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Inhalt 03/2014

Die Lesezeichen-Ausgabe 03/2014 erschien am 6. Oktober 2014.

In dieser Ausgabe:

Die Kälte des Hauses in den unteren Regionen, Thierry Bourgignon und Walther Godefroot, ein froher Kobboi, kostspielige Tele­fon­ge­sprä­che nach Über­see, ein radikalisierter Koranschüler in Pakistan und ein Kuchen aus Klee, eine Backpfeife für Vater, leergezeiltes Zaumzeug, eine Lektüre der Madame de Scudery, der Bodensee-Schifffahrtsbetrieb und dreifach segmentierte Mülleimer, minimierter Sex mit Morgenpfeife und einem Herrengedeck, ein Lemonheads-Hit mit Nachtkerze, handgemachte Schreibmaschinen-Poesien, Gerti Senger, Goldmarie und ein deppertes Häschen, Pferdespeichel, Zuckerstücke, verschüttete kulturelle Ablagerungen und totale Institutionen … uvm.

INHALT:

Mauerwerk

Die Erinnerung ist aus den Gegenständen herausgeblasen, ihre Bedeutung leer. Es scheint für alles einen Zwilling zu geben, jeder real existierende Gegenstand ist gleichzeitig das Requisit eines Traumes. Diese Regale hier unten sind müde Bretter, aus einem toten Forst gebrochen, verwandelt, unseren Knochen so ähnlich, wenn sie zerstoßen, zermahlen, genagelt oder verschraubt die Flaschen Wein umkrallen, im Kellerstaub auf Nachschub warten, denn es sind noch Plätze frei.

Die Kälte des Hauses in den unteren Regionen hält die Gedanken frisch, die Seele verdorrt und zappelnd, wenn sie der Ewigkeit begegnet, die nur Mauerwerk ist. Der Fluß ist hier kaum hörbar; das Sonnenlicht verstirbt parterre an der Mauer, dringt höchstens in den Verputz, legt sich zu Ameisen, Weberknechten und Urmündern, die ohne Zwischenkörper gleich in den Proktos übergehen.

In diesem Keller sind vom Leben nur Spuren zu finden, in der Ecke aufgehäuft, in Kartons versteckt, die nach Moder riechen, so lange stehen sie schon hier. Das ist meine unterbewußte Heimat, der Traum von Vergänglichkeit und Wahnsinn, der Traum, den Tote träumen.

Die aufgestaute Hitze lungert wie eine Belagerungsmaschine um das Haus herum, die Sappeure jedoch scheitern, es bleibt kühl.

Neues Leben entsteht im Schleim der Verwesung, in der Dunkelheit und den Niederungen stinkender Höhlen. Der Schattentraum legt sich über ein Dorf, über ein Haus. Er läßt sich von jenen erkennen, die Träumen, ohne die Augen zu schließen. Vielleicht ist er ihr Verderben, vielleicht aber ihre Einsicht, still zu bleiben, nichts tun zu können, um die Sinnlosigkeit, die wie das Licht durch den Kosmos schreit, aufzuhalten. Diese Sinnlosigkeit, die angefüllt ist mit grotesken Verzerrungen und Bildern, die wir bei Tageslicht wohlmeinend deuten, die aber bei Nacht betrachtet ihre grausame Wahrheit offenbaren. Wir sind Staub, der durch die Gezeiten rast und nicht versteht, daß alles Sein nur das Spiel eines einfältigen Gottes ist, der darauf hofft, von irgendwo möge ein Wesen kommen, um ihn endlich zu erlösen.
Das Herz bleibt in der eigenen Vergangenheit, doch auch dort ist nicht die Stunde Null, nach der man sich fragt. Der Anfang ist ebenfalls nur eine menschliche Illusion wie vom Ende zu sprechen.
Es ist leicht, zurückzukehren, wenn man nie irgendwo gewesen ist. Dann schließt man die Augen und wartet auf gestern, das seiner Natur nach überall ist. Je ferner dieses Gestern, desto besser. Eine Pflanze, die längst ihre Sporen in den Weltenlauf gestreut hat als Symbol, eine Kerbe in einem Baum. Das ist das Datum. Ich bin das Datum. Ein Blick von dir, der Geruch des gemähten Grases, ein Song, so unbedeutend er auch sein mag. The Night has a thousand eyes.
Also bin ich mit dir unterwegs in dieses Dorf, das ich nie verlassen konnte, obwohl mein Körper unentwegt auf Wanderschaft besteht. Ich wäre nicht zurückgekehrt, wenn du nicht darauf bestanden hättest. Du wirst sehen, was ich gesehen habe, die Häuser, die Gassen – die ganze stillstehende Atmosphäre der Melancholie, die ich für immer mit mir herumtrage und die dich neugierig machte.
Wenn meine Träume unerträglich für dich wurden, sprachst du in der Dunkelheit auf mich ein anstatt wegzulaufen. Ich vernahm das Stimmengewirr der Toten, unter das sich deine helle Stimme mischte, die durch den gewaltigen Ton der Angst mich an meine Verantwortung erinnerte, die ich für dich habe, und so erwachte ich, ohne jedoch die Trugbilder abwenden zu können. Alle Schatten verwandelten sich in kriechende Erinnerungen, in totgeschlagene Fingerzeige im Embryonenstadium. Nichts wäre mir willkommener gewesen, als alle Tage lang zu schweigen. Ich bedaure zutiefst, was ich bin – jetzt führe ich dich an den Ort, an dem ich das wurde, was du liebst und fürchtest zu gleichen Teilen. Ich führe dich an den magnetischen Mittelpunkt der bizarren Kleinigkeiten, die wie in einem Museum darauf warten, betrachtet zu werden, bewegungsunfähig, an sich unsichtbar. Nur Reize und Impulse, nur bestätigt durch unsere Beobachtung erfüllen wir die Leere, die uns ein Spiegel ist. Ich werfe dir Blicke zu, während ich aus dem Auto steige, das Dorf in der Halbtotalen betrachte, zögernd nach vorne laufe, näher zur Brücke hin. Nichts hat sich verändert: Leere, die damit beschäftigt ist, nicht zu existieren. Genausowenig wie du.

© Michael Perkampus 2014
aus: Der Tag, an dem die Nacht nicht mehr verging

Galatea

Die betuchteren Gebiete der Fantasie. Tatsächlich bekommt das alles etwas sehr Unwirkliches, verglichen mit der Realität. Sitzt man im Garten als Texter und begegnet den Textverwaltern, den anderen Redakteuren. Mein Gesang wirkt schief, undeutlich, im Grunde auch lächerlich (ich hüpfe in ein anderes Leben, ich kann nur noch extrem). In der Nacht hatte ich eine Gitarre auf dem Rücken, und sang mit Stöpseln im Ohr einen Lemonheads-Hit mit; ein junger Mann überholte mich und wollte mich gleich für einen Auftritt engagieren, ich gab ihm meine Nummer. Into your arms, oho. Man muss sich auf etwas einlassen, sagte mir dann jemand anderes am Telefon, dann macht man auch keinen Fehler. Ja, sagte ich erstaunt. Ja.

„Die Einnahme von Lüttich“ ist auch ein guter Titel.

Spielfilmhandlung (Kreuzersonate): Mann begehrt kaltherzige Frau, macht ihr einen Heiratsantrag, dem sie überraschend einwilligt. Frau bleibt nach der Hochzeit aber so kalt wie zuvor. Er beginnt, andere Männer zu vermuten, ihr nachzustellen, manisch eifersüchtig zu werden.

Bessere, aktuellere Handlung: Nach der Hochzeit stellt der Mann fest, dass er sich getäuscht hat. Sie ist nicht die Richtige. Er stellt eine Kaltherzigkeit an sich fest, die ihn überrascht und mehr als nachdenklich stimmt. Fortan sucht er sie zu vermeiden oder blickt sie nur mehr traurig an; was wiederum nach und nach ihre Leidenschaft weckt. Entfacht. Entflammt (sic!). Jetzt ist sie es, die ihn zu gewinnen sucht, ihm gefällig wird, sich um ihn bemüht. Vergebliche Liebesmüh. Bald beginnt sie, ihn zu verdächtigen, ihm nachzustellen, rasend eifersüchtig zu werden.

Auftakt einer Paranoia-Reihe.

Gegen Mittag verließ sie das Hotel. Es schien sie niemand zu verfolgen. Die Menschen verfolgten andere, eigene Ziele. Der Himmel gab sich gescheckt. Die Sonne schien minutenlang auf den glänzenden Asphalt und verschwand wieder. Tauben hingen in der Luft wie Marionetten. Ein Mann mit Kinderwagen ließ sich Feuer geben. Die Bewohner des anliegenden Viertels standen vor ihren Häusern und warteten. Kioskbesitzer und ihre Söhne, Getränkelieferanten und Taxifahrer, Imbissbudenbetreiber und ihre Angestellten, Tagelöhner, Säufer, gewöhnliche Arbeitslose. Worauf sie alle warteten, wurde nicht klar. Sie hatten mit ihren Leben abgeschlossen, schien es, und lebten jetzt auf den Tod hin. Franziska bog um die Ecke.

Dann eine Erinnerung, ein Stechen, ein unwillkürliches Gefühl. Hier in der Nähe hatte sie einmal gearbeitet. Vor siebeneinhalb Jahren. In einer kleinen Idylle voller Topfpflanzen und Arbeit, die ihr nichts bedeutete. Schattiges Dasitzen unter launigen Chefs und rauchenden Kollegen in einer umgestalteten Altbauwohnung. Sie schaute das Haus hinauf, das Haus trug Markierungen, ein Panikschub kündigte sich an. Sie wandte sich ab und lief in die andere Richtung.

Ein Junge stellte sich ihr in den Weg. Weißes T-Shirt mit Aufdruck, irgendeine Frisur. »Haben Sie eben einen Punker gesehen?«
»Nein, tut mir leid.«

Parkhausfluchtwege. Nichts geht ohne Vermittlung. Wieder musste sie an ihn denken, nicht an Gregor, sondern an ihn, aber sie wollte ihm partout keinen Namen geben, sie wollte nicht an ihn wie an einen Mann mit Namen denken, allerhöchstens dachte sie sich einen falschen Namen dazu, einen Namen, der gar nicht zu ihm passte, einen lächerlichen Namen wie Gregorij. Das rare Gefühl, das flüchtige Gefühl von Verwirrung ob der Existenz einer anderen Person, natürlich fast ausschließlich eines anderen Geschlechts.

»Zeigen Sie mir Ihre Brüste?«
»Nein, auch das nicht.«

Sie hatte ihm einen Brief schicken wollen, na ja, man schrieb bereits das Jahr 2014, also eine Mail. Die Zukunft hatte keine schwebenden Autos gebracht, nur schwebende Verfahren, und Post, die elektronisch vermittelt wurde. Sie hatte fragen wollen, ob er nie dieses Gefühl vermisst habe, das er doch mit ihr gehabt habe. Ob es in späteren Zeitläuften tatsächlich um sie gegangen wäre. Statt um das Gefühl. Ob man nicht viel mehr ein Gefühl vermisst, und dann in der Welt herumsucht nach jemanden, der einer noch einmal, nur noch einmal dieses Gefühl vermitteln konnte. I searched the whole wide world just to find it: you can’t beat this feeling. Don’t fight it, feel it.