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orfeo.ritornell

Rilke: Sonett 3

Ein Gott vermags. Wie aber, sag mir, soll
ein Mann ihm folgen durch die schmale Leier?
Sein Sinn ist Zwiespalt. An der Kreuzung zweier
Herzwege steht kein Tempel für Apoll.

Gesang, wie du ihn lehrst, ist nicht Begehr,
nicht Werbung um ein endlich noch Erreichtes;
Gesang ist Dasein. Für den Gott ein Leichtes.
Wann aber sind wir? Und wann wendet er

an unser Sein die Erde und die Sterne?
Dies ists nicht, Jüngling, daß du liebst, wenn auch
die Stimme dann den Mund dir aufstößt, – lerne

vergessen, daß du aufsangst. Das verrinnt.
In Wahrheit singen, ist ein andrer Hauch.
Ein Hauch um nichts. Ein Wehn im Gott. Ein Wind.

ögyr: orfeo.ritornell.1

auf suche nach all meinen euridiken
folg ich dir, orpheus, in die samtnen schatten,
ins fundament der welt, es zu erblicken –
und wegzuschauen gleich, denn solch ermatten

der sehnsucht lässt selbst unterwelt verschwinden,
und uns verdammt ins oben, wo gestalten
wir wieder sind des mythos vom beginnen,
wo doch das enden wollten wir verwalten

als letzte sänger, zu zerschlagen leier
wie rockstars die gitarr am end der feier:
autodafé sollts seien, doch wir singen

euch nach, euridices, dass wir verrinnen
im tod entgegen weltgeschäften neu –
nur sind wir dem gesang statt euren treu.

Rilke: Sonett 18

Hörst du das Neue, Herr,
dröhnen und beben?
Kommen Verkündiger,
die es erheben.

Zwar ist kein Hören heil
in dem Durchtobtsein.
doch der Maschinenteil
will jetzt gelobt sein.

Sieh, die Maschine:
wie sie sich wälzt und rächt
und uns entstellt und schwächt.

Hat sie aus uns auch Kraft,
sie, ohne Leidenschaft,
treibe und diene.

ögyr: orfeo.ritornell.2

l’orfeo, du bist da, wo ich dich google,
du geisterst durch natur und netzes harfen.
du singst mit mir das alte lied als double
und weißt wie ich, wohin uns götter warfen.

der mythos bleibt so ungebrochen, setzt
sich fort und ewig retroproduziert,
was sänger ehedem wie einst verletzt:
ihr sein nur im gedicht, und nicht zu viert

im paar und beiderleier liebeslieder.
denn eins zu eins ist – war auch niemals zwei
im himmel und schon gar nicht unter erden.

dort bleiben wir, die kommen immer wieder
herauf, zu spielen ihre litanei,
auf dass sie derweil stumm und schatten werden.

Rilke: Sonett 26

Du aber, Göttlicher, du, bis zuletzt noch Ertöner,
da ihn der Schwarm der verschmähten Mänaden befiel,
hast ihr Geschrei übertönt mit Ordnung, du Schöner,
aus den Zerstörenden stieg dein erbauendes Spiel.

Keine war da, daß sie Haupt dir und Leier zerstör.
Wie sie auch rangen und rasten, und alle die scharfen
Steine, die sie nach deinem Herzen warfen,
wurden zu Sanften an dir und begabt mit Gehör.

Schließlich zerschlugen sie dich, von der Rache gehetzt,
während dein Klang noch in Löwen und Felsen verweilte
und in den Bäumen und Vögeln. Dort singst du noch jetzt.

O du verlorener Gott! Du unendliche Spur!
Nur weil dich reißend zuletzt die Feindschaft verteilte,
sind wir die Hörenden jetzt und ein Mund der Natur.

text:
rilke: „sonette an orpheus“ – sonett 3
ögyr: orfeo.ritornell.1
rilke: „sonette an orpheus“ – sonett 18
ögyr: orfeo.ritornell.2
rilke: „sonette an orpheus“ – sonett 26

musik:
claudio monteverdi: „l’orfeo“, jordi savall, la capella reial de catalunya @ gran teatro del liceo de barcelona, 2002

video.poem:
ögyr 160825

Das Pistol’ und das Gelächter einer Frau / Impromptu

III, 154 – Das Pistol’ und das Gelächter einer Frau

Dreimal umgezogen heute. Zweimal rot, einmal schwarz auf der Haut. Einmal das Schaffell, einmal die grüne Wiese, dann das Grausen drüber mit den zerschlissenen Stellen. Zweimal sockenlos in Sandalen, einmal besockt und beschuht. Sitz’ immer noch so da.
Aufstehen (Aufstand). Fensterläden schließen, eh’ keine Sonne mehr da.
Das in der Zerstreutheit stehengebliebene Glas Wein (Cococciola-Pecorino) heranholen, die darin schwimmende Winzigfliege herausholen. Der Übergang von Palestrina zu Police auch nicht sehr glücklich. Option Pink Floyd, Ummagumma. Das Wort stehe im Cambridge-Slang für Geschlechtsverkehr. Damit läßt sich leben. Selbst in einer vertrackten Phantasie, die ich heute hatte.
Ich glaub’, ich las grad im Eichendorff.
Eine Amaryllis tauchte auf, sehr Louis-Quatorze, auch wenn der Name mich sofort an Rückert denken ließ. Indes ich aber momentlang ein Pistol’ mir phantasierte in die Hand und die Macht, die einem so etwas gibt. Irgendwie ist überall dauernd von Gewalt die Rede. Selbst in des Teufels Papieren, aber so ein J.P. läßt sich nicht übertreffen, wenn es darum geht, den Pro-Autodafé-Argumenten Beine zu machen und letztendlich ein Frauenzimmer in schallendes Lachen ausbrechen zu lassen. – O Gott, ich hatte wohl tatsächlich ein Pistol’ mal, das sorgfältig eingewickelt verborgen lag hinter einer meiner Bücherreihen. War aber nicht meins. Hatte dem militärisch aufgewachsenenen Schwiegervater gehört. Und irgendwie illegal behalten. Die Tochter dito, die mich ums Verstecken bat. Keine Ahnung, ob Patronen darinnen waren. Hab’ mich nie getraut, es auszuwickeln. Aber dann doch diese Phantasie heute, wie ungefähr die Geschichte aus der Erfahrungsseelenkunde, wo jemand des Nachts ein Messer liegen sieht und sich so sehr in die Phantasie hinein versteigt, seinen neben ihm schlafenden Bruder damit zu erstechen, daß er kopfmäßig eine Heidenarbeit zu leisten hatte, um wahrscheinlich mit Gottes Hülfe davon abzustehen. Die Phantasie werde ich indes nicht näher beschreiben, sie wohnt in der Klappe oben links über der Tür zum Schlafbereich bei der dort wohnenden und ständig die Türen auf- und zuschlagenden Hüterin der Gesetzt-den-Fall-Eventualitäten. Es kann gut sein, daß die Hüterin so etwas wie meine Ehe-Vergangenheit ist. Selten die Fälle, daß ich das Türchen öffne. Hat aber sein Äquivalent im letzten Geschenk, das ich ihr machte: Eine extrem häßliche Holzmaske. Von mir. Die ist jetzt immer noch dort, wo ich auch nur noch alle 2-3 Jahre hingekommen. Wer weiß, ob noch.
Und das Pistol’? Unabgepufft. Nach wie vor. >>>> Sysyphus, Part II….


 

III, 141 – Impromptu

 

Cortile Amelia Detail

Nun komm, denn dir zum Trost nur gebärdet Wind sich in endlicher Bevaterung der Welt. Im Wankelzimmer, da aber bleibest du, bis Worte buhlen um Nacht und Schlaf und stillen, ich weiß nicht was. So steigest du, versteigest dich mit Sicherheit. Ohn’ alle Sicherheit indes. Bis dann von ungefähr bei all den unten sich duckenden Bergen ein Mahl sich sacht vertuschelt: ‘tischel, tischel, tischel dich’… eine Art Versteigerung des Wortes “Heimatsport”. Gelesen und geleast bei Eichendorff. Natürlich ist man wandermüd und alles andere als sportlustig. Hafen aber raunt das Abendlied. Nichts anderes. Meistbietend die im Hof vermauerten Steine. In der Vorstellung aber bildeten sie zusammenkullernde Haufen. Meine fühlenden Finger vermöchten’s indes nicht auszurichten. Wie ein Tauwetter fast die Berührung. Ohne daß ein Ostern bzw. Resurrecturis sich regt. Nur ein Schritt-vor-Schritt-Gehen im Hof, ihn auch ein bißchen hofierend. Bis alle Bilder ferner traten ins Allüber. Und stilltest Ruhe, fachtest Unruhweiten.
Die Lüfte sind erwacht.
Unterm Herd, da züngelt Feuer, Gasströme flammend fluten. Es riecht nach Knoblauch. Auch so ein stiller Ankergrund. Und harret der todeswunden Streiter aus dem weiten Meer, das vielleicht tatsächlich schon dunkelt vor Arabiens Küsten. Acht Füße grüßen, sechs sind bestellt. Sie abzuholen, reichen nimmer zwei. Denn das Meer ist weit.

 

Kleine Fahnen

Daddy issues, sagt L., die auf meinem Sofa einschläft.

Vorher habe ich eine Hornisse in meiner Wohnung erschlagen. Eine Hornisse! Im ausgehenden September! In Berlin! In meiner Wohnung! Shit. Schwankte lange zwischen Selbstbewunderung und kindlichen Ängsten.

Und ich weiß schon: Soll man nicht. Sind schützenswert. Tun auch nichts. Usw. Aber erstens habe ich eine Insektenphobie, zweitens: überall, nur nicht in meiner Wohnung, bitte.

Die Jahre des Wahnsinns/ genau vermessen

Kleine Fahnen in der Nähe des Hermannplatzes. Umgeben von Polizei. Eine kleine Demonstration zum Gedenken der Proteste im Gezi Park. In der nächsten Seitenstraße warten noch einmal sechs Wannen. Absurdes Verhältnis. Was soll passieren?

Denke über neue Geschichte nach, Wirtschaftsumfeld. Reine Männerwelt. Die zwei Konkurrenten, die nichts von einander wissen. Hochhauswelt, Hotelzimmer, Foyers, Lobbys. Gibt es Nutten? Gibt es Koks? Dialoge. Titel: „Die Auslosung meines Lebens“.

Bruchstückstadt, die Leere in der Mitte, die Leeren, die unmittelbar vom Weltkrieg herrühren. Trauerflächen aus Asphalt, Psychologen rätseln.

Was gibt es zu essen? Ich werde mich von der Imbissbude meiner Wahl überraschen lassen. Ich vergesse einen Geburtstag. Am Abend Besuch einer Lesung in unmittelbarer Nähe.

Absagesätze. „Schaum für immer“, Nachwort:

Ich erinnere mich an die Frage der Lektorin: Und was ich denn gedenke, für das Buch zu tun? Ich hatte Ischiasbeschwerden wegen des Buchs, ich hatte mindestens ein Jahr Magenschmerzen wegen des Buchs, aber die richtige Antwort fiel mir natürlich erst später ein: Ich habe es geschrieben! Das habe ich für das Buch getan!

Mir hätte es klar sein sollen, es war mir wie so oft ja auch klar gewesen, von Anfang an. Man sollte doch öfter auf sein sogenanntes Bauchgefühl hören. Das Konzept des Verlegers war dermaßen überzogen, die Erwartungen seitens der beiden Kleinverleger viel zu hoch für mein armes, kleines, aber gutes Buch. Die Covergestaltungsvorschläge waren hanebüchen. Schlichtweg grundhässlich. Aber das waren die vorigen Cover der Reihe ja fast durchgehend gewesen. Der Versuch, dagegen zu reden, wurde mit dem Totschlagargument: „Die Vertreter finden es gut so/anders nicht so gut“ niedergebügelt. Die „Vertreter“! Nie auch nur einen von diesen Schwachköpfen gesehen. Es war alles so fürchterlich uncool. Die Covergestaltung, der Klappentext: uncool und gelogen, völlig am Buch vorbei. Die Verlagsvorschauen, wie überhaupt die meisten Vorschauen: schlimm. Zum Fremdschämen.

Aber das war mein Romandebüt, damals 2007. Ich wollte unbedingt belohnt werden, ich wollte unbedingt, dass mein Manuskript zum Buch wird. (Und es hatte ja schon einen Leidensweg hinter sich – ein Großverlag, der zuerst Interesse bis hin zu erster Lektoratsarbeit angezeigt hatte, entschied sich dann doch gegen das Buch; ein Agent tourte danach mehr als ein Jahr lang vergeblich durch die Vorzimmer der Verlage.) Erfahrungen mit dem Literaturbetrieb: Damals gab es immerhin noch manches, was den Schlamassel einigermaßen ausgleichen konnte: Das Senatsstipendium, die Lesungen, der Vorabdruck in Volltext.

Die meisten Besprechungen waren allerdings katastrophal – die einen hatten das Buch nicht verstanden, vermutlich weil sie vom Klappentext auf den Holzweg gesetzt worden waren. Die anderen hatten es allerhöchstens angelesen. Ich weiß, das ist der übliche Vorwurf von Kritik gekränkter Autoren. Aber ich glaube, ich kenne die Schwächen meiner Schreibe – und auch die Schwächen meines Romans. Die Besprechung in der FAZ (immerhin!) war daher eher trostlos, die in der Basler Zeitung leider völlig daneben.

Am Schluss blieb etwas Stolz und sehr viel Ärger, neben ganz schön viel Ernüchterung und Enttäuschung. Auch die sogenannte Szene, in der ich mich zu befinden dachte, scherte sich einen Dreck um das Buch. (Das hat mich vielleicht sogar am meisten gekränkt.)

P.S. Konsequenterweise musste der Verlag ein Buch später Insolvenz anmelden – zu dem Zeitpunkt schuldete er mir immer noch Geld. Futsch für immer.

Dieses hier ist nicht Sizilien!

Dieses hier ist nicht Sizilien! Das zweite Sizilienjournal im Oktober 2016, nämlich des Dienstags, dem 4., auf Mittwoch, den 5. Oktober 2016. Mazzarò unterhalb Taorminas, sowie die Flucht im Regionale über Messina nach Palermo.

4. Oktober
[YHA >>>> Cohen Hostel, 22.31 Uhr]

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Das hier ist n i c h t Sizilien. Dies ist Betrug, zumindest Nepp. Was gewiß nicht an der Bulgarin liegt, die das Haus, im Auftrag, betreut und dafür, so glaube ich, frei darin wohnen darf oder gegen eine geringe Miete.
Es liegt an der Lieblosigkeit. Daran, daß Menschen wie Melkvieh angesehen werden, die Deutschen und Österreicher (es ist voll mit ihnen zur Zeit) möglicherweise besonders.
Ich war für dieses Haus der Super-GAU. Habe gerade den schönsten Schreibplatz, der sich nur denken läßt; auf einem Balkon mit Blick auf die (jetzt im Dunkel des Nachtmeers versunkene) Isola bella und nach Taormina hinauf; futtre, nach dem guten Mahl, einen für die hiesigen Bauern typischen so hartscharfen wie salzigen Pecorini pepato zum (extrem überteuerten) Wein, könnte also zufrieden sein, wäre dem allen nicht eine Art Kampf vorausgegangen

5. Oktober
(Regionale Taormina-Giardini/Messina/Palermo, 11.40 Uhr]

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Jugenstilbahnhof Taormina-Giardini

… „vorausgegangen.“ Also ich kam an, hinten am Rucksack baumelte der (offene) Beutel mit den noch auf Catanias Fischmarkt erstandenen Calamari (wo ich zudem eine wirklich riesige Auster gegessen hatte)

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, und ging die knappen drei Kilometer auf der die scharf eingeschnittene Küste entlangführenden Strada statale zu Fuß, erst in den vorgeschobenen Berg hinauf, dann wieder hinunter – als Isola bella bereits zu sehen war. Googlemaps behauptete, alles sei leicht. „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Fein, dachte ich. Nur wo ist es? Kein Schild, kein Pfeil, kein Nichts. Hotels freilich eines neben dem anderen.
Man wird sich wohl kennen, dachte ich.
„Cohen Hostel? Nie gehört?“
Dann steh dann mal da mit 20 Kilo auf dem Rücken.
Auch die nächste Empfangsdame kannte sowas nicht; sie sah mich an, als hätte ich eine unsittliche Bemerkung von mir gegeben. Ich revanchierte mich und dachte: Weniger essen, Signora. Oder doch wenigstens jeden Tag ein- bis anderthalb Stunden schwimmen. Wenn man das Meer schon vor der Tür hat. Und in welch prächtigem Türkis!
Wie heiße die Straße? Ah! Bongiovanni, da müssen Sie hier ein paar Schritte weiter das Treppchen hinauf.
Eine in den Fels gehauene Steintreppe, schmal, gut zu übersehen, aber auch da kein Schild. Nr. 29, wo sind verdammtnocheins die Hausnummern. Ich stieg an der richtigen einfach vorbei, hielt dann fast ganz oben eine herabsteigende junge Französin an. Aber auch die hatte von einem Hostel Cohen nie was gehört, kramte indessen ihren Plan heraus, fuhr mit dem Finger die Wege nach.
Gut, ich suchte nun, wirklich bereits völlig in Schweiß, die Telefonnummer des Hostels und rief an.
Niemand nahm ab. Erst Freizeichen, lange, dann die italienische Nachricht, daß besetzt sei.
In jedem Fall wieder herunter, meinte Googlemaps. Aber dann stehe ich abermals vor Kennenwirnicht. Und ich ahnte bereits, wie teuer hier eine „normale“ Unterkunft käme.
Wieder runter, ganz, und abermals ein Stückchen hinauf.
Konnte das sein?! Da! Ja, dort: ganz klein „Cohen“. Der zugehörige Klingelknopf allerdings angebrochenm die ganze vordere Schale abgebrochen. Dennoch, es gab eine zweite Klinge. Die ich drückte.
Es tat sich aber nichts. – Ich drückte mehrfach. Kein Husten von drinnen, keine Schritte, kein Summen des Türöffners. Also noch mal telefonieren. Wieder nahm niemand ab.
Es war wirklich heiß. Die Tinenfische fingen an zu riechen. Außerdem näßten sie durch den Beutel. Ich sah’s, als ich den Rucksack vorübergehend vom Rücken auf die Steinstufen wuchtete. – Tintenfische nässen schwarz, jedenfalls schwarz verschliert. Gut, daß ich sie nicht i n dem Rucksack verstaut hatte. Andererseits platschte mir diese Tüte hinten immer mal wieder gegen die Oberschenkel. Das bliebe, auf einer weißen Hose zumal, kaum ohne Spuren, hatte sie sicher schon eingefeuchtet.
Nächstes Klingeln, nächster Telefonversuch. Ich wurde langsam sauer, wollte doch ein neues Kapitel hier skizzieren, außerdem schwimmen. Und wo würde ich schlafen?
Mit der Contessa Kontakt aufgenommen, die Situation erklärt. „Entscheide D u, Du wirst das Richtige machen.“
Okay, okay.
Neu abgestiegen, im kleinsten der Hotelchen gefragt. Alles ausgebucht, „neinnein, überall. Das brauchen Sie gar nicht erst zu versuchen.“ Nicht ohne Abweisungsrhetorik, durchaus auch Arroganz. Klar, mein Rucksack. Solche, die mit sowas reisen, haben kein Geld. Die wollen wir hier nicht. (Später: der 99ct-Wein von Penny kostet hier fünfdreißig, ein Liter Milch fast drei).
Gut, gegenüber am Abstieg zum Strand, mich aufs Emporchen setzen und mal gucken, was Hostelworld so sagt. Wo gibt es noch freie Unterkünfte sonst.
Ich will schon bei einer anrufen, zu der ich aber erneut ganz den Berg hinauf hätte müssen (20 Kilo, erzählte ich das schon?), da — klingelt mein Ifönchen. Italienische Nummer. Sowas erkenn ich an der Landesvorwahlzahl. – Ob ich eben angerufen hätte? Worum gehe es denn? – Eben!
Allmählich fing ich zu kapieren an. Siesta. Die wollten sich in ihrer Siesta nicht stören lassen.
Frau Soundso habe mein Klingeln nicht gehört, da tue ihr, der Anruferin, leid.

(Zwischenblick: rechts, das heißt nördlich, das Tyrrhenische Meer

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links, das heißt südlich, die Nebroden. An jeder Station – dieser Regionale hält quasi überall – steigen Schuljungs hinzu, steigen aus, andre steigen zu; es wird gerannt und gelacht. Klar, vierzehn Uhr unterdessen: Schulschluß.)

Jedenfalls. Es werde mir nun geöffnet werden, ich möge einfach wieder die Stufen nehmen.
Immerhin.
Erleichterung, trotz meines Ärgers, d o c h.
Denken Sie aber nicht, es hätte das Mißliche damit sein Ende gefunden. Selbstverständlich kann ich das aber nicht wissen.
Erstmal hört nämlich wieder niemand die Klingel. Mit steigt die Galle, obwohl ich sie, die Klingel, ebenfalls nicht höre. Gewiß kaputt. Die Tür ist eine nicht durchsichtige Glastür. Wenn man dagegenklopft, scheppert das Metallgitter, das sie stabilisiert. Nun, das muß doch zu hören sein.
Ich warte, scheppere erneut. Und endlich, endlich schlurfen Schritte. Drinnen wird hantiert.
Ein freundliches Frauengesicht, ein wenig verwirrt. Es tue ihr leid… sie habe nicht… sie wolle doch… Ob ich denn Italienisch spräche.
Die Räume: drei, davon zwei mit mehreren Doppelbetten. Eines ein Ehebettzimmer. – Welcher Raum sei denn der meine? Oh, das wisse sie nicht. – Und nun? Ich solle einfach warten, bis der Vermieter komme. – Sei der schon auf dem Weg? Das wisse sie ebenfalls nichts. Normalerweise komme der gegen fünf. Es war knapp vier. Sie wollte mich ernstlich warten lassen.
Draußen wartete das Meer auf mich. Einmal um die Isola bella schwimmen…
„Dann rufen Sie ihn doch bitte an.“
Was sie tat, wenn auch zögerlich.
Auch er wußte nicht, welches Zimmer meines sei. Das war sein Glück, denn eigentlich wollte er es mir auch nicht sagen, tat, als würden noch riesige Einquartierungen erwartet; ich sollte irgendwie zwischen die geschoben werden.
Ich fuhr aus der Haut.
Ich solle mal wieder herunterkühlen: So er.
Ich wolle jetzt mein Zimmer!
Fragen Sie die Signora.
Die zuckte mit den Achseln. Sie hatte überhaupt nicht mit Gästen gerechnet.
Immerhin waren die Calamari unterdessen im Kühlschrank…
Dann nehme ich das matrimoniale. Perchè no, sagte sie, weshalb auch nicht?
Ein bißchen hilflos sah sie zu, wie ich den Rucksack hineinwuchtete und meinen Schriebtisch aufbaute. Ein Kommode, es gab keinen Tisch. Also >>>> über Eck arbeiten. – Wobei, die Küche ging zur Bucht hinaus, und sie hatte nicht nur einen Balkon, sondern drauf auch ein Tischchen mit Stuhl.
Außer mir niemand sonst in dieser an sich sehr schönen, meeresprächtig gelegenen Wohnung. (Dies blieb so, ich also allein.)
Wenn etwas sei, möge ich nicht zögern, mich bei ihr, in der Wohnung nebenan, zu melden. Den Schlüssel solle ich aber immer abgeben, wenn ich das Haus verließe. Die Haustür selbst ist codegesichert.
Damit ging sie, und ich richtete mich ein.
Ich brauche noch Wein für den Abend, sowohl für die Calamari als auch für mich.
Auch Gewürze hatte ich in Catania gekauft, auf der Piazza Carlo Savoia, auch Knoblauch, auch Tomaten – alles sehr weise, wie sich erwies. Denn entweder gibt es sowas hier nicht, oder es kostet das drei- bis fünfzehnfache, siehe oben. Doch erstmal kam noch mein eigentlicher Wirt, der, mit dem ich am Telefon schon herumgestritten hatte.
Er überprüfte meine Buchung sehr genau, nahm den Fuffi aber gerne. Schrieb meinen Reisepaß ab. Ich fragte nach einem Super mercato. Da unten, der Minmarket (99cent-Wein für fünfdreißig, ein Rapitalà nicht unter fünfzehn Euro; hier nehmen sie’s selbst von den Toten, dachte ich, Petunen tun nicht stinken).
Immerhin, ich konnte schwimmen gehen. Das zog ich dem Schreiben vor. – Ich solle nicht immer fragen, whatsappte die Contessa; sie lese über dumme Fragen hinweg. „Du sollst dich nicht unwohl fühlen.“
Kurz mit der Löwin in Facetime, bescheidgeben – dann hinab ins Meer.
Fünfundfünfzig suppenwarme Minuten, durch die glaskalte Strömungen fuhren. Viel Gefisch vor der Schwimmbrille. Aufpassen bei den Felsen, vor allem auch wegen der Motorboote.
Gutes Gefühl.
Zum Tauchclub, den es ebenfalls gab (gibt). Man sah mir quasi verödet entgegen: Was wollnse? Hamse überhauptn Tauchschein? – Ob es eine Prospekt gebe mit den Preisen. Diese Frage war ganz offenbar eine Zumutung. Sich für Touristen bewegen? Ganz sicher nicht.
Fünfzig Euro ein Tauchgang plus Miete für das Equipment. – Wie hoch sie sei? Keine Ahnung.
Absolut keinen Bock vielmehr.
Das Mädel sah mir stumpf hinterher, sah ich im Augenwinkel. Es hatte einmal eine Hand bewegt, sonst nix. Er dagegen nur den Kopf: verneinend.
Die Bucht der Isola bella ist ein Traum. Ich meine das völlig unironisch. Aber die Menschen.
Außer denen gab es eine Flut von Östereichern, wenigen Deutschen, paar Brexit-Emigranten.

Und nun ging der Spaß aber erst los. Denn jetzt das mit dem Super-GAU.
Ich hatte ja alles beisammen, was man für ein gutes Essen braucht, war bereit mir Mühe zu geben, auch ohne daß ich Gäste hatte. Fing den Knoblauch zu schneiden an, schnitt schon mal die Chilies, gab Öl in die Pfanne…. Nur daß die Flamme nicht anging, keine. Die Calamari waren schon ausgenommen und geputzt:

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Mit Fischfingern bei der Hausdame klopfen. – Oh der Herd! Der gehe nicht…
Und wie koche ich jetzt?
Hm. (Seit wann kochen Touristen? die sollen essen gehen. Ich hatte mich schon gewundert, weshalb man hier keine Gewürze bekam.)
Sie sah auf meine mitgebrachten Zutaten. Ich würde mich nicht abbringen lassen.
Und wie komme ich morgen um fünf an meinen Kaffee?
Es gebe doch eine Kaffeemaschine. Und echt stand da so ein Ding für Melitta-Filter.
Jetzt war ich es, der angewidert schaute. Sie schaute mehr erschreckt, weil sie meinen kleinen Espressokocher entdeckt hatte, den ich auf Reisen mitführe. – Um ehrlich zu sein, hatte ich den meinen vergessen, aber mir darum in Catania schnell einen neuen besorgt, um drei Euro. Hier, wenn ich ihn überhaupt bekommen hätte, hätte ich dreißig dafür bezahlt. – Ja dann, wenn dem so sei, dann dürfe ich gerne bei ihr drüben kochen. Aber es gehe da nur eine Platte. Für den Kaffee reiche die.
Die Elektroplatte. Die drei Gasflammen waren wie in der Hostelwohnung unversorgt.
Ich meine, es ist in Ordnung, wenn in einer Unterkunft nicht gekocht werden kann. Aber wenn man mit der Küchennutzung wirbt, muß ein Herd funktionieren.
Hier wurde einfach gegeizt, und der Vermieter geizte sogar gegenüber seiner Angestellten. Die au Bulgarien kam, wie ich später erfuhr. Vielleicht wohnt sie für ihre Dienste mietfrei. Doch einen funktionierenden Gasherd ist sie ihm nicht wert.
Dennoch zog ich mit meinen Zutaten jetzt in die andere Küche um, bekäme das schon hin mit nur der einen Platte; Pasta läßt sich vor-bißfest kochen und dann weichziehen, während der Sugo wieder erwärmt wird.
Der bei Calamari Zeit braucht. Ich will kein Gummi essen. Dazu die mitgebrachte Tintenfischtinte. Es duftet. Anderthallb Stunden Garzeit. Der Duft geht in die Wände.
Der Vermieter kam wieder, sah höchst irritiert auf meine Beschäftigung, äußerte sich aber nicht. Einen Super-GAU kann man nur hinnehmen, sich zu wehren, hilft nicht. Insch’Allah.
Später sah ich ihn und sie rein vegetarisch essen, einen seltsamen Brei, der entfernt an Chili con carne erinnerte, indessen ohne Carne.
Jedenfalls begriff mein Vermieter die Welt nicht mehr. Ein Deutscher, der, ohne sich neppen zu lassen, gut ißt und auch noch Zeit auf das Kochen verwendet. Der, übrigens, Bach hört nebenan (Goldberg), was ich fürs Kochen vorgesehen hatte. Doch ließ es sich wegen der fremden Küche nicht mehr realisieren. Der nicht zufrieden mit Pizzastück auf die Hand ist, dazu eine Cola. Wenn jemand in ein Hostel geht, ist es doch wirklich nicht zu fassen, daß der Kultur hat. Kultur braucht Geld, weil nach dieser Logik Geld Kultur ist. Und dann deckt der auch noch draußen den Tisch … deckt. Man grad, daß er nicht auch noch ’ne Kerze hinstellt (wär in der Meeresbrise ausgeblasen worden). Ißt stundenlang und trinkt den Wein nicht aus der Flasche. Supergau, supergau.

Bis nachts um eins saß ich da. Die Isola bella versank in einem aus dem Meer gestiegenen Schwarz, und der unentwegt auf der Strada statale lärmende Verkehr fing einzuschlafen an. So ich dann paar Minuten später.

(Vom Mahl ist eine gute Portion über; ich habe sie für Palermo in ein gut schließendes Behältnis bekommen. So hab ich nun zweimal davon; alleine für den Wein muß ich mich um Nachschub kümmern. Und die zu schreibende Romanszene – sie steht nun in mir fest; es ist jetzt nämlich heraus, weshalb die Liebesvilla hier nicht stehen kann. Lösungen schreibt uns das Leben immer selbst.)

Cefalù.
Noch eine Stunde bis Palermo.

Das Rauschen danach oder: warum ich meine Facebook-Freunde aufgeben muss, obwohl ich gar nicht bei Facebook bin

Dieser kleine Beitrag wird keine Ressonanz finden, also sollte ich mir damit entweder besondere Mühe geben oder gar keine. Ich werfe eine Münze, Kopf!, und entscheide, dass das bedeutet, mir keine Mühe geben zu müssen. Tue ich auch nicht. Was ich eigentlich nur sagen wollte ist, dass es in der kleinen Gemeinde der literarischen Weblogs in früheren Zeiten eine Vielzahl selbstorganisierter Diskussionen zu allen möglichen und unmöglichen (literarischen) Themen gegeben hat, die angeblich, so sagt man mir, nun zum großen Teil auf Facebook stattfinden. Tun sie das? Nun, da ich Facebook für außerdordentlich gefährlich halte (ungefähr deswegen: siehe hier und da), dies aber wohl nur auf Facebook zu diskutieren wäre, beende ich hier mal einfach meine kleine (imgrunde gar nicht statthabende) Rückschau auf frühere, andere Zeiten, in denen es diese besagten selbstorganisierten Diskussionen gab, die durchaus mehr waren als die Lieferung von Datenmaterial zu Kommerz- und Werbezwecken, die in sich geschlossen sein konnten und somit weniger flüchtig, Voraussetzung mithin, einen darauf sich stützenden werthaltigen, weiterführenden Diskurs überhaupt erst einmal lostreten zu können. Aber das ist nur meine Ansicht dazu, die ich durchaus nicht zur Diskussion stelle. Ergo stelle ich einfach nur fest, dass es geschafft ist, nämlich sich die Form des Umgangs miteinander von einem durch und durch kommerziellen, um demokratische Werte sich nur des Gewinns wegen kümmernden Weltkonzern aufoktroyieren zu lassen – einiger kleiner Vorteile wegen, weil es praktisch ist und leicht handhabbar und so weiter. Ein Armutszeugnis ist das und fast schon das Ende jeglichen Einflusses des Wortes im Internet, denn es wird nun nicht mehr als ein ewiges Blabla sein und in nicht allzu ferner Zukunft dann ein Übermaß an Videofilmchen, in denen das Blabla sinnigerweise zumeist aus dem Off kommen wird. Tja, das haben wir super hingekriegt, Leute, das mit dem Wort und der Literatur und dem Internet. Was bleibt ist das Rauschen danach. (Und vielleicht diese gedruckten Bücher! So viel Hoffnung muss schon sein, zuletzt!)

Polaroid 4 (Ausschnitt,NB) Norbert W. Schlinkert

Arnos Beeren

„Am Anfang zerstörte sein Arsch die erste Zelle.“

Das war der Satz, mit dem mich der Kurator, von der gegenüberliegenden Straßenseite aus auf meine wechselnd, begrüßte. Er wies mit der Hand auf den Vorplatz, wie um ihn zu segnen.
Wir standen am Eingang; auch ich war eben erst eingetroffen. Eine Messingplatte, rechts von uns in Augenhöhe an den schmiedeeisernen Vierkantstäben befestigt, die die Einfassung des Geländes bildeten, zeichnete den Ort als Gedenk- und Begegnungsstätte Arno Schmidt aus. Die Platte war seit längerem nicht poliert worden.
Ich sah zum Gebäude.
„- Die erste Zelle?“
„Ja.“
Gesprächig war er nicht.
„Man kommt kaum hinein, ohne sie zu zerstören“, bemerkte ich. „Die Instandhaltung muss aufwändig sein.“
Er nickte. Noch immer hatten wir keinen Schritt getan.
Die Witterung mehrerer Jahrzehnte hatte auf dem großen Vorplatz ihre Spuren hinterlassen, unzählige tiefe Risse durchzogen die von der Sonne gebleichte Asphaltdecke. Weder Pflanzen noch Tröge, Skulpturen oder Springbrunnen lenkten den Blick des Besuchers vom Boden ab, der Platz war komplett leer. So musste jeder Gast bereits vom Eingangstor aus das Ausmaß der Aufgabe zur Kenntnis nehmen, der sich die Hüter der Institution täglich gegenübersahen.

In jeden Riss, jede Spalte der Asphaltdecke waren reife Erdbeeren gesteckt. Mit der Spitze nach oben.
Nicht gedrückt, dachte ich. Gesteckt. Jede einzeln. Große Erdbeeren für große Spalten, kleine für kleine, säuberlich nebeneinander, bis der Spalt gefüllt ist. Bis jeder Spalt gefüllt ist.
Der Kurator räusperte sich.
Ich wandte den Blick von den Früchten und sah ihn an.
„Es kommen zu viele Stipendiaten in letzter Zeit. Vor allem männliche“, sagte er.
„Das erhöht den Aufwand sehr, nicht wahr?“
„Ungemein“, bestätigte er. „Wollen wir gehen?“
Ich mochte aber nicht.
„Hat er sich draufgesetzt? Auf eine Erdbeere?“, fragte ich. „Schmidt?“
Der Mann nickte.
„Bei der Einweihung?“
Erneutes Nicken.
„Oje. Und seitdem – ?“
„Wir tun, was getan werden muss.“
Der Kurator nahm Haltung an, wie um der Bürde gewachsen zu sein und hob bedächtig den rechten Fuß.
„Kommen sie!“
Ich rührte mich nicht vom Fleck.
„Wo oft am Tag müssen sie die auswechseln?“ beharrte ich.
„Wir tun, was getan werden muss“, wiederholte er. Er sah mich an, sein Blick schwamm ein wenig.
„Sie weinen!“, rief ich. „Sie verklären ihn!“
„Sie sind Stipendiat“, erwiderte der Kurator mit Würde. Er nahm meinen Arm: „Lassen sie uns gehen, ich zeige ihnen ihre Zimmer.“

Jahre ist das her.
Meine Arbeit vor Ort ist längst getan und veröffentlicht, doch gelegentlich erinnere ich mich an diesen ersten Gang, die aufbrechenden Früchte unter meinen Schuhsohlen.
Zerquetschte Zellen.
Man gewöhnt sich daran.

Mein Jahr in Besorgungen

„Mein Jahr in Besorgungen” erzählt eine Zeitspanne des Verfassers in der Form von Einkaufsvorhaben. Ein digitalisiertes Konvolut von Einkaufszetteln (Zeitraum Juli 2015 bis Mai 2016), also motivisch ausgeprägten Wörterlisten, gibt Auskunft über Vorlieben und Vorhaben, stilistischen und konsumatorischen Angewohnheiten etc.

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„Dann lieber Einkaufszettel lesen: Wenn man das neue „Jahrbuch der Lyrik“ als Kursbuch der Literatur versteht, kann einem angst und bange werden, wohin die Reise geht.“
Heike Kunert: Klingt wie ein unermüdlicher Eispickel. In: Die Zeit. 16.7.2015

„Aber nehmen wir an, dass man es mit einem Autor zu tun hat: ist dann alles, was er geschrieben hat, alles, was er hinterlassen hat, Teil seines Werks? Ein zugleich theoretisches und praktisches Problem. Wenn man zum Beispiel daran geht, die Werke Nietzsches zu veröffentlichen, wo soll man Halt machen? Man soll alles veröffentlichen, gewiss, was aber heißt dieses „alles“? Alles, was Nietzsche selbst veröffentlicht hat, einverstanden. Die Entwürfe seiner Werke? Zweifellos. Die geplanten Aphorismen? Ja. Ebenso die Streichungen, die Randbemerkungen in den Notizbüchern? Ja. Aber wenn man in einem Notizbuch voller Aphorismen einen bibliographischen Nachweis, einen Hinweis auf eine Verabredung, eine Adresse oder einen Wäschereizettel findet: Werk oder nicht Werk? Aber warum nicht? Und so weiter ad infinitum.
Michel Foucault: Was ist ein Autor? In: Schriften zur Literatur, S. 240, Suhrkamp, 2003

„Die Aufführung des Einkaufszettels im Laden. Diese Interpretation des Einkaufszettels. Die Archivierung der Performance durch Kartenzahlung.“
Dirk Schröder, @dirk2schroeder, Twitter, 13. Aug. 2016, 17:20

DOI: 10.17436/etk.c.035
Download, PDF (Digitalisat, 21 MB, 100 S.)

Mein Jahr in Besorgungen. Einkaufszettel, Wörterlisten
© edition taberna kritika, 2016 (dieses Digitalisat)
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edition taberna kritika, www.etkbooks.com
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