Archiv der Kategorie: Ausgabe 01/2015

Inhalt 01/2015

Die Lesezeichen-Ausgabe 01/2015 erschien am 13. April 2015.

In dieser Ausgabe:

Saubere Unterwerke und disziplinlose Kobbois, Win-Win-Situationen, Pablo Picasso und Henry Bean, die Wohnzimmer unserer Eltern, fehlende Hühner sozialistisch-protestantischer Herkunft und Chinesische Wollhandkrabben, schüchterne Verse und blaue Elephanten, eine Anpassung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen, Kurt Neumann und die Idee der Beginnlosigkeit, Garrincha und die Bohnenstangen-Sabine, die ankernde Endlichkeit des Johannes, ein Pinsel in der Badewanne, Exit-Strategien und die Pulmologie …. uvm.

INHALT:

Thomas Mann in einem Brief an seine Waschfrau

Sehr verehrte Frau Schleusenberg,

Sie haben mir eine Ehre erwiesen mit der Übersendung meiner sauberen Wäsche und haben mir eine höchst angeregte Stunde damit bereitet. Mein inneres Verhalten dazu wechselte zwischen der beifälligsten Zustimmung und einer gewissen Bestürzung über einen oft etwas gewalttätigen Einatz von Scheuermitteln, und zwar sowohl bei der einzelnen Unterhose wie auch in der Gesamthaltung, die ja ohne Zweifel ein wenig ins Pedantische fällt. Verzeihen Sie diesen Ausdruck, der sachlich natürlich durchaus nicht am Platze ist, aber was ich meine, ist ein gewisser Wille zur peniblen Genauigkeit, der in meinen Augen ein wenig krank anmutet. Sauber muss nicht ins Fascistische abgleiten, und darum muss ich Sie künftig der Dienste, die Sie meinen Unterhosen leisteten, entbinden. Sauber soll mein Unterwerk, bezeichnen wir es so, schon sein, nicht aber von allen Spuren menschlicher Tätigkeit befreit.

novela corta #79

katharina vasces und der kobboi am meer

katharina vasces war klug genug, dem kobboi über den besuch vom festland nichts zu erzählen. sie wollte ihm ja nicht die laune verderben.

so kann sie nun in aller ruhe mit dem kobboi den feierabend geniessen.

für frau heidi gassner verriet uns katharina vsaces dann doch noch eine kleine geschichte vom kobboi:

als erstklässler in einem kleinen dorf ging er vor dem unterricht immer in zweierkolonne vom schulhaus in die kirche zur morgentlichen messe und nachher wieder zurück in die schule.
die schule war übrigens eines der wenigen neuen häuser im dorf und dadurch für den kobboi eine völlig fremde welt. die lehrerin war auch nicht eine vom dorf und sie war auch anders gekleidet als die übrigen frauen, und sie trug immer stiefel mit langen schäften und hohen absätzen.
so kam es, dass nach der messe, zurück in der schule, alle die schuhe auszogen und in pantoffeln schlüpften. die lehrerin zog auch immer ihre stiefel aus und wechselte vermutlich zu bequemeren schuhen, der kobboi kann sich nicht mehr daran erinnern.
wie es dazu kam, weiss er auch nicht, aber auf alle fälle gab es immer wieder schülerinnen und schüler, die der lehrerin beim stiefelausziehen halfen. es gab meistens ein regelrechtes gerangel darum, wer das machen durfte.
dem kobboi war das mehr als recht, denn er war mit sich, seiner umwelt, der schule, den schuhen, eltern, geschwistern, träumen, mitschülern, dem schnee und so weiter derart beschäftigt, dass ihm keine zeit zur verfügung stand, auch noch der lehrerin aus den stiefeln zu helfen.
als gegen ende schuljahr die lehrerin sich ausführlich mit seinen eltern über seine nicht vorhandene diziplin unterhielt und der kobboi sich zu verteidigen versuchte, kam dann prompt der vorwurf der lehrerin, er hätte nie geholfen, ihr die stiefel auszuziehen.
der kobboi war verwirrt und für den rest des elterngesprächs sprachlos.

Tornato

Garrincha, brasilianischer Fußball-Mythos der 1950er und 60er Jahre, war misstrauisch. Das Geld, das er bei Botafogo verdiente, dem Club, dem er zeitlebens treu blieb, vertraute er keiner Bank an, er versteckte es daheim im Kleiderschrank. Zu Beginn einer Saison, wenn eine neue Lieferung kam, in kleinen gebrauchten Scheinen, stemmte sich die ganze Familie mit vereinten Kräften gegen die Schranktüren, um sie wieder zuzukriegen, so eine ehemalige Nachbarin. Dazu lief laute Bossa Nova Musik.

Garrincha hatte nicht nur einen Geldspeicher im Schlafzimmer, er hatte auch von Geburt an ein O- und ein X-Bein. Rein rechnerisch hätte er nach jedem Schritt umfallen müssen. Stattdessen wagte er auf dem Rasen die witzigsten Dribblings, er tanzte die Gegner gegen jede Wahrscheinlichkeit  aus, er belästigte sie und liess sie hinter sich stehen wie gründelnde Enten. Er fiedelte alles und jeden um den Verstand.

Er starb besoffen.

Hier ruht Garrincha, der die Freude der Menschen war – so steht es geschrieben auf dem Grabstein. Noch heute pilgern die Fans zu seiner Ruhestätte, noch heute fliessen Tränen. Mehr als Pele oder Maradona dribbelte sich Garrincha ins Herz Südamerikas.

 *

Ein Dribbler kann gar nicht anders. Er ist ein süchtiger Charakter, der die ständige Wiederholung sucht. Er gibt den Ball nicht her, er treibt ihn voran, um ihn behalten zu können, er sucht das Solo, so lang es nur geht. Ein Dribbel-König ist ein höchst konservativer Mensch mit Hang zur Anarchie. Interessant wird es für den geübten Dribbler ab dem zweiten, dritten Gegenspieler, den er hintereinander ausknipst. Den er umkurvt, den er nass macht, den er umfummmelt und zu bloßem Beinvieh degradiert. Dann beginnt der Rausch im Kopf. Die Sucht.

Ich war auch so ein eigensinniger Stürmer, ein verdammter Fummelkopf, oder wie mein erster Trainer Alfred B. immerzu meckerte: “Spiel den Ball ab, Glummi, du bist nicht allein auf dem Platz!”

Zwar ruhen die Augen beim Solo ständig auf dem Lederball, darüber hinaus hat man aber jede gegnerische Regung wahrzunehmen – jede noch so unmögliche wie mögliche Blockade muss vorausgesehen und einkalkuliert werden. Immerzu heisst es beim Dribbling den Ball zu feiern und zu kosen, zu huben, zu hadern, aufzubocken, zu frikassieren und zu tunneln. Und zur Not zurückzuerbeuten.

Bei jedem Sololauf durch die gegnerische Abwehr gibt es diesen Moment, wo du zu scheitern drohst. Als Mensch, als Fußballspieler, als blutjunger Künstler. Wenn du die Pille beinah vertändelst, wenn dein Gegner den Trick fast durchschaut, wenn es dir erst im allerletzten Augenblick gelingt, den Ball doch noch per Hacke mitzunehmen, das sind die glücklichsten Momente.

Zuletzt bist du allein vorm feindlichen Tor. Ein wilder Hund, das ist der Torwart. Er ist der Mann, der mit langen Armen wild wild sein Haus bewacht – und er darf kraft Gesetz eine Menge mehr als du es darfst als Stürmer: er darf dir die Lederpille vom Fuß beißen, er darf sich mit dem ganzen Körper aufs Leder werfen und unter sich begraben, als wäre es totes unnützes Material. Der Keeper ist der wahre Todfeind des Stürmers, er ist der Drecksack, dem es die Kirsche ganz zuletzt eiskalt durch die krummen untalentierten Beine zu schieben gilt.

Abdrehen, Küsschen, Jubel.

san.tiermitblauball

*

1969 stiess Tornato zu uns, der grösste und leidenschaftlichste Fummelkopp aller Zeiten, eine mitleidlose kleine Dribbelmaschine, und plötzlich war ich nur noch laufende Nummer 2 im Team. Tornato war der Garrincha des RSV, aber absolut unfähig, einen Treffer zu erzielen. Wenn Tornato den Ball abgab, dann nur aus Versehen.

(Für gewisse Sachen kann man nichts. Etwa für Talent. Niemand kann etwas für sein Talent, man ist nur dafür verantwortlich, was man daraus macht. Menschen, die ihr Talent nicht nutzen, ertrinken mit Wasser im Mund.)

Tornatos anarchischer Umgang mit dem Ball war geprägt von einem intuitiven Verständnis für Physik. Er wusste stets, in welche Richtung sich der runde, mit Luft aufgepumpte Behälter bewegt und wie er ihn behandeln musste, wenn er ihn woanders hin haben wollte.

Tornato war klein und wendig, er kam aus Süditalien und sprach kein Wort Deutsch. Ein wortkarger kleiner Aussenseiter, der niemals lachte oder sonstwie die Miene verzog. Das fanden wir komisch. Wie konnte ein Junge, der auf dem Fußballfeld vor Phantasie und Einfällen nur so strotzte, im richtigen Leben eine solch graue Maus sein. Auf dem Fußballplatz lernt man eine Menge übers richtige Leben.

Zum Beispiel: welcher Trick dir auch immer gelingen mag, der liebe Gott klatscht keinen Beifall. Es sind nur die Rentner am Spielfeldrand, die schon mal klatschen, aber noch viel lieber ist ihnen, wenn dir etwas misslingt. “Der Glumm trifft heute keinen Lastwagen aus fünf Metern Entfernung!”

Wir waren Fußball-Aficionados, Fußball war unser Leben. Wenn wir kein Training hatten und kein Spiel war, trafen wir uns am Nachmittag unten im Klauberg, auf dem großen staubigen Bolzplatz, und spielten bis es dunkel wurde und einem von uns die Achillessehne oder der Meniskus ausleierte. Ein Gefühl, als klebte einem ein Schwarm Mücken an der Ferse oder am Knie.

Tornato kam in der D-Jugend zu uns, im Alter von neun Jahren, mit den Gummibeinen eines Welpen und diesem absolut undurchschaubaren, gleichmütigen Gesichtsausdruck. Er steckte mich in die Tasche, gegen ihn war ich bloß ein Mittelstürmer, der Tore erzielte, doch als Künstler reichte ich nicht an ihn heran. Aber ich war ihm nicht böse. Weil ich seine Lust am Dribbling, seine Leidenschaft nachvollziehen konnte, bekam ich nicht genug davon ihm zuzuschauen. Auch wenn der Fußball eine Menge brillianter Dinge zu bieten hat, ein Dropkicktor aus 30 Metern Entfernung oder einen direkt verwandelten Einwurf in der Nachspielzeit, nichts geht über diesen Moment, wenn man beim Dribbeln einen Lauf hat und die Gegner reihenweise aussteigen lässt.

Es ist der totale Rausch.

Ohne, dass du selbst genau weisst, was du als nächstes tun wirst, überrascht du die gegnerische Verteidigung mit der nächsten Trickexplosion, und, nicht zu vergessen: Jeder Verteidiger muss mit einer neuen Finte ausgespielt werden. Es ist kaum möglich, die gleiche Finte zweimal hintereinander zu verwenden in derselben Spielsituation.

Aber Tornato fiedelte nicht nur jede Abwehr um den Verstand, auch sich selbst verschonte er nicht. Immer wieder passierte es, dass er die gesamte Hintermannschaft schwindlig spielte, doch sobald er allein auf den Torwart zulief, war sie plötzlich da, die Angst vorm Torwart, und er vergeigte die besten Chancen. Es war, als erwachte er aus einem rassigen Traum und nun baute sich die Wirklichkeit vor ihm auf, groß und unüberwindbar und universell fischte sie ihm mühelos den Ball vom Fuß, fast wie nebenbei. Ich kann mich an keinen einzigen Treffer erinnern, den Tornato für den RSV je erzielt hätte.

Niemand von uns Jungs lernte Tornato näher kennen. Nicht mal der Duce, der zweite kleine Italiener in unseren Reihen, verbrachte ausserhalb des Platzes Zeit mit ihm, und so blieb er uns allen bis zum Schluss ein Rätsel. (Unser dritter Italiener, der lange Tonino, unser Vorstopper, war keine Hilfe, er war genauso mundfaul wie Tornato.)

Dass wir trotz Tornatos Supertalents und zwei, drei weiteren guten Spielern meist in den unteren Jugend-Ligen kickten, lag an der unglückseligen Zusammensetzung des Teams. Im Einzugsgebiet des RSV gab es einfach zu viele Schussel und hüftsteife Krücken, die einen Stammplatz sicher hatten, aus dem einen oder anderen Grund. Mal war der Vater einer Krücke unser Trainer, mal bekamen wir ohne ihn keine acht Mann zusammen, das Minimum, um als Mannschaft auflaufen zu dürfen, ansonsten wurde das Spiel erst gar nicht angepfiffen und ging automatisch mit 0:2 Toren verloren.

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A-Jugend RSV Kohlfurth, 1977, ohne Tornato

Eines Tages erschien Tornato nicht zum Training, am folgenden Samstag fehlte er beim Match. Seine Familie, von der wir nicht mehr wussten, als dass es eine unüberschaubare Anzahl von Geschwistern gab, die gelegentlich am Platzrand standen und ihn anfeuerten, (was ihm unangenehm war), war in die Heimat zurückgekehrt, eine lang geplante Geschichte, doch Tornato hatte uns kein Wort gesagt.

Drei Jahre später, in der A-Jugend, kam er zurück – genauso, wie er gegangen war, ohne Ankündigung, von heute auf morgen, Knall auf Fall. Diesmal nur in Begleitung seines Vaters, der wieder seine Arbeit bei Rasspe aufnahm, Hersteller von Landwirtschaftsmaschinen sowie Hauptsponsor und Namensgeber des RSV, Rasspe Sport Verein.

Tornato war kaum gewachsen, hatte sich aber in der Heimat einen bösartigen kleinen Nudelbauch angefuttert. Seine Ballbehandlung war weiterhin großartig, er fummelte auf engstem Raum, als wolle er das Völkerrecht aushebeln, er war immer noch der Reiter, der jede feindliche Linie durchstiess, übertölpelte, Haken schlagend. Wäre es nur möglich gewesen, jeder Gegner hätte ihn sofort zur unerwünschten Person erklärt und an der nächstbesten Grenze festsetzen lassen, bis zum Saisonende.

Doch etwas war anders geworden. Tornato war nicht mehr der Alte. Kaum 16 Jahre alt, machte er einen erschöpften und niedergeschlagenen Eindruck. Der Bauch, für den seine Mama viele Portionen Nudelteig geknetet haben musste, war nur äusserliches Anzeichen einer tiefen Schwermut. Schon nach einigen wenigen Spielen geschah es, dass er in einer völlig unbedrängten Situation plötzlich den Ball abgab. Hätten wir uns zwei Jahre zuvor vielleicht darüber gefreut, dass er sich so mannschaftsdienlich zeigte und das Spiel flüssig machte, so wussten wir nun nicht, was wir davon halten sollten. Das war nicht mehr der dickfellige kleine Rebell, der uns einst verlassen hatte.

Einmal, nach dem Training, wir gingen gemeinsam in Richtung Vereinslokal, wo auch die Umkleidekabinen und Duschräume untergebracht waren, wurde ich das Gefühl nicht los, dass er uns etwas sagen wollte. Tatsächlich holte er Luft, sah uns mit großen dunklen Augen an – und schwieg verlegen.

Der Bursche habe es mit dem Herzen gehabt, sagte unser damaliger Trainer, als Tornato kurz darauf in die süditalienische Heimat zurückkehrte und sich im Alter von 18 Jahren aufhängte.

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Hart kämpft (Teil 1) (DREI SABINEN)

Sie war und wollte eine auffällige Erscheinung sein. Immer Auftritt, aber im Inneren die Angst und die Depression stets auf der Lauer. „Ein heißer Feger“, flüsterte es hinter ihr her, wenn sie die Treppe hinaufstieg ins Turmhaus, wo die Schönen und Reichen und Gebildeten das Tanzbein schwangen. Lippen auf Alarmrot, die Nüstern gebläht, wie eine Zuchtstute das Haupt in den Nacken gelegt, eine edle Bewegung, dafür aber der Hals zu kurz, eigentlich. Sie kompensierte das mit einem Blick unter exakt geschwungenen Brauen aus giftgrünen katzenhochmütigen Augen. Das lockige Haar schwang um ihre Schultern in falschem Tizianrot. Sie wollte keine Naturgewalt sein, sondern das hohe Bild der zweiten Natur: Mehr Erotik als Sex, aber stets ein Angebot, unter der Hand, für den Mann, der das Alpha-Tier vorstellte oder den sie dazu machen konnte. Jede Geste zeigte an: „Ich bin der große Preis.“

So tauchte die wieder auf, die einmal die Bohnenstangen-Sabine gewesen war und sich jetzt Sabia Hart nannte, modelhaft, und keine konnte einer wie ihr ohne Vorurteile begegnen. So viel Schau, da ließ sich leicht an der Substanz zweifeln. Das war ein Fehler und nicht unser einziger. Sie hatte sich verwandelt und wir sogen die Luft ein. Doch das Spiel, das sie spielte, begriffen wir weder damals noch später. Die Kampfszene, in die sie eingestiegen war, vielleicht hatte einsteigen müssen, auch um unseretwegen, unserer Worte und Blicke willen, verstanden wir nicht. Sie wollte gesehen werden, aber die Blicke, die sie trafen und die sie verschoss, galten nicht gleich viel.

Kerstin, die einmal „die Schlaue“ gewesen war und nun ein Mittelstandsmusterleben in der Provinz führte, hatte den berühmten Pianisten, dessen Einspielungen sie sammelte, an jenem Abend hören wollen und den Freund überredet, sie zu begleiten. Von ihr hörten wir später, wie diese Begegnung mit der, die wir vor Zeiten Bohnenstangen-Sabine gerufen hatten, verlaufen war. Das meiste mussten wir uns zusammen reimen, denn Kerstin war keine gute Erzählerin. Mit geschlossenen Augen, so stellten wir uns vor, hatte Kerstin dem Spiel gelauscht, ihre Hand sanft und trocken in die ihres Begleiters gelegt. Sie saßen in der ersten Reihe der Stühle, die an jenem Abend im Halbkreis auf den Tanzboden gestellt waren, um dem Pianisten eine Bühne zu schaffen, die Beine einander spiegelnd übereinander geschlagen, ihre Füße sich gelegentlich leicht berührend. Der Meister spielte gut, wenn auch, wie Kerstins Gefährte später feststellte, beinahe zu virtuos. Zu sehr, so fanden beide, war sich der Mann in jedem Augenblick seiner selbst und seiner Begabung bewusst, spielte vor, gab sich nicht aus. „Trotzdem, war´s gut.“, resümierten sie im Foyer danach. Nach dem Vortrag standen die geladenen Gäste noch eine Weile herum, Weingläser wurden ausgeschenkt, Brezeln aus Körben angeboten. Ein alter Bekannter stellte Kerstin den Pianisten vor.

Sie, so behauptete sie, sei überrascht gewesen wie dieser Mann sie taxierte, als sei sie solo gekommen, aus tiefliegenden, von schweren Lidern verschatteten, beinahe schwarzen Augen. Das dunkle geölte Haar und sein Monjou-Bärtchen, über das er sich fortwährend strich, verstärkten die, ohne Zweifel beabsichtigte, Reminiszenz auf einen ruchlosen Dandy der 20er Jahre. Seine Stimme war rauchig, ein heiseres Flüstern, als hätten sie beide etwas miteinander zu verbergen, so legte er ihr seine Hand auf den Unterarm: „Sie kennen meine Musik? N´ est pas?“ Die Bewegung hatte etwas Entblößendes. Kerstin fühlte sich nackt. Ein leichtes Tippen seiner Fingerspitzen, kaum spürbar. Dann ließ er wieder los.

Dieser Flirt aber, so stellte Kerstin es dar, galt nicht ihr, nicht wirklich, sondern dem, der sie begleitete, ihrem Mann, wie der Klaviervirtuose offenbar annahm, und ihr, der Roten, der schönen Sabia, seiner Frau. Die sie nicht war, andererseits, was eine Rolle spielte, die aber Kerstin an jenem Abend noch nicht durchschauen konnte. Wir waren nicht überzeugt, denn wir ahnten, wie sehr Kerstin, die Spröde, ihre eigene Anziehungskraft unterschätzte.

Was jedoch sicher stimmte: Das Spiel, das hier gespielt werden sollte, zwischen Hart und dem Pianisten, überforderte die schlaue Kerstin. Was sich an jenem Abend zwischen Sabia, Kerstin und dem Pianisten anbahnte, beruhte schon auf so tiefen Missverständnissen, dass sie auch später keine Erneuerung der alten Freundschaft – die in Sabias Augen ohnedies niemals bestanden hatte- je würde wieder auflösen können. Kerstins Begleiter reagierte nicht auf den Pianisten. Er sah wohl das Spielbrett, aber die Spieleröffnung, die ihm galt, entging ihm. „Magst du ein Glas Roten?“, fragte er und als Kerstin nickte, wandte er sich ab, unbesorgt, um sich in der Schlange anzustellen. Der Pianist lächelte, kein anderes Wort passt besser als: maliziös. Weniger galt seine Verachtung ihr, der kühlen Blonden, die der Verteidigung nicht wert zu sein schien, als dem anderen Mann, der den Kampf nicht angenommen hatte.

Hart dagegen nahm an. Mit dem Oberkörper lehnte sie sich leicht seitwärts gegen die Brust des Pianisten. Hätte sie ihren Arm, wie eine Bürgerliche des 19. Jahrhunderts im Stadtpark, unter seinen Arm geschoben und einen Schirm geschwungen, die Geste hätte nicht besitzanzeigender und abwehrender zugleich sein können. Sie hatte Kampfstellung bezogen. „Wir Künstler“, lächelte sie, „müssen euch sehr kapriziös erscheinen.“ Er genoss es, ungemein. „Aber warum denn, meine Liebe, darf ich Ihnen Sabia Hart vorstellen, eine sehr, sehr gute Freundin.“ Das war geschickt. Er sagte nicht: meine Freundin. Oder: meine Geliebte. Dennoch war es eindeutig: sehr, sehr, das e gezogen und das r gerollt. Aber auf eine Weise ausgedrückt, die die Geliebte auf Distanz hielt. Die Botschaft an Kerstin, der er tief in die Augen schaute, lautete: Wenn Sie wollen… Die ehemalige Bohnenstange bemerkte das wohl und fuhr die Krallen aus. „Wirk kennen uns“, ließ Kerstin ihn wissen, „von früher. Obgleich du dich“, wandte sie sich an Sabine-Sabia, „sehr verändert hast. Kaum wiederzuerkennen.“ Hart schnurrte. Das Angebot, das er Kerstin gemacht hatte mit den Augen, brachte sie in Wallungen. Das war der Preis, um den er zu haben war, und der seinen Wert steigerte. Dass er sie kämpfen ließ. Ohne die dauernden Kränkungen hätte sie ihn gar nicht haben wollen.

Was ging in ihr vor an jenem Abend, als sie eine von uns zum ersten Mal wieder traf nach so langer Zeit? Sah sie in Kerstin ein Mäuschen, das es wagt, mit der Katze zu spielen? Wir hatten sie bedauert, früher, aber Kerstin schauderte es nun, wenn sie an den Blick dachte, mit dem Hart sie gemustert hatte. Durchdringend, gierig, verlangend. Spiel mit uns. Wags doch. Und was sah er? Die Beute eines anderen, um die es sich zu streiten lohnte? Es waren andere Frauen anwesend, schönere, teurere als Kerstin an jenem Abend. Warum sie? Die versuchte ein Gespräch in Gang zu bringen: „Du bist Sängerin geworden?“, fragte sie. Hart legte den Kopf in den etwas zu breiten Nacken, als wolle sie jenen kleinen Makel durch die Dehnung ausgleichen, bevor sie Kerstin ihr breitestes Lächeln schenkte: „Du hast bestimmt von meinem Engagement in H. gehört.“ Kerstin verneinte. Harts Züge erstarrten, jedoch nur für einen winzigen Moment.

„Holst du mir meinen Mantel?“, wandte sich Kerstin, der kalt geworden war, an ihren Begleiter. Er strich sanft mit der Hand über ihren Rücken. „Müde?“ Sie nickte, erleichtert. Als er zur Garderobe ging, beugte sich der Pianist zu ihrem linken Ohr: „Wir werden uns wiedersehen.“, flüsterte er, die Lippen fast gegen ihre Muschel gepresst. Kerstin zitterte. Der Pianist lachte entspannt auf: „Sie sind eine wunderbare Zuhörerin.“ Er hob ihre rechte Hand seiner Nasenspitze entgegen und hauchte einen angedeuteten Kuss darauf. Hart neben ihm schüttelte sich kaum merklich, aber Kerstin war sich dennoch sicher, die Bewegung wahrgenommen zu haben. Kerstins Begleiter kam mit dem Mantel zurück und sie schmiegte sich an ihn, strich mit ihrer Wange über seine Hand, die ihr den Ärmel half. Er suchte, ein wenig irritiert, ihren Blick. „Alles in Ordnung?“. Sie nickte und klammerte sich noch etwas enger an ihn. Sabine Hart legte ihr zum Abschied eine Hand auf den Arm: „Wir werden uns wiedersehen.“, wiederholte sie exakt die Worte des Pianisten.

Kerstin benutzte, als sie uns davon erzählte, nicht das Wort Flucht. Aber so etwas muss es gewesen sein. Sie glaube nicht, sagte sie, dass sie Sabine Hart, die Bohnenstange, die eine Rote geworden war, sinnlich, ergreifend, besessen von ihm, dem Pianisten, je wiedersehen werde. Sie jedenfalls, behauptete Kerstin, wolle das nicht. „Irgendwie“, sagte sie, und das Wort entlarvte sie mehr als das Zittern ihrer Stimme, machten die ihr Angst, diese unbekannte Sabine-Sabia und ihr Pianist. Damals ahnten wir noch nicht, was kommen würde. Aber keine von uns glaubte Kerstins Beteuerungen.

26/15 – un fil d’or


au bord du marées – Wo der Himmel die Erde berührt-
Arkaden reichen über das Meer
Wir glitten in ein tägliches Ausbalancieren. Wir gingen über Brücken. Wir wechselten die Seiten. Wir warteten. Saiten, sagte ich zu dir. Ein Instrument die Stadt. Ein Resonanzkörper, vielleicht der Farben des Lebens anhin. Ein Organismus, schwebend über der Wasserfläche. Ein Membran, das Himmel vom Wasser trennt. Ein, auf Zehenspitzen stehendes Wesen. Stets umflutet. Sein Anker in einer Endlichkeit.

einer hob gegenüber …

einer hob gegenüber
hinterm fenster
den arm
da wo ich hätte
ich und die welt
a supposèd person
hingehen sollen
den platz überquerend
(looks like an agony)

wie aber kann einer
hinter dem fenster
gegenüber stehend
vor dem arm
der sich hebt
geboren werden?

(johannes drei vier)

la fiamma è avida
und späht dich aus

(30.3.15)

Hülfe denn womöglich eine Schriftstellerselbstmordwelle, Frau Torik?

Lamentiert wird zurzeit andernorts, da bin ich ja fast froh, denn alles selber machen will man denn nun auch wieder nicht! Beklagt wird jedenfalls, bei der Kollegin Aléa Torik nämlich, daß es dem literaturschreibenden Menschen meist schlecht geht, beruflich, finanziell, psychisch, während von eben diesen Schreibenden allerlei andere Berufstätige leben. Sie schreibt das folgende, ich darf mal zitieren:

Es ist tatsächlich ausgesprochen obszön, dass so viele schreiben. Dass so viele zu den Fleischtöpfen streben, von denen es nicht wenige gibt. Aber es kommen eben immer nur ganz wenige in Frage. Es sind wenige hundert, die die Preise und Stipendien bekommen, die auf die großen Festivals eingeladen werden etc. etc. Es ist obszön, dass wir, die wir Hunderttausend Menschen in Lohn und Brot halten, selbst solche Hungerleider sind. Wir müssten aufstehen und klipp und klar sagen, dass wir das nicht mehr machen. Wir schreiben keine Texte mehr. Wir schicken nichts mehr an Verlage, wir bewerben uns nicht mehr auf Stipendien und lehnen Lesungen freundlich, aber bestimmt ab. Wir verweigern uns einfach. Wir schreiben nichts mehr, vielmehr veröffentlichen wir nichts mehr. Anders als bei der Deutschen Bahn oder der Lufthansa, wo wegen Lappalien gestreikt wird, geht es bei uns um die gesamte Existenz.

So also Aléa Torik in ihrem Beitrag, und zwar als Replik auf die wütende Aufforderung Bersarins an die Schriftsteller:innen, sich doch gefälligst zu reduzieren, was imgrunde natürlich ein Schrei nach Liebe, also nach Qualität ist. Aber würde eine Verweigerung, ein (Schriftsteller:innen-)Streik, etwas nützen? So wie ein Krieg auch nur Krieg genannt werden darf, wenn er grundsätzlich beendet werden kann, so ist ein Streik auch keine ewige Verweigerung, irgendwann bröckelt die Front, Streikbrecher nutzen die Lage, ihren Kram unterzubringen, und so weiter und so weiter – und am Ende wäre die Zahl der Schriftsteller:innen nicht nur nicht kleiner, sondern womöglich größer. Was also tun? Auf die verwirrte Leserschaft ist natürlich wie immer kein Verlaß, denn die sind wegen des Überangebots an Literatur ohnehin völlig überfordert (und dabei gäbe es hinter dem Überangebot noch ein weiteres und sogar noch größeres solches), so daß womöglich nur eine Lösung bliebe, die zum einen die pure Anzahl an Literaten reduzierte, aber diesen auch je einen Publikumserfolg bescherte, möglich gemacht nämlich, so jedenfalls meine Idee, durch den einfachen und effektiven Selbstmord eines jeden einzelnen Schreibenden, und zwar direkt nach Beendigung der ersten selbst als gut empfundenen literarischen Arbeit. Grund dafür ist in jedem einzelnen Falle die Erkenntnis, mit solch einem Text nie und nimmer Erfolg haben, sich also auch gleich umbringen zu können – was aber wiederum mit dem Trost verbunden ist, durch sein eigenes tragisches Ableben wenigstens dem Text allein, ihm als solchem eine gute Chance auf Veröffentlichung und Erfolg zu ermöglichen, denn, das weiß man, das Publikum liebt gute Geschichten, die in der Realität, also der Verzweiflung der Autoren wurzeln. Alles in allem entstünde so eine Win-Win-Situation, die Autor:inn:en nämlich zeigten, wie ernst sie es meinen mit ihrer Kunst, wie sehr das Schreiben ihr Leben ist, und zudem würden die so ins Licht gerückten Texten angemessen gewürdigt werden, und das sogar von einem Publikum, das eben genau diese Texte wirklich will. Nur um den Nachwuchs an literarisch schreibenden Menschen müßte man sich womöglich ein wenig Sorgen machen, aber das Problem lösen wir dann auch noch, später irgendwann.