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Inhalt 03/2016

Die Lesezeichen-Ausgabe 03/2016 erschien am 17. Oktober 2016.

In dieser Ausgabe:

Bombykol und andere Pheromone, Melancholie in feuchtwarmem Klima, motivisch ausgeprägte Wörterlisten, Poli­zei­kon­trollen romantischer Spitzen, ein Opernhaus an der Skelettküste, Gravuren von Schwingungen, himmlische Affentänze, die Gedenk- und Begegnungsstätte Arno Schmidt, das Rauschen gedruckter Bücher, Marc Tritsmans, Paul Snoek und Jac. van Hattum, Philemon und Baucis, Absagesätze, Sonette, häßliche Holzmasken, bei Eichendorff Geleastes, auf Catanias Fischmarkt Erstandenes … uvm.

INHALT:

Dieses hier ist nicht Sizilien!

Dieses hier ist nicht Sizilien! Das zweite Sizilienjournal im Oktober 2016, nämlich des Dienstags, dem 4., auf Mittwoch, den 5. Oktober 2016. Mazzarò unterhalb Taorminas, sowie die Flucht im Regionale über Messina nach Palermo.

4. Oktober
[YHA >>>> Cohen Hostel, 22.31 Uhr]

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Das hier ist n i c h t Sizilien. Dies ist Betrug, zumindest Nepp. Was gewiß nicht an der Bulgarin liegt, die das Haus, im Auftrag, betreut und dafür, so glaube ich, frei darin wohnen darf oder gegen eine geringe Miete.
Es liegt an der Lieblosigkeit. Daran, daß Menschen wie Melkvieh angesehen werden, die Deutschen und Österreicher (es ist voll mit ihnen zur Zeit) möglicherweise besonders.
Ich war für dieses Haus der Super-GAU. Habe gerade den schönsten Schreibplatz, der sich nur denken läßt; auf einem Balkon mit Blick auf die (jetzt im Dunkel des Nachtmeers versunkene) Isola bella und nach Taormina hinauf; futtre, nach dem guten Mahl, einen für die hiesigen Bauern typischen so hartscharfen wie salzigen Pecorini pepato zum (extrem überteuerten) Wein, könnte also zufrieden sein, wäre dem allen nicht eine Art Kampf vorausgegangen

5. Oktober
(Regionale Taormina-Giardini/Messina/Palermo, 11.40 Uhr]

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Jugenstilbahnhof Taormina-Giardini

… „vorausgegangen.“ Also ich kam an, hinten am Rucksack baumelte der (offene) Beutel mit den noch auf Catanias Fischmarkt erstandenen Calamari (wo ich zudem eine wirklich riesige Auster gegessen hatte)

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, und ging die knappen drei Kilometer auf der die scharf eingeschnittene Küste entlangführenden Strada statale zu Fuß, erst in den vorgeschobenen Berg hinauf, dann wieder hinunter – als Isola bella bereits zu sehen war. Googlemaps behauptete, alles sei leicht. „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Fein, dachte ich. Nur wo ist es? Kein Schild, kein Pfeil, kein Nichts. Hotels freilich eines neben dem anderen.
Man wird sich wohl kennen, dachte ich.
„Cohen Hostel? Nie gehört?“
Dann steh dann mal da mit 20 Kilo auf dem Rücken.
Auch die nächste Empfangsdame kannte sowas nicht; sie sah mich an, als hätte ich eine unsittliche Bemerkung von mir gegeben. Ich revanchierte mich und dachte: Weniger essen, Signora. Oder doch wenigstens jeden Tag ein- bis anderthalb Stunden schwimmen. Wenn man das Meer schon vor der Tür hat. Und in welch prächtigem Türkis!
Wie heiße die Straße? Ah! Bongiovanni, da müssen Sie hier ein paar Schritte weiter das Treppchen hinauf.
Eine in den Fels gehauene Steintreppe, schmal, gut zu übersehen, aber auch da kein Schild. Nr. 29, wo sind verdammtnocheins die Hausnummern. Ich stieg an der richtigen einfach vorbei, hielt dann fast ganz oben eine herabsteigende junge Französin an. Aber auch die hatte von einem Hostel Cohen nie was gehört, kramte indessen ihren Plan heraus, fuhr mit dem Finger die Wege nach.
Gut, ich suchte nun, wirklich bereits völlig in Schweiß, die Telefonnummer des Hostels und rief an.
Niemand nahm ab. Erst Freizeichen, lange, dann die italienische Nachricht, daß besetzt sei.
In jedem Fall wieder herunter, meinte Googlemaps. Aber dann stehe ich abermals vor Kennenwirnicht. Und ich ahnte bereits, wie teuer hier eine „normale“ Unterkunft käme.
Wieder runter, ganz, und abermals ein Stückchen hinauf.
Konnte das sein?! Da! Ja, dort: ganz klein „Cohen“. Der zugehörige Klingelknopf allerdings angebrochenm die ganze vordere Schale abgebrochen. Dennoch, es gab eine zweite Klinge. Die ich drückte.
Es tat sich aber nichts. – Ich drückte mehrfach. Kein Husten von drinnen, keine Schritte, kein Summen des Türöffners. Also noch mal telefonieren. Wieder nahm niemand ab.
Es war wirklich heiß. Die Tinenfische fingen an zu riechen. Außerdem näßten sie durch den Beutel. Ich sah’s, als ich den Rucksack vorübergehend vom Rücken auf die Steinstufen wuchtete. – Tintenfische nässen schwarz, jedenfalls schwarz verschliert. Gut, daß ich sie nicht i n dem Rucksack verstaut hatte. Andererseits platschte mir diese Tüte hinten immer mal wieder gegen die Oberschenkel. Das bliebe, auf einer weißen Hose zumal, kaum ohne Spuren, hatte sie sicher schon eingefeuchtet.
Nächstes Klingeln, nächster Telefonversuch. Ich wurde langsam sauer, wollte doch ein neues Kapitel hier skizzieren, außerdem schwimmen. Und wo würde ich schlafen?
Mit der Contessa Kontakt aufgenommen, die Situation erklärt. „Entscheide D u, Du wirst das Richtige machen.“
Okay, okay.
Neu abgestiegen, im kleinsten der Hotelchen gefragt. Alles ausgebucht, „neinnein, überall. Das brauchen Sie gar nicht erst zu versuchen.“ Nicht ohne Abweisungsrhetorik, durchaus auch Arroganz. Klar, mein Rucksack. Solche, die mit sowas reisen, haben kein Geld. Die wollen wir hier nicht. (Später: der 99ct-Wein von Penny kostet hier fünfdreißig, ein Liter Milch fast drei).
Gut, gegenüber am Abstieg zum Strand, mich aufs Emporchen setzen und mal gucken, was Hostelworld so sagt. Wo gibt es noch freie Unterkünfte sonst.
Ich will schon bei einer anrufen, zu der ich aber erneut ganz den Berg hinauf hätte müssen (20 Kilo, erzählte ich das schon?), da — klingelt mein Ifönchen. Italienische Nummer. Sowas erkenn ich an der Landesvorwahlzahl. – Ob ich eben angerufen hätte? Worum gehe es denn? – Eben!
Allmählich fing ich zu kapieren an. Siesta. Die wollten sich in ihrer Siesta nicht stören lassen.
Frau Soundso habe mein Klingeln nicht gehört, da tue ihr, der Anruferin, leid.

(Zwischenblick: rechts, das heißt nördlich, das Tyrrhenische Meer

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links, das heißt südlich, die Nebroden. An jeder Station – dieser Regionale hält quasi überall – steigen Schuljungs hinzu, steigen aus, andre steigen zu; es wird gerannt und gelacht. Klar, vierzehn Uhr unterdessen: Schulschluß.)

Jedenfalls. Es werde mir nun geöffnet werden, ich möge einfach wieder die Stufen nehmen.
Immerhin.
Erleichterung, trotz meines Ärgers, d o c h.
Denken Sie aber nicht, es hätte das Mißliche damit sein Ende gefunden. Selbstverständlich kann ich das aber nicht wissen.
Erstmal hört nämlich wieder niemand die Klingel. Mit steigt die Galle, obwohl ich sie, die Klingel, ebenfalls nicht höre. Gewiß kaputt. Die Tür ist eine nicht durchsichtige Glastür. Wenn man dagegenklopft, scheppert das Metallgitter, das sie stabilisiert. Nun, das muß doch zu hören sein.
Ich warte, scheppere erneut. Und endlich, endlich schlurfen Schritte. Drinnen wird hantiert.
Ein freundliches Frauengesicht, ein wenig verwirrt. Es tue ihr leid… sie habe nicht… sie wolle doch… Ob ich denn Italienisch spräche.
Die Räume: drei, davon zwei mit mehreren Doppelbetten. Eines ein Ehebettzimmer. – Welcher Raum sei denn der meine? Oh, das wisse sie nicht. – Und nun? Ich solle einfach warten, bis der Vermieter komme. – Sei der schon auf dem Weg? Das wisse sie ebenfalls nichts. Normalerweise komme der gegen fünf. Es war knapp vier. Sie wollte mich ernstlich warten lassen.
Draußen wartete das Meer auf mich. Einmal um die Isola bella schwimmen…
„Dann rufen Sie ihn doch bitte an.“
Was sie tat, wenn auch zögerlich.
Auch er wußte nicht, welches Zimmer meines sei. Das war sein Glück, denn eigentlich wollte er es mir auch nicht sagen, tat, als würden noch riesige Einquartierungen erwartet; ich sollte irgendwie zwischen die geschoben werden.
Ich fuhr aus der Haut.
Ich solle mal wieder herunterkühlen: So er.
Ich wolle jetzt mein Zimmer!
Fragen Sie die Signora.
Die zuckte mit den Achseln. Sie hatte überhaupt nicht mit Gästen gerechnet.
Immerhin waren die Calamari unterdessen im Kühlschrank…
Dann nehme ich das matrimoniale. Perchè no, sagte sie, weshalb auch nicht?
Ein bißchen hilflos sah sie zu, wie ich den Rucksack hineinwuchtete und meinen Schriebtisch aufbaute. Ein Kommode, es gab keinen Tisch. Also >>>> über Eck arbeiten. – Wobei, die Küche ging zur Bucht hinaus, und sie hatte nicht nur einen Balkon, sondern drauf auch ein Tischchen mit Stuhl.
Außer mir niemand sonst in dieser an sich sehr schönen, meeresprächtig gelegenen Wohnung. (Dies blieb so, ich also allein.)
Wenn etwas sei, möge ich nicht zögern, mich bei ihr, in der Wohnung nebenan, zu melden. Den Schlüssel solle ich aber immer abgeben, wenn ich das Haus verließe. Die Haustür selbst ist codegesichert.
Damit ging sie, und ich richtete mich ein.
Ich brauche noch Wein für den Abend, sowohl für die Calamari als auch für mich.
Auch Gewürze hatte ich in Catania gekauft, auf der Piazza Carlo Savoia, auch Knoblauch, auch Tomaten – alles sehr weise, wie sich erwies. Denn entweder gibt es sowas hier nicht, oder es kostet das drei- bis fünfzehnfache, siehe oben. Doch erstmal kam noch mein eigentlicher Wirt, der, mit dem ich am Telefon schon herumgestritten hatte.
Er überprüfte meine Buchung sehr genau, nahm den Fuffi aber gerne. Schrieb meinen Reisepaß ab. Ich fragte nach einem Super mercato. Da unten, der Minmarket (99cent-Wein für fünfdreißig, ein Rapitalà nicht unter fünfzehn Euro; hier nehmen sie’s selbst von den Toten, dachte ich, Petunen tun nicht stinken).
Immerhin, ich konnte schwimmen gehen. Das zog ich dem Schreiben vor. – Ich solle nicht immer fragen, whatsappte die Contessa; sie lese über dumme Fragen hinweg. „Du sollst dich nicht unwohl fühlen.“
Kurz mit der Löwin in Facetime, bescheidgeben – dann hinab ins Meer.
Fünfundfünfzig suppenwarme Minuten, durch die glaskalte Strömungen fuhren. Viel Gefisch vor der Schwimmbrille. Aufpassen bei den Felsen, vor allem auch wegen der Motorboote.
Gutes Gefühl.
Zum Tauchclub, den es ebenfalls gab (gibt). Man sah mir quasi verödet entgegen: Was wollnse? Hamse überhauptn Tauchschein? – Ob es eine Prospekt gebe mit den Preisen. Diese Frage war ganz offenbar eine Zumutung. Sich für Touristen bewegen? Ganz sicher nicht.
Fünfzig Euro ein Tauchgang plus Miete für das Equipment. – Wie hoch sie sei? Keine Ahnung.
Absolut keinen Bock vielmehr.
Das Mädel sah mir stumpf hinterher, sah ich im Augenwinkel. Es hatte einmal eine Hand bewegt, sonst nix. Er dagegen nur den Kopf: verneinend.
Die Bucht der Isola bella ist ein Traum. Ich meine das völlig unironisch. Aber die Menschen.
Außer denen gab es eine Flut von Östereichern, wenigen Deutschen, paar Brexit-Emigranten.

Und nun ging der Spaß aber erst los. Denn jetzt das mit dem Super-GAU.
Ich hatte ja alles beisammen, was man für ein gutes Essen braucht, war bereit mir Mühe zu geben, auch ohne daß ich Gäste hatte. Fing den Knoblauch zu schneiden an, schnitt schon mal die Chilies, gab Öl in die Pfanne…. Nur daß die Flamme nicht anging, keine. Die Calamari waren schon ausgenommen und geputzt:

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Mit Fischfingern bei der Hausdame klopfen. – Oh der Herd! Der gehe nicht…
Und wie koche ich jetzt?
Hm. (Seit wann kochen Touristen? die sollen essen gehen. Ich hatte mich schon gewundert, weshalb man hier keine Gewürze bekam.)
Sie sah auf meine mitgebrachten Zutaten. Ich würde mich nicht abbringen lassen.
Und wie komme ich morgen um fünf an meinen Kaffee?
Es gebe doch eine Kaffeemaschine. Und echt stand da so ein Ding für Melitta-Filter.
Jetzt war ich es, der angewidert schaute. Sie schaute mehr erschreckt, weil sie meinen kleinen Espressokocher entdeckt hatte, den ich auf Reisen mitführe. – Um ehrlich zu sein, hatte ich den meinen vergessen, aber mir darum in Catania schnell einen neuen besorgt, um drei Euro. Hier, wenn ich ihn überhaupt bekommen hätte, hätte ich dreißig dafür bezahlt. – Ja dann, wenn dem so sei, dann dürfe ich gerne bei ihr drüben kochen. Aber es gehe da nur eine Platte. Für den Kaffee reiche die.
Die Elektroplatte. Die drei Gasflammen waren wie in der Hostelwohnung unversorgt.
Ich meine, es ist in Ordnung, wenn in einer Unterkunft nicht gekocht werden kann. Aber wenn man mit der Küchennutzung wirbt, muß ein Herd funktionieren.
Hier wurde einfach gegeizt, und der Vermieter geizte sogar gegenüber seiner Angestellten. Die au Bulgarien kam, wie ich später erfuhr. Vielleicht wohnt sie für ihre Dienste mietfrei. Doch einen funktionierenden Gasherd ist sie ihm nicht wert.
Dennoch zog ich mit meinen Zutaten jetzt in die andere Küche um, bekäme das schon hin mit nur der einen Platte; Pasta läßt sich vor-bißfest kochen und dann weichziehen, während der Sugo wieder erwärmt wird.
Der bei Calamari Zeit braucht. Ich will kein Gummi essen. Dazu die mitgebrachte Tintenfischtinte. Es duftet. Anderthallb Stunden Garzeit. Der Duft geht in die Wände.
Der Vermieter kam wieder, sah höchst irritiert auf meine Beschäftigung, äußerte sich aber nicht. Einen Super-GAU kann man nur hinnehmen, sich zu wehren, hilft nicht. Insch’Allah.
Später sah ich ihn und sie rein vegetarisch essen, einen seltsamen Brei, der entfernt an Chili con carne erinnerte, indessen ohne Carne.
Jedenfalls begriff mein Vermieter die Welt nicht mehr. Ein Deutscher, der, ohne sich neppen zu lassen, gut ißt und auch noch Zeit auf das Kochen verwendet. Der, übrigens, Bach hört nebenan (Goldberg), was ich fürs Kochen vorgesehen hatte. Doch ließ es sich wegen der fremden Küche nicht mehr realisieren. Der nicht zufrieden mit Pizzastück auf die Hand ist, dazu eine Cola. Wenn jemand in ein Hostel geht, ist es doch wirklich nicht zu fassen, daß der Kultur hat. Kultur braucht Geld, weil nach dieser Logik Geld Kultur ist. Und dann deckt der auch noch draußen den Tisch … deckt. Man grad, daß er nicht auch noch ’ne Kerze hinstellt (wär in der Meeresbrise ausgeblasen worden). Ißt stundenlang und trinkt den Wein nicht aus der Flasche. Supergau, supergau.

Bis nachts um eins saß ich da. Die Isola bella versank in einem aus dem Meer gestiegenen Schwarz, und der unentwegt auf der Strada statale lärmende Verkehr fing einzuschlafen an. So ich dann paar Minuten später.

(Vom Mahl ist eine gute Portion über; ich habe sie für Palermo in ein gut schließendes Behältnis bekommen. So hab ich nun zweimal davon; alleine für den Wein muß ich mich um Nachschub kümmern. Und die zu schreibende Romanszene – sie steht nun in mir fest; es ist jetzt nämlich heraus, weshalb die Liebesvilla hier nicht stehen kann. Lösungen schreibt uns das Leben immer selbst.)

Cefalù.
Noch eine Stunde bis Palermo.

Ma-Ma

1 – 2 – 3 – 4 komm so spuckeln, hab’s gegießt, 2 – 4 – 3 halten halten halten
wi-hil mit deiner pippi dusen, 4 – 2 – 3 : und hab’s gegießt
und hab’s und hab’s und hab’s gegießt, pau-pauder wonn wonn
pauder brrri 4 – 7 – 8, pheromo-schuh, o bombykol
willwill woruckeln, hab’s gegießt, gezuzel zuzel bombykol

und spuckel komm komm spuckel mi oh piep piep dusen hab’s gegießt
von 7 – 8 pau-pauder wonn pau-pauder brrri ovarium
4siebtel 8 kehrum herum von anders rum o bombykol
willwill woruckeln pauder brrri und hab’s und hab’s und hab’s gegießt
belipp gelipp pau-pauder brrri o bombykol ovarium

BURKA

Dieses komplett verhüllte Gedicht
gestattet allein einen Blick auf die Form,
auf das Alliterationsgitter
vor seinem Antlitz. Ob die Sprache
grob oder fein gewebt ist,
lässt sich auf diese Entfernung
nicht wirklich erkennen.

Dieses Gedicht huscht nur kurz vorbei,
es lässt sich bloß vermuten
ob es drunter enge Hotpants
oder romantische Spitze trägt,
und vielleicht ist es ja auch keine Frau,
vielleicht gehört es ja verboten
weil es möglicherweise sehr bald schon
eine Bombe hochgehen lässt,
die den ganzen Betrieb erschüttert.

„Gorillas in unserer Mitte“

Die Elbe schaukelt langsam den Tag
in den Schlaf oder sie wägt eine Idee
ab, die ihr eben auf der Welle lag
und in den Sand fiel: endlos viele
Universen aus Körnern, ein Gries
aus Plastik, allmählich zerschliffen.
Im Abenddämmern der Containerriese,
sprengt die Vorstellung von Schiffen;
wie ein Opernhaus an der Skelettküste.
Noch nicht im Bild sind tanzende Affen,
als erwarteten die Sinne einen Test:
Aufmerksamkeit ist nach oben offen.
Da, Klaus’ Kopf, maskiert als Kiesel.
Einst wogten hier Seegraswiesen.

52/16 – Paris-le longe du chemin sur la rive

Überlegungen und Berechnungen der Weiterarbeit: Die Poesie der Dinge. Die Nüchternheit ihrer Beschreibung? Das Bildhafte und das Bildlose. Vielleicht einfach Klang. Ohne Erklärung. Ohne etwas. Ohne etwas anderes zu sein, wie das, was sie ist. Zeit in ihrer Zeitgleiche. Eine Art Ansicht. Eine, vor sich stehende Voraussicht. Die Beachtungen. Betrachtungen offenlassen. Die Spiegelungen dessen, was ich sehe im Spiegel dessen, was ich nicht sehe. Eine Wechselwirkung? Eine Wechselwirkung der Wechselwirkung einer Welt. Eine Verbindlichkeit. Ein Glück. Ein Dialog. Eine Gravur. Eine Gravur von Schwingungen. Leere. Inhaltlich ein energetisches Feld. Augenblick.

Stille. Ein Fluss. Friedlich zieht er dahin. Und Ufer = 1 und alles “0″ und so weiter= erzählen. Unerklärlich / 111 + erschafft, was es wird: Y: Zeichen und Zahl = in ihm x Wort, unendlich == Klang und Welt, Quelle und +V+ aufsteigend und ^ abfallend = -Dimensionen-, zurückkehrend % , und Atem &, im Grossen 0, Atem o, das Pendel Zeit ?, in einem Bogen () = 3x unendlich, Teil, % Zentrum “q”. die Achse *!*, Möglichkeiten unendlicher und endlicher Formel @ und so weiter…

Das Echo einer Wirklichkeit. Es liegt eine Verlorenheit vor mir. Im Gefundenen selbst. Verschoben. Zielstrebig überquere ich Brücken und Strassen, Vorhaben und Pläne, Ansichten und Einsichten. Es ergibt eine Parallele. Alleen habe habe ich gepflanzt. Alleen meiner selbst. Mit Ansichten und Aufsichten, Fortsetzungen und Anfängen, aber keine Geschichte. Ich fliege nicht mit der Erinnerung. Weit liegt Sie vor mir, mit ihren Zeilen, Wolken, Brücken, Flussrichtungen, Kreuzungen, Kaminen, Fenstern, Menschen, Gesten, Sprachen. Hier vernehme ich dich. Tauben fliegen auf, Worte, die Zeit, Spiegelungen. Ich bleibe sitzen. Das Gedächtnis geht weiter, hinter mir, voraus. Les Fleurs.

Die Suche nach der Form, der Raum bleibt.

mal wieder etwas nach Keith Waldrop

aus: Die Gestalt der Brücke (dt. von J.K.)

IV

Sie erzählte ihm was, egal was, erzählte eine Episode aus ihrem früheren Leben, in jeder Kleinigkeit. Dann sagte sie:

Was ich dir erzählt habe, erzählte ich noch keinem. Da kannst du mal sehen, dass…“

Die Geschichte wurde zögernd erzählt, mit Unterbrechungen. Jetzt wo alle Zweifel Vergangenheit sind, ist jedes Hindernis überwunden.

Da siehst du, dass ich dich liebe.“

Er fühlte sich in dieser Welt weniger aufgestellt, als gestrandet.

Was er zu Bewusstsein brachte — seine Wünsche, seine Wüste – was er auch anfertigte, in den Blick zog, anzog, der Gedanke, den er jetzt dachte, es war alles schon hier, ungedacht.

Unwiderruflich auf dem Tablett, gerade im Moment, da er es im Set auftauchen sieht.

Er ist ruhig trotz des himmlischen Affentanzes — DONNER UND BLITZ – und des irdischen Aufruhrs.

Er stellt sich eine Diskussion vor zwischen Hebräischen Propheten, die kein Wort für Körper haben, und Babylonischen Astrologen, denen das Wort für Mond fehlt.

Oder eine Kontroverse darüber, ob Gott zuerst die linke oder rechte Hand gemacht hat.

Jeder Stuhl hier hat ein zerfetztes Polster, eine zerbrochene Lehne oder ein schiefes Bein. Alle Türknäufe sind weg und die Fenster klappern.

Er hat sein Vertrauen in das Adagio gelegt, ein langsamer Fortschritt durch die Apotheose. Ein zarter leuchtender Brei, windbenetzt, überhaucht – die Blätter üppig in Licht getaucht, als gäbe es dies ohne Kampf.

V

Ich erwache plötzlich und stelle erst einmal fest, dass ich nicht mehr schlafe – dass keine Stille herrscht – dass mich ein Klang geweckt hat, ein ganz besonderer Klang, vertraut und doch überraschend.

In Paris, wie in anderen europäischen Städten, gibt es in Bussen ein ganz bestimmtes System der Bezahlung: man steckt seinen Fahrschein in den Rachen eines Entwerters, einer Maschine also, die den Fahrschein nicht nur locht, sondern auch Datum und Zeit aufstempelt. Wenn ein Kontrolleur in den Bus kommt, und man hat keinen Fahrschein mit den richtigen Datum, dann setzt es Ärger.

Dieses Entwerten macht großen Krach.

Aber die Maschine macht noch ein anderes Geräusch: sie hat eine eingebaute Uhr, die gelegentlich vorrückt, und ohne dass jemand ein Ticket einführt, ohne dass jemand sich zwangsläufig in der Nähe des Kastens aufhält, deutlich ein maschineller Ton erklingt – nicht wie wie beim Entwerten, sondern heller, dumpf zwar auch, aber etwas weniger dumpf.

Es ist dieses Geräusch, genau dieses Geräusch, das mich just in Providence, an einem ruhigen Morgen, weckt und irritiert.

Arnos Beeren

„Am Anfang zerstörte sein Arsch die erste Zelle.“

Das war der Satz, mit dem mich der Kurator, von der gegenüberliegenden Straßenseite aus auf meine wechselnd, begrüßte. Er wies mit der Hand auf den Vorplatz, wie um ihn zu segnen.
Wir standen am Eingang; auch ich war eben erst eingetroffen. Eine Messingplatte, rechts von uns in Augenhöhe an den schmiedeeisernen Vierkantstäben befestigt, die die Einfassung des Geländes bildeten, zeichnete den Ort als Gedenk- und Begegnungsstätte Arno Schmidt aus. Die Platte war seit längerem nicht poliert worden.
Ich sah zum Gebäude.
„- Die erste Zelle?“
„Ja.“
Gesprächig war er nicht.
„Man kommt kaum hinein, ohne sie zu zerstören“, bemerkte ich. „Die Instandhaltung muss aufwändig sein.“
Er nickte. Noch immer hatten wir keinen Schritt getan.
Die Witterung mehrerer Jahrzehnte hatte auf dem großen Vorplatz ihre Spuren hinterlassen, unzählige tiefe Risse durchzogen die von der Sonne gebleichte Asphaltdecke. Weder Pflanzen noch Tröge, Skulpturen oder Springbrunnen lenkten den Blick des Besuchers vom Boden ab, der Platz war komplett leer. So musste jeder Gast bereits vom Eingangstor aus das Ausmaß der Aufgabe zur Kenntnis nehmen, der sich die Hüter der Institution täglich gegenübersahen.

In jeden Riss, jede Spalte der Asphaltdecke waren reife Erdbeeren gesteckt. Mit der Spitze nach oben.
Nicht gedrückt, dachte ich. Gesteckt. Jede einzeln. Große Erdbeeren für große Spalten, kleine für kleine, säuberlich nebeneinander, bis der Spalt gefüllt ist. Bis jeder Spalt gefüllt ist.
Der Kurator räusperte sich.
Ich wandte den Blick von den Früchten und sah ihn an.
„Es kommen zu viele Stipendiaten in letzter Zeit. Vor allem männliche“, sagte er.
„Das erhöht den Aufwand sehr, nicht wahr?“
„Ungemein“, bestätigte er. „Wollen wir gehen?“
Ich mochte aber nicht.
„Hat er sich draufgesetzt? Auf eine Erdbeere?“, fragte ich. „Schmidt?“
Der Mann nickte.
„Bei der Einweihung?“
Erneutes Nicken.
„Oje. Und seitdem – ?“
„Wir tun, was getan werden muss.“
Der Kurator nahm Haltung an, wie um der Bürde gewachsen zu sein und hob bedächtig den rechten Fuß.
„Kommen sie!“
Ich rührte mich nicht vom Fleck.
„Wo oft am Tag müssen sie die auswechseln?“ beharrte ich.
„Wir tun, was getan werden muss“, wiederholte er. Er sah mich an, sein Blick schwamm ein wenig.
„Sie weinen!“, rief ich. „Sie verklären ihn!“
„Sie sind Stipendiat“, erwiderte der Kurator mit Würde. Er nahm meinen Arm: „Lassen sie uns gehen, ich zeige ihnen ihre Zimmer.“

Jahre ist das her.
Meine Arbeit vor Ort ist längst getan und veröffentlicht, doch gelegentlich erinnere ich mich an diesen ersten Gang, die aufbrechenden Früchte unter meinen Schuhsohlen.
Zerquetschte Zellen.
Man gewöhnt sich daran.

Das Rauschen danach oder: warum ich meine Facebook-Freunde aufgeben muss, obwohl ich gar nicht bei Facebook bin

Dieser kleine Beitrag wird keine Ressonanz finden, also sollte ich mir damit entweder besondere Mühe geben oder gar keine. Ich werfe eine Münze, Kopf!, und entscheide, dass das bedeutet, mir keine Mühe geben zu müssen. Tue ich auch nicht. Was ich eigentlich nur sagen wollte ist, dass es in der kleinen Gemeinde der literarischen Weblogs in früheren Zeiten eine Vielzahl selbstorganisierter Diskussionen zu allen möglichen und unmöglichen (literarischen) Themen gegeben hat, die angeblich, so sagt man mir, nun zum großen Teil auf Facebook stattfinden. Tun sie das? Nun, da ich Facebook für außerdordentlich gefährlich halte (ungefähr deswegen: siehe hier und da), dies aber wohl nur auf Facebook zu diskutieren wäre, beende ich hier mal einfach meine kleine (imgrunde gar nicht statthabende) Rückschau auf frühere, andere Zeiten, in denen es diese besagten selbstorganisierten Diskussionen gab, die durchaus mehr waren als die Lieferung von Datenmaterial zu Kommerz- und Werbezwecken, die in sich geschlossen sein konnten und somit weniger flüchtig, Voraussetzung mithin, einen darauf sich stützenden werthaltigen, weiterführenden Diskurs überhaupt erst einmal lostreten zu können. Aber das ist nur meine Ansicht dazu, die ich durchaus nicht zur Diskussion stelle. Ergo stelle ich einfach nur fest, dass es geschafft ist, nämlich sich die Form des Umgangs miteinander von einem durch und durch kommerziellen, um demokratische Werte sich nur des Gewinns wegen kümmernden Weltkonzern aufoktroyieren zu lassen – einiger kleiner Vorteile wegen, weil es praktisch ist und leicht handhabbar und so weiter. Ein Armutszeugnis ist das und fast schon das Ende jeglichen Einflusses des Wortes im Internet, denn es wird nun nicht mehr als ein ewiges Blabla sein und in nicht allzu ferner Zukunft dann ein Übermaß an Videofilmchen, in denen das Blabla sinnigerweise zumeist aus dem Off kommen wird. Tja, das haben wir super hingekriegt, Leute, das mit dem Wort und der Literatur und dem Internet. Was bleibt ist das Rauschen danach. (Und vielleicht diese gedruckten Bücher! So viel Hoffnung muss schon sein, zuletzt!)

Polaroid 4 (Ausschnitt,NB) Norbert W. Schlinkert