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Inhalt 01/2015

Die Lesezeichen-Ausgabe 01/2015 erschien am 13. April 2015.

In dieser Ausgabe:

Saubere Unterwerke und disziplinlose Kobbois, Win-Win-Situationen, Pablo Picasso und Henry Bean, die Wohnzimmer unserer Eltern, fehlende Hühner sozialistisch-protestantischer Herkunft und Chinesische Wollhandkrabben, schüchterne Verse und blaue Elephanten, eine Anpassung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen, Kurt Neumann und die Idee der Beginnlosigkeit, Garrincha und die Bohnenstangen-Sabine, die ankernde Endlichkeit des Johannes, ein Pinsel in der Badewanne, Exit-Strategien und die Pulmologie …. uvm.

INHALT:

novela corta #79

katharina vasces und der kobboi am meer

katharina vasces war klug genug, dem kobboi über den besuch vom festland nichts zu erzählen. sie wollte ihm ja nicht die laune verderben.

so kann sie nun in aller ruhe mit dem kobboi den feierabend geniessen.

für frau heidi gassner verriet uns katharina vsaces dann doch noch eine kleine geschichte vom kobboi:

als erstklässler in einem kleinen dorf ging er vor dem unterricht immer in zweierkolonne vom schulhaus in die kirche zur morgentlichen messe und nachher wieder zurück in die schule.
die schule war übrigens eines der wenigen neuen häuser im dorf und dadurch für den kobboi eine völlig fremde welt. die lehrerin war auch nicht eine vom dorf und sie war auch anders gekleidet als die übrigen frauen, und sie trug immer stiefel mit langen schäften und hohen absätzen.
so kam es, dass nach der messe, zurück in der schule, alle die schuhe auszogen und in pantoffeln schlüpften. die lehrerin zog auch immer ihre stiefel aus und wechselte vermutlich zu bequemeren schuhen, der kobboi kann sich nicht mehr daran erinnern.
wie es dazu kam, weiss er auch nicht, aber auf alle fälle gab es immer wieder schülerinnen und schüler, die der lehrerin beim stiefelausziehen halfen. es gab meistens ein regelrechtes gerangel darum, wer das machen durfte.
dem kobboi war das mehr als recht, denn er war mit sich, seiner umwelt, der schule, den schuhen, eltern, geschwistern, träumen, mitschülern, dem schnee und so weiter derart beschäftigt, dass ihm keine zeit zur verfügung stand, auch noch der lehrerin aus den stiefeln zu helfen.
als gegen ende schuljahr die lehrerin sich ausführlich mit seinen eltern über seine nicht vorhandene diziplin unterhielt und der kobboi sich zu verteidigen versuchte, kam dann prompt der vorwurf der lehrerin, er hätte nie geholfen, ihr die stiefel auszuziehen.
der kobboi war verwirrt und für den rest des elterngesprächs sprachlos.

Thomas Mann in einem Brief an seine Waschfrau

Sehr verehrte Frau Schleusenberg,

Sie haben mir eine Ehre erwiesen mit der Übersendung meiner sauberen Wäsche und haben mir eine höchst angeregte Stunde damit bereitet. Mein inneres Verhalten dazu wechselte zwischen der beifälligsten Zustimmung und einer gewissen Bestürzung über einen oft etwas gewalttätigen Einatz von Scheuermitteln, und zwar sowohl bei der einzelnen Unterhose wie auch in der Gesamthaltung, die ja ohne Zweifel ein wenig ins Pedantische fällt. Verzeihen Sie diesen Ausdruck, der sachlich natürlich durchaus nicht am Platze ist, aber was ich meine, ist ein gewisser Wille zur peniblen Genauigkeit, der in meinen Augen ein wenig krank anmutet. Sauber muss nicht ins Fascistische abgleiten, und darum muss ich Sie künftig der Dienste, die Sie meinen Unterhosen leisteten, entbinden. Sauber soll mein Unterwerk, bezeichnen wir es so, schon sein, nicht aber von allen Spuren menschlicher Tätigkeit befreit.

einer hob gegenüber …

einer hob gegenüber
hinterm fenster
den arm
da wo ich hätte
ich und die welt
a supposèd person
hingehen sollen
den platz überquerend
(looks like an agony)

wie aber kann einer
hinter dem fenster
gegenüber stehend
vor dem arm
der sich hebt
geboren werden?

(johannes drei vier)

la fiamma è avida
und späht dich aus

(30.3.15)

Hülfe denn womöglich eine Schriftstellerselbstmordwelle, Frau Torik?

Lamentiert wird zurzeit andernorts, da bin ich ja fast froh, denn alles selber machen will man denn nun auch wieder nicht! Beklagt wird jedenfalls, bei der Kollegin Aléa Torik nämlich, daß es dem literaturschreibenden Menschen meist schlecht geht, beruflich, finanziell, psychisch, während von eben diesen Schreibenden allerlei andere Berufstätige leben. Sie schreibt das folgende, ich darf mal zitieren:

Es ist tatsächlich ausgesprochen obszön, dass so viele schreiben. Dass so viele zu den Fleischtöpfen streben, von denen es nicht wenige gibt. Aber es kommen eben immer nur ganz wenige in Frage. Es sind wenige hundert, die die Preise und Stipendien bekommen, die auf die großen Festivals eingeladen werden etc. etc. Es ist obszön, dass wir, die wir Hunderttausend Menschen in Lohn und Brot halten, selbst solche Hungerleider sind. Wir müssten aufstehen und klipp und klar sagen, dass wir das nicht mehr machen. Wir schreiben keine Texte mehr. Wir schicken nichts mehr an Verlage, wir bewerben uns nicht mehr auf Stipendien und lehnen Lesungen freundlich, aber bestimmt ab. Wir verweigern uns einfach. Wir schreiben nichts mehr, vielmehr veröffentlichen wir nichts mehr. Anders als bei der Deutschen Bahn oder der Lufthansa, wo wegen Lappalien gestreikt wird, geht es bei uns um die gesamte Existenz.

So also Aléa Torik in ihrem Beitrag, und zwar als Replik auf die wütende Aufforderung Bersarins an die Schriftsteller:innen, sich doch gefälligst zu reduzieren, was imgrunde natürlich ein Schrei nach Liebe, also nach Qualität ist. Aber würde eine Verweigerung, ein (Schriftsteller:innen-)Streik, etwas nützen? So wie ein Krieg auch nur Krieg genannt werden darf, wenn er grundsätzlich beendet werden kann, so ist ein Streik auch keine ewige Verweigerung, irgendwann bröckelt die Front, Streikbrecher nutzen die Lage, ihren Kram unterzubringen, und so weiter und so weiter – und am Ende wäre die Zahl der Schriftsteller:innen nicht nur nicht kleiner, sondern womöglich größer. Was also tun? Auf die verwirrte Leserschaft ist natürlich wie immer kein Verlaß, denn die sind wegen des Überangebots an Literatur ohnehin völlig überfordert (und dabei gäbe es hinter dem Überangebot noch ein weiteres und sogar noch größeres solches), so daß womöglich nur eine Lösung bliebe, die zum einen die pure Anzahl an Literaten reduzierte, aber diesen auch je einen Publikumserfolg bescherte, möglich gemacht nämlich, so jedenfalls meine Idee, durch den einfachen und effektiven Selbstmord eines jeden einzelnen Schreibenden, und zwar direkt nach Beendigung der ersten selbst als gut empfundenen literarischen Arbeit. Grund dafür ist in jedem einzelnen Falle die Erkenntnis, mit solch einem Text nie und nimmer Erfolg haben, sich also auch gleich umbringen zu können – was aber wiederum mit dem Trost verbunden ist, durch sein eigenes tragisches Ableben wenigstens dem Text allein, ihm als solchem eine gute Chance auf Veröffentlichung und Erfolg zu ermöglichen, denn, das weiß man, das Publikum liebt gute Geschichten, die in der Realität, also der Verzweiflung der Autoren wurzeln. Alles in allem entstünde so eine Win-Win-Situation, die Autor:inn:en nämlich zeigten, wie ernst sie es meinen mit ihrer Kunst, wie sehr das Schreiben ihr Leben ist, und zudem würden die so ins Licht gerückten Texten angemessen gewürdigt werden, und das sogar von einem Publikum, das eben genau diese Texte wirklich will. Nur um den Nachwuchs an literarisch schreibenden Menschen müßte man sich womöglich ein wenig Sorgen machen, aber das Problem lösen wir dann auch noch, später irgendwann.

Ich. Jetzt. Frühling.

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Ich. Spring. Heute.

 

Um fünf Uhr bin ich von der Leiter gestiegen. Ich habe die feinen Schweineborsten des Pinsels in der Badewanne ausgeschwemmt. Das Bad strahlt wieder ein bisschen mehr weiss. Gelb soll noch, so Lust dazu sein wird, hinzukommen.

 

Um sechs Uhr habe ich meinen fröhlichen schwarz-weissen Hund in mein kleines blaues Auto hopsen lassen. Und bin zur grünen Tankstelle gebraust: Kaffeetrinken. Feldstudien. Beobachtungen. Tipps.

 

Um sieben Uhr habe ich mich an meinen roten Laptop gesetzt. Das 200 Gramm schwere Radio-Apparätchen dudelt. –

Um acht Uhr soll dieser kleine Blog-Beitrag erscheinen. Länger gebe ich mir dafür nicht.

 

Also sage ich jetzt ganz schnell in einfacher Weise, was mir kompliziert am Herzen liegt. Nämlich, dass in|ad|ae|qu|at sich ein bisschen ändern wird. Und zwar in der Form. Und zwar auch im Inhalt. Und überhaupt auch als eine Form von “Temperament” des Kommunizierens.

 

Christiane Zintzen – formerly known as “czz” – wird fortan in ihrem und für ihren Namen hier schreiben. Christiane Zintzen wird hier ihren Umschlagplatz für Heiliges und Profanes halten. Christiane Zintzen wird sich die Freiheit nehmen, sich die Freiheit zur Freiheit zu nehmen.

 

Es ist Frühlingsbeginn.

 

Hotel Zeus, Málaga

In Málaga ist Carnaval. Junge Mädchen ziehen meist zu viert in Gruppenverkleidung durch die Altstadt. Vier Engel, vier Krankenschwestern, vier Fußballfans. Es hat einen Hauch von Manga, einen Hauch von Erstsemesterritual, obwohl die Mädchen noch weitaus jünger sind. Zwischen 16 und 18 schätzungsweise. Der Rest der Menschen ist in normaler Freitagabendausgehkluft. Auf dem großen Platz werden später Drag Queens gekürt. Ich sehe Erwachsene, kleine Spanier, kleine Spanierinnen, durchaus auch mal aufgemacht. Ich bin heute Abend der größte Mann in dieser Stadt. Leider habe ich Kopfschmerzen, dann Rückenschmerzen, und warte eigentlich nur auf die Wirkung der Ibu. Kein guter erster Tag, aber die Luft ist gut, und der Geruch nach Meer.

Das Hotel steht in einer eher abbruchreifen Gegend. Überhaupt ist Málaga kein Schmuckstück von Stadt; allein die Altstadt wurde aufgehübscht und zur übergroßen Fußgängerzone entwickelt. Irgendwo steht eine große Burg, irgendwo steht eine Kathedrale. Ich suche morgen danach. Davor steht ein großflächiger Hafen – vom Hotel aus werden Touren nach Afrika angeboten, Tanger, Marokko, für 78 Euro inklusive Essen. Im Reiseführer heißt es, die Stadt habe sehr unter dem Bürgerkrieg gelitten. Außerdem steht da folgender Satz: „Die Geburtsstadt von Pablo Picasso bemüht sich um einen Ruf als Kulturmetropole.“

Die Wolken da schicken sich an, dunkel zu werden
und die Regierungskreise hassen es, berührt zu werden

Befinden: schwankend bis furchtbar. Wie immer, wenn ich alleine reise, kommt der Gedanke auf: Was mache ich hier eigentlich? Soll es meine letzte Reise sein, ich meine, die letzte, die ich alleine mache? Hoffentlich. Schon die Amerikanerin im Bus vom Flughafen meinte: „How brave you are to travel alone.“ – Interessante Kommunikationsstrategie übrigens: Immer zuerst mit einem Kompliment beginnen. „I like your map!“ Was soll man dazu sagen? Dann zwei, drei interessierte Fragen – schon ist man im Gespräch. Tiefe und Verbindlichkeit werden natürlich trotzdem vermieden. (Ein Ehepaar aus Idaho, circa Anfang 50, via Berlin gekommen. Sie fanden Berlin schön – aber auch grau und schmutzig, und die Luft war schlecht. Letzteres fällt mir gar nicht mehr auf: There is smog above the city.) – Und ich sehe wie gesagt nur junge Menschen, junge Leute zwischen 15 und 30, und dann ältere, Menschen ab 45, manchmal auch Eltern, aber irgendwie habe ich ein komisches Gefühl meiner Altersgruppe gegenüber: Wo sind sie denn, die Anfangvierziger? Ist diese Generation ausgestorben? Oder sitzt sie genauso rückenschmerzengeplagt zu Hause, die Kinder sind zum Glück schon im Bett? – Mehr dazu bald. Alles etwas flach noch. Wird schon wieder.

Fragen an einen potentiellen Geliebten

Wie hast du es bis hierhin geschafft? Was ist dein bester Trick? Worauf verlässt du dich, wenn alle Systeme versagen?
Könntest du einen schwierige-Fragen-Text schreiben? In welches Tier hättest du dich verwandelt, wenn du Kafka gewesen wärest? Wie lange kannst du dich wirklich am Stück konzentrieren? Wie hoch ist die Miete für den Lagerraum, in dem du deine unlösbaren Probleme aufbewahrst?

Wie oft hat es dich schon weitergebracht, der Realität ins Auge zu blicken? Wärst du gern häufiger unsagbar geil? Gibt es einen Alptraum aus deiner Kindheit, an den du dich immer noch erinnerst?
Hast du ein Talent, für das du noch nie Anerkennung bekommen hast, geschweige denn Entlohnung? Wie viele Häute besitzt du?
Wie viele Überlebensrituale praktizierst du? Wie viele davon hast du selbst erfunden? Wer kann dir das Wasser reichen? Wer reicht dir Wasser? Wie oft hat dich in der vergangenen Woche der Gedanke, hinterher aufräumen zu müssen, an einem Vorhaben gehindert?

Wer bügelt deine Versäumnisse aus? Vermutest du oft, dass andere etwas besser hinbekommen als du? Riechst du heimlich an deinen Achselhöhlen?
Schöne Bescherung: Klingt das in deinen Ohren eher nach Weihnachten oder danach, dass du etwas ausgefressen hast? Wie belohnst du deine Verbündeten? Kannst du dich einem Menschen hingeben, für den du nicht die erste Wahl bist?
Könntest du eine Stalkerin lieben? Glaubst du, dass Wichsen zur Psychohygiene gehört? Wie viele Menschen leben in deiner Wohlfühlzone? Stehen dir Parallelwelten zur Verfügung?
Hast du eine Exit-Strategie? Was löst das Wort „Beschwörung“ in dir aus?

Bist du troy? Pickst du Rosinen? Welches Verkehrszeichen würdest du gerne in der Straße aufstellen, in der du lebst? Hast du ein unsichtbares Muttermal und welche Form hat es? Welche Auswirkungen hat deine Genügsamkeit? Welche Auswirkungen hat dein Größenwahn?
Wie raffiniert ist das Vokabular, mit dem du deine Ängste verschleierst? Zuckst du zusammen, wenn eine Frau „ficken“ sagt? Magst du Hefe?
Sollten dir mehr Menschen huldigen? Was inspiriert dich zu aufregenderen Ideen: Information oder Desinformation? Wärst du glücklicher, wenn du tatsächlich der Mensch wärst, den die anderen in dir sehen? Wie fändest du es, wenn ein Abguss deines Körpers als Modell für eine Schaufensterpuppe verwendet würde? Genießt du es, wenn dich andere kopieren?
Bist du endgültig?

noise

2

ginkgo : 21.38 — Als ich unlängst die wun­der­bare Film­ko­mö­die Noise von Henry Bean ent­deckte, erin­nerte ich mich an eine Geschichte, die ich vor eini­gen Jah­ren in New York skiz­zierte. Sie geht so: Seit eini­gen Tagen spa­ziert ein drah­ti­ger Herr von klei­ner Gestalt in mei­nem Kopf herum. Er ist so deut­lich zu sehen, dass ich mei­nen möchte, ich würde ihn ein­mal per­sön­lich gese­hen haben, eine Figur, die durch die Stadt New York irrt auf der Suche nach Lärm­quel­len, die so beschaf­fen sind, dass man ihnen mit pro­fes­sio­nel­len Mit­teln zu Leibe rücken könnte, Hupen, zum Bei­spiel, oder Pfeif­ge­räu­sche jeder Art, Klap­pern, Krei­schen, ver­zerrte Radio­stim­men, Sire­nen, alle die­sen ver­rück­ten Töne, die nicht eigent­lich begrün­det sind, weil sie ihre Ursprünge, ihre Not­wen­dig­keit viel­leicht längst ver­lo­ren haben im Lauf der Zeit, der Jahre, der Jahr­zehnte. Ich erin­nere mich in die­sem Moment, da ich von mei­ner Vor­stel­lung erzähle, an einen schril­len Ton in der Sub­way Sta­tion Lex­ing­ton Ave­nue / 63. Straße nahe der Zugangs­schleu­sen. Die­ser Ton war ein irri­tie­ren­des Ereig­nis der Luft. Ich hatte bald her­aus­ge­fun­den woher das Geräusch genau kam, näm­lich von einer Klin­gel mecha­ni­scher Art, die über dem Häus­chen der Sta­ti­ons­vor­ste­he­rin befes­tigt war. Diese Klin­gel schien dort schon lange Zeit instal­liert zu sein, Kabel, von grü­nem Stoff umman­telt, die zu ihr führ­ten, waren von einer Schicht öli­gen Stau­bes bedeckt. Äußerst selt­sam an jenem Mor­gen war gewe­sen, dass ich der ein­zige Mensch zu sein schien, der sich für das Geräusch inter­es­sierte, weder die Zug­rei­sen­den, noch die Tau­ben, die auf dem Bahn­steig lun­ger­ten, wur­den von dem Geräusch der Klin­gel berührt. Auch die Sta­ti­ons­vor­ste­he­rin war nicht im min­des­ten an dem schril­len­den Geräusch inter­es­siert, das in unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den ertönte. Ich konnte kei­nen Grund, auch kei­nen Code in ihm erken­nen, das Geräusch war da, es war ein Geräusch für sich, ein Geräusch wie ein Lebe­we­sen, des­sen Exis­tenz nicht ange­tas­tet wer­den sollte. Wenn da nun nicht jener Herr gewe­sen wäre, der sich der Klin­gel näherte. Er stand ganz still, notierte in sein Notiz­heft, tele­fo­nierte, dann war­tete er. Kaum eine Vier­tel­stunde ver­ging, als einem U-Bahnwaggon der Linie 5 zwei junge Män­ner ent­stie­gen. Sie waren in Over­alls von gel­ber Farbe gehüllt. Unver­züg­lich näher­ten sie sich der Klin­gel. Der eine Mann fal­tete seine Hände im Schoss, der andere stieg auf zur Klin­gel und durch­trennte mit einem muti­gen Schnitt die Lei­tung, etwas Ölstaub rie­selte zu Boden, und diese Stille, ein Faden von Stille. — stop

polaroidbridge

MUNDSCHUTZ FÜR ÜBERTRÄGER

es begann mit strahlenden Augen,
auf einer Schnitzerei im Rasen vor der Pulmologie.
Und gleich hinter der Tür der Mundschutzspender:

Wir zogen uns die Dinger schnell über,
denn an jeder weiteren Tür
klebte ein Plakat mit Mundschutz-Gesichtern.

Und oben der Griff zum Desinfektionsmittelspender.
Es roch »entsetzlich«; und »schrecklich«
die Farben der Möbel und Vorhänge –

Hellgrün, Lila, Braun, Schwarz, Rosa –,
die auf keinen Fall in ein Krankenhaus passten;
vier Sessel, zwei Schränke, Tisch und Bett; und Isolation.

Wir hatten den Kranken als Gesunden erachtet,
ihn überall berührt: an den Wangen,
Augen, Ohren, am Mund;

an den Gliedmaßen, am Geschlecht.
Wir mussten ihn pfleglich behandeln,
ignorieren die Eifersucht seiner Töchter,

zugleich eine Abfolge der Teilnahme arrangieren,
um gleichartig in den Genuss seiner Haut und Haare,
seines Fleisches zu kommen.

Über die Venen drangen wir in seine Lunge vor.
Dort konnten wir alle Verschattungen pflücken,
diese klebrigen Bakterienhäufchen,

die so gern in seinem Körper zuhause waren
und ins Unendliche zu wachsen schienen,
ungeachtet dessen, dass aus uns nun Überträger wurden

(2014)