Archiv der Kategorie: Ausgabe 01/2015

Dreikönigstag

In meiner sozialistisch-protestantischen Herkunftsgegend kein wichtiges Datum. Nach der Reformation hatte man hierzulande Bilder und Zauberei aus den Kirchen entfernt. Aber vielleicht nicht die Sehnsucht danach; und vielleicht fand diese Sehnsucht ja Ausdruck in den Bluesmessen des Karl-Marx-Städter Jugendpfarrers Theo Lehmann in den frühen Achtziger Jahren, die ich (damals Sozialist) mit meinen Freunden (zumeist Protesanten) besuchte.

Als Dauerthema der letzten Tage die Frage nach der Authentizität. Im Grunde die zentrale Frage bei der Lektüre von Tagebüchern. Welche Rolle spielen historische Daten. Natürlich ist der Hintergrund des Mühsambuches der erste Weltkrieg. Aber das ist er ja bei vielen Büchern, die man (ich) ohne zu zögern als fiktional bezeichnen würde. Sergeant Grischa, Im Westen nichts Neues. Schweyk. Passagen aus Tollers Eine Jugend in Deutschland … Die, die mir sofort in den Sinn kommen.

Habe ich die Bluesmessen selbst besucht, oder hat man mir nur eindringlich davon berichtet, so dass ich eine fremnde Erinnerung übernahm. Jedenfalls stand der Platz vor der Kierche voller Langhaariger in Jeansjacken. Ich selbst trug eine gefärbte Malerhose und Felskletterschuhe. Wenn ich mich recht erinnere.

Aber schon bei Toller erwächst die Fiktion aus der Autobiografie. Sein Leben scheint das Material des Buches. Für mich natürlich nicht nachprüfbar außer den Eckpunkten, die er aber auch mit den Zweig- Remarque- und Hasekbüchern teilt, die also kein Indiz für Authentizität sein können.

Bei Ingold in Leben und Werk  wird es noch ein wenig komplizierter, weil er die Jahre übernanderlegt. Die Zeit wie ein Haus mit gläsernen Fußböden in das man von oben hineinschaut, und die verschiedenen Wohnungen erscheinen als eine.

Und am Dreikönigstag auf einer der Etagen eine längere Reflexion über das Verhältnis von Wort und Wirklichkeit und die Einbahnstraße die die Übersetzung von Außertextuellem in Sprache ist. (Ich habe jetzt eine unbändige Lust, Benjamin zu lesen. Vielleicht am Abend, noch habe ich einiges zu tun.)

Notizen von unterwegs (2)

Bei Zons. Schimpfender Rheinangler. Hat eine Chinesische Wollhandkrabbe aus dem Fluß gezogen. Verzieht die Miene, belegt das mit den Scheren protestierende Krustentier mit abwertenden Begriffen. Beklagt das Überhandnehmen des Fremdlings, redet sich in Rage, “Eindringling”, “Schädling”, “Freßfeind”, “Vormarsch”. Klingt nach Kriegspropaganda, HoGeSA* und PEGIDA**, tendenziell puristisch Anti-, insgesamt nach überreichlich bekanntem Vokabular. Das ausgerechnet im Rheinland, wo der Toleranzgedanke nach Einschätzung des Rheinländers mit der Muttermilch an die Kinder weitergegeben wird. Toleranzland. Auf Basis des rheinischen Jrundjesetzes. (Und wieder nicht: “Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet.” (Artikel 6).) Unterm Strich: Hat sich was mit Tolerieren! Nicht nur beim Angeln. In rheinischen Städten häufen sich Demonstrationen religiös-politisch-herkunftsbezogener Intoleranz. Samt Gegendemonstrationen der Intoleranz-Intoleranten und Toleranz gegenüber Intoleranz-Intoleranten. Fast schon Alltag der Toleranz und Sojamilch einfordernde Laktoseintolerantenterror in unseren Cafés. Nun die neue rheinische Intoleranz gegenüber der Wollhandkrabbe: “Sie ist schon bis zur Obererft vorgedrungen!” Wem die Obererft gehört, gehört Deutschland. Unsere Obererft-Kernkultur.
Die Ablehnung des jeweils Fremden, Befremdenden, selbst im Vertrauten Fremdartigen drückt nichts anderes als das Mißtrauen gegenüber dem Eigenen aus, die Schwierigkeit, den selbst gestellten Ansprüchen zu genügen, das heimliche Wissen ums eigene Scheitern, das zuzugeben den Freitod des Einzelnen in der Gesellschaft markiert, die letztlich aus denselben, sich mißtrauenden Einzelnen besteht, deren Mißtrauen wiederum darin gründet, zu wissen, daß sie ihr Mißtrauen nicht zugeben dürfen. Stattdessen: Weiterschieben des Schwarzen Peters. Nach außen gelebte, offen vorgetragene Toleranz gegenüber der eigenen Position, längst abgehandelt als staatstragende Doppelmoral des Bürgertums.
Die Chinesische Wollhandkrabbe war lange vor den Chinesen in China, einem uralten Kulturvolk, das seit Jahrtausenden mit der Krabbe zu leben versteht. Das sie gekocht oder gedämpft und klaglos bis freudig mit einem Reisessig-Ingwer-Dip verspeist. Was wiederum der Rheinländer (noch) nicht weiß und woran sich seine Toleranzdiskrepanz bezüglich der Wollhandkrabbe bemißt. Was nichts macht. Toleranzdefizite sind immer vorübergehender Natur. Sie verschwinden über Nacht, im Schlaf, dem Tolerantmacher schlechthin, und falls sie anderntags mit ihrem Wirt erwachen und sich erneut berappeln, werden sie eben mit einer Narrenkappe kuriert: am Tag, an dem der Rheinländer dereinst die Verspeisbarkeit des Tiers begreift, wird er’s immer schon gewußt haben.

* Hooligans gegen Salafisten
** Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes