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Das Lesezeichen 02/2019 ist da!

 

Lesezeichen, Ausgabe 02/2018 vom 19. Juli 2019.

hare 01 © Chris Zintzen @ panAm productions
Chris Zintzen: HARE (Cultural Blind Spot)

In dieser Ausgabe: podcast dna – – – Dürerhase abseits – – – ein Schirm, der über eine wei­te­re fei­ne Haut ver­füg­te – – – Zitterspinne und Vaterfliegen – – – Schwaden von Zigarre im Innenhof – – – Frau Adler gab sich heute noch mehr Mühe mit der Frisur – – – Geheimnisse des Felleisens – – – oder reset, nochmal üben – – – der Roman zu Kurt Cobains Bonmot „Just because you’re paranoid doesn’t mean they aren’t after you“ – – – als ob es die normalste Sache der Welt wäre, mit einer nicht bezahlten LP unterm Arm aus dem Laden zu marschieren. – – – Das Erzählen und Besprechen der Anekdote entspricht dem gegenseitigen Lausen der Affen – – – Eine dieser Rundungen, um diese die Erde sich dreht. – – –  u.v.a.m. – – –

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Inhalt 02/2019

Lesezeichen, Ausgabe 02/2018 vom 19. Juli 2019.

hare 01 © Chris Zintzen @ panAm productions
Chris Zintzen: HARE (Cultural Blind Spot)

In dieser Ausgabe: podcast dna – – – Dürerhase abseits – – – ein Schirm, der über eine wei­te­re fei­ne Haut ver­füg­te – – – Zitterspinne und Vaterfliegen – – – Schwaden von Zigarre im Innenhof – – – Frau Adler gab sich heute noch mehr Mühe mit der Frisur – – – Geheimnisse des Felleisens – – – oder reset, nochmal üben – – – der Roman zu Kurt Cobains Bonmot „Just because you’re paranoid doesn’t mean they aren’t after you“ – – – als ob es die normalste Sache der Welt wäre, mit einer nicht bezahlten LP unterm Arm aus dem Laden zu marschieren. – – – Das Erzählen und Besprechen der Anekdote entspricht dem gegenseitigen Lausen der Affen – – – Eine dieser Rundungen, um diese die Erde sich dreht. – – –  u.v.a.m. – – –

INHALT:

 

16/19 – Signifikat

Berechnung einer nahen Distanz

 

Leichter Einfall. Beidseitig des Flusses, ein Ufer. Eine dieser Rundungen, um diese die Erde sich dreht. Ununterbrochen. Hätten sich die Tage nicht in eine andere Richtung bewegt, wären die Wolken über die Gipfel in die Täler gestiegen. Jetzt, lösen sie sich auf. Sie vergehen in eine Vergangenheit. Winde treiben hier. Ein uferloses Rollen von Gestein. Berge atmen. Sie atmen ihre Masse an Gesteinsschichten. Blatt um Blatt, Platte um Platte. Bilder gleiten mit den Schatten über die Felsen. Die Regen. Sie triefen in den Arven. Feucht. Ein unnahbarer Duft wischt sich über den weichen Boden, dem Bach entlang. Das Reh, scheu und mit weit offenen Augen, sieht in die Richtung, in der ich stehe, ich schaue in dieselbe, ich verwechsle die Sichten. Den Bach. Die Steine. Hinter dem Berg blühen die Magnolien. Erste Kirschbäume, der Schlehdorn. Ein Kinderlied begleiten das Gurgeln des Wassers. Zwischen den Steinen zerspringt das Spiegelbild. Nebel wenden, ihre Segel verlassen den Hafen in den Gipfeln. Ich schaue ihnen nach. Nichts ist so, wie ich es einmal wahrgenommen habe. Das Damals löst sich in das Vergangene. Was vor mir liegt, ist ein anders Ufer.

 

Anekdote

 

Jemand entdeckt eine zufällige Parallele auf einem Platz, die man nur aus einer einzigen Perspektive sehen kann, und teilt dies mit. Die Nachbarn scharen sich um den Erzähler, der mit dem Finger einer Beweisfotografie dahin und dorthin zeigt. Man hat in der Welt ein vorübergehendes Muster gerade noch gesehen. Davon muss man reden. Es kann um letztlich überlebensnotwendige Informationen gehen oder zumindest um ein Erlebnis, welches die sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften wichtiger Informationen deutlicher hervortreten lässt. Das Erzählen und Besprechen der Anekdote entspricht dem gegenseitigen Lausen der Affen. Es bedeutet das Versprechen zu kooperieren, den Beginn der Gemeinschaft, die man über Anekdote dann wieder sprengt. Das ist auch Utopia: ein Ort, der von Romantikern als fester Boden beschrieben und dann als Malerei enttarnt wird.

Ich kann, um das alles zu erklären, hier gleich eine Anekdote erzählen, in der sich ein Muster sehen lässt, das aber vielleicht gar nicht da ist, bitteschön: Ich war in Wien, saß auf einem Bahnsteig. Ein junger Mann fragt mich um etwas Geld. Ich krame einen letzten Euro raus. Da springt der alte Mann neben mir auf und ruft mir mit ungarischem Akzent, den Kopf im Weglaufen wendend, halb ins Gesicht, ich wäre doch verrückt, ich würde ja unsere Feinde fördern. Ich sehe in diesem Moment rundherum, wie der Kosmos auseinanderstiebt. Da findet sich überhaupt kein Wir einer Spezies, das den Fascho und mich zusammenschnüren könnte, sodass Bilder von eingeschnittenem Fleisch entstehen. Ich sehe auch keinen Feind mit erdverschmiertem Gesicht und Tarnanzug im Gebüsch. Ich sehe nur einen verhungerten, wahrscheinlich afghanischen Mann in schmutziger, zerlumpter Kleidung mit einem offenen Blick, der vor mir steht und mich in Wörtern, die er nicht kennt, zu fragen versucht, was gerade passiert. Tatsächlich ist es etwas zwischen dem anderen und mir. Ich zucke die Achseln, schreie dem Ungarn nach: Menschen, die nichts zu essen haben, sind keine Feinde. Ich brauche dann aber so viel Kraft fürs Schreien, dass es in mir einen Haufen alter, schimmliger Blätter vom Vorjahr aufwirbelt, vielleicht auch noch Fetzen von ein paar Autoreifen, die auf der Autobahn geplatzt sind. Jedenfalls muss ich an solchen Erinnerungen  schlucken, um sie in Wellen wieder nach unten zu drücken. Ich steige, immer noch würgend, in den Zug. Darin sitzt neben mir eine asiatische Frau. Sie wird von ihrem Kind, das für sie übersetzen muss, mit schlechtem Gewissen verachtet. Um ihre Wohnhaftigkeit an einem anderen Ort dieser Welt zu behaupten, hört sie dann laut chinesisches Radio. Ich bitte sie mit einer internationalen Geste, den Ton etwas leiser zu drehen. Da schließt sie, vielleicht ohne zu wissen, was sie mir zuleide tut, mit trauriger Miene die Augen, legt den Kopf vor sich auf die auf dem herabgeklappten Tischchen zusammengelegten Arme. Und ich frage mich wieder einmal, wer ich bin.

 

Ladendieb

Ladendieb, Susanne Eggert

 

Das Klauen von Platten war schon Routine geworden. Ich wurde mit der Zeit richtig frech. Kurz umgeschaut, die Platte untern Arm geklemmt und rausmarschiert, als ob es die normalste Sache der Welt wäre, mit einer nicht bezahlten LP unterm Arm aus dem Laden zu marschieren. Je weniger Umstände ich machte, desto besser. Es war schließlich schon Dutzende Mal gut gegangen. Aber das Herzklopfen blieb. Das Herzklopfen und die Erleichterung, wenn ich aus dem Warenhaus marschierte und niemand war mir auf den Fersen. Das war der Kick überhaupt. Wenn es wieder einmal gut gegangen war und ich eine neue Trophäe in den Bau schleppte.

Es war ein bisschen wie Sex, auch wenn ich in diesem Alter noch nie richtig Sex gehabt hatte. Dieses Nicht-erwischt-werden. Dieses Immer-mehr-wollen. Dieses Noch-mal-wollen. Dieses noch eine Platte und noch eine und noch eine. Dieses ganz und gar wunderbare Stehlen. Es war die erste Sucht meines Lebens, und wie jede Sucht war sie zu Beginn hocherotisch und ich stieg tief ein in die Materie und die Glücksgefühle. Zum Schluss war der halbe Dachboden voll mit geklauten Platten.

Meist klaute ich in den Musikabteilungen großer Warenhäuser, wenn ich nach Schulschluss durch die Stadt trödelte. Meine siebte Stunde nannte ich es geheimnisvoll, wenn ahnungslose Klassenkameraden fragten, was ich nach der Schule so trieb in der Stadt.

Kleine Musik-Fachgeschäfte wie das Zakk Zakk am Eiland betrat ich nur, um zu sehen, was neu auf dem Plattenmarkt war – zur Orientierung sozusagen. Zum Stehlen war es in diesen kleinen Läden zu heikel, man stand zu sehr unter Beobachtung. Außerdem lernte man mit der Zeit die Mitarbeiter gut kennen, man entwickelte eine wie auch immer geartete Beziehung zu ihnen. Das war nicht gut. Leute, die man kennt, beklaut man nicht. Man entwickelt Skrupel. Das war die nächste Lektion: entweder du freundest dich an mit jemandem – oder du beklaust ihn. Beides haben kannst du nicht. Nicht zur selben Zeit.

Im Zakk Zakk arbeitete ein lässiger Macker aus Düsseldorf, der im Winter im langen beigefarbenen Kaschmirmantel herumlief und einen klapprigen alten Sportwagen fuhr. Er war die coolste Sau, die ich kannte. Was Popmusik betraf, hatte er stets einen Geheimtipp auf Lager, und er lächelte verschmitzt, wenn er mich zur Tür reinkommen sah. Wie sollte man so einen Typ bestehlen, bitteschön. Es war zum Mäusemelken. Enge menschliche Kontakte vermasselten einem die Tour.

Hatte ich im Zakk Zakk oder in einem anderen der kleinen Plattenläden, die es damals noch gab, genug Informationen gesammelt, was sich auf dem Plattenmarkt neues tat, zog ich die Fußgängerzone hoch in die großen Kaufhäuser wie Kaufhof und Karstadt, wo ein Schüler wie ich nicht weiter auffiel, der eine Weile in den Neuerscheinungen wühlte und dann (offensichtlich) unverrichteter Dinge wieder abzog.

Als Sandwichkind in der Geschwisterfolge war ich darin geübt, mich unsichtbar zu machen, wenn es drauf ankam. Darin war ich perfekt. Ein Magier. Niemand sah mich, wenn ich nicht gesehen werden wollte. Trotz wallender Mähne flog ich weit unterhalb des Radars, wenn die Situation es erforderte. So ist es bis heute geblieben. Wenn ich mit dem Handy in der Stadt unterwegs bin und Menschen fotografiere, kriegt das selten einer mit, selbst wenn ich nur zwei Meter entfernt stehe. Ich bin der Great Pretender. Ich mache Beute.

„Mit deinem Bruder kann man sich streiten, bis die Fetzen fliegen, aber mit dir geht das nicht. Du bist wie ein verdammter Fisch, man kriegt dich nicht zu packen, du flutscht einem weg“, so drückte meine Mutter es aus. „Jedes Mal, wenn man glaubt, man hat dich endlich am Haken, macht es flutsch und weg bist du.“

Oder hier, die Gräfin: „Man legt sich voller Vertrauen nieder und lässt sich von dir massieren, du machst es gekonnt, mit viel Gefühl und warmer Hand. Aber kaum sackt man so richtig schön weg und lässt sich von dir verwöhnen, macht es ratttschsch! und deine scharfen Fingernägel schneiden sich ins Fleisch. Und wenn man dann entrüstet aufblickt und losschimpfen will, blickt man in die treuherzigsten Augen der Welt, die keiner Fliege was zu Leide tun.“

„Ist wahr? So eine linke Kimme bin ich?“

„Ja, genau. Das bist du. Eine linke Kimme.“

Am effektivsten stehlen war im Kaufhof. Von der Plattenabteilung bis zum Ausgang waren es keine vierzig Schritte, schon war man draußen auf dem Mühlenplatz. Es war, als hätten die Innenarchitekten beim Konzept des Warenhauses hauptsächlich an mich gedacht, wie ich meine Schäfchen rasch und sicher ins Trockene bringen konnte. Dass das Ganze nur ein Trick war, um mich in Sicherheit zu wiegen und irgendwann abzukochen, wenn ich überhaupt nicht mehr damit rechnete, beim Klauen erwischt zu werden – na, mein Gott, ich war fünfzehn. Wie sollte ich von solchen Sauereien wissen. Ich war nur ein blutjunger kleiner Plattendieb.

Ein Vinylgauner.

Wer wie ich in den 70erjahren Teenager war, der hat die letzte Blüte der 45er Singles miterlebt. Natürlich bestand die Popmusik auch in den Jahrzehnten danach und sie besteht bis heute und auch morgen wird es irgendeine Art Musik geben, die als Pop in den Radios und Clubs der Welt gespielt werden wird, doch niemals wieder wird der einzelne, drei Minuten lange Pop-Song so hofiert und abgefeiert werden wie auf der Single, die mit 45 Umdrehungen pro Minute unterwegs war. Warum? Weil man sie genau so kaufen konnte, als einzelnen Song – mit einer Rückseite als Zückerchen. (Erst jetzt, wo die CD tot ist und alles per Stream übers Internet läuft, ist der einzelne Song wieder wichtiger geworden. Aber man hat nichts in der Hand, wenn man den Song downloaded, womöglich noch kostenlos. Das In-die-Hand-nehmen wird einem genommen. Das Haptische. Man wird bestohlen.)

Ich war süchtig nach Popmusik. Weil das Taschengeld nicht ausreichte und weil es in der Stadt nicht genug abonnierte Zeitungen gab, die ich hätte austragen können, um all meine Vinylwünsche zu finanzieren, klaute ich wie ein Rabe. Noch heute schlummert eine Unzahl LP’s aus den frühen und mittleren 70er Jahren auf dem Dachboden, die meisten bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und zu Tode gespielt, weil ich nie groß Rücksicht auf den Zustand meiner Lieblinge nahm. Auf Partys ließ man mich nicht an den Plattenspieler ran. Besonders, wenn ich was getrunken hatte, war ich dafür gefürchtet, dass mir die Plattennadel wegrutschte und die ganze LP-Seite zerkratzte.

“Deine Platten waren deine kleinen Nutten”, sagte die Gräfin einmal und lag wie immer richtig, “so abschätzig, wie du sie behandelt hast.”

Hach, Popmusik, herrlich!

Überall standen sie herum, die gepflegten Langhaarigen, die sich hauptsächlich darüber definierten, welche Musik sie hörten. Jeder kannte solche Typen. Wie findest du mich? blickten sie einen mit großen und ängstlichen Augen an, wenn man bei ihnen zu Hause zu Besuch war und sie standen am Plattenspieler und präsentierten ihre Lieblings-Stücke, den Lautstärkeregler Richtung 10 hochgeregelt. Und natürlich war ich nicht anders. Sobald irgendwo eine alte Dylan-Nummer lief, sang ich eine Songzeile mit, damit auch jeder Bescheid wusste, aus welchem Stall ich kam.

Als die Gräfin mich zehn Jahre später kennenlernte, war ich schon sechsundzwanzig und in der Spätphase meiner Pop-Besessenheit. Zwar nährte mich Popmusik immer noch, doch es hatte sich etwas geändert. Die Platten, die mir gefielen musste ich nicht mehr unbedingt besitzen. Ich konnte auch einfach zuhören und ansonsten einen Song einen Song sein lassen, ohne ihn unbedingt zu glorifizieren und auf einem Silbertablett herumzureichen.

„Hier, guckt mal! Sieht der Bursche nicht große Klasse aus?!“

Die letzte 45er Single kaufte ich mir im Jahre 1989,  als es schon längst CD’s gab. Es war Everything I own von Boy George, eine verwässerte Hommage an das Original von Ken Boothe, ein wunderbar schlichtes Reggaestück aus dem Jahr 1973, das wie eine Sommerhütte am Strand klingt. Es ist früh am Abend, es herrscht Windstille, und hinterm Küchenschrank kriecht ein Ohrwurm hervor, groß wie ein Gecko – Everything I own.

Eines hab ich mit den Jahren lernen müssen: Niemand kann etwas für seinen Musikgeschmack. Seinen Musikgeschmack sucht man sich nicht aus. Man wacht nicht eines Tages auf und denkt, hey, ich steh jetzt mal ne Weile auf Detroit Techno. Oder auf Country. So läuft das nicht. Musik erwischt einen oder Musik erwischt einen nicht, was soll man tun, man kann da nichts erzwingen. Und manchmal gefällt einem etwas, das einem peinlich ist, das man lieber nicht gut fände. Wie die scheiß Ohrwürmer von Phil Collins. Den mochte ich auch nie, um nicht zu sagen, ich hasste Phil Collins, aber dann ertappte ich mich eines Tages dabei, wie ich der Straße entlang schlenderte und gutgelaunt „In the air tonight“ pfiff.  Aber was soll man tun. Man kann nur zusehen, wie man mit seinem Musikgeschmack zurechtkommt im Leben.

Übrigens auch mit der Musik, die anderen Leuten gefällt. Die anderen Leute haben sich das auch nicht ausgesucht, dass sie Hansi Hinterseer lieben. Dass sie zwanghaft mitträllern, wenn der Hansi via TV Stimmung macht. Das muss man einfach akzeptieren. Möglicherweise wäre diesen Leuten wohler in ihrer Haut, hörten sie statt Hansi Hinterseer, sagen wir, Old Skool Speed Metal. Das kann schon sein, man sucht sich das schließlich nicht aus, was einem gefällt. Du bist bloß Sklave deiner Ohren, den Horchposten deiner Seele, deiner Hörzellen. Mehr ist es nicht. Hau ab.

An dem Tag, als ich beim Stehlen erwischt wurde, als meine Karriere als Plattendieb jäh ihr Ende fand, hatte ich im Zakk Zakk am Eiland einige Neuerscheinungen entdeckt, die mich reizten, die ich gerne eingesteckt hätte, doch weder im Karstadt, noch im Kaufhof waren sie eingetroffen. Weil ich nun aber einmal heiß war und nicht ohne Neuheit nach Hause gehen wollte, entschied ich mich notgedrungen für das neue Album von Stephen Stills. Viel wusste ich nicht von Stills, außer dass er Mitglied bei Crosby, Stills, Nash and Young gewesen war. Einen Song seines neuen Albums Stills hatte ich zufällig im Radio gehört, er gefiel mir nicht besonders. Ich nahm die Platte trotzdem in die Hand und tat so, als durchforstete ich die Credits, in Wahrheit sondierte ich im Kaufhof die Umgebung. Es gab nur einen einzigen Verkäufer, der in der Musikabteilung um die Mittagszeit Dienst tat, und der hatte anderes im Sinn, als ein Auge auf einen Schüler wie mich zu werfen, also bückte ich mich und ließ das Album Stills leicht und locker in meine Jutetasche gleiten. Dann erhob ich mich und verließ das Warenhaus.

Ich trug selten Tornister damals, Tornister waren out. Ich ging meist mit Umhängetasche in die Schule. Und wenn wir sechs Stunden hatten und ich einen Haufen Schulsachen einpacken musste, nahm ich zusätzlich eine Jutetasche mit. Meist wusste ich schon früh am Morgen, dass heute wahrscheinlich wieder eine LP fällig war, wenn ich den Beutel einsteckte. Aber ich war mit der Zeit nachlässig geworden. Es war zu oft schon gut gegangen. Wenn man sich unschlagbar fühlt, passiert es. Wenn man dem Schicksal beweisen möchte, dass man der Härtere ist, wenn man so vermessen wird, ja, dann geht’s schief. Dann fliegt man auf die Schnauze. (Die Gräfin). Und es war schon viel zu oft gut gegangen. Ich hatte schon eine stattliche LP-Sammlung zu Hause, für mein Alter. Den halben Dachboden voll.

„Wo hast du denn die Platte schon wieder her?“ fragte Mutter oft, wenn ich mittags eine Scheibe heimbrachte und es kaum abwarten konnte, sie zu hören.

„Geliehen“, antwortete ich knapp.

„Geliehen…? Schon wieder? Von wem?“

„Na, von Freunden.“

„Du hast aber eine Menge Freunde.“

Wie immer profitierte ich davon, dass selbst Menschen, die tagtäglich mit mir zu hatten, mich nicht wirklich kannten. Dass ich den lieben Jung nur spielte. In Wirklichkeit schlug die Pubertät neue Seiten auf, die ich unbedingt ausprobieren musste. Und wenn ich mich dafür ein wenig verstellen musste, na, mein Gott, es gab schlimmere Dinge zu bewältigen.

Entscheidend war der Moment, wenn man das Warenhaus verließ. Der Hauptausgang des Kaufhof, der auf den Mühlenplatz hinausführte, bot diesen einzigartigen Marylin Monroe-Moment. Man stieg über diesen großen rechteckigen vergitterten Lüftungsschacht, aus dem warme Luft in die Höhe stieg, eine Wand aus verbrauchter, tausend Mal gefressener Kaufhausluft, die verhindern sollte, das kalte Luft einströmte. Eine Art Quarantäne, die jeder Kunde passieren musste, ob er das Warenhaus nun betreten oder verlassen wollte. Für mich bedeutete der Luftschleier jedes Mal den Unterschied zwischen Himmel und Hölle, Schuld oder Unschuld, Freude oder Tränen, Gefängnis oder Pop-Life. Im Ohr das Heißluftgebläse des Türluftschleiers, verschwand ich im Gewühl des Mühlenplatzes, mit diesem Kribbeln der Befreiung im Bauch, dem Gefühl, nicht erwischt worden zu sein und eine neue Trophäe zu besitzen.

Und dann passierte es doch. Ein Ladendetektiv griff zu, als ich im Menschengewimmel des Mühlenplatzes untertauchen wollte, einem City-Areal mit schattigen Bäumen und Wasserspielen. Eine kräftige Hand packte meine Schulter und hielt mich zurück. „Junger Mann, darf ich mal in deine Tasche gucken?“ Allein das „Junger Mann“, von tiefer Stimme vorangestellt, reichte aus, dass ich mich augenblicklich in einer Pfütze aus Sühne, Scham und Gepinkel wiederfand. Ertappt. Gefasst. Dieses Mal war es nicht gut gegangen.

Eine Woche zuvor war ich sechzehn geworden, es war noch Geburtstagsgeld übrig, ich hätte nichts stehlen müssen. Ich stahl mehr und mehr aus Gewohnheit und wegen des Gefühls der Befreiung, wenn es noch mal gut gegangen war, wegen dem sexy Kribbeln im Bauch. Der Detektiv war alt und müde, aber in dem Moment, wo er mich an der Schulter packte, hellte sich sein Gesicht auf und strahlte. Später, im Büro, fiel es wieder müde in sich zusammen.

Als er mich abführte, sah ich einen Bekannten, der in der Nähe des Kaufhof stand und die Szene beobachtete. Ein junger Pole, ein hochaufgeschossener Junge, der nur selten Worte machte und den ich vom Sportplatz am Klauberg kannte, wo wir gemeinsam Fußball spielten. Sein entgeistertes Gesicht sehe ich heute noch vor mir.

Du klaust…? DU?!! Warum klaust du!??

In den folgenden Jahren liefen wir uns ab und zu über den Weg. Wir nickten einander kurz zu und jeder ging seines Weges, Das letzte Mal trafen wir uns Anfang des Jahres 2000. Und wieder war da diese Überraschung in seinem Gesicht, dieser für alle Ewigkeit festgefrorene Ausdruck des Erstaunens, herübergerettet aus dem Jahr 1975, du klaust…? DUU?  WARUM DAS DENN..!?  Und niemals, kein einziges Mal hatte ich eine Antwort für ihn.

In meiner Phantasie führte ich ihn stolz über den Dachboden.

 

„Es ist kein Wahn, denn der Wahn ist wahr.“ Daniel Kettelers Roman ’novopoint grün‘

 

Daniel Kettelers Roman „novopoint grün“ schlägt gekonnt den Bogen von den Verbrechen der Nazi-Euthanasieärzte hin zu den Lebenswelten der Nullerjahre in Berlin-Neukölln. 

Daniel Kettelers „novopoint grün“ ist von der ersten bis zur (fast) letzten Zeile ganz sicher der Roman zu Kurt Cobains Bonmot „Just because you’re paranoid doesn’t mean they aren’t after you“. Einerseits. Andererseits ist der tote Greis namens Kleinekämper, der sich auf einem Jägerhochsitz mutmaßlich zu Tode hungerte, zu Beginn des Romans ebenso real wie der nach dem Abitur in der ostwestfälischen Kleinstadt Hasenbeken verbliebene Polizeischüler David, der den Fall zusammen mit seinem kurz vor der Rente stehenden Chef Rullkötter untersucht. Eine knappe Pressemitteilung von 2003, dem Roman vorangestellt, zitiert einen Polizeisprecher, es deute nichts auf ein Verbrechen hin. Doch David hat einen Verdacht, denn es zeichnet sich „eine kreisrunde Schürfwunde auf dem bleichen, sehnigen Handgelenk des Toten ab“. Und nicht nur das. Im Tagebuch des Toten findet David bald Hinweise auf dessen Beschäftigung mit dem Thema Euthanasie in der Zeit des Nationalsozialismus, die durchaus den Verdacht nahelegen, Kleinekämper selbst sei Insasse einer psychiatrischen Abteilung gewesen. Ein Überlebender. Er soll nämlich, so erfährt David auch von Rullkötter, „als Kind mal in nem Heim gewesen“ sein. Und nun der Tod durch Verhungern, die selbe Methode, die die Nazi-Euthanasieärzte wählten statt der zuvor praktizierten gezielten Tötungen, nachdem in Deutschland zunehmend protestiert worden war gegen das Verschwinden psychisch kranker Angehöriger. Die Ärzte gingen über zu einer sogenannten wilden Euthanasie, was hieß, die Patienten mittels „Hungerdiäten“ verhungern zu lassen und ihnen final noch eine Spritze zu setzen, die sie „unauffälliger sterben“ ließ. Sollte also auch etwa bei dem in Hasenbeken als Sonderling bekannten Kleinekämper jemand nachgeholfen haben? Vielleicht sogar einer der Nazi-Ärzte von damals, nun ebenfalls im Greisenalter?

Der Tod und die Provinz

Denn da ist auch noch ein weiteres Indiz, eine Spritzenverpackung, „novopoint grün“, ein Mittel, das gegen körperliche und psychische Erregungs- und Spannungszustände eingesetzt wird. Doch die Verpackung findet nicht David neben dem Hochsitz, sondern der sich nach wenigen Seiten als Ich-Erzähler entpuppende Peter P., Davids bester Freund noch aus Jugendtagen, der in Berlin ein exzessives Leben führt, unter einer bipolaren Psychose leidet und sich nun der Aufgabe widmet, all das aufzuklären und in einen Roman zu gießen. Diese Idee hatte Peter bereits zusammen mit David gehabt, denn nur so würde das, was der Tote offenbar der Nachwelt hat sagen, hat offenbaren wollen, wirklich öffentlich werden können. Bei den Untersuchungen war David nämlich zunehmend gegen Wände gelaufen. Rullkötter hatte befunden, es gäbe Wichtigeres. Akteneinsicht wurde dem Polizeischüler nirgends gewährt. Und dann war auch David gestorben. Suizid. Wahrscheinlich schleichend depressiv geworden, so mutmaßt Peter, und niemand hat’s bemerkt.

Neukölln, Abenteuerspielplatz

Umso dringender muss nun, so erkennt Peter, der Roman geschrieben sein, der Wirklichkeit abgerungen werden, verbunden mit all den Schwierigkeiten, die ein Leben im Berlin der Nullerjahre mit sich bringt. Denn Peter lebt nicht nur ein exzessives, unruhiges und schlafgestörtes Leben in Berlin-Neukölln. Zudem ist er auch noch der Medikation seines Psychiaters Baust ausgesetzt, der selbst mit Künstlerambitionen in Berlin gestrandet ist. Diesem berichtet er von seinem Projekt. Er lässt Peter ein wenig von der Leine, doch Baust ist in Sorge, ob nicht am Ende aus dem Roman mit seinem womöglich realen Kern ein wahnhaftes Projekt werde, mit dem Peter noch tiefer in seine Psychose geriete. Fast folgerichtig bleibt Peter im Schreiben des ersten Teils (1. Buch) stecken, verzettelt sich, verliert die Übersicht, nimmt sich Auszeiten, bis ihm die Idee kommt, sich erzählend nicht nur in seinen toten Freund David zu versetzen, sondern endlich auch in seinen Psychiater Baust. So trampelt der Roman mit viel Vehemenz kurz einmal auf der Stelle, bevor es mit neuer Spannung vor allem mit Baust weitergeht. Zu Beginn des 2. Buches heißt es nämlich: „Ich muss da rein, ins Psychiatersein, mitten rein ins Psychiaterschwein. Diese Geschichte erfordert es. Ich brauche jemanden, in dem ich mich selbst spiegeln kann.“ Von da an geht es Schlag auf Schlag, um die Verbrechen der Nazi-Ärzte und den Versuch der Aufklärung und der Bestrafung, parallel dazu auch um das Psychiatersein, das Künstlertum, die Literatur und das Leben selbst, wie man es trotz allem gerne lebt. Die Schlusspointe, wenn man sie denn als Pointe aufzufassen gewillt ist, wird selbstverständlich nicht verraten, bis dahin muss man lesend schon selbst gelangen.

Schriftstellerarzt

Daniel Ketteler, als Schriftsteller und Psychiater Teil einer langen Tradition an Schriftstellerärzten von Tschechow über Bulgakow, Büchner, Schnitzler, Benn und Döblin, legt nach „Grauzone“ (2012) mit „novopoint grün“ seinen zweiten Roman vor. Dieser ist durchaus kein Kriminalroman, was der Spannung jedoch keinen Abruch tut. Insgesamt ist Daniel Ketteler ein – trotz der Euthanasie-Thematik – süffig zu lesender Roman gelungen, dem das Fachwissen und die Erfahrungen eines Arztes im besten Sinne zugute kommen. Die westfälische Herkunft des Autors und das Leben in Berlin prägen indes unverkennbar den sprachlichen Duktus Kettelers. Die drei Hauptcharaktere, vor allem der Erzähler, werden im Laufe des Romans so immer mehr zu dem, was man in der Literaturwissenschaft ein gelungenes poetisches Ich heißt, und dies in einem Roman, den man mit vollem Recht zugleich einen Berlin- und einen Provinz-Roman nennen darf – auch dies im besten Sinne!

Daniel Ketteler: novopoint grün. [ein Roman]. Launenweber Verlag, Köln 2018. 312 Seiten. Gebunden, Fadenheftung, Leseband. 25 €. ISBN 978-3-947457-00-7. https://www.launenweber.de/

Daniel Ketteler: novopoint grün

 

oder reset

 

oder die blätter, jetzt grün, noch in falten gelegt,
flimmern sie wie kerfen im kinolicht,
wo wiederum staub in den kegeln taumelnder lebt,
sich unversichert vom jen- in sein daseits bewegt.

oder die blüten, auf schirme farben gespannt;
oder fallschirme, kurz vor der höhe bericht
von den gesetzen des fallens, damit verwandt,
wie falter in mondscheines bleiche torkelnd verbrannt.

was aber sagt sich da durch die sichtbare schicht
oder verzerrt und verzehrt totalreflektiert
an brüchigen wänden süchtig pulsender adern?

oder reset, nochmal üben. schreiben gebiert
papiermüll, durchwühlt nach davor, vor dem jüngsten gedicht.
ich schau’ nach dem soll nicht mehr, doch nach dem haben.

(190526)


 

Was ist ein Felleisen?

 

Louis-Julien Jacottet: Auberge de Gavarni (Ausschnitt), um 1841.
Louis-Julien Jacottet: Auberge de Gavarni (Ausschnitt), um 1841.

In literarischen Texten ist der Begriff des Öfteren zu finden: in Grimmelshausens „Simplicius Simplicissimus“ ebenso wie in Gottfried Kellers „Grünem Heinrich“ oder in der Sammlung „Hetzjagd durch die Zeit“ von Egon Erwin Kisch. Wenn E.T.A. Hoffmann in seiner Erzählung „Meister Floh“ von einem Mann berichtet, „der ein Felleisen auf dem Rücken trug“, wenn Achim von Arnim in „Des Knaben Wunderhorn“ schreibt, dass im Frühjahr die Handwerker „mit Bündel und Felleisen“ auf Wanderschaft gehen, und wenn Hugo von Hofmannsthal in seinem Stück „Das Bergwerk von Falun“ eine Person sagen lässt: „Acht‘ auf das Felleisen, sind gute Kleider drin, dass es nicht nass wird“, dann ist klar, dass es sich bei einem Felleisen um ein Behältnis handelt, um eine meist recht große, sackartige Tasche.

Mit „Fell“ und „Eisen“ hat die Sache allerdings nichts zu tun. Der Begriff geht auf das mittellateinische „valisia“ (bzw. „valixia“) zurück und ist mit dem französischen Wort für „Koffer“ – nämlich: „valise“ – verwandt. Lange Zeit in Gebrauch war der Begriff Felleisen vor allem in Zusammenhang mit jenen Satteltaschen und Lederbeuteln, die zur Beförderung der Post verwendet wurden. Daher ist das Wort auch immer wieder in älteren Zeitungsberichten zu finden – so etwa meldete das Wiener „Fremden-Blatt“ am 29. Mai 1852, dass im „k.k. Postwagen“ auf der Route nach Budapest „das Post-Felleisen aufgeschnitten worden [war], doch täuschten sich die Gauner in ihrer Hoffnung, da zum Glücke kein Geld darin enthalten war.“

Jan Luyken: Postbote zu Pferd, 1711 (Rijksmuseum, Amsterdam).

Jan Luyken: Postbote zu Pferd, 1711 (Rijksmuseum, Amsterdam).

Als während des Krimkrieges österreichische Poststücke von den russischen Kontrahenten abgefangen worden waren, nutzte der Wiener Journalist und Satiriker Moritz Gottlieb Saphir in seiner Zeitschrift „Der Humorist“ (17.7.1854) die Wortteile „Fell“ und „Eisen“, um auf die Geschehnisse mit einer Redensart zu verweisen: „Die Russen sollen der Post ein Fell von Eisen über das Ohr gezogen haben, sie sollen nämlich ein österreichisches Post-Felleisen aufgefangen haben.“

Pjotr Nikolajewitsch Grusinsky: Postbote (Ausschnitt), 1861

Pjotr Nikolajewitsch Grusinsky: Postbote (Ausschnitt), 1861

In den Post-Felleisen wurden natürlich auch Zeitungen – und damit aktuelle Informationen – an die Adressaten übermittelt, und das war vermutlich die Inspiration dafür, dass die 1861 gegründete Zeitschrift des Arbeiterbildungsvereins der deutschsprachigen Schweiz den Namen „Felleisen“ erhielt.

Was sonst noch alles in ein Felleisen passte, beschrieb der Schriftsteller Alexander Roda Roda in seiner 1922 erschienenen Erzählung „Perillustris ac generosus Zintekk“. Bei einer Rast irgendwo im ländlichen Kroatien holt da nämlich der Protagonist Zintekk „ein mächtiges Felleisen aus dem [Pferde-]Wagen – offenbar ist alles bei ihm gigantisch. Aus dem Felleisen quellen gebratenes Geflügel, Kuchen, Brot und die langen Schweife von Schalotten“ – und nach all dem tauchen auch noch „zwei tüchtige Braten aus dem Felleisen“ auf.

Charles Maurice: Geierjagd am Pic d‘Ossau, um 1852.

Charles Maurice: Geierjagd am Pic d‘Ossau, um 1852.

In Gebrauch war der Begriff Felleisen bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Eines der letzten Belegstücke für die Verwendung findet sich in der Oktoberausgabe 1958 der von der österreichischen Sozialversicherung herausgegebenen Zeitschrift „Soziale Sicherheit“. Dort wird mitgeteilt, dass land- und forstwirtschaftliche Angestellte beim „Fang schädlichen Wildes“ ihre Felleisen „selbst beizustellen“ hätten.

Sprachlos

 

Sprachlos © Rittiner & Gomez @ isla volante 2019

Zum Glück sind die Cañas auf dem Boot perfekt eingespielt. Den seit dem Tod seiner Frau spricht er selten mehr als ein Wort. Falls er einmal einen Satz sagt, kommen die Worte sehr holprig daher.

Frau Adler gab sich heute noch mehr Mühe mit der Frisur. Aber direkt in den Hafen traut sie sich nicht.

Er geht wie jeden Morgen seinen Weg entlang. Frau Adler nickte ganz leicht.

Das Meer ist ruhig, die Wassertemperatur beträgt 24°.

 

Immer bei Regen

 

Immer bei Regen ziehen Schwaden von Zigarre

vom Innenhof hinauf zu mir und den Meinen,

die mir nicht gehören, und vernebeln unsere Luft,

die wir abwechselnd ein- und ausatmen, ein und aus, und ich frage mich:

Wer im Hinterhaus raucht hier Zigarre?

Das lesbische Paar mit den winzigen Töchtern, die nie schlafen, ist es nicht

Der Geiger mit der Armprothese, der unendlich üben kann, ist es nicht

Die verräterische Oma mit dem Veilchenparfum ist es nicht

Die Stadtreinigung ist es nicht

Auch Bob Dylan ist es wahrscheinlich nicht

Bleibt noch der Hofhund wider Willen

Bleibe noch ich, vor Jahren

Bleibt noch

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6. Juni 2019 19:52