gepackt, an den Tisch, die Staffelei geführt. Vielleicht liegt er auch auf dem alten, schwarzgrünen Linoleumboden, der sich durchs ganze batiment zieht: gebügeltes Wachs. Kann sein, er hechelt in der Hitze und vom Singen. Ich werde ihn nie kennen lernen. Ich lerne hier niemanden kennen, meide die Künstler im Haus, spreche nur mit Menschen auf der Straße. Berichte aus anderen Krisenräumen? Das fehlte mir noch. Doch eines Abends, gegen Ende hin, werde ich die Tür meines Ateliers öffnen. Ich werde sie mit einem Zettel versehen, auf dem steht:
Venez me voir.

Wer sich dann traut, ist mehr als willkommen. Bis zu diesem Tag indes vergehen noch welche: an denen das gellende Licht wie ein Bulldozer auf die Fassade knallt, durch die ältlichen Scheiben meiner langen Fensterfront, durch meine Poren und mein Fleisch bis ganz tief hinein. Endlich hell von innen. Die Organe sieden feucht vor sich hin.
Ha, eine Wiese, ein Meer! Was tu ich nur? Was ficht mich an, mir ein heißes Stück Metall auf den Schoß zu legen?