Archiv der Kategorie: Ausgabe 01/2016

Inhalt 01/2016

Die Lesezeichen-Ausgabe 01/2016 erschien am 11. April 2016.

In dieser Ausgabe:

Hanns Dieter Hüsch und der Niederrhein, Jean Paul und Friedhelm Rathjen, Dr. Dre & Ice Cube, die Liebe als Struktur, Ossama Moham­med und Wiam Simav Bedir­xan, Hyazinthen und Rotmilane, Benzin und Möwen, Hans Castorp versus Gregor Lanmeister, ein Bra, Kiefer und Baselitz, Pillen und Gewaltphantasien, die Wahl der Würmer, Schwäne, Brunnen, Kritteleien und Schwarzwälderkirschtorten … uvm.

INHALT:

Samuel Beckett, die Dortmunder Nordstadt, das Bier und die Frauen

Die Verbindung zwischen Samuel Beckett, dem Dortmunder Bier und der Linienstraße in der Dortmunder Nordstadt gehört sicherlich weder zum Grundwissen von Literaturwissenschaftlern noch von Braumeistern – und doch gibt es diese Verbindung! „Dortmunder“, eines der Gedichte des 1935 in Paris erschienenen Bandes „Echo’s Bones“[i], sei jedenfalls, so Samuel Beckett selbst, unter dem Einfluss von Dortmunder Bier entstanden. Zwischen 1928 und Anfang 1930 unternahm Beckett mehrere Reisen von Paris nach Kassel[ii], in Dortmund musste er auf der Hin- und Rückfahrt jeweils umsteigen. Der Hauptgrund seiner Reisen war seine Cousine Peggy Sinclair, in die er sich 1928 in Dublin verliebt hatte und die nun mit ihren Eltern, die dort einen Kunsthandel betrieben, in Kassel lebte. Beckett begann also eifrig Deutsch zu lernen und machte sich auf den Weg.

Samuel Beckett

Stellen wir uns einen jungen Iren Anfang zwanzig vor, der Ende der 1920er Jahre am Dortmunder Hauptbahnhof aus dem Zug steigt. Er ist etwas müde und hat nun eine ganze Weile Aufenthalt bis zur Abfahrt seines Anschlusszuges. Warum also, wird er sich gleich beim ersten Mal gedacht haben, nicht mal das hiesige Bier probieren und sich die Stadt ansehen. Eine Offenbarung war ihm Dortmund aber wohl nicht, denn er ist seit kurzem Englisch-Lektor an der École Normale Supérieure in der Weltstadt Paris. Ende Oktober 1928 war er dort eingetroffen und hatte sich schnell das Ausgehen und vor allem das Trinken angewöhnt, wobei der Alkohol, so der Beckett-Kenner Friedhelm Rathjen, nicht zuletzt die Funktion hatte, seine Scheu im Umgang mit Menschen, die er nicht gut kennt, zu überspielen.[iii] Beckett jedenfalls mag das Derbe und das Bodenständige, Bars und Kneipen und überhaupt die einfachen Lustbarkeiten, die er schon als Student in Dublin durchaus nicht verachtete, während er in seiner Schulzeit noch abstinent gelebt hatte, ganz noch im Sinne seiner streng protestantischen Mutter, die jede Form der Ausschweifung als Sünde ablehnte.

Samuel Beckett ist aber durchaus nicht der einzige Schriftsteller der Literaturgeschichte, der mitunter der berauschenden Wirkung des Bieres eine Idee, ein Gedicht oder gleich ganze Romane verdankt. Johann Paul Friedrich Richter, genannt Jean Paul und einer der berühmtesten Zeitgenossen Goethes, wählte sogar seinen Wohnort nach der Qualität des Bieres aus. Aber der gute Jean Paul trank nicht (nur) um des Vergnügens willen, sondern brachte sich ganz bewusst in eine ganz bestimmte Schreibstimmung. Und auch ihm verwandelte sich die Welt im Bierrausch, schrieb er doch in einem Brief im Jahre 1803: „Ich kenne keinen Gaumen-, nur Gehirnkitzel; und steigt mir eine Sache nicht in den Kopf, so soll sie auch nicht in die Blase“.[iv] Über das Berliner Bier wusste er übrigens nichts Gutes zu berichten, denn dies fehle dort ebenso wie die Berge.[v]

Doch zurück zu Samuel Beckett und seinem Gedicht „Dortmunder“. Der junge Schriftsteller ist also schwer verliebt und nicht minder verwirrt, denn seine Cousine Peggy hatte kess und nicht im mindesten schüchtern sexuell die Initiative ergriffen[vi]. Da lag es nahe, sich bei jeder Gelegenheit, bei der Frauen eine Rolle spielten, ordentlich Mut anzutrinken. Doch das Trinken ist für Beckett mitunter noch immer eine zwiespältige Angelegenheit, handelt er so doch all den protestantischen Prinzipien seiner Mutter entgegen. Das Bier und das Trinken als einer Sünde spielt auch in Becketts Romanen nicht selten eine Rolle, etwa in „Molloy“ (1951). Einer der beiden Protagonisten, Jacques Moran, ist ziemlich versessen darauf, immer Bier und am besten Pilsener im Haus zu haben. Aber auch er fragt sich, ob es nicht etwa doch Sünde ist, Bier zu trinken? Würde er zum Beispiel die Heilige Kommunion, den Leib Christi empfangen dürfen, wenn er einen Krug Pilsener intus hatte? Nun, der Priester würde nicht danach fragen, aber Gott würde es früher oder später erfahren, so überlegt er, doch vielleicht würde er ihm verzeihen. Aber hatte das Abendmal, wenn es auf Bier genommen wurde, überhaupt die gleiche Wirkung? Moran beschließt zunächst einmal, auf dem Weg zum Pfarrhaus ein paar Pfefferminztabletten zu lutschen.[vii] Am Ende kommt er dann zu der Erkenntnis, dass der Pater, wenn er um den Biergenuss weiß und ihn trotzdem kommunizieren lässt, aus dem gleichen Grunde sündigte wie er. Wenn es denn, die Frage bleibt, überhaupt eine Sünde ist![viii]

Samuel Beckett zieht also mindestens einmal, vermutlich aber doch bei mehreren Zwischenaufenthalten, durch die Kneipen und Tanzdielen der Dortmunder Nordstadt[ix], wo die Sünde quasi zuhause ist. Er trinkt natürlich einiges von dem guten Dortmunder Bier, bis er die ganze Welt buchstäblich in einem neuen Licht sieht und sie sich ihm ganz und gar verwandelt. Dementsprechend beginnt auch das aus diesem Erlebnis resultierende Gedicht „Dortmunder“ mit der Zeile Im Zauber das homerische Zwielicht / In the magic the Homer dusk. Zuvor wird er wohl in der „Roten Mühle“ im Fredenbaum-Vergnügungspark gewesen sein (nach dem roten Turm der Zuflucht / past the red spire of sanctuary), dann aber hat es ihn in die Linienstraße im Bordellbezirk am Steinplatz/obere Münsterstraße verschlagen, wo immer auch einige besserbetuchte Herren aus den bürgerlichen Vierteln der nahen Innenstadt ihr Vergnügen suchen. Im Gedicht heißt es:

hastend zu der violetten Lampe zur schwachen K’in Musik der Puffmutter  / hasten to the violet lamp to the thin K’in music of the bawd

Die Aussage Becketts, das Dortmunder Bier sei quasi mitverantwortlich für die Entstehung des Gedichts, ist also mehr als plausibel, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein stocknüchterner junger Mann im Bordell landet, ist im allgemeinen wohl eher ziemlich gering. Er geht also, die Hände tief in die Hosentaschen versenkt und mit gespielter Lässigkeit, durch die Linienstraße mit seinen erleuchteten Fenstern, wo die Huren ihre Dienste anbieten und sich in all ihrer Pracht und Verruchtheit präsentierten. Würde er den Mut haben, den Einflüsterungen einer der Schönen zu folgen? Denkbar, dass er eine Weile zögerte, ob er denn, weil er ja schließlich in Peggy verliebt ist, solch ein Haus überhaupt betreten durfte. Wäre das nicht eine wirklich schlimme Sünde, gar nicht zu vergleichen mit einem Bierrausch! In seinem im Sommer 1932 geschriebenen (und erst 1993 aus dem Nachlass heraus veröffentlichten) Roman „Traum von mehr bis minder schönen Frauen“ denkt der Protagonist Belacqua darüber nach, ob es denn statthaft und erlaubt sei, als verliebter Mann dennoch ein Bordell zu besuchen. Es heißt dort: „(…) wieso hätte denn eine vernünftige Bordellbenutzung (…) auch nur den geringsten Frevel darstellen können gegen die Empfindung, die er für seine ferne Blume – Licht, Melodie, Duft, Fleisch und Umarmung seines inneren Menschen – hegte? Aber: der innere Mensch, sein Hunger, seine Finsternis, sein Schweigen, blieb das alles gänzlich außerhalb des Bordells, nahm es an dem zwielichtigen Verkehr des Bordells gar nicht teil? Es blieb nicht, und es nahm teil. Noch einmal: Es blieb nicht, und es nahm teil.“[x] Ähnliche Gedanken wird der Autor des Romans wenige Jahre zuvor in der Dortmunder Linienstraße gehabt haben, schwankend zwischen Rausch und Lust auf der einen und anerzogenen moralischen Bedenken auf der anderen Seite.

Er geht also die Straße rauf und wieder runter, immer hin und her, nichtig fühlt er sich, während das „königliche Wrack“ (Ich nichtig sie königliches Wrack / I null she royal hulk) ihn weiterhin lockt mit ihrer Glut:

Sie steht vor mir im hellen Stall
hält hoch den Jadesplitter
das vernarbte Jungfernhäutchen stiller Reinheit
die Augen die Augen schwarz bis zum östlichen Gefilde
sollen lösen der langen Nacht Phrase.

She stands before me in the bright stall
sustaining the jade splinters
the scarred signaculum of purity quiet
the eyes the eyes black till the plagal east
shall resolve the long night phrase.

Am Ende dann tut er den Schritt und betritt das Haus der Sünde, hin zum Licht, hin zur ewigen Lockung des Weibes. Damit endet der Lautengesang des Gedichts:

Dann, gleich einer Schrift, aufgerollt,
und die Herrlichkeit ihrer Auflösung erhöhend
in mir, Habbakuk, Feldherr aller Sünder.
Schopenhauer ist tot, die Puffmutter
legt ihre Laute beiseite.

Then, as a scroll, folded,
and the glory of her dissolution enlarged
in me, Habbakuk, mard of all sinners.
Schopenhauer is dead, the bawd
puts her lute away.

__________________________________________

[i] Echo’s Bones and Other Precipitates. Europa Press, Paris 1935. [Echos Knochen/Gebeine und andere Sturzgeburten] Siehe dazu: Dougald McMillan III: Echo’s Bones: Ausgangspunkt für Beckett. In: Hartmut Engelhardt (Hg.): Samuel Beckett. Frankfurt am Main 1984 (st 2044). S.29-56.

[ii] Siehe dazu: Deidre Bair: Samuel Beckett. Eine Biographie. Reinbek bei Hamburg 1994 (rororo 12850). Kapitel III bis V.

[iii] Friedhelm Rathjen: Samuel Beckett. Reinbek bei Hamburg 2006. (rororo monographie rm 50678) S.22.

[iv] „Bier, Bier, Bier, wie es auch komme. Jean Paul und das Bier. Zusammengestellt von Wolfgang Hörner. Wehrhahn Verlag, Hannover 2006. S.50.

[v] „Bier, Bier, Bier, wie es auch komme. Jean Paul und das Bier. Zusammengestellt von Wolfgang Hörner. Wehrhahn Verlag, Hannover 2006. S.46.

[vi] James Knowlson: Samuel Beckett. Eine Biographie. Frankfurt am Main 2001. S.148.

[vii] Samuel Beckett: Molloy. Frankfurt am Main 1995 (st 2406). S.134.

[viii] Samuel Beckett: Molloy. Frankfurt am Main 1995 (st 2406). S.140.

[ix] Siehe dazu: Geschichtswerkstatt Dortmund e.V.: „Den Gelegenheitstänzen ist besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden“. Tanz mit Musik in der 20er Jahren. In: Stadt Dortmund, Kulturbüro u.a.: Nordstadtbilder. Essen 1989. S.166-170.

[x] Samuel Beckett: Traum von mehr bis minder schönen Frauen. Frankfurt am Main 1998. (st 2883) S.56-57.

______________________________________

Samuel Beckett

DORTMUNDER
In the magic the Homer dusk
past the red spire of sanctuary
I null she royal hulk
hasten to the violet lamp to the thin K’in music of the bawd.

She stands before me in the bright stall
sustaining the jade splinters
the scarred signaculum of purity quiet
the eyes the eyes black till the plagal east
shall resolve the long night phrase.
Then, as a scroll, folded,
and the glory of her dissolution enlarged
in me, Habbakuk, mard of all sinners.
Schopenhauer is dead, the bawd
puts her lute away.

Samuel Beckett

DORTMUNDER
Im Zauber das homerische Zwielicht
nach dem roten Turm der Zuflucht
Ich nichtig sie königliches Wrack
hastend zu der violetten Lampe zur schwachen K’in Musik der Puffmutter.

Sie steht vor mir im hellen Stall
hält hoch den Jadesplitter
das vernarbte Jungfernhäutchen stiller Reinheit
die Augen die Augen schwarz bis zum östlichen Gefilde
sollen lösen der langen Nacht Phrase.
Dann, gleich einer Schrift, aufgerollt,
und die Herrlichkeit ihrer Auflösung erhöhend
in mir, Habbakuk, Feldherr aller Sünder.
Schopenhauer ist tot, die Puffmutter
legt ihre Laute beiseite.

Übersetzung: Norbert W. Schlinkert

2 übungen

übung in s/z

0

liebe als struktur

daten als passion

konzept als text

als als als

 

1

als als als

alz als als

alz alz als

alz alz alz

als alz alz

als als alz

als alz als

alz als alz

 

2

als als als 1

alz als als 2

alz alz als 3

alz alz alz 4

als alz alz 5

als als alz 6

als alz als 7

alz als alz 8

 

3

alz als alz 8

als als als 1

alz als als 2

alz alz als 3

alz alz alz 4

als alz alz 5

als als alz 6

als alz als 7

 

4

als s s

als z z

als z s

als s z

alz s s

alz z z

alz z s

alz s z

 

5

s s s 1

s z z 2

s z s 3

s s z 4

z s s 5

z z z 6

z z s 7

z s z 8

 

6

1 2 3 … 7 …

2 3 4 … 5

3 4 5 … 2

4 5 6 … 3

5 6 7 … 8

6 7 8 … 1

7 8 1 … 4

8 1 2 … 6

 

7

1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8

2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 1

3, 4, 5, 6, 7, 8, 1, 2

…

7, 5, 2, 3, 8, 1, 4, 6

…

7a

1,2,3,4,5,6,7,8

2,3,4,5,6,7,8,1

3,4,5,6,7,8,1,2

7,5,2,3,8,1,4,6

 

8

12345678

23456781

34567812

75238146

 

9

 

10

787 523 814

6

 

übung in anklang

 

2

 

hodler

halter

mittler

haller

heller

kittler

 

sattler

widmer

stifter

basler

tifner

hefter

 

helfer

kufner

ittner

auler

gigler

tittler

 

wegner

weigner

wagner

wikler

wickler

sackler

 

mockler

metzler

hötzer

stiefner

drucker

drechsler

 

binzer

panzer

hinzer

kreutner

patner

hitzer

 

1

 

 

ein junge und seine leh­re­rin

2

sierra : 5.14 – In dem Doku­men­tar­film Selbst­por­trait Syrien von Ossama Moham­med und Wiam Simav Bedir­xan spa­ziert die kur­di­sche Künst­le­rin Wiam Simav Bedir­xan mit einem Jun­gen, den sie filmt, durch die bela­gerte Stadt Homs. Der Junge hüpft herum, wie es Kin­der tun, ent­deckt Blät­ter, die seine Mut­ter viel­leicht kochen könnte, und vor einer Häu­ser­wand eine rote Blume, die der Junge pflückt. Im Hin­ter­grund sind Deto­na­tio­nen zu hören, auch Vogel­stim­men. Als der Junge einen Platz erreicht, an wel­chen sich eine brei­tere Straße anschließt, fragt er die Leh­re­rin, wie sie wei­ter­ge­hen wer­den. Die Leh­re­rin sagt: Wie Du willst. Und der Junge hüpft voran, er nimmt eine Treppe, er sagt: Da vorne ist ein Hecken­schütze. Also will er dort nicht gehen, weil er weiß, was ein Hecken­schütze ist. Wenige Minu­ten spä­ter errei­chen die Leh­re­rin und der Junge eine wei­tere Straße, die sie über­que­ren wol­len. Es ist viel­leicht ein Ort, an dem schon viele Men­schen zuvor erschos­sen wur­den. Die Leh­re­rin ruft: Lauf! Ich sehe wie der Junge sehr schnell über die Straße springt, bis er den Schutz eines gegen­über­lie­gen­den Hau­ses erreicht, kurz dar­auf beschleu­nigt auch die Leh­re­rin ihre Schritte, das Bild hüpft auf und ab. Ich schloss in die­sem Moment die Augen, als ich sie wie­der öff­nete war eine Foto­gra­fie zweier Mäd­chen zu sehen, die in einen Foto­ap­pa­rat lach­ten, auf einer wei­te­ren Foto­gra­fie, die wenige Tage spä­ter auf­ge­nom­men wurde, lie­gen sie in sma­ragd­grü­nen Kleid­chen neben­ein­an­der auf den Boden und sind tot. Ich bin müde, ich muss bald prü­fen, ob ich erin­nert habe wie es war. – stop

drohne20

Veauville

Erneut spiegeln wir uns im Himmel,
während wir auf wellenden Wegen gehn,
Bäume, Sträucher an den Rändern,
wie auf einer Radierung:
ein Pärchen Rotmilane, kreisend.

Beim Eintreten der Honigduft,
wie in jenem Imkerschuppen
vor Jahrzehnten: Hyazinthen.

Die meiste Zeit verbringen wir
mit dem Buch, unserer Fernbedienung,
in der Hand vor dem Feuerofen,
immer schon der bessere Fernseher.

Ich schlafe, wäre dies
das Haus eines berühmten Dichters,
im Sterbezimmer.

Die Puppengesichter in den Wänden,
zwei kindliche Buddhas, blicken auf uns
herab, wie die ertrunkenen Geschwister.

Der Gekreuzigte auf der Holztruhe.
Der Gekreuzigte an der Gartentür.
Der Gekreuzigte auf dem Ofensims.
Der Gekreuzigte im Schrank unter der Treppe.

Im Schlaf wischt meine Mutter
den Schlaf mir aus den Augen.

 

Harmattan

Mit dem Wind verschieben sich die
Maßstäbe: deine Hand, schmetterlingsgroß,
auf der Rückscheibe.
                         Der Staub
hat die Farbe der Ziegel, frisch gebrannt
stehen sie in der Sonne.
                             Das Haus
des Ministers, drei Straßen weiter, gleicht
einer Ruine.
              Deine Haut, die sich löst, wo sie
den Motor berührt hat – der Fahrer schmierte
Benzin darüber.
                   Sagte ich Straßen? Es gibt
hier keine Straßen, nur die Leere zwischen
zwei Behauptungen.
 

ratur sieht meer

ratur aquarell

ratur sah, sah bilder, bilder vom meer, dem meer hinter seinen lidern. sein sehen, um gefällige beachtung heischend, warf sich ins erkennen, tauchte ab ins erinnern und tauchte auf, an der rückseite des mondes, luft zu holen. als ob es, einmal dem dunkel hinter geschlossenen lidern ergeben, nie wieder auftauchen könnte, projizierte es bilder eines meeres, das sich aus seinen verbliebenen sinnen neu schöpfte. der mit jeder anlandenden welle wechsel von nässe und kühle auf seinem fußrücken, der sacht nachgebende halt des sandes unter den fußsohlen, der ruf einer möwe, die salzige luft, der wind in seinem haar.

Mitten im Tod sind mit dem Leben wir umfangen

Einige ganz lebendige Eindrücke von Alban Nikolai Herbsts Lesung aus dem „Sterbebuch“ „Traumschiff“ im Literaturhaus S.-H.

Kiel. Das ist Lastotschka, da direkt vor mir sitzend, mit dem Rücken zu mir, lauschend. Und manchmal bebt ganz leicht, feenseeschwalbenhaft die sanfte Biegung ihres rückwärtigen Halses, wo er in die schmalen, leicht hochgezogenen Schultern überschwingt, wo die Haut dünn ist und duftet, wo die Ader pulst – und ich dürste …

Wie einst Hans Castorp in Thomas Manns „Zauberberg“ während eines Vortrags über den Tod und die mit solchem verbundene Lebensgier jene Körperpartie der „kirigisenäugigen“ Russin Madame Chauchat bewunderte und den durchaus nicht flüchtigen Blick sogleich in ein unerfüllbares Sehnen verwandelte, ergeht es Gregor Lanmeister, als er als Reisender auf dem „Traumschiff“ der ukrainischen Pianistin begegnet, die er fortan (russisch für „Schwalbe“) „Lastivka“ (Koseform des Namens: Lastotschka) nennt und ihr das verschweigend schreibt vom langsamen Scheiden aus dem Leben. Vom Tode also, von dem wir laut einem gregorianischen Choral „media in vita“ schon umfangen sind.

Gregor Lanmeister, der gealterte Mann, ehedem Handlungsreisender in dubiosen Geschäften, „ein echtes Arschloch eigentlich“, nunmehr als einer der 144 Todgeweihten auf der „Barke“ durch die sieben Weltmeere schippernd (er weiß nicht mehr, wie lange schon – und wie lange noch), ist der Protagonist, genauer genommen Chronist eines zeitlos Gewordenen, in Alban Nikolai Herbsts beim Hamburger mare Verlag erschienenem Roman „Traumschiff“. Als „Sterbebuch der Extraklasse“ bezeichnete die FAZ jüngst das Werk, das zwar allegorienreich um das Thema „Tod“ kreist, aber eigentlich ein Buch über das Leben ist. Und ein Großentwurf, wie beide, Tod und Leben, ineinander übergehen und einander wechselseitig dialektisch bedingen. A propos Großentwurf: Als „überinstrumentiert“ bezeichnen einige der (bisher viel zu raren) Kritiken solchen und ziehen Parallelen zum „Zauberberg“. Auch wenn Herbst sie ablehnt – Thomas Mann verabschiede ein ganzes Zeitalter und das stilistisch deutlich manirierter als man es Herbst zwischen den Zeitungszeilen nicht erst beim „Traumschiff“ vorwirft – sind sie naheliegend: Clawdia Chauchat versus Lastotschka, Hans Castorp versus Gregor Lanmeister, Kreuzfahrtschiff auf der weiten See versus Berghof in der Weite der Alpen. Nicht zu schweigen davon, dass bei Mann wie Herbst die metaphorischen Namen des Figurenkabinetts sie als (Arche-) „Typen“ auszeichnen.

Doch solche eitle Rezensentenfreuden am Ent- und Aufdecken von Kassibern, die den Text zwar spielerisch (man könnte auch sagen: poetisch) durchziehen, die ihn aber nicht ausmachen, schon gar nicht (er-) klären, führen in die Irre, hört und sieht man Herbst live lesen. Etwas steif wirkt er in seinem distinguierten Outfit, tiefdunkelbrauner Anzug, Krawatte bis über den Kehlkopf gebunden, wie er da vor der Lesung freundlich Freunde oder aus dem Netz gut Bekannte wie mich begrüßt. Die Dampfwolken aus seiner E-Zigarette sind so beredt wie seine herzlichen Begrüßungsworte. Traumschiff-Abendanzug in der Raucherecke? Wiedergänger Lanmeisters, der nicht sein Alter Ego ist – oder doch? Und jetzt gleich eine eigentlich schon tote „Wasserglaslesung“ …?

Nichts dergleichen. Herbst lässt das Wasserglas unberührt, schenkt sich (mehrmals und zum Lesefluss dramaturgisch passend) Wein ein – weißen wie der Seeschwalben Federkleid, nicht sterbensblutroten. Hängt das Jackett schwungkunstvoll über die Lehne, befreit seinen Hals von der knebelnden Krawatte, knöpft das Hemd auf, krempelt die Ärmel hoch … Und beginnt mit einem Gedicht aus „Der Engel Ordnungen“, in dem den „Versen der Sehnsucht“, die Lanmeister fortan weitersingen wird, mal komisch, mal verklärt, nicht von ungefähr das Adjektiv „morsch“ vorangestellt ist.

Schon dieser Auftritt ist eine Entgegnung dem ganzen Vanitas-Zusammenhang, der hier aufscheint, das „Sterbebuch“ zwar prägt, aber den es zugleich konterkariert. „Ohne ihre Banalität sind die Menschen nicht zu verstehen“, flüsterte Lanmeister sein schon längst als Leiche von Bord gegangener Freund zu. Und genau so ist es: Leben wie Tod sind einerseits banal, andererseits sind sie ganz großes Welttheater auf der kleinen Barke, Rettungsboot …

Meinem (Facebook- und litblogs.net-) Freund ANH traue ich zu, dass er auch seine Lesungen so präzise inszeniert wie seine Romane, Hörstücke und Gedichte. Nicht zuletzt in seinem literarischen Blog „Die Dschungel. Anderswelt“, wo man vor vier Jahren sein Ringen um den damals noch als „Totenschiff“ betitelten Text verfolgen konnte, macht er deutlich, dass pralles Leben und dessen Kondensation im (toten?) Text dialektisch sind, dass man im und mit Text nicht nur lebendig wird, sondern auch neues Leben erzeugt – über den Tod, der uns alle irgendwann ereilt, hinaus.

„Lastotschka“, vor mir in der Reihe sitzend, hat sich jetzt einen Schal um den Hals gewunden. Will sie sich verbergen vor meinen und Gregors sehnenden Blicken? Oder – und das ist das Leben, von dem wir nah dem Tode so poetisch zärtlich umfangen werden –, fröstelt sie ob beider nur?

ANH liest aus „Traumschiff“ am Literaturtelefon Kiel

4 Sektig

Das sektige Gefühl im Bauch, diese auffressende Säure.
Das Völlegefühl in Anbetracht dieser Harmonie verbreitenden Paare. Paare in der Silvesternacht. Noch weit von den kommenden Trennungen entfernt.
Machen sich Handzeichen über die Tanzfläche hinweg, während sie sich langsam, fast lethargisch zu „I Can Change“ von LCD Soundsystem bewegen.
Alles Lüge, niemand ändert sich hier.

Eine bleiche Frau, fast albinohaft. Mit wasserblauen Augen hinter einer runden Brille mit hellem, brauntönigen Rand.
Die Frage nach der Arbeit. Die Frage der Arbeit. Im Radio wünschen sie sich, weniger arbeiten zu müssen. Alle wollen weniger arbeiten. Weniger Arbeit. Die Hälfte der Arbeit, das doppelte Gehalt. Man kommt auch schlechter in die Arbeit, je länger man fortgeblieben ist.
Wir nehmen uns weniger Pädagogik vor. Weniger Pädagogik und weniger Arbeit.
Sie ist etwas verhuscht, etwas schüchtern. Da ich sie will, da ich sie wirklich will, komme ich mit meiner eigenen Schüchternheit besser zurecht.

Dann kam tatsächlich eine Kaltfront.
Ich las Anke Stelling, um mich von DeLillo („Underworld“) zu erholen.
Progression und Behaarung.
Ich griff wieder zu DeLillo, um mich von Anke Stelling („Bodennahe Fenster“) zu erholen.
Ganz vergessen, wie kalt es in Berlin sein kann. Schneidiger Wind. Plümmelmütze. Schal.
Jetzt gehen wir in eine Kunst.
Jean Dewasne, die Entdeckung der Würth-Sammlung.
Gut, ich hatte meinen Presseausweis. Dennoch: Diese Würth Gruppe hat soviel Kohle, sie sollte ihre gesammelte Kunst grundsätzlich umsonst zeigen.
Vielleicht tut sie das auch, und das Museum ist das, was Geld verdienen muss.
Kiefer und Baselitz: Vorurteile wieder voll bestätigt.
Kein ausgestellter Künstler – Künstlerinnen waren eh an einer Hand abzuzählen – war jünger als ich.
Ich glaube, irgendsoein Skulpturenmacher hatte das Geburtsjahr 1965. Er war der jüngste.
Die Menschen in der Ausstellung sahen auch wieder überkomisch aus.
Menschen im Durchschnitt: nicht schön.
Hockney und Richter in einen Raum zu stecken ist auch keine gute Idee. Ich mag Hockney. Aber zu Richter passt er leider so gar nicht.
Richter fast allen wieder haushoch überlegen. Warhol: lustig. Picasso: auch sehr lustig. Magritte: doch wieder schön. Mein Ex-Lieblingsmaler, immer noch weit oben auf der Liste.
Schön auch: Es gab einen Nay zu sehen, und schön auch vor „Mono Gold“ von Klein zu stehen.