Alle Beiträge von czz

Das Lesezeichen 04/2020 ist erschienen!

Lesezeichen, Ausgabe 04/2020 vom 25. Januar 2021.

 

 

 

 

 

 

 

In dieser Ausgabe:

talmudesque is a paper size manipulation series  Gefälscht und doch original  – Das mit dem Wasser und dessen Lassen – Wie eine Taube nebst Hosenbeinen ins Bild rückt – Mein lieber Herr Gesang, – Preis sucht Autor – Order is a question of perspective –Ein halbwegs aufmerksames Aha. Soso. Jaja. Naja. Ochjo zu Corona – Damenhüte als Barrieren zwischen Kunst und Betrachter – elementare Darbietungen Neuer Musik – sprachlicher Gang in die Mathematik – uvam. … 

Zum INHALT…

 

  •  Litblogs.net – Literarische und künstlerische Weblogs, hg. von Hartmut Abendschein, Markus Hediger und Chris Zintzen, Bern / Wien 2004-2021

 

Inhalt 04/2020

Lesezeichen, Ausgabe 04/2020 vom 25. Januar 2021.

 

 

 

 

 

 

In dieser Ausgabe:

talmudesque is a paper size manipulation series  Gefälscht und doch original  – Das mit dem Wasser und dessen Lassen – Wie eine Taube nebst Hosenbeinen ins Bild rückt – Mein lieber Herr Gesang, – Preis sucht Autor – Order is a question of perspective –Ein halbwegs aufmerksames Aha. Soso. Jaja. Naja. Ochjo zu Corona – Damenhüte als Barrieren zwischen Kunst und Betrachter – elementare Darbietungen Neuer Musik – sprachlicher Gang in die Mathematik – uvam. … 

INHALT:

  •  Litblogs.net – Literarische und künstlerische Weblogs, hg. von Hartmut Abendschein, Markus Hediger und Chris Zintzen, Bern / Wien 2004-2021

1/21 – abandoned thread

 

#Sprache, #Poem, #rûm, #nocte somnium, #*talō, #al-ǧabr „das Zusammenfügen gebrochener Teile“) #ὁρίζων horízōn, #inspiratio, #al- (wachsen), #Kanon. #wesan ‘das Verweilen an einem Ort //

Das Wesentliche ist Inhalt, Bild und Klang geworden. Logos. Das Wort. Es erschafft den Erkenntnisraum, Dasein und das Jenseits des Diesseits, die Mitte der Zeit. Einem Visavis gegenüber zu stehen, einem Rauschen, einem Laut, der von weit her, von hinter dem Hügel, zu kommen scheint, – ich nehme seinen Faden auf. Die Sonne zieht eine Wolke vor ihr Gesicht. Die Wolke fängt zu schneien an. Die Dämmerung tritt auf. Die Königin der Nacht. Ein Oratorium. Ich schreite seinen Gang ab und summe eine Ode an das Leben. Das Leben erleben, das Wort, das Sprachgewordene, das Innige, das Plantetrische. Was habe ich alles gezählt? Was hat mich gezählt? Was zieht die Zahl zu sich hin und verwirft sich mit dem Unendlichen? Die Materie? Das Sein und das Nichtsein?- Zwei Existenzen, die sich entgleiten und folgen, erreichen und verlieren, das Eine zum Anderen werdend. Die Mitte zur Peripherie, die Tiefe zur Höhe, der Grund zur Quelle. Welcher Anlass ist Menschsein? Welches Sehnen, welche Antwort? Welche Vergleiche und welche Gleichung. Alles, ein Radius, alles, eine Form und eine Leere. Einen Inhalt und eine Frage? Einen Bezug? Welche Frage? Welchen Bezug? Welches Nichts mit Allem? Das ist die Mathematik.

 

 

 

Zwischen Titanic und Tinnitus

 

Inzwischen eine Seltenheit wie das Schreiben an sich, aber mal wieder für KN @ the state of art:

Zwischen Titanic und Tinnitus

Ein Ohr auf zwei Klanginstallationen beim Frequenz-Festival

Abstand zu halten im engen Gang zum Sinneraum im Musiculum, wo am ersten Tag des Frequenz-Festivals für jeweils nur sechs Zuhörer die Uraufführung von Julia Mihálys audio-visueller Installation „Oh, das Universum, denken sie“ läuft, ist so schwierig wie in einem Rettungsboot. Die Notrufe von letzteren und Funksprüche von Schiffen, die zu Hilfe eilen, aber dann im rettenden Hafen abgewiesen werden, hört man schon von draußen.

Weit mehr als die Opfer des Untergangs der Titanic sind bei der Flucht über das Mittelmeer ertrunken, eine tägliche Tragödie, vor der wir im sicheren Europa oft die Augen verschließen. Wie die Strand-Urlauber, über die sich Sibylle Berg in ihrer Satire „Helges Leben“ bitter lustig macht, wenn sie im Meer die Weite des Universums genüsslich erahnen, was der Installation den Titel gab. Denjenigen, die womöglich irgendwann sagen werden, sie hätten nichts davon gewusst, will Mihály die Ohren öffnen – mit bedrohlichem und das Gehör bedrängendem Grummeln von Schiffsdieseln und dem tödlichen Meer.

Sinnbild der Hoffnung in der Verzweiflung in Julia Mihálys audio-visueller Installation „Oh, das Universum, denken sie“ (Foto: Julia Mihály)

Doch Wasser kann auch Leben spenden. So sehen wir im Kontrast zum Sound auf der Leinwand ein kleines Pflänzchen, das in der Nische einer Mauer wächst, bewässert von einer Pfütze. Ein Sinnbild für die Hoffnung der Flüchtenden auf ein besseres Leben jenseits der Mauer um Europa.

In großer Not war auch Beethoven, als er ab 1818 fast ertaubt war. Seine Musik hörte er nur noch gestört durch einen Tinnitus, mit seiner Umgebung verständigte er sich über die „Konversationshefte“ schriftlich. Beides verbinden die Designerin und Kalligrafin Marleen Krallmann und die Komponistin und Klangkünstlerin Maya Shenfeld in ihrer Performance „Mute Sound World – Talking with Beethoven“.

Kalligrafie und Klang korrelieren in „Mute Sound World – Talking with Beethoven“ von Marleen Krallmann (vorne) und Maya Shenfeld. (Foto: ögyr)

Shenfeld verfremdet Beethovens Musik elektronisch zu jenem dumpf dröhnenden Klangbrei, den er durch den Filter der beinahe Taubheit gehört haben mag. Ganz kurz flammen jedoch die reinen Klänge auf, weil Beethoven die Musik zwar nicht mehr hören, aber immer noch denken konnte.

Dazu schreibt Krallmann mit einem langen Pinsel, wie man ihn von der Kalligrafie des chinesischen Shodō (Weg des Schreibens) kennt, Worte auf eine endlose Papierrolle, etwa „Schwerhörigkeit“ oder „Ungenügen“. Die Zeilen überlappen sich dabei zur Unleserlichkeit und die Schrift wird zum Ornament. Sie verblasst, wenn dem Pinsel die Farbe ausgeht. Der visuelle Eindruck spiegelt so das Verschwinden der Klänge im Ohrgeräusch. Ein bewegendes Bild synästhetischer Sinnlichkeit – selbst (oder gerade) im Schwinden der Sinne.

Infos und weitere Termine: www.frequenz-festival.de.

 

 

„Die leidige Theaterhutfrage“

 

Ausschnitt aus dem Vorspann zu einem Stummfilm aus dem Jahr 1912 (Library of Congress, Washington)Ausschnitt aus dem Vorspann zu einem Stummfilm aus dem Jahr 1912 (Library of Congress, Washington)

Eine aus heutiger Sicht kuriose und durchaus komisch wirkende Diskussion wurde Anfang des 20. Jahrhunderts mit einiger Emphase auf den Kulturseiten der Tageszeitungen geführt. Es ging um „die leidige Theaterhutfrage“, die bald auch zur „Kinohutfrage“ wurde. Sie rief Auseinandersetzungen hervor, „die mit einem lebhaften Wortwechsel beginnen und manchmal mit Prozessen oder doch wenigstens mit einem Gang zum Polizeikommissär enden“.[1]

Auslöser für die offenbar bisweilen recht heftigen Konflikte waren jene großen Hüte, die von Theaterbesucherinnen auch während den Vorstellungen nicht abgenommen wurden und die anderen ZuschauerInnen die freie Sicht auf die Bühne nahmen. Das Thema war nicht neu, schon Jahrzehnte zuvor hatte sich der Schriftsteller Ludwig Börne in satirischer Weise damit auseinandergesetzt und gemeint, dass für das Theater Hüte aus Glas am besten geeignet seien, durch die man hindurchsehen könne und die überdies so geschliffen sein sollten, dass sie den Dahintersitzenden als Operngläser dienen könnten.[2]

Das Aufbehalten des Hutes war jedoch durchaus nicht nur eine modische Allüre. Denn die entsprechende Kopfbedeckung war Teil gesellschaftlicher Normen und sozialer Bewertungen: Wurden die Hüte im Theater als Belästigung betrachtet, so waren sie zur selben Zeit außerhalb des Theaters Zeichen von Anstand, Etikette und Status. Wer „auf sich hielt“, hatte in der Öffentlichkeit einen Hut auf.

Titelblätter von deutschen, französischen und amerikanischen Modezeitschriften, 1904–1911

Als um 1900 vielfach überdimensionale Kopfbedeckungen für Frauen groß in Mode kamen, entflammte der Streit um die Theaterhüte mit neuer Vehemenz. Ausführlich wurde daher auch über eine Klage berichtet, die in Paris gegen die Schauspielerin Sarah Bernhardt eingebracht worden war. Ein Besucher des von ihr geleiteten „Théâtre Sarah-Bernhardt“ hatte, als er seinen Platz auf der ersten Galerie einnehmen wollte, festgestellt, dass ihn der Hut einer vor ihm sitzenden Theaterbesucherin stark in der Sicht behindern würde. Er wechselte daher auf einen Orchesterplatz, wo das Tragen von Hüten verboten war. Von Sarah Bernhardt wollte er die zehn Francs Aufpreis für den teureren Sitzplatz und hundert Francs Entschädigung einfordern lassen – wurde aber vom Gericht mit der Begründung abgewiesen, dass im Theater deutlich kundgetan sei, auf welchen Plätzen Hüte verboten seien und dass man von der Theaterleitung nicht verlangen könne, das Huttragen auf den anderen Plätzen zu untersagen.[3]

Auch im französischen Montpellier hatte sich ein Gericht mit einem „Monumentalhutfall“ zu beschäftigen: „Ein Polizeikommissär hatte eine Dame, deren Riesenhut im Theater einen Skandal verursacht hatte, zur Anzeige gebracht, aber das Gericht wies die Klage zurück, indem es erklärte, daß der Polizeimann nicht das Recht gehabt habe, die Dame zum Hutabnehmen zu zwingen. In der Urteilsbegründung wurde unter anderem darauf hingewiesen, daß lange Zeit der Zutritt zu den Theatern den Frauen, die ohne Kopfbedeckung erschienen, untersagt war, weil das Fehlen der Kopfbedeckung als ein Zeichen lockerer Sitten betrachtet wurde‘“.[4]

Karikatur aus der englischen Satire-Zeitschrift „Punch“, 14.10.1908, S. 288

Karikatur aus der englischen Satire-Zeitschrift „Punch“, 14.10.1908, S. 288

Besondere Aufmerksamkeit fand auch eine Meldung aus Mailand. Denn dort war um 1905 eine „Liga gegen das Tragen von Hüten der Damen im Theater“ gegründet worden. Über deren Satzungen informierte u.a. das Prager „Montagsblatt aus Böhmen“:
„Artikel 1: Die Liga richtet an die Damen einen Appell, freiwillig auf den Hut im Theater verzichten zu wollen.
Artikel 2: Sie fordert den Direktor und den Impresario auf, folgenden Anschlag im Theater anbringen zu lassen: ‚Die intelligenten Damen werden gebeten die Hüte abzunehmen. Die alten Damen dürfen den Hut aufbehalten‘ (Mit diesem alten Witz wird man am Ende den meisten Erfolg erzielen, da ja doch keine Dame alt sein will! Anm. d. Red.)
Artikel 3: Die Liga fordert die Polizei auf, gegen das Tragen von Hüten im Theater ebenso einzuschreiten, wie sie das Mitbringen von Stöcken und Regenschirmen in den Saal verbietet.
Artikel 4: Kein Mitglied der Liga darf eine Dame, die den Hut aufbehält, in das Theater begleiten, und sei es auch die eigene Gattin oder Tochter.
Artikel 5: Die Mitglieder der Liga werden auf alle nur mögliche Weise eine Vorstellung stören und verhindern, solange sich im Saale Damen mit den Hüten auf dem Kopfe befinden.“[5]

Ob durch die Tätigkeit der Liga die „leidige Theaterhutfrage“ in Mailand gelöst werden konnte, ist nicht bekannt. Vermutlich nicht. International blieben die übergroßen Kopfbedeckungen zumindest bis in die 1920er Jahre, in denen dann enge „Topfhüte“ modern wurden, aktuell. Und da mit dem 20. Jahrhundert auch das Kinozeitalter begann, tat sich ein weiterer Schauplatz für entsprechende Hut-Diskussionen auf. Auch ein früher Stummfilm beschäftigte sich mit dem Thema. „Those Awful Hats“ lautete der Titel der 1909 in den USA gedrehten, rund drei Minuten kurzen Komödie: Bei einer Filmvorführung sorgen Frauen mit großen Hüten für zunehmenden Tumult unter dem Publikum, bis dann ein Hut und schließlich auch eine Hutträgerin von einer riesigen Greifzange hinweggehoben werden. Das Schlussbild des Streifens verkündet:

Link zum Film (YouTube)

[1] Neues Wiener Journal, 25.3.1905, S. 7.
[2] Börne, Ludwig: Dioptrik. In: Börne, Gesammelte Schriften, Teil 4, Hamburg 1829, S. 73f.
[3] Ein detaillierter Bericht dazu findet sich unter dem Titel „La question des chapeaux“ in der Pariser Tageszeitung Le Temps, 3.7.1905, S. 3.
[4] Neues Wiener Journal, 25.3.1905, S. 7.
[5] Montagsblatt aus Böhmen, 13.11.1905, S. 5

 

 

 

 

Nix zu Corona. Oder: Der einzig mögliche schöne Tod

 

Irgendwo habe ich gelesen, ausgerechnet in der Corona-Krise sei von den Intellektuellen nichts mehr zu hören. Abgesehen davon, dass in Deutschland der Begriff Intellektueller imgrunde immer pejorativ benutzt wird, wir sind und bleiben eben ein Volk von Bauern und Angestellten, kann der Intellektuelle, selbst wenn er oder sie wollte, nichts sagen zum Corona-Virus, zur Pandemie, zu den Quer-„Denkern“ und so weiter. Ihm oder ihr fällt dazu schlicht nichts ein, außer vielleicht die in üblichen akademischen Mustern verorteten Auslotungen und historischen Vergleiche, denen aber kaum mehr geschenkt werden dürfte als ein halbwegs aufmerksames Aha. Soso. Jaja. Naja. Ochjo. Eine wirklich durchdachte Äußerung zum Thema Covid-19 bedarf nämlich tatsächlich vieler Jahre der Vorbereitung und der Ausführung, wobei sich die Frage stellt, ob sie noch vor dem Ende dieser unserer Kultur überhaupt getätigt werden könnte und ob dann überhaupt noch jemand da ist, der solch eine Äußerung überhaupt verstünde. So weit ich mich erinnere, ich werde den Teufel tun und nachsehen, habe ich bereits in meiner ersten kleinen Veröffentlichung, story banal (1998), die Vermutung geäußert, es gehe mit der Menschheit womöglich bergab, sobald nur die Anzahl der lebenden Menschen die der bereits verstorbenen Menschen übersteigt, was eben in dieser unserer Epoche der Fall ist. Dies wäre ein Fall wahrhaft kosmischen Humors, keine Frage. Ich persönlich bleibe allerdings bei meiner Haltung des Optimistischen Fatalismus (siehe dazu meinen erzählenden Essay Tauge/Nichts), denke aber trotzdem, dass der Planet nur noch zu retten sein wird durch ein schönes neues Virus, welches die Fortpflanzungsfähigkeit des Menschengeschlechts ganz sanft auslöscht, sodass in verhältnismäßig kurzer Zeit die Erde in all ihrer Schönheit zwar weiter Runden im Weltall dreht, garniemand aber es wissen noch dies oder jenes oder alles schön finden kann. Hört sich an wie Zweckoptimismus, ist aber der einzig mögliche schöne Tod. Bis dahin allerdings ist noch einiges zu ertragen, auch im ganz und gar Klitzekleinen: Da regt sich doch beispielsweise jemand aus der Hochkultur, so las ich irgendwo, allen Ernstes darüber auf, dass die Kunst im Rahmen der Corona-Bestimmungen in einem Atemzug genannt wird mit der Prostitution – als wenn dies nicht der allerbeste Beweis dafür wäre, dass wir alle Menschen sind und alle gleich im Angesicht des Todes. Ich selbst kann über solch Etepetete-Äußerungen der Hochkulturbetreiber nur lachen, aber das liegt wahrscheinlich daran, dass ich als Angehöriger des katholischen Kleinbürgertums sowohl bildungs- wie kulturfern aufwuchs und sicher niemals das Ziel hatte, ins protestantische Großbürgertum aufgenommen noch von denen beklatscht zu werden, weswegen mir auch eine gewerbliche Ausübung meiner Kunst nie in den Sinn kam und ich auch nur Geld dafür annehme unter der Voraussetzung, durchaus keine Leistung erbracht zu haben im Sinne der protestantischen Arbeitsethik. Aber das ist fast schon ein anderes Thema, mit dem ich diesen kleinen Beitrag vielleicht hätte beginnen sollen, aber dafür ist es ja nun zu spät, wirklich und wahrhaftig zu spät.

Aussichten. Norbert W. Schlinkert

 

 

 

 

Finalistenlyrik

 

Katze wächst an Ast
von dem das Blatt fiel.

Um Harmoniebedürftigkeiten
zu wissen ist doch schon viel.

Dies dienstäglich Zerrissene

Auszeichnungen behängen sich mit Schreibenden
wie Weihnachtsbäume (Arme genug gäb es)
sich mit Kugeln behängten
wären sie so eitel wie Jurys

Und die Bullys verwechseln ihr Grauen
mit grauer Theorie; wählen so ihr Ziel.

Und die Selbstfürsorglichen haben das Wichsen
einfach über. Ceci n’est pas du miel

9. Dezember 2020 22:35

 

 

 

eine taube

 

9

lima : 22.12 UTC — Die Bilder des letzten Films, den mein Vater mit seinem Fotoapparat aufgenommen hatte, zeigen seine Hose, seine Schuhe, Treppenstufen, eine Taube. Als ich die digitalen Fotografien für meinen Vater auf seinem Computer öffnete, hockte der alte Mann in der Betrachtung seines letzten Films vor dem Bildschirm und klickte immer schneller werdend von Bild zu Bild. Er sagte, dass er sich an das, was er fotografiert hatte, genau erinnere. Da war eine Landschaft nahe Prag durch das Zugfenster aufgenommen, da war eine weitere Landschaft, kurz nachdem der Zug den Prager Bahnhof verlassen hatte, da war ein tanzendes Paar auf einem Donaureiseschiff nahe Budapest. Und da war Mutter, die neben einem Rettungsboot desselben Schiffes stand und lächelte. Vater hatte ungefähr 50 Aufnahmen gefertigt, jede der Aufnahmen zeigte nun seine Schuhe, seine Hose oder eben eine Taube, die zu seinen Füßen Brotkrumen pickte. Er war verzweifelt. Da stand ich leise auf und suchte nach seiner Kamera. Ich bin doch nicht verrückt geworden, sagte Vater. Nein, antwortete ich, schau her, Du bist nicht verrückt geworden! Vater nahm seine Kamera in die Hand. Er schüttelte den kleinen, flachen Apparat und sagte: Na, das ist mein vielleicht seltsamster Film geworden. Diese Taube hier, da waren wir schon auf dem Schiff gewesen. Es war Nachmittag. Ich muss etwas an der Kamera verstellt haben. Dieses Rädchen hier könnte es gewesen sein. Immer Sekunden zu spät. Na sowas, sagte Vater. — stop