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Inhalt 03/2014

Die Lesezeichen-Ausgabe 03/2014 erschien am 6. Oktober 2014.

In dieser Ausgabe:

Die Kälte des Hauses in den unteren Regionen, Thierry Bourgignon und Walther Godefroot, ein froher Kobboi, kostspielige Tele­fon­ge­sprä­che nach Über­see, ein radikalisierter Koranschüler in Pakistan und ein Kuchen aus Klee, eine Backpfeife für Vater, leergezeiltes Zaumzeug, eine Lektüre der Madame de Scudery, der Bodensee-Schifffahrtsbetrieb und dreifach segmentierte Mülleimer, minimierter Sex mit Morgenpfeife und einem Herrengedeck, ein Lemonheads-Hit mit Nachtkerze, handgemachte Schreibmaschinen-Poesien, Gerti Senger, Goldmarie und ein deppertes Häschen, Pferdespeichel, Zuckerstücke, verschüttete kulturelle Ablagerungen und totale Institutionen … uvm.

INHALT:

Mauerwerk

Die Erinnerung ist aus den Gegenständen herausgeblasen, ihre Bedeutung leer. Es scheint für alles einen Zwilling zu geben, jeder real existierende Gegenstand ist gleichzeitig das Requisit eines Traumes. Diese Regale hier unten sind müde Bretter, aus einem toten Forst gebrochen, verwandelt, unseren Knochen so ähnlich, wenn sie zerstoßen, zermahlen, genagelt oder verschraubt die Flaschen Wein umkrallen, im Kellerstaub auf Nachschub warten, denn es sind noch Plätze frei.

Die Kälte des Hauses in den unteren Regionen hält die Gedanken frisch, die Seele verdorrt und zappelnd, wenn sie der Ewigkeit begegnet, die nur Mauerwerk ist. Der Fluß ist hier kaum hörbar; das Sonnenlicht verstirbt parterre an der Mauer, dringt höchstens in den Verputz, legt sich zu Ameisen, Weberknechten und Urmündern, die ohne Zwischenkörper gleich in den Proktos übergehen.

In diesem Keller sind vom Leben nur Spuren zu finden, in der Ecke aufgehäuft, in Kartons versteckt, die nach Moder riechen, so lange stehen sie schon hier. Das ist meine unterbewußte Heimat, der Traum von Vergänglichkeit und Wahnsinn, der Traum, den Tote träumen.

Die aufgestaute Hitze lungert wie eine Belagerungsmaschine um das Haus herum, die Sappeure jedoch scheitern, es bleibt kühl.

Neues Leben entsteht im Schleim der Verwesung, in der Dunkelheit und den Niederungen stinkender Höhlen. Der Schattentraum legt sich über ein Dorf, über ein Haus. Er läßt sich von jenen erkennen, die Träumen, ohne die Augen zu schließen. Vielleicht ist er ihr Verderben, vielleicht aber ihre Einsicht, still zu bleiben, nichts tun zu können, um die Sinnlosigkeit, die wie das Licht durch den Kosmos schreit, aufzuhalten. Diese Sinnlosigkeit, die angefüllt ist mit grotesken Verzerrungen und Bildern, die wir bei Tageslicht wohlmeinend deuten, die aber bei Nacht betrachtet ihre grausame Wahrheit offenbaren. Wir sind Staub, der durch die Gezeiten rast und nicht versteht, daß alles Sein nur das Spiel eines einfältigen Gottes ist, der darauf hofft, von irgendwo möge ein Wesen kommen, um ihn endlich zu erlösen.
Das Herz bleibt in der eigenen Vergangenheit, doch auch dort ist nicht die Stunde Null, nach der man sich fragt. Der Anfang ist ebenfalls nur eine menschliche Illusion wie vom Ende zu sprechen.
Es ist leicht, zurückzukehren, wenn man nie irgendwo gewesen ist. Dann schließt man die Augen und wartet auf gestern, das seiner Natur nach überall ist. Je ferner dieses Gestern, desto besser. Eine Pflanze, die längst ihre Sporen in den Weltenlauf gestreut hat als Symbol, eine Kerbe in einem Baum. Das ist das Datum. Ich bin das Datum. Ein Blick von dir, der Geruch des gemähten Grases, ein Song, so unbedeutend er auch sein mag. The Night has a thousand eyes.
Also bin ich mit dir unterwegs in dieses Dorf, das ich nie verlassen konnte, obwohl mein Körper unentwegt auf Wanderschaft besteht. Ich wäre nicht zurückgekehrt, wenn du nicht darauf bestanden hättest. Du wirst sehen, was ich gesehen habe, die Häuser, die Gassen – die ganze stillstehende Atmosphäre der Melancholie, die ich für immer mit mir herumtrage und die dich neugierig machte.
Wenn meine Träume unerträglich für dich wurden, sprachst du in der Dunkelheit auf mich ein anstatt wegzulaufen. Ich vernahm das Stimmengewirr der Toten, unter das sich deine helle Stimme mischte, die durch den gewaltigen Ton der Angst mich an meine Verantwortung erinnerte, die ich für dich habe, und so erwachte ich, ohne jedoch die Trugbilder abwenden zu können. Alle Schatten verwandelten sich in kriechende Erinnerungen, in totgeschlagene Fingerzeige im Embryonenstadium. Nichts wäre mir willkommener gewesen, als alle Tage lang zu schweigen. Ich bedaure zutiefst, was ich bin – jetzt führe ich dich an den Ort, an dem ich das wurde, was du liebst und fürchtest zu gleichen Teilen. Ich führe dich an den magnetischen Mittelpunkt der bizarren Kleinigkeiten, die wie in einem Museum darauf warten, betrachtet zu werden, bewegungsunfähig, an sich unsichtbar. Nur Reize und Impulse, nur bestätigt durch unsere Beobachtung erfüllen wir die Leere, die uns ein Spiegel ist. Ich werfe dir Blicke zu, während ich aus dem Auto steige, das Dorf in der Halbtotalen betrachte, zögernd nach vorne laufe, näher zur Brücke hin. Nichts hat sich verändert: Leere, die damit beschäftigt ist, nicht zu existieren. Genausowenig wie du.

© Michael Perkampus 2014
aus: Der Tag, an dem die Nacht nicht mehr verging

novela corta #57

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der kobboi ist froh, dass bigshot und die bildermacher eine pause einlegen und er zwei freie tage hat um sich zu erholen. doch zu seiner überraschung freute er sich ja tatsächlich über all die menschen, die an ihm diese woche vorbei gingen und mit denen er ins gespräch kam. jede und jeder mit seiner welt und seiner geschichte.

und doch hat er sehnsucht nach der insel und nach katharina vasces.

Der Silberrücken

Wenn mir vor gar nicht so langer Zeit Leute begegneten, die um die Fünfzig waren, dachte ich immer, Junge, wie kann man so lange existieren ohne durchzudrehen. Mittlerweile weiß ich, es ist tatsächlich nicht so einfach. Jedenfalls, es ist kein Selbstläufer. Man muss sich schon ordentlich anstemmen gegen den Irrsinn.

Der Irrsinn macht sich ja nicht mal die Mühe, sich anzuschleichen. Er trumpft frontal von vorn auf (wenn man übers Mäuerchen der Geriatrie blickt), er kommt total link von links (mit all seinen schlaflosen Nächten), aber am ärgsten sind die Seitenhiebe der Vergangenheit. Diese melancholischen Knackgeräusche. Die machen einem wirklich zu schaffen.

Weil ich den Kopf voller Löckchen hatte, machten sich meine Schwester und meine Cousine einen Spaß daraus, mich zu verkleiden und zu schmücken, sie konnten nicht genug davon kriegen, wenn sie wieder mal auf mich aufpassen mussten. Sie profitierten von meiner fatalen Angewohnheit, still zu halten und alles mit mir geschehen zu lassen, sobald meine große Schwester in der Nähe war.

Sie nannten mich Goldmarie und trugen mir Lippenstift auf, sie behängten mich pfundweise mit Lametta vom Christbaum, sie kicherten albern. Ich hatte keine Chance. Ich war zwei Jahre alt. Ich war ein hilfloses Häufchen Locken in ihren Händen und mein Pimmel war noch nicht groß genug, um sie zu verscheuchen.

Sie schickten mich in immer seltsameren Anziehsachen auf den Catwalk, der durch den langen Flur führte. Einmal pappten sie mir einen ausrangierten Gipsarm ans Bein und ließen mich zu Downtown von Petula Clark den Flur entlang hoppeln, wie ein deppertes Häschen, das die eigenen Batterien leergesoffen hatte. Ich war jedes Mal heilfroh, wenn das Babysitten vorüber war.

Als Teenager hatte ich eine Matte, man konnte mich auf hundert Meter Entfernung von hinten erkennen, nur an der wilden Naturkrause. Ich war ein junger weißer Little Richard, ein Priester der Straße. Und heute?

“Herr Geheimrat! Wo ist dein Afro?!” entrüsten sich Leute, die mich länger nicht gesehen haben. Oder: “Och nö! Deine Frisur ist aber kurz geworden!” Als hätte ich meine XXL-Locken selbst gerodet, aus lauter Lust am Plattmachen. Aber es ist schon wahr. Aus der wallenden Little Richard-Mähne ist gemäßigter Wellengang geworden, es plätschert über den Schädel, und das ärgste: Geheimratsecken fressen sich voran wie Parkplätze in den Urwald. Ein unhaltbarer Zustand. Ich spiele mit dem Gedanken, mich aus Protest an die letzten verbliebenen Riesen zu ketten und zu Tode zu hungern.

“Also, ich finde das sexy”, sagt die Gräfin, als wir nebeneinander vorm Spiegel stehen. “Das sieht so verletzlich aus..”

“Sexy?! Du findest Geheimratsecken sexy?”

“Na.. sexy nicht wirklich. Aber verletzlich. Verletzlichkeit finde ich sexy. So herum ist richtig..”

Erst sexy, dann nicht wirklich sexy, oder doch nur mit Einschränkung sexy, also ich weiß nicht. Früher lagen die Dinge einfacher. Ich hatte ne schöne Matte und die Mädels liefen mir hinterher. Das war besser. Da war ich mein eigenes Naturvolk.

“Blödsinn, das sind doch gar keine richtigen Geheimratsecken. Die kommen erst noch..”, tröstet sie mich.

Na, toll! Weißt du noch früher? Da war ich mein..”

“..eigenes Naturvolk, ja, ja, ich weiß.”

*

“Der ist wie Elvis”, hat Karlos der Gräfin gesteckt, als die mich noch nicht so gut kannte.

“Wie Elvis? Was meinst du damit?”

“Na, wie der in die Kneipe reinkommt. Wie Elvis nach Las Vegas. Wie Harald Juhnke die Showtreppe runter”, gackerte Karlos.

Dabei war das mit Juhnke die Treppe runter nur an meinen schlechten Tagen. Und für den Elvis in mir, dafür kann ich nichts. Das ist der Stenz in mir. Der Silberrücken. Der liegt in der Familie.

Mein Onkel Fitting etwa. Wo er auftaucht, steht er im Mittelpunkt. Auch auf dem Fußballplatz. Als Mittelstürmer tat er früher nichts anderes, als neunzig Minuten lang in der Nähe des Elfmeterpunktes herumzulungern. Wenn die Pille dann kam, und irgendwann kam sie, machte er ZACK! die Hütte und liess sich feiern. Dass er neunundachtzig Minuten nur rumgestanden hatte, lauthals motzend, wo bleibt der Ball?! – geschenkt.

Oder mein Großonkel. Der saß noch im Altenheim während der Besuchszeit locker im Clubsessel und liess seinen Lümmel heraushängen.

“Jetzt packen Sie Ihr verfluchtes Ding da weg!” zischelte die Stationsschwester böse, wenn sie mit dem Vordruck der Pflegeversicherung über den Flur hastete.

“Kindchen”, antwortete mein Großonkel, “das kann man nicht einfach wegpacken. Das ist meine Fröhlichkeit.”

Noch im gesegneten Alter von 94 Jahren liess er in sein Gehwägelchen Leuchtdioden einbauen, damit die Puppen ihn besser sehen konnten, wenn die Dämmerung einsetzte, auf Station. Die Puppen, das waren drei Pflegerinnen aus Thailand. Mit denen war Großonkel so dicke, sie haben sich seine Pension jahrelang durch vier geteilt, bis die Stationsschwester dahinterkam und die Puppen rausschmiss.

Wie auch immer – wer solche Vorfahren hat, wächst in dem Glauben auf, automatisch Vorfahrt zu genießen im Leben. Aber ich will ehrlich sein. Es gibt auch andere Tage. Da hat mein Gang nichts von Elvis Presley.  Dann schleiche ich hinter den Marktständen herum, damit mich niemand sieht. Da gehts mir nicht gut.

“He, Stückchen Fleischwurst?!” fragte mich mal ein Markthändler an einem solchen Morgen, mit aller ihm zur Verfügung stehenden Abschätzigkeit. Er spürte einfach, wie schwach ich war an diesem Tag.

Ein Zaungast am eigenen zertrümmerten Leben.

Als ich wieder in Ordnung war, paar Tage später, bin ich mit Elvis-Schritt und gänzlich anderen Augen an seine Metzgerbude und orderte 250 Tonnen Bock-und Bratwurst für denselben Nachmittag, 15 Uhr, Graceland, Lieferanteneingang.

Mahlzeit, Arschloch.

die mich & daß deine

die mich …

die mich
und durchs
ganze haus
laufen, ohne
einer
vom lesen
ab-
und damit
einer menschen-
seele zu
begegnen
& zum leben
vergebens (indarno)
angehalten

ha……sen

 

daß deine …

daß meine
und dann auch
deine
also der pferde
speichel und
das dann
ineinander
glitschte
und wir uns
fragten ob
fliege, du
vielleicht nicht
doch
rauswillst

leis’ nur schwie’n
zunächst
die wasser

ihr “do do do
but I don’t swear”

das zuckerstück

 

shanghai

pic

india : 6.52 — Haruki, der in einer klei­nen euro­päi­schen Stadt zu Hause ist, erzählte eine Geschichte, die ich kaum glau­ben mochte. Schon sein Name schien selt­sam zu sein. Er habe, sagte er, manch­mal das Bedürf­nis, mit­ten in der Nacht zu tele­fo­nie­ren. Nicht weil er fürchte, ster­ben zu wol­len, son­dern weil er glück­lich sei, wenn er ein­fach loser­zäh­len könne, wenn ihm seine Worte von einem auf­merk­sa­men Ohr sozu­sa­gen aus dem Mund gezo­gen wür­den. Genau die­ses Bild eines Ohres habe er vor Augen, sobald er sich an wun­der­bare Gele­gen­hei­ten erin­nere, als er im Erzäh­len Geschich­ten ent­deckte, die ihm ohne diese Art des Spre­chens nie­mals ein­ge­fal­len wären. Lei­der würde ihm inmit­ten der Nacht längst nie­mand mehr zuhö­ren, Men­schen, die er per­sön­lich kenne, eil­ten nicht mehr ans Tele­fon, wenn er sich bei ihnen mel­dete. Er habe des­halb andere, wild­fremde Men­schen ange­ru­fen, die sich bei ihm beschwer­ten, weil schon tiefe Nacht gewor­den war, und über­haupt zu wis­sen wünsch­ten, um wen es sich bei ihm han­dele. Das war der Grund gewe­sen, wes­we­gen er vor weni­gen Wochen damit begon­nen habe, Ruf­num­mern in Über­see zu kon­tak­tie­ren. Es mel­de­ten sich Men­schen, die ihn in eng­li­scher, fran­zö­si­scher, chi­ne­si­scher oder spa­ni­scher Spra­che begrüß­ten. Sobald nun die Stimme eines Men­schen zu hören war, begann Haruki zu erzäh­len. Er for­mu­lierte in einer so hohen Geschwin­dig­keit, dass er sich selbst kaum noch ver­stand. Und weil Tele­fon­ge­sprä­che nach Über­see kost­spie­lig waren, hatte er auf sei­nem Tisch eine Arm­band­uhr abge­legt, um die Zeit zu mes­sen. 15 Minu­ten, län­ger durfte ein Gespräch mit Shang­hai nicht dau­ern. Manch­mal ver­nahm er Stim­men von der ande­ren Seite her, helle Stim­men, zit­ternde, wis­pernde Töne, wes­halb er das Tele­fon­ge­rät ein wenig von sei­nem Ohr ent­fernte, ohne indes­sen zu ver­stum­men. Nach 15 Minu­ten ver­ab­schie­dete er sich. Er sagte: Gute Nacht! — stop

“Partikel vom Grossgesichtigen Kind”: Esther Dischereits Anatomie institutioneller Gewalt. Eine Klanginstallation

| echt welt texte |

24 08 24 Dischereit

(Esther Dischereit; foto © Sabine Groschup)

 

Esther Dischereit: “Partikel vom Grossgesichtigen Kind
8-Kanal-Klang-Installation, kuratiert von Georg Weckwerth
TONSPUR für einen öffentlichen Raum 63 / 2014 (Wien, MuQua)

 

2014 08 24 Dischereit Wegwerth czz

(v.l.n.r.: Stefanie Hoster/Deutschlandradio, Esther Dischereit/Institut für Sprachkunst, Georg Weckwerth/Tonspur, czz; foto © Sabine Groschup)

 

Opening 24. 8. 2014, Einführung, Christiane Zintzen:

“Partikel vom Grossgesichtigen Kind”. Esther Dischereits Anatomie institutioneller Gewalt¹

(ein fünf-puncte-programm)

1. PSYCHIATRIE

Hand in Hand mit der aufdämmernden Moderne wurden die “Nachtseiten der Seele” entdeckt. Waren diese “Nachtseiten”, das “Abgründige” für die Literatur, für die Kunst, für die Geistesgeschichte äusserst produktiv und prägend, zog die psychiatrische Forschung rasch nach und trat einen enormen Höhenflug an, welcher bis in die Nachkriegszeit reichte.

Seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden in Deutschland, Österreich und dessen Kronländern unzählige psychiatrische Krankenhäuser gebaut.

Das ging bis in die Jahre nach 1918, wo die Ärzte auf Druck der Versicherungen Methoden suchten zur Unterscheidung von traumatisierten sog. “Kriegszitterern” und sog. “Simulanten”, die es angeblich lediglich auf die Prämien abgesehen hatten.

Dann trat im Besonderen die eugenische Forschung hervor, die in vielerlei Hinsicht den Boden bereitete für das berüchtigte NS-Programm “T4″ zur sog. “Euthanasie”, welcher Tausende von Patienten zum Opfer fielen. In der Wiener Anstalt “Am Steinhof”, die man nun neu nach dem Flurnamen “Am Spiegelgrund” benannte, waren dies im hohen Masse Kinder.

Ihre post mortem entnommenen Gehirne begründeten die steile Karriere der Hirnforschung. Noch in den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurden Präparate, die vom “Spiegelgrund” stammten, in einschlägigen Forschungslaboren entdeckt.

Wenn Esther Dichschereit als Schauplatz ihrer Text- und Sound-Installation das Gelände einer psychiatrischen Anstalt wählt, begibt sie sich also auf einen symbolisch wie historisch hoch prekären Boden.

Das titelgebende “Grossgesichtige Kind” ist allerdings keine Patientin dieser Klinik, sondern lebt in der – auch für den Wohnraum des Anstaltsleiters vorgesehenen – Verwaltungsvilla.

Wir erfahren über die Psychiatrie nur das, was dieses kleine Mädchen mit dem “Grossen Gesicht” im Areal der Anstalt beobachtet. In 19 kurzen, jäh aufleuchtenden Szenen gestaltet Esther Dischereit ein Panoptikum der kindlichen Wahrnehmungen. Ein Panoptikum freilich, welches eigentlich nur aus winzigen Mosaiksteinchen momentaner Beobachtungen besteht: das Verwaltungsgebäude (übrigens das einzige Haus ohne Gitter). Der Park. Die elterliche Wohnung.

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2. INDIZIEN

Und doch ist diesen erratischen, dem Kind meist unerklärlichen Beobachtungen eine eminente Menge von Indizien und Informationen eingeschrieben: Unverkennbare Anspielungen evozieren die von Otto Wagner geplante und ästhetisch durchformte Riesenanstalt “Am Steinhof”.

Aus Indizien hinsichtlich Kleidung, Haartracht, nicht zuletzt mit Hilfe von Zeichen des Zeitgeschichtlichen, können wir das Geschehen in den frühen 50er Jahren situieren. Mit der Diskretion des Indirekten gibt uns Dischereit auch zu verstehen, dass und welche Gewaltzusammenhänge diesen Ort beherrschen.

So zielt der Hinweis auf langgediente Ärzte – und ebensolches Personal – auf die nur ungenügend geahndeten “Euthanasie”-Verbrechen. Und auf die personelle Kontinuität über das Kriegsende hinweg und in der jungen Republik.

Mit dem wie nebenbei eingestreuten Namen Hans Globke wird diese Ahnung zur Sicherheit: Stellt doch der deutsche Verwaltungsjurist im NS-Reichs-Innenministerium (auf den u.a. die Konkretisierung des Nürnberger Gesetzes 1935 zurückgeht) ein Paradebeispiel dar für personelle Kontinuitäten im Deutschland der Adenauer-Zeit. Kontinuitäten, wie sie Wolfgang Koeppen in seine Romantrilogie “Tauben im Gras”, “Das Treibhaus” und “Der Tod in Rom” (1951-54) beklemmend kenntlich gemacht hat. Der Aufstand gegen die politisch-wirtschaftliche Macht dieser “Alten” wurde wiederum zum Gründungsmythos radikaler Gruppen wie der RAF.

Dischereits Evokation häuslicher Gewalt seitens des Familienvaters gegenüber seiner (jüdischen) Frau und (jüdischen) Tochter, räumt jeden Zweifel vollends hinweg: Die Psychiatrie – sei es “Am Steinhof” – sei es jede andere psychiatrische Einrichtung, ist Ort von zyklisch wiederkehrender Gewalt.

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3. VERWAHRT, VERKOMMEN, VERSEHRT

Es ist, als wäre es diese “totale Institution” (Erwing Goffman), welche den Wiederholungszwang von Gewalt regelrecht produziert (was, cum grano salis, auch andere Institutionen gilt: Kasernen, Internate, Klöster, Kliniken):

Als wäre der Topos der Psychiatrie mit ihren oft wenig zarten “Heilmethoden” nicht bereits hinreichend belastet, legen sich, Schicht um Schicht, Zeit um Zeit, neue Formen von Gewalt über die Szene. Die Spuren graben sich in Menschen ein, nicht aber in die Architektur.

– Als sei der Notstand während des Ersten Weltkriegs, da Dutzende von Patienten in der menschenunwürdig doppelbelegten Anstalt (8.000 statt 4.000 Patienten) an – Auszehrung zugrunde gingen, nicht genug.
– Als hätte das Syndrom der “Euthanasie” während der Zweiten Weltkriegs das Mass an Gewalt nicht schon vollgemacht.
– Als hätten die brutalen Umstände der völligen Entrechtung von Patienten nicht weit bis in die 70er Jahre gereicht.
– Als wären nicht bis in die 2000er Jahre Menschen infolge paradoxer Medikation einen fragwürdigen Tod gestorben.
– Als hätten – ebenfalls noch über die Jahrtausendwende hinaus – im Innern der Pavillons nicht katastrophale Zustände geherrscht. (Was für die – durch Thomas Bernhard nobilitierte – Pulmologie im westseitigen Teil des Areals übrigens gleichermassen gilt.)

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4. LEITMOTIV

Esther Dichereit hat ein sensibles Gespür für solche Gewaltzusammenhänge. Sie hat den Text für die Klang-Installation “Partikel vom Grossgesichtigen Kind” dicht mit szenischen Indizien durchwirkt: Zerbrochenes Glas. Ein einzelner Schuh. Die alles Lebendige schluckende Architektur.

Der musikalische Sound dieser Installation parallelisiert Esther Dischereits leitmotivisches System. Da sind: Die in den Korridoren klatschend hallenden Schritte des “Grossgesichtigen Kindes“. Stets rennend, stets laufend, stets springend, orchestrieren diese Schritte immer wieder neu den Wunsch nach Flucht. Da sind: Die elektronisch verfremdeten und verzerrten Klänge, die der Komponist Frank Wingold auf Basis einer Gitarre entwickelt hat.

Diese Sounds durchlaufen verschiedene Metamorphosen: Da ist ein metallisches Lauten wie dasjenige eines präparierten Klaviers. Da ist der trügerische Frieden der “cleanen”, fast wie Holzblasinstrumente klingenden, Melodiebögen. Da ist der krachende Klang von Hardrock oder Punk, rau und in Obertöne zersplitternd.

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5. PLEIN AIR

Auffallend ist: Hörinstallationen wie Esther Dischereits akustisches Shoa-Denkmal in Dülmen (seit 2008) oder die Installation, die wir hier antreffen, befinden sich in einem öffentlichen Raum. Und sozusagen unter freiem Himmel.

Damit wird – anders als in institutionellen und für die Sound-Darbietung optimierten Räumen – kein geringes Mass an Stör-Signalen in Kauf genommen. Verkehr. Menschen. Witterung.

In diesem Preisgeben der Audio-Installation an den Öffentlichen Raum leistet Esther Dischereit einen zwiefachen Verzicht:

1. verzichtet sie auf die wiederholte Gruppierung eines tendenziell “idealen”, fachlich und sachlich versierten Publikums. Womit sie
2. auch die Steuerung langfristiger Rezeption aus der Hand gibt.

Was Sie nun hören, ist also keine Preziose, eingeschweisst in ein ästhetisches Vakuum.
Vielleicht sollten wir dieses dezidiert non-museale Wagnis gerade hier, mitten im Wiener Museumsquartier, ganz besonders deutlich wahrnehmen und wertschätzen.

Hören Sie nun: “Partikel aus dem “Grossgesichtigen Kind’“. Hören Sie: 19 abgezirkelte Szenen (und drei Refrains). Hören Sie: ein Extrakt aus einem grösseren poetischen Projekt. Hören Sie: Die Verwandlung von Prosa in eine Klanginstallation.

Hören Sie: Die Komposition von Frank Wingold. Hören Sie: Stefanie Hosters Regie. Hören Sie: Esther Dischereit und Markus Meyer als Sprecher. Hören Sie: “Das Grossgesichtige Kind” in den verlorenen Korridoren der Psychiatrie.

Hören Sie.
Hören Sie zu.

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TONSPUR 63 Esther Dischereit 1

¹Esther Dischereits Buch “Das grossgesichtige Kind” erscheint November 2014 (mit Beiheft zur Klanginstallation) im Birkhäuser-Verlag, Basel

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Links:

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Fernsehbilder aus Aleppo (10. Juni 2013)

Ihr ererbter Name, Michail Timofejewitsch,
gilt in tausend Sprachen gleichviel
wie die Wörter Aufstand und Unterdrückung,
er lässt die Augen junger Männer glänzen
und die Augen jener, die in einer Nacht
zu Greisen wurden, vor Schreck sich weiten.
Der radikalisierte Koranschüler in Pakistan
spricht ihn aus und der Kindersoldat im Kongo,
der Bodyguard des syrischen Präsidenten
und der kolumbianische Drogenbaron.

Früher, Michail Timofejewitsch,
war von der Braut des Soldaten die Rede,
heute hat der Rebell oder der Scherge des Diktators
eine Hure in Händen, die es von beiden Seiten
mit sich machen lässt, eine geliebte Hure,
die in Augenblicken namenloser Angst
an die Brust gedrückt wird, nacktes Eisen
an einem nackten Herzen.
Michail Timofejewitsch, erkannten Sie sich irgendwann
als jener Lude, der dem Sensenmann
das Sichelmagazin erfand?

Die Brust mit Orden beklimpert,
schelten Sie die Händler, schelten Sie die Politik
und scheinen dennoch stolz auf Ihr Werk,
stolz auf Ihren Namen, den schon Ihr Vater trug,
ein Bauer, ein einfacher Mann,
den kaum jemand kannte.

Stevens und Mühsam

ergeben eine merkwürdige, aber interessante Parallellektüre. Und weil ich kein Wissenschaftler bin, kann ich ja die verschiedensten Substanzen mischen, und mich dann am Farbenspiel freuen. Und gerade landeten halt diese Beiden Bücher: Stevens: Teile einer Welt (Jung und Jung) und Mühsam: Das seid ihr Hunde wert! auf meinem Schreibtisch. (Der ieigentlich kein Schreibtisch ist, sondern ein umfunktioniertes Hifi-Regal auf Rollen.)

Stevens ist ein Jahr jünger als der 1878 geborene Mühsam, literarisch verbindet sie wenig. Der Amerikaner scheit uns formal näher als der Deutsche, zumindest was die Lyrik betrifft. Vielleicht entsteht diese Wirkung daraus, dass die Tradition (auch die des Bänkelsangs) durch den Faschismus gründlich ausgerottet wurde, und die Tradition Sevens in Amerika kaum bedroht gewesen ist. Was die Lyrik betrifft, ist mir Mühsam also seltsam fremd, vor allem in seiner zuweilen starken Direktheit. Und seltsam fremd ist mir auch sein großes vertrauen auf den Endreim (wofür ich ihn letztlich auch beneide.) Ich muss mich an ihn herantasten. Vollkommen anders sieht es bei seiner Prosa aus. Hier finde ich Formulierungen, die mir näher nicht sein können. Schon der erste Text im gerade erschienen Mühsamlesebuch ist mir auf eine ebenso seltsame Art vertraut. Als träten hier lange verschüttete kulturelle Ablagerungen zu Tage.