
- von J. S. Piveckova
in Gleisbauarbeiten


Eine Besonderheit der südholländischen Universitätsstadt Leiden sind die muurgedichten, mehr als hundert an den Wänden der Stadt angebrachte Gedichte aus aller Welt und durch die Zeiten, von Sappho über Arthur Rimbaud bis zur jung verstorbenen bulgarischen Dichterin Danila Stoyanova. Häufig fügen sie sich so dezent und organisch ins Stadtbild ein, als wären sie bereits beim Bau der Häuser berücksichtigt gewesen.
Das Projekt existiert auch im Netz, eine Website listet sämtliche Verfasser und Adressen. In niederländischer Sprache wird dort eine zwei- bis dreistündige Wanderung vorgeschlagen, ein als PDF-Datei verfügbarer Rundgang, der vom Hauptbahnhof ausgehend gut 20 Wandgedichte beinhaltet und darüberhinaus viele Leidener Sehenswürdigkeiten am Wegrand erklärt.
Die Wanderung dürfte lohnen, soweit wir das beurteilen können, denn wir mußten sie aufgrund widrigen Wetters nach einer guten Viertelstunde abbrechen. Da führte sie bereits durch einige Winkel, die der Ortsfremde nicht unbedingt als erste betritt. Die Wandgedichte, erwies sich, sind bisweilen so angebracht, daß sie ohne speziellen Hinweis leicht übersehen werden können.
Die Idee der Wandgedichte scheint die Leidener zu weiteren Gedichtaktionen zu inspirieren. An mehreren Fenstern fanden wir Zettel mit Versen angeklebt, eines der häufig unverhängten Wohnzimmerfenster zur Straße zierte ein mit weißer Wandfarbe in expressiver Handschrift angepinseltes Gedicht. Auf ihren Straßen und zugleich im Netz dauerhaft von Lyrik schwingende Städte sind weltweit äußerst rar gestreut. Leiden scheint die unaufdringliche, gekonnt eingesetzte Lyrikpräsenz bestens zu bekommen: trotz grauen Nieselwetters beschlichen uns mehrfach Anwandlungen, Leiden als die freundlichste und schönste aller rheinischen Städte zu bezeichnen.

Heimsuchung eines Planeten, es geht um Optionen. Es muss mehrere, es muss viele Optionen geben, ansonsten verengt sich die Welt, verengt sich auf einen unüberwindbar scheinenden Schmerz.
J. legt ihr rechtes Bein über die Beine ihrer Freundin.
Die Strumpfhosen werden auch immer dicker und dichter.
„Willst du Lakritz?“
„Nein, das ist nicht so mein Geschmack, nicht so richtig.“
Ich gehe schwimmen. Es ist Mittag. Auf dem Weg zum Schwimmbad begegnen mir die Menschen des Viertels, aber ich kenne niemanden, obwohl ich hier auch schon seit fast drei Jahren wohne. Das gleiche Bild im Schwimmbad: Am Ende verabschiedet sich ein Mann von mir, den ich erst nackt gesehen habe, der sich dann in einen intellektuellen Geschäftsmann verwandelte (ein Dozent, ein Redakteur der bürgerlichen Presse, so eine Art Martin Mosebach seiner Kleidung nach) und der schließlich mit mir über mein Auf-einem-Bein-Hüpfen lachte, weil ich Wasser im Ohr hatte. Es war mein erster wirklicher sozialer Kontakt an diesem Tag. Berlin war für mich Moskau an diesem Tag, eine weit von allem entfernte Stadt, in der ich niemanden kenne.
Material für „Roonstraße“:
Eines sanften Morgens
Mädchen hinter Glas
Ein zweites Treffen. Eine Kerze wachst auf einen Tisch, auf dem zwei grüne Bierflaschen stehen. Eine Situation, wie sie schon oft beschrieben wurde, jetzt steckt Alice in ihr fest und weiß nicht recht, wohin mit sich. Ihre Finger sehen krumm aus. Sie tragen keinen Schmuck. Jazzmusik penetriert den Raum, andererseits ist niemand hier attraktiver als sie, was in anderen Räumen anders wäre, auch das Fehlen von Bildschirmen fällt auf. Alice trinkt etwas, redet viel, raucht französische Zigaretten,
sieben bis acht in knapp zwei Stunden. Sie weiß nicht, wie sie aus dieser Situation wieder herauskommt, ob sie das überhaupt möchte, oder ob eine Situation automatisch automatisch auf die nächste folgt: Nach der Café-Szene kommt eine Straßenszene, aber dann? Eine Taxi-Szene, eine Szene in der U-Bahn? Ein französischer Film mit dem ersten Kuss auf dem Rücksitz? Oder Hollywood mit der Berührung der empfindlichsten Stelle draußen an einer Hauswand? Eine deutsche Komödie mit einem schlecht beleuchteten Treppenhaus, einem Gewühl nach Schlüsseln, einer hingezogenen Verlegenheit. England, Sozialdrama, hart an der Wirklichkeit, und also nichts von alledem, nur die Kargheit einer Studentenwohnung. Die Frage ist, ob man selbst bestimmt, wie es weiter geht. Sie macht einen verbalen Schritt nach vorne, weil sie nicht weiß, wie es weiter gehen soll. Ein deutscher Film mit einer Taxifahrt in einen tristen Stadtteil, und was das für ein Kuss ist, weiß sie nicht, aber er fühlt sich gut an.
| Auch schon nicht mehr existent, da abgebrannt: Der Ort, an dem ich das Schmatz zum ersten Mal sah |
+ Zeruya Shalev
+ Damals in der KölnArena


Ein Arbeitsheft: Nachtrag vom 8.11.15 // Einordnungen // Sinnvoll // Vielleicht wäre eine kühne Meditation angebracht, einen Raum in der Zeit zu schaffen, aus dem der Blick über die Ebene, die Stadt und den Fluss möglich würde. Offenbar waren die unruhigen Gedanken der Grund, weshalb nichts seinen Platz einnahm und keine bemerkenswerten Schritte und Überlegungen mehr vollzogen werden konnten. In diesem Schwebezustand blieb ich lange, im freien Fall, wie Schnee, leicht bunt, schweigend, wo er den Boden berührte ohne Gleichung, ohne Resonanzen zum Bestehenden, zum Bleibenden. Ich blieb richtungslos. Losgelöst vom Bild erschien die Farbe. Ein Strauss bunter Flecken und über den Dächern eine etwas hervorgehobene Räumlichkeit, die Anfangs erschienen Flächen verschoben sich in und aus der Welt der papierenen Quadratur. Zugegen war ein Schwirren und Flirren. Das Ruhelose und das Offensichtliche kreiste über den Feldern und suchte aus der formalen Gefangenschaft und Enge einen Ausweg. Materialien: ein work in progress: eine Aufzeichnung des Werdegangs der Ausstellung mit dem Arbeitstitel: Soleur.


olimambo : 2.22 — Ich hörte das Geräusch einer scheppernden Glocke, ein Klingeln oder metallenes Hupen. Ich dachte, irgendjemand wollte mich wecken, obwohl ich doch bereits wach geworden war. Ich spazierte zunächst in die Küche. Das Geräusch wanderte mit. Plötzlich erinnerte ich mich, woher ich das Geräusch kannte, ich hatte über das Geräusch schon einmal notiert. Ich erinnerte mich zunächst an meinen Text und dann an den Ursprung des Geräusches, das ich hörte, oder war es vielleicht genau anderherum gewesen? Das Geräusch meiner Erinnerung kam von einem Glöckchen her, das am Weihnachtsabend hinter einer Tür von meinem Vater durch heftige Bewegung zum Klingen gebracht worden war, ein vertrautes, jährlich wiederkehrendes Geräusch. Einmal bekam ich ein Radio geschenkt. Das Radio war das erste Radio meines Lebens gewesen, ein Transistorempfänger, handlich und doch sehr schwer. Ich weiß nicht weshalb, ich öffnete das Radio mit Hilfe eines Schraubenziers, ich zerlegte die kleine Apparatur in ihre Einzelteile und wunderte mich. Ein Jahr darauf bekam ich einen Fotoapparat, den ich am darauffolgenden Tag wie zuvor das Radio öffnete und auf das genaueste untersuchte, im Frühling zählte ich Vögel, im Sommer durchsuchte ich das Unterholz nach Knochen von Hasen und Rehen, um sie in meinem Zimmer auf dem Schreibtisch so zu konfigurieren, dass ich sie mir vorstellen konnte. Es ist merkwürdig, wie Geräusche über große Zeiträume hinweg wiederkehren, als wären sie gerade erst in der Wirklichkeit abgespielt worden. Es lässt sich nicht überprüfen, aber sie scheinen sich tatsächlich nicht verändert zu haben, sind unteilbare Wesen. Heute Schnee, sehr leise. — stop

1 aprikosen- … (lyrisches intermezzo LVIII)
aprikosen-
blüten – kalt
selbst im mantel
: schattenbald
du/ich schreiten
sonnenaus
zitrusduftig
spucken aus
kern’ und diener
please-pläsier
drängend stürmisch
„hier sind wir!“
lach! ich mache
arm will arm
windkobolde
tränen : larmes
grünen blättern
dich als saum
ungescheiter
wäre schaum
Die Hunde bellen, die Diener
2 die eulen … (lyrisches intermezzo LVII)
die eulen
ihr schreien im wind
die teilen
in kind : uns : und kindwir dehnen
in altes uns ein
und wähnen
wie stets : uns : alleinIch seh sie am Fenster lehnen
3 beta-herzen … (lyrisches intermezzo XXXVI)
beta-herzen
im alpha-mieder
dein delta wieder
o wie so erzen
gamma-bauten
ein eta zagen
– ein unbehagen
seit wir uns trauten
… und wollen nicht sagen
[omega]
rubrik lyrisches intermezzo (nach vorgeschriebenen endreimen)