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Inhalt 03/2014

Die Lesezeichen-Ausgabe 03/2014 erschien am 6. Oktober 2014.

In dieser Ausgabe:

Die Kälte des Hauses in den unteren Regionen, Thierry Bourgignon und Walther Godefroot, ein froher Kobboi, kostspielige Tele­fon­ge­sprä­che nach Über­see, ein radikalisierter Koranschüler in Pakistan und ein Kuchen aus Klee, eine Backpfeife für Vater, leergezeiltes Zaumzeug, eine Lektüre der Madame de Scudery, der Bodensee-Schifffahrtsbetrieb und dreifach segmentierte Mülleimer, minimierter Sex mit Morgenpfeife und einem Herrengedeck, ein Lemonheads-Hit mit Nachtkerze, handgemachte Schreibmaschinen-Poesien, Gerti Senger, Goldmarie und ein deppertes Häschen, Pferdespeichel, Zuckerstücke, verschüttete kulturelle Ablagerungen und totale Institutionen … uvm.

INHALT:

Mauerwerk

Die Erinnerung ist aus den Gegenständen herausgeblasen, ihre Bedeutung leer. Es scheint für alles einen Zwilling zu geben, jeder real existierende Gegenstand ist gleichzeitig das Requisit eines Traumes. Diese Regale hier unten sind müde Bretter, aus einem toten Forst gebrochen, verwandelt, unseren Knochen so ähnlich, wenn sie zerstoßen, zermahlen, genagelt oder verschraubt die Flaschen Wein umkrallen, im Kellerstaub auf Nachschub warten, denn es sind noch Plätze frei.

Die Kälte des Hauses in den unteren Regionen hält die Gedanken frisch, die Seele verdorrt und zappelnd, wenn sie der Ewigkeit begegnet, die nur Mauerwerk ist. Der Fluß ist hier kaum hörbar; das Sonnenlicht verstirbt parterre an der Mauer, dringt höchstens in den Verputz, legt sich zu Ameisen, Weberknechten und Urmündern, die ohne Zwischenkörper gleich in den Proktos übergehen.

In diesem Keller sind vom Leben nur Spuren zu finden, in der Ecke aufgehäuft, in Kartons versteckt, die nach Moder riechen, so lange stehen sie schon hier. Das ist meine unterbewußte Heimat, der Traum von Vergänglichkeit und Wahnsinn, der Traum, den Tote träumen.

Die aufgestaute Hitze lungert wie eine Belagerungsmaschine um das Haus herum, die Sappeure jedoch scheitern, es bleibt kühl.

Neues Leben entsteht im Schleim der Verwesung, in der Dunkelheit und den Niederungen stinkender Höhlen. Der Schattentraum legt sich über ein Dorf, über ein Haus. Er läßt sich von jenen erkennen, die Träumen, ohne die Augen zu schließen. Vielleicht ist er ihr Verderben, vielleicht aber ihre Einsicht, still zu bleiben, nichts tun zu können, um die Sinnlosigkeit, die wie das Licht durch den Kosmos schreit, aufzuhalten. Diese Sinnlosigkeit, die angefüllt ist mit grotesken Verzerrungen und Bildern, die wir bei Tageslicht wohlmeinend deuten, die aber bei Nacht betrachtet ihre grausame Wahrheit offenbaren. Wir sind Staub, der durch die Gezeiten rast und nicht versteht, daß alles Sein nur das Spiel eines einfältigen Gottes ist, der darauf hofft, von irgendwo möge ein Wesen kommen, um ihn endlich zu erlösen.
Das Herz bleibt in der eigenen Vergangenheit, doch auch dort ist nicht die Stunde Null, nach der man sich fragt. Der Anfang ist ebenfalls nur eine menschliche Illusion wie vom Ende zu sprechen.
Es ist leicht, zurückzukehren, wenn man nie irgendwo gewesen ist. Dann schließt man die Augen und wartet auf gestern, das seiner Natur nach überall ist. Je ferner dieses Gestern, desto besser. Eine Pflanze, die längst ihre Sporen in den Weltenlauf gestreut hat als Symbol, eine Kerbe in einem Baum. Das ist das Datum. Ich bin das Datum. Ein Blick von dir, der Geruch des gemähten Grases, ein Song, so unbedeutend er auch sein mag. The Night has a thousand eyes.
Also bin ich mit dir unterwegs in dieses Dorf, das ich nie verlassen konnte, obwohl mein Körper unentwegt auf Wanderschaft besteht. Ich wäre nicht zurückgekehrt, wenn du nicht darauf bestanden hättest. Du wirst sehen, was ich gesehen habe, die Häuser, die Gassen – die ganze stillstehende Atmosphäre der Melancholie, die ich für immer mit mir herumtrage und die dich neugierig machte.
Wenn meine Träume unerträglich für dich wurden, sprachst du in der Dunkelheit auf mich ein anstatt wegzulaufen. Ich vernahm das Stimmengewirr der Toten, unter das sich deine helle Stimme mischte, die durch den gewaltigen Ton der Angst mich an meine Verantwortung erinnerte, die ich für dich habe, und so erwachte ich, ohne jedoch die Trugbilder abwenden zu können. Alle Schatten verwandelten sich in kriechende Erinnerungen, in totgeschlagene Fingerzeige im Embryonenstadium. Nichts wäre mir willkommener gewesen, als alle Tage lang zu schweigen. Ich bedaure zutiefst, was ich bin – jetzt führe ich dich an den Ort, an dem ich das wurde, was du liebst und fürchtest zu gleichen Teilen. Ich führe dich an den magnetischen Mittelpunkt der bizarren Kleinigkeiten, die wie in einem Museum darauf warten, betrachtet zu werden, bewegungsunfähig, an sich unsichtbar. Nur Reize und Impulse, nur bestätigt durch unsere Beobachtung erfüllen wir die Leere, die uns ein Spiegel ist. Ich werfe dir Blicke zu, während ich aus dem Auto steige, das Dorf in der Halbtotalen betrachte, zögernd nach vorne laufe, näher zur Brücke hin. Nichts hat sich verändert: Leere, die damit beschäftigt ist, nicht zu existieren. Genausowenig wie du.

© Michael Perkampus 2014
aus: Der Tag, an dem die Nacht nicht mehr verging

DANKE Hans, DANKE Sylvia, DANKE Fische. Aber but : NO NO HOLIday

This forest was like a zoo.
Hier trafen sich Hasen, die sich mit Füchsen trafen
und zuletzt Bären, die Schneeraupen fickten.
Wir wollten die Winterstarre erforschen
und wurden dabei unendlich müde.
Schlafmangel folgte Wassermangel.
Wir bauten Höhlen aus Federn und Laub
und sagten: House / Haus.

Gegen Mitternacht gingen alle in Torpor.
Wenn Feinde kamen,
wurden Fragmente von uns geweckt.
Unsere Nacktheit war unsere beste Waffe,
sie schlug einfach jeden Troll in die Flucht.
Zum Frühstück gab es Kuchen aus Klee,
Saft aus der Rinde des Ahorns, but
no condoms.

Die Fabrik der Tortenmädchen

Ich teilte heute meinen Eltern mit, dass ich Privatdetektiv werden will. Eigentlich teilte ich es nur meinem Vater mit, da Mutter vor Jahren verschwunden ist. (Vielleicht will ich deshalb Detektiv werden. Freud würde von einem “auf die mütterliche Vagina abzielenden Berufswunsch” reden. Ich hoffe, sie irgendwann wohlauf bei einem Tortenwettessen zu finden. Mutter liebt Torte. So sehr, dass es sein kann, dass ein gemeiner Verbrecher sie damit in sein Auto lockte. In London verschwinden immer wieder Frauen, die eine Vorliebe für Torte haben.)
“Ich werde Privatdetektiv”, sagte ich zu meinem Vater.
Er schlang gerade sein Abendessen hinunter, und das, obwohl es früher Morgen war. Vater ist Exzentriker.
“Was?”, schrie er und hielt seine rechte Hand an sein linkes Ohr. Solche Bewegungen muss er als Vorsitzender des örtlichen Exzentriker-Clubs machen. (Er ist außerdem schwerhörig, daher das laute “Was?”)
“Privatdetektiv?”
“Schief? Was ist schief?”
Ich überlegte rasch, wie ich mich ihm mitteilen könnte. Mein übermäßig großes Hirn arbeitete fieberhaft.
“Privatdetektiv!”, schrie ich lauter.
“Brief? Ich habe keinen Brief. Oder hast du einen Brief, James?”
James ist der Butler meines Vaters, der ebenfalls schwerhörig ist und daher erst gar nicht auftauchte. James erscheint seines Leidens wegen nur sehr selten. Meistens sitzt er in seinem Zimmer und sieht sich bei voller Lautstärke Talksendungen an.
“James ist nicht da!”, brüllte ich.
“Nichte? Du hast keine Nichte!”
“Nicht Nichte. James ist nicht da, und ich möchte Privatdetektiv werden.”
Mein Vater sah mich erstaunt an. Dann lief er puterrot an. Er griff sich nach dem Hals, als würde er keine Luft mehr bekommen.
Geschult in allen gymnastischen Übungen, machte ich blitzschnell eine Rolle vorwärts, einen Handstand, noch eine Rolle vorwärts, bis ich bei Vater war, um ihm eine Backpfeife zu verpassen.
Vater hustete und spuckte ein Stück Fleisch, groß wie meine Hand, auf den Tisch.
“Warum willst du mit James durchbrennen?”, keuchte er.
“Nein, das will ich gar nicht”, versuchte ich ihm zu erklären. “Ich will Privatdetektiv werden.”
Vater schüttelte traurig den Kopf und murmelte: “Das hätte deine Mutter nicht gewollt.”
“Was? Dass ich Privatdetektiv werde?”
“Dass du deinen armen Vater so ausbrüllst.”

Aus Urs Schliepers “Die Fabrik der Tortenmädchen”, Krimi in Tagebuchform

rege[n|l]los

muss mal runterkommen von den schweren
wortgetümen und die scheren
setzen flugs auch an den reim.
und ebenso nach vieren versen
wir sind nicht mehr die leergezei(l)ten,
vielmehr noch breit und weit
gedichtet, was das zaumzeug grade
nicht mehr hält. held
der wortarbeit, ein hennecke
der hymnen stolperstammelt in frührente.
spürst du, wie das holde
dir poltert? wie der blues
nicht mehr rhythm’n’ ist?
sich regelnd fortgesetzt durchs
wort zu regen, bringt doch endlich
keinen segen. so halt ich ein
und stell mich regellos und ohne reim
mitten in den silbe[n|r]regen.

Was vor allem zu tun war. PP228, 22, September 2014: Herbstmontag.

[Arbeitswohnung, 5.58 Uhr.
Noch wieder keine Musik.]

Ich möchte nicht heraussuchen, nicht wählen. Noch nicht. Aber das wird heute zurückkommen, schon, weil ich über fünf Konzerte die Kritik schreiben will, sagen wir, eine Darstellung. Denn das blieb ebenso liegen, wie ich weder meine Post geöffnet, noch Elektronische Post beantwortet habe, aber auch sie habe ich kaum gelesen. Wenn man nunmehr vor drei Bildschirmen und mit ihnen arbeitet, und dazu steht das geladene iPad ebenfalls schräg vor einem, erlangt man von Emails zumindest in ihren Überschriften Kenntnis. Seit die Löwin wieder in Wien ist, sie war viereinhalb Tage hier, habe ich auch wenig geduscht, trage schon mal drei Tage lang dieselbe Unterhose, und die übrige Kleidung wechsele ich sowieso nicht, Oder wechsele von den zerrupfen aber warmen Frühmorgenklamotten nur zum Hinausgehen in den aber ebenfalls selben Anzug, dasselbe TShirt, ja peinlicherweise dieselben Socken sogar. Denn so weit treibe ich es dann doch nicht, mich draußen in den Leggins sehen zu lassen. Ich kaufe dann sowieso kaum ein, nur Wein.
Es wird, vor allem, keine Musik gehört, von den fünf Konzerten abgesehen, in denen ich an zweieinhalb Tagen war, aber auch das nur am Beginn dieser heftigen Bearbeitungsphase. Denn da bin ich, es läßt sich kaum anders nennen, hineingestürzt. Von morgens um Viertel vor sechs bis in den letzten Tagen manchmal frühnachts halb oder Viertel vor elf; jeweils mit einer Stunde Mittagsschlaf. Ach ja, einen Auftritt im >>>> ilb hatte ich dazwischen noch, zusammen mit meinem Sohn. Es gehört zu den mir eigentümlichen Eigenarten, daß man mir Anstrengung nicht ansieht. So wurde ich denn auch auf einem Elternabend mit dem Satz begrüßt, das sei ja klar, daß ich wieder nach Urlaub aussähe. Wo ich denn diesmal gewesen sei. Erneut auf dem Atlantik, habe ich geantwortet. Denn was meine Arbeit anbelangt, stimmte das wohl.
Deswegen, Freundin, habe ich Ihnen so lange nicht geschrieben.
Der Sex war minimiert.
Latte macchiato, erste Morgenpfeife.
Rechnungen dürften sich stapeln; ich habe keine Ahnung, oder doch, eine Ahnung schon, aber keine so gute, daß ich sie hätte an mich herankommen lassen dürfen, wie es an meiner Finanzfront aussieht, die mich um mein gallisches Widerstandsdorf wahrscheinlich rings einschließt. Es wird Zeit, wieder anzulegen, bzw. sogar, wieder aufzutauchen oder, in meinem Gallien, einen Ausfall zu unternehmen.
Denn die Erste Fassung ist fertig, des >>>> Traumschiffs, seit gestern frühabends etwa um sechs. Ich habe für sie notiert: 12. – 21. September 2014, Berlin. Sie hat mich stärker gebunden, als ich gedacht habe, war auch schwieriger. Wobei die Probleme weniger in dem bestanden, was ich ins Auge gefaßt hatte: Motivverankerung, Spuren legen, Zeitenfolgen aufdröseln, hier und da etwas fortnehmen, das unnötig ist. Aufgedröselt wurde gleichwohl. Denn die Hauptarbeit bestand darin, Hypotaxen in Parataxen zu überführen, ja wirklich in sie aufzulösen. Jetzt gibt es kaum einmal mehr Relativsätze, sondern ich bin dort angekommen, wohin mein Exposé mich von Anfang an verpflichtete: in kurzen Sätzen erzählen.
Das ist nicht nur an sich schwierig, bei nunmehr zwischen 300 und 350, je nach Type, Buchseiten, sondern vor allem, weil ich hypotaktisch denke, mäandernd nannte die Löwin das, und das, dieses Denken, vor allem während des Prozesses einer ersten Niederschrift – schon gar, wenn sie so gleichsam rauschhaft vonstatten geht, wie das >>>> in Amelia von Anfang an losging. Die erste Warnung, noch über Facetime, war von der Löwin gekommen: in dem und dem Kapitel gehe das ein bißchen sehr ineinander; da könne man die Übersicht verlieren.
Genau das darf bei diesem Buch nicht geschehen; es muß im weitesten Sinn allgemeinverständlich sein. Es ist ein allgemeines Thema, nicht nur, weil wir alle sterben werden. Sondern weil wir den Bezug zu dem Umstand entweder verloren haben oder verdrängen, mindestens wegdrängen. Darüber hinaus geht es um Achtung. Das Sterben ist kein Erzählgegenstand, dem man seine Virtuosität vorführt. Sie hat den Kopf zu senken, ohne freilich dabei den Stolz zu verlieren. So sind Demut einerseits, und Achtung sowieso, andererseits Einfühlung und eben Stolz die leitenden Kategorien des Sterbebuches geworden. Ich habe im Rohling als Alban Nikolai Herbst mit Herrn Lanmeister gedacht; die jetzige Erste Fassung denkt als Herr Lanmeister selbst. Er mußte zu seiner eigenen Sprache gelangen, wenn er sich denn mitteilen wollte. Daß nicht Lastotschka, sondern letztendlich ich zum Adressaten seines inneren Abschieds- und aber Erkenntnisbriefes wurde, hat nur damit zu tun, daß meine Hand es war, meine Fingerspitzen es waren, die er geführt hat.
Er wird jetzt auch anderswo begraben werden als noch im Rohling; im nunmehrigen Jetzt konnte er bis noch fast ganz zuletzt am Strand spazieren gehen: 54°8’N/ 13°37’O. Fast zweieinhalb Stunden Suche im Netz hat es mich gekostet, diesen Ort zu finden. Auch wenn der Roman erst im kommenden Herbst erscheinen wird, habe ich das Gefühl, hierbei wird es bleiben. Sowie es allerdings meine Zeit zuläßt, will ich dort für einzwei Tage hinfahren, um ihn mir anzusehen und ihn vielleicht schon auf See in der eigentlichen Erzählung zu verankern. Dafür bleibt genügend Zeit. Es hat Vorteile, ein Jahr vor Erscheinen eines Buches fertig zu sein, oder quasifertig.
Nunmehr, gestern nacht, ist der Text an die nahsten Freunde heraus. Noch in dieser Woche wird auch Delf Schmidt ihn bekommen. Liegen deren aller Reaktionen vor, werde ich einen neuen Durchgang beginnen, um die Zweite Fassung zu erarbeiten, die dann an den Verlag geht und die Lektoratsvorlage sein wird. Danach kommen allenfalls noch kleine Revisionen hinzu wie die aufgrund der letztgenannten Koordinate, oder mal hier wird die Krümmung einer Reling präzisiert und mal dort vielleicht ein Name geändert. Das wäre mir freilich unbehaglich, weil alle Personen längst in mir sind. Selbstverständlich kommt es darauf nicht an. Sondern es kommt darauf an, daß sie es in Ihnen sind, wenn Sie das Buch lesen; daß sie für Sie lebendig werden.
Ich habe in meinem Schriftstellerleben selten darauf geachtet, was Leserinnen und Leser verstehen können oder vermeintlich verstehen können; mein „Credo“ war, daß die Erzählung in sich Wahrheit haben muß, alleine sich selbst verpflichtet ist. Diesmal sehe ich das anders. Prinzipiell muß mein Schuster sie verstehen können, meine Kassiererin bei Penny; sie alle sollen weiterlesen geradezu müssen, wenn sie einmal begonnen haben. Aber auch meine akademischen Freunde sollen nicht aufhören können und das Buch, aus intellektueller Langeweile zum Beispiel, nicht wieder beiseitelegen. Bis es ausgelesen ist. Es ist ein hoher Anspruch, den ich an diese kurzen Sätze stelle. Den aber das Thema von mir verlangt.
Für Die Dschungel ist mir so etwas gleichgültig; hier schreibe ich, wie mir der Schnabel wuchs oder wie ich nach Tagesverfassung grad Lust hab. Mag man sich dran reiben, wie man will.

Liegen geblieben ist das Kreuzfahrt-Hörstück. Was nicht an mir, sondern meiner Redakteurin lag und liegt, die zwar bereits eine Gefallenskundgebung schrieb, zu meiner Neufassung, dann aber, anders als sie ankündigte, nichts mehr von sich hören ließ. Es ist allerdings sehr gut möglich, daß sie gespürt hat, in welchem Prozeß ich steckte. Daß sie mich darin nicht stören wollte. Nachher werde ich bei ihr anrufen; es ist dies die nächste größere Arbeit, die ich nun endlich hinstellen werde. Und muß. Schon aus dringenden finanziellen Gründen; um mich auszuruhen, ist keine Zeit. Das war sie bei mir ohnedies nur selten. Ich habe auch keine Lust dazu, sowieso nicht mehr jetzt, wo solch ein Roman in einem Monat und zwei Tagen gestemmt worden ist. Imgrunde könnte ich genau so den nächsten schreiben, ob nun das Neapelbuch, ob die Melusine Walser, ob >>>> Αἰαιαη oder Die Erleuchtung. Nur für den Friedrich wäre es noch definitiv nicht so weit. Lange bin ich nicht mehr so Romancier gewesen, derart unbrechbar, derart von Figuren umgeben, die in mir Personen wurden, und von den Gerüchen und Geräuschen die erstehenden Welt. Nicht mehr in dieser Intensität. Ich hatte gedacht, das wird nie mehr kommen. Nun war es, und ist noch, wie Heimkehr: vorbehaltlos. Was ein Roman braucht. Und ich habe gelernt: Die Überführung in Parataxen ist für mich eine grundlegende Erfahrung Noch vor zwei Jahren hätte ich mich gegen so etwas verwahrt. Aber nun, nach Herrn Lanmeisters Tod, muß ich gewärtigen, daß das Traumschiff weiterfährt, mit Senhora Gailint, Madame Gellet, Mister Cody und Dr. Samir. Mit Tatiana Bogdanova, Kateryna Werschovskaya, die Gregor Lanmeister in sich Lastotschka genannt hat, oder Lastivka, Schwalbe, und Peter, von dem er den Nachnamen nie erfuhr. Indessen Monsieur Bayoun, Frau Seifert, Signore Bastini, der ehemalige Holzfäller Patrick, der schließlich Krankenpfleger wurde, sowie Mister Gilburn und er, Herr Lanmeister, selbst, alle von Bord gegangen sind. Für jeweils ihr Für immer.

 

Spätvorstellung: GELIEBTE SCHWESTERN von Dominik Graf (2014)

 

Ein Beitrag von Morel

 

 

Dominik Grafs Film über die Liebe zwischen dem werdenden Klassiker Friedrich Schiller und den beiden Schwestern Caroline und Charlotte von Lengefeld endet mit einer Einstellung auf die Fußgängerzone im heutigen Weimar. In Windjacken und Jeans laufen wir am Schillerhaus vorbei, während die angenehme, leicht bayrisch angehauchte Erzählerstimme Grafs das eben Gesehene nachträglich in den Konjunktiv versetzt: Es hätte gewesen sein können. Denn für das meiste, was wir in den letzten zwei Stunden gesehen haben, gibt es keine dokumentierten Beweise. So ist dieser Kostümfilm gerade das Gegenteil von Historismus: er erzählt davon, wie wir die Geschichte überliefern, was wir überliefern und was nicht. Diese Schlusseinstellung (und so manche andere in Die geliebten Schwestern) korrespondiert mit der aus Truffauts großartigem Zwei Engländerinnen und die Liebe zum Kontinent. Hier aber kehrt der Erzähler melancholisch zurück in das dem Werk Rodins gewidmete Museum in Paris und erinnert sich an die Zeit, als diese Kunst noch umstritten war. Die Erinnerungsarbeit Grafs ist anders: er will unsere Klassiker vom Staub ihrer Rezeption befreien.

 

Auch die werbeträchtige Menage-a-trois ist nicht ein Dreiecksverhältnis aus dem Satzbaukasten für Oscarpreisträger. Der Film respektiert die historische Ferne und vor allem den Eigensinn seiner Figuren. 1788 lernt Schiller, neu in Weimar, Charlotte von Lengefeld kennen. Sie ist Hausdame bei Charlotte von Stein und zu unerfahren, um den leise angeknüpften Beziehungsfaden zu Schiller nicht abreißen zu lassen. Ihre Schwester Caroline, unglücklich aber finanziell einträglich verheiratet in Rudolstadt, schreibt für sie den Brief an Schiller. Die drei verbringen einen kurzen Sommer des Glücks im Umfeld des Guts der Familie von Lengefeld. Schiller erweist sich zunächst als Held, um dann nackt und frierend von seinen zwei „Flussgöttinnen“ getrocknet zu werden. Die Erotik kommt zuerst zwischen Caroline und Friedrich ins Spiel, die bis zur Heimkehr des misstrauisch gewordenen Ehemannes die Freuden ihrer ersten gemeinsamen Nacht bis zur Neige auskosten. Charlotte, die Dritte in diesem geometrischen Rätsel (gerne zeigt Graf uns die Briefe, in denen geometrische Zeichen die Liebenden ersetzen), freut sich über das Glück der Schwester und scheint sie nicht um die Liebe des Dichters zu beneiden. Jetzt erst erfahren wir von einem Schwur der Schwestern unter dem Rheinfall in Schaffhausen: niemals sollte etwas sie trennen, alles sollten sie teilen. Diese Liebe der Schwestern zueinander geht der zu Schiller voraus. In diesem Film steht keineswegs Schiller im Mittelpunkt, sondern zwei eigensinnige und -ständige Frauen. Caroline bedrängt ihre Schwester nun, Schiller zu heiraten, nur so könne der Schwur aufrecht erhalten werden. Trotz Heirat aber bleibt Charlottes Beziehung zu Schiller wie die einer Schwester zu einem Bruder. Erst als Caroline die Beziehung zu dem geliebten Dichter abrupt beendet, ändert sich dies, so dass später auch ein Kind geboren werden kann, während der Vater ausschläft. Diese Dreiecksliebe zeichnet sich durch unterschiedliche Ausprägungen der Liebe aus: die erotische zwischen Friedrich und Caroline, die schwesterliche zwischen Caroline und Charlotte, schließlich die eheliche, gleichermaßen von Neigung und Pflicht bestimmte zwischen Charlotte und Friedrich. Damit verzeichnet Grafs Film auch die Umbrüche der Zeit, in der er spielt. Die anderen Liebesformen im Film sind von Geld bestimmt, oft solche der Prostitution. Sowohl Schillers Verhältnis zu Charlotte von Kalb wie Goethes zu Charlotte von Stein tragen, zumindest in der Lesart Grafs, Züge davon. Auch Caroline wird im späteren Verlauf des Filmes von einem reichen Liebhaber Geld zugesteckt bekommen, mit dem sie den jungen Haushalt der Schillers, bei dem sie Unterschlupf gefunden hat, unterstützt. An den gesellschaftlichen Umständen scheitert die Dreiecksliebe am Ende nicht, sondern am zunehmenden Abstand zwischen den beiden Schwestern nach der Geburt ihrer Kinder: sie teilen nicht mehr alles miteinander, Misstrauen nistet sich ein und auch die todkranke Mutter kann keine dauerhafte Versöhnung erwirken. Am Ende ist es die Zeit, die die Frauen auch körperlich spüren, in der eine aus Briefworten entstandene Liebe sich verliert.

 

Gegen die Welt der körperlichen Liebe setzt Graf die Schrift als ideelle Welt der Schönheit. Die Begeisterung bei der Antrittsvorlesung Schillers in Jena inszeniert er wie den Vorschein eines Aufruhrs. Immer wieder sehen wir die Briefe und die vom Verleger Cotta vorangetriebenen Innovationen des Buchdrucks. Wenn die Beziehung zwischen Caroline und Friedrich immer etwas leidenschaftlicher wirkt, dann hat das seinen Grund auch darin, dass Caroline Novellen und Fortsetzungsromane schreibt. Schön beobachtet die Szene, in der sie von ihrer Lektüre, der Madame de Scudery erzählt, die Schiller als Hofdamenliteratur, wie sie vermutet, nicht kennt. Frauen schreiben nicht anders, aber von anderem. Die Worte stehen hier immer gegen die materielle Lebensumstände,, die aber ihre Überlieferung beschränken. Einmal landet ein Packen Briefe im Schlamm einer deutschen Gewitternacht. Auch das trägt zu den Missverständnissen bei. Keineswegs jeder Brief erreicht seinen Adressaten. Und nicht jeder Schreiber und schon gar nicht mal jede Autorin wird ein Klassiker. In den Geliebten Schwestern ist das zu sehen. Auch die Übersetzung von schönen Worten in die blutigen Konsequenzen der Revolution zeigt der Film – als ironisches Ausrufezeichen.

 

 

In den letzten Jahren hat Dominik Graf die auf Redundanz eingeschworene Sonntagabend-Krimigemeinde manchmal auf harte Proben gestellt. Seine chaotischen, schmutzigen und verwirrenden Krimis waren nicht manieristisch, wie die gebildeten seiner Verächter vermuteten, sondern Versuche dem Krimi Neues abzugewinnen. Der Essay ist eigentlich auch die Form, zu der Die geliebten Schwestern gehört. Es ist kein Liebesfilm, sondern ein Versuch über die Liebe, die Bilder und die Worte. Und was die Zeit aus ihnen macht.

 

***

 

Morel und ich haben Geliebte Schwestern zusammen gesehen. Und anders als sonst manches Mal (wie z.B. zuletzt als wir Snow Piercer im Deutschen Filmmuseum sahen) waren wir uns bei diesem Film sofort einig: Großartig! Und beide hoffen wir, dass dieser Film ein großes Publikum finden wird. Besonders froh hat mich gemacht, dass es Dominik Graf tatsächlich gelingt, die Beziehung zwischen den Schwestern von Lengefeld und Schiller als eine uns ferne und fremde zu zeigen, eben nicht durch die Brille einer erst im 19. Jahrhundert durchgesetzten bürgerlichen Sexual- und Ehemoral, die bis in die Gegenwart die Idee der „Liebe“ in heterosexuellen Liebesbeziehungen prägt (in den letzten 50 Jahren verstärkt und stabilisiert durch die in Hollywood entwickelten Love-Stories), bei denen unter „Liebe“ vor allen Dingen der exklusive „Besitz“ an der Sexualität einer Person gemeint ist – und mithin Dreiecksgeschichten vor allem das Problem der sexuellen „Untreue“ verhandeln. Ein „Problem“, das den Lengefelds und Schiller in Grafs Darstellung nicht gleichgültiger sein könnte. Ihre Dreierbeziehungen scheitert nicht an Eifersucht zwischen zwei Frauen, die um einen Mann „kämpfen“, sondern daran, dass die Frauen einander nicht treu bleiben können, besonders nachdem sie Mütter geworden sind.

Martin Heidegger am Rheinfall

Zum Thema Rheinfall sendet uns Marcel Crépon dieses Bild, das ihm ein Mr. Pyeux zukommen ließ und hinter dem eine ausführliche, windungsreiche, nahezu fantastische Geschichte steckt, die Marcel Crépon uns im folgenden, das rheinsein-übliche Artikelformat sprengenden Schreiben und mithilfe weiterer sprechender Bilder enthüllt:

Sehr geehrtes rheinsein,

Auch wenn ich zurzeit anderen Beschäftigungen nachgehe und an fremden Ufern weile, vergesse ich den Rhein nicht und nutze eine kleine Pause, um Ihnen davon zu berichten wo ich Mr. Pyeux traf und was er mir erzählte.
Ein Notfall hatte mich veranlaßt, die Türschwelle eines Baumarkts zu passieren. Nach der Elektro-Abteilung suchend, gelangte ich schließlich in den Gärtnerei-Bereich, wo Garten-Utensilien und allerlei Ausrüstungen ihr Bestes geben, damit jedermann sich seine private grüne Hölle verwirklichen kann. Da stand er, besagter Mr. Pyeux, und starrte auf einen der angebotenen Eimer.
Wie ich Ihnen sicherlich bereits schrieb, habe ich ein gewisses Faible für diese Art Behälter – und Menschen, die sich dafür interessieren, interessieren mich. So wie er dort stand und starrte glich Mr. Pyeux dem Mann, der vor einer Million Jahren einen trockenen Schwamm in einen Eimer Wasser fallen ließ; nein, er sah vielmehr aus wie der Mann, der den Schwamm bereits fallen gelassen hatte.
Wie auch immer. Neugierig zu erfahren, woran genau sein Interesse bestünde, sprach ich ihn an. Er drehte sich zu mir um, antwortete jedoch nicht sofort. Aus seinen schwermütigen Augen schloß ich, daß etwas Tiefgründiges sich in Zusammenhang mit dem Eimer ereignet haben mußte, und blickte ihm wohlwollend zu, eine Geste der Ermutigung. Natürlich, ich mochte mich täuschen, vielleicht war der Grund seines Schmerzes rein körperlicher und nicht seelischer Natur…
Der Mann, Mr. Pyeux, begann tatsächlich frei zu erzählen, schilderte, wie seine einstige Begegnung mit einem Blumentopf ihn über diesen Baumarkt-Eimer habe stolpern lassen, wodurch er mit einer erschütternden Erkenntnis konfrontiert worden sei. Das klang deutlich besser und spannender als ein bloßer Muskelschaden oder eine Nervenentzündung.
Der Name Schaffhausen fiel, und meine Aufmerksamkeit wuchs. In Schaffhausen also, erzählte der Mann weiter, sei er an einem winterlichen Nachmittag die Laufengasse hinunter zum Rheinufer spaziert, und dort auf jenen Blumentopf getroffen, welcher ihn an einen bestimmten Eimer erinnert habe, den er einmal gesehen hatte, ohne jedoch sich erinnern zu können, wo. Nach ein paar Schritten habe er auf einer öffentlichen Sitzbank platzgenommen.
So intensiv war seine recht unscharfe Erinnerung an den Eimer, daß er das Rheinfall-Schauspiel kaum wahrnahm. Die Zeit verging, es dämmerte, bald würde das Wintersechseck am Himmel aufscheinen. Rechts von ihm stand ein Baum und ein zweiter Blumentopf, links ein zweiter Baum sowie der erste Blumentopf. Auf dem linken Stamm entdeckte er einiges Gekritzel, das er zu entziffern versuchte.
Augen, Augen, ein Fisch? Eine lange dreieckige Fahne, oder vielleicht ein Windsack? Eine Ratsche? Ra’ashan? Mr. Pyeux stand auf, näherte sich dem Baum und vertiefte sich in die Hieroglyphen…
heidegger_fig01Baumstamm am Rheinfall, undefinierbare Zeichen

„Wußten Sie, daß graben und scribere die gleiche etymologische Wurzel haben?“ fragte er mich. „Nein“, antwortete ich, und bat ihn seine Erzählung fortzusetzen.
Stimmen unterbrachen Mr. Pyeuxs Graffiti-Betrachtungen: ein Paar saß nun auf der Bank und zankte sich. Er wollte mit einem Kanu die gewaltigen Wassermassen erobern, sie bevorzugte eine gemütliche, romantische Rundfahrt am Bodensee. Er schwor: ”Wahre Romantik ist es, furchtlos den Kampf mit den Elementen aufzunehmen!” – ”Vorausgesetzt man kann schwimmen, überleg’ doch mal!” erwiderte sie. Sie gingen.
Mr. Pyeux blickte zur Bank, das Paar hatte ein Prospekt zurückgelassen: Bodensee-Schifffahrtsbetrieb, Romantische Abendfahrt. Tatsächlich… hätte Mr. Pyeux die Broschüre nicht beachtet, alles wäre anders verlaufen. Stattdessen las er sich die Angebote akribisch durch, bis er im Kleingedruckten auf den Namen des Betriebs stieß: da war er plötzlich wieder, der Blumentopf!
Vor Mr. Pyeuxs innerem Auge bildete sich heraus wie dieser Mann, der denselben Nachnamen wie der Schifffahrtsbetriebsinhaber besaß, nämlich Heidegger, einen Blumentopf trug. Nicht einen Blumentopf, vielmehr einen Eimer! Die Erinnerung war zurückgekehrt. Der alte Heidegger hatte einen Eimer mit Wasser gefüllt und trug ihn lächelnd durch die Gegend. Aber aus welchem Grund, fragte sich Mr. Pyeux, lächelte der Philosoph?
Mr. Pyeuxs Erinnerung frischte nach und nach auf: das Bild in seinem Kopf entstammte einer Foto-Serie. Aber das Lächeln? Warum lächelte Heidegger? Erfreute er sich am Wasserplätschern aus dem Hahn des rustikalen Brunnens, aus dem das Naß stammte? Liebte er es, den gefüllten Eimer zu schleppen? Mochte er das Geräusch des Schwappens, während er mit dem Eimer seiner Hütte zutrottete? Oder hatte Heidegger eine seiner Ideen?
Mr. Pyeux kam nicht darauf, schien es aber um alles in der Welt zu wollen: ”Was ist man für ein Mensch, wenn man sucht und nichts findet?” Das wußte ich nicht. Genug Dinge hatte ich auf meinem bisherigen Lebensweg gefunden, den ich nicht gesucht hatte. Ich fragte Mr. Pyeux, ob er Heidegger gelesen habe.
Hatte er. Und zwar im Original. Und zwar extra dafür, als er vom Rheinfall zurück nach Frankreich gefahren war, einen Kurs bei Berlitz belegt. Die Ergebnisse allerdings waren ernüchternd: nach fünf Jahren konnte er recht ordentlich im heideggerschen Sprachlabyrinth herumirren und seinen Inhalt durchkauen, kauen, und nochmal kauen. Eine Tätigkeit, die bei Kühen auf der Weide eine gewisse Gelassenheit verursacht, doch bei ihm, Mr. Pyeux, eine gefährliche Annäherung zur Idiotie provozierte.
In der Zwischenzeit war das Heidegger-Museum in Meßkirch eröffnet worden. Um seinem philosophischen Rinderdasein auf den Grund zu gehen, fuhr Mr. Pyeux erneut nach Deutschland, sah erneut die Fotos, den Eimer, den Brunnen, sah den Sternwürfel. Seine müßig erworbenen Vokabeln flatterten durch sein Hirn: Eimer, Wasser, Heimer, Einichtsmehr. Wie heißen Sie? Es ist spät geworden. Guten Tag! Ich bin müde. Der Regen fällt. Ich halt zich on in emer waser… Trinken sie! Blumentopf, Sternwürfel, Eimersternwürfel. Heideggereimersternwürfel. Schaffhausen. Heideggeimeisternwürfel. Lächeln. Heide, Ei, Meister Rhein, Würfel… Heide geh Eimer… Heim? Meister im Sterne werfen… So viel in einem einzigen Topf, da müßte man etwas auseinanderreißen!…
Taumelnd verließ Mr. Pyeux das Museum und lief gleichsam hypnotisiert zum nächsten Eisen- und Haushaltswarengeschäft, um dort einen Eimer zu erstehen. Den Kauf getätigt, schloß er sich umgehend einer leicht erkennbaren Pilgergruppe an, die voller Demut auszog, die Feldweg-Luft einzuatmen. Die Pilger schossen Fotos von der Atemluft – nichts für Mr. Pyeux. Bald wurden die Pilger von den Meßkircher Glocken, die die Geheimnisvolle Fuge der Zeit erklingen ließen, angezogen. Mr. Pyeux blieb allein zurück, stellte seinen Eimer ab, ging ein paar Schritte und zeichnete ein X auf den Boden.
„Warum ausgerechnet ein X?“ „Weil der Todtnauer Sternwürfel ein X darstellt. Weil X der 24. Buchstabe des Alphabets ist. Weil 24 die Ordnungzahl für Chrom ist: und Chrom glänzt, rostet jedoch nicht!… Augentrost, Augenrost“, murmelte Mr. Pyeux mehrmals. ”Verstehen Sie?” – ”Kaum…”
Mr. Pyeux verstummte für einen Augenblick und erzählte dann weiter: „Stundenlang lief ich vom Eimer zum X und retour – doch nichts geschah. Das Lächeln des Philosophen blieb rätselhaft. Ich war offenbar am falschen Ort. Schnell malte ich ein Aquarell,
heidegger_fig02Ad hoc-Feldweg-Aquarell

kehrte nach Meßkirch zurück, lieh mir ein Fahrrad, fixierte den Eimer auf dem Gepäckträger und fuhr nach Todtnauberg, wo ich zehn Stunden später anlangte. Der Himmel hellte bereits auf, im Westen war noch das Sommerdreieck zu sehen. Da war die Hütte, der Brunnen. Dort ließ die Fotografin Marcovicz den Philosophen mit seinem weißen Eimer Wasser schöpfen, sieben Mal lief er für sie zwischen Brunnen und Hütte hin und her, dabei immer lächelnd – grinsend? Immer dieselbe Handlung, immer eine andere (Sie wissen schon: zwei gleiche Eimer sind nicht identisch). Den Henkel immer fest im Griff.“
Mr. Pyeux tat es Heidegger nach. Nicht auf direktem Weg von Brunnen zu Hütte, sondern auf dem Wanderpfad, welcher selbst zwar keine Kreise zeichnete, doch ihn, Pyeux, sich im Kreise drehen ließ. Im Kreisen kaute er ”Die Frage nach dem Ding”, Seite 94 bis Seite 97, samt Inhaltsverzeichnis und Vorwort, die er zu Kügelchen formte bevor er sie mit reichlich Speichel eingeweicht in den Eimer fallen ließ. Die Seiten waren geschmacksneutral, wie die Wörter an sich es sind; das einzige was er beim Kauen empfand, war „den Knödelfressern” zu ähneln und das zügige Schmerzen seiner Kiefermuskeln.
Um zureichend gedruckten Text lesbar zu belassen, mußte er sich in seinem Kaueifer zurückhalten und sparsam mit seiner Spucke haushalten. All das schien ihm schlüssig zu sein, so schlüssig und rund oder so rund und schlüssig wie ein Kreis, eine Sphäre, ungefähr so sphärisch wie das Sein, welches durch immer wiederholtes Kreisen Gestalt (und ihr Gegenteil) annimmt, oder wie die geodätische Kuppel La Géode in Paris, die stets das Außen widerspiegelt, doch ihr Inneres zu verbergen weiß.
heidegger_fig03La Géode, Paris, 19. Arrondissement

Als er die letzte Seite gekaut hatte, stellte Mr. Pyeux fest, daß, was das Entziffern des Lächelns betraf, sein Scheitern offensichtlich war. Erneut packte er den nun vollen Eimer auf das Fahrrad und fuhr nach Schaffhausen, wo er sich ungefähr 15 Stunden später in einer Pension niederließ.
Dort dachte er nach (das heißt: alles drehte sich in seinen Kopf wie ein perfektes Wälzlager, dessen Perfektion sich nur auf die eigene Drehung begrenzt und zu keinem greifbaren Ergebnis führt), oder wurde nachgedacht, das wußte er nicht mehr so genau.
Abseits dieses kläglichen Nachdenkens oder Nachgedachtwerdens, zeichnete und rechnete
heidegger_fig04Berechnung (Beispiel 1): Pythagoreische Annäherung

heidegger_fig05Berechnung (Beispiel 2): Experimentelle Geodäsie

heidegger_fig06Zeichnung: Ähnlichkeit der Gefäße

Mr. Pyeux, suchte nach Zusammenhängen, befragte vergeblich die gekauten Kügelchen,
heidegger_fig07Ansammlung durchgekauter Heideggerseiten

zweifelte, verbrauchte seine Ersparnisse. Als kein Rappen mehr vorhanden war, schlich er heimlich zum Rheinfall, leerte den Eimer zwischen Blumentopf und linkem Baum und stellte ihn auf das Häuflein Papierkugeln nieder, blickte ein letztes Mal auf die Felsen, ohne daß dabei etwas geschah, nahm ein Foto (siehe Bild ganz oben), welches, wie er meinte, “nichts geworden sei”, auf und verschwand erst nach Meßkirch, wo er nichts mehr zu suchen hatte, dann schließlich nach Frankreich, wo er fortab seinen Unterhalt als Maurer verdiente und alles vergaß – bis vor kurzem, als ein abstürzender Balken ihm gewiß den Schädel zerschmettert hätte, hätte nicht zwischen Schädel und Balken noch schützend ein Eimer gestanden.
Ich fragte ihn wie all das geschehen konnte. Hastig kritzelte Mr. Pyeux in ein mitgeführtes Notizheft: „So!“
heidegger_fig09Der rettende Eimer

Er wirkte nun sichtlich erregt: „Wissen Sie, was Heidegger zu seinem 80. Geburtstag von seiner Geburtstadt geschenkt bekam?“ (Ich wußte es natürlich nicht.) „Einen Eimer… einen verdammten Eimer voller ”Meßkircher Blütenhonig”!“ schrie er mich an.
Nachdem er sich nach meiner Adresse erkundigt hatte, versprach er, was ich Ihnen nun für Ihre ganz spezielle Website schicke, mir zuzusenden. Ich dankte Mr. Pyeux und schrieb ihm, ob ihm ein weiteres Treffen genehm wäre, Antwort bekam ich nie.
Nun, mein liebes rheinsein, ich fürchte allzu ausführlich gewesen zu sein, doch werden Sie bestimmt Nachsicht üben, wohlwissend um den Grund dieser Längen, die einzig meinen Bemühungen, Ihnen einen detailgetreuen Bericht zu liefern, unterliegen.
Ihr Marcel Crépon.

Bettelfische

Und morgens, rücklings bei Ladybird auf der Holzterrasse, während die Meisen in den Ästen der alten Kiefer herumpiepen, zu deren knorrigen Ästen man, atmend (heute mit „ocean-breath“, für die Eingeweihten), aufblickt; dazu die zwölf (In Zahlen: 12) Goldfische im Teich, von denen man nicht viel mehr weiß, als dass sie Bettelfische sind, weil sie immer angeflutscht kommen, kaum, dass man unten an die Teichkante tritt, sie kommen pulkweise und schwappen und reißen erstaunlich große, innen rosafarbene Mäuler auf, auf dass man etwas hineintue, wofür nur das Einmachglas zu öffnen ist, das dort immer bereitsteht, hernach hineinzugreifen und ein Händchenvoll Flocken herauszu, die wie ein Rieselwind von oben in die schaukelnden Mäulchen,
während plötzlich diese Brise,
und Ladybird verabreicht in Sri Lanka handgefertigte, freundliche Hosen, denn Yoga wird nicht einfach gemacht, sondern praktiziert, das geht entweder ganz nackend oder in weichstem Gewebe
(der > Wirklichkeit)
und die Fingerspitzen am Holz, während wer sich vom Aste aufschwingt mit leichtem Flügelschlag (nein, nicht die Seele, ein Fink ist’s)
doch ich ihm hinterher (feinstofflich betrachtet)
während der Körper einmal nicht (gottlob) irgendwas will, Hunger Pippi Durst, oder Ziepen hat irgendwo, des Körpers Verfassheit also einfach nur wohlwollend, einen Moment lang (kaum zu fassen: wohlwollend!)
und ocean breath (!) mittenmang der hessischen (!) Vogelwelt, gell, von den Insekten ganz zu schweigen:
frag‘ einer bitte keiner nach der Ameisenstraße, die Ladybird seit Tagen argwöhnisch in der Küche beobachtet, von draußen durch die Kachelritzen schnurgeradewegs ins Schlaraffenlad ihres dreifach segmentierten Mülleimers ziehen ordentliche Kolonnen,
frag‘ auch niemand nach dem REIHER, der schon siebenbisachtmal alle Fische gefressen, nein, heruntergeschlungen haben soll, ihren Klagen zufolge,
während doch alle aus der dunklen, dunklen Tiefe des Gewässers irgendwann (bis auf den dicksten, dreizehnten, doch das ist auch der älteste gewesen und vielleicht an Altersschwäche(…?)…) wieder quicklebendig zum Betteln heranschwimmen, sobald wir, schlaff und wehrlos glücklich (sagte letztens ein Kursteilnehmer, im Ernst, „wehrlos glücklich“ sei er nach meinem Kurs!), also wir runter zum Wasser, halberleuchtet ins Konservenglas greifen,
Futterwind machen,
lachen,
und wirklich einen Augenblick lang vergessen, was wir eigentlich gewollt haben sollten


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