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DIE KISTE („Du willst das nicht wissen….“) Ein Traumbild

Sei bitte nicht so informativ. DuDas habe ich Dir nicht gesagt. Was ich nicht wissen möchte. Und worüber Du zu mir nicht sprechen sollst. Ich hätte große Lust Tabus zu errichten. Aber sie sind so verräterisch.
 
Sie zog eine Kiste hinter sich her. Das grobe Seil hatte sie über die linke Schulter gezogen, den Arm durch eine notdürftige Schlaufe gesteckt. Die Kiste ratterte über das Pflaster. Passanten schauten sich um. Ein alter Mann schimpfte aus dem Parterrefenster über den Lärm, den die Touristen machen. Sie dachte nicht an Rollenkoffer (Nur wenn sie sich zusah beim Träumen, gelegentlich. Ihrer war rot.) Sie zog. Sie wusste nicht wohin. Sie wollte zu dir. Sie sah dich nicht. Sie ahnte deine Traurigkeit, irgendwo hinter den Bergen bei den sieben Zwergen. Sie musste raus aus der Stadt.
Sie ist kein Schneewittchen. (Das dachte sie im Traum: „Ich bin kein Schneewittchen.“) Du bist kein Zwerg und kein Prinz. Du trittst auf der Stelle. Sie will zu dir. Sie zieht. Sie zieht die Kiste hinter sich her. (Wir sind jetzt im Präsens. Weil das keine abgeschlossene Geschichte wird.) Sie muss raus aus der Stadt. Sie krümmt den Rücken, sie schleift die Kiste über das Trottoir, sie keucht und zieht weiter. Sie erreicht die Stadtgrenze, sie zieht über die Feldwege, sie ist im Wald. Die Blätter leuchten rot vor dem strahlenden Himmel, so blau. Sie hebt den Kopf. Sie atmet durch. Sie weiß um dich. Du versteckst dich vor der Sonne. Sie will sich wärmen lassen, aber sie hat keine Zeit. Sie rumpelt mit ihrer Kiste dahin. Wie traurig du bist. Sie sehnt sich. Sie sehnt dich. Sie zieht. Die Kiste hält sie auf. Die Kiste bleibt am Wurzelwerk hängen, die Kiste holpert über die Steine, die Kiste hängt im Schlamm fest. Sie kann sie nicht loslassen. Du trittst auf der Stelle und kommst ihr nicht entgegen. Sie zieht. Sie lässt nicht locker. Sie bewegt sich hin. Sie kommt nicht voran. Sie zieht.
Sie vermutet, kurz bevor sie aufwacht, dass die Kiste leer ist. Sie klappert weiter über den Schotter.
(Du willst das nicht wissen. Ich werde dir nichts sagen. Ich werde dich nur anschauen. Und wegschauen, wenn du willst. Hab keine Angst.)

Die Wandgedichte von Leiden

Eine Besonderheit der südholländischen Universitätsstadt Leiden sind die muurgedichten, mehr als hundert an den Wänden der Stadt angebrachte Gedichte aus aller Welt und durch die Zeiten, von Sappho über Arthur Rimbaud bis zur jung verstorbenen bulgarischen Dichterin Danila Stoyanova. Häufig fügen sie sich so dezent und organisch ins Stadtbild ein, als wären sie bereits beim Bau der Häuser berücksichtigt gewesen.

Das Projekt existiert auch im Netz, eine Website listet sämtliche Verfasser und Adressen. In niederländischer Sprache wird dort eine zwei- bis dreistündige Wanderung vorgeschlagen, ein als PDF-Datei verfügbarer Rundgang, der vom Hauptbahnhof ausgehend gut 20 Wandgedichte beinhaltet und darüberhinaus viele Leidener Sehenswürdigkeiten am Wegrand erklärt.

Die Wanderung dürfte lohnen, soweit wir das beurteilen können, denn wir mußten sie aufgrund widrigen Wetters nach einer guten Viertelstunde abbrechen. Da führte sie bereits durch einige Winkel, die der Ortsfremde nicht unbedingt als erste betritt. Die Wandgedichte, erwies sich, sind bisweilen so angebracht, daß sie ohne speziellen Hinweis leicht übersehen werden können.

Digital StillCameraDie Idee der Wandgedichte scheint die Leidener zu weiteren Gedichtaktionen zu inspirieren. An mehreren Fenstern fanden wir Zettel mit Versen angeklebt, eines der häufig unverhängten Wohnzimmerfenster zur Straße zierte ein mit weißer Wandfarbe in expressiver Handschrift angepinseltes Gedicht. Auf ihren Straßen und zugleich im Netz dauerhaft von Lyrik schwingende Städte sind weltweit äußerst rar gestreut. Leiden scheint die unaufdringliche, gekonnt eingesetzte Lyrikpräsenz bestens zu bekommen: trotz grauen Nieselwetters beschlichen uns mehrfach Anwandlungen, Leiden als die freundlichste und schönste aller rheinischen Städte zu bezeichnen.

Heimsuchung

Loslassen, heißt es immer wieder und überall. Loslassen jetzt. Jetzt loslassen. Nun lass schon los. Aber wie geht das nochmal, loslassen?

Heimsuchung eines Planeten, es geht um Optionen. Es muss mehrere, es muss viele Optionen geben, ansonsten verengt sich die Welt, verengt sich auf einen unüberwindbar scheinenden Schmerz.

J. legt ihr rechtes Bein über die Beine ihrer Freundin.
Die Strumpfhosen werden auch immer dicker und dichter.

„Willst du Lakritz?“
„Nein, das ist nicht so mein Geschmack, nicht so richtig.“

Ich gehe schwimmen. Es ist Mittag. Auf dem Weg zum Schwimmbad begegnen mir die Menschen des Viertels, aber ich kenne niemanden, obwohl ich hier auch schon seit fast drei Jahren wohne. Das gleiche Bild im Schwimmbad: Am Ende verabschiedet sich ein Mann von mir, den ich erst nackt gesehen habe, der sich dann in einen intellektuellen Geschäftsmann verwandelte (ein Dozent, ein Redakteur der bürgerlichen Presse, so eine Art Martin Mosebach seiner Kleidung nach) und der schließlich mit mir über mein Auf-einem-Bein-Hüpfen lachte, weil ich Wasser im Ohr hatte. Es war mein erster wirklicher sozialer Kontakt an diesem Tag. Berlin war für mich Moskau an diesem Tag, eine weit von allem entfernte Stadt, in der ich niemanden kenne.

Material für „Roonstraße“:
Eines sanften Morgens
Mädchen hinter Glas

Ein zweites Treffen. Eine Kerze wachst auf einen Tisch, auf dem zwei grüne Bierflaschen stehen. Eine Situation, wie sie schon oft beschrieben wurde, jetzt steckt Alice in ihr fest und weiß nicht recht, wohin mit sich. Ihre Finger sehen krumm aus. Sie tragen keinen Schmuck. Jazzmusik penetriert den Raum, andererseits ist niemand hier attraktiver als sie, was in anderen Räumen anders wäre, auch das Fehlen von Bildschirmen fällt auf. Alice trinkt etwas, redet viel, raucht französische Zigaretten,
sieben bis acht in knapp zwei Stunden. Sie weiß nicht, wie sie aus dieser Situation wieder herauskommt, ob sie das überhaupt möchte, oder ob eine Situation automatisch automatisch auf die nächste folgt: Nach der Café-Szene kommt eine Straßenszene, aber dann? Eine Taxi-Szene, eine Szene in der U-Bahn? Ein französischer Film mit dem ersten Kuss auf dem Rücksitz? Oder Hollywood mit der Berührung der empfindlichsten Stelle draußen an einer Hauswand? Eine deutsche Komödie mit einem schlecht beleuchteten Treppenhaus, einem Gewühl nach Schlüsseln, einer hingezogenen Verlegenheit. England, Sozialdrama, hart an der Wirklichkeit, und also nichts von alledem, nur die Kargheit einer Studentenwohnung. Die Frage ist, ob man selbst bestimmt, wie es weiter geht. Sie macht einen verbalen Schritt nach vorne, weil sie nicht weiß, wie es weiter gehen soll. Ein deutscher Film mit einer Taxifahrt in einen tristen Stadtteil, und was das für ein Kuss ist, weiß sie nicht, aber er fühlt sich gut an.

Auch schon nicht mehr existent, da abgebrannt: Der Ort, an dem ich das Schmatz zum ersten Mal sah

Zeruya Shalev
+ Damals in der KölnArena

32/15 – Soleur // Materialien


Ein Arbeitsheft: Nachtrag vom 8.11.15 // Einordnungen // Sinnvoll // Vielleicht wäre eine kühne Meditation angebracht, einen Raum in der Zeit zu schaffen, aus dem der Blick über die Ebene, die Stadt und den Fluss möglich würde. Offenbar waren die unruhigen Gedanken der Grund, weshalb nichts seinen Platz einnahm und keine bemerkenswerten Schritte und Überlegungen mehr vollzogen werden konnten. In diesem Schwebezustand blieb ich lange, im freien Fall, wie Schnee, leicht bunt, schweigend, wo er den Boden berührte ohne Gleichung, ohne Resonanzen zum Bestehenden, zum Bleibenden. Ich blieb richtungslos. Losgelöst vom Bild erschien die Farbe. Ein Strauss bunter Flecken und über den Dächern eine etwas hervorgehobene Räumlichkeit, die Anfangs erschienen Flächen verschoben sich in und aus der Welt der papierenen Quadratur. Zugegen war ein Schwirren und Flirren. Das Ruhelose und das Offensichtliche kreiste über den Feldern und suchte aus der formalen Gefangenschaft und Enge einen Ausweg. Materialien: ein work in progress: eine Aufzeichnung des Werdegangs der Ausstellung mit dem Arbeitstitel: Soleur.

schnee

9

oli­mambo : 2.22 — Ich hörte das Geräusch einer schep­pern­den Glo­cke, ein Klin­geln oder metal­le­nes Hupen. Ich dachte, irgend­je­mand wollte mich wecken, obwohl ich doch bereits wach gewor­den war. Ich spa­zierte zunächst in die Küche. Das Geräusch wan­derte mit. Plötz­lich erin­nerte ich mich, woher ich das Geräusch kannte, ich hatte über das Geräusch schon ein­mal notiert. Ich erin­nerte mich zunächst an mei­nen Text und dann an den Ursprung des Geräu­sches, das ich hörte, oder war es viel­leicht genau ander­herum gewe­sen? Das Geräusch mei­ner Erin­ne­rung kam von einem Glöck­chen her, das am Weih­nachts­abend hin­ter einer Tür von mei­nem Vater durch hef­tige Bewe­gung zum Klin­gen gebracht wor­den war, ein ver­trau­tes, jähr­lich wie­der­keh­ren­des Geräusch. Ein­mal bekam ich ein Radio geschenkt. Das Radio war das erste Radio mei­nes Lebens gewe­sen, ein Tran­sis­to­r­emp­fän­ger, hand­lich und doch sehr schwer. Ich weiß nicht wes­halb, ich öff­nete das Radio mit Hilfe eines Schrau­ben­ziers, ich zer­legte die kleine Appa­ra­tur in ihre Ein­zel­teile und wun­derte mich. Ein Jahr dar­auf bekam ich einen Foto­ap­pa­rat, den ich am dar­auf­fol­gen­den Tag wie zuvor das Radio öff­nete und auf das genau­este unter­suchte, im Früh­ling zählte ich Vögel, im Som­mer durch­suchte ich das Unter­holz nach Kno­chen von Hasen und Rehen, um sie in mei­nem Zim­mer auf dem Schreib­tisch so zu kon­fi­gu­rie­ren, dass ich sie mir vor­stel­len konnte. Es ist merk­wür­dig, wie Geräu­sche über große Zeit­räume hin­weg wie­der­keh­ren, als wären sie gerade erst in der Wirk­lich­keit abge­spielt wor­den. Es lässt sich nicht über­prü­fen, aber sie schei­nen sich tat­säch­lich nicht ver­än­dert zu haben, sind unteil­bare Wesen. Heute Schnee, sehr leise. — stop

aprikosen- … (lyrisches intermezzo LVIII) u.a.

1 aprikosen- … (lyrisches intermezzo LVIII)

aprikosen-
blüten – kalt
selbst im mantel
: schattenbald

du/ich schreiten
sonnenaus
zitrusduftig
spucken aus

kern’ und diener
please-pläsier
drängend stürmisch
„hier sind wir!“

lach! ich mache
arm will arm
windkobolde
tränen : larmes

grünen blättern
dich als saum
ungescheiter
wäre schaum

Die Hunde bellen, die Diener

2 die eulen … (lyrisches intermezzo LVII)

die eulen
ihr schreien im wind
die teilen
in kind : uns : und kind

wir dehnen
in altes uns ein
und wähnen
wie stets : uns : allein

Ich seh sie am Fenster lehnen

3 beta-herzen … (lyrisches intermezzo XXXVI)

beta-herzen
im alpha-mieder
dein delta wieder
o wie so erzen

gamma-bauten
ein eta zagen
– ein unbehagen
seit wir uns trauten

… und wollen nicht sagen
[omega]

rubrik lyrisches intermezzo (nach vorgeschriebenen endreimen)

Kurztitel & Kontexte bis 2016-01-09

Kurztitel & Kontexte bis 2016-01-02

Kurztitel & Kontexte bis 2015-12-26