Archiv der Kategorie: Ausgabe 01/2018

meere | maria

 

„La mer / les a bercés / le long des golfes clairs / et d’une chanson d’amour, / la mer / a bercé mon cœur pour la vie.“

„Das Meer / hat sie umschmeichelt / entlang der klaren Meeresbuchten / und mit einem Liebeslied / hat das Meer / mein Herz beruhigt für mein ganzes Leben.“

(Charles Trenet)

DU bist das meer, und ich bin deine küste.
ich brand’ dir zu, wir geh’n an unser land.
DU bist das schiff und ich dein sich’rer hafen.
ich halte deinen ausgeworf’nen anker.

wir sind die mária in mondes wüste,
das feuchtgebiet, amphibien so verwandt.
wir sind die segel, die im winde schlafen,
sind seelenfrachter und der liebe tanker.

DU bist das meer, das dringt in meine buchten,
mit den’n ich deiner stürme well’n umfasse,
denn wir schau’n tief in uns’rer meere schluchten.

dein haar, noch nass, maría! duft nach bad –
auf dass ich’s meer nie mehr dem lied entlasse,
das mit dir singt und sinkt auf uns’rem pfad.

(180315 | pour maria)

Irgenddann

Der abgeschnittene Haselzweig
auf dem moosigen Plattenbeton;
im vierkantigen Hof scheint die
grünende Sonne erstmals in
diesem Jahr splitternackt, sie
wartet aufs Blühen – auch der
Frühling und das Teil, das einmal
seines war, der verödete Zweig.

Bin auch ich voll von Trieben,
sprieße auch ich fern vom Stamm,
habe auch ich keinen Zweck
als irgenddann Zierde zu sein?
Niemand sieht mich mehr an,
wenn ich ausgestopft hänge;
der verendete Teil eines Menschen
in einem Zimmer zur Osterzeit.

Handtaschen

In den Handtaschen deiner Mutter gibt es
ein Gerät, wenn du das anknipst, hört man
wie früher den Staubsauger im Kinderzimmer.
Fotos von dem Chaos nach einem Zugunglück
liegen verborgen hinter den Reißverschlüssen.
Mach jede Tasche auf, es regnet darin immer.
Aber es gibt keine Unwetter dort im Dunkeln,
nur Tränenschauer. Jede Handtasche weint.

In der Handtasche von Oma Käte war nichts
außer ihrem Schlüsselbund, einem Päckchen
Papiertaschentücher und dem Faltregenschirm.
Ihre Handtasche war ein Beutel, dünn, eine Haut,
mit zwei Omafingern kleinzuknüllen auf die Größe
einer Rosine, eines Reiskorns. Eine Handtasche,
sagte sie, wozu das, hm, Krimskrams, Plunder?
Ständig gab sie Opa Sachen: „Da, steck ein.“

Eine Landkarte des wiedervereinigten Korea,
Pokémon-Figuren und Plastikkaninchen, leere
Karamellpuddingbecher und kaputte Ladekabel
liegen in den Handtaschen deiner Töchter neben
irgendeiner Tasche ihrer Oma und der Beutelhaut
von Uroma Käte. Manchmal kriecht eine Tochter
in die Handtasche der anderen und schläft dort.
Jede ihrer Handtaschen ging bislang verloren.

In der Handtasche deiner Frau lebt eine Unke,
apfelgrün ist sie und schön. Umher schwirrt darin
ein Mückengeschwader, das Futter für den Lurch.
Alle Handtaschen von allen deinen Freundinnen
sind in der Tasche deiner Frau. Deine Geliebte
hat deshalb keine Handtasche, dein Liebling
entwirft Handtaschen. In der deinen wächst
Gras. Still ist es darin, wie im Universum.

*

loop

 

foxtrott : 22.15 UTC – In einem Aufzug habe ich heute etwas Merk­wür­diges erlebt. Ich wurde nämlich verdäch­tigt, mittels meines persön­li­chen Zeige­fin­ger­ab­drucks gewisse Vorteile erzielen zu können. Der Aufzug erkennt sie, sagte eine empörte Frau, die über­zeugt gewesen war, der Aufzug hätte eigent­lich nach oben, wie von ihr gewünscht, nicht nach unten fahren dürfen. Die Frau hielt in diesem Augen­blick ihrer Rede eine Schere in der Hand, sie war über­haupt äusserst schlecht gelaunt. Ich über­legte, ob ich ihr nicht eine Geschichte zur Beru­hi­gung erzählen könnte, eine sehr kurze, span­nende, eine über­zeu­gende Geschichte. Ich lächelte sie an, atmete tief ein und aus, als ich bemerkte, dass mir keine Geschichte einfallen wollte, außer diese Geschichte selbst. Ich sagte also: Stellen sie sich vor, ich habe heute in einem Aufzug etwas Merk­wür­diges erlebt. – stop

Das hölzerne Pferd und die Phantastik

(noch ohne 1. Stock)

Im Mondschein lief ich die Dorfstraße entlang. Lief bis an ihr Ende. War wieder hier. Sprang über den Zaun neben dem Eingang, lief durchs Rosenbeet und streunte über den Hof. Abermals, die zwei hölzernen Torflügel waren weit aufgeklappt, stand die Scheune offen, die zweimal so hoch war wie das Haus, in dem wir gerade schliefen. Auch die kleine Tür, dem Tor gegenüberliegend, durch die man sie verließ und so in den Garten gelangte, war geöffnet worden. Hinter dem Garten lag ein Acker, hinter dem Acker der Wald. Wieder saß mein Urgroßvater betrunken auf dem hölzernen Pferd schaukelnd versunken vor ihr : so floss aus ihr Nacht in den Hof.

Frauen in schwarzen Kleidern krochen wendig über den Flur, versuchten, angelockt vom knarzenden Klang, in unsere Scheune zu gelangen, die unserem Haus direkt gegenüber stand. Ich wusste, er ritt dem Wald entgegen: schaukelte schneller, schneller und schneller, dass sie, die Krochen, kommen mögen. Da schoss meine Urgroßmutter wie ein aufgeschrecktes Biest im Nachtkleid: weiß wie ihr wehendes Haar, furios wie eine Lichtscheuche, aus dem Haus und über ihn hinweg, sie zu schließen.

So sah ich es noch einmal. Sah es, als sah ich es zum ersten Mal. Mein zartes Alter ließ mich ihn damals nicht fragen:
Wieso reitest du das Pferd so doll?

So oft hat er es versucht. So oft war seine Liebesmüh‘ ihr gegenüber vergeblich.

Und so blasst diese Erinnerung nun auch vor meinem inneren Auge. Wird schwarz und schwärzer.

Es fließt nun immer Nacht auf diesen Hof, ihn zu dunkeln, die Torflügel stets weit offen, das hölzerne Pferd zu schaukeln, auf dem er jedes Mal saß, wenn er betrunken war, in dessen Mähne und Schweif noch Waldkletten hängen. So war ich noch einmal hier: es zu sehen. Und lausche bis heute bang einem letzten Knarzen.

* 1982 in Wriezen (Brandenburg) geborene Lyrikerin, die sich schon früh mit den Geheimnissen der zwischenmenschlichen Poesie auseinandersetzte. Studierte in Heidelberg Germanistik und Europäische Kunstgeschichte. 2016 erfolgte die Umsiedlung ins Allgäu, wo sie nun gemeinsam mit Michael Perkampus die Zwischenwelt erforscht. Ihr erster Lyrikband „Rote Bastarde“ ist in Arbeit. Ferner ist sie Redakteurin im Phantastikon.

wienFotografie | Poetologie einer Räudigen Fotografie

 

Fotografie als Abbild physischer Wirklichkeit, Fotografie als Repräsentation von Realität / Situation / Topografie / Räumlichkeit / Körperlichkeit, Fotografie als Darstellung des So-Seins: Die Konjunktur artifizieller Renderings und digitaler Nach- bzw. Protoschöpfungen, die Instagramatologisierung der visuellen Welt zum unendlichen Strom einer Wisch- und Scrollübersprungshandlung und -handhabe (Welt-Bild als monströse Konjektur einer displayhaft vermittelten Touch- und Tapp-Illusion jenseits differenzierter Haptik) hat den fotografischen als poetischen, als sinnstiftenden und als aufgeladenen Moment längst überwuchert.
Die zugemutete Privatheit durch die ununterbrochenen Selbstdokumentation (all things you really don’t want to know) folgt tief internalisierten Regeln von Werbeästhetik bis hin zur buchstäblichen Ein-Schreibung (tagging) von Marken und Labels ins eigene Instagram-Konterfei: Wenn die Haare nur mehr „Syoss“ sind und die Attribute gerade noch Hashtags – Hashtags als Appelle und Schreie an die Welt, das Individuum in einen Schlagwort-Sinnzusammenhang zu integrieren -, kann die existenzielle Isoliertheit des Individuums in „vernetzten Zeitalter“ besonders gut beobachtet werden.
Die aktuelle Weichzeichner-Ästhetik der fotografischen und protofotografischen Repräsentanz hardly smoothes the edges, kaschiert nur mühsam die Brutalität einer Kommunikation, die sich kaum mehr zum Syntagma eines grammatikalisch korrekten Satzes durchzuringen vermag, geschweige denn zu einem SEO-unfreundlichen, SEM-adversen komplexen Satzgefüge von Haupt- und Nebensatz. 

Wo der Snapshot an die Stelle des Arguments getreten ist – Beweismittelvorlage in yo’ face -, der einst als wohlerzogen und höflich gegolten habende Konjunktiv als Display-widrig und Readability-mindernd disqualifiziert ist, ist das Nachdenken über Möglichkeiten in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft außer Kredit geraten.
Ich setze dem meine fotografische Archäologie entgegen als Kollektion von Spuren, als Ortung von Leerstellen, als Raum der konjunktivischen Reflexion dessen, was sein mag und was gewesen sein mag. So, wie die archäologische Situation – im Moment der Auffindung ebenso wie im Prozess der Grabung – wenig proper ist, waren, sind und bleiben meine Fotografien „schmutzig“, rau, bisweilen unscharf, ästhetisch anstößig, räudig, wenig dekorativ. 

Die Pracht der Vollrekonstruktion im repräsentativen Museum empfinde ich als tot und als dem Aneignungs- und Machtparadigma angehörig. Mich reizt die Skizze, mich reizt das Fragment, mich reizt der offene Zustand vorgefundener und dargestellter Szenarien: Die Spurensuche entspricht und entspringt meinem unbändigen Willen zu(m) Wissen.
Spur, Bruchlinie, Fragment, Leerstelle: Ein Wahrnehmungs-, ein Möglichkeits- und ein Gedankenraum, in welchem ich mich und meine Fotografie beheimate. Nicht wenige Leute sagen, meine Fotografie sei im Grunde dies: „Text“.
||| Geoloc
Triester Straße 85

1100 Wien
errichtet: 1929-1932
Wohnungen: 151
Architekten: Robert HartingerSilvio Mohr
Aufnahmen: 20.10.2002
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Inhalt 01/2018

Die Lesezeichen-Ausgabe 01/2018 erschien am 10. April 2018.

Immanuel Kants Wohnhaus in Königsberg (Barbara Denscher/Flaneurin).

In dieser Ausgabe: 

Handlauf eines Geländers; also in Diagrammen; fotografische Archäologie;  Haupt-Satz, gelesen von Margarete Helminger; Figuren an einer Dorfstraße; der persön­li­che Zeige­fin­ger­ab­druck in einem Aufzug; in den Handtaschen weiblicher Anverwandter; die grünende Sonne zur Osterzeit; Meeres-Gesänge; zeit vergeht oder auch nicht; Wie einer Schriftsteller wurde; Nikolai Karamsins Reisen; poetischen Ausnahmemomente; Grenzen spüren; Verlorenheit im Wind; Wurstdemokratie und -guillotine; Licht und Schatten – Wiederhall; Start eines Bildungsromans … uvm.

INHALT:

 

Struktur und Unfug

Der Handlauf eines Geländers am Kölner Rheinufer birgt Ansichten, die an Landschaften, prähistorische Malerei und Kartenwerk erinnern. Ihre Schönheit offenbart sich, von Witterung und Abgas freigesetzt, unterhalb der Lackschicht. Zwischen petroglyfenartigen Rankpflanzenschraffuren scheinen Tiere und Geister auf: aus Umweltvorgängen generierte Collagen im Nebelgrau bald vergessener Januartage.

Vielleicht lag die Sache anders

Gelesen von Margarete Helminger

Die für mich eher untypische Geschichte mit dem Haupt-Satz Nur weil die Dinge sind, wie sie sind, sind sie nicht daran gebunden, so zu bleiben bis ans Ende aller Tage entstand im Frühjahr 2016, im Rahmen eines Projekts. Ich hatte völlig vergessen, dass ich sie geschrieben habe, und bin nur durch Zufall auf sie gestoßen, als ich eigentlich etwas ganz anderes suchte. Nicht vergessen jedoch habe ich die großartige Stimme von Margarete Helminger, ihre ebenso eingängige wie auf Abstand bedachte knarzende Ernsthaftigkeit, sie hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt.

*

Vielleicht lag die Sache anders

Er saß in der Nähe der Bahngleise und korrigierte sich. Das schlimmste, was passieren konnte, war nicht keine Träume mehr zu haben, (die kamen wieder, kräftiger als zuvor), das schlimmste war sein Geheimnis einzubüßen. Zu viel preiszugeben. Kein Rätsel mehr zu sein, nicht mal sich selbst. Ein Geheimnis, einmal in der Welt, brachte alle zum Lachen und erfüllte den ganzen Kosmos mit Scham.

Nein. Wenn es Flügel waren, wenn ihm tatsächlich Flügel gewachsen waren, musste er sie abstoßen. Er musste sie wieder loswerden. Ein Engel, so offensichtlich geheimnislos, (wenn auch vielleicht nicht auf Anhieb und für jedermann erkennbar), hatte das nicht etwas von jenem Stumpfsinn, dem er so verzweifelt zu entrinnen versuchte? War er nicht aufgebrochen, um neue Träume auszuhecken? Neue Worte zu klecksen? Auf neuen Wegen zu schlendern? Brauchte unsere sprudelnde Über-Welt nicht Heilung? O welch maschinenselige Zeit! In der alle Geheimnisse gelüftet, alle Abenteuer geabenteuert, alle Majestäten begrüßt sind.

Und exakt in diesem Moment der Schwebe, der Sehnsucht, (und gewissermaßen der Schwäche), waren ihm Federn gewachsen. Er war in Ohnmacht gefallen, er hatte im Irrenhaus übernachtet, er war ein Engel geworden. Doch ein Engel hatte unsichtbar zu bleiben und nicht mit Gefieder zu protzen. Ein Engel kam aus dem biblischen Off, verrichtete seinen Job auf Erden (hienieden) und verschwand, bevor jemand die Feuerwehr rufen konnte, hier schwebt das Unwesen! So hatte er es gelernt, so war es immer gewesen, warum etwas daran ändern. Warum zur flugfähigen Ikone werden, bei deren Anblick sich alte Weiber bekreuzigten und davoneilten. Engel waren keine Cheerleader, die in der Halbzeitpause die Puscheln schwangen zur Belustigung des Publikums. Nein, die Flügel mussten weg, fertig, aus. Sie hatten nichts zu suchen an ihm, und er hatte sie sich nicht ausgesucht.

Er betrachtete sein Spiegelbild in einer Pfütze. Da war nicht nur das gefiederte Schulterblatt, da war auch das zerknautschte Gesicht – er sah aus wie ein Mix aus Engel und Aborigine, ein Tier, das in die Zivilisation geraten war und zu viel Süßkram futterte. Wind kam auf. Er zog den Schal enger. Hatte er Schals nicht immer gehasst? Waren Schals nicht immer ein, je nun, rotes Tuch gewesen für ihn? Und jetzt, schau dich nur an, dachte er. Vielleicht lag die Sache also anders. Vielleicht hatte er etwas Wichtiges übersehen. Etwas Entscheidendes.

Nur weil die Dinge sind, wie sie sind, sind sie nicht daran gebunden, so zu bleiben bis ans Ende aller Tage.

Wie immer, wenn es auf eine Entscheidung hinauslief, wenn er kurz davor war zu handeln, wurde er unruhig und geriet ins Wanken. Eine einzige kleine Entscheidung konnte alles verändern, das war es, was ihm zu schaffen machte, mehr, als ihm lieb war.

Du kannst jeden Ort verlassen, der unruhig ist, auf der ganzen Welt, aber nicht deinen eigenen Geist, nicht deinen eigenen Körper. Den musst du aushalten. Den musst du dir zum Freund machen, zu einem Ort mystischer Ruhe, sonst hast du ein Problem. Musste er die Flügel also aushalten? Waren sie jetzt ein Körperteil von ihm, egal, ob geliebt, ob ungeliebt?

Während er dem Gedanken nachhing, tat er etwas Überraschendes: Statt sich der Flügel zu entledigen, statt sie in der Luft zu zerreißen und dem Leibhaftigen zu überlassen, (oder vielleicht auch: statt die Flügel zu spannen und aufzusteigen in die Lüfte und sich zu verdünnisieren), holte er aus und schleuderte etwas fort, das seit dem Weihnachtsmarkt in seinen Taschen steckte, seit den Klängen des Akkordeons: die kleine blaue Kugel.

Ein spontaner Entschluss, eine sportliche Entgleisung fast, denn schließlich, was hatte sie ihm groß getan – nichts. Nicht einmal gestört hatte sie, nicht einmal lästig war sie geworden. Nur geglüht hatte sie ein wenig in seinen Taschen, eine wärmende Kugel in einem atemberaubend funkelnden, ja überirdischen Blau…

Idiot, dachte er.

Erst der Welt eine Standpauke halten, dass sie kein Geheimnis zu schätzen weiß, und dann genau das hergeben, das schmucke kleine Mysterium. Er starrte zu den Schienen hinüber, zum Bahngelände, wo er es hingepfeffert hatte. Irgendwo dort musste es liegen. Irgendwo.. hienieden. Er schimpfte, und zog los.

Ein Idiot zu sein war neu. Er war zeitlebens der Überzeugung gewesen, der einzige zu sein, der es blickte. Er hielt sich für die Hausmarke der Götter, während die Menschheit insgesamt nichtsnutzig war, nicht den Penny wert. Dass ihm jetzt Flügel gewachsen waren, war nur folgerichtig – so gesehen. Er war ein Auserwählter, der zunehmend törichte, ja entblößende Dinge tat. Er musste die Kugel zurückholen. Er musste das Geheimnis zurückbringen. An einen fremden Ort.

Er lief den Bahngleisen entlang, stocherte im Schotter nach der magischen Kugel, suchte zwischen allem, was Leute aus fahrenden Zügen werfen. Gepäckscheine, Kakaofläschchen, ein halber Regenbogen, 3 vergammelte Rosen. Eine war noch ein bisschen schön. Er legte sie ins Gleisbett zurück. Vielleicht war hier jemand verunglückt. Vielleicht war das eine Kultstätte. Konnte doch sein. Es konnte so vieles sein.

Und es war so viel.

Pferdegetrappel am Horizont; verirrte Plastiktüten, vom Wind aufgewirbelt, fegten übers Gelände. Ein Streifen Sonne fuhr wie ein plötzliches Bügeleisen über seinen Kopf, die Flügel zwickten. Aus der Ferne betrachtet kraxelte ein Engel übers Bahngelände, zog Holunderbüsche und Sträucher auseinander, warf einen Blick hinein, ging weiter.

Wirklich verrückt sein, das war gleich mal ne andere Nummer als bloß ständig davon zu schwafeln, dachte er. Einer seiner Lieblingsgedanken. Neben ihm ragte ein Baumstumpf aus dem aufgeweichten Boden, wie ein zum ewigen Lachen verdammter Schnabel.

„Da lacht was!“ rief er.

Der nahe Bach, sonst nur ein Rinnsal, zeigte seine lange weiße schäumende Zunge und preschte den Schienen entlang durch die Wiesen.

Ill.: Susanne Eggert