Archiv der Kategorie: Ausgabe 04/2015

Inhalt 04/2015

Die Lesezeichen-Ausgabe 04/2015 erschien am 11. Januar 2016.

In dieser Ausgabe:

Der Tod und ein Glas Milch, Erfahrungen beim endlosen Schleppen der Aktenmappe, Geräusche in der Moldauschlinge, schwarze Raupen und giftige Sporen, Quadraturen, Sahnekuchen und schmale Pritschen, Chaim Noll, Theodor Kramer und Martin Mosebach, stornierte Handwerkerrechnungen, Sappho und Arthur Rimbaud, Danila Stoyanova und Schneewitchen, Windkobolde, Butterfly-Effekte und ein Alpha-Mieder vor dem Einschlafen … uvm.

INHALT:

Vela Luka

In den hohen Oliventerrassen,
wo Lavendel wächst, Fenchel, Majoran,
wenn du zwischen den Steinzäunen hindurch
dort in den Mittag wanderst, achte
auf den hornissengroßen Vogel
oder Fastvogel, Schwärmer,
sein Schwirren
von Blüte zu Blume,
Blume zu Blüte. Im Flug
taucht sein Schnabel in alles
bunte Offene, in jeden Lichtmund,
und es gibt für ihn keine Sonne, keine,
die zu schwach wäre. Lass Falter gaukeln!
Schwarze Raupe steigt vom Dach
des Trafostanicahäuschens
ins leuchtende Gras,
wartet auf nichts,
erwartet nichts,
geht und ergeht sich
mit einem Schwarm Luft
trinkender Fische als Beine. So
solltest du vielleicht auch gehen? Ja.
Komm und bleib eine Weile, bevor du
unten am Hafen verschwindest,
wo die Lastwagenfähre
lautlos die Bucht zerteilt und
im Schatten die Kräutergärten schlafen.

*

VIDEO

Plötzlich pilzt er im Himmel,
rot im Grau. Giftige Sporen, knallen die Patronen
aus den Läufen der Kalaschnikows.
Du siehst ihn zappeln,
ein Myzel aus Angst im Bauch.
Das symbiotische Geschrei
der Bewaffneten, Kameragewackel, Schnitt –

Stephan Maria Karl
Vorsintflutliche Menschen …
Schreibe einen Kommentar …

Die Gleitschirmflieger an sonnigen Tagen.
Die leergekauften Waffengeschäfte.
Die Glasfaserkabel, die im Solarplexus enden.

32/15 – Soleur // Materialien


Ein Arbeitsheft: Nachtrag vom 8.11.15 // Einordnungen // Sinnvoll // Vielleicht wäre eine kühne Meditation angebracht, einen Raum in der Zeit zu schaffen, aus dem der Blick über die Ebene, die Stadt und den Fluss möglich würde. Offenbar waren die unruhigen Gedanken der Grund, weshalb nichts seinen Platz einnahm und keine bemerkenswerten Schritte und Überlegungen mehr vollzogen werden konnten. In diesem Schwebezustand blieb ich lange, im freien Fall, wie Schnee, leicht bunt, schweigend, wo er den Boden berührte ohne Gleichung, ohne Resonanzen zum Bestehenden, zum Bleibenden. Ich blieb richtungslos. Losgelöst vom Bild erschien die Farbe. Ein Strauss bunter Flecken und über den Dächern eine etwas hervorgehobene Räumlichkeit, die Anfangs erschienen Flächen verschoben sich in und aus der Welt der papierenen Quadratur. Zugegen war ein Schwirren und Flirren. Das Ruhelose und das Offensichtliche kreiste über den Feldern und suchte aus der formalen Gefangenschaft und Enge einen Ausweg. Materialien: ein work in progress: eine Aufzeichnung des Werdegangs der Ausstellung mit dem Arbeitstitel: Soleur.

von der diaspora

„arm bist du nicht ohne geld, arm bist du ohne herz.“ (syrischer flüchtling)

wir alle woll’n jetzt endlich bess’res leben,
das süß’re stück vom fetten sahnekuchen.
doch dafür ist kein nehmen, sondern geben,
ein finden uns nur in dem uns jetzt suchen.

so ist mein herz ein großes, kleinem geist
und eifersüchten manchmal nur gegeben.
denn wie auch immer ihr mich nennet, leist’
ich widerstand auch solchem untergehen.

ich bin nicht arm durch den verlust, doch reicher,
weil mein herz schlägt für dich und immer euch,
es pocht gemeinsam an der pforte. leichter

wird’s mir, wenn ich gewusst, dass der verzicht
auf heimat, bergung tränen macht mir feucht
und meine zunge auch für dies’ gedicht.

Zum Audiofile

(@ j&m)

Der Andere

Sie sind nicht Eduard Raban, hörte er eine Stimme sagen. Der Kopf des Richters wirkte klein über der roten Robe. Er sagte es noch einmal, etwas lauter diesmal, so als sei er nicht sicher, ob der Mann ihn verstanden habe. Der Mann sagte nichts. Er verweigerte keineswegs die Aussage, das wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Er spürte sein Herz schlagen in dumpfen, wie in Zeitlupe ablaufenden Schlägen: Kawumm, kawumm schien es zu machen. Wie bitte?, hörte er die selbe Stimme, dann eine andere, von der Seite, eine weibliche, die fragte, ob ihm nicht gut sei, ob er ein Glas Wasser wolle. Möchten Sie ein Glas Wasser?, fragte die Stimme, rief aber schon nach dem Saaldiener, der Angeklagte benötige ein Glas Wasser. Man wartete schweigend. Es war lauwarm, und im schräg in den Gerichtssaal fallenden Sonnenlicht erkannte er, dass das Wasser nicht ganz sauber war. Er nahm einen Schluck, voll Widerwillen, und stellte das Glas neben sich auf die helle Buchenholzbank, die ursprünglich hochglänzend lackiert gewesen war, nun aber dort, wo die Angeklagten saßen, nur noch matt glänzte; die Hosenboden der Beschuldigten hatten den Glanz zum Ermatten gebracht. Auch die Armlehnen waren matt, während unter ihnen, am Rand der Sitzfläche, eine Spur des alten Glanzes erhalten geblieben war. Sind Sie in der Lage, Fragen zu beantworten, hörte er den Richter sagen. Der Mann hinter ihm stieß ihn leicht an, sein Verteidiger. Dieser hatte vor der Verhandlung versucht mit ihm zu sprechen, aber er hatte nicht ein Wort sagen können, nicht eine Frage hatte er ihm beantwortet, so als sei er plötzlich stumm geworden. Nun gut, hatte sein Verteidiger endlich gesagt, ich erkläre Ihnen die Zusammenhänge und Sie nicken, wenn Sie verstanden haben. Dann waren verschiedene, wichtige Zeichen ausgemacht worden, leichtes Anstoßen, Räuspern oder kurz den Rotz in der Nase hochziehen, daswaren die Zeichen, die der Anwalt vorgeschlagen hatte, aber er konnte sich jetzt nicht mehr erinnern, was diese Zeichen zu bedeuten hatten. Natürlich, sie bedeuteten Ja oder Nein oder Ich kann mich nicht erinnern, eben das, was er sagen sollte, wenn der Richter oder der Staatsanwalt etwas fragte, nur wusste er nicht, welches Zeichen nun im Einzelnen Ja oder Nein oder Ich kann mich nicht erinnern bedeutete. Warum, hörte er den Richter sagen, geben Sie sich als Eduard Raban aus? Ein Ventilator in großer Höhe surrte, seine Füße waren eiskalt und das Wummern in seiner Brust schlug ihm bis in den Hals; es schien ihm fast, als müsse man sein Herz deutlich sehen, wenn er nur den Mund weit genug öffnete, wie es in den Mundraum drängte, pulsierend, rot schimmernd, immer ein wenig mehr sich hinein- oder vielmehr aus dem Körper sich herausarbeitend, um schließlich den Mundraum völlig auszufüllen.

Wir wissen, Sie können nicht Eduard Raban sein, hörte er den Richter noch sagen, bevor ihm schlecht wurde. Er bekam keine Luft, er atmete wie gegen ein Ventil, ein wie auch immer verkehrt herum eingesetztes Ventil. Das Glas mit dem Wasser fiel zu Boden, es drehte sich, auf der Seite liegend, einige Male um sich selbst, bevor es endlich still lag. Es glotzte ihn an. Er war zu Boden gesunken. Was nur wollte man von ihm? Er wusste doch selbst, dass er nicht Eduard Raban war; natürlich wusste er das. Er hatte es nie behauptet. Wäre ich Raban, dachte er, so läge ich im Leichenschauhaus, kaum zweihundert Meter von diesem Saal entfernt. Das wussten doch alle, oder etwa nicht? Das jedenfalls würde er sagen, wenn man ihn nur ließe, wenn er nur könnte.

Ein seltsames Gesicht beugte sich über ihn, weitere drängten herbei, ein Jemand packte ihn unter den Achseln, von hinten, so dass er zwei Fäuste vor seinem Gesicht hatte, geballt und zu allem bereit. Ein Anderer hatte seine Füße ergriffen, vielmehr seine Fersen, so dass ihn nun diese Beiden, der Jemand, von dem er nur die Fäuste sah, und der Andere, von dem er nichts sah, forttrugen. Der Ventilator summte noch immer weit oben an der Saaldecke, er bekam noch immer keine Luft und seine Füße waren noch immer eiskalt. Er hob ein wenig den Kopf, auch wenn es ihn sehr anstrengte. Der Andere, der ihn an den Fersen trug und rückwärts ging, fast so als sei er es gewöhnt und mache es regelmäßig, kam ihm durchaus bekannt vor, doch war es nicht etwa sein Verteidiger, keineswegs, und es war auch durchaus nicht der Richter, auf keinen Fall. Er ließ den Kopf wieder in den Nacken sinken. Der Ventilator bewegte sich aus seinem Blickfeld heraus, noch immer schlug sein Herz dumpf und wie in Zeitlupe, sein Mund stand offen, er erkannte den Türrahmen, aus Eiche, die zweiflügelige Tür, die er nur im Anschnitt sehen konnte, dann der Flur, die Tonnendecken, die weißen, erleuchteten Kugellampen, in denen tote Insekten den unteren Bereich grau und schmutzig erscheinen ließen. Auch als es die große und breite Treppe hinunterging, er konnte sich nicht erinnern, sie hinaufgegangen zu sein, und er den immer noch rückwärts gehenden Anderen besser sehen konnte, wollte ihm nicht einfallen, wer dieser Andere nur sein könnte. Ein Tropfen fiel auf seine Stirn und lief ihm die Nase hinab in den Mund. Er war salzig, er schmeckte es deutlich unter seiner Zunge. Auch der Andere schwitzte jetzt, so schien es, als sie die Eingangstür des Gebäudes durchschritten und ins Freie getreten waren. Er erkannte einen blauen, hohen Himmel; in großer Höhe waren Vögel zu sehen. Keine Wolken. Kies knirschte unter den Schuhen der Männer, sie schritten voran, wie Soldaten, im Gleichschritt, nur dass Soldaten nicht rückwärts marschierten, wie der Andere es tat. Er hörte sie keuchen, er spürte, dass sie sich ansahen und sich gegenseitig Mut machten, nur mit den Augen. Der Jemand hinter ihm fasste jetzt nach, indem er ihn kurz nach oben stieß und die Fäuste neu ballte, was den Anderen aus dem Tritt zu bringen schien, jedoch nur leicht. Linker Hand waren jetzt Baumkronen zu sehen, die Schritte der Männer aber nicht mehr zu hören, so als liefen sie auf Gras. Nur ein leichtes Keuchen war noch zu vernehmen, ein kurzes Hüsteln, ein pfeifendes Atmen, mehr nicht. Auch sie bekamen schlecht Luft, wenngleich nicht in dem Maße, wie er selbst. Der Andere musste nun, nur kurze Zeit später, so schien es, mit der Sohle eine Tür aufgestoßen haben, sicher eine Metalltür, die in ihren Angeln quietschte, eine Pendeltür, so hörte es sich an. Eine weitere Tür folgte, ein Türrahmen aus Metall, kaltes Licht in einem Raum, von einer weißen Decke ausgehend, ohne dass Lampen oder Leuchten zu sehen wären. Eine Tür fiel ins Schloss.

Der Jemand, der ihn, um nachzufassen, nochmals leicht nach oben stieß, zog den Rotz in der Nase hoch; oder war es der Andere, der nicht ein Malhatte nachfassen müssen? Der Raum war kühl, und irgendwo tropfte sicher ein Wasserhahn, wenn auch nichts zu hören war außer den jetzt schlurfenden Schritten der Männer. Er wandte noch einmal alle Kraft auf, den Kopf ein wenig zu heben, im selben Moment aber stießen ihn beide Männer seitlich von sich. Er spürte die harte Unterlage, auf der er nun lag; kein Zweifel möglich, er lag wieder, diesmal aber nicht auf dem Boden, wie im Gerichtssaal, er lag höher, auf einer schmalen Pritsche womöglich, über ihm eine weiße Decke, hell, aber ohne Lampen oder Leuchten. Wenn er jetzt nur den Kopf ein wenig drehen könnte, das musste gelingen, es war deutlich leichter als ihn zu heben, so viel Kraft sollte er noch aufbringen, unbedingt, dann könnte er nochmals einen Blick werfen auf den Anderen und, zum ersten Mal, auf den Jemand. Es gelang ihm. Zwei Gesichter sahen ihn an. Der Jemand, der ihn unter die Achseln gefasst und auf diese Art getragen hatte, war ohne Zweifel sein Verteidiger. Er schwitzte, der Schweiß rann ihm von der Stirn. Die Ärmel seines Oberhemdes waren aufgekrempelt, die Jacke musste er im Gerichtssaal gelassen haben. Er atmete schwer und blickte ernst auf ihn hinunter. Der Andere aber, mit vor der Brust verschränkten Armen dastehend, wirkte keineswegs ernst, im Gegenteil, er schien zufrieden und lächelte sogar ein wenig. Wer nur mochte er sein? Nach einer Weile schließlich nickten beide sich wortlos zu und schoben die Lade, auf der er lag, mit leichtem Schwung in die Tiefe der Wand. Kalte Dunkelheit umschloss ihn, tiefe Stille und eisige Kälte. Wer aber war der Andere?

Die Frage blieb ihm im Bewusstsein stecken, auch als die Dunkelheit, später,sofort, er wüsste es nicht zu sagen, ohne Übergang, fast ohne Begreifen seinerseits, einer blendenden Helle wich. In dem Augenblick aber, der sich wiederum, wenn also nicht alles täuschte, ohne weitere Verzögerung anschloss an diese Helligkeit, in dem Augenblick, als die Stimme des Mannes, dessen Kopf über der Robe so klein wirkte, sagte, dass er nicht Eduard Raban sein könne, begriff er, so als erinnere er sich endlich, ja, natürlich, er war nicht Eduard Raban! Aber es ist zu spät, für immer und seit je her zu spät, dachte er, es sei denn, er sagte, dass er nicht Eduard Raban sei, selbstverständlich nicht, dass er mitnichten dieser Mann sein könne, der im Leichenschauhaus läge, kaum zweihundert Meter entfernt, und an dessen Tod er Schuld zu tragen angeklagt sei, auch wenn er nicht wisse warum. Das alles Entscheidende aber war, er wusste es jetzt, er wusste es schon immer, es tatsächlich zu sagen, der Welt sprechend zu bestätigen, dass sie im Recht sei, dass er es jetzt und hiermit zugäbe, nicht der Genannte sein zu können. Der Richter wiederholte die Frage, doch noch bevor er antworten konnte, fragte ihn eine andere Stimme, ob ihm nicht gut sei und ob er ein Glas Wasser wolle. Das Sonnenlicht schien hell in den Saal und in großer Höhe surrte der Ventilator. Alles wartete schweigend. Als er das Wasser endlich bekam, erkannte er, dass es nicht ganz sauber war. Etwas schwebte zwischen Grund und Oberfläche, ohne dass er zu erkennen vermochte, was es ist. Trotzdem aber führte er das Glas an die Lippen und trank.

© Norbert W. Schlinkert – Alle denkbaren Rechte weltweit und darüber hinaus beim Autor

Polaroid 68 (Ausschnitt) Norbert W. Schlinkert

Von der Glut zu schreiben

Glut

••• Undine Materni schickt zu gewissen Anlässen gern Gedichte, auch zu Weihnachten. Und fast immer sind das Gedichte, die es in sich haben. Auch heute kam so ein Jahresenddgruß und hat mir einen Hieb versetzt.

Das hat sicher mit meiner jüngsten Lektüre zu tun. Ich hatte zwei Wochen Urlaub, ein wenig Zeit zum Lesen und zwei Bücher dabei, die ich auf dem Tag der unabhängigen Verlage im Münchner Literaturhaus mitgenommen habe. Zum einen von Chaim Noll »Der Schmuggel über die Zeitgrenze«, seine DDR-Erinnerungen, angefangen bei der Kindheit im zerbombten Berlin über die Jugend als nach und nach desillusionierter Spross einer Nomenklatura-Familie und seine Wehrdienstverweigerung bis zur schlussendlichen Ausreise aus der DDR im Jahre 1983.

Ich habe dieses Buch in einem Zug gelesen. Noll ist nur wenige Jahre jünger als mein Vater, und Noll und meine Biografien haben viele Berührungspunkte. Sogar die gleiche Schule haben wir besucht, Aufsätze über gleiche Themen geschrieben, und und und … Anders als ich hat Noll jedoch Tagebuch geführt, und es ist ihm gelungen, diese Tagebücher in den Westen zu retten. Bevor sich das DDR-Papier ganz auflöst und diese Dokumente verlorengehen, hat er auf Anregung seines unterdessen leider verstorbenen Agenten Uwe Heldt seine Erinnerungen in diesem Band zusammengetragen, angereichert mit allerlei Details aus nachträglich in den letzten Jahren geführten Gesprächen.

Sie wollen wissen, warum der Kaffee bei der Witwe Egon Erwin Kischs in Ostberlin so gut schmeckte? Dann nehmen Sie doch diese Neugier zum Anlass, in dieses Zeitdokument einzutauchen. Es wird keine Enttäuschung geben, denn eine wesentliche Qualität dieser Erinnerungen ist Nolls – ich kann es nicht anders sagen: anständiger – Umgang mit den erwähnten Personen. Man kann Wahres schreiben, ohne zu denunzieren.

Die Gefahr von Flashbacks und reaktiv-depressiven Anwandlungen ist natürlich groß. Da sei der Leser gewarnt.

Dass in Nolls Erinnerungen viel von Verrat die Rede ist, kann nicht verwundern. Von Verrat und Desillusionierung hat auch Hans Sahl zu berichten. Er war – wie Noll – ein jüdischer Emigrant, musste Deutschland in der 1930er Jahren verlassen und kehrte erst 1989 aus dem US-Exil nach Deutschland zurück. Im Weidle-Verlag ist vor einiger Zeit schon ein Band mit Sahl-Gedichten erschienen, den dieser zuerst in einer Subskriptionsauflage im Jahr 1942 in New York (auf deutsch!) herausbringen konnte: »Die hellen Nächte«.

In Deutschland sind diese Gedichte erst 2009 bei Luchterhand erschienen. Der Weidle-Verlag brachte sie mit seiner Ausgabe jedoch zum ersten Mal wieder in der ursprünglich von Sahl festgelegten Ordnung. Außerdem sind dem Band verschiedene Materialien beigefügt, unter anderem ein Text, der auf einem Sahl-Interview nach seiner Rückkehr nach Deutschland basiert:

Wenn Sie mich fragen, wie ich mich heute hier in Deutschland fühle, würde ich sagen: Man braucht mich nicht. Als ich zuvor vom Fehlen einer Wertsetzung sprach, von der atmomisierten Gesellschaft, muss ich jetzt sagen, daß heute der einzelne Autor in Deutschland in einer Art Exil lebt. Aber nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen Ländern der Welt sind die Menschen aus einer heilen Welt vertrieben worden. In eine Welt, von der man nicht weiß, wie sie sich entwickeln wird. Ich glaube, daß der alte Kulturbegriff vorüber ist, daß die Notwendigkeit der Kultur, die wir einmal empfanden, vorbei ist. Es geht heute um harte Existenzfragen, um ganze Länder, Völker, Grenzen, Kontinente.

Beide Bücher berichten von der »Notwendigkeit der Kultur«. Wir – und damit meine ich in diesem Moment Autoren wie Noll, Materni oder auch mich – empfanden sie in der DDR. Sahl empfand sie in der Weimarer Republik und nicht weniger stark auf den vielen Stationen seines Exils. Und heute? Ich fürchte, Sahl hatte nicht unrecht mit seiner Einschätzung.

Und vielleicht betrifft mich heute das Gedicht von Theodor Kramer, das Undine Materni als Weihnachtsgruß schickte, deswegen so sehr. Es ist die allerbeste Zeit, um von der Glut zu schreiben.

Wann sich im Herd die Asche wellt

Wann sich im Herd die Asche wellt
Und durch das kalte Gitter fällt
Und sich im Winkel find’t kein Scheit
Ist es die allerbeste Zeit
Um von der Glut zu schreiben

Wann fahl es wird in dem Hotel
Und knarrt das leere Bettgestell
Und seufzt der Flur von Einsamkeit
Ist es die allerbeste Zeit
Um von der Glut zu schreiben

Wann still es wird im fremden Land
Und der Kumpan, wozu er stand
Verriet und gut dabei gedeiht
Ist es die allerbeste Zeit
Um von der Glut zu schreiben

Theodor Kramer (1897-1958)

Heimsuchung

Loslassen, heißt es immer wieder und überall. Loslassen jetzt. Jetzt loslassen. Nun lass schon los. Aber wie geht das nochmal, loslassen?

Heimsuchung eines Planeten, es geht um Optionen. Es muss mehrere, es muss viele Optionen geben, ansonsten verengt sich die Welt, verengt sich auf einen unüberwindbar scheinenden Schmerz.

J. legt ihr rechtes Bein über die Beine ihrer Freundin.
Die Strumpfhosen werden auch immer dicker und dichter.

„Willst du Lakritz?“
„Nein, das ist nicht so mein Geschmack, nicht so richtig.“

Ich gehe schwimmen. Es ist Mittag. Auf dem Weg zum Schwimmbad begegnen mir die Menschen des Viertels, aber ich kenne niemanden, obwohl ich hier auch schon seit fast drei Jahren wohne. Das gleiche Bild im Schwimmbad: Am Ende verabschiedet sich ein Mann von mir, den ich erst nackt gesehen habe, der sich dann in einen intellektuellen Geschäftsmann verwandelte (ein Dozent, ein Redakteur der bürgerlichen Presse, so eine Art Martin Mosebach seiner Kleidung nach) und der schließlich mit mir über mein Auf-einem-Bein-Hüpfen lachte, weil ich Wasser im Ohr hatte. Es war mein erster wirklicher sozialer Kontakt an diesem Tag. Berlin war für mich Moskau an diesem Tag, eine weit von allem entfernte Stadt, in der ich niemanden kenne.

Material für „Roonstraße“:
Eines sanften Morgens
Mädchen hinter Glas

Ein zweites Treffen. Eine Kerze wachst auf einen Tisch, auf dem zwei grüne Bierflaschen stehen. Eine Situation, wie sie schon oft beschrieben wurde, jetzt steckt Alice in ihr fest und weiß nicht recht, wohin mit sich. Ihre Finger sehen krumm aus. Sie tragen keinen Schmuck. Jazzmusik penetriert den Raum, andererseits ist niemand hier attraktiver als sie, was in anderen Räumen anders wäre, auch das Fehlen von Bildschirmen fällt auf. Alice trinkt etwas, redet viel, raucht französische Zigaretten,
sieben bis acht in knapp zwei Stunden. Sie weiß nicht, wie sie aus dieser Situation wieder herauskommt, ob sie das überhaupt möchte, oder ob eine Situation automatisch automatisch auf die nächste folgt: Nach der Café-Szene kommt eine Straßenszene, aber dann? Eine Taxi-Szene, eine Szene in der U-Bahn? Ein französischer Film mit dem ersten Kuss auf dem Rücksitz? Oder Hollywood mit der Berührung der empfindlichsten Stelle draußen an einer Hauswand? Eine deutsche Komödie mit einem schlecht beleuchteten Treppenhaus, einem Gewühl nach Schlüsseln, einer hingezogenen Verlegenheit. England, Sozialdrama, hart an der Wirklichkeit, und also nichts von alledem, nur die Kargheit einer Studentenwohnung. Die Frage ist, ob man selbst bestimmt, wie es weiter geht. Sie macht einen verbalen Schritt nach vorne, weil sie nicht weiß, wie es weiter gehen soll. Ein deutscher Film mit einer Taxifahrt in einen tristen Stadtteil, und was das für ein Kuss ist, weiß sie nicht, aber er fühlt sich gut an.

Auch schon nicht mehr existent, da abgebrannt: Der Ort, an dem ich das Schmatz zum ersten Mal sah

Zeruya Shalev
+ Damals in der KölnArena

Die Wandgedichte von Leiden

Eine Besonderheit der südholländischen Universitätsstadt Leiden sind die muurgedichten, mehr als hundert an den Wänden der Stadt angebrachte Gedichte aus aller Welt und durch die Zeiten, von Sappho über Arthur Rimbaud bis zur jung verstorbenen bulgarischen Dichterin Danila Stoyanova. Häufig fügen sie sich so dezent und organisch ins Stadtbild ein, als wären sie bereits beim Bau der Häuser berücksichtigt gewesen.

Das Projekt existiert auch im Netz, eine Website listet sämtliche Verfasser und Adressen. In niederländischer Sprache wird dort eine zwei- bis dreistündige Wanderung vorgeschlagen, ein als PDF-Datei verfügbarer Rundgang, der vom Hauptbahnhof ausgehend gut 20 Wandgedichte beinhaltet und darüberhinaus viele Leidener Sehenswürdigkeiten am Wegrand erklärt.

Die Wanderung dürfte lohnen, soweit wir das beurteilen können, denn wir mußten sie aufgrund widrigen Wetters nach einer guten Viertelstunde abbrechen. Da führte sie bereits durch einige Winkel, die der Ortsfremde nicht unbedingt als erste betritt. Die Wandgedichte, erwies sich, sind bisweilen so angebracht, daß sie ohne speziellen Hinweis leicht übersehen werden können.

Digital StillCameraDie Idee der Wandgedichte scheint die Leidener zu weiteren Gedichtaktionen zu inspirieren. An mehreren Fenstern fanden wir Zettel mit Versen angeklebt, eines der häufig unverhängten Wohnzimmerfenster zur Straße zierte ein mit weißer Wandfarbe in expressiver Handschrift angepinseltes Gedicht. Auf ihren Straßen und zugleich im Netz dauerhaft von Lyrik schwingende Städte sind weltweit äußerst rar gestreut. Leiden scheint die unaufdringliche, gekonnt eingesetzte Lyrikpräsenz bestens zu bekommen: trotz grauen Nieselwetters beschlichen uns mehrfach Anwandlungen, Leiden als die freundlichste und schönste aller rheinischen Städte zu bezeichnen.