
“Erfahrung? Was soll das sein..? Ist Erfahrung nicht die Erfahrung, dass Erfahrung Humbug ist: Es macht Hum, und du kriegst was vor den Bug? Ist das nicht alles, Joe..?”
- von Andreas Glumm
in Glumm

“Erfahrung? Was soll das sein..? Ist Erfahrung nicht die Erfahrung, dass Erfahrung Humbug ist: Es macht Hum, und du kriegst was vor den Bug? Ist das nicht alles, Joe..?”

“Ich bin der Tod.”
“Können Sie sich ausweisen?”
“Ausweisen?”
“Heutzutage klingeln ja eine Menge Spinner.”
“Ich bin gekommen, um dich zu holen.”
“Jetzt? Jetzt geht gar nicht. Warum haben Sie denn nicht geschrieben, dass Sie heute kommen?”
“Der Tod kommt meist unerwartet.”
“Da brauchen Sie sich auch nicht zu wundern, wenn die Leute keine Zeit für Sie haben.”
“Die Zeit spielt keine Rolle mehr.”
“Na, so ein Leben will ich auch mal führen.”
“Als Tod?”
“Ohne Zeitnot.”
“Das wird so sein, wenn wir zusammen gehen.”
“Zusammen gehen? Aha. Bekomme ich gleich einen Zettel zugesteckt?”
“Zettel?”
“Wo steht: Hallo, ich bin der Tod, wollen wir zusammen gehen? Ja, nein, vielleicht. Betreffendes bitte ankreuzen.”
“So läuft das nicht. Der Termin mit mir ist eher zwingend.”
“So nicht. Bringen Sie mir einen Beschluss vom Gericht, dann können wir darüber reden.”
“Gericht?”
“Ja, von mir aus auch vom Jüngsten Gericht.”
“Das kommt erst noch.”
Gegenüber öffnet sich die Tür.
“Frau Müller, bleiben Sie lieber drin.”
“Will der junge Mann was?”
“Das ist der Tod, der mich holen will.”
“Da muss aber erst geklärt werden, wer in der nächsten Woche die Biotonne an die Straße räumt.”

Hatte jemand zwischen den Rauhnächten gewaschen und damit ein Los gezogen, nimm, Herr Wode das Dorf nicht achtlos links, kehre ein mit deinem Totenheer, der hartgerippte Steinboden sei dein Totenacker, sei dein Kältebad auf deiner wilden Jagd, entfesselter Wind, als der Nachtwind starrend um die Häuser patrouilliert, die schneebedeckten Zweige schüttelt, hier entlang! Hat jemand die Wäsche gewaschen? Die Zweige zeigen sich dankbar für jede Regung, die man ihnen antut, damit sie wenigstens ein bißchen Gewicht verlieren, denn lange noch, lange noch müssen sie den Perchtenmantel tragen. Der bettelarme Baum: und jeder Baum ein bettelarmer Baum, entkleidet sind die Lauben, das Immergrün von hexagonalen Kristallen besetzt, die Steintreppen stiller, die Schorne, gewaltig sich streckend, erscheinen doppelt so groß in ihren Schieferkleidern, durch das Feuer gestärkt, das in den Küchen und Stuben das Leben erhält, auch die Dachstühle stiller. In der dumpfen Wärme der Ställe scharrt das Vieh, keines deiner Länder, Sturm, ist dies, aber das Heer ist abgebogen und donnert, die Wäsche gewaschen und pfeifend, heran. Die Geräusche sind kalt und unwirklich und die Unwirklichkeit ist ein Geräusch der Ferne, das näher und näher kraucht. Zuweilen durchdringt ein unterdrücktes Bellen den Ritt. Das könnte Bella gewesen sein, der Groenendael des Schäfers Herold, der – lange währt die Zeit der Erinnerung – den letzten frei laufenden Keiler bezwang, nachdem der in sein Haus eingedrungen war, man weiß nicht, wie es kam, wütend wie der Kerberos nach einer Rebellion der toten Seelen, tief im Matsch versunken und trotz Blattschuß noch im Todeskampf das Vestibül zu Kleinholz marschierend, in dem sein ausgestopfter Schädel links neben dem Eingang über einem Jagdtisch mit fünf Beinen und aufwendigen Schnitzarbeiten heute noch die Wacht hält, versteinert und borstig, vor allem aber verstaubt, umgeben von einem Holzrahmen aus heller Eiche. Lorbeerblätter und Datierung fehlen nicht. Bella war zu dieser heroischen Stunde, als der Keiler sein Anliegen ungestüm vorzubringen sich erdreistete, noch nicht des Schäfers verlängerte Schnauze, und als sie dann den starren Blick des Ungeheuers dort an der Wand zum ersten Mal gewahrte, die schielenden kleinen Glasaugen, den aufgesperrten Rachen, da weigerte sie sich, im Haus zu schlafen. Kein guter Anfang für ein künftiges Vertrauensverhältnis, denn, so dachte der Herold, den Schafen näherten sich ganz andere Störenfriede, und ein Hündchen, das davonlief, anstatt sich mit gesträubtem Fell und starrer Rute selbst einem Tyrannosaurus entgegenzuwerfen, wird wohl kaum geeignet sein, um in diesen finsteren Jagdgründen für das Gerücht der Unbezwingbarkeit und Spaßlosigkeit zu sorgen, ein notwendiger Umstand aber, denn lebt nicht schier alles von Gerüchten, von überlangen Schatten, von unsinnigen Taten, die in jeden Rahmen sprengender Vernunftlosigkeit erst zur abschreckenden Blüte werden? Seine Bella, so hätte es der Herold gerne verkündet, springe selbst ihr eigenes Spiegelbild in den Pfützen an, wo sie sich den Durst stillt, nicht zulassend, daß selbst ihre Reflektion der Herde zu nahe kam. Die Hündin bekam jedoch – erste Runde des Eigensinns – im Hof der ehemaligen Wendenschuch-Mühle, umgeben von der Herrenwohnung, den Stallungen, dem Hirtengebäude und dem Tropfhaus ihr Plaissier, sichtlich froh darüber, so ganz ohne Bilder, Tand und Trophäen an den Wänden ihren selbstgestalteten Träumen nachzugehen, wobei sie – und das sei der Vollständigkeit halber erwähnt – einen ihrer Träume ganz besonders schätzte, in dem sie sich von einem Widder, dem sie doch positionsmäßig vorstand, von Hinten (anders war es ihrer Natur leider nicht vergönnt) nehmen ließ.
Träumst du?
Ich bin mir nicht sicher, andererseits, wie wüßte ich sonst davon?
In diesem Hotel, in diesem Zimmer träumst du doch seit langem von allem, oder kommt dir das alles geheuer vor?
Die Hündin hat mich, während ich schaukelte, gebissen.
Seit wann schaukeln meine Schafe?
Ein Zwicken in die Haut, mehr war es nicht. Dunkel schwingende Instinkte, die im ehemaligen Hammerwerk immer zugegen sind, mögen dafür verantwortlich gewesen sein. Sieht der Herold nachts die geisterhafte Fratze Alfons Wendenschuchs über seinem Bett schweben? Und gerät Bella außer sich, wenn die Luft im Zimmer dann immer ganz kalt wird?
Seit wann schaukeln meine Schafe?
Die Hündin trottet, sichtlich irritiert, zurück zu den anderen Wolltieren, die sie leichter erkennen kann, die auch anders schmecken wie dieses hier. Der Geruch, der sie angezogen hat, stammt von apokrinen Drüsen, da gibt es nichts zu rütteln. Jetzt aber hat sie Serge de Nîmes zwischen den Zähnen, obwohl ihr der Stimulus-Response doch eindeutig befahl: der da zurück in die Herde stop.
Träumst du?
Ich weiß es nicht; wer bist du überhaupt, der mich das fragt?
Sie wissen, sie wissen nicht, sie wissen. Die Fenster passen sich immer der Dunkelheit an, denkst du wirklich, sie beobachten dich nicht, denkst du wirklich, sie sehen nicht, was auf der Straße geschieht, wenn nichts geschieht?
Träumst du?
Ich habe doch stets alles nur geträumt, im Kinderwagen, ich möchte sagen, da war ich bereits wach wie in einem Traum, und ich lag gebettet in himmelblauem Strickzeug. Von Einhundertachzundneunzig Seelen einundzwanzig Schüler, vierundneunzig Frauen ich das achte Kleinkind, die achte Feier, denn die Dämmerung dickwandiger Keller sorgte im Gasthof zum Schwarzen Hammer für ein Gefühl der Sicherheit und hielt die Atmosphäre der nahegelegenen Fässer und deren tausend guter Trünke zusammen, denn es gab genügend Licht, um den Sonnentropfen im Becher schweben zu sehen; nicht zu viel, damit das Auge nicht das Übergewicht erhielt über die Nase, die an der Blume saugt, vorsichtig genähert, tastend, leise gestrafft.
Garnieren wir uns mit der Substanz des Mahles, elefantengrau der Schlamm der Knochen: Augen sind rankend sich selbst überlassen und sehen Faschingstänze und andere Festivitäten, eine Brücke zur Außenwelt. Im Egertal ziemte sich die dem Buche ‹A delicate Diet for daintie mouthed Dronkardes, wherin the fowle Abuse of common carowsing and quaffing with hartie Draughtes is honestile admonished› (erschienen 1576) entnommene Klassifizierung der unterschiedlichen Räusche und deren Träger, Menschen, die soviel soffen, daß sie dann affentrunken waren, hin und her tanzten, an allem hängenblieben. Es gab einen Sturm in der Nacht. Andere waren löwentrunken, schmissen mit Porzellan und Zinnkrügen um sich, nannten ihre Wirtin eine verdammte Hure und zerschmetterten die Fensterscheiben mit dem Dolch. Es gab einen Sturm in dieser Nacht. Wieder andere waren schweinetrunken. Sie wälzten sich auf dem Boden, lallten, daß sie noch mehr zu trinken wünschten und besudelten ihre Kleider. Es gab einen Sturm in dieser Nacht. Dann gab es solche, die schlaftrunken waren, die den größten Blödsinn als der Weisheit letzten Schluß verzapften, obwohl sie kaum noch ein vernünftiges Wort hervorbringen konnten:
ist nicht so / daß wir kühlen könnten
ist nicht so / daß wir ober=räubern
abrammen, umfafeln, um tafeln
herum : waffeln / daß wir
ohnsägliches gespür, entrinnen
mimenzwecke im spiegelfleisch
hören wir bitteren fuchsjagten zu
Besonders übel waren jene, die der Autor des Kompendiums bockstrunken nannte; waren diese richtig vollgesoffen, hatten sie nur Bocksgelüste und mochten auf jede Frau springen, die das Pech hatte, in der Nähe ihres Hosenschlitzes zu stehen.
Hier gab es, Rausch hin, Rausch her, zumindest keine betrügerischen Wirte, die nach ihrem Tod in ihren Kneipen als Poltergeist, Werwolf, Alp und Trude, Zaunreiterin oder Hagazussa (die vom Hag) umgehend mußten, von einem universellen Schicksal dazu aufgefordert, es gab keine Herbaria, die sagt: »Bei den Zauberfrauen sollst du nicht zärtlich schlafen, daß sie dich nicht innig umarmt. Sie wünscht sonst dir an, daß du weder zum Schranne noch zum Königshof kommst, dir mundet kein Mahl nach der Mannesfreude, du gehst schlafen voll Schmerz.«
(Was war mit Esrabella Gräf? Doch nicht jetzt! Konzentriere dich auf ein gewisses Kontinuum, sonst wirst du nicht zum Kern vorstoßen!)
Die Schlange biß sich in den falschen Schwanz; gibt es eine Wechselwirkung, die wir uns nicht vorstellen können? Die Sauberkeit des Magens war ihr Thema, von dem sie selbst dann nicht abließ, als sie bereits Grübchen prägten, randgefüllt mit Tupfen aller Tugenden, sagen wir: einer Oase, die sich stets sorgenvoll bereit hielt. Das las man in ihrem Gesicht, ihr Blick, der selbst Sandalen am Fliehen hinderte. So konnte sie sich doch sehen lassen, oder etwa nicht? So also sah man sie, man sah sie nie wieder wie an diesem Tag, beinahe naß, oder war das nur der Glanz ihrer Augen?
Eine Party in einer dieser alten Telefonzellen mitten im Wald, mitten im kernigen Moos, Nummern troffen von der bewegten Masse, jede andere Einschätzung war schwierig. Um etwaigen Vergiftungen vorzubeugen, kramte sie im Handschuhfach herum, fand tatsächlich Reste einer alten Landkarte wieder, freigesetzte Plakate sozusagen, an vier von fünf Ecken mit Tesa befestigt, bleich wie ein Glas Milch, bevor es getrunken wird.


herr entrometido irrt orientierungslos durch die ihm völlig fremde und zu grosse stadt. seine aktentasche ist immer noch dabei.
die volanterinnen haben ihn natürlich nicht aus den augen verloren, und als ein motorradfahrer an herr entrometido vorbei fährt und ihm die tasche entreisst, halten sie dies für die offizielle übergabe.
herr entrometido ist in zweifacher hinsicht erleichtert, aber die orientierung hat er immer noch nicht gefunden. den kaffee kann er zur zeit nur mit der rechten hand trinken, der linke arm zittert immer noch von dem endlosen schleppen der aktenmappe.

In den hohen Oliventerrassen,
wo Lavendel wächst, Fenchel, Majoran,
wenn du zwischen den Steinzäunen hindurch
dort in den Mittag wanderst, achte
auf den hornissengroßen Vogel
oder Fastvogel, Schwärmer,
sein Schwirren
von Blüte zu Blume,
Blume zu Blüte. Im Flug
taucht sein Schnabel in alles
bunte Offene, in jeden Lichtmund,
und es gibt für ihn keine Sonne, keine,
die zu schwach wäre. Lass Falter gaukeln!
Schwarze Raupe steigt vom Dach
des Trafostanicahäuschens
ins leuchtende Gras,
wartet auf nichts,
erwartet nichts,
geht und ergeht sich
mit einem Schwarm Luft
trinkender Fische als Beine. So
solltest du vielleicht auch gehen? Ja.
Komm und bleib eine Weile, bevor du
unten am Hafen verschwindest,
wo die Lastwagenfähre
lautlos die Bucht zerteilt und
im Schatten die Kräutergärten schlafen.
*

olimambo : 2.22 — Ich hörte das Geräusch einer scheppernden Glocke, ein Klingeln oder metallenes Hupen. Ich dachte, irgendjemand wollte mich wecken, obwohl ich doch bereits wach geworden war. Ich spazierte zunächst in die Küche. Das Geräusch wanderte mit. Plötzlich erinnerte ich mich, woher ich das Geräusch kannte, ich hatte über das Geräusch schon einmal notiert. Ich erinnerte mich zunächst an meinen Text und dann an den Ursprung des Geräusches, das ich hörte, oder war es vielleicht genau anderherum gewesen? Das Geräusch meiner Erinnerung kam von einem Glöckchen her, das am Weihnachtsabend hinter einer Tür von meinem Vater durch heftige Bewegung zum Klingen gebracht worden war, ein vertrautes, jährlich wiederkehrendes Geräusch. Einmal bekam ich ein Radio geschenkt. Das Radio war das erste Radio meines Lebens gewesen, ein Transistorempfänger, handlich und doch sehr schwer. Ich weiß nicht weshalb, ich öffnete das Radio mit Hilfe eines Schraubenziers, ich zerlegte die kleine Apparatur in ihre Einzelteile und wunderte mich. Ein Jahr darauf bekam ich einen Fotoapparat, den ich am darauffolgenden Tag wie zuvor das Radio öffnete und auf das genaueste untersuchte, im Frühling zählte ich Vögel, im Sommer durchsuchte ich das Unterholz nach Knochen von Hasen und Rehen, um sie in meinem Zimmer auf dem Schreibtisch so zu konfigurieren, dass ich sie mir vorstellen konnte. Es ist merkwürdig, wie Geräusche über große Zeiträume hinweg wiederkehren, als wären sie gerade erst in der Wirklichkeit abgespielt worden. Es lässt sich nicht überprüfen, aber sie scheinen sich tatsächlich nicht verändert zu haben, sind unteilbare Wesen. Heute Schnee, sehr leise. — stop


Ein Arbeitsheft: Nachtrag vom 8.11.15 // Einordnungen // Sinnvoll // Vielleicht wäre eine kühne Meditation angebracht, einen Raum in der Zeit zu schaffen, aus dem der Blick über die Ebene, die Stadt und den Fluss möglich würde. Offenbar waren die unruhigen Gedanken der Grund, weshalb nichts seinen Platz einnahm und keine bemerkenswerten Schritte und Überlegungen mehr vollzogen werden konnten. In diesem Schwebezustand blieb ich lange, im freien Fall, wie Schnee, leicht bunt, schweigend, wo er den Boden berührte ohne Gleichung, ohne Resonanzen zum Bestehenden, zum Bleibenden. Ich blieb richtungslos. Losgelöst vom Bild erschien die Farbe. Ein Strauss bunter Flecken und über den Dächern eine etwas hervorgehobene Räumlichkeit, die Anfangs erschienen Flächen verschoben sich in und aus der Welt der papierenen Quadratur. Zugegen war ein Schwirren und Flirren. Das Ruhelose und das Offensichtliche kreiste über den Feldern und suchte aus der formalen Gefangenschaft und Enge einen Ausweg. Materialien: ein work in progress: eine Aufzeichnung des Werdegangs der Ausstellung mit dem Arbeitstitel: Soleur.


„arm bist du nicht ohne geld, arm bist du ohne herz.“ (syrischer flüchtling)
wir alle woll’n jetzt endlich bess’res leben,
das süß’re stück vom fetten sahnekuchen.
doch dafür ist kein nehmen, sondern geben,
ein finden uns nur in dem uns jetzt suchen.
so ist mein herz ein großes, kleinem geist
und eifersüchten manchmal nur gegeben.
denn wie auch immer ihr mich nennet, leist’
ich widerstand auch solchem untergehen.
ich bin nicht arm durch den verlust, doch reicher,
weil mein herz schlägt für dich und immer euch,
es pocht gemeinsam an der pforte. leichter
wird’s mir, wenn ich gewusst, dass der verzicht
auf heimat, bergung tränen macht mir feucht
und meine zunge auch für dies’ gedicht.
(@ j&m)

Eine Besonderheit der südholländischen Universitätsstadt Leiden sind die muurgedichten, mehr als hundert an den Wänden der Stadt angebrachte Gedichte aus aller Welt und durch die Zeiten, von Sappho über Arthur Rimbaud bis zur jung verstorbenen bulgarischen Dichterin Danila Stoyanova. Häufig fügen sie sich so dezent und organisch ins Stadtbild ein, als wären sie bereits beim Bau der Häuser berücksichtigt gewesen.
Das Projekt existiert auch im Netz, eine Website listet sämtliche Verfasser und Adressen. In niederländischer Sprache wird dort eine zwei- bis dreistündige Wanderung vorgeschlagen, ein als PDF-Datei verfügbarer Rundgang, der vom Hauptbahnhof ausgehend gut 20 Wandgedichte beinhaltet und darüberhinaus viele Leidener Sehenswürdigkeiten am Wegrand erklärt.
Die Wanderung dürfte lohnen, soweit wir das beurteilen können, denn wir mußten sie aufgrund widrigen Wetters nach einer guten Viertelstunde abbrechen. Da führte sie bereits durch einige Winkel, die der Ortsfremde nicht unbedingt als erste betritt. Die Wandgedichte, erwies sich, sind bisweilen so angebracht, daß sie ohne speziellen Hinweis leicht übersehen werden können.
Die Idee der Wandgedichte scheint die Leidener zu weiteren Gedichtaktionen zu inspirieren. An mehreren Fenstern fanden wir Zettel mit Versen angeklebt, eines der häufig unverhängten Wohnzimmerfenster zur Straße zierte ein mit weißer Wandfarbe in expressiver Handschrift angepinseltes Gedicht. Auf ihren Straßen und zugleich im Netz dauerhaft von Lyrik schwingende Städte sind weltweit äußerst rar gestreut. Leiden scheint die unaufdringliche, gekonnt eingesetzte Lyrikpräsenz bestens zu bekommen: trotz grauen Nieselwetters beschlichen uns mehrfach Anwandlungen, Leiden als die freundlichste und schönste aller rheinischen Städte zu bezeichnen.
