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Fernsehbilder aus Aleppo (10. Juni 2013)

Ihr ererbter Name, Michail Timofejewitsch,
gilt in tausend Sprachen gleichviel
wie die Wörter Aufstand und Unterdrückung,
er lässt die Augen junger Männer glänzen
und die Augen jener, die in einer Nacht
zu Greisen wurden, vor Schreck sich weiten.
Der radikalisierte Koranschüler in Pakistan
spricht ihn aus und der Kindersoldat im Kongo,
der Bodyguard des syrischen Präsidenten
und der kolumbianische Drogenbaron.

Früher, Michail Timofejewitsch,
war von der Braut des Soldaten die Rede,
heute hat der Rebell oder der Scherge des Diktators
eine Hure in Händen, die es von beiden Seiten
mit sich machen lässt, eine geliebte Hure,
die in Augenblicken namenloser Angst
an die Brust gedrückt wird, nacktes Eisen
an einem nackten Herzen.
Michail Timofejewitsch, erkannten Sie sich irgendwann
als jener Lude, der dem Sensenmann
das Sichelmagazin erfand?

Die Brust mit Orden beklimpert,
schelten Sie die Händler, schelten Sie die Politik
und scheinen dennoch stolz auf Ihr Werk,
stolz auf Ihren Namen, den schon Ihr Vater trug,
ein Bauer, ein einfacher Mann,
den kaum jemand kannte.

shanghai

pic

india : 6.52 — Haruki, der in einer klei­nen euro­päi­schen Stadt zu Hause ist, erzählte eine Geschichte, die ich kaum glau­ben mochte. Schon sein Name schien selt­sam zu sein. Er habe, sagte er, manch­mal das Bedürf­nis, mit­ten in der Nacht zu tele­fo­nie­ren. Nicht weil er fürchte, ster­ben zu wol­len, son­dern weil er glück­lich sei, wenn er ein­fach loser­zäh­len könne, wenn ihm seine Worte von einem auf­merk­sa­men Ohr sozu­sa­gen aus dem Mund gezo­gen wür­den. Genau die­ses Bild eines Ohres habe er vor Augen, sobald er sich an wun­der­bare Gele­gen­hei­ten erin­nere, als er im Erzäh­len Geschich­ten ent­deckte, die ihm ohne diese Art des Spre­chens nie­mals ein­ge­fal­len wären. Lei­der würde ihm inmit­ten der Nacht längst nie­mand mehr zuhö­ren, Men­schen, die er per­sön­lich kenne, eil­ten nicht mehr ans Tele­fon, wenn er sich bei ihnen mel­dete. Er habe des­halb andere, wild­fremde Men­schen ange­ru­fen, die sich bei ihm beschwer­ten, weil schon tiefe Nacht gewor­den war, und über­haupt zu wis­sen wünsch­ten, um wen es sich bei ihm han­dele. Das war der Grund gewe­sen, wes­we­gen er vor weni­gen Wochen damit begon­nen habe, Ruf­num­mern in Über­see zu kon­tak­tie­ren. Es mel­de­ten sich Men­schen, die ihn in eng­li­scher, fran­zö­si­scher, chi­ne­si­scher oder spa­ni­scher Spra­che begrüß­ten. Sobald nun die Stimme eines Men­schen zu hören war, begann Haruki zu erzäh­len. Er for­mu­lierte in einer so hohen Geschwin­dig­keit, dass er sich selbst kaum noch ver­stand. Und weil Tele­fon­ge­sprä­che nach Über­see kost­spie­lig waren, hatte er auf sei­nem Tisch eine Arm­band­uhr abge­legt, um die Zeit zu mes­sen. 15 Minu­ten, län­ger durfte ein Gespräch mit Shang­hai nicht dau­ern. Manch­mal ver­nahm er Stim­men von der ande­ren Seite her, helle Stim­men, zit­ternde, wis­pernde Töne, wes­halb er das Tele­fon­ge­rät ein wenig von sei­nem Ohr ent­fernte, ohne indes­sen zu ver­stum­men. Nach 15 Minu­ten ver­ab­schie­dete er sich. Er sagte: Gute Nacht! — stop

DANKE Hans, DANKE Sylvia, DANKE Fische. Aber but : NO NO HOLIday

This forest was like a zoo.
Hier trafen sich Hasen, die sich mit Füchsen trafen
und zuletzt Bären, die Schneeraupen fickten.
Wir wollten die Winterstarre erforschen
und wurden dabei unendlich müde.
Schlafmangel folgte Wassermangel.
Wir bauten Höhlen aus Federn und Laub
und sagten: House / Haus.

Gegen Mitternacht gingen alle in Torpor.
Wenn Feinde kamen,
wurden Fragmente von uns geweckt.
Unsere Nacktheit war unsere beste Waffe,
sie schlug einfach jeden Troll in die Flucht.
Zum Frühstück gab es Kuchen aus Klee,
Saft aus der Rinde des Ahorns, but
no condoms.

Der doppelt verdoppelte Popowicz (Romanauszug/Entwurf)

Erregt betritt Dessoir eine Gastwirtschaft. Einige kleine Angestellte in schlechten Anzügen, quarzend und trinkend. Oder Arbeitslose. Niemand sieht zu ihm hin, einer mit einem Musterkoffer auf dem Schoß, übergroß, wer weiß, was da drin ist, Schuhe, Stoffe, Messer? Pistolen? Die Luft zum Schneiden, Tabakrauch, Kohlsuppe, schlecht ziehender Ofen, Schweiß, aber Dessoir konnte einfach noch nicht nach Hause, das war ihm klar, erst noch war über Popowicz nachzudenken. Ihn ausmerzen, wieder, aus dem Hirn! Der tischhohe Tresen im Dämmerlicht, kupfern, fleckig.

„Was darf’s denn …?“

„Ein Bier und einen Schnaps, bitte.“

„Ein Herrengedeck, jawoll, kommt sofort, der Herr“, murmelt der Wirt, ein kleiner, glattrasierter Dicker mit flachsblonden Haaren wie Bindfäden so dick, legt seine halbgerauchte Zigarre auf den Rand des Gläserbords und macht sich ans Zapfen. Dabei sieht er zwei, drei Mal aus seinen kleinen Äuglein prüfend zu dem seltsamen Gast hinüber, so eener kommt hier sonst nich rin, der sich an einen Zweiertisch setzt und nun ins Leere starrt. Susanne würde sofort riechen, wo er gewesen war, sie würde ahnen, ach was, wissen, daß er sich Sorgen um etwas machte, Liebe mag blind machen, die Ehe aber hellsichtig, doch bloß nichts sagen, wiederholte er, wiederholte sich in ihm der Gedanke von vorhin, bloß nichts über Popowicz sagen! Irgendetwas anderes sagen, Ärgerliches, du Prels neues Buch vielleicht, ja. Oder diese Angelegenheit mit De Selby, den er zu einer Konferenz nach Berlin einladen wollte, damit er über das Phänomen der zeitlosen Seelenhaftigkeit einen Vortrag halten könne, wofür die Fakultät die Kosten nicht übernehmen wollte, weil sie die Wissenschaftlichkeit von De Selbys Forschungen in Dublin bezweifelten. Wahrscheinlich, weil De Selby ein akademischer Titel einer europäischen Universität fehlte! Diese Ignoranten! Notfalls würde er die Kosten selbst übernehmen. Er überlegte, während er seinen Blick schweifen ließ, wirklich eine üble Kaschemme, in die er da geraten war, oder nein, fiel ihm da plötzlich ein, der Ärger mit diesem Scharlatan, das werde ich Susanne sagen, das ist glaubwürdig und stimmt zudem, mit diesem Menschenfänger, diesem Rudolf Steiner, ein schmutziger Mensch, der nichts als Unsinn erzählt und dem das Handwerk gelegt werden sollte! Der Wirt brachte das Bier und den Schnaps.

„Wohl bekomms.“

Dessoir nickte dem Wirt knapp zu und kippte den Schnaps hinter. Schluck Bier zum Nachspülen. Sonst seine Sache nicht. Der Mann mit dem Musterkoffer setzte sich seinen Hut auf, ging aber nur aufs Klo, wie es schien. Der Koffer auf dem Stuhl. Hat wohl doch mehr Angst, der Hut ginge ihm flöten als sein Koffer, dachte Dessoir, tja, und dann steht ihm plötzlich wieder so eine Schlagzeile vor Augen, „Dessoir-Affäre, neueste Enthüllungen“, die Angst damals, die Hilflosigkeit, der Skandal, die Affäre, die es nicht hat geben dürfen und die es dann auch nicht gab, Gottlob! Wenn auch der Preis, das zu verhindern, ungeheuerlich war, er nahm noch einen tiefen Schluck Bier, kalt, malzig, sämig, selbst wenn Popowicz ihm nichts weiter abverlangt hatte als Stillschweigen und Duldung, das tägliche, abendliche Schauspiel von Normalität, in seinem eigenen Haus! Susanne und Popowicz! Demütigung, Betrug, jeder hatte jeden betrogen, auf unterschiedlichste Art und Weise, jeder spielte Theater, damals! Vor dem großen Kriege. Ein Fußweg nur zur nächsten Zeitungsredaktion, ein kurzes Aushandeln der Konditionen, Popowicz mit dicker Brieftasche, Weiteres in Aussicht gestellt, kommt per Post nach Anweisung des Geldes, bin ja nicht doof, würde sich Popowicz gedacht haben, Koffer gepackt, eine Zugfahrkarte, gleich wohin, Paris wäre ihm zuzutrauen gewesen, dem Kerl, Name dann geändert, Leben neu. Wäre aber aus gewesen, mit meinem Leben wäre es aus gewesen. Und dem Lehrstuhl für Psychologie, schlagartig. In der Hand, ich, des Popowicz, Geheimnisverrat, Sie, Sie sind doch verantwortlich für Ihre Mitarbeiter, deren Auswahl, fahrlässiges Handeln, was stellen Sie den Kerl denn ein, unentschuldbar, das! Popowicz, Witold Firmian, in Abwesenheit drei Jahre, Dessoir, Max, anwesend, Entzug der Lehrerlaubnis, acht Jahre Zuchthaus.

Der Mann kommt zurück vom Klo und nimmt seinen Musterkoffer wieder auf den Schoß. Ein Schoßmusterkoffer. Was da wohl drin sein mag, vielleicht wirklich mal fragen, Pistolen für den letzten Schuß, wir lassen Sie mal allein, Herr Professor, eine Sache der Ehre, kein weiteres Wort notwendig, Schreckensszenario, tiefster Höllenkreis, und wie sollte ich, ein Mann der Wissenschaft, das überstehen, die Frau des berühmten Herrn Professors Dessoir sinkt in sich zusammen, Unruhe, der Richter droht, den Saal räumen zu lassen, im Namen seiner Majestät, Riechsalz, ist ein Arzt anwesend, der Angeklagte unbeweglich, starr, innerlich gebrochen, mit flackernden Pupillen, wie ein Irrsinniger, Extrablatt, Extrablatt, lesen Sie alles zur Dessoir-Affäre … Oder nein! Wo denke ich hin, denkt er, trinkt das Bier aus, des Wirtes Blick, geübt in tausend Schlachten, trifft den seinen, passgenau, nicht zu früh, nicht zu spät, Dessoir nickt, Susanne wäre doch nie in Ohnmacht gefallen, nein, sie wäre nicht zusammengesunken, und da kam auch schon das Gedeck, Bier war sicher schon gezapft gewesen, „bittschön, der Herr“, mit Popowicz geflohen wäre sie, nach Paris, Rom, Wien, in Wien hatte sie, als junge Sängerin, noch unbekannt, paar Konzerte gegeben, hatte sie gleich bei ihrem ersten Treffen erzählt, oder nach Übersee, New York, San Francisco, Buenos Aires, hatte Popowicz nicht einmal davon gesprochen, in Übersee Verwandte zu haben, ja, beide fort, ich hätte allein vor Gericht gestanden, Geheimnisverrat, Verleumdung, der Kaiser selbst betroffen, in Schimpf und Schande davongejagt, Schierlingsbecher oder Flucht, Carl du Prel hätte den Lehrstuhl übernommen und alles ruiniert mit seiner, seinem …, Auflösung des Haushalts, Scheidung der Ehe, immense Anwaltskosten, Ruin, doch wäre ich nicht selbst, er kippte den Schnaps hinter, dachte er, besser zeitig geflohen, in London wäre ich doch sicher willkommen gewesen, 1913, was ging die der königkaiserliche, kaiserkönigliche Hof an, da lachten die sich doch drüber kaputt, eine deutsche Flotte, lächerlich, doch dann der Krieg, Internierung aller Deutschen im Vereinigten Königreich, hätten mich die Kollegen schützen können, Ellman oder Woolf, Spekulation, ihm drehte sich schon alles, rauchende, grinsende Gestalten starrten zu ihm hin, Fratzen, ein noch junges Mädchen in gewagt kurzem Rock bringt ihm einen weiteren Schnaps und knickst lächelnd, „geht aufs Haus“, lispelt sie, am Fenstertisch gegenüber sitzen zwei und stecken die Köpfe zusammen, „ist noch Sauerkraut da mit Wurst“ sagt das Mädchen und knickst und lächelt wieder, Dessoir nickt, nimmt einen Schluck Bier, die beiden Männer gegenüber grüßen ihn mit schräggelegten Köpfen, warum tun sie das, einer nach rechts, einer nach links, voneinander weg nach außen, dann fallen die Köpfe nach innen gegeneinander, dong, prallen auseinander und über die Schulter zu Boden in die Sägespäne hinein, kullern zu ihm, „Prost, Max“, sagen beide unisono, „prost, alter Haudegen, wohl bekomms“, so von unter herauf sagen sie das, „wie geht’s denn deiner Frau, immer noch auf jeder Gesellschaft die Schönste und Rassigste?“, Schnaps geht aufs Haus, hinterkippen, nochn Bier, nochn Bier,  nochn Schnaps, „Sauerkraut mit leckerer Wurst, bitte schön“, Knicks, Lächeln, „guten Appetit“, Beine bis zum Po, lecker, lecker, Kartoffelbrei mit Zwiebeln, das Kraut, die Wurst, er hatte nicht gewußt, wie hungrig er gewesen war, Schnaps, Bier, die Kleine wieder zurück, legt ihre Hand auf seinen Unterarm, „heiße Milli“, Wimperschlag, das geht ihm durch und durch, „laß den Herrn in Ruhe essen, Kleene“, der Wirt ruft quer durch die dicke Luft, pfeift, „in die Küche, wo du hingehörst“, die Herren gegenüber, jetzt wieder mit Kopf, wünschen guten Appetit, er dankt nickend, und dann, schlagartig, die Wurst rein in den Mund und zwischen die Zähne, Haut platzt auf, eigener Darm, das Kraut, der Kartoffelbrei, ein Zusammenreißen, Anspannung aller Kräfte, Essen und Trinken, Leib und Seele, Arsch und Titten, und dann, ja, ist Max Dessoir, Professor an der Friedrich-Wilhelms-Universität, erster Inhaber des Lehrstuhls für Psychologie und als solcher bekannt und in Fachkreisen weithin akzeptiert, ja bewundert, plötzlich wieder klar, der Wirt döst am Tresen, alles schweigt, er ißt, kaut und schluckt, trinkt sein Bier, den Schnaps hinter, winkt dann dem Wirt mit Zeige- und Mittelfinger, komm mal her, mein Gutester, zahlt, dicker Packen Scheine, Inflation, Trinkgeld, steht auf, geht zur Türe, der Musterkoffermann blickt kurz auf, „beehren Sie uns ba“, knarrrz-bumm, die Tür fällt hinter ihm ins Schloß, schwabbert kurz nach und hängt dann wieder stille in ihren alten Scharnieren.
(…)

Die Fabrik der Tortenmädchen

Ich teilte heute meinen Eltern mit, dass ich Privatdetektiv werden will. Eigentlich teilte ich es nur meinem Vater mit, da Mutter vor Jahren verschwunden ist. (Vielleicht will ich deshalb Detektiv werden. Freud würde von einem “auf die mütterliche Vagina abzielenden Berufswunsch” reden. Ich hoffe, sie irgendwann wohlauf bei einem Tortenwettessen zu finden. Mutter liebt Torte. So sehr, dass es sein kann, dass ein gemeiner Verbrecher sie damit in sein Auto lockte. In London verschwinden immer wieder Frauen, die eine Vorliebe für Torte haben.)
“Ich werde Privatdetektiv”, sagte ich zu meinem Vater.
Er schlang gerade sein Abendessen hinunter, und das, obwohl es früher Morgen war. Vater ist Exzentriker.
“Was?”, schrie er und hielt seine rechte Hand an sein linkes Ohr. Solche Bewegungen muss er als Vorsitzender des örtlichen Exzentriker-Clubs machen. (Er ist außerdem schwerhörig, daher das laute “Was?”)
“Privatdetektiv?”
“Schief? Was ist schief?”
Ich überlegte rasch, wie ich mich ihm mitteilen könnte. Mein übermäßig großes Hirn arbeitete fieberhaft.
“Privatdetektiv!”, schrie ich lauter.
“Brief? Ich habe keinen Brief. Oder hast du einen Brief, James?”
James ist der Butler meines Vaters, der ebenfalls schwerhörig ist und daher erst gar nicht auftauchte. James erscheint seines Leidens wegen nur sehr selten. Meistens sitzt er in seinem Zimmer und sieht sich bei voller Lautstärke Talksendungen an.
“James ist nicht da!”, brüllte ich.
“Nichte? Du hast keine Nichte!”
“Nicht Nichte. James ist nicht da, und ich möchte Privatdetektiv werden.”
Mein Vater sah mich erstaunt an. Dann lief er puterrot an. Er griff sich nach dem Hals, als würde er keine Luft mehr bekommen.
Geschult in allen gymnastischen Übungen, machte ich blitzschnell eine Rolle vorwärts, einen Handstand, noch eine Rolle vorwärts, bis ich bei Vater war, um ihm eine Backpfeife zu verpassen.
Vater hustete und spuckte ein Stück Fleisch, groß wie meine Hand, auf den Tisch.
“Warum willst du mit James durchbrennen?”, keuchte er.
“Nein, das will ich gar nicht”, versuchte ich ihm zu erklären. “Ich will Privatdetektiv werden.”
Vater schüttelte traurig den Kopf und murmelte: “Das hätte deine Mutter nicht gewollt.”
“Was? Dass ich Privatdetektiv werde?”
“Dass du deinen armen Vater so ausbrüllst.”

Aus Urs Schliepers “Die Fabrik der Tortenmädchen”, Krimi in Tagebuchform

rege[n|l]los

muss mal runterkommen von den schweren
wortgetümen und die scheren
setzen flugs auch an den reim.
und ebenso nach vieren versen
wir sind nicht mehr die leergezei(l)ten,
vielmehr noch breit und weit
gedichtet, was das zaumzeug grade
nicht mehr hält. held
der wortarbeit, ein hennecke
der hymnen stolperstammelt in frührente.
spürst du, wie das holde
dir poltert? wie der blues
nicht mehr rhythm’n’ ist?
sich regelnd fortgesetzt durchs
wort zu regen, bringt doch endlich
keinen segen. so halt ich ein
und stell mich regellos und ohne reim
mitten in den silbe[n|r]regen.

Spätvorstellung: GELIEBTE SCHWESTERN von Dominik Graf (2014)

 

Ein Beitrag von Morel

 

 

Dominik Grafs Film über die Liebe zwischen dem werdenden Klassiker Friedrich Schiller und den beiden Schwestern Caroline und Charlotte von Lengefeld endet mit einer Einstellung auf die Fußgängerzone im heutigen Weimar. In Windjacken und Jeans laufen wir am Schillerhaus vorbei, während die angenehme, leicht bayrisch angehauchte Erzählerstimme Grafs das eben Gesehene nachträglich in den Konjunktiv versetzt: Es hätte gewesen sein können. Denn für das meiste, was wir in den letzten zwei Stunden gesehen haben, gibt es keine dokumentierten Beweise. So ist dieser Kostümfilm gerade das Gegenteil von Historismus: er erzählt davon, wie wir die Geschichte überliefern, was wir überliefern und was nicht. Diese Schlusseinstellung (und so manche andere in Die geliebten Schwestern) korrespondiert mit der aus Truffauts großartigem Zwei Engländerinnen und die Liebe zum Kontinent. Hier aber kehrt der Erzähler melancholisch zurück in das dem Werk Rodins gewidmete Museum in Paris und erinnert sich an die Zeit, als diese Kunst noch umstritten war. Die Erinnerungsarbeit Grafs ist anders: er will unsere Klassiker vom Staub ihrer Rezeption befreien.

 

Auch die werbeträchtige Menage-a-trois ist nicht ein Dreiecksverhältnis aus dem Satzbaukasten für Oscarpreisträger. Der Film respektiert die historische Ferne und vor allem den Eigensinn seiner Figuren. 1788 lernt Schiller, neu in Weimar, Charlotte von Lengefeld kennen. Sie ist Hausdame bei Charlotte von Stein und zu unerfahren, um den leise angeknüpften Beziehungsfaden zu Schiller nicht abreißen zu lassen. Ihre Schwester Caroline, unglücklich aber finanziell einträglich verheiratet in Rudolstadt, schreibt für sie den Brief an Schiller. Die drei verbringen einen kurzen Sommer des Glücks im Umfeld des Guts der Familie von Lengefeld. Schiller erweist sich zunächst als Held, um dann nackt und frierend von seinen zwei „Flussgöttinnen“ getrocknet zu werden. Die Erotik kommt zuerst zwischen Caroline und Friedrich ins Spiel, die bis zur Heimkehr des misstrauisch gewordenen Ehemannes die Freuden ihrer ersten gemeinsamen Nacht bis zur Neige auskosten. Charlotte, die Dritte in diesem geometrischen Rätsel (gerne zeigt Graf uns die Briefe, in denen geometrische Zeichen die Liebenden ersetzen), freut sich über das Glück der Schwester und scheint sie nicht um die Liebe des Dichters zu beneiden. Jetzt erst erfahren wir von einem Schwur der Schwestern unter dem Rheinfall in Schaffhausen: niemals sollte etwas sie trennen, alles sollten sie teilen. Diese Liebe der Schwestern zueinander geht der zu Schiller voraus. In diesem Film steht keineswegs Schiller im Mittelpunkt, sondern zwei eigensinnige und -ständige Frauen. Caroline bedrängt ihre Schwester nun, Schiller zu heiraten, nur so könne der Schwur aufrecht erhalten werden. Trotz Heirat aber bleibt Charlottes Beziehung zu Schiller wie die einer Schwester zu einem Bruder. Erst als Caroline die Beziehung zu dem geliebten Dichter abrupt beendet, ändert sich dies, so dass später auch ein Kind geboren werden kann, während der Vater ausschläft. Diese Dreiecksliebe zeichnet sich durch unterschiedliche Ausprägungen der Liebe aus: die erotische zwischen Friedrich und Caroline, die schwesterliche zwischen Caroline und Charlotte, schließlich die eheliche, gleichermaßen von Neigung und Pflicht bestimmte zwischen Charlotte und Friedrich. Damit verzeichnet Grafs Film auch die Umbrüche der Zeit, in der er spielt. Die anderen Liebesformen im Film sind von Geld bestimmt, oft solche der Prostitution. Sowohl Schillers Verhältnis zu Charlotte von Kalb wie Goethes zu Charlotte von Stein tragen, zumindest in der Lesart Grafs, Züge davon. Auch Caroline wird im späteren Verlauf des Filmes von einem reichen Liebhaber Geld zugesteckt bekommen, mit dem sie den jungen Haushalt der Schillers, bei dem sie Unterschlupf gefunden hat, unterstützt. An den gesellschaftlichen Umständen scheitert die Dreiecksliebe am Ende nicht, sondern am zunehmenden Abstand zwischen den beiden Schwestern nach der Geburt ihrer Kinder: sie teilen nicht mehr alles miteinander, Misstrauen nistet sich ein und auch die todkranke Mutter kann keine dauerhafte Versöhnung erwirken. Am Ende ist es die Zeit, die die Frauen auch körperlich spüren, in der eine aus Briefworten entstandene Liebe sich verliert.

 

Gegen die Welt der körperlichen Liebe setzt Graf die Schrift als ideelle Welt der Schönheit. Die Begeisterung bei der Antrittsvorlesung Schillers in Jena inszeniert er wie den Vorschein eines Aufruhrs. Immer wieder sehen wir die Briefe und die vom Verleger Cotta vorangetriebenen Innovationen des Buchdrucks. Wenn die Beziehung zwischen Caroline und Friedrich immer etwas leidenschaftlicher wirkt, dann hat das seinen Grund auch darin, dass Caroline Novellen und Fortsetzungsromane schreibt. Schön beobachtet die Szene, in der sie von ihrer Lektüre, der Madame de Scudery erzählt, die Schiller als Hofdamenliteratur, wie sie vermutet, nicht kennt. Frauen schreiben nicht anders, aber von anderem. Die Worte stehen hier immer gegen die materielle Lebensumstände,, die aber ihre Überlieferung beschränken. Einmal landet ein Packen Briefe im Schlamm einer deutschen Gewitternacht. Auch das trägt zu den Missverständnissen bei. Keineswegs jeder Brief erreicht seinen Adressaten. Und nicht jeder Schreiber und schon gar nicht mal jede Autorin wird ein Klassiker. In den Geliebten Schwestern ist das zu sehen. Auch die Übersetzung von schönen Worten in die blutigen Konsequenzen der Revolution zeigt der Film – als ironisches Ausrufezeichen.

 

 

In den letzten Jahren hat Dominik Graf die auf Redundanz eingeschworene Sonntagabend-Krimigemeinde manchmal auf harte Proben gestellt. Seine chaotischen, schmutzigen und verwirrenden Krimis waren nicht manieristisch, wie die gebildeten seiner Verächter vermuteten, sondern Versuche dem Krimi Neues abzugewinnen. Der Essay ist eigentlich auch die Form, zu der Die geliebten Schwestern gehört. Es ist kein Liebesfilm, sondern ein Versuch über die Liebe, die Bilder und die Worte. Und was die Zeit aus ihnen macht.

 

***

 

Morel und ich haben Geliebte Schwestern zusammen gesehen. Und anders als sonst manches Mal (wie z.B. zuletzt als wir Snow Piercer im Deutschen Filmmuseum sahen) waren wir uns bei diesem Film sofort einig: Großartig! Und beide hoffen wir, dass dieser Film ein großes Publikum finden wird. Besonders froh hat mich gemacht, dass es Dominik Graf tatsächlich gelingt, die Beziehung zwischen den Schwestern von Lengefeld und Schiller als eine uns ferne und fremde zu zeigen, eben nicht durch die Brille einer erst im 19. Jahrhundert durchgesetzten bürgerlichen Sexual- und Ehemoral, die bis in die Gegenwart die Idee der „Liebe“ in heterosexuellen Liebesbeziehungen prägt (in den letzten 50 Jahren verstärkt und stabilisiert durch die in Hollywood entwickelten Love-Stories), bei denen unter „Liebe“ vor allen Dingen der exklusive „Besitz“ an der Sexualität einer Person gemeint ist – und mithin Dreiecksgeschichten vor allem das Problem der sexuellen „Untreue“ verhandeln. Ein „Problem“, das den Lengefelds und Schiller in Grafs Darstellung nicht gleichgültiger sein könnte. Ihre Dreierbeziehungen scheitert nicht an Eifersucht zwischen zwei Frauen, die um einen Mann „kämpfen“, sondern daran, dass die Frauen einander nicht treu bleiben können, besonders nachdem sie Mütter geworden sind.

Martin Heidegger am Rheinfall

Zum Thema Rheinfall sendet uns Marcel Crépon dieses Bild, das ihm ein Mr. Pyeux zukommen ließ und hinter dem eine ausführliche, windungsreiche, nahezu fantastische Geschichte steckt, die Marcel Crépon uns im folgenden, das rheinsein-übliche Artikelformat sprengenden Schreiben und mithilfe weiterer sprechender Bilder enthüllt:

Sehr geehrtes rheinsein,

Auch wenn ich zurzeit anderen Beschäftigungen nachgehe und an fremden Ufern weile, vergesse ich den Rhein nicht und nutze eine kleine Pause, um Ihnen davon zu berichten wo ich Mr. Pyeux traf und was er mir erzählte.
Ein Notfall hatte mich veranlaßt, die Türschwelle eines Baumarkts zu passieren. Nach der Elektro-Abteilung suchend, gelangte ich schließlich in den Gärtnerei-Bereich, wo Garten-Utensilien und allerlei Ausrüstungen ihr Bestes geben, damit jedermann sich seine private grüne Hölle verwirklichen kann. Da stand er, besagter Mr. Pyeux, und starrte auf einen der angebotenen Eimer.
Wie ich Ihnen sicherlich bereits schrieb, habe ich ein gewisses Faible für diese Art Behälter – und Menschen, die sich dafür interessieren, interessieren mich. So wie er dort stand und starrte glich Mr. Pyeux dem Mann, der vor einer Million Jahren einen trockenen Schwamm in einen Eimer Wasser fallen ließ; nein, er sah vielmehr aus wie der Mann, der den Schwamm bereits fallen gelassen hatte.
Wie auch immer. Neugierig zu erfahren, woran genau sein Interesse bestünde, sprach ich ihn an. Er drehte sich zu mir um, antwortete jedoch nicht sofort. Aus seinen schwermütigen Augen schloß ich, daß etwas Tiefgründiges sich in Zusammenhang mit dem Eimer ereignet haben mußte, und blickte ihm wohlwollend zu, eine Geste der Ermutigung. Natürlich, ich mochte mich täuschen, vielleicht war der Grund seines Schmerzes rein körperlicher und nicht seelischer Natur…
Der Mann, Mr. Pyeux, begann tatsächlich frei zu erzählen, schilderte, wie seine einstige Begegnung mit einem Blumentopf ihn über diesen Baumarkt-Eimer habe stolpern lassen, wodurch er mit einer erschütternden Erkenntnis konfrontiert worden sei. Das klang deutlich besser und spannender als ein bloßer Muskelschaden oder eine Nervenentzündung.
Der Name Schaffhausen fiel, und meine Aufmerksamkeit wuchs. In Schaffhausen also, erzählte der Mann weiter, sei er an einem winterlichen Nachmittag die Laufengasse hinunter zum Rheinufer spaziert, und dort auf jenen Blumentopf getroffen, welcher ihn an einen bestimmten Eimer erinnert habe, den er einmal gesehen hatte, ohne jedoch sich erinnern zu können, wo. Nach ein paar Schritten habe er auf einer öffentlichen Sitzbank platzgenommen.
So intensiv war seine recht unscharfe Erinnerung an den Eimer, daß er das Rheinfall-Schauspiel kaum wahrnahm. Die Zeit verging, es dämmerte, bald würde das Wintersechseck am Himmel aufscheinen. Rechts von ihm stand ein Baum und ein zweiter Blumentopf, links ein zweiter Baum sowie der erste Blumentopf. Auf dem linken Stamm entdeckte er einiges Gekritzel, das er zu entziffern versuchte.
Augen, Augen, ein Fisch? Eine lange dreieckige Fahne, oder vielleicht ein Windsack? Eine Ratsche? Ra’ashan? Mr. Pyeux stand auf, näherte sich dem Baum und vertiefte sich in die Hieroglyphen…
heidegger_fig01Baumstamm am Rheinfall, undefinierbare Zeichen

„Wußten Sie, daß graben und scribere die gleiche etymologische Wurzel haben?“ fragte er mich. „Nein“, antwortete ich, und bat ihn seine Erzählung fortzusetzen.
Stimmen unterbrachen Mr. Pyeuxs Graffiti-Betrachtungen: ein Paar saß nun auf der Bank und zankte sich. Er wollte mit einem Kanu die gewaltigen Wassermassen erobern, sie bevorzugte eine gemütliche, romantische Rundfahrt am Bodensee. Er schwor: ”Wahre Romantik ist es, furchtlos den Kampf mit den Elementen aufzunehmen!” – ”Vorausgesetzt man kann schwimmen, überleg’ doch mal!” erwiderte sie. Sie gingen.
Mr. Pyeux blickte zur Bank, das Paar hatte ein Prospekt zurückgelassen: Bodensee-Schifffahrtsbetrieb, Romantische Abendfahrt. Tatsächlich… hätte Mr. Pyeux die Broschüre nicht beachtet, alles wäre anders verlaufen. Stattdessen las er sich die Angebote akribisch durch, bis er im Kleingedruckten auf den Namen des Betriebs stieß: da war er plötzlich wieder, der Blumentopf!
Vor Mr. Pyeuxs innerem Auge bildete sich heraus wie dieser Mann, der denselben Nachnamen wie der Schifffahrtsbetriebsinhaber besaß, nämlich Heidegger, einen Blumentopf trug. Nicht einen Blumentopf, vielmehr einen Eimer! Die Erinnerung war zurückgekehrt. Der alte Heidegger hatte einen Eimer mit Wasser gefüllt und trug ihn lächelnd durch die Gegend. Aber aus welchem Grund, fragte sich Mr. Pyeux, lächelte der Philosoph?
Mr. Pyeuxs Erinnerung frischte nach und nach auf: das Bild in seinem Kopf entstammte einer Foto-Serie. Aber das Lächeln? Warum lächelte Heidegger? Erfreute er sich am Wasserplätschern aus dem Hahn des rustikalen Brunnens, aus dem das Naß stammte? Liebte er es, den gefüllten Eimer zu schleppen? Mochte er das Geräusch des Schwappens, während er mit dem Eimer seiner Hütte zutrottete? Oder hatte Heidegger eine seiner Ideen?
Mr. Pyeux kam nicht darauf, schien es aber um alles in der Welt zu wollen: ”Was ist man für ein Mensch, wenn man sucht und nichts findet?” Das wußte ich nicht. Genug Dinge hatte ich auf meinem bisherigen Lebensweg gefunden, den ich nicht gesucht hatte. Ich fragte Mr. Pyeux, ob er Heidegger gelesen habe.
Hatte er. Und zwar im Original. Und zwar extra dafür, als er vom Rheinfall zurück nach Frankreich gefahren war, einen Kurs bei Berlitz belegt. Die Ergebnisse allerdings waren ernüchternd: nach fünf Jahren konnte er recht ordentlich im heideggerschen Sprachlabyrinth herumirren und seinen Inhalt durchkauen, kauen, und nochmal kauen. Eine Tätigkeit, die bei Kühen auf der Weide eine gewisse Gelassenheit verursacht, doch bei ihm, Mr. Pyeux, eine gefährliche Annäherung zur Idiotie provozierte.
In der Zwischenzeit war das Heidegger-Museum in Meßkirch eröffnet worden. Um seinem philosophischen Rinderdasein auf den Grund zu gehen, fuhr Mr. Pyeux erneut nach Deutschland, sah erneut die Fotos, den Eimer, den Brunnen, sah den Sternwürfel. Seine müßig erworbenen Vokabeln flatterten durch sein Hirn: Eimer, Wasser, Heimer, Einichtsmehr. Wie heißen Sie? Es ist spät geworden. Guten Tag! Ich bin müde. Der Regen fällt. Ich halt zich on in emer waser… Trinken sie! Blumentopf, Sternwürfel, Eimersternwürfel. Heideggereimersternwürfel. Schaffhausen. Heideggeimeisternwürfel. Lächeln. Heide, Ei, Meister Rhein, Würfel… Heide geh Eimer… Heim? Meister im Sterne werfen… So viel in einem einzigen Topf, da müßte man etwas auseinanderreißen!…
Taumelnd verließ Mr. Pyeux das Museum und lief gleichsam hypnotisiert zum nächsten Eisen- und Haushaltswarengeschäft, um dort einen Eimer zu erstehen. Den Kauf getätigt, schloß er sich umgehend einer leicht erkennbaren Pilgergruppe an, die voller Demut auszog, die Feldweg-Luft einzuatmen. Die Pilger schossen Fotos von der Atemluft – nichts für Mr. Pyeux. Bald wurden die Pilger von den Meßkircher Glocken, die die Geheimnisvolle Fuge der Zeit erklingen ließen, angezogen. Mr. Pyeux blieb allein zurück, stellte seinen Eimer ab, ging ein paar Schritte und zeichnete ein X auf den Boden.
„Warum ausgerechnet ein X?“ „Weil der Todtnauer Sternwürfel ein X darstellt. Weil X der 24. Buchstabe des Alphabets ist. Weil 24 die Ordnungzahl für Chrom ist: und Chrom glänzt, rostet jedoch nicht!… Augentrost, Augenrost“, murmelte Mr. Pyeux mehrmals. ”Verstehen Sie?” – ”Kaum…”
Mr. Pyeux verstummte für einen Augenblick und erzählte dann weiter: „Stundenlang lief ich vom Eimer zum X und retour – doch nichts geschah. Das Lächeln des Philosophen blieb rätselhaft. Ich war offenbar am falschen Ort. Schnell malte ich ein Aquarell,
heidegger_fig02Ad hoc-Feldweg-Aquarell

kehrte nach Meßkirch zurück, lieh mir ein Fahrrad, fixierte den Eimer auf dem Gepäckträger und fuhr nach Todtnauberg, wo ich zehn Stunden später anlangte. Der Himmel hellte bereits auf, im Westen war noch das Sommerdreieck zu sehen. Da war die Hütte, der Brunnen. Dort ließ die Fotografin Marcovicz den Philosophen mit seinem weißen Eimer Wasser schöpfen, sieben Mal lief er für sie zwischen Brunnen und Hütte hin und her, dabei immer lächelnd – grinsend? Immer dieselbe Handlung, immer eine andere (Sie wissen schon: zwei gleiche Eimer sind nicht identisch). Den Henkel immer fest im Griff.“
Mr. Pyeux tat es Heidegger nach. Nicht auf direktem Weg von Brunnen zu Hütte, sondern auf dem Wanderpfad, welcher selbst zwar keine Kreise zeichnete, doch ihn, Pyeux, sich im Kreise drehen ließ. Im Kreisen kaute er ”Die Frage nach dem Ding”, Seite 94 bis Seite 97, samt Inhaltsverzeichnis und Vorwort, die er zu Kügelchen formte bevor er sie mit reichlich Speichel eingeweicht in den Eimer fallen ließ. Die Seiten waren geschmacksneutral, wie die Wörter an sich es sind; das einzige was er beim Kauen empfand, war „den Knödelfressern” zu ähneln und das zügige Schmerzen seiner Kiefermuskeln.
Um zureichend gedruckten Text lesbar zu belassen, mußte er sich in seinem Kaueifer zurückhalten und sparsam mit seiner Spucke haushalten. All das schien ihm schlüssig zu sein, so schlüssig und rund oder so rund und schlüssig wie ein Kreis, eine Sphäre, ungefähr so sphärisch wie das Sein, welches durch immer wiederholtes Kreisen Gestalt (und ihr Gegenteil) annimmt, oder wie die geodätische Kuppel La Géode in Paris, die stets das Außen widerspiegelt, doch ihr Inneres zu verbergen weiß.
heidegger_fig03La Géode, Paris, 19. Arrondissement

Als er die letzte Seite gekaut hatte, stellte Mr. Pyeux fest, daß, was das Entziffern des Lächelns betraf, sein Scheitern offensichtlich war. Erneut packte er den nun vollen Eimer auf das Fahrrad und fuhr nach Schaffhausen, wo er sich ungefähr 15 Stunden später in einer Pension niederließ.
Dort dachte er nach (das heißt: alles drehte sich in seinen Kopf wie ein perfektes Wälzlager, dessen Perfektion sich nur auf die eigene Drehung begrenzt und zu keinem greifbaren Ergebnis führt), oder wurde nachgedacht, das wußte er nicht mehr so genau.
Abseits dieses kläglichen Nachdenkens oder Nachgedachtwerdens, zeichnete und rechnete
heidegger_fig04Berechnung (Beispiel 1): Pythagoreische Annäherung

heidegger_fig05Berechnung (Beispiel 2): Experimentelle Geodäsie

heidegger_fig06Zeichnung: Ähnlichkeit der Gefäße

Mr. Pyeux, suchte nach Zusammenhängen, befragte vergeblich die gekauten Kügelchen,
heidegger_fig07Ansammlung durchgekauter Heideggerseiten

zweifelte, verbrauchte seine Ersparnisse. Als kein Rappen mehr vorhanden war, schlich er heimlich zum Rheinfall, leerte den Eimer zwischen Blumentopf und linkem Baum und stellte ihn auf das Häuflein Papierkugeln nieder, blickte ein letztes Mal auf die Felsen, ohne daß dabei etwas geschah, nahm ein Foto (siehe Bild ganz oben), welches, wie er meinte, “nichts geworden sei”, auf und verschwand erst nach Meßkirch, wo er nichts mehr zu suchen hatte, dann schließlich nach Frankreich, wo er fortab seinen Unterhalt als Maurer verdiente und alles vergaß – bis vor kurzem, als ein abstürzender Balken ihm gewiß den Schädel zerschmettert hätte, hätte nicht zwischen Schädel und Balken noch schützend ein Eimer gestanden.
Ich fragte ihn wie all das geschehen konnte. Hastig kritzelte Mr. Pyeux in ein mitgeführtes Notizheft: „So!“
heidegger_fig09Der rettende Eimer

Er wirkte nun sichtlich erregt: „Wissen Sie, was Heidegger zu seinem 80. Geburtstag von seiner Geburtstadt geschenkt bekam?“ (Ich wußte es natürlich nicht.) „Einen Eimer… einen verdammten Eimer voller ”Meßkircher Blütenhonig”!“ schrie er mich an.
Nachdem er sich nach meiner Adresse erkundigt hatte, versprach er, was ich Ihnen nun für Ihre ganz spezielle Website schicke, mir zuzusenden. Ich dankte Mr. Pyeux und schrieb ihm, ob ihm ein weiteres Treffen genehm wäre, Antwort bekam ich nie.
Nun, mein liebes rheinsein, ich fürchte allzu ausführlich gewesen zu sein, doch werden Sie bestimmt Nachsicht üben, wohlwissend um den Grund dieser Längen, die einzig meinen Bemühungen, Ihnen einen detailgetreuen Bericht zu liefern, unterliegen.
Ihr Marcel Crépon.

Bettelfische

Und morgens, rücklings bei Ladybird auf der Holzterrasse, während die Meisen in den Ästen der alten Kiefer herumpiepen, zu deren knorrigen Ästen man, atmend (heute mit „ocean-breath“, für die Eingeweihten), aufblickt; dazu die zwölf (In Zahlen: 12) Goldfische im Teich, von denen man nicht viel mehr weiß, als dass sie Bettelfische sind, weil sie immer angeflutscht kommen, kaum, dass man unten an die Teichkante tritt, sie kommen pulkweise und schwappen und reißen erstaunlich große, innen rosafarbene Mäuler auf, auf dass man etwas hineintue, wofür nur das Einmachglas zu öffnen ist, das dort immer bereitsteht, hernach hineinzugreifen und ein Händchenvoll Flocken herauszu, die wie ein Rieselwind von oben in die schaukelnden Mäulchen,
während plötzlich diese Brise,
und Ladybird verabreicht in Sri Lanka handgefertigte, freundliche Hosen, denn Yoga wird nicht einfach gemacht, sondern praktiziert, das geht entweder ganz nackend oder in weichstem Gewebe
(der > Wirklichkeit)
und die Fingerspitzen am Holz, während wer sich vom Aste aufschwingt mit leichtem Flügelschlag (nein, nicht die Seele, ein Fink ist’s)
doch ich ihm hinterher (feinstofflich betrachtet)
während der Körper einmal nicht (gottlob) irgendwas will, Hunger Pippi Durst, oder Ziepen hat irgendwo, des Körpers Verfassheit also einfach nur wohlwollend, einen Moment lang (kaum zu fassen: wohlwollend!)
und ocean breath (!) mittenmang der hessischen (!) Vogelwelt, gell, von den Insekten ganz zu schweigen:
frag‘ einer bitte keiner nach der Ameisenstraße, die Ladybird seit Tagen argwöhnisch in der Küche beobachtet, von draußen durch die Kachelritzen schnurgeradewegs ins Schlaraffenlad ihres dreifach segmentierten Mülleimers ziehen ordentliche Kolonnen,
frag‘ auch niemand nach dem REIHER, der schon siebenbisachtmal alle Fische gefressen, nein, heruntergeschlungen haben soll, ihren Klagen zufolge,
während doch alle aus der dunklen, dunklen Tiefe des Gewässers irgendwann (bis auf den dicksten, dreizehnten, doch das ist auch der älteste gewesen und vielleicht an Altersschwäche(…?)…) wieder quicklebendig zum Betteln heranschwimmen, sobald wir, schlaff und wehrlos glücklich (sagte letztens ein Kursteilnehmer, im Ernst, „wehrlos glücklich“ sei er nach meinem Kurs!), also wir runter zum Wasser, halberleuchtet ins Konservenglas greifen,
Futterwind machen,
lachen,
und wirklich einen Augenblick lang vergessen, was wir eigentlich gewollt haben sollten


TT’s Favoriten:: Beste Texte – Gewebeproben

Galatea

Die betuchteren Gebiete der Fantasie. Tatsächlich bekommt das alles etwas sehr Unwirkliches, verglichen mit der Realität. Sitzt man im Garten als Texter und begegnet den Textverwaltern, den anderen Redakteuren. Mein Gesang wirkt schief, undeutlich, im Grunde auch lächerlich (ich hüpfe in ein anderes Leben, ich kann nur noch extrem). In der Nacht hatte ich eine Gitarre auf dem Rücken, und sang mit Stöpseln im Ohr einen Lemonheads-Hit mit; ein junger Mann überholte mich und wollte mich gleich für einen Auftritt engagieren, ich gab ihm meine Nummer. Into your arms, oho. Man muss sich auf etwas einlassen, sagte mir dann jemand anderes am Telefon, dann macht man auch keinen Fehler. Ja, sagte ich erstaunt. Ja.

„Die Einnahme von Lüttich“ ist auch ein guter Titel.

Spielfilmhandlung (Kreuzersonate): Mann begehrt kaltherzige Frau, macht ihr einen Heiratsantrag, dem sie überraschend einwilligt. Frau bleibt nach der Hochzeit aber so kalt wie zuvor. Er beginnt, andere Männer zu vermuten, ihr nachzustellen, manisch eifersüchtig zu werden.

Bessere, aktuellere Handlung: Nach der Hochzeit stellt der Mann fest, dass er sich getäuscht hat. Sie ist nicht die Richtige. Er stellt eine Kaltherzigkeit an sich fest, die ihn überrascht und mehr als nachdenklich stimmt. Fortan sucht er sie zu vermeiden oder blickt sie nur mehr traurig an; was wiederum nach und nach ihre Leidenschaft weckt. Entfacht. Entflammt (sic!). Jetzt ist sie es, die ihn zu gewinnen sucht, ihm gefällig wird, sich um ihn bemüht. Vergebliche Liebesmüh. Bald beginnt sie, ihn zu verdächtigen, ihm nachzustellen, rasend eifersüchtig zu werden.

Auftakt einer Paranoia-Reihe.

Gegen Mittag verließ sie das Hotel. Es schien sie niemand zu verfolgen. Die Menschen verfolgten andere, eigene Ziele. Der Himmel gab sich gescheckt. Die Sonne schien minutenlang auf den glänzenden Asphalt und verschwand wieder. Tauben hingen in der Luft wie Marionetten. Ein Mann mit Kinderwagen ließ sich Feuer geben. Die Bewohner des anliegenden Viertels standen vor ihren Häusern und warteten. Kioskbesitzer und ihre Söhne, Getränkelieferanten und Taxifahrer, Imbissbudenbetreiber und ihre Angestellten, Tagelöhner, Säufer, gewöhnliche Arbeitslose. Worauf sie alle warteten, wurde nicht klar. Sie hatten mit ihren Leben abgeschlossen, schien es, und lebten jetzt auf den Tod hin. Franziska bog um die Ecke.

Dann eine Erinnerung, ein Stechen, ein unwillkürliches Gefühl. Hier in der Nähe hatte sie einmal gearbeitet. Vor siebeneinhalb Jahren. In einer kleinen Idylle voller Topfpflanzen und Arbeit, die ihr nichts bedeutete. Schattiges Dasitzen unter launigen Chefs und rauchenden Kollegen in einer umgestalteten Altbauwohnung. Sie schaute das Haus hinauf, das Haus trug Markierungen, ein Panikschub kündigte sich an. Sie wandte sich ab und lief in die andere Richtung.

Ein Junge stellte sich ihr in den Weg. Weißes T-Shirt mit Aufdruck, irgendeine Frisur. »Haben Sie eben einen Punker gesehen?«
»Nein, tut mir leid.«

Parkhausfluchtwege. Nichts geht ohne Vermittlung. Wieder musste sie an ihn denken, nicht an Gregor, sondern an ihn, aber sie wollte ihm partout keinen Namen geben, sie wollte nicht an ihn wie an einen Mann mit Namen denken, allerhöchstens dachte sie sich einen falschen Namen dazu, einen Namen, der gar nicht zu ihm passte, einen lächerlichen Namen wie Gregorij. Das rare Gefühl, das flüchtige Gefühl von Verwirrung ob der Existenz einer anderen Person, natürlich fast ausschließlich eines anderen Geschlechts.

»Zeigen Sie mir Ihre Brüste?«
»Nein, auch das nicht.«

Sie hatte ihm einen Brief schicken wollen, na ja, man schrieb bereits das Jahr 2014, also eine Mail. Die Zukunft hatte keine schwebenden Autos gebracht, nur schwebende Verfahren, und Post, die elektronisch vermittelt wurde. Sie hatte fragen wollen, ob er nie dieses Gefühl vermisst habe, das er doch mit ihr gehabt habe. Ob es in späteren Zeitläuften tatsächlich um sie gegangen wäre. Statt um das Gefühl. Ob man nicht viel mehr ein Gefühl vermisst, und dann in der Welt herumsucht nach jemanden, der einer noch einmal, nur noch einmal dieses Gefühl vermitteln konnte. I searched the whole wide world just to find it: you can’t beat this feeling. Don’t fight it, feel it.