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Lesezeichen, Ausgabe 04/2018 vom 21. Januar 2019.

 

In dieser Ausgabe: Texte und deren Titel – Enso der Zen-Praxis – Zeitraum: 2019, Dokumentart: Volltext – Das gefro­rene Gras knis­tert unter meinen Schuhen – „Wann die Münder so krachen, heißts, dass die Spucke sich ändert“ – der Soundtrack von Black Sea Dahu aus den Boxen – blühen werd’ ich dort, ja, schüchtern blühen – Hans Christian Andersens Finessen der Psaligrafie – Vielleicht wäre die Traurigkeit nicht so traurig gewesen, hätte ich sie erkannt, bevor sie zu dem geworden ist, was sie ist – Wir behaupten, über das Präparat eines winzigen Himmelskörpers zu verfügen – Suche dich, weiblich, 27-33 Jahre alt. Du warst vor ein paar Tagen gegen 18 Uhr Einkaufen im NETTO – Eine Melusine kann nur bedingt über jene Augenblicke zu verfügen, in denen sich ihr Fischschwanz löst und sie auf Füßen steht

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Inhalt 04/2018

Lesezeichen, Ausgabe 04/2018 vom 21. Januar 2019.

 

 

In dieser Ausgabe: Texte und deren Titel – Enso der Zen-Praxis – Zeitraum: 2019, Dokumentart: Volltext – Das gefro­rene Gras knis­tert unter meinen Schuhen – „Wann die Münder so krachen, heißts, dass die Spucke sich ändert“ – der Soundtrack von Black Sea Dahu aus den Boxen – blühen werd’ ich dort, ja, schüchtern blühen – Hans Christian Andersens Finessen der Psaligrafie – Vielleicht wäre die Traurigkeit nicht so traurig gewesen, hätte ich sie erkannt, bevor sie zu dem geworden ist, was sie ist – Wir behaupten, über das Präparat eines winzigen Himmelskörpers zu verfügen – Suche dich, weiblich, 27-33 Jahre alt. Du warst vor ein paar Tagen gegen 18 Uhr Einkaufen im NETTO – Eine Melusine kann nur bedingt über jene Augenblicke zu verfügen, in denen sich ihr Fischschwanz löst und sie auf Füßen steht

INHALT:

Revisited: „Ich küsse mein Leben in dich. Die Marten-Ehen“. Version Dezember 2018 Teil 1

Wir dachten öfter an Heilmann im vergangenen Jahr 2018 n. C. Denn Heilmann blieb sterblich, wie wir, obwohl  er die Jahrhunderte durchreiste. Sein Schmerz beim Verlust seines Sohnes…Wir ahnten das damals nur. Heilmann sollte erzählen, stattdessen hatte er sich ausgeschwiegen. In den Rauhnächten, hoffen wir, werden wir die Melusine singen hören – und Heilmann könnte sich melden, erneut, aus dem Süden, vermutlich… 



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PROLOG

Eine Melusine kann nur bedingt über jene Augenblicke zu verfügen, in denen sich ihr Fischschwanz löst und sie auf Füßen steht, an Zeit und Raum indes ist sie nicht gebunden. Wir brauchten also einen Erzählers, um zu übersetzen: wie sie die Jahrhunderte und Kontinente durchstreifte, die Ozeane der Erde ihr Bassin nannte und jenen immer fand und immer verlor, dessen Antlitz ihr in der Tiefe verkündet worden war.

An dieser Stelle kommt Heilmann ins Spiel. Noch ist er eine blasse Gestalt im verschatteten Eck des Raumes, fast mit der Wand verschwimmend. Wir ahnen nur, dass er zierlich ist, dass er kein Aufsehen erregt und manchmal sehen wir ihn, den so scheinbar Gelassenen, nervös seine Brille putzen. Heilmann weiß. Seine traurigen Augen sind es, denen Melusine folgte. Durch die blaue Tür. Hinter der Heilmann ihr zeigte, wer sie war. Oder zu sein vorgab. Wo das Wissen war, dass sie fürchtete, mit gutem Grund. Es wird nicht leicht sein zu verstehen, was zwischen Heilmann und Melusine geschieht.

Ich möchte ihr manchmal zurufen: Sei vorsichtig. Doch sie geht einen Weg, der weiter und tiefer ist als jeder ist, den ich kenne. Sie schreibt mich, nicht ich sie. Und Heilmann, dachte ich zunächst, ist es, der die Feder führt. Aber so stimmt es nicht. Heilmanns Beitrag ist nicht lenkend. Heilmann lässt….Warten wir ab.

FEIER DER BEDEUTUNGSLOSIGKEIT (Abschied vom Fischschwanz)

Es war Monate her, seit Melusine Heilmann zuletzt gesehen hatte. Sie betrat mit der  Prinzessin am Arm die kleine Buchhandlung durch den Seiteneingang, den Heilmann ihr im Februar gezeigt hatte. Hinter einem offenen Holzverschlag öffnete sich vom Trottoir aus uneinsehbar eine Holztür, deren blauer Lack in breiten Placken absplitterte. Den Schlüssel verbarg Heilmann in einem Säckchen mit Reparaturwerkszeug, das an die Klinke gebunden war. Die Prinzessin gelangte auf diesem Weg direkt in die Küche, die Heilmann sich im Hinterzimmer eingerichtet hatte: zwei Kochplatten und eine Kaffeemaschine auf einem wackligen Campingtisch, in der Mitte des Raumes ein klobiger, verkratzter Eichentisch. Heilmann lehnte im Durchgang zur Buchhandlung, den Kopf lauschend zur Seite geneigt, als warte er tatsächlich darauf, dass die Türglocke den Eintritt eines Kunden ankündigte. Am Holztisch saßen die Avatare: Robert Werner, dessen Blondhaar immer noch füllig aus der Stirn gestrichen war, die graue Edith Achter, die sich mit Fleiß alle Farbigkeit aus Kleidung, Wangen und Haar getilgt hatte und  Krister Bergmann, der leise rhythmisch aus seinen Fettschichten heraus schniefte. Der Tisch war voll gestellt mit Kuchen- und Keksschachteln, Chipstüten, Wein- und Wasserflaschen, zwei Jägermeister-Fläschchen und einer geblümten Kaffeekanne. Heilmann hielt eine Weinflasche direkt in der Hand, Edith einen Kaffeepott im Schoß, Werner und Bergmann hatten Rotwein in Zahnputzbechern, auf denen „3x täglich“ stand, vor sich stehen. Sie saßen bewegungslos da und schwiegen. Keiner schaute auf, als die Prinzessin und Melusine hereinkamen. Falls Heilmann durch eine Bewegung der Weinflasche ein Signal des Erkennens von sich gab, war es so dezent gesetzt, dass es kaum bemerkt wurde.

Ich suchte seinen Blick. Er schaute an mir vorbei auf Bergmanns Hand am Becher. Warum hatte er Bergmanns Fettschichten zwischen uns getürmt? Ich spürte, wie sich die Prinzessin an meinem Arm verkrampfte. Rasch schob ich ihr einen leeren Stuhl unter den Hintern, bevor sie loslegen konnte. „Setz dich doch.“ Das stoppte sie jedoch nur kurz. „In eine redselige Runde sind wir hier geraten.“, stieß sie, jetzt sitzend, hervor. Bergmanns Fettschichten wogten sanft. Heilmann setzte die Weinflasche an den Hals. Edith nahm einen Schluck aus ihrem Pott. Mir wurde klar, dass ich die Prinzessin hätte warnen müssen. Sie klopfte mit dem Absatz auf den Boden: „Ist da jemand?“ Werners Mundwinkel zuckten. Noch immer konnte ich Heilmanns Blick nicht finden. Edith dagegen starrte mich an. Ihre Miene drückte Missbilligung, beinahe Hass aus. In dem Moment gab ich ihr Recht. Wir hatten hier nichts zu suchen. Die Prinzessin aber gab nicht auf: „Könnt ihr nicht reden? Seid ihr stumm?“ Werner ließ sich zu einem: „Nein“ hinreißen und Bergmann fragte tatsächlich: „Wollen Sie was trinken?“. „Ja, gerne“, antwortete die Prinzessin, als seien wir beim Kaffeeklatsch. „Eine Tasse Kaffee hätte ich gerne.“ Heilmann löste sich von der Wand und machte sich an der Kaffeemaschine neben den Kochplatten zu schaffen. Edith knallte ihren Pott hörbar auf den Tisch. „Scheiße“, murmelte Heilmann. Er hatte das Kaffeepulver neben den Filter gegossen und eine Riesensauerei veranstaltet. Mit der Hand wischte er ein wenig vom Pulver auf den Boden.  Er sah Edith hilfesuchend an, doch die ignorierte ihn. „Kein Problem“, sagte ich, „wir nehmen auch gern ein Glas Wasser.“ „Ist Kaffee aus?“, fragte die Prinzessin, die noch nichts von dem Malheur mitbekommen hatte. „Ja, ja“, sagte ich , schüttete ihr ein Glas ein und drückte es ihr in die Hand. „Melusine“, rief sie jetzt, „sind wir in ein Kulturkrematorium geraten?“ Edith verdrehte angeekelt die Augen. „Azar, bitte“, flüsterte ich verzweifelt. „Darf man hier nur flüstern?“, fragte die Prinzessin unverschämt in die Runde. „Schreien Sie ruhig ein bisschen rum.“, antwortete Werner. Er zumindest amüsierte sich köstlich. Heilmann hatte sich neben mich gestellt und berührte mich am Ellenbogen. Die Prinzessin nahm Werners Antwort zum Anlass einen persischen Liebessang anzustimmen: melancholisch, schwülstig, schwer. Edith sagte laut: „Bei soviel erotischer Verlorenheit muss ich kotzen.“ Die Prinzessin ließ sich davon nicht irritieren. Heilmann zog mich zwischen die Philosophie-Regale in der Buchhandlung. „Was hast du dir dabei gedacht?“, zischte er mir ins Ohr. „Du hast mir sehr geholfen.“, antwortete ich. „Ich wollte dir danken, bevor…“ „Undine geht…“ „Melusine, Heilmann, diesmal ist es eine Melusine.“ Heilmann nahm die Brille ab. „Sie geht…“ „Der Schwanz ist ab, Heilmann. Ich muss jetzt auf den Füßen laufen.“ „Es wird wehtun an den Sohlen.“ „Das hätte ich wissen können. Es war ein Irrtum.“ „Eine Illusion; das ist etwas anderes.“ „Das stimmt. Das habe ich gelernt. Unter anderem.“ „Warum hast du sie mitgebracht?“ „Die Prinzessin aus dem Morgenland? Weil eine Melusine ohne Fischschwanz eine andere Frau braucht.“ „Du glaubst, an ihrem Arm könntest du zur Vordertür hinaus.“ „Und bliebe im Fenster zurück. Ja.“ Für einen Moment glaubte ich in Heilmanns Augen die Trauer zu sehen, derentwegen ich im Februar durch die blaue Tür gegangen war. „Das Kind…“ „Kann dich von der Last nicht befreien, Heilmann. Du legst ihm zuviel auf.“ Zwischen den Regalen hatte Heilmann eine Pinnwand befestigt, an die er Fotos gesteckt hatte: sein Junge und er vor der blauen Tür. „Unsere Kinder: Sie leben…aber nicht uns fort, Heilmann. Vater sein heißt, überlebt zu werden. Und damit einverstanden sein.“ Er nickte. „Ich weiß.“ „Leb wohl“, sagte ich und drückte seine Hand. Sie war fest und warm. Edith klapperte inzwischen immer lauter wütend mit dem Geschirr gegen den Gesang der Prinzessin. Bergmann kicherte. „Schaff sie weg.“, sagte Heilmann. „Sonst geschieht hier noch ein Unglück.“ Ich nahm die Prinzessin am Arm, die ohne Unterlass weitersang, stieß Heilmann beiseite, der ein Philosophieregal mit sich riss und schritt im Lärm der polternden Kants, Heideggers, Foucaults, der dröhnenden Beats und des persischen Flehens, die Prinzessin am Arm, durch die Vordertür aus dem Laden. 

Als Melusine und die Prinzessin sich umdrehten, sahen sie hinter dem spiegelnden Schaufensterglas den schimmernden Körper einer Meerjungfrau liegen. Sie wussten genau, dass sie nicht dort gelegen hatte, als die Prinzessin und Melusine vor 40 Minuten aus dem Taxi vor Heilmanns Buchhandlung gestiegen waren.

Edith Achter

Edith war, ähnlich wie Melusine, unvermittelt in Heilmanns Leben getreten. Er hatte aus Gründen, die jetzt nicht mehr nachvollziehbar sind, im Juni eine Reise ins Westfälische unternommen. Das Verhältnis zu Melusine war zu diesem Zeitpunkt abgekühlt. Mit Edith, dachte Heilmann zunächst, hatte er das große Los gezogen. Denn Waise Edith, schwungvoll aus den Bodelschwingh´schen Anstalten getreten, gab sich schlagfertig und wortwitzig, wo immer sie auftauchte. Da aber lag auch das Problem. Heilmann bemerkte es leider zu spät. Edith war einfach immer da. Und sie musste immer das letzte Wort behalten. Ihr letztes Wort war nicht selten gewandt. Jedoch wusste es kaum einer mehr zu goutieren, da Edith, bis es fiel, alle zum Verstummen getrieben hatte. Denn Ediths Witz erschöpfte sich und andere darin, gehässig niederzumachen, was sie selbst nicht aufzubauen verstand. Leidenschaftlicher Hass entzündete sich bei Edith, wenn sie bei anderen ein Gelingen wahrnahm. Dabei ging es ihr nicht plump um Karriere, Gewinn, Sieg. So wenig subtil war Edith nicht. Sie ahnte und witterte das Gelingen auch dort, wo es nicht triumphierte: darin dass andere einander verstanden oder sich doch erfolgreich die Illusion des Verstehens wechselseitig zu verschaffen wussten. Aber auch wenn es einem gelang seiner Befangenheit, seiner Angst, seinen Qualen Ausdruck zu verleihen oder sich umgekehrt in seine Lust zu steigern, einen tollen Lauf zu nehmen, ausufernd sich zu verschwenden, wurde Ediths Missgunst bis zum äußersten gesteigert. Sie, allerdings, rechtfertigte ihr boshaft-selbstzertörerisches Dreinschlagen damit, dass sie die Wahrheit enthülle, das Profan-Hässliche unter der Schminke der Poesie freilege. Edith, soviel muss gesagt sein, war schön. Sie hatte es, dachte man, dachte auch sie, nicht nötig sich zu schminken. Jedoch nötigte ihre Unfähigkeit, lebendig zu sein oder auch nur das Lebendige zu dulden, sie, immer eine Maske und ein enges Korsett zu tragen. Gerade das hatte zu Beginn auf Heilmann sexy gewirkt. Doch war dies Empfinden längst dem Grauen gewichen, das Ediths steter Kampf gegen das Leben in ihm inzwischen auslöste. Dennoch kamen sie voneinander nicht los. Sie wollte, was in Heilmann lebendig geblieben war, abtöten, während er sich seine verbliebene Virilität und Vitalität in der Abwehr von Ediths Attacken stets aufs Neue bewies. So war er dazu übergegangen, auf Ediths Anwesenheit mit dem Erscheinen von Bergmann zu reagieren, dessen ungeheure Fettmassen ihr einerseits Anlässe boten, an denen zugleich ihre Verbissenheit jedoch kaum Spuren hinterließ.

NACHRICHT AUS MOSKAU (Gegen den sozialistischen Realismus)

Im Mai, kurz vor Ediths erstem Auftritt, hatte Melusine erstmals eine Nachricht aus Moskau erhalten, kryptisch, die weiterzuleiten sei an Heilmann, wie ihr bedeutet wurde. Ihr Verhältnis zu Heilmann zu bestimmen, war ihr zu diesem Zeitpunkt gänzlich unmöglich. Sie waren einander, nachdem er ihr im Februar den Weg durch die blaue Tür gewiesen hatte, auf seltsame Weise nahe gekommen und doch sehr fern geblieben. Der kleine bebrillte Mann, der so auffällig bemüht war, keinen Raum einzunehmen, wirkte dennoch stets eigentümlich bedrohlich auf sie. Was sie erlebt hatte hinter der blauen Tür, sog sie unwiderstehlich an. Zugleich erhob sich gegen das Wissen, das wie ein Blitz gelegentlich in Heilmanns traurig verschatteten Augen auffunkelte, wenn er die Brille abnahm und sie durchdringend kurzsichtig fixierte, heftigste Abwehr. Ihr Gefühl sagte ihr, dass sie notwendig nicht wissen müsse, um weiter den Weg durch die blaue Tür nehmen zu können.

Melusine zu sein, offenbar, hing unmittelbar daran, an Heilmanns Tür zu glauben, also die Realität zu leugnen. Umgekehrt mussten Vorkehrungen getroffen werden, wie wieder hinauszukommen sei aus Heilmanns Laden. Denn Melusine, das darf man nicht vergessen, trug einen Fischschwanz. (Darum auch hatte Heilmann sich bei der ersten Begegnung so tief zu ihr hinab beugen müssen, weil sie diesen vor den neugierigen Blicken der Besucher durch eine über die vermeintlichen Beine gebreitete Wolldecke verbarg,  was bei einer Rollstuhlfahrerin im kühlen Februar nicht weiter auffiel. —Doch von jener Begegnung ein andermal mehr.) Heilmann reagierte auf die erste Moskauer Nachricht gar nicht. Sie verstand das nicht, wiederholte die Meldung jedoch nie.

Vielleicht, so dachte ich, war es ein Missverständnis, die Nachricht für ganz jemand anderen gedacht, weder gerichtet an Heilmann noch durch mich zu überbringen. Doch wiederholte sich das seltsame Geschehen. Die Verbindung zu Heilmann indessen war im Juni abgebrochen. Ich  ließ es auf sich beruhen. Hoffte erneut, es wolle sich nur jemand lustig machen, denn es war nicht verborgen geblieben, dass ich mit Heilmann in Kontakt gestanden hatte. Auch Edith, gebe ich zu, hatte ich kurzzeitig in Verdacht.

Doch setzte die Moskauer Verbindung sich unerwartet fort. Seit Tagen rumorte der Städtenamen in mir. Ich kramte Walter Benjamins „Moskauer Tagebuch“ aus dem Regal, las noch einmal Rainald Goetz´ Erzählung „Moskau“, durchstreifte die „Ästhetik des Widerstands“ nach Aufenthalten in Moskau. Und stieß schließlich auf das Verdikt gegen den sozialistischen Realimus: „Der Kampf um unsere Kunst muss gleichzeitig ein Kampf um die Überwindung des Hangs zur Kleinbürgerlichkeit sein.“ Dann traf gestern wieder eine Nachricht aus Moskau ein, weiterzuleiten erneut, wie es hieß, an Heilmann. Ein Bild diesmal nur. Unbegreiflich. Denn ich bin sicher: Dies Bild zeigt keinen Moskauer Himmel

MOSKAU IST AUCH KEINE METHODE

Doch es kamen im Herbst keine neuen Nachrichten aus Moskau. Drohend braute sich ein Schweigen zusammen. Der Code ist verbrannt, wurde behauptet. Was ihr jedoch keiner mehr nehmen konnte: Eine hatte von Anbeginn an Pierre geliebt, dessen Eintreten im Gesicht der Fürstin „Unruhe und Furcht“ auslöste, eben deshalb. Der andere dagegen rief sie versehentlich „Natascha“ einmal, als sie sich im Schnee wälzte. Die Namen vergingen. Wir wollen, beschworen sie einander ein andermal, nicht mehr daran denken, dass Moskau brannte. Doch die Flammen züngelten  lichterloh ins Gebälk, als sie sich im Schlittengeläut umwandte. Sie fühlte das nun. War dort als im kalten Winter vor Moskau die Große Armee erfror. Die sich zurück schleppenden halbverhungerten Burschen aus dem Rhonetal überfielen dann wildgewordene Freischärler an der Oder. Eine Leiche am Ufer des Flusses mit durchlöcherten Socken. Melusine wird den großen Zeh, der bläulich ins Morgenlicht ragte, sehen, solange sie denken kann.Dort am Ufer fühlte sie seinen Blick auf sich gerichtet und wie im Märchen „duftete ihnen plötzlich jenes vergessene Glück entgegen, an das sie nicht mehr gedacht hatten, namentlich jetzt nicht.“

Ein anderer aber schrieb neunzehnhundertachtzig von Moskau aus: Solange ich denke, schrieb der, solange ich denke also, bin ich nicht, nein, bin ich nicht absolut vernichtet. Was aber heißt: ich denke? Unser Lehrer Klaus schrie voll Inbrunst: Ihr denkt doch nur, dass ihr denkt, schrie der uns an. Das leuchtete mir ein. Den verehrte ich tief, bis ich eines Tages auf seine Hände sah. Es war, als habe er gelesen: „Nüchternheit ist Lebensnorm.“ Da traute ich ihm nicht mehr. Denn richtiger war: „Bin nicht Logik, sondern fehlerhafte Suche.“ Das machte mich irre.

Letztlich geht es doch immer nur um die Frage: „Ist Revolution auch gütig denkbar?“ Das wurde verneint, dachte sie. Ein Versuch, ein Experiment, die Hoffnung, dass aus dem Bunker das Schmerzgeschrei sich befreit und zum revolutionären Gruß wird, Brüder und Schwestern. „Die Nacht auf dem harten Bette verlief ganz gut.“ Ausweichmanöver führten auf Abstellgleise. Bern. Brüssel. Paris. Spree Athen. Überall rührte sich die Humanität nur verpelzt. Wir müssen lernen, die Winter nackt zu überstehen, sagte Edith und hakte sich unter. Heilmann bestand darauf, dass er ein Kind von ihr haben wolle. Das war nicht bedeutungslos. „Kein Kind also“, sagte Edith. „Denn deine Hand zittert. Nimmst du Hasch?“

Im Hotel Lux boten die Ratten ´42 alles an. Grünlich schimmerte Gaslicht über die Flure. „Wie konnte es dich zu jener Zeit nach Moskau verschlagen ?“, hatte er gefragt, die Lippen zusammen gezogen wie ein verhungernder Kater. Er freute sich nicht, sie hier zu sehen. Auch Moskau liegt am Meer, hatte sie geantwortet, wusstest du das nicht? Heilmann hatte die Achseln gezuckt.  Nun ja, die Kanäle… Sie war in diesem smaragdfarbenen Fetzen um ihn herum geschwebt und hatte gerufen: „Die Phantasie lebt, so lange der Mensch lebt, der sich zur Wehr setzt.“ Heilmann hatte ihr den Mund zuhalten müssen. Jeder verrät hier jeden. „Ich muss“, klagte er, „zweiundvierzig Fragen beantworten, Melusine.“ „Was rät die Partei?“, fragte sie, da hätte er sie beinahe geschlagen.

Von Moskau sprach Melusine daher nicht, als sie Heilmann nach einem halben Jahrhundert in Berlin wieder traf. Später bereute sie das. Was wäre geschehen, wenn sie zusammen ans Fenster getreten wären, hinaus ins Schneegestöber zu schauen? Durch Heilmanns blaue Tür gegen das Rekonstruktionsbegehr und die Zeitkontrolle hätte in den Berliner Oktober der Moskauer Schnee des Jahres 1926 fallen können. Doch Heilmann, wusste sie, sonnte sich gerne im Süden. Im Januar 27 aber „herrschte herrlich warmes Wetter“ in Moskau.

Ich hätte Heilmann erzählt, was ich dort noch gedacht hatte: „Ich bin ja ganz passiv.“Er habe darauf geantwortet, er sei sich sicher, dass der gegen ihn erhobene Vorwurf ein Unsinn wäre. So hätten, dachte ich, wir an den See hinausfahren können, um auch die Seelen zu untersuchen. Doch hört sich gerade das in meinen Ohren ganz falsch an. Alles sei möglich, hatte Heilmann gesagt. „So lag der See da, tief in sich versunken, sanft und erschöpft.“ Moskau, wusste ich mit plötzlicher Gewissheit, ist auch keine Methode.

Schwarze Flocken und ein Kapaun

„Ich plädiere für einen radikalen Neu-Anfang bei Adam und Eva.“

Die Gräfin

*

WANTED

Suche dich, weiblich, 27-33 Jahre alt. Du warst vor ein paar Tagen gegen 18 Uhr Einkaufen im NETTO an der Wupperstr. mit deinem Jungen, der im Gesicht mit Wasserfarben bemalt war (ca 4-5 Jahre alt). Du, blond, 165-170 cm groß, das schönste Lächeln, was es gibt, angezogen mit einer Bauchtasche. Du gehst mir nicht mehr aus den Sinnen… deswegen suche ich auf diesem Wege nach dir. Leider hatte ich nicht den Mut dich direkt anzusprechen… und habe nun Angst dies mein ganzes Leben zu bereuen. Ich gehe seither jeden Tag x-mal einkaufen und wenn es nur eine Zwiebel ist in der Hoffnung dich wiederzusehen. Solltest du dies lesen würde ich mich freuen über eine Nachricht von dir.

Handynummer: 0152…..

Die Fotokopien hingen im ganzen Viertel aus. An der Scheibe eines leerstehenden Ladenlokals, am Kippenautomat, an Straßenlaternen und an Stromkästen, am Schwarzen Brett der Genossenschaft, an zwei Kiosken und natürlich im NETTO-Markt selbst (in 4facher Ausfertigung).

Ob die Schöne wohl jemals von seiner Aktion erfahren hat? Das ganze ist schon 9 Jahre her, es war Ende Dezember 2010, in den Tagen, als meine Mutter starb, deswegen hab ich es damals im Notizbuch festgehalten. Der Winter von 2010 auf 2011 war der letzte strenge Winter, der übers Land kam, wochenlang stiegen die Temperaturen kaum über den Gefrierpunkt.

*

„Nee, ist das ein Albtraum, ist das ein Albtraum…“, schimpfte die alte Frau, die Russenmütze tief ins Gesicht gezogen, vorm Bauch die Handtasche, und: „Der Hund hat ja eine Eis-Schnauze!“

Sie meinte Frau Moll, die vorm NETTO-Markt saß und mit mir darauf wartete, dass die Gräfin mit dem Einkaufen fertig war.

„Und überall die Bömmelkes an den Pfoten! Die muss der Papa aber erstmal abtrocknen, wenn ihr gleich zu Hause seid, ja nicht?! Nee, ist das alles ein Albtraum..!“

Ohne eine Reaktion abzuwarten, stapfte sie weiter durch den Schnee. Die Gehwege sahen aus wie Loipen, so schmal waren die freigeschippten Strecken für Fußgänger. Sie waren gerade mal soweit von Eis und Schnee geräumt, dass ein Passant allein gut vorankam, aber begegnen durfte einem niemand, sonst wurde es schnell kritisch.

Das Gefühl, auf 25 cm Pulverschnee zu gehen, es war wie auf Wolle.

„Schnee ist zeitlos“, meinte die Gräfin, nie verlegen um ein paar klärende Worte. „Man möchte sich hineinlegen und ein paar Millionen Jahre schlafen.“

Ein Übergang von Bordstein zur Straße war schon lange nicht mehr zu erkennen, man musste sich auf sein Gespür verlassen, wollte man nicht plötzlich einsinken. Überall stauten sich hüfhoch hingeschaufelte Massen an Alt-Schnee, man sah weiße Mützen und dicke Hauben, Inseln gelben Hunde-Urins und Baumstämme, zusammengebrochen von den Schneemassen, sie platzten auf wie Bockwürstchen.

*

Die schwarze Flocke

Auch wenn das Universum ein riesiges Chaos abbildet, dahinter steckt eine große solide Ordnung, die den ganzen Laden zusammenhält. Es bedarf Zeichen, dass wir Menschen von dieser Ordnung überhaupt Kenntnis gewinnen, auf unserem abgeschiedenen kleinen Winkel der Milchstraße.

Da war diese einzelne schwarze Schneeflocke, die sich aus dem Himmel löste und mir vor den Mantel fiel, am Abend vor Mutters Tod, Weihnachten 2010. Ich drehte eine letzte Runde mit dem Hund, als es passierte. Unter einer Straßenleuchte. Eine schwarze Flocke. Sie stürzte schräg auf mich zu, ein Minimeteorit. Es war die einzige schwarze Schneeflocke, die ich je gesehen habe in meinem Leben, und sie bohrte sich direkt in meinen Leib.

Nun hält sich ja alles in der Schwebe, solange der Mensch lebt. Weil man nie genau weiß, wie die Dinge enden, was noch kommt und was nicht. Erst im Nachhinein, erst nach dem Tod liegt plötzlich alles auf der Hand, und wir bestaunen die eigene Vorahnung. Was wir alles kommen gesehen haben. Was wir alles an Ankündigung entziffern konnten.

Schwarze Flocken.

Und war da nicht dieser schwarze Trauerzug, der mir acht Tage vor Mutters Tod auf dem Friedhof Cronenberger Straße begegnete, als ich mit dem Hund auf einem der penibel von Schnee geräumten Nebenwege unterwegs war? Ein frisch ausgehobenes Grab fiel mir auf, mit grünen Matten und Seilen ausgestattet.

„Der Herr vollende an dir, was er mit der Taufe begonnen hat“, sprach der Pfaffe in leicht polnisch gefärbtem Deutsch, der den Trauerzug anführte. Er kam auf mich zu, so direkt, dass ich mich zu fürchten begann und mit dem Hund eine andere Richtung einschlug. Doch als wir die nächste Kreuzung erreichten, war der Trauerzug schon wieder da. Man verfolgte mich! Selbst Frau Moll drehte sich ängstlich weg.

Hinter dem Pfaffen gingen zwei schwarzgekleidete Mädchen, sie wimmerten wie junge Katzen in der Nacht. Ich nahm meine Mütze ab und blieb stehen. Es waren die Töchter der Verstorbenen, wie ich heraushörte. Ihre Mutter wurde bestattet.

„Du hast uns gezeigt, was Stärke ist, Mama…!“

Ich war wie gebannt.

*

Depressive Episoden

Von den depressiven Episoden, die mich seit zwei, drei Jahren regelmäßig heimsuchen, hat sie nichts mehr mitbekommen. Davon war ich zu Mutters Lebzeiten noch befreit. Jedes Mal, wenn die große Depression anrollt, bin ich für die nächsten vier bis fünf Tage fort, es ist, als übernähmen die schwarzen Männer das Kommando im Maschinenraum, und ich kann nichts anderes tun als versuchen zu überleben, was mit jedem Mal schwerer fällt.

*

Ein Kapaun

Einige Tage vor Mutters Tod an Weihnachten 2010 hatte ich bei einem stadtbekannten Metzger ein bestelltes Suppenhuhn abgeholt, doch als ich mit dem Teil nach Hause kam, war die Gräfin zunächst stinksauer.

„Das soll ein Suppenhuhn sein…?! Das ist doch kein Suppenhuhn!“

Der Vogel war so riesig, dass er kaum in unseren größten Topf reinpasste. Ein zugleich trauriges wie größenwahnsinniges Bild.

„Der hat doch in seinem ganzen Leben niemals auch nur einen Muskel gerührt, der ist nur gemästet worden..“

Da sie der Meinung war, dass dieses fünf Pfund schwere Vogel höchst ungesund aussah, spielte sie schon mit dem Gedanken, ihn in die Tonne zu geben, wegzuwerfen, zu entsorgen, andererseits waren gut 30 Euro ein stolzer Preis. Was mich beim Bezahlen schon gewundert hatte, dass ich nochmal nachfragte: Stimmt das? Ein Suppenhuhn für über 30 Euro?? Die Verkäuferin fragte ihrerseits noch mal nach und die Antwort kam auf französisch aus dem Schlachtraum, was mir zu hoch war, andererseits aber schlüssig klang. Die Gräfin würde sich schon was dabei gedacht haben, wenn sie so ein sündhaft teures Suppenhuhn orderte.

Dachte ich.

Erst als uns die Banderole in die Hände fiel, die irgendwie abgegangen war und auf dem Boden der Metzgereitüte darauf wartete, gelesen zu werden, klärte sich die Geschichte auf. Es handelte sich tatsächlich um kein deutsches Suppenhuhn, sondern um ein Kapaun. Eine französische Spezialität, ein dicker fetter Eunuch, und – schmeckte ausgezeichnet. Was rede ich: die Brühe und das Fleisch des kastrierten Hahns ergaben die köstlichste Hühnersuppe aller Zeiten. Wir leckten uns jeden Finger einzeln ab, der auch nur den kleinsten Kontakt zur Suppe aufgenommen hatte, selbst wenn so ein Kapaun in der französischen Küche als Feiertagsbraten serviert wird und eigentlich nichts zu suchen hat im Suppentopf.

Mit genau drei Tellern dieser erlesenen Suppe, abgefüllt in zwei Gefrierdosen und per Rucksack transportiert, machte ich mich einen Tag nach Mutters Tod auf zu meinem Vater. Eine selbstgemachte Hühnersuppe würde ihm auf die Beine helfen in seiner schwärzesten Stunde. Doch als ich an der Schillerstraße ankam, war ich es, der zunächst vollends die Fassung verlor.

Eine Schwester und eine Nichte meines Vaters saßen im Esszimmer, ein Kondolenzbesuch, von dem ich nichts wusste. Ich konnte ihnen gerade noch die Hand reichen und Vater begrüßen, da brach es aus mir heraus. Schluchzend verzog ich mich ins Wohnzimmer und heulte mich erstmal aus. Mutter war tot. Ich würde sie niemals wiedersehen, so oft ich es auch versuchen würde.

„Na, war ja die Mutter, ist doch klar“, hörte ich die Stimme meiner Lieblingstante, die mit dem leichten Silberblick. Nachdem ich mich halbwegs beruhigt hatte, setzte ich mich zu den Dreien ins Esszimmer. Vater hatte seine guten Sachen angezogen und versuchte Haltung zu bewahren. Die Stimmung war bedrückt.

„Ich hab dir Hühnersuppe mitgebracht, Papa. Selbstgemachte, von Sanne.“

„Das ist fein“, sagte er.

Die drei Teller, die für drei Mittagessen gedacht waren, waren bereits am selben Abend Geschichte. „Das war vielleicht ein Labsal“, sagte Vater tags drauf und ließ der Gräfin seinen Dank ausrichten. Bis auf einen kleinen Rest hatte er alles plattgemacht. Hühnersuppe hatte schon immer seinen Leib zusammengehalten. Diesmal war es eine Mutantensuppe gewesen, mit richtig viel Fleisch drin.

Später kamen meine Schwester und mein Bruder hinzu. Halb erfroren und komplett k.o. Die beiden hatten sich an der Krahenhöhe getroffen und waren durch den frostigen Nachmittag gestapft, um den Kopf frei zu blasen. Es hatte geschneit über Nacht, wie schon in den vergangenen zig Nächten zuvor. Wenn man die Straße runterschaute, sah man eingeschneite Autos, die seit Wochen nicht mehr bewegt worden waren, wie vergessene Möbelstücke standen sie herum. Unterm Schnee war es spiegelglatt vom dauernden Wechselspiel zwischen kurzfristigem Auftauen, Blitzeis und neuerlichen Schneefall. So viel Schnee war das letzte Mal in den 80erjahren gefallen.

Für vier Uhr hatte sich der Pfaffe angesagt, der bei der Beerdigung die Rede halten sollte. Da er Mutter zu Lebzeiten nicht gekannt hatte, erhoffte er sich Informationen von uns, und darüber dachten wir natürlich nach: Wer war das eigentlich gewesen, Mutter?

Eine stille Frau, die einen in ihren Bann zog – die an Gewicht verlor bis ich dachte, die Waage würde streiken – die Stück für Stück, Pfund für Pfund und über einen Zeitraum von zwei, drei Jahren aus dem Leben schied. Eine Methode, mit der sie ihren Lieben die Chance gab, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass sie eines Tages nicht mehr da sein würde.

(Was die Gräfin und meine Mutter betraf: Von Anfang an war ein unsichtbares, belastungsfähiges Band zwischen den beiden, die sich in gewissen Dingen sehr ähnlich waren, besonders in der intuitiven Herangehensweise ans Leben.)

Bevor der Paffe erschien, hatte das Beerdigungsinstitut angerufen. Man wollte wissen, in welchen Kleidern Mutter bestattet werden sollte. Meine Schwester legte im Esszimmer zwei verschiedene Garnituren aus, zur Begutachtung. Da war zum einen eine Art Tracht, die sie in jungen Jahren getragen hatte, zum anderen die Kleidung, die wir in jüngster Vergangenheit von ihr kannten: ein schlichter dunkler Rock, eine weiße Bluse. Die Tür ging auf und Vater kam ins Zimmer, (womit er meine Befürchtung bestätigte: was, wenn jetzt Vater reinkommt und sieht, was wir hier machen??!), und als er die Wäsche seiner Frau erblickte, klagte er laut auf und verließ den Raum. Wir hörten sein Weinen, es kam aus dem Wohnzimmer. Als ich zu ihm rüberging, (während meine Geschwister eilig die Wäsche zusammenrafften), hockte Vater im Sessel, in der Hand die Lupe und vor sich den Kalender, in dem er seine täglichen kleinen Geschäfte eintrug: welche Medikamente er um welche Uhrzeit einnahm, wann er auf dem WC gewesen war etc. Auch jetzt versuchte er etwas einzutragen ins Tagebuch, doch es schüttelte ihn so sehr, dass er den Stift nicht halten konnte.

„Was ist das schwer, was ist das schwer…“, stammelte er.

Als ich mich zu ihm hockte und seine Beine streichelte, erzählte er, dass sie die Kleider, die im Esszimmer auslagen, gemeinsam ausgesucht hätten. Und dass ihm die helle Trachtenjacke an Mutter immer besonders gut gefallen habe. In diesem Moment drückte der eisige Wind die Balkontür auf und wehte etwas Pulverschnee über den Wohnzimmerteppich, eine Handvoll Kristalle, spätes Silber.

Michromassen

Wir behaupten, über das Präparat eines winzigen Himmelskörpers zu verfügen. Dieser wird „Michromas“ – zu Deutsch – „Stern der Halbtöne“ – genannt. Die „Michromassen“, die ausschließlich aus dem Widerschein von Gegenständen bestehen, sind äußerst phantasiebegabt. Sie behaupteten, ihr an sich rundlicher Planet verfüge über „Bergsteigerungen“. Oder waren es „Begeisterungen“? Diese Wesen sind so klein, dass sie schwer zu verstehen sind und sich nur unserer Intuition mitteilen. Ich weiß auch nicht, ob sie eher Teilchen oder Wellen sind. Ich verstehe aber jedenfalls – „verstehen wie versehen“, dass sich diese Leute, um an „Strahlen“ glauben zu können, Bilder davon machen. Anschließend stapfen sie auf ihrem Planeten herum, die Ansichten von steilen Bergen in Händen, die die Strahlen ihres Sterns darstellen sollen und von diesem weg, wie sie meinen, ins All hinausragen. Die Leute strengen sich dabei fürchterlich an, weil sie die steilen Schrägen ihrer Bilder, die sie im Sinn haben, mit den Füßen auf ihre platten Wege heruntertreten müssen. Das nennen sie dann „den Geist des Berges bezwingen“. Wir können uns diesen Vorgang ganz leicht als eine Art Treten auf einem Stepper vorstellen.

33/18 – Mäander

Hiking2 oder das grosse Staunen // Vielleicht wäre die Traurigkeit nicht so traurig gewesen, hätte ich sie erkannt, bevor sie zu dem geworden ist, was sie ist. Eine Einfachheit hinter den Augen. Ein kleiner See. Er liegt in der Höhe. Hoch, hinter dem Gipfel, zwischen zwei Feldern Restschnee. Fein. Weich. In einem leichten Türkis, unter dem Himmel. Er berührt in. Flimmert. Wie ich. Etwas weiter über ihm sitzen die Engel. Sie ziehen die Wolken zurecht, zupfen sie in eine Form. In eine andere. So wie mich. Das Geröll ist wie Wasser. Es fliesst. Die Zeit. Eine Variable. Die eine Möglichkeit, zu Sein. Aber auch sie vergeht. Ein kleiner Leerschlag im Gebirge. Ich eile. Hinauf und hinab. Der Atem fliegt. Ein Glück. Das Echo entgegnet mir. Ich schaue mich um. Dieser Augenblick, denke ich, hat in der Erinnerung kein Bild.

 

“Des Mächendichters Schere”

H.C. Andersen: Der Botaniker, 1848, Scherenschnitt, Königliche Bibliothek, Kopenhagen

Als Märchendichter ist Hans Christian Andersen (1805–1875) weltberühmt: Die Werke des dänischen Autors sind in 160 Sprachen übersetzt und werden von „Klein“ wie auch von „Groß“ gelesen, denn bei Texten wie „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, „Des Kaisers neue Kleider“, „Die kleine Meerjungfrau“ oder „Die Schneekönigin“ handelt es sich durchaus nicht um simple Kindergeschichten, sondern um vielschichtige, symbol- und beziehungsreiche literarische Kunstwerke. Weniger bekannt ist, dass Andersen nicht nur ein genialer Erzähler war, sondern auch ein talentierter und sehr origineller bildender Künstler. Neben seinen Zeichnungen und Collagen sind es vor allem die vielen von ihm gefertigten Scherenschnitte, die in ihrer scheinbaren Naivität und oft bizarren Fantastik eine besondere Faszination ausüben. Einer, der die spezielle Qualität dieser filigranen Papierarbeiten erkannte, war der Pop Art-Star Andy Warhol, der 1987 zwei Andersen gewidmete Siebdruckserien gestaltete, die jeweils ein Porträt des Dichters und drei von dessen Scherenschnitten umfassen.

H.C. Andersen: Symmetrisches Muster (links), Hülle für einen Blumenstrauß (rechts), Odense City Museums

Der Scherenschnitt – die Psaligrafie – war zur Zeit von Hans Christian Andersen eine in ganz Europa weitverbreitete Kunstform. Dies hatte unter anderem damit zu tun, dass das ehemalige Luxusprodukt Papier durch die Entwicklung industrieller Herstellungsverfahren zu einer relativ billigen Massenware geworden war. Es war damit breiten Bevölkerungsschichten möglich geworden, Papier für Dekorations- und Schmuckzwecke zu verwenden. Besonders beliebt waren Porträts in Form von aus schwarzem Papier geschnittenen Silhouetten, die erst durch das Aufkommen der Porträtfotografie allmählich aus der Mode kamen.

H.C. Andersen: Ein ganzes Märchen, ca. 1864, Metropolitan Museum of Art, New York

Hans Christian Andersen, von dem an die eintausend Scherenschnitte erhalten geblieben sind, beherrschte alle Finessen der Psaligrafie. Anders als viele ScherenschnittkünstlerInnen zeichnete er die Motive und Muster nie vor dem Schneiden auf das Papier, sondern arbeitete einfach darauf los, oft auf mehrfach gefaltetem Papier. Dabei verwendete er nicht nur das übliche schwarze Scherenschnittpapier, sondern bevorzugte vielmehr Blätter in bunten Farben und experimentierte auch mit Materialien wie Zeitungsblättern, alten Briefen, Manuskripten, Konzertprogrammen und sogar mit den Blättern eines Gummibaumes.

H.C. Andersen: Pierrot, Engel und Tänzerin (links), Zwei Bäume mit Figuren (rechts), Odense City Museums

Andersen schnitt daraus einzelne Figuren ebenso wie raffinierte Ornamente und Bilder, die von skurrilen Wesen bevölkert waren. Seine lange, spitze Papierschere hatte er fast immer mit dabei, sogar bei Fahrten mit der Postkutsche verkürzte sich der – viel und gerne reisende – Dichter die Zeit mit Scherenschnittarbeiten. Dabei geschah einmal ein kleines Unglück, denn Andersen hatte die Schere schlecht verstaut und nach einem Zwischenaufenthalt in einem Gasthof setzte er sich versehentlich auf sie. „Ich konnte fühlen, wie das Blut herunterrann, und ich musste wieder hinein in den Gasthof, um mein Hinterteil in Essig und Wasser zu baden“, so beschrieb Andersen die „brillante Szene“, bei der zwei Bekannte als Sanitäter mitwirkten, selbstironisch in einem Brief.

H.C. Andersen: Orientalisches Schloss (links), Theaterszene mit zwei Ballerinen (rechts), Odense City Museums

Hans Christian Andersens hohe Kunstfertigkeit beim Gestalten von Scherenschnitten ist auch das Thema eines Textes mit dem Titel „Des Märchendichters Schere“, den der deutsche Schriftsteller Christian Morgenstern 1905 anlässlich der 100. Wiederkehr von Hans Christian Andersens Geburtstag verfasste. Ganz im Stil eines Andersen-Märchens wird da erzählt, dass die Schere des Dichters „eine Art Seele“ hatte, die sie zu einem „außerordentlichen Wesen machte“, das sich gebärdete, „wie eine kleine Prinzessin, die sich nichts zu versagen braucht, wonach ihr das Herze steht.“ Und daher war es auch nicht der Dichter, sondern die Schere, die bestimmte, was ausgeschnitten wurde, und „die guten dicken Finger mussten immer mit, immer mit und konnten froh sein, wenn sie nicht ganz rot geschunden wurden. Ja, das war eine ganz wunderliche Schere. Während die anderen immer ganz genau wussten, was sie wollten, und nie mehr wollten, als sie konnten, erlebte man von ihr die unerwartetsten Dinge, sei es, dass sie sich einfach in ihren Stoff hineinstürzte und dann dem Zufall überließ, sei es, dass sie sich von vorneherein sagte: Jetzt soll es einmal etwas ganz Absonderliches werden, etwas über die Maßen Spaßiges, oder Verwirrendes, oder Geheimnisvolles.“ Als aber der Märchendichter starb, wurde sie „wieder eine gewöhnliche Schere wie alle andern. Sie schnitt auch ferner Putten und Palmen aus, aber es war kein rechter Sinn mehr dabei, denn sie hatte mit ihrem Meister zugleich ihre besondere, übermütige Seele eingebüßt.“

H.C. Andersen: Clown, Odense City Museums
H.C. Andersen: Clown, Odense City Museums

 

Einen Eindruck von der Vielfalt der von Hans Christian Andersen gestalteten Papierkunstwerke vermittelt die Ausstellung „Hans Christian Andersen. Poet mit Feder und Schere“, die bis zum 24. Februar 2019 in der Kunsthalle Bremen zu sehen ist. Ergänzend zu dieser Schau ist im Wienand Verlag ein Buch mit Aufsätzen zu Andersens künstlerischem Schaffen sowie zahlreichen Abbildungen erschienen.
Die „Hans Christian Andersen Collections“ in Andersens Heimatstadt Odense verfügen über eine Sammlung von Andersens Scherenschnitten, die über die Website der Odense City Museums einsehbar ist.
Auch die Sammlungen von Andersen-Scherenschnitten in der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen sind online abrufbar.

sonett surrender

„the summer ’s gone and all the roses falling“ (johnny cash)

autos fahren durch die straßen, dicht
an dicht, ich komm’ nicht mehr herüber, über’n
fluss. so bleib’ ich stehen dort im nicht
und weiß dem steten strom nichts zu erwidern,

als sommern nachzusitzen in den schatten,
aufzugeben blinzeln in das licht
und schnuppern nur, was blüten damals hatten,
wo so naher hauch war voll verzicht.

ich komm’ nicht mehr herüber, geh’ zur ampel,
bei rot schreit’ ich voran ins ewig grünen,
worin ich mich in leid und lied verwandel’.

blühen werd’ ich dort, ja, schüchtern blühen.
singen werd’ ich dann mein sommerlied.
denn es ist nicht, wie es damals blieb.

(181230)

 

In den Pilzen I

Auf Regentour den oberen Neckar entlang,
der Soundtrack von Black Sea Dahu aus den
Boxen, Stream of Consciousness zum sanften
Hin- und Herschwingen – zwischenzeitlich
halbwegs im Takt der Scheibenwischer –
inmitten von Bergen, bunten Wäldern und
Auen, mit schwanweißen Gießkannen besteckt,
am Ufer die Mandorla eines Boots. Es wartet
im Blauen Haus das Pilzgericht, zubereitet
aus den kleinen Schlingeln, mit denen ich
am Morgen im Wald Verstecken spielte, ich
musste so lachen. In einem dieser Ufernester
plötzlich eine Dekohölle aus grellbuntem Glas
und unter jeder zweiten Dorflinde hockt wie
ein Igel ein Landgasthof mit Namen „Zum
grünen Baum“. So fahre ich hin und her, fahre
mir hinterher, ich fahre wohl invertiert zu mir
zurück. Und während ich sitze am aufrichtigen
Holztisch im Blauen Haus, angekommen und
satt, leuchtet vor mir immer noch golden
das große Brett mit den Pfifferlingen, denen ich
nicht über den Weg traue, weil ich nicht weiß,
ob es nicht doch nur falsche sind. Sie und ich,
wir zwinkern uns zu, vertagen uns auf morgen.

20. Dezember 2018 22:11

in: der goldene fisch

die strudelnden


Plätze, Pläne (sag gleich: Projekte) drängln herbei und belagern,
belangen mich nicht, ein Mund strömz aus und noch einer, nichts
hält und eine Weile lässt sich lange so sitzen im Eck, leere Wand, leere Welle

Zuspruch aus dem Off: „Wann die Münder so krachen, heißts, dass die Spucke sich ändert“

hier ende ich langsam, ach, all die wrongen Worte, unser hastig Gebaren!
die trunkene Pappel geht in mein Ohr, mir ein, Oratorium, mich
driftend erscheinen Menschen, Namen, Orte, scheinige Sprach-
salven, wolln nicht verfangen

dabei teilen wir doch und ganz konkret unsre Knochen, werden durchgespeist,
suchen, versuchen, stochern –23. Dezember 2018 10:38