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Vom Schreiben und vom Atmen

Aus dem Wortheld Juni 2015-Interview  mit Dominik Leitner

Seit wann und warum schreibst du eigentlich?

Ich war schon über vierzig, als ich mich vage daran erinnerte, dass es in meinem Leben einmal mehr gegeben hatte als eine Nase zu ziehen, mich zu besaufen und das defekte Lämpchen in all dem Glitzer zu sein. Genauer gesagt: fünfundvierzig.

Am 11. Januar 2005 kam mein Bruder rüber, stöpselte das Internet ein und ich begann zu schreiben.

Bis heute hab ich nicht aufgehört.

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“Schreiben ist Schlaf, ist Trance. Wenn ich nach einigen Stunden vom Schreibtisch aufstehe, beginne ich zu frieren. Ich gähne siebzehn, achtzehn Mal hintereinander, ich bin komplett k.o. Es ist, als habe das Schreiben sämtliche Energie auf einen Punkt konzentriert und von allen anderen Körperteilen abgezogen. Mir ist vermutlich schon beim Schreiben kalt gewesen, ich bin schon die ganze Zeit k.o., aber ich hab es nicht mitgekriegt. Ich habe geschlafen. Ich war in Trance. Erst nach dem Schreiben merke ich, was eigentlich los ist in der Welt.”

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“Wenn ich den ganzen Tag am Rechner sitze und das Holz des Schreibtischs einatme, gibt es nichts schöneres, als am Abend mit dem Hund durch den Wald zu laufen und das Holz der Bäume einzuatmen.”

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Wo befindet sich dein kreativster Ort?

Überall, wo mein Notizbuch ist. Ich bin mit dem Notizbuch hinter dem Leben her wie der Vielzitierte hinter dem Weihwasser. Ich versuche die Sätze da zu packen, wo sie ins Leben treten, an der Quelle. Wenn ich in eine Situation gerate, über die sich schreiben lässt, setze ich mich unmittelbar danach hin und schreibe alles auf. Das Notizbuch ist stets griffbereit, auch in der Nacht. Falls ich wach werde und gerade den Traum des Jahrhunderts gefeiert habe.

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Ein älterer Herr spaziert durch die Fußgängerzone, die Hände hinterm Rücken. Er bleibt vor mir stehen, blickt freundlich auf mein Notizbuch nieder, in das ich gerade ein paar Einträge mache.

“Schularbeiten, ja..?”

Brezelautomat und Dominas

In dieser Stadt, so lasse ich mir sagen, müsse die Dose immer dicht am Fuß gehalten werden. Noch bin ich nicht streetwise und hardcore. Meine Röcke wippen, mein Brunnen wispert, mein Märchen beginnt immer : „Es war einmal eine Rapunzel und schor sich das Haar raspelkurz…“ Es gibt aber gar keine Märchen in Lack und Leder. Jedoch: Was lässt sich nicht sagen und schreiben? Beispielsweise: „Erzähl doch mal vom Brezelautomaten.“ (Schwör!)


Es war einmal ein Galanteriesattler, der hatte sieben Töchter, eine schöner als die andere. Die hob er, wenn ihre Röcke lang genug waren, hinauf auf die Ladenschilde und band ihnen die ledernen Riemchen an die Fesseln. So standen sie gülden und rötlich und braun und schwarz und gescheckt und warben für sein Geschäft.


Um die Ecke dort wohnen heutzutage Darth Vader und seine Kumpel. Der Herbst-Kaiser lebt Parterre. Das scheint mir eine Allegorie auf das Handwerk, die Kunst und das Leben. Oben wird’s derzeit düster und väterlich. Der Patriarch zieht die Treppe hinunter und richtet sich beschaulicher ein. Im Vorgarten werden derweil von Migrantengärtnern Palmenkübel aufgestellt. Die Gartenmöbel dazu wirken albern mediterran. Allerdings: Das Klima wandelt sich. (Schwör!)
 
 
Da kam ein Prinz geritten auf einem schäbigen Gaul vom Messegelände her. Die alte Mähre trug einen verschlissenen Sattel, doch der Prinz heroben machte eine stattliche Figur und warf seine dunkle Mähne verführerisch über die Schulter. Die Mädchenaugen zuckten und eine nach der anderen stiegen sie herab von ihren Schildern, um dem Gaul in die Zügel zu greifen und den Prinzen aus dem Sattel zu heben.


„Bitte haben Sie Geduld.“, mahnt eine blecherne Stimme aus der Wand des Süpi-Discount- Supermarkts. Grad werden die Brezeln gebacken. Immer frisch und frank. Dann öffnet sich das Schiebetürchen. Sie fallen, scheinbar, voll automatisch und hygienisch in den Greifschlitz: eins, zwei, drei, vier. Nur wer sich traut, tritt hinter die Wand und sieht die Einheimischen als Niedriglöhner die Teigwaren in die Ofen schieben. (Schwör!)
 
Da stand er nun, schön, stumm und ohne Penunzen. Aber die sieben Weiber überschlugen sich geradezu. Eine nach der anderen eilten sie in die Werkstätte, grapschten die Peitschen, die vergoldeten Sättel, die ledernen Wamse und Augenmasken, die Mieder und Handschuhe. So standen sie zuletzt vor ihm, dem schüchternen Prinzen und seinem elenden Pferd: Sieben Dominas in der Lederstadt und öffneten lüstern ihre Münder. 


Den Rest kann ich nicht entziffern. Im Bahnhof wirbt ein Gott ohne Telefonnummer um Anrufe. Er weiß: „Gut, dass ich dich nicht sehe, wenn das Licht ausgeht.“ Alles wird aus Versatzstücken wahllos zusammengepfercht. Nur so entsteht Schönheit. Wer etwas anderes behauptet, lügt. Es kann die Kargheit sich nicht mehr attraktiv machen in unserer Zeit. 
 
Er stotterte, sie plapperten. Er zögerte, sie fassten zu. Halb zogen sie ihn, halb sank er hin. Als der Vater, der auf einem Kundengange gewesen war, zurückkam, war es längst um ihn geschehen. Nichts blieb dem Alten, als verzweifelt die geschundenen Gerberhände vors Gesicht zu schlagen. Den armen Prinzen hatten sie zwischen sich unter galanten Geschenken begraben, ach die ledrigen Luxusweiber. Als er sich nicht mehr rühren konnte, kletterten sie geschwind zurück auf ihre Schilde. Der alte Mann führte den klapprigen Hengst, der vor der Türe gewartet hatte, in seinen Stall und gewährte ihm fürderhin ein Gnadenbrot. 
 
Und wenn sie nicht gestorben sind, so lassen sie den Prinzen, der so dünne geworden ist wie seine Haartracht inzwischen, noch immer nach ihren Peitschen tanzen.
 
Die Gentrifizierung schreitet ungebrochen voran. Im Hafen wird wieder nach Gold geschürft.   Läuft doch. Happy End.(Schwör!)

Farah Days Tagebuch, 31

Freitag, 29.Mai 2015

mein leben als stapel
ich bin so groß. doch so gut ich mich auch schichte, die hohlräume werden nicht kleiner.

: wie gewandt der fremde mit den kids umging, da konnten wir uns alle ein blatt rausnehmen. die kriegten sich kaum noch ein!
einer kleinen, pickeligen, die sich weigerte, lieh er seinen kopf wie eine vorratskammer:
s o macht man das.
hat ihre abwehr notiert, als ob sie ein text wäre und ihre abwehr wurde ein text und sie schrie: „das dürfen sie nicht aufschreiben, was ich schreie“ und er ließ sich gar nicht beirren, notierte auch das, gab ihr das blatt und sie zappelte und las und sagte schließlich:
„okay.“

– geht’s denn je um etwas anderes? sich sein blatt zu eigen machen. darum drehen wir uns. jenen, die’s nicht können, leihen wir unsere köpfe als zwischenlager.
wir sind jäger und stapler.

mein leben als stapel begann vor langer zeit, da war ich noch nicht hoch; seitdem wachse ich. ich seh‘ viele von meiner art. nur wenige von uns sind stabil.
ich selbst hab’ gewellte blätter, auch demolierte; auf kante kriegt man mich nicht mehr.

die hölle, das sind die anderen: die noch dazwischenzukriegen. aus liebe oder solidarität. andere gründe lasse ich nicht gelten.
stapelleute, die alles auf kante haben, weisen die Gewellten natürlich zurück. könnte was durcheinanderkommen, ihr wollt nicht neu gemischt werden, stimmt’s? ein anständiger stapel tut sowas nicht.

ihr müsst aber.
sonst lebt ihr im rechteck.
ich sag’ euch das nicht gern.

also, weiter. an meiner verständlichkeit muss ich noch arbeiten, weiß ich. ich hab mich nass gemacht, meine schriften vermengen sich, gefühle pappen aufeinander als gehörten sie zusammen. das ist euch doch nicht fremd?

ich mag mein leben als stapel nicht mehr, will in die fläche.
fläche
(komm‘ doch mit. breite dich aus.)

nur noch ein einziges, riesiges blatt.

Notizen zu „Recycling Le Tour de France“

 

[rltdfdok, deckblatt tl. 2: Notizen zu „Recycling Le Tour de France“]
Fortgesetzt als Serie Recycling Le Tour de France: Dokumentation & Materialien (rltdf)

 

 

Notizen zu „Recycling Le Tour de France“
Komposition für drei Soundboards, eine Yamaha PSR-420
und diverse, künstliche Stimmen

Dokumentation & Materialien

 

 

“…da spielen so viele Rollen einen Faktor,
dass es fast manchmal unmöglich ist, zu sagen,
was wirklich geschieht …”
Tony Rominger

 

 

 

Nach verschiedenen früheren konzeptuellen Arbeiten (1) rund um die Bereiche Recycling / Entsorgung (Erinnern / Vergessen) bzw. der Arbeit am Autorschafts- und Werkbegriff nimmt diese Arbeit das Recyclingthema wieder auf – in seiner wortwörtlichsten Bedeutung, allerdings.

“Recycling Le Tour de France” versteht sich als konkret-poetische Montagearbeit, die aber auch überkommene Text-, Hard- und Softwareformen, d.h. Sprache, Sound und Technik zerlegt, anwendet, rekombiniert und daraus neue, ästhetische Gebilde formt.

 

 

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(1) “jetzt ist es ein kunstwerk” – 100 Flooksbooks nach Sam Kautsch (2012), “The Chomskytree-Haiku (Rhizome(Rhizome)) / TCT-H (R(R))” (2011), “Ueberich I. Datenbank der Realfiktionen / Database of real fiction 1(2)” (2011).“ikindle” (2011), “ONPOS – Wörter, die es gar nicht gibt” (2010), “Das blaue Buch der Weissheit.” (2010), “Bibliotheca Caelestis. Tiddlywikiroman.” (2008)

 

9783905846294

 

Monsieur Crépon erkundet das Elsaß

Mit Marcel Crépon ist es ein wenig wie mit dem Teufel an der Wand. Kaum machen wir uns Gedanken, es sei an der Zeit, einmal wieder nach Monsieur Crépons Befinden zu fragen, langt elektronische Post aus kaum betretenen, beinahe schon klandestin zu nennenden Gebieten der rheinischen Sferiferie bei uns ein. Monsieur Crépons aktueller Bericht stammt aus dem elsässisch-badischen Grenzgebiet, dessen Trennlinie der bisweilen geradezu beängstigend begradigte Oberrhein markiert. Der Bericht indessen ist so reichhaltig an tief in die Lokalhistorie vordringenden Informationen in Wort und Bild, daß wir ihn – um unsere Leserschaft zu bannen und vor dem Wundscrollen ihrer bevorzugten Finger zu bewahren – auf eine Serie verteilen, die wir in den kommenden Tagen in loser Folge präsentieren wollen. Hier nun Teil 1:

“Liebes rheinsein,

Die Frage der Welterfassung nach objektiver oder subjektiver Art hat, seit sie formuliert wurde, nichts an Aktualität eingebüßt. Ja, wir tun uns manchmal immer noch schwer, uns zurecht zu finden. Täuschen wir uns ausnahmsweise nicht selber, kümmern sich darum Geräte, die uns eigentlich Hilfe leisten sollten. Damit wurde ich bei meinem letzten Ausflug konfrontiert.

Kaum losgefahren war es unverkennbar, daß mein alter Hermes-Navigator über Wege und Umwege, verschwundene oder neugebaute Straßen kaum Bescheid wußte, sodaß er jede sich bietende Chance ergriff, mich in die Irre zu führen. Eine Beschreibung aller befolgten Windungen und erlebten Widrigkeiten erspare ich Ihnen und komme direkt auf diese Neben-Nebenstraße, auf der ich, indem ich die Orakel meines orientierungslos gewordenen Hermes zu dechiffrieren versuchte, weder hinten von vorne, geschweige denn links von rechts zu unterscheiden wußte.

Welch eine Ouvertüre, werden Sie schmunzeln. Beruhigt im Wissen, daß Sie es nicht böse meinen, sondern vielmehr nachsichtig, fahre ich fort: vor mir stand plötzlich ein Mann, den einzuschätzen ich Schwierigkeiten hatte – abgesehen von eindeutigen Merkmalen, die über Jodmangel in seiner frühen Kindheit Auskunft gaben, die aber keineswegs, einem alten Glauben zufolge, regelmäßigem Trinken von Rheinwasser zuzuschreiben waren. Der Mann war weder ländlich noch städtisch bekleidet; weder ging er einer Beschäftigung nach, noch vermittelte er den Eindruck eines einfachen Spaziergängers.

Auf meine Frage ”Frankreich?” antwortete er mit einem Kopfnicken, verstärkt durch eine Handbewegung, wobei der Zeigefinger auf den Boden wies. Die Geste machte mich stutzig, denn ich konnte mich nicht entsinnen eine Brücke überquert zu haben, welche mich von der rechten auf die linke Rheinseite gebracht hätte. Wohl wissend, daß mein Akzent scharf genug war um jeden Verständigungsversuch zu zerbröseln, wiederholte ich meine Frage und bekam unverzüglich die gleiche Antwort. Und weg war der Mann.

Que diable venais-je faire sur cette route?”, fluchte ich in Zweifelslaune, wobei ich ”étais-je venu” hätten anwenden sollen: auf dieser Straße war ich schon seit einer Weile angekommen. Nun, was helfen grammatische Feinheiten, wenn rechts und links nichts als Felder zu sehen sind, die entweder bereits abgeerntet sind, oder noch darauf warten abgeerntet zu werden? Wenn das stumme Hinten dem nichtssagenden Vorne gleicht? Wenn die Nacht auf verheerende Weise eingebrochen ist wie sie es nun war? (…)” (Fortsetzung folgt)

F r i t z J. R a d d a t z. – Als Untriest 37 ein vielleicht, aber mir angemessenerweise, zu kleines Notat.

Arbeitswohnung, 8.54 Uhr.
Ich schreibe Dir, Liebes,gar nichts heute zu mir, und nichts zu meiner Arbeit. Denn zwar gestern schon rief der Profi an – aber ich scheute mich noch -, ich solle bitte die Nachrufe auf Fritz J. Raddatz lesen, der seinen Fortgang in Zeitpunkt und Art auf eine Weise selbst bestimmt hat, die uns allen zu wünschen wäre: daß sie uns nicht verboten wird, so daß man seine Zuflucht in der Behinderung oder gar Schädigung anderer nehmen muß wie einer jener hoch verzweifelten Leute, die sich vor Züge werfen. Freilich hatte Raddatz, anders als die, noch genügend Geld und, so zu tun, wie er nun tat, vor allem die Bildung.
Wir sind uns zweimal begegnet, einmal als Gäste einer Talkshow, einmal in halbprivatem Rahmen und hatten uns nichts zu sagen; er kannte mich nicht, bis jetzt zu seinem Tod; für mich war er allenfalls als ästhetisches Phänomen interessant, auch als Dandy, der sich durchzusetzen vermochte, aber eben in seiner solchen Erscheinung als Homosexueller akzeptiert war, wenn auch nicht unumstritten. Die Klarheit seiner Worte gefiel mir, seine radikale Offenheit gefiel mir, seine ätzende Kritik am Betrieb, dem er indessen zugehörte und zugehören auch wollte, dessen Weichen er aber auch jahrzehntelang mitgestellt hat. Ich kam da als Zug nicht vor, vielleicht auch meiner Homophobie wegen. Das tut hier alles nichts zur Sache.
Der Profi hat recht. Einen der besten Nachrufe, die ich heute früh las – erst heute früh, weil ich gestern instinktiv auswich – hat >>>>> in der FAZ Volker Weidermann geschrieben – wenn auch mit der euphemistischen Headline, er sei, also Raddatz, „gestorben“. Die Zeile ist bigott, dem Mann nicht angemessen, denn sie stützt ein Tabu, das dem Menschen die Würde der letzten eigenen Entscheidung nimmt. Weiterhin lesenswert ist >>>> das von der Süddeutschen Zeitung noch einmal ins Netz gestellte Gespräch, das Sven Michaelsen mit ihm geführt hat. Sehr wichtig darin scheint mir die Unterscheidung von Eitelkeit und Narzissmus zu sein.Wir hätten uns selbst dann, wäre meine Arbeit für ihn von irgend einem Interesse gewesen, wahrscheinlich nicht verstanden. Zwischen uns lagen verschiedene Herkünfte, verschiedene Vorlieben, von denen die sexuellen die mit bestimmendsten sind, verschiedene Generationen, verschiedene poetische Werte; verbunden hätte uns die Idee, das am Anfang all dessen, was wir groß nennen, die Leidenschaft steht: die Fähigkeit und vor allem Bereitschaft zur Hingabe, sowie eine radikale, nichtbürgerliche Offenheit, die sich gefährdet.

Raddatz ist nicht gestorben, sondern gegangen. Das ist, Geliebte, der Unterschied, den das Wort aufrecht markiert. Dessen wie seiner gedenke ich hier.

ANH, 28.2.2015
Berlin

Kurztitel & Kontexte bis 2015-07-11

Kurztitel & Kontexte bis 2015-07-04

Kurztitel & Kontexte bis 2015-06-27