Archiv der Kategorie: Ausgabe 04/2015

Inhalt 04/2015

Die Lesezeichen-Ausgabe 04/2015 erschien am 11. Januar 2016.

In dieser Ausgabe:

Der Tod und ein Glas Milch, Erfahrungen beim endlosen Schleppen der Aktenmappe, Geräusche in der Moldauschlinge, schwarze Raupen und giftige Sporen, Quadraturen, Sahnekuchen und schmale Pritschen, Chaim Noll, Theodor Kramer und Martin Mosebach, stornierte Handwerkerrechnungen, Sappho und Arthur Rimbaud, Danila Stoyanova und Schneewitchen, Windkobolde, Butterfly-Effekte und ein Alpha-Mieder vor dem Einschlafen … uvm.

INHALT:

Die Wandgedichte von Leiden

Eine Besonderheit der südholländischen Universitätsstadt Leiden sind die muurgedichten, mehr als hundert an den Wänden der Stadt angebrachte Gedichte aus aller Welt und durch die Zeiten, von Sappho über Arthur Rimbaud bis zur jung verstorbenen bulgarischen Dichterin Danila Stoyanova. Häufig fügen sie sich so dezent und organisch ins Stadtbild ein, als wären sie bereits beim Bau der Häuser berücksichtigt gewesen.

Das Projekt existiert auch im Netz, eine Website listet sämtliche Verfasser und Adressen. In niederländischer Sprache wird dort eine zwei- bis dreistündige Wanderung vorgeschlagen, ein als PDF-Datei verfügbarer Rundgang, der vom Hauptbahnhof ausgehend gut 20 Wandgedichte beinhaltet und darüberhinaus viele Leidener Sehenswürdigkeiten am Wegrand erklärt.

Die Wanderung dürfte lohnen, soweit wir das beurteilen können, denn wir mußten sie aufgrund widrigen Wetters nach einer guten Viertelstunde abbrechen. Da führte sie bereits durch einige Winkel, die der Ortsfremde nicht unbedingt als erste betritt. Die Wandgedichte, erwies sich, sind bisweilen so angebracht, daß sie ohne speziellen Hinweis leicht übersehen werden können.

Digital StillCameraDie Idee der Wandgedichte scheint die Leidener zu weiteren Gedichtaktionen zu inspirieren. An mehreren Fenstern fanden wir Zettel mit Versen angeklebt, eines der häufig unverhängten Wohnzimmerfenster zur Straße zierte ein mit weißer Wandfarbe in expressiver Handschrift angepinseltes Gedicht. Auf ihren Straßen und zugleich im Netz dauerhaft von Lyrik schwingende Städte sind weltweit äußerst rar gestreut. Leiden scheint die unaufdringliche, gekonnt eingesetzte Lyrikpräsenz bestens zu bekommen: trotz grauen Nieselwetters beschlichen uns mehrfach Anwandlungen, Leiden als die freundlichste und schönste aller rheinischen Städte zu bezeichnen.

DIE KISTE („Du willst das nicht wissen….“) Ein Traumbild

Sei bitte nicht so informativ. DuDas habe ich Dir nicht gesagt. Was ich nicht wissen möchte. Und worüber Du zu mir nicht sprechen sollst. Ich hätte große Lust Tabus zu errichten. Aber sie sind so verräterisch.
 
Sie zog eine Kiste hinter sich her. Das grobe Seil hatte sie über die linke Schulter gezogen, den Arm durch eine notdürftige Schlaufe gesteckt. Die Kiste ratterte über das Pflaster. Passanten schauten sich um. Ein alter Mann schimpfte aus dem Parterrefenster über den Lärm, den die Touristen machen. Sie dachte nicht an Rollenkoffer (Nur wenn sie sich zusah beim Träumen, gelegentlich. Ihrer war rot.) Sie zog. Sie wusste nicht wohin. Sie wollte zu dir. Sie sah dich nicht. Sie ahnte deine Traurigkeit, irgendwo hinter den Bergen bei den sieben Zwergen. Sie musste raus aus der Stadt.
Sie ist kein Schneewittchen. (Das dachte sie im Traum: „Ich bin kein Schneewittchen.“) Du bist kein Zwerg und kein Prinz. Du trittst auf der Stelle. Sie will zu dir. Sie zieht. Sie zieht die Kiste hinter sich her. (Wir sind jetzt im Präsens. Weil das keine abgeschlossene Geschichte wird.) Sie muss raus aus der Stadt. Sie krümmt den Rücken, sie schleift die Kiste über das Trottoir, sie keucht und zieht weiter. Sie erreicht die Stadtgrenze, sie zieht über die Feldwege, sie ist im Wald. Die Blätter leuchten rot vor dem strahlenden Himmel, so blau. Sie hebt den Kopf. Sie atmet durch. Sie weiß um dich. Du versteckst dich vor der Sonne. Sie will sich wärmen lassen, aber sie hat keine Zeit. Sie rumpelt mit ihrer Kiste dahin. Wie traurig du bist. Sie sehnt sich. Sie sehnt dich. Sie zieht. Die Kiste hält sie auf. Die Kiste bleibt am Wurzelwerk hängen, die Kiste holpert über die Steine, die Kiste hängt im Schlamm fest. Sie kann sie nicht loslassen. Du trittst auf der Stelle und kommst ihr nicht entgegen. Sie zieht. Sie lässt nicht locker. Sie bewegt sich hin. Sie kommt nicht voran. Sie zieht.
Sie vermutet, kurz bevor sie aufwacht, dass die Kiste leer ist. Sie klappert weiter über den Schotter.
(Du willst das nicht wissen. Ich werde dir nichts sagen. Ich werde dich nur anschauen. Und wegschauen, wenn du willst. Hab keine Angst.)

Haustürgeschäfte

“Ich bin der Tod.”
“Können Sie sich ausweisen?”
“Ausweisen?”
“Heutzutage klingeln ja eine Menge Spinner.”
“Ich bin gekommen, um dich zu holen.”
“Jetzt? Jetzt geht gar nicht. Warum haben Sie denn nicht geschrieben, dass Sie heute kommen?”
“Der Tod kommt meist unerwartet.”
“Da brauchen Sie sich auch nicht zu wundern, wenn die Leute keine Zeit für Sie haben.”
“Die Zeit spielt keine Rolle mehr.”
“Na, so ein Leben will ich auch mal führen.”
“Als Tod?”
“Ohne Zeitnot.”
“Das wird so sein, wenn wir zusammen gehen.”
“Zusammen gehen? Aha. Bekomme ich gleich einen Zettel zugesteckt?”
“Zettel?”
“Wo steht: Hallo, ich bin der Tod, wollen wir zusammen gehen? Ja, nein, vielleicht. Betreffendes bitte ankreuzen.”
“So läuft das nicht. Der Termin mit mir ist eher zwingend.”
“So nicht. Bringen Sie mir einen Beschluss vom Gericht, dann können wir darüber reden.”
“Gericht?”
“Ja, von mir aus auch vom Jüngsten Gericht.”
“Das kommt erst noch.”
Gegenüber öffnet sich die Tür.
“Frau Müller, bleiben Sie lieber drin.”
“Will der junge Mann was?”
“Das ist der Tod, der mich holen will.”
“Da muss aber erst geklärt werden, wer in der nächsten Woche die Biotonne an die Straße räumt.”

Unter doppelten Schornen (SSB I)

Hatte jemand zwischen den Rauhnächten gewaschen und damit ein Los gezogen, nimm, Herr Wode das Dorf nicht achtlos links, kehre ein mit deinem Totenheer, der hartgerippte Steinboden sei dein Totenacker, sei dein Kältebad auf deiner wilden Jagd, entfesselter Wind, als der Nachtwind starrend um die Häuser patrouilliert, die schneebedeckten Zweige schüttelt, hier entlang! Hat jemand die Wäsche gewaschen? Die Zweige zeigen sich dankbar für jede Regung, die man ihnen antut, damit sie wenigstens ein bißchen Gewicht verlieren, denn lange noch, lange noch müssen sie den Perchtenmantel tragen. Der bettelarme Baum: und jeder Baum ein bettelarmer Baum, entkleidet sind die Lauben, das Immergrün von hexagonalen Kristallen besetzt, die Steintreppen stiller, die Schorne, gewaltig sich streckend, erscheinen doppelt so groß in ihren Schieferkleidern, durch das Feuer gestärkt, das in den Küchen und Stuben das Leben erhält, auch die Dachstühle stiller. In der dumpfen Wärme der Ställe scharrt das Vieh, keines deiner Länder, Sturm, ist dies, aber das Heer ist abgebogen und donnert, die Wäsche gewaschen und pfeifend, heran. Die Geräusche sind kalt und unwirklich und die Unwirklichkeit ist ein Geräusch der Ferne, das näher und näher kraucht. Zuweilen durchdringt ein unterdrücktes Bellen den Ritt. Das könnte Bella gewesen sein, der Groenendael des Schäfers Herold, der – lange währt die Zeit der Erinnerung – den letzten frei laufenden Keiler bezwang, nachdem der in sein Haus eingedrungen war, man weiß nicht, wie es kam, wütend wie der Kerberos nach einer Rebellion der toten Seelen, tief im Matsch versunken und trotz Blattschuß noch im Todeskampf das Vestibül zu Kleinholz marschierend, in dem sein ausgestopfter Schädel links neben dem Eingang über einem Jagdtisch mit fünf Beinen und aufwendigen Schnitzarbeiten heute noch die Wacht hält, versteinert und borstig, vor allem aber verstaubt, umgeben von einem Holzrahmen aus heller Eiche. Lorbeerblätter und Datierung fehlen nicht. Bella war zu dieser heroischen Stunde, als der Keiler sein Anliegen ungestüm vorzubringen sich erdreistete, noch nicht des Schäfers verlängerte Schnauze, und als sie dann den starren Blick des Ungeheuers dort an der Wand zum ersten Mal gewahrte, die schielenden kleinen Glasaugen, den aufgesperrten Rachen, da weigerte sie sich, im Haus zu schlafen. Kein guter Anfang für ein künftiges Vertrauensverhältnis, denn, so dachte der Herold, den Schafen näherten sich ganz andere Störenfriede, und ein Hündchen, das davonlief, anstatt sich mit gesträubtem Fell und starrer Rute selbst einem Tyrannosaurus entgegenzuwerfen, wird wohl kaum geeignet sein, um in diesen finsteren Jagdgründen für das Gerücht der Unbezwingbarkeit und Spaßlosigkeit zu sorgen, ein notwendiger Umstand aber, denn lebt nicht schier alles von Gerüchten, von überlangen Schatten, von unsinnigen Taten, die in jeden Rahmen sprengender Vernunftlosigkeit erst zur abschreckenden Blüte werden? Seine Bella, so hätte es der Herold gerne verkündet, springe selbst ihr eigenes Spiegelbild in den Pfützen an, wo sie sich den Durst stillt, nicht zulassend, daß selbst ihre Reflektion der Herde zu nahe kam. Die Hündin bekam jedoch – erste Runde des Eigensinns – im Hof der ehemaligen Wendenschuch-Mühle, umgeben von der Herrenwohnung, den Stallungen, dem Hirtengebäude und dem Tropfhaus ihr Plaissier, sichtlich froh darüber, so ganz ohne Bilder, Tand und Trophäen an den Wänden ihren selbstgestalteten Träumen  nachzugehen, wobei sie – und das sei der Vollständigkeit halber erwähnt – einen ihrer Träume ganz besonders schätzte, in dem sie sich von einem Widder, dem sie doch positionsmäßig vorstand, von Hinten (anders war es ihrer Natur leider nicht vergönnt) nehmen ließ.

Träumst du?

Ich bin mir nicht sicher, andererseits, wie wüßte ich sonst davon?

In diesem Hotel, in diesem Zimmer träumst du doch seit langem von allem, oder kommt dir das alles geheuer vor?

Die Hündin hat mich, während ich schaukelte, gebissen.

Seit wann schaukeln meine Schafe?

Ein Zwicken in die Haut, mehr war es nicht. Dunkel schwingende Instinkte, die im ehemaligen Hammerwerk immer zugegen sind, mögen dafür verantwortlich gewesen sein. Sieht der Herold nachts die geisterhafte Fratze Alfons Wendenschuchs über seinem Bett schweben? Und gerät Bella außer sich, wenn die Luft im Zimmer dann immer ganz kalt wird?

Seit wann schaukeln meine Schafe?

Die Hündin trottet, sichtlich irritiert, zurück zu den anderen Wolltieren, die sie leichter erkennen kann, die auch anders schmecken wie dieses hier. Der Geruch, der sie angezogen hat, stammt von apokrinen Drüsen, da gibt es nichts zu rütteln. Jetzt aber hat sie Serge de Nîmes zwischen den Zähnen, obwohl ihr der Stimulus-Response doch eindeutig befahl: der da zurück in die Herde stop.

Träumst du?

Ich weiß es nicht; wer bist du überhaupt, der mich das fragt?

Sie wissen, sie wissen nicht, sie wissen. Die Fenster passen sich immer der Dunkelheit an, denkst du wirklich, sie beobachten dich nicht, denkst du wirklich, sie sehen nicht, was auf der Straße geschieht, wenn nichts geschieht?

Träumst du?

Ich habe doch stets alles nur geträumt, im Kinderwagen, ich möchte sagen, da war ich bereits wach wie in einem Traum, und ich lag gebettet in himmelblauem Strickzeug. Von Einhundertachzundneunzig Seelen einundzwanzig Schüler, vierundneunzig Frauen ich das achte Kleinkind, die achte Feier, denn die Dämmerung dickwandiger Keller sorgte im Gasthof zum Schwarzen Hammer für ein Gefühl der Sicherheit und hielt die Atmosphäre der nahegelegenen Fässer und deren tausend guter Trünke zusammen, denn es gab genügend Licht, um den Sonnentropfen im Becher schweben zu sehen; nicht zu viel, damit das Auge nicht das Übergewicht erhielt über die Nase, die an der Blume saugt, vorsichtig genähert, tastend, leise gestrafft.

Garnieren wir uns mit der Substanz des Mahles, elefantengrau der Schlamm der Knochen: Augen sind rankend sich selbst überlassen und sehen Faschingstänze und andere Festivitäten, eine Brücke zur Außenwelt. Im Egertal ziemte sich die dem Buche ‹A delicate Diet for daintie mouthed Dronkardes, wherin the fowle Abuse of common carowsing and quaffing with hartie Draughtes is honestile admonished› (erschienen 1576) entnommene Klassifizierung der unterschiedlichen Räusche und deren Träger, Menschen, die soviel soffen, daß sie dann affentrunken waren, hin und her tanzten, an allem hängenblieben. Es gab einen Sturm in der Nacht. Andere waren löwentrunken, schmissen mit Porzellan und Zinnkrügen um sich, nannten ihre Wirtin eine verdammte Hure und zerschmetterten die Fensterscheiben mit dem Dolch. Es gab einen Sturm in dieser Nacht. Wieder andere waren schweinetrunken. Sie wälzten sich auf dem Boden, lallten, daß sie noch mehr zu trinken wünschten und besudelten ihre Kleider. Es gab einen Sturm in dieser Nacht. Dann gab es solche, die schlaftrunken waren, die den größten Blödsinn als der Weisheit letzten Schluß verzapften, obwohl sie kaum noch ein vernünftiges Wort hervorbringen konnten:

ist nicht so / daß wir kühlen könnten
ist nicht so / daß wir ober=räubern
abrammen, umfafeln, um tafeln
herum : waffeln / daß wir
ohnsägliches gespür, entrinnen
mimenzwecke im spiegelfleisch
hören wir bitteren fuchsjagten zu

Besonders übel waren jene, die der Autor des Kompendiums bockstrunken nannte; waren diese richtig vollgesoffen, hatten sie nur Bocksgelüste und mochten auf jede Frau springen, die das Pech hatte, in der Nähe ihres Hosenschlitzes zu stehen.

Hier gab es, Rausch hin, Rausch her, zumindest keine betrügerischen Wirte, die nach ihrem Tod in ihren Kneipen als Poltergeist, Werwolf, Alp und Trude, Zaunreiterin oder Hagazussa (die vom Hag) umgehend mußten, von einem universellen Schicksal dazu aufgefordert, es gab keine Herbaria, die sagt: »Bei den Zauberfrauen sollst du nicht zärtlich schlafen, daß sie dich nicht innig umarmt. Sie wünscht sonst dir an, daß du weder zum Schranne noch zum Königshof kommst, dir mundet kein Mahl nach der Mannesfreude, du gehst schlafen voll Schmerz.«

(Was war mit Esrabella Gräf? Doch nicht jetzt! Konzentriere dich auf ein gewisses Kontinuum, sonst wirst du nicht zum Kern vorstoßen!)

Die Schlange biß sich in den falschen Schwanz; gibt es eine Wechselwirkung, die wir uns nicht vorstellen können? Die Sauberkeit des Magens war ihr Thema, von dem sie selbst dann nicht abließ, als sie bereits Grübchen prägten, randgefüllt mit Tupfen aller Tugenden, sagen wir: einer Oase, die sich stets sorgenvoll bereit hielt. Das las man in ihrem Gesicht, ihr Blick, der selbst Sandalen am Fliehen hinderte. So konnte sie sich doch sehen lassen, oder etwa nicht? So also sah man sie, man sah sie nie wieder wie an diesem Tag, beinahe naß, oder war das nur der Glanz ihrer Augen?

Eine Party in einer dieser alten Telefonzellen mitten im Wald, mitten im kernigen Moos, Nummern troffen von der bewegten Masse, jede andere Einschätzung war schwierig. Um etwaigen Vergiftungen vorzubeugen, kramte sie im Handschuhfach herum, fand tatsächlich Reste einer alten Landkarte wieder, freigesetzte Plakate sozusagen, an vier von fünf Ecken mit Tesa befestigt, bleich wie ein Glas Milch, bevor es getrunken wird.

orientierungslos

dresden

herr entrometido irrt orientierungslos durch die ihm völlig fremde und zu grosse stadt. seine aktentasche ist immer noch dabei.

die volanterinnen haben ihn natürlich nicht aus den augen verloren, und als ein motorradfahrer an herr entrometido vorbei fährt und ihm die tasche entreisst, halten sie dies für die offizielle übergabe.

herr entrometido ist in zweifacher hinsicht erleichtert, aber die orientierung hat er immer noch nicht gefunden. den kaffee kann er zur zeit nur mit der rechten hand trinken, der linke arm zittert immer noch von dem endlosen schleppen der aktenmappe.

Hommage an Harry Oberländer.

Meine Damen und Herren,

da ich von den Autorinnen und Autoren, die heute hergekommen sind, als erster sprechen darf, möchte ich allem anderen voran den Dichter Harry Oberländer ehren, einen Dichter der stillen Vergessenheiten, vergessener stiller Geschichten, vergessener Landschaften und Häuser und ihrer vergessenen Bewohner, in Stille gestorbener teils, teils johlend oder gemütslos ermordeter, sei es von Krankheiten, sei es von gleichfalls vergessenen Menschen, sei es auf, um es so kalt zu nennen, wie es war, industrielle Art und Weise –

also den Dichter ehren, den ich lese, wenn ich >>>> „Chronos krumlov“ lese, was ich heute fast den ganzen Tag über tat,

denn so ehren wir Dichter am meisten, sogar vielleicht nur, wenn wir, die anderen Dichter, sie in dem ehren, worin sie eigentlich sind, in ihren Themen und Formen, nicht aber in ihren Funktionen, die wie ihr Leib hinwegsinken werden; jene aber bleiben, wie Chronos krumlov bleibt, die Zeit des Städtchen Český Krumlov, Krumau zu deutsch, oder Krummau, nämlich „krumme Au“, erbildet auf einem in einer Moldauschlinge gelegenen und vormals mithin, wie wir dem Namen anhören können, periodisch überfluteten Flecken in Böhmen. Diesem hat Harry Oberländer seinen nach dem Städtchen benannten neuen Gedichtband gewidmet,

einem, entnehmen wir dem Buch, Zeitloch des Stillstands, das uns in die Vergangenheit saugt, die Kontinuität zu sein scheint, auch wenn sich die Stadt dagegen auflehnen möchte: Wie hilflos wirkt doch gegenüber Oberländers Poesie der Titel, den sie 2013 einer Landesausstellung gab: „Hopfen, Salz und Cyberspace“.

Dagegen spricht der Dichter ein:

nachts ist die moldau schwarz

in stummen straßen leere stunden
die stadt, die narben, winkel, wunden
laut leben in den tag die armen leute
der dieb, der tod, holt sich die beute

lackiertes wasser glatt wie harz

Doch ein anderes Gedicht Harry Oberländers möchte mein Festgruß ehren, und zwar so, wie ein Komponist Kollegen ehrt – vermittels eigener Variationen auf eines seiner, Oberländers, Themen, und es lautet:

Thema

wir sahen ein gesicht im stein,
ein kindergesicht. in der dämmerung
reduzierte das licht seine konturen.
es alterte mit dem abend schwand es

wir sahen es beide mit eigenen augen
und sprachen und sahen und waren selbst

das junge, das alte gesicht, das vergehen
jenseits der strömung im moldaugeklipp

Variation 1

Wir sahen am Ufer ein Stück Stein
Es ließ es das Halblicht vage ein Kind
und uns die alten Eltern sein

die unter der Strömung, die da lind
über die Klippe flutete,
in ihm erkannten, was sie sind.

Da blutete der Abend auf uns nieder
und wieder, in einer linden Schnelle,
nahm‘s uns im Dämmern fort,

und sich aus Welle, Zeit und Ort.

Variation 2

Im Moldaugeklipp
unter den Strudeln
darinnen Fischlein trudeln
kurz ein Gesicht

im Wurzelgelipp
Aus Stein und Wasser und Zeit
schaut eine fernste Vergangenheit
Erst ein Gesicht, schon ein Geripp‘ –

Liebste, du erkennst uns nicht?

Variation 3

Die Dämmerung, am Flußrain, fiel
Kaum ein Hauch war in den Wipfeln
Auf den Gipfeln letztes Licht

Drunter stieg kühl ein Dunst an das Ufer
Drunter verschwamm ein Gespenstergesicht
Warte nur, Geliebte, balde

waren auch wir beide nicht

Variation 4

wir sahen ein gesicht im stein,
ein kindergesicht in der dämmerung

es sah uns an und wollte sein
und war‘s

und ward‘s und schwand
Wir standen lang noch Hand in Hand

Thema

wir sahen ein gesicht im stein,
ein kindergesicht. in der dämmerung

reduzierte das licht seine konturen.
es alterte mit dem abend schwand es

wir sahen es beide mit eigenen augen
und sprachen und sahen und waren selbst

das junge, das alte gesicht, das vergehen
jenseits der strömung im moldaugeklipp

schnee

9

oli­mambo : 2.22 — Ich hörte das Geräusch einer schep­pern­den Glo­cke, ein Klin­geln oder metal­le­nes Hupen. Ich dachte, irgend­je­mand wollte mich wecken, obwohl ich doch bereits wach gewor­den war. Ich spa­zierte zunächst in die Küche. Das Geräusch wan­derte mit. Plötz­lich erin­nerte ich mich, woher ich das Geräusch kannte, ich hatte über das Geräusch schon ein­mal notiert. Ich erin­nerte mich zunächst an mei­nen Text und dann an den Ursprung des Geräu­sches, das ich hörte, oder war es viel­leicht genau ander­herum gewe­sen? Das Geräusch mei­ner Erin­ne­rung kam von einem Glöck­chen her, das am Weih­nachts­abend hin­ter einer Tür von mei­nem Vater durch hef­tige Bewe­gung zum Klin­gen gebracht wor­den war, ein ver­trau­tes, jähr­lich wie­der­keh­ren­des Geräusch. Ein­mal bekam ich ein Radio geschenkt. Das Radio war das erste Radio mei­nes Lebens gewe­sen, ein Tran­sis­to­r­emp­fän­ger, hand­lich und doch sehr schwer. Ich weiß nicht wes­halb, ich öff­nete das Radio mit Hilfe eines Schrau­ben­ziers, ich zer­legte die kleine Appa­ra­tur in ihre Ein­zel­teile und wun­derte mich. Ein Jahr dar­auf bekam ich einen Foto­ap­pa­rat, den ich am dar­auf­fol­gen­den Tag wie zuvor das Radio öff­nete und auf das genau­este unter­suchte, im Früh­ling zählte ich Vögel, im Som­mer durch­suchte ich das Unter­holz nach Kno­chen von Hasen und Rehen, um sie in mei­nem Zim­mer auf dem Schreib­tisch so zu kon­fi­gu­rie­ren, dass ich sie mir vor­stel­len konnte. Es ist merk­wür­dig, wie Geräu­sche über große Zeit­räume hin­weg wie­der­keh­ren, als wären sie gerade erst in der Wirk­lich­keit abge­spielt wor­den. Es lässt sich nicht über­prü­fen, aber sie schei­nen sich tat­säch­lich nicht ver­än­dert zu haben, sind unteil­bare Wesen. Heute Schnee, sehr leise. — stop

Vela Luka

In den hohen Oliventerrassen,
wo Lavendel wächst, Fenchel, Majoran,
wenn du zwischen den Steinzäunen hindurch
dort in den Mittag wanderst, achte
auf den hornissengroßen Vogel
oder Fastvogel, Schwärmer,
sein Schwirren
von Blüte zu Blume,
Blume zu Blüte. Im Flug
taucht sein Schnabel in alles
bunte Offene, in jeden Lichtmund,
und es gibt für ihn keine Sonne, keine,
die zu schwach wäre. Lass Falter gaukeln!
Schwarze Raupe steigt vom Dach
des Trafostanicahäuschens
ins leuchtende Gras,
wartet auf nichts,
erwartet nichts,
geht und ergeht sich
mit einem Schwarm Luft
trinkender Fische als Beine. So
solltest du vielleicht auch gehen? Ja.
Komm und bleib eine Weile, bevor du
unten am Hafen verschwindest,
wo die Lastwagenfähre
lautlos die Bucht zerteilt und
im Schatten die Kräutergärten schlafen.

*