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Inhalt 01/2016

Die Lesezeichen-Ausgabe 01/2016 erschien am 11. April 2016.

In dieser Ausgabe:

Hanns Dieter Hüsch und der Niederrhein, Jean Paul und Friedhelm Rathjen, Dr. Dre & Ice Cube, die Liebe als Struktur, Ossama Moham­med und Wiam Simav Bedir­xan, Hyazinthen und Rotmilane, Benzin und Möwen, Hans Castorp versus Gregor Lanmeister, ein Bra, Kiefer und Baselitz, Pillen und Gewaltphantasien, die Wahl der Würmer, Schwäne, Brunnen, Kritteleien und Schwarzwälderkirschtorten … uvm.

INHALT:

LSD, Ostern ’78

Wer LSD nimmt und auf den Horror kommt, hat zuletzt nur noch einen Wunsch: dass in Gottes Namen alles wieder so wird, wie es einmal war. So normal und vertraut, wie man es gekannt hat, bevor die Säure das Bewusstsein kaperte und alles durcheinander brachte.

Gegen einen Horrortrip erscheint ein Albtraum geradezu luftig und leicht, wie Zuckerwatte. Hält ein Albtraum noch die Möglichkeit offen, schweißgebadet aufzuwachen und durchzuatmen, ist ein Horrortrip ein Schockzustand, aus dem man auf Stunden nicht herausfindet. Es ist, als würdest du dir selbst nachwinken, während du krachend in die Tiefe stürzt und dich nur noch danach sehnst, dass alles wieder so wird, wie du es gewohnt warst. Du möchtest mit Freunden zusammensitzen, in eine Tüte Colorado greifen und eine TV-Serie anschauen, du möchtest die normalsten Dinge der Welt tun und glücklich sein.

Dummerweise ist ein schlechter LSD-Trip so unerbittlich, so rigoros und potent, dass man sich die Verrichtung alltäglicher Dinge kaum noch vorstellen kann. Es fühlt sich unerreichbar an. Und je länger dieser Zustand andauert, desto weniger glaubt man daran, dass ein Zurück überhaupt möglich ist. Oder ob man nicht schon zu tief drin steckt im Mutterkorn..

Dabei ist LSD in der richtigen Dosierung am richtigen Ort zur richtigen Zeit eine Erfahrung, die einem das Leben in dieser Klarheit vielleicht nur einmal genehmigt. Vermutlich gibt es auf Erden kein chemisches Material, das einen näher an die Ursprünge der eigenen Existenz führt. Ein guter Trip ist deine eigene Schöpfungsgeschichte, ein guter Trip ist deine Indianererfahrung.

Ein schlechter Trip hingegen klemmt wie ein schwarzer Schatten über deinem weiteren Leben.

 

Jesus Christus, Susanne Eggert

 

Wenn die Rede auf Acid kam, sprachen wir von Linsen. Linsen galten als Könige unter den Drogen, sie herrschten unangefochten über die Subkultur. Gegen eine gute Linse stand jede andere Droge auf verlorenem Posten. Ob Marihuana oder Heroin, ob Koks oder Speed, allen Stoffen fehlte das gewisse Etwas der Linse, der dunkle Zauber des Unwägbaren.

Die erste Linse teilte ich mir im Frühsommer 1977 mit Pepe, eine Yellow Sunshine. Es war nicht nur die erste, es war auch die bei weitem beste Linse, die ich je eingeworfen hab. Danach hätte ich meine LSD-Experimente eigentlich einstellen können. Was auch besser gewesen wäre.

LSD ist ein Spiel mit dem Feuer, im Mikrofunkenbereich. Eine Messerspitze zu viel oder zu wenig kann darüber entscheiden, ob dir muckelig warm zumute ist wie am idyllischsten Lagerfeuer der Menschheitsgeschichte oder ob du dich im Wahn selbst entzündest und plötzlich Feuer fängt. Es gibt keinen Löschzug für einen schief laufenden LSD-Trip, die Brandwehr rückt erst gar nicht aus. Und die Substanz legt dich innerlich in Schutt und Asche. Oder wie Albert Hofmann, Entdecker von LSD, im Alter erschüttert meinte: “Ich glaubte nie, dass ein Stoff mit dieser Kraft auf der Strasse landen könnte..” Nein, das hatte er nicht gewollt.

Das konnte er gar nicht gewollt haben.

*

Wir waren seit Monaten hinter einer Yellow Sunshine her, doch Pepes großer Bruder hielt uns hin.

“Ein Trip ist nicht wie Kiffen, Jungs. Das kann schwer ins Auge gehen. Man muss mit jemanden zusammen sein, dem man blind vertrauen kann. Wartet einfach noch ein bisschen. Wenn ich eine Yellow Sunshine in die Finger kriege, denk ich an euch. Versprochen.”

Yellow Sunshines, soviel hatten wir schon gehört, waren legendär. Sanft und lang anhaltend in der Wirkung, wenig Halluzinationen, kaum Speed. “Was denn, was denn, keine Hallus..!?” sagten wir verstört. Was zum Teufel sollten wir mit einem Trip, der keine Hallus bescherte? Pepes Bruder lachte nur. “Wartet ab.” Na schön. Was blieb uns auch anderes übrig.

Pepe war dafür bekannt, gut sitzende Blue Jeans zu tragen, immer die neueste Importware aus den USA. Sein von Selbstbräunern maskierter Vater, Inhaber mehrerer Herrenmodegeschäfte sowie einer Jeansladen-Kette, wollte Pepe frühzeitig zum Junior-Chef aufbauen. Der ältere Bruder wurde hauptsächlich als Fahrer eingesetzt, ab und zu er durfte im Zentrallager kommissionieren, wenn die Bestellung nicht über zehn Rifle-Jeans hinausging.

Pepes Bruder war ein lieber Kerl, nicht der gescheiteste, etwas weich in der Birne. Er war ständig auf Pille und bekifft und kicherte und verrechnete sich auf der Arbeit, er brachte alles durcheinander und wenn die Bestellscheine aus den anderen Filialen mit Fragezeichen verziert retour kamen, machte er eine Woche blau, schmiss Pillen ein, kiffte und kicherte.

Pepe hingegen machte etwas her, hatte vom Vater die Durchsetzungskraft geerbt. Hätte Pepe länger gelebt, aus ihm wäre noch ein richtig strammer Kapitalist geworden. Das mitfühlende, beinah feminine Herz seiner Jugend, gepaart mit der späteren Knast-und Heroinerfahrung, es wären sicher nicht die schlechtesten Voraussetzungen für eine Businesskarriere gewesen, hätte das Pulver ihn nicht dahingerafft, mit 25, auf einem Wirtshausklo in München.

So wie sein Vater nichts anderes im Sinn hatte als Geld, galt Pepes Interesse ausschließlich Drogen. Die beiden lagen gar nicht so weit auseinander, wie sein enttäuschter Herr Vater wohl annahm, als er während der Beisetzung seines ältesten Sohnes, der zwei Jahre nach Pepe ebenfalls einer Überdosis erlag, seine von ihm geschiedene Ex-Frau anherrschte, “ich habe niemals Söhne gehabt, meine Liebe!” Worauf er sich umdrehte, in die wartende Limousine einstieg und nie wieder einen Fuß auf den Friedhof setzte.

*

An einem Frühlingstag war es endlich soweit. Eine Lieferung Yellow Sunshine war angekommen. Pepes Bruder hielt sein Versprechen. Wir zahlten 15 Mark für die kleine orangefarbene Tablette.

“Bleibt auf jeden Fall zusammen, egal was passiert, und geht raus in die Natur”, gab uns Pepes Bruder noch mit auf den Weg. “Bleibt bloß nicht auf dem Zimmer hocken.”

Dann wünschte er seinem kleinen Bruder und mir einen angenehmen Flug.

Jedes Mal, wenn ich eine Droge neu ausprobierte, war Pepe mit an Bord. Das war Gesetz. Der erste Trip, das erste Mal Heroin, das erste Mal Koks, selbst beim ersten Mal Kiffen war ich mit Pepe zusammen. Es war spätabends vor der Kirche Unter St. Clemens. Nach der zweiten Purpfeife hockten Pepe und ich auf den Treppenstufen der katholischen Innenstadt-Kirche und staunten in den Straßenverkehr. Wir ergötzten uns an den warmen Wechselfarben der Ampelschaltungen, an den roten Rücklichtern der Mopeds und dem Sound dahinjagender Ambulanzwagen. So homogen schien alles, so perfekt, als hätte jemand zu unseren Füßen die grosse Elektrische aufgebaut, nur eben in lebensecht: vor unseren Augen präsentierte das Haschisch seine große Märklin-Show. Und wir beide saßen unvermittelt an der Trafostation, Pepe und ich, und ließen es laufen.

Mit Pepe konnte man die Dinge ganz wunderbar laufen lassen.

*

Die Yellow Sunshine genehmigten wir uns nach kurzer Überlegung am Hippergrund, dem Landschaftsschutzgebiet, in dessen Nähe ich heute noch wohne. Und ab und zu, wenn ich am nahen Treppenbach stehe, sehe ich uns noch vor mir, Pepe und mich, wie wir die Linse brüderlich in zwei Hälften teilen und entspannt durch den Wald spazieren, Seite an Seite.

Es dauerte über eine Stunde, und nichts passierte. Als wir uns schon beinah verschaukelt fühlten, vom Geheimnis entkoppelt, ging es, leicht noch zunächst, los. Ein erster sachter Einschlag. Wer LSD nicht kennt, wer es nie ausprobiert hat, der erwartet alles mögliche, Krimi, Totschlag, Sensationen, (oder wenigstens drei Stunden lang wie ein Hund hören und riechen zu können, Explosionen in blau und ein inneres Orchester), aber eines bestimmt nicht – dass man sich fühlt wie ein unaufdringlicher Gast an einem milden Apriltag. Ja, man weiß anfangs nicht einmal, bin ich schon auf Acid? Ist das schon die Linse?

Angenehm, das Licht.

Und erst dieses organische Federn..

(LSD war das Geheimnis der großen Brüder. Wir hörten so viel, sie erzählten so wenig. Sie behielten es für sich. Es war ihr letzter Trumpf. Yellow Sunshine. Eine funkelnde kleine gelbe Sonne. Wir hatten regelrecht betteln müssen, bis wir sie endlich in den Händen hielten. Und nun steckte sie in unserem Kopf, und es geschah – nichts.)

Und urplötzlich ist man mittendrin. Ohne viel Worte. Wie immer, wenn es wichtig wird im Leben, wenn es wirklich drauf ankommt, sind Worte nichts als tapsige Urlauber, die im falschen Augenblick durchs Bild rennen. Man kann auf sie verzichten. Man kommt ohne sie besser klar. Niemand braucht so was.

(Das irrste Erlebnis auf LSD, wenn auch auf einem späteren, mehr von Speed dominierten Trip: Wie der jüngere Bruder vom dicken Hansen und ich nebeneinander auf dem Scheisshaus hockten und uns eine Klobrille teilten. Wir mussten beide zur selben Zeit: GROSS! Es war, als wollte der Stuhlgang überhaupt nicht enden, als würden wir ganze Planeten ausscheiden.

“Boh..”, grunzte der Bruder vom dicken Hansen.)

Wir flanierten den Panoramaweg entlang. Eine dicht bewachsene Talsenke, wo die Sonne unerbittlich knallt, weil kein Baum Schatten spendet, obwohl genug Bäume herumstehen. Sie weigern sich, Schatten zu werfen. Es sind eigensinnige Bäume. Wir spenden nicht, sagen sie. Im Sommer ist der Boden von der Glut der Sonne so trocken und rissig, als laufe man in Kuba über ausgerupfte Tabakblätter.

Am Zedernweg, wo sich Feldwege und Pferdewiesen kreuzen, ließen wir uns im Gras nieder. Wir streckten uns lang aus, die Ohren nah am Bachlauf, am eben noch blassen Frühlingstag. So mächtig kam der Klang des kleinen Wasserlaufs, so unmittelbar, als senkten sich gewaltige Tonarme in die Rille einer Geräuscheplatte. Es flogen Wassertropfen durch die Luft, wie von Ping Pong-Schlägern geschmettert pfiffen und giggelten sie uns um die Ohren, wir beobachteten Finger, die von Norden kommend durch geweihtes Wasser schlenderten. Geweihte Finger. Aprilrote Hände.

Doch kaum nahmen wir die Ohren vom Bachlauf und legten uns ins hohe Gras, machte sich Ruhe breit. Ein blauer Nachmittag nahm seinen Anfang. Wenn die Lichtgeschwindigkeit eine Milliarde Stundenkilometer schnell ist, beträgt die LSD-Innengeschwindigkeit genau Null, aber man bleibt nicht stehen. Man wandert einfach weiter, in die Geborgenheit hinein.

*

Höhepunkt: Wie Pepe und ich Schulter an Schulter auf der Wiese stehen und zur Sonne aufblicken. Wir schoben den blassen Bombenkopf am Himmel entlang, platzierten ihn neu am Firmament, fixierten ihn, ließen ihn kopfüber abtropfen, liessen ihn purzeln, tanzen, glühen – mit der bloßen Kraft des Hinguckens. Egal, was der eine auch vor hatte, der andere folgte und machte es nach. Wir spielten großes Sonneverschieben. Blickte Pepe nach links, rückte die Sonne nach links, blickte ich nach rechts, rutschte der gesamte Himmel nach rechts. Ein Wimpernschlag reichte..

“.. und meine Sonne schlägt Rad”, rief ich.

“Kuselkopp”, schäumte Pepe. “Meine macht Kuselkopp.”

Mit einer Genickstarre wie im Kino, erste Reihe, Hauptfilm, schlenderten wir weiter; die Eidechsen am Strassenrand, in tiefer Aufmerksamkeit,

grüßend.

Gezwitscher ging auf uns nieder, wie Landregen. “Vögel sind freundliche Menschen”, sagte jemand. Wir beobachteten Eichhörnchen, die sich von Baum zu Baum jagten und die überhängenden Zweige als Zubringer nutzten, da war ein Rascheln im Wald, das Gehuste einer alten Hexe. Der Trip dauerte bis in den frühen Abend. Nur allmählich leierte das chemisches Band aus und wir erreichten die Hofschaft Theegarten, wo Sonnenblumen ihre Köpfchen ausstreckten wie Richtmikrofone, die alles aufzeichneten für die Ewigkeit.

(Kann gar nicht sein, sagte einer.)

*

Spätere Trips, mit Speed gepanscht, gingen hauptsächlich in die Beine, stifteten Unruhe. Einmal steppten wir zu fünft die Wupperstrasse hoch, den schläfrigen Basslauf von “Clever Trever” von Ian Dury in den Oberschenkeln, eine Prozession dynamisch-bekloppter Beine. Nicht übel, aber flüchtig. Speedig. Kein Vergleich mit der inspirierten Ruhe einer Yellow Sunshine.

*

Zuletzt bröselte Pepe einige Cracker, die er in der Hosentasche hatte, in den Bach, und wir schauten versonnen den Krümeln hinterher, ihrem Verschwinden.

*

Ostern 1978. Die große Patti Smith gastierte in Düsseldorf. Sie war so populär geworden, dass wir die Karten im Vorverkauf besorgen mussten. Zwar war das neue Album Easter nicht so gut wie Horses und Radio Ethopia, aber es enthielt Because the Night, ihren ersten echten Single-Hit.

Horses, das Debüt, war eins meiner absoluten Lieblingsalben. Das Stück Birdland, eine sechsminütige Landschaft aus Baum und Bass, sowie ihre rauh und sexy hingerotzte Einleitung zu Gloria, “Jesus died for somebody’s sins but not mine”, hatte ich so oft gespielt, dass die LP an diesen Stellen wie ein Scheiterhaufen knisterte. Eine verdammte Jesusverbrennung. Patti Smith war meine erklärte Heldin, ich war angesteckt von ihrer fiebrigen weissen Energie. Sie war eine Druidin, und ihr Zaubertrank wurde auf Vinyl ausgeschenkt. (Dummerweise ist ihr Name für mich bis heute mit meinem grössten Desaster verbunden.) (Auch wenn ich andererseits vermute, dass ich schon mit einem Nervenscharren zur Welt kam.)

Einen Tag vorm Konzert rief Pepe an und meinte, er könne für Patti Smith etwas Acid klar machen.

“Ein Konzert auf Linse..?! Bist du übergeschnappt?”

“Keine normale Linse”, meinte Pepe fröhlich, “eine Yellow Sunshine..”

Das war was anderes, auch wenn man sich nie sicher sein konnte, was man da schluckte. Weil der Markt illegal war, konnte jeder alles zusammenpanschen und unter Phantasienamen verkaufen. Niemand garantierte einem, dass in einer Yellow Sunshine das drin war, was man von einer früheren Yellow Sunshine kannte und erwartete.

Ich hatte kein gutes Gefühl, von Anfang nicht. Zumal eine Linse definitiv nicht in die Konzerthalle gehört, sie gehört in die Natur, nach Faustregel Nummer 1: Keine Wände! Nichts, was dich irgendwie einkesseln und beschränken könnte! Ich beging einen Riesenfehler damals: Ich hatte eine Befürchtung, und ich ignorierte sie.

Eine fatale Entscheidung.

*

Wir waren vorm Mumms verabredet an diesem Samstag, Pepe und ich sowie drei oder vier andere Leute, die ihre Karte für Patti Smith schon in der Tasche hatten. Pepe nahm mich beiseite.

“DieYellow Sunshine hat sich erledigt”, sagte er, und ich war schon fast erleichtert, “aber mein Bruder hat eine Red Star abgedrückt.”

Am liebsten hätte ich die Sache auf der Stelle abgeblasen, doch Pepe wollte das Konzert unbedingt auf Linse erleben, das brachte mich in einen Konflikt. Es war nicht nur ungeschriebenes Gesetz, einen Trip in der Natur zu schmeissen, man liess auch einen Freund nicht allein auf Linse. Soweit nachvollziehbar. Warum wir den Red Star aber, einen gezackten roten Stern, der wie ein mit Zuckerglasur überzogener winziger Kirmesapfel funkelte, in zwei Hälften aufteilten und einwarfen, anstatt ihn erst mal zu vierteln und eine halbe Stunde abzuwarten, dafür gibt es im Nachhinein nur eine einzige Erklärung: Wir waren 17.

Ich seh uns noch vorm Mumms stehen, an den Parkscheinautomaten gelehnt. Wie Pepe den Stern in der hohlen Hand entzweibricht und jeder seine Hälfte schluckt, Schluck Bier hinterher, und wie der dicke Hansen Wind von der Sache kriegt und neugierig angeschlichen kommt, von hinten.

“He! Was pfeift ihr beide euch denn ein? Ne Linse?”

“Was? Nee”, sagte Pepe.

Auch ich schüttelte nur den Kopf. Der dicke Hansen auf Drogen, das bedeutete bloß  Scherereien. Und was kann man auf Acid partout nicht gebrauchen? Scherereien. Dafür ist LSD nicht gebaut.

Wir fuhren mit zwei Wagen nach Düsseldorf.

Ich stieg beim Schuh ein, im roten Kasten-R4, Pepe im Wagen dahinter. Schuh, ein charmanter langer Schlaks, der stets skeptisch in die Welt guckte und mich mit “He, du Spezialist” zu grüßen pflegte. Schuh war nicht nur ein paar Jahre älter, er fiel schon von der ganzen Ausstrahlung in die Kategorie Großer Bruder, auch wenn er Einzelkind war.

Nach nicht mal einer halben Stunde setzte die Wirkung ein – mitten auf der Autobahn Richtung Oberbilk. So rasch hatte es mich noch nie erwischt. Ich konnte kaum stillhalten, die Füße drängelten unterm Sitz hervor wie Flöze. Ich war heilfroh, als wir endlich in den Parkplatz vor der Philipshalle einbogen.

Kaum war ich aus dem Wagen gestiegen, stürzte Pepe auf mich zu.

“Alter, was.. ist das denn..?!” zischte er, unterfüttert von einem in die Breite blubbernden Grienen, das ich so noch nie gesehen hatte, weder bei Pepe noch bei irgendwem sonst, doch ich konnte nichts erwidern. In meiner an Strommomenten nicht gerade armen Drogenkarriere steckte ich im funkelndsten aller Strommomente fest – und hatte keine Worte dafür.

(Zumal LSD keine Droge ist. Es ist eine Form von Wahrheit.)

Im gleißenden Flutlicht der Laternenmasten marschierten Pepe und ich Seite an Seite über den Parkplatz der Philipshalle, Stars auf schwarz geteerten glänzenden Bühnenbrettern. Ein rot glitzernder Aufgalopp.

Als in meiner Nähe jemand versehentlich den Schlüsselbund fallen ließ, schepperte es in meinen Ohren, als stürzten riesige Stahlträger in einer leeren Fabrikhalle zu Boden. Ich duckte mich erschrocken, während Pepe lässig weiter stolzierte, hin zum Gemurmel der Halle, zum Gelächter der In-Crowd, die, zurecht gemacht fürs Konzert, den Kassenbereich ansteuerte.

“Guck dir all die Gockel an”, hörte ich jemand kichern.

Umtost vom Hupen ankommender Autos und dem Club-Sound schwerer Motorräder verschmolz alles zu einem einzigen großen pulsierenden Super-Ereignis. Willkommen auf dem Acid-Trip, machs gut, Kamerad, verlier mich nicht.

Das Universum erklärt sich immer dort, wo man sich gerade aufhältst. Nur dort entfaltet es sämtlichen Glitzer.

Ich holte Pepe ein. Wir blickten uns an, halb irre schon (Innerlich noch am wegducken, ich.)

“Shit, ist das hell hier”, hörte ich Pepe, während ich mich schon sorgte, was denn erst drinnen werden sollte, in der Philipshalle. Zusammengepfercht, unter Tausenden Leuten. Und richtig mulmig wurde mir, nachdem ein Ordner unsere Eintrittskarten abgerissen hatte und wir die Vorhalle betraten, das Reich der Bierstände, der T-Shirt-Verkäufer, und wo mir schlagartig bewusst wurde, dass ich für die nächsten Stunden hier gefangen sein würde. Dass es kein Entrinnen geben würde aus diesem flachen Betonquader.

Jeder Acidhead kannte einen Acidhead, der einen Acidhead kannte, der hängen geblieben war auf Acid, nicht mehr zurückgekehrt war, der es nicht mehr geschafft hatte.

Der in der Klapse gelandet war.

*

(Bernie Wester hatte sich im Übermut eine Handvoll Trips in den Mund werfen lassen, wie verdammte M&M’s. Einige spuckte er wieder aus, andere nicht, sie rollten in sein Hirn. Es hieß, seine Augen wären damals fast geplatzt, vor lauter Innendruck, die Ärzte hatten ihre liebe Mühe, sein Augenlicht zu retten. Er blieb zwölf Monate im Landeskrankenhaus. Der nette Bernie Wester.)

*

Bedrängt von Fans in speziell punkigen Patti Smith-Capes, die sich nach vorne kämpften, um die besten Plätze zu ergattern, schoben wir uns in den Innenraum der Philipshalle. Aus Bühnen-Boxen, zu Türmen übereinandergestapelt, dröhnte Miss you von den Stones. Miss you mit dem rollenden Disco-Basslauf und der fröhlichen Mundharmonika, Miss you, gerade überall Nummer 1 – und dieses eine Mal noch grinsten wir uns verschwörerisch an, Pepe und ich, ein letztes Mal, bevor wir uns für den Rest des Abends aus den Augen verlieren sollten.

Unterhalb der Tribüne bildete sich eine Gasse, in der das Publikum hin und her strömte, hin zu den Bierständen, zurück zu den teuer erkauften Plätzen. In diesen Gesichtern begann der Horror. Fratzen, breit wie Brotkästen, das Maul eingekleistert, bebuttert, mit blutig geratschten Augen. Ich blickte in Schlachthof-Visagen, teigige Fleischwunden. Als mampften alle aufgeweichtes Krepp.

Ich hatte auf Acid Hallzuninationen gehabt, doch dieses Fratzenhafte, Zerstörte sprengte alles bislang Gesehenes und war eine Dimension näher am Irrsinn, ich bewegte mich auf Stromschnellen und das Schlimmste: ES würde anhalten, so schnell würde ES keine Erlösung geben, mein Zustand, diese LSD-Vollvergiftung, würde noch eine ganze Weile anhalten, (und niemand gab mir die Gewähr, dass es nicht noch schlimmer kommen könnte): Das Weiterschwappen der Acidsäure durch alle Schichten war längst durchprogrammiert, da kam ich nicht mehr heraus – es WAR ZU SPÄT ZUM RÜCKKEHREN.

Eine Angst, wie ich noch nie Angst verspürt hatte, umfing mich. Ich suchte Pepe, fand ihn nicht. Ich fand niemand von meinen Leuten.

Ich schloss die Augen, versuchte mich dem Schwarz anzufreunden, doch da war ja noch das Speed in den Beinen, das mir keine Ruhe liess. Säure schoss die Beine hoch, ich lief wie auf aussuppenden Batterien umher, mit Augen, die sich nicht trauten, in entgegenkommende Gesichter zu blicken, weil dort Fratzen warteten. Unmöglich, irgendwo anzuhalten. Luft zu holen. Zu überlegen.

Ich

fand niemanden von meinen Leuten; ich mied Gesichter – inmitten siebentausend Gesichtern.

*

Einmal stand der dicke Hansen neben mir und brüllte etwas in mein Ohr, ich verstand ihn nicht, ich starrte nur zu Boden, um seiner Fratze zu entgehen.

“Keine Vorgruppe..”, wiederholte Hansen, und ich floh aus dem Innenraum.

Als ich die Gasse unterhalb der Tribüne erreichte, wo man etwas Platz hatte, blickte ich hinauf zu den Rängen, und jetzt geriet meine Wahrnehmung komplett durcheinander. Die Bewegungen der Menschen, die auf der Tribüne ihre Plätze einnahmen, deutete ich falsch. Ich glaubte, das Publikum sei in Panik. Ich sah Menschen fliehen, über die Sitze stolpern, ein einziges großes Gewimmel war es, was sich dort oben abspielte. Und das schlimmste – es interessierte niemanden. Um mich herum war alles wie zuvor. Leute kamen mit Bier, Leute gingen neues Bier holen.

Vielleicht war auf den Tribünen ein Feuer ausgebrochen und jetzt kletterte alles wild durcheinander und stürzte Richtung Notausgang, dachte ich. Nur merkwürdig. Nirgends war ein Schrei zu hören, keine Hilfe-Rufe, es war eine lautlose Panik, die die Halle ergriffen hatte..  was zum Teufel war mit den Leuten um mich herum los, wieso gaben sich alle so unberührt? Sah denn wirklich niemand außer mir, was dort oben vor sich ging!?

JA, MERKT DAS DENN NIEMAND?

Erst als das Hallenlicht unter Gejohle erlosch und schrille Pfiffe den Beginn des Konzerts forderten, verschwand das Gespenst einer Massenpanik. Ich versuchte mir irgendwie klarzumachen, dass es Halluzinationen gewesen sein mussten, nur Hallus.

Dumm nur, dass auf LSD definitiv kein nur existiert. Alles ist gleichsam wichtig, man bewegt sich wie in tausendfacher Vergrößerung unterm Elektronenmikroskop, schwimmt auf der Pipette. Das Selbst ist gleichsam monströs groß und winzig und enthauptet. Es gibt kein Ich mehr.

Nur noch Ichs.

Auf Resten einer entglittenen Seele, niedergedrückte Versuche, mir zu entkommen, Abgrund überall, Wege weg vom Abgrund –

hier entlang!

Ich versuchte, Vorsprung zu gewinnen, Vorsprung vor mir selbst inmitten rempelnder Körper, einem brutalen MILLIARDENGEMURMEL, o Herr – hätte ich es doch nur ungeschehen machen können. Ich blieb wie zugeschnürt, randvoll pulsierend.

*

Auf der Bühne erschien Patti Smith, die sich feiern ließ für ein erbärmliches Gitarren-Solo. Eine Leinwand wurde runtergefahren, ein schwarz-weißer Undergroundfilm voller Ratten in New York und monotonen Maschinengewittern gab mir den Rest. Ich tigerte durch die Vorhalle, vorbei an den Ständen und Freßbuden, versuchte zu entkommen, den Fratzen, lief hin und her, ohne ruhige Sekunde, ohne sitzen bleiben zu können, versuchte es mit einem Bier, das ich irgendwie bestellt bekam am Bierstand, doch was den Lippen entgegenschwappte war nicht fluid, es waren Stoffbahnen. Ich trank an gegen Mäntel, nahm einen Schluck gegen Innenfutter. Ließ es sein. Den Becher stehen. Weiter. Wohin?

Einfach verschwinden, in die S-Bahn setzen, nach Hause fahren, alles, was im cleanen Kopf ein Kinderspiel gewesen wäre, schien unmöglich, ich würde es nicht packen. In meinem Körper riefen sie nach Selbstmord, nach Schluß damit, komm, spring.
SPRING!

Müder Beifall.

Der Vor-Film war zu Ende. Leinwand hochgezogen, die Patti Smith Group enterte die Bühne. Ich verzog mich hinters Mischpult, wo genug Platz war. Patti Smith spielte Ask the angels, ich versuchte zu tanzen, mich in die Musik einzugraben, einen Schutzmantel aus Noten um mich herum zu ziehen, doch ich fand mich nicht ein, konnte die Musik nicht spüren, es blieb ein fernes Hampeln, ich blieb auf der Pipette. Schief, verdreht, verwickelt. Gebet;

Herr!

Runterstürzen, irgendwo: Doch die Philipshalle, ein Flachbau ohne Treppengänge, ohne jedes Oben und Unten, nur flaches Geschoß, das keinen Sprung zulässt. Hängengeblieben, wickelte sich eine Schleife durch meinen Kopf, Hängengeblieben Hängengeblieben, HÄN-GEN-GE-BLIE-BEN.

 

Beifall brandete auf. Ich spürte die Musik nicht. Ich spürte mich nicht. Ich lief hin und her und wusste nicht weiter. Ich wusste nur eins: so schnell würde sich dieser Zustand nicht ändern.

Schuh begegnete mir an der Garderobe. Wir waren nicht gerade das, was man Freunde nannte. Was sagt man einem Bekannten, wenn einem die Seele gerade von zu starkem LSD zerschossen wird?

“Schuh.. ich bin auf Trip.. ich pack das nicht mehr..”, mehr brachte ich nicht heraus. Die Worte eines Hängenbleibenden. Nüchternes Zeugs. Doch Schuh zögerte keinen Moment.

“Lass uns hier verschwinden. Mir gefällt das Konzert eh nicht. Und ich hab einen dicken Brösel im Wagen.”

“Nein. Nicht kiffen”, sagte ich, “bloß nicht!”

Ich hatte Angst, dass mit Haschisch alles nur noch schlimmer werden würde, doch Schuh ließ sich nicht beirren.

“Auf Horror hilft nur viel kiffen, so viel wie möglich.”

In seinem R4 holte er ein Piece aus dem Handschuhfach, groß wie ein Hühnerei. Wir rauchten fünf oder sechs Joints, bis Schuh nicht mehr konnte und nur noch für mich drehte. Es war, als drückte das THC allmählich die Säure aus meinen Beinen, als würde sich mit jedem Zug aus der Haschischzigarette eine weitere leichte Decke über meine rohen Sinne legen, in der kühlen Stille des Renault. Wir sprachen kein Wort. Ich hatte keins, Schuh wollte nicht. Als der Brösel fast ganz aufgeraucht war, gaben die Dämonen allmählich Ruhe.

Schuh gähnte ausgiebig.

“Du Spezialist.”

ENTSAGUNG. ENTSAGUNG. ENTSAGUNG („Ich will mich im Eis ertappen.“)

20. Folge von „Ich küsse mein Leben in dich. Die Marten-Ehen“



 
„Dem Nordmeer entgegen“, so hatte sie geschrieben, die Schwesterliche. Das Fischweib in seine Kälte entlassend, schwimmend. Kein Ufer nirgends. Heilmann derweil, sich übergebend, am Boden, vernichtet, nach jener Nacht in der Fabrik der Engel, als er den sterblichen Sohn zu retten versuchte, durch das Opfer der Mutter. (Doch: War nicht längst geschrieben worden, anderswo: „Das Mutterhaus steht leer. Zerrissen ist des Lebens wie der Liebe Band.“ Eine aber schrie, immer weiter, wieder: „Nein!„)  
 
Schließlich allerdings wäre auch diesmal beinahe alles wie immer gewesen, nur weniger tragisch, mehr Soap Opera. Er hätte, zweifellos, sich berappeln können, ein weiteres Mal, den hellen Anzug aus dem Schrank nehmen, die Brille zurechtrücken, das Strohhütchen auf den Kopf drücken und an Bord eines weiteren Schiffes gehen als Lebemann (wie einer ihn missbilligend einmal nannte) oder auch, nicht ohne Ironie, als das ewige Seufzen der gepeinigten Kreatur (?), die sich nicht erlösen kann. Und weiter im Text…Warum nicht? Es rumpelte alles dahin. 
 
Doch dann kamen die Briefe. Diese Drohungen, die du der Schreibenden sandtest, als sei sie nicht Melusine, Drachenweib, fischig, sondern eine säugetierische Mutter, beheimatet in jener wirklichen Wirklichkeit, an die wir mit Gründen nicht glauben. WIR. Sie und Du, Heilmann, zu dem sie dich gemacht hatte: Heiler. Seher. Wissender. Doch machtest du dich klein mit deinen Worten, den ach so poetischen. Begannst die Geschichte in Geschichten zu zerlegen, wolltest ein Mann sein und HERR zugleich, als sei das möglich, ohne aus der Geschichte zu fallen. Wolltest lieben, Heilmann, du, und eine nur, eine nur, eine nur, als seist du nicht der Zampano, dem sie, nur sie, nur sie das Leben einhauchte, damit du es weiter küsst und küsst und küsst, der Nächsten und Nächsten und Nächsten ein und wiederum…:
 

 

„Ja, soll denn etwas so Schönes nur einem gefallen

 

Die Sonne, die Sterne gehören doch auch allen.“

 

 
Wir waren nicht gemacht, Heilmann, für diese Story, die du dir erfandest, den Schmachtfetzen, die Geigen im Hintergrund, klagend:
 
Entsagung, Entsagung, Entsagung…
 
Ach hätten wir es vermocht, zusammentreffend, weder vom Vergangenen noch vom Künftigen zu sprechen, sondern uns nur im Gegenwärtigen zu begegnen. Alles wäre noch einmal gut gegangen. Das war der Pakt, den wir brachen. 
 
Und dann deine Wut. Die Hiebe, die blutende Faust. (Meine Gewaltphantasien. Ich gebe das zu.) Keinen könnte ich lieben, dem ich nicht etwas Dunkles andichtete. (Dark Knight Darcy.) So viele Klischees haben wir aufgerufen, bevor du dir im Ernst und wirklicher Wirklichkeit die Pulsadern schlitztest. Oder zumindest damit drohtest. (Denn in der wirklichen Wirklichkeit, Heilmann, bist du ein Feigling. Wie ich.) Das Geschäft der Nixen hättest du auch mir überlassen können. Ich hätte dich tot gekitzelt. Denn ich war immer schon mehr für Komödie als für Tragödie als du. 
 
Warum konntest du nicht verstehen, was das Opfer ist? Eine Fiktion, die wir nicht übersetzen sollen in unsere Körper, sondern auf dem Papier stehen lassen. Weil wir niemanden mehr zerstören müssen. Weil wir ertragen und weiter tragen, dass wir nur Projektionen sind. So, nur so, konnten wir einem jedem und einer jeden eröffnen, was sie zu erfahren wünschten und zu ertragen vermochten. Warum hast du das vergessen?
 
Wenn du doch einmal schweigen könntest, Heilmann, statt jedes Gefühl zum Anlass zu nehmen. Du bist, warst immer, – die Melusine wollte sich nur drüber täuschen – , ein bloßer Fetischist, Heilmann: Das Wort betest du an und alles, alles wird dir nur wahr, wenn du es aussprichst. Wie sehr wünschte sie sich, dass du einmal für dich behieltest, wie innig du begehrst, wie tief du gefallen bist. Wenn du einmal, einmal nur wärest, statt dich entwürfest. 
 
Könnten wir dann zusammen zurück an den uferlosen See? In die Tiefen der Erscheinung, blaugrün, wie die Tür, durch die du sie führtest vor Jahren? 
 
Es zieht uns immer an Meer, beide. Doch wir verfehlen uns. Du suchst die Sonne, deren Schein die Oberfläche des Wassers erwärmt. Den schwitzigen Leib ins kühlende Nass stürzen von einem südlichen Strand willst du. Mich zieht es nach Norden. In die Fjorde. Durch meine Adern fließt ein anderer Saft. In der Sonne staut er, verdickt. Ich will mich im Eis ertappen. 
 
Es ist alles vergebens, vergeben. Es bleibt uns bloß noch, uns selbst zu zitieren:
 
Ich küsse mein Leben in dich. Marter-Mann.

Farah Days Tagebuch

Samstag, 2. April 2016

Band, Lind, Tatzel:

Die Wahl der Würmer.
(Wie viele Unterarten es wohl gibt? Keine Ahnung. Alles, was allzu leicht gegoogelt werden kann, langweilt mich.)
Ich mag Würmer, auch glitschige. Mäandernde sowieso.
Menschen, die sich (aus welchen Gründen auch immer) in welche transformen, widern mich allerdings an. Bin gliedmaßenfixiert, schon immer. Mit Betonung auf dem Plural; am Rumpf muss einfach was schlenkern. Zupacken. Sich aufrichten.
Einem Wurm zu sagen er sei einer, da fühlt der sich nicht beleidigt.
So what?!? wird er nur fragen. Mit so einer fieseligen Stimme.
(Wollte das nur mal kurz loswerden.)

Eigentlich will ich übers Vermissen schreiben. Jemand muss eh anfangen, also kann ich’s auch gleich selbst tun. Im Anfangen bin ich gut, Kontinuität ist nicht so meine Stärke.
Grundsätzlich hab’ ich derzeit vergessen, was meine Stärken sind, nur diese eine ist mir noch bewusst, ich kann aus dem Stand loslegen. Brauch’ dazu auch keinen Pfeil. Keine Markierung. Ich fang’ einfach irgendwo an.
Auch beim Schreiben. Ich meine, ein Gedanke oder ein Satz beginnt ja auch willkürlich da oben: Niemand im Gehirn sagt ihm, wo dafür der richtige Platz ist.

Meins wurde kürzlich gescannt. Mein Gehirn, ich hab’ jetzt Aufnahmen davon. Scheint alles in Ordnung zu sein.
Also hat dieses andauernde Brummen in meinem Kopf keine körperliche Ursache, sagte ich zur Ärztin.
Die zog die rechte Braue hoch. Wer soll’s denn sonst machen, wenn nicht Ihr Körper?!
Oh, sagte ich. Natürlich, wie dumm von mir.
(Man muss dazusagen, die Ärztin ist alte Schule und fackelt nicht rum. Seitdem sie weiß, dass ich Künstlerin bin, lässt sie sich freien Lauf.)

Eben ist die Kogge gelandet. So hat LeBlanc ihn getauft. Meinen Tauberich. Weil er so schwer ist.
Die Kogge ist ein prächtiger Vogel und kein bisschen fett.
LeBlanc sieht das anders.
Er denkt, er sei eine Meise, spottet er.
Wie kommst du denn darauf?
Na, weil er sich immer auf die dünnsten Ästchen deiner Birke niederlassen will, die, auf denen die Meisen sitzen. Natürlich halten die Ästchen sein Gewicht nicht aus, aber er versucht es immer wieder.
Er glaubt, er sei schlank und grazil, sage ich, ein hübsches Ding, das überall landen kann. Er versucht es immer wieder, weil er gar nicht weiß, dass es ein Versuch ist! Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit.
Tja, sagt LeBlanc.

Ich frage mich, womit man die bessere Landung erzielt: mit dem Bewusstsein, dass man etwas riskiert, oder mit dem, dass eh klar ist, dass man gut landen wird.

(Vertrauen.
Ich vermisse Vertrauen.
In mich.
Anderen vertraue ich grundsätzlich und lande prima damit.)

Gestern, zum ersten Mal seit Monaten, lief ich wieder durch meinen Park, mehr oder weniger mühelos. Erstaunlich leichtfüßige acht Kilometer, eigentlich, in Anbetracht dessen, was ich vermisse. Morgen werden es schon wieder zehn sein.
Kraft ist reichlich vorhanden. Dreimal in der Woche stemme ich mich gegen die Eisen, mein genialer Coach bellt mich zu Höchstleistungen.
Für die dünnen Ästchen bin ich dennoch zu schwer.
Ich bin so verdammt hungrig.
Wenn der edle Lebenshunger nicht gestillt werden kann, schalten die Synapsen bei mir auf primitiv: Essen hilft, viel essen hilft mehr.
(Komisch, dass man Bissen wiederholen muss, ist doch immer der gleiche Geschmack(?!) Wie oft muss dieses Aha-Signal im Hirn ankommen, bis etwas sagt, man könne jetzt aufhören zu essen? Bei mir passiert erst einmal gar nichts, nachdem ich das Gericht erkannt und gewürdigt habe,
dafür brauch’ ich eh nur einen Bissen.
Esse dann weiter, bis ich satt bin. Immer noch kein Signal. Also weiter, bis nichts mehr auf dem Teller ist. Signal manchmal immer noch keines, also neuer Teller. Erst, wenn etwas einsetzt, das ich Betäubung nennen würde, leg’ ich die Gabel weg.
Ich sag‘ ja – Einfachmodus.
Muss wieder aufhören mit dem Taubessen. Zu psycho. Nur richtige Tauben kommen damit zurecht.)

Also, mein Gehirn ist in Ordnung, ich hab’s offiziell auf CD.
Kostenfreies Patienten-Exemplar, für Kopien wird eine Gebühr erhoben.
Steht drauf.
Kein Leck, kein Tumor, kein gar nichts. Ein prima Gehirn. Kann sein, es braucht einfach ein paar Tropfen imaginäres Öl, damit das Brummen aufhört.
Vielleicht aber auch etwas ganz anderes.

19/16-Soleur//Materialien


Ein Arbeitsheft: 27.2.16, Nachtrag vom 7. 1. 2016 // Protokoll // Gefäss, Raum, Ausdehnung, Geschehnis, Geheimnis, Prozess, Entschlüsselung; Koordinaten, Rhythmus, Bedingtheit; materielle Strukturen, Ordnungen, Wiederholung und Variationen. Paläste und Gärten // Fortsetzung und steter Anfang: Regen fiel. Mit dem Schnee webte er einen feinen Eisschneeschleier über die Landschaft. Die Hügel blieben fern. Die Stimmen. Die Möwen. Die Luft vibrierte. Zwischen hohen Gräsern glitt der Tag mit den Schwänen in die Dämmerung. Die Lichter leuchteten. Die Sprache, zögerlich, besorgt um jedes Wort, das nicht in das Stückwerk der Stunden passte. Die Gedanken trieben auseinander. Eine Ahnungen von Frühling. Das Notieren im Gehen war in dieser Kälte nicht möglich. Kleine Splitter nieselten über die Hände und Wangen. Niemand spazierte dem Ufer entlang. Die Möwen riefen. Die Stille schwieg. Die Gedanken verfielen. Im Zustand des Träumens zog ich mit den Schwänen zum andren Ufer. Das Bild sollte zeitlos bleiben. Das Wort. Im Augenblick des Zusammentreffens und Überschneidens beider, geschahen die Geheimnisse.

Emmerich (2)

emmerich_eimerich
Emmerichs Name soll auf eine Villa Embrici zurückgehen. Das Stadtwappen ziert ein Eimer. Emmerichs Historiker rätseln bis heute über seine Bedeutung. Fünf Erklärungsansätze gebe es, hörten wir, doch keiner davon sei wissenschaftlich haltbar. Am ehesten wahrscheinlich sei die Erklärung, daß der Eimer es als Hochwasser-Schöpfgerät ins Stadtwappen gebracht habe, im Grunde liege die Verbindung zwischen Eimer und Stadt jedoch im Unklaren. Auf die Frage, wie die lokale Aussprache für Eimer laute, bekamen wir zur Antwort: “Emmer”.

emmerich_schlemmerich
Dementsprechend, lautet unser gänzlich unwissenschaftlicher Blitzgedanke, könnte Emmerich von Eimer abgeleitet sein, mithin eigentlich Eimerich bedeuten, das Ich und den Eimer als Wortbestandteile verknüpfend, die den existentiellen Kampf des Individuums mit seinem wasserfassenden Werkzeug gegen den übermächtigen Gottvater Rhein repräsentieren oder die Selbsterkenntnis, die auf dem Grund eines mit Wasser gefüllten Eimers liegen mag, der die weiten niederrheinischen Himmel und darin das Gesicht des Betrachters spiegelt. Solche Gedanken werden in Emmerich jedoch nicht gepflegt – vielleicht nicht zuletzt, weil gängige Claims der vom Tourismus profitierenden Branchen bei stärkerer Eimergewichtung in unerwünschte Richtungen kippen könnten.

emmerich_glück_hüsch
Mit dem Wesen des Niederrheiners (“weiß nix, kann aber alles erklären”) hat sich wie kaum ein anderer der im Jahre 2005 verstorbene Kabarettist Hanns Dieter Hüsch befaßt. In Emmerich klebt sein Foto in mehreren Schaufenstern. Falls wir die Bildmotive richtig interpretieren, dürften sie bedeuten: “Hier kaufte Hüsch etwas ein” oder “Hier hat Hüsch sich die Auslage angeschaut”. Hüschs Gedicht “Glück ist ein Geschenk”, in dem Gottes Feriendomizil in der Gegend erwähnt wird, ist hingegen unmißverständlich in die Uferpromenade eingelassen.

 

portato via …

portato via
dal pozzo davanti
alla porta
(vom brunnen vor
dem tor)
grosso come cor
fattosi pietra
– all’ombra del tiglio –
a srotolare
ciottolino ciottolone
“kümmerli- kümmerliweis”
miser in fondo al
miser tu dici ruscell’

mondo foresto : entrasti
mondo foresto : non n’uscisti
(kein schöner land …)

zur Kritik

Kritik im Sinne eines akademischen oder feuilletonistischen Krittelns kümmert mich herzlich wenig. Sie wendet sich ihrem Gegenstand nicht zu, sondern neigt sich, in ihrem Selbstvertändnis, und nur da, zu ihm hinab, hält sich für klüger.Sie ist keine Kritik, weil sie ihre Ausgangsposition nicht verlässt.

Dass heisst nicht, dass Kritik ihren Gegenstand nicht überschreiten darf. Die Fähigkeit dazuu aber hat sie nicht, sondern gewinnt sie in der Auseinandersetzung mit dem Gegenstand. Kritik, wie ich sie verstehe, heißt Verstehen zu lernen. Sie verändert das Werk nicht, sie verändert den Kritiker.

(Gut und Schlecht sind tölpelhafte Kategorien)

Samuel Beckett, die Dortmunder Nordstadt, das Bier und die Frauen

Die Verbindung zwischen Samuel Beckett, dem Dortmunder Bier und der Linienstraße in der Dortmunder Nordstadt gehört sicherlich weder zum Grundwissen von Literaturwissenschaftlern noch von Braumeistern – und doch gibt es diese Verbindung! „Dortmunder“, eines der Gedichte des 1935 in Paris erschienenen Bandes „Echo’s Bones“[i], sei jedenfalls, so Samuel Beckett selbst, unter dem Einfluss von Dortmunder Bier entstanden. Zwischen 1928 und Anfang 1930 unternahm Beckett mehrere Reisen von Paris nach Kassel[ii], in Dortmund musste er auf der Hin- und Rückfahrt jeweils umsteigen. Der Hauptgrund seiner Reisen war seine Cousine Peggy Sinclair, in die er sich 1928 in Dublin verliebt hatte und die nun mit ihren Eltern, die dort einen Kunsthandel betrieben, in Kassel lebte. Beckett begann also eifrig Deutsch zu lernen und machte sich auf den Weg.

Samuel Beckett

Stellen wir uns einen jungen Iren Anfang zwanzig vor, der Ende der 1920er Jahre am Dortmunder Hauptbahnhof aus dem Zug steigt. Er ist etwas müde und hat nun eine ganze Weile Aufenthalt bis zur Abfahrt seines Anschlusszuges. Warum also, wird er sich gleich beim ersten Mal gedacht haben, nicht mal das hiesige Bier probieren und sich die Stadt ansehen. Eine Offenbarung war ihm Dortmund aber wohl nicht, denn er ist seit kurzem Englisch-Lektor an der École Normale Supérieure in der Weltstadt Paris. Ende Oktober 1928 war er dort eingetroffen und hatte sich schnell das Ausgehen und vor allem das Trinken angewöhnt, wobei der Alkohol, so der Beckett-Kenner Friedhelm Rathjen, nicht zuletzt die Funktion hatte, seine Scheu im Umgang mit Menschen, die er nicht gut kennt, zu überspielen.[iii] Beckett jedenfalls mag das Derbe und das Bodenständige, Bars und Kneipen und überhaupt die einfachen Lustbarkeiten, die er schon als Student in Dublin durchaus nicht verachtete, während er in seiner Schulzeit noch abstinent gelebt hatte, ganz noch im Sinne seiner streng protestantischen Mutter, die jede Form der Ausschweifung als Sünde ablehnte.

Samuel Beckett ist aber durchaus nicht der einzige Schriftsteller der Literaturgeschichte, der mitunter der berauschenden Wirkung des Bieres eine Idee, ein Gedicht oder gleich ganze Romane verdankt. Johann Paul Friedrich Richter, genannt Jean Paul und einer der berühmtesten Zeitgenossen Goethes, wählte sogar seinen Wohnort nach der Qualität des Bieres aus. Aber der gute Jean Paul trank nicht (nur) um des Vergnügens willen, sondern brachte sich ganz bewusst in eine ganz bestimmte Schreibstimmung. Und auch ihm verwandelte sich die Welt im Bierrausch, schrieb er doch in einem Brief im Jahre 1803: „Ich kenne keinen Gaumen-, nur Gehirnkitzel; und steigt mir eine Sache nicht in den Kopf, so soll sie auch nicht in die Blase“.[iv] Über das Berliner Bier wusste er übrigens nichts Gutes zu berichten, denn dies fehle dort ebenso wie die Berge.[v]

Doch zurück zu Samuel Beckett und seinem Gedicht „Dortmunder“. Der junge Schriftsteller ist also schwer verliebt und nicht minder verwirrt, denn seine Cousine Peggy hatte kess und nicht im mindesten schüchtern sexuell die Initiative ergriffen[vi]. Da lag es nahe, sich bei jeder Gelegenheit, bei der Frauen eine Rolle spielten, ordentlich Mut anzutrinken. Doch das Trinken ist für Beckett mitunter noch immer eine zwiespältige Angelegenheit, handelt er so doch all den protestantischen Prinzipien seiner Mutter entgegen. Das Bier und das Trinken als einer Sünde spielt auch in Becketts Romanen nicht selten eine Rolle, etwa in „Molloy“ (1951). Einer der beiden Protagonisten, Jacques Moran, ist ziemlich versessen darauf, immer Bier und am besten Pilsener im Haus zu haben. Aber auch er fragt sich, ob es nicht etwa doch Sünde ist, Bier zu trinken? Würde er zum Beispiel die Heilige Kommunion, den Leib Christi empfangen dürfen, wenn er einen Krug Pilsener intus hatte? Nun, der Priester würde nicht danach fragen, aber Gott würde es früher oder später erfahren, so überlegt er, doch vielleicht würde er ihm verzeihen. Aber hatte das Abendmal, wenn es auf Bier genommen wurde, überhaupt die gleiche Wirkung? Moran beschließt zunächst einmal, auf dem Weg zum Pfarrhaus ein paar Pfefferminztabletten zu lutschen.[vii] Am Ende kommt er dann zu der Erkenntnis, dass der Pater, wenn er um den Biergenuss weiß und ihn trotzdem kommunizieren lässt, aus dem gleichen Grunde sündigte wie er. Wenn es denn, die Frage bleibt, überhaupt eine Sünde ist![viii]

Samuel Beckett zieht also mindestens einmal, vermutlich aber doch bei mehreren Zwischenaufenthalten, durch die Kneipen und Tanzdielen der Dortmunder Nordstadt[ix], wo die Sünde quasi zuhause ist. Er trinkt natürlich einiges von dem guten Dortmunder Bier, bis er die ganze Welt buchstäblich in einem neuen Licht sieht und sie sich ihm ganz und gar verwandelt. Dementsprechend beginnt auch das aus diesem Erlebnis resultierende Gedicht „Dortmunder“ mit der Zeile Im Zauber das homerische Zwielicht / In the magic the Homer dusk. Zuvor wird er wohl in der „Roten Mühle“ im Fredenbaum-Vergnügungspark gewesen sein (nach dem roten Turm der Zuflucht / past the red spire of sanctuary), dann aber hat es ihn in die Linienstraße im Bordellbezirk am Steinplatz/obere Münsterstraße verschlagen, wo immer auch einige besserbetuchte Herren aus den bürgerlichen Vierteln der nahen Innenstadt ihr Vergnügen suchen. Im Gedicht heißt es:

hastend zu der violetten Lampe zur schwachen K’in Musik der Puffmutter  / hasten to the violet lamp to the thin K’in music of the bawd

Die Aussage Becketts, das Dortmunder Bier sei quasi mitverantwortlich für die Entstehung des Gedichts, ist also mehr als plausibel, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein stocknüchterner junger Mann im Bordell landet, ist im allgemeinen wohl eher ziemlich gering. Er geht also, die Hände tief in die Hosentaschen versenkt und mit gespielter Lässigkeit, durch die Linienstraße mit seinen erleuchteten Fenstern, wo die Huren ihre Dienste anbieten und sich in all ihrer Pracht und Verruchtheit präsentierten. Würde er den Mut haben, den Einflüsterungen einer der Schönen zu folgen? Denkbar, dass er eine Weile zögerte, ob er denn, weil er ja schließlich in Peggy verliebt ist, solch ein Haus überhaupt betreten durfte. Wäre das nicht eine wirklich schlimme Sünde, gar nicht zu vergleichen mit einem Bierrausch! In seinem im Sommer 1932 geschriebenen (und erst 1993 aus dem Nachlass heraus veröffentlichten) Roman „Traum von mehr bis minder schönen Frauen“ denkt der Protagonist Belacqua darüber nach, ob es denn statthaft und erlaubt sei, als verliebter Mann dennoch ein Bordell zu besuchen. Es heißt dort: „(…) wieso hätte denn eine vernünftige Bordellbenutzung (…) auch nur den geringsten Frevel darstellen können gegen die Empfindung, die er für seine ferne Blume – Licht, Melodie, Duft, Fleisch und Umarmung seines inneren Menschen – hegte? Aber: der innere Mensch, sein Hunger, seine Finsternis, sein Schweigen, blieb das alles gänzlich außerhalb des Bordells, nahm es an dem zwielichtigen Verkehr des Bordells gar nicht teil? Es blieb nicht, und es nahm teil. Noch einmal: Es blieb nicht, und es nahm teil.“[x] Ähnliche Gedanken wird der Autor des Romans wenige Jahre zuvor in der Dortmunder Linienstraße gehabt haben, schwankend zwischen Rausch und Lust auf der einen und anerzogenen moralischen Bedenken auf der anderen Seite.

Er geht also die Straße rauf und wieder runter, immer hin und her, nichtig fühlt er sich, während das „königliche Wrack“ (Ich nichtig sie königliches Wrack / I null she royal hulk) ihn weiterhin lockt mit ihrer Glut:

Sie steht vor mir im hellen Stall
hält hoch den Jadesplitter
das vernarbte Jungfernhäutchen stiller Reinheit
die Augen die Augen schwarz bis zum östlichen Gefilde
sollen lösen der langen Nacht Phrase.

She stands before me in the bright stall
sustaining the jade splinters
the scarred signaculum of purity quiet
the eyes the eyes black till the plagal east
shall resolve the long night phrase.

Am Ende dann tut er den Schritt und betritt das Haus der Sünde, hin zum Licht, hin zur ewigen Lockung des Weibes. Damit endet der Lautengesang des Gedichts:

Dann, gleich einer Schrift, aufgerollt,
und die Herrlichkeit ihrer Auflösung erhöhend
in mir, Habbakuk, Feldherr aller Sünder.
Schopenhauer ist tot, die Puffmutter
legt ihre Laute beiseite.

Then, as a scroll, folded,
and the glory of her dissolution enlarged
in me, Habbakuk, mard of all sinners.
Schopenhauer is dead, the bawd
puts her lute away.

__________________________________________

[i] Echo’s Bones and Other Precipitates. Europa Press, Paris 1935. [Echos Knochen/Gebeine und andere Sturzgeburten] Siehe dazu: Dougald McMillan III: Echo’s Bones: Ausgangspunkt für Beckett. In: Hartmut Engelhardt (Hg.): Samuel Beckett. Frankfurt am Main 1984 (st 2044). S.29-56.

[ii] Siehe dazu: Deidre Bair: Samuel Beckett. Eine Biographie. Reinbek bei Hamburg 1994 (rororo 12850). Kapitel III bis V.

[iii] Friedhelm Rathjen: Samuel Beckett. Reinbek bei Hamburg 2006. (rororo monographie rm 50678) S.22.

[iv] „Bier, Bier, Bier, wie es auch komme. Jean Paul und das Bier. Zusammengestellt von Wolfgang Hörner. Wehrhahn Verlag, Hannover 2006. S.50.

[v] „Bier, Bier, Bier, wie es auch komme. Jean Paul und das Bier. Zusammengestellt von Wolfgang Hörner. Wehrhahn Verlag, Hannover 2006. S.46.

[vi] James Knowlson: Samuel Beckett. Eine Biographie. Frankfurt am Main 2001. S.148.

[vii] Samuel Beckett: Molloy. Frankfurt am Main 1995 (st 2406). S.134.

[viii] Samuel Beckett: Molloy. Frankfurt am Main 1995 (st 2406). S.140.

[ix] Siehe dazu: Geschichtswerkstatt Dortmund e.V.: „Den Gelegenheitstänzen ist besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden“. Tanz mit Musik in der 20er Jahren. In: Stadt Dortmund, Kulturbüro u.a.: Nordstadtbilder. Essen 1989. S.166-170.

[x] Samuel Beckett: Traum von mehr bis minder schönen Frauen. Frankfurt am Main 1998. (st 2883) S.56-57.

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Samuel Beckett

DORTMUNDER
In the magic the Homer dusk
past the red spire of sanctuary
I null she royal hulk
hasten to the violet lamp to the thin K’in music of the bawd.

She stands before me in the bright stall
sustaining the jade splinters
the scarred signaculum of purity quiet
the eyes the eyes black till the plagal east
shall resolve the long night phrase.
Then, as a scroll, folded,
and the glory of her dissolution enlarged
in me, Habbakuk, mard of all sinners.
Schopenhauer is dead, the bawd
puts her lute away.

Samuel Beckett

DORTMUNDER
Im Zauber das homerische Zwielicht
nach dem roten Turm der Zuflucht
Ich nichtig sie königliches Wrack
hastend zu der violetten Lampe zur schwachen K’in Musik der Puffmutter.

Sie steht vor mir im hellen Stall
hält hoch den Jadesplitter
das vernarbte Jungfernhäutchen stiller Reinheit
die Augen die Augen schwarz bis zum östlichen Gefilde
sollen lösen der langen Nacht Phrase.
Dann, gleich einer Schrift, aufgerollt,
und die Herrlichkeit ihrer Auflösung erhöhend
in mir, Habbakuk, Feldherr aller Sünder.
Schopenhauer ist tot, die Puffmutter
legt ihre Laute beiseite.

Übersetzung: Norbert W. Schlinkert

Du Kunst Mich Mal Folge IV


Wir waren in China! Dort haben wir die Unterschiede zwischen fernöstlichen und einheimischen Schwarzwälderkirschtorten vermessen und andere bahnbrechende Kultur-Experimente veranstaltet, um dem Phänomen der Fremde nah zu kommen. Nicht so nah, als dass man uns mit gebratenem Reis verwechseln könnte, aber doch nah genug, um bereits erste körperliche Anzeichen einer Chinarisierung zu zeigen. Oben sieht man das Beweisfoto. Ob das nun gut oder schlecht ist, darf auf keinen Fall montags beurteilt werden, wenngleich Aufmärsche zur Abwehr derselben wohl vorerst nicht zu befürchten sind.
Wer nun denkt, das seien Klischees, der hat vielleicht recht, ist aber zu beglückwünschen, da er überhaupt was gedacht hat. Wir bewundern Denker in jeglicher Form, vor allem die, die vorher denken und dann sprechen, die nur noch getoppt werden von denen, die nur denken und gar nicht sprechen. Auch das eine Lehre, die wir aus unserer Reise in das fernöstliche Land der unendlichen Weisheit gezogen haben.
Wir selbst sind eindeutig noch nicht so weit selbst diesen Pfad zu beschreiten. Noch zu stark ist unser abendländischer Drang zur Mitteilung in jeglicher Form. Eine Form ist unser nächster Film, den wir ganz unchinesisch unbescheiden großposaunig ankündigen und hiermit zum Ansehen empfehlen.
Wie immer ist der Film auf unserem Youtube-Kanal zu sehen, wo wir beharrlich gegen den Strom schwimmen, um wenn möglich auf der anderen Seite anzukommen, die vorher noch kein Mensch betrat..

#MarianneBlum #GuidoRohm #DuKunstMichMal #ChinafürKulturidioten #Stäbchensprung #UnsinnaufReisen

Kamera: Arthur Blum, Dennis Steib
Schnitt: Arthur Blum
Tontechnik: Lean Jöckel
Wir danken: Marina Gajda und ihrem unmöglichen Hund
Wir empfehlen aus vollstem Herzen das Peking Restaurant im CineStar, Löherstrasse 39, Fulda