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Inhalt 01/2015

Die Lesezeichen-Ausgabe 01/2015 erschien am 13. April 2015.

In dieser Ausgabe:

Saubere Unterwerke und disziplinlose Kobbois, Win-Win-Situationen, Pablo Picasso und Henry Bean, die Wohnzimmer unserer Eltern, fehlende Hühner sozialistisch-protestantischer Herkunft und Chinesische Wollhandkrabben, schüchterne Verse und blaue Elephanten, eine Anpassung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen, Kurt Neumann und die Idee der Beginnlosigkeit, Garrincha und die Bohnenstangen-Sabine, die ankernde Endlichkeit des Johannes, ein Pinsel in der Badewanne, Exit-Strategien und die Pulmologie …. uvm.

INHALT:

Thomas Mann in einem Brief an seine Waschfrau

Sehr verehrte Frau Schleusenberg,

Sie haben mir eine Ehre erwiesen mit der Übersendung meiner sauberen Wäsche und haben mir eine höchst angeregte Stunde damit bereitet. Mein inneres Verhalten dazu wechselte zwischen der beifälligsten Zustimmung und einer gewissen Bestürzung über einen oft etwas gewalttätigen Einatz von Scheuermitteln, und zwar sowohl bei der einzelnen Unterhose wie auch in der Gesamthaltung, die ja ohne Zweifel ein wenig ins Pedantische fällt. Verzeihen Sie diesen Ausdruck, der sachlich natürlich durchaus nicht am Platze ist, aber was ich meine, ist ein gewisser Wille zur peniblen Genauigkeit, der in meinen Augen ein wenig krank anmutet. Sauber muss nicht ins Fascistische abgleiten, und darum muss ich Sie künftig der Dienste, die Sie meinen Unterhosen leisteten, entbinden. Sauber soll mein Unterwerk, bezeichnen wir es so, schon sein, nicht aber von allen Spuren menschlicher Tätigkeit befreit.

novela corta #79

katharina vasces und der kobboi am meer

katharina vasces war klug genug, dem kobboi über den besuch vom festland nichts zu erzählen. sie wollte ihm ja nicht die laune verderben.

so kann sie nun in aller ruhe mit dem kobboi den feierabend geniessen.

für frau heidi gassner verriet uns katharina vsaces dann doch noch eine kleine geschichte vom kobboi:

als erstklässler in einem kleinen dorf ging er vor dem unterricht immer in zweierkolonne vom schulhaus in die kirche zur morgentlichen messe und nachher wieder zurück in die schule.
die schule war übrigens eines der wenigen neuen häuser im dorf und dadurch für den kobboi eine völlig fremde welt. die lehrerin war auch nicht eine vom dorf und sie war auch anders gekleidet als die übrigen frauen, und sie trug immer stiefel mit langen schäften und hohen absätzen.
so kam es, dass nach der messe, zurück in der schule, alle die schuhe auszogen und in pantoffeln schlüpften. die lehrerin zog auch immer ihre stiefel aus und wechselte vermutlich zu bequemeren schuhen, der kobboi kann sich nicht mehr daran erinnern.
wie es dazu kam, weiss er auch nicht, aber auf alle fälle gab es immer wieder schülerinnen und schüler, die der lehrerin beim stiefelausziehen halfen. es gab meistens ein regelrechtes gerangel darum, wer das machen durfte.
dem kobboi war das mehr als recht, denn er war mit sich, seiner umwelt, der schule, den schuhen, eltern, geschwistern, träumen, mitschülern, dem schnee und so weiter derart beschäftigt, dass ihm keine zeit zur verfügung stand, auch noch der lehrerin aus den stiefeln zu helfen.
als gegen ende schuljahr die lehrerin sich ausführlich mit seinen eltern über seine nicht vorhandene diziplin unterhielt und der kobboi sich zu verteidigen versuchte, kam dann prompt der vorwurf der lehrerin, er hätte nie geholfen, ihr die stiefel auszuziehen.
der kobboi war verwirrt und für den rest des elterngesprächs sprachlos.

Notizen von unterwegs (2)

Bei Zons. Schimpfender Rheinangler. Hat eine Chinesische Wollhandkrabbe aus dem Fluß gezogen. Verzieht die Miene, belegt das mit den Scheren protestierende Krustentier mit abwertenden Begriffen. Beklagt das Überhandnehmen des Fremdlings, redet sich in Rage, “Eindringling”, “Schädling”, “Freßfeind”, “Vormarsch”. Klingt nach Kriegspropaganda, HoGeSA* und PEGIDA**, tendenziell puristisch Anti-, insgesamt nach überreichlich bekanntem Vokabular. Das ausgerechnet im Rheinland, wo der Toleranzgedanke nach Einschätzung des Rheinländers mit der Muttermilch an die Kinder weitergegeben wird. Toleranzland. Auf Basis des rheinischen Jrundjesetzes. (Und wieder nicht: “Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet.” (Artikel 6).) Unterm Strich: Hat sich was mit Tolerieren! Nicht nur beim Angeln. In rheinischen Städten häufen sich Demonstrationen religiös-politisch-herkunftsbezogener Intoleranz. Samt Gegendemonstrationen der Intoleranz-Intoleranten und Toleranz gegenüber Intoleranz-Intoleranten. Fast schon Alltag der Toleranz und Sojamilch einfordernde Laktoseintolerantenterror in unseren Cafés. Nun die neue rheinische Intoleranz gegenüber der Wollhandkrabbe: “Sie ist schon bis zur Obererft vorgedrungen!” Wem die Obererft gehört, gehört Deutschland. Unsere Obererft-Kernkultur.
Die Ablehnung des jeweils Fremden, Befremdenden, selbst im Vertrauten Fremdartigen drückt nichts anderes als das Mißtrauen gegenüber dem Eigenen aus, die Schwierigkeit, den selbst gestellten Ansprüchen zu genügen, das heimliche Wissen ums eigene Scheitern, das zuzugeben den Freitod des Einzelnen in der Gesellschaft markiert, die letztlich aus denselben, sich mißtrauenden Einzelnen besteht, deren Mißtrauen wiederum darin gründet, zu wissen, daß sie ihr Mißtrauen nicht zugeben dürfen. Stattdessen: Weiterschieben des Schwarzen Peters. Nach außen gelebte, offen vorgetragene Toleranz gegenüber der eigenen Position, längst abgehandelt als staatstragende Doppelmoral des Bürgertums.
Die Chinesische Wollhandkrabbe war lange vor den Chinesen in China, einem uralten Kulturvolk, das seit Jahrtausenden mit der Krabbe zu leben versteht. Das sie gekocht oder gedämpft und klaglos bis freudig mit einem Reisessig-Ingwer-Dip verspeist. Was wiederum der Rheinländer (noch) nicht weiß und woran sich seine Toleranzdiskrepanz bezüglich der Wollhandkrabbe bemißt. Was nichts macht. Toleranzdefizite sind immer vorübergehender Natur. Sie verschwinden über Nacht, im Schlaf, dem Tolerantmacher schlechthin, und falls sie anderntags mit ihrem Wirt erwachen und sich erneut berappeln, werden sie eben mit einer Narrenkappe kuriert: am Tag, an dem der Rheinländer dereinst die Verspeisbarkeit des Tiers begreift, wird er’s immer schon gewußt haben.

* Hooligans gegen Salafisten
** Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes

an mnemosyne

wer wenn nicht du, die fand mich im gleichmut der worte,
wer wenn nicht ich, sie von ferner noch euch und mir dichtend?
wer aber wäre der hüter des worts, das sich abzweigt,
wer sein hörer unter den schafen, die weiden
auf grünerem grund, fräßen die silben wie gräser?
wer also wären wir, die einträchtig lauschen?

trunk’ner als ich war nie eine nacht all den dichtern,
versunkener auch nicht – vielmehr gegenwärt’ges erbarmen.
und zuckend die glieder, wenn sie sich ihres erhörten,
ein krampf also in allen liedern, den schlagern die schläge
so schräge erhofft, dass auch sie noch sängen sie wieder,
die eu’re zumal, doch unsere niemals gewesen.

denn unseres singen verstummt schon an jeglicher silbe,
die es sich und euren gesängen geraunt und gewispert.
sängen wir vorwärts, das rückwärts wäre schon drin,
und darin ein hin und auch weg unseren schüchternen versen.
wir wären und waren und werden und bleiben verzichtbar,
ein abraum, vergehen, der nachklang, verwehen: – ein wort.

-> Zur Audiodatei dieses Beitrags

Der Ko(s)mische

ein Duft wie in der Dallmayr=Stube der Therese Randlkofer : Kaffa in Äthiopien (der blaue Elephant hält inne), psychotrope Wirkstätte : Geküchel. Ich ahme mich nach im Schnee, durch den ich Quarkkuchen balanciere / ein haariges Mittel erwartet mich (ich hätte ja nachwievor gerne eine Wasserwelle, die so beschissen an mir klaftert, daß ich mich verstecken müßte). Ziemlich nachtaktiv & ich muß mich wieder in den Morgen schrauben – aber so ein Bett ist einfach zu… und das zu jeder Zeit (überhaupt : Zeit !)
Schreibmaschine, Bett, Bibliothek (und natürlich Vinyl !) / Hausanzug : meine Morgenmäntel abgetragen, ich bekomme nahezu jeden Tag Buchlieferungen; man schämt sich ja so halbnackt die Tür aufzumachen (bin ja keine nackt=berechtigte 20 mehr (ja, und 30 natürlich auch nicht). Man sollte gar nicht so schockiert sein : „Der ‚Komische‘ ? Wohnt da oben, das Paket könnense aber auch mir geben !“

Ohne Facebook

••• Ich habe es getan. Mein Facebook-Account ist gelöscht. Das heißt: was Facebook gemeinhin als gelöscht bezeichnet. Die Firma sitzt nach wie vor auf allen von mir eingesammelten Daten, aber nur noch Facebook kann sie nutzen. Ich nicht mehr. Immerhin bin ich die Pest nun los.

Geplant habe ich diesen Schritt schon lange. Nach der letzten Anpassung der »Allgemeinen Geschäftsbedingungen« blieb mir jedoch gar nichts anderes mehr übrig. Facebooks Einstellung zur Privacy war schon immer etwas schütter und wesentlich laxer als die der anderen großen Datenkraken. Mit den letzten Neuerungen jedoch, denen jeder zugestimmt hat, der Facebook bisher nicht den Rücken kehrte, befindet sich die Firma in einer ganz eigenen Liga.

Liebe Freunde, liebe Familienmitglieder, es hat daher keinen Zweck, mich zu necken, mit mir zu debattieren, mich zu bedauern. Ich bin froh, Facebook los zu sein. Nicht nur in meinem Interesse habe ich den Account gelöscht, sondern auch in eurem, ob ihr selbst einen Facebook-Account habt oder nicht.

 

Und da kaum jemand glauben mag, was doch so offensichtlich ist, sei an dieser Stelle noch einmal zusammengetragen und deutlich ausgesprochen, warum Facebook ein solches Übel für uns alle ist. Ich bitte euch: Nehmt euch die Zeit, diese Zeilen hier zu lesen und ein wenig darüber nachzudenken.

Mit Facebook ist es wie mit vielen anderen Giften auch: Nur weil es nicht sofort spürbar ist, dass wir uns vergiften, bleiben wir noch lange nicht unbeschadet. Allen »Privatsphäreeinstellungen« zum Trotz muss klar sein, dass es, sobald man einen Account bei Facebook eröffnet, online keine Privatsphäre mehr gibt. Denn die Daten unseres Lebens sind das Kapital, mit dem Facebook wuchert. Die umfassende Ausspionierung ist möglich aufgrund der »Geschäftsbedingungen« (die fast niemand je gelesen hat) und der unendlich vielen Schlupflöcher darin. Allzu oft geht Facebook, wenn es gebraucht wird, auch flugs hinter einmal gemachte Zusagen zurück. Man muss diesen »Geschäftsbedingungen« nicht einmal mehr aktiv zustimmen. Indem man den Account nicht löscht, stimmt man zu, ganz gleich wie oft und in welchen Formen man in der eigenen Timeline bekundet, genau diesen »Geschäftsbedingungen« zu widersprechen. Solche Beteuerungen sind nutzlos. Wer den Dienst nutzt, akzeptiert die AGB – automatisch.

Und was geschieht nun eigentlich hinter den Kulissen? Ein paar Beispiele:

Auf Basis all dieser Daten erstellt Facebook sehr genaue Profile. Man muss noch nicht einmal aktiv auf der Plattform sein. Selbst, wenn wir nichts dort posten, kann man durch statistische Methoden und den »Datenbeifang« (vor allem das Tracking der Web-Umtriebe) sehr leicht auf Geschlecht und Alter, sexuelle und politische Orientierung oder den Familienstand. Posten wir auf Facebook, spielen wir noch aktiv mit. Und Facebook verkauft dann die über uns gewonnen Einsichten an Banken, Versicherungen, Werbetreibende. Und wie wir seit den Enthüllungen Snowdens wissen, hat der Staat immer wieder beste Chancen, das so gewonnene Wissen einzufordern, wenn es denn gewünscht wird.

Immer wieder höre ich den Satz: »Ich habe doch nichts zu verbergen«. Wer so spricht, denkt sehr kurz. Am deutlichsten dürfte jedem klar werden, dass diese Argumentation hohl ist, wenn Versicherungen anschaut. Die gesammelten Daten werden schließlich dafür genutzt, unsere Zukunft zu prognostizieren. Und auf Basis dieser Prognose könnte es morgen schon sein, dass wir eine Versicherung nicht mehr abschließen können oder einen Kredit nicht genehmigt bekommen, weil unser Online-Profil anders als unser Krankenakte oder unsere Einkommensnachweise nahelegen, dass wir mit einem zu hohen Risiko behaftet sind.

So steht es in den »AGB«:

You give us permission to use your name, profile picture, content and information in connection with commercial, sponsored or related content (such as a brand you like), served or enhanced by us.

Und ein wenig später:

By “information” we mean facts and other information about you, including actions taken by users and non-users who interact with Facebook.

Salim Virani, der für seinen englischsprachigen Artikel zu diesem Thema die meisten hier genannten Links gesammelt hat, beschreibt ausführlich, was diese Praktiken für Folgen haben, nicht irgendwann, sondern jetzt und bereits seit langem.

Am meisten ärgert mich die Facebook-Praxis der »Schattenprofile«. Diese werden für alle jene Personen angelegt, mit denen wir in Verbindung stehen und die NICHT bei Facebook sind. Wer schon einmal zugestimmt hat, das eigene Adressbuch zu einem Anbieter hochzuladen (Faceboook, Google, GMX und viele andere), hat bereits alle seine Freunde und Bekannten verraten. Ob wir uns nun aktiv mit ihnen »befreunden« oder nicht – sie sind in unserem Adressbuch. Vielleicht haben wir ihnen mal eine Mail geschrieben oder eine SMS. Also besteht eine Verbindung. Mit unseren Aktionen in den sozialen Medien verschenken wir nicht nur unsere Freiheit, wir verkaufen auch noch unsere Freunde und unsere Familie, in aller Regel, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Es geht hier nicht um Spinnerei, sondern ums Ganze. Wir können nicht zurückfordern, was wir bereits preisgegeben haben. Aber wir können aufhören, mitzuspielen.

Facebook will nicht, dass wir gehen. Deswegen wird uns die Trennung auch schwer gemacht. Der Account wird für 14 Tage lediglich deaktiviert. Meldet man sich innerhalb dieser 14 Tage erneut an, ist die ganze Löschung rückgängig gemacht. Man muss also den Account löschen und sicherstellen, dass man 14 Tage lang nicht einmal versehentlich daran rührt.

Wenn ihr euren Facebook-Account löschen wollt, müsst ihr zunächst alle Facebook-Apps von euren Telefonen, Tablets und PCs löschen. Dann solltet ihr das Facebook-Passwort ändern und den Account löschen. Löscht alle Cookies in allen euren Browsern. Und dann haltet 14 Tage durch. Es geht auch ohne. Ich stelle fest: Es geht sehr gut ohne.

Und mein Leben gehört ein wenig mehr wieder mir.

Übrigens: Mail und Telefon und Gespräche von Angesicht zu Angesicht, das funktioniert weiter – auch ohne Facebook.

Quellen:

 

Tornato

Garrincha, brasilianischer Fußball-Mythos der 1950er und 60er Jahre, war misstrauisch. Das Geld, das er bei Botafogo verdiente, dem Club, dem er zeitlebens treu blieb, vertraute er keiner Bank an, er versteckte es daheim im Kleiderschrank. Zu Beginn einer Saison, wenn eine neue Lieferung kam, in kleinen gebrauchten Scheinen, stemmte sich die ganze Familie mit vereinten Kräften gegen die Schranktüren, um sie wieder zuzukriegen, so eine ehemalige Nachbarin. Dazu lief laute Bossa Nova Musik.

Garrincha hatte nicht nur einen Geldspeicher im Schlafzimmer, er hatte auch von Geburt an ein O- und ein X-Bein. Rein rechnerisch hätte er nach jedem Schritt umfallen müssen. Stattdessen wagte er auf dem Rasen die witzigsten Dribblings, er tanzte die Gegner gegen jede Wahrscheinlichkeit  aus, er belästigte sie und liess sie hinter sich stehen wie gründelnde Enten. Er fiedelte alles und jeden um den Verstand.

Er starb besoffen.

Hier ruht Garrincha, der die Freude der Menschen war – so steht es geschrieben auf dem Grabstein. Noch heute pilgern die Fans zu seiner Ruhestätte, noch heute fliessen Tränen. Mehr als Pele oder Maradona dribbelte sich Garrincha ins Herz Südamerikas.

 *

Ein Dribbler kann gar nicht anders. Er ist ein süchtiger Charakter, der die ständige Wiederholung sucht. Er gibt den Ball nicht her, er treibt ihn voran, um ihn behalten zu können, er sucht das Solo, so lang es nur geht. Ein Dribbel-König ist ein höchst konservativer Mensch mit Hang zur Anarchie. Interessant wird es für den geübten Dribbler ab dem zweiten, dritten Gegenspieler, den er hintereinander ausknipst. Den er umkurvt, den er nass macht, den er umfummmelt und zu bloßem Beinvieh degradiert. Dann beginnt der Rausch im Kopf. Die Sucht.

Ich war auch so ein eigensinniger Stürmer, ein verdammter Fummelkopf, oder wie mein erster Trainer Alfred B. immerzu meckerte: “Spiel den Ball ab, Glummi, du bist nicht allein auf dem Platz!”

Zwar ruhen die Augen beim Solo ständig auf dem Lederball, darüber hinaus hat man aber jede gegnerische Regung wahrzunehmen – jede noch so unmögliche wie mögliche Blockade muss vorausgesehen und einkalkuliert werden. Immerzu heisst es beim Dribbling den Ball zu feiern und zu kosen, zu huben, zu hadern, aufzubocken, zu frikassieren und zu tunneln. Und zur Not zurückzuerbeuten.

Bei jedem Sololauf durch die gegnerische Abwehr gibt es diesen Moment, wo du zu scheitern drohst. Als Mensch, als Fußballspieler, als blutjunger Künstler. Wenn du die Pille beinah vertändelst, wenn dein Gegner den Trick fast durchschaut, wenn es dir erst im allerletzten Augenblick gelingt, den Ball doch noch per Hacke mitzunehmen, das sind die glücklichsten Momente.

Zuletzt bist du allein vorm feindlichen Tor. Ein wilder Hund, das ist der Torwart. Er ist der Mann, der mit langen Armen wild wild sein Haus bewacht – und er darf kraft Gesetz eine Menge mehr als du es darfst als Stürmer: er darf dir die Lederpille vom Fuß beißen, er darf sich mit dem ganzen Körper aufs Leder werfen und unter sich begraben, als wäre es totes unnützes Material. Der Keeper ist der wahre Todfeind des Stürmers, er ist der Drecksack, dem es die Kirsche ganz zuletzt eiskalt durch die krummen untalentierten Beine zu schieben gilt.

Abdrehen, Küsschen, Jubel.

san.tiermitblauball

*

1969 stiess Tornato zu uns, der grösste und leidenschaftlichste Fummelkopp aller Zeiten, eine mitleidlose kleine Dribbelmaschine, und plötzlich war ich nur noch laufende Nummer 2 im Team. Tornato war der Garrincha des RSV, aber absolut unfähig, einen Treffer zu erzielen. Wenn Tornato den Ball abgab, dann nur aus Versehen.

(Für gewisse Sachen kann man nichts. Etwa für Talent. Niemand kann etwas für sein Talent, man ist nur dafür verantwortlich, was man daraus macht. Menschen, die ihr Talent nicht nutzen, ertrinken mit Wasser im Mund.)

Tornatos anarchischer Umgang mit dem Ball war geprägt von einem intuitiven Verständnis für Physik. Er wusste stets, in welche Richtung sich der runde, mit Luft aufgepumpte Behälter bewegt und wie er ihn behandeln musste, wenn er ihn woanders hin haben wollte.

Tornato war klein und wendig, er kam aus Süditalien und sprach kein Wort Deutsch. Ein wortkarger kleiner Aussenseiter, der niemals lachte oder sonstwie die Miene verzog. Das fanden wir komisch. Wie konnte ein Junge, der auf dem Fußballfeld vor Phantasie und Einfällen nur so strotzte, im richtigen Leben eine solch graue Maus sein. Auf dem Fußballplatz lernt man eine Menge übers richtige Leben.

Zum Beispiel: welcher Trick dir auch immer gelingen mag, der liebe Gott klatscht keinen Beifall. Es sind nur die Rentner am Spielfeldrand, die schon mal klatschen, aber noch viel lieber ist ihnen, wenn dir etwas misslingt. “Der Glumm trifft heute keinen Lastwagen aus fünf Metern Entfernung!”

Wir waren Fußball-Aficionados, Fußball war unser Leben. Wenn wir kein Training hatten und kein Spiel war, trafen wir uns am Nachmittag unten im Klauberg, auf dem großen staubigen Bolzplatz, und spielten bis es dunkel wurde und einem von uns die Achillessehne oder der Meniskus ausleierte. Ein Gefühl, als klebte einem ein Schwarm Mücken an der Ferse oder am Knie.

Tornato kam in der D-Jugend zu uns, im Alter von neun Jahren, mit den Gummibeinen eines Welpen und diesem absolut undurchschaubaren, gleichmütigen Gesichtsausdruck. Er steckte mich in die Tasche, gegen ihn war ich bloß ein Mittelstürmer, der Tore erzielte, doch als Künstler reichte ich nicht an ihn heran. Aber ich war ihm nicht böse. Weil ich seine Lust am Dribbling, seine Leidenschaft nachvollziehen konnte, bekam ich nicht genug davon ihm zuzuschauen. Auch wenn der Fußball eine Menge brillianter Dinge zu bieten hat, ein Dropkicktor aus 30 Metern Entfernung oder einen direkt verwandelten Einwurf in der Nachspielzeit, nichts geht über diesen Moment, wenn man beim Dribbeln einen Lauf hat und die Gegner reihenweise aussteigen lässt.

Es ist der totale Rausch.

Ohne, dass du selbst genau weisst, was du als nächstes tun wirst, überrascht du die gegnerische Verteidigung mit der nächsten Trickexplosion, und, nicht zu vergessen: Jeder Verteidiger muss mit einer neuen Finte ausgespielt werden. Es ist kaum möglich, die gleiche Finte zweimal hintereinander zu verwenden in derselben Spielsituation.

Aber Tornato fiedelte nicht nur jede Abwehr um den Verstand, auch sich selbst verschonte er nicht. Immer wieder passierte es, dass er die gesamte Hintermannschaft schwindlig spielte, doch sobald er allein auf den Torwart zulief, war sie plötzlich da, die Angst vorm Torwart, und er vergeigte die besten Chancen. Es war, als erwachte er aus einem rassigen Traum und nun baute sich die Wirklichkeit vor ihm auf, groß und unüberwindbar und universell fischte sie ihm mühelos den Ball vom Fuß, fast wie nebenbei. Ich kann mich an keinen einzigen Treffer erinnern, den Tornato für den RSV je erzielt hätte.

Niemand von uns Jungs lernte Tornato näher kennen. Nicht mal der Duce, der zweite kleine Italiener in unseren Reihen, verbrachte ausserhalb des Platzes Zeit mit ihm, und so blieb er uns allen bis zum Schluss ein Rätsel. (Unser dritter Italiener, der lange Tonino, unser Vorstopper, war keine Hilfe, er war genauso mundfaul wie Tornato.)

Dass wir trotz Tornatos Supertalents und zwei, drei weiteren guten Spielern meist in den unteren Jugend-Ligen kickten, lag an der unglückseligen Zusammensetzung des Teams. Im Einzugsgebiet des RSV gab es einfach zu viele Schussel und hüftsteife Krücken, die einen Stammplatz sicher hatten, aus dem einen oder anderen Grund. Mal war der Vater einer Krücke unser Trainer, mal bekamen wir ohne ihn keine acht Mann zusammen, das Minimum, um als Mannschaft auflaufen zu dürfen, ansonsten wurde das Spiel erst gar nicht angepfiffen und ging automatisch mit 0:2 Toren verloren.

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A-Jugend RSV Kohlfurth, 1977, ohne Tornato

Eines Tages erschien Tornato nicht zum Training, am folgenden Samstag fehlte er beim Match. Seine Familie, von der wir nicht mehr wussten, als dass es eine unüberschaubare Anzahl von Geschwistern gab, die gelegentlich am Platzrand standen und ihn anfeuerten, (was ihm unangenehm war), war in die Heimat zurückgekehrt, eine lang geplante Geschichte, doch Tornato hatte uns kein Wort gesagt.

Drei Jahre später, in der A-Jugend, kam er zurück – genauso, wie er gegangen war, ohne Ankündigung, von heute auf morgen, Knall auf Fall. Diesmal nur in Begleitung seines Vaters, der wieder seine Arbeit bei Rasspe aufnahm, Hersteller von Landwirtschaftsmaschinen sowie Hauptsponsor und Namensgeber des RSV, Rasspe Sport Verein.

Tornato war kaum gewachsen, hatte sich aber in der Heimat einen bösartigen kleinen Nudelbauch angefuttert. Seine Ballbehandlung war weiterhin großartig, er fummelte auf engstem Raum, als wolle er das Völkerrecht aushebeln, er war immer noch der Reiter, der jede feindliche Linie durchstiess, übertölpelte, Haken schlagend. Wäre es nur möglich gewesen, jeder Gegner hätte ihn sofort zur unerwünschten Person erklärt und an der nächstbesten Grenze festsetzen lassen, bis zum Saisonende.

Doch etwas war anders geworden. Tornato war nicht mehr der Alte. Kaum 16 Jahre alt, machte er einen erschöpften und niedergeschlagenen Eindruck. Der Bauch, für den seine Mama viele Portionen Nudelteig geknetet haben musste, war nur äusserliches Anzeichen einer tiefen Schwermut. Schon nach einigen wenigen Spielen geschah es, dass er in einer völlig unbedrängten Situation plötzlich den Ball abgab. Hätten wir uns zwei Jahre zuvor vielleicht darüber gefreut, dass er sich so mannschaftsdienlich zeigte und das Spiel flüssig machte, so wussten wir nun nicht, was wir davon halten sollten. Das war nicht mehr der dickfellige kleine Rebell, der uns einst verlassen hatte.

Einmal, nach dem Training, wir gingen gemeinsam in Richtung Vereinslokal, wo auch die Umkleidekabinen und Duschräume untergebracht waren, wurde ich das Gefühl nicht los, dass er uns etwas sagen wollte. Tatsächlich holte er Luft, sah uns mit großen dunklen Augen an – und schwieg verlegen.

Der Bursche habe es mit dem Herzen gehabt, sagte unser damaliger Trainer, als Tornato kurz darauf in die süditalienische Heimat zurückkehrte und sich im Alter von 18 Jahren aufhängte.

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