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Das Lesezeichen 03/2018 ist da!

Lesezeichen, Ausgabe 03/2018 vom 08. Oktober 2018.

 

In dieser Ausgabe:

vier jahre einsam, auf dem festland, wider das Handy im Verkehr, ein Geruch, der von Wörtern noch gefunden werden muss, Bukowski lesen in Salzburg, das Mädchen mit der Sterntüte, Niemand wird ankommen, wo ich hingegangen bin,  was mit Benzini gewesen ist, die Milliarden von feinsten Sandkörnern in den Dünen und an den Stränden von Skagen, man könne im eigenen Schreiben nicht mehr zurück hinter das gelesene Grandiose, und dennoch wurde Nico zur Ikone, weil in ihren Songs und in ihrer offensiven Verzweiflung etwas Ausdruck fand, was im Fühlen dieser Generation und ihrer Kinder Wiederhall fand, Alphabet ist mithin der Sohn einer Stromquelle“. … u.v.m.

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Inhalt 03/2018

 

Lesezeichen, Ausgabe 03/2018 vom 08. Oktober 2018.

 

In dieser Ausgabe:

vier jahre einsam, auf dem festland, wider das Handy im Verkehr, ein Geruch, der von Wörtern noch gefunden werden muss, Bukowski lesen in Salzburg, das Mädchen mit der Sterntüte, Niemand wird ankommen, wo ich hingegangen bin,  was mit Benzini gewesen ist, die Milliarden von feinsten Sandkörnern in den Dünen und an den Stränden von Skagen, man könne im eigenen Schreiben nicht mehr zurück hinter das gelesene Grandiose, und dennoch wurde Nico zur Ikone, weil in ihren Songs und in ihrer offensiven Verzweiflung etwas Ausdruck fand, was im Fühlen dieser Generation und ihrer Kinder Wiederhall fand, Alphabet ist mithin der Sohn einer Stromquelle“. … u.v.m.

INHALT:

 

Arethusa und Alphabet

Arethusa, die Quelle (Source), hat ihr Kind, den „Strom Alphabet“, aufgrund ihres gefährlichen Jobs als „Entspringerin“ zur Adoption freigegeben. Alphabet ist mithin der Sohn einer Stromquelle, mehr oder weniger also der „Strom an sich“. Es „verfließt“ einige Zeit, wobei die Zeit beim Strom im „übertragenen“ Sinne zu verstehen ist. Was ist die Botschaft? Alphabet kennt sie nicht. Also sucht er nach seinem Ursprung. Murmelnd fragt er nach der Quelle – seinem „Code“ –, den er als Mutter (Matrix) bezeichnet, weil er bei den Menschen aufgewachsen ist. Aufgrund dieser falschen Bezeichnung findet er aber am Ende nicht die Gesuchte, sondern tatsächlich nur eine alte Uhr. Ja, da sitzt dieser junge Alphabet an einem Sonntag bei dieser Uhr in der guten Stube und schüttet sein überfließendes Herz unter lautem Ticken einer Buchstabensuppe aus …

 

I´ll be your mirror. Nico 1988

Venus im Pelz, aus: Jutta Pivecka: Punk Pygmalion, 2014

Christa Päffgen, alias Nico, wurde 49 Jahre alt. Geboren wurde sie in demselben Jahr wie meine Mutter, 1938. Sie lebte ein Leben in einer Mode, Künstler- und Drogenwelt, das dem meiner Mutter kaum fremder sein könnte. Und dennoch, so glaube ich, wurde sie auch zur Ikone, weil in ihren Songs und in ihrer offensiven Verzweiflung etwas Ausdruck fand, was im Fühlen dieser Generation und ihrer Kinder Wiederhall fand, ein Echo: „I´ ll be your mirror.“

Susanna Nicchiarelli, 1975 geboren, hat einen Film über die letzten Jahre Christa Päffgens gemacht: Nico, 1988. Im Film wird die Rolle der Nico von der fantastischen dänischen Schauspielerin und Sängerin Trine Dryholm gespielt. Ein Film über eine Rock-Ikone, ein Model, eine Drogenabhängige, eine Mutter. Ein Film über eine talentierte Frau, inszeniert von einer talentierten Frau, gespielt von einer talentierten Frau. Ein Film über das Scheitern. Und die Stärke des Scheiterns. Über die Schönheit. Die Vergänglichkeit. Die Wut. Und die Zärtlichkeit. Über das Versagen. Und Weitermachen. Kein Happy End in Hörweite.

Das Gesicht Christa Päffgens und ihre verrauchte Stimme wurde zur Projektionsfläche ganzer Generationen von Männern (und einiger Frauen): das schöne Rätsel Frau, tiefgründig, unerforschlich, gefährlich traurig. Femme Fatale. Ein Abziehbild mythischer Frauenfiguren, die einen unwiderstehlich hinabziehen in ihre schaurig-schöne Unterwelt. Die niemals einen Point of View haben: Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes „ohne Perspektive“, denn sie werden geschaut und gedeutet. Dazu müssen sie passiv sein und leer bleiben: „My heart is empty/ but the songs I sing/Are filled with love for you.“ Christa Päffgen aber hat getan, was in diesem Deutungssystem nicht geschehen darf, sie hat der „Muse“ des Künstler-Mannes eine eigene Stimme gegeben. Im Film lässt Nicchiarelli sie sagen: „My life started after the experience with the Velvet Underground.“

Nicchiarellis Film beginnt mit einer Einstellung, die das Kind Christa auf einer Wiese zeigt, am Horizont das brennende Berlin am Ende des Krieges, in der Luft die Geräusche der alliierten Flieger. Die ältere Christa, die von ihrem 20 Jahre zurück liegenden Mythos als Muse Warhols und Ikone der Velvet Undergrounds gleichermaßen zehrt und verzehrt wird, hat  – neben dem Heroin-Besteck – immer ein Aufnahmegerät dabei. Sie sammelt Geräusche und später im Film wird sie bekennen: Sie sucht nach diesem einen Sound, dem Sound der Niederlage, den das Kind vor den Toren von Berlin hörte. Der Film zeigt nicht, wie Christa aufwuchs im zerbombten Deutschland, wie sie als Model entdeckt wurde und nach New York kam. Christa Päffgen erfindet sich später Vergangenheiten und sucht doch immer nach diesem einen „echten“ Geräusch ihrer Kindheit, sie lauscht auf dessen Widerhall, den Widerhall des Schreckens und der Wirklichkeit. Diese Suche ist eingeschrieben in ihren Songs und es ist eine Suche, die sie mit vielen ihrer Generation teilt, die wie sie in ungeheurer Beschleunigung auftauchten aus dem totalen Zusammenbruch in eine fremde und völlig veränderte Welt, der sie sich nur anverwandeln konnten, indem sie sich vergaßen.

Christa Päffgens Weg ist extrem und verantwortungslos. In verhuschten Rückblenden, die den Originalfilmschnipseln aus Warhols Factory angeglichen sind, wird gezeigt, wie sie ihren kleinen Sohn mit auf Partys nimmt, wo er sich unbeobachtet betrinkt. In einem Interview erfährt man, dass Christas Sohn bei seiner Großmutter in Frankreich aufgewachsen ist, nachdem er der drogenabhängigen Mutter weggenommen wurde.

In Nicchiarellis Film folgt man Nico/Christa in ihrem letzten Lebensjahr auf einer chaotischen Tour mit einer zusammen gewürfelten Band durch den Kontinent. Der Manager, der in sie verliebt ist, hilft ihr dabei, den Kontakt zu ihrem Sohn wieder aufzunehmen, in der zweiten Hälfte begleitet der junge Ari seine Mutter und ihre Band auf dieser Tour. Ari begeht zum wiederholten Male einen Selbstmordversuch, seine Mutter hält den blutenden Jungen im Arm, aber im Krankenhaus, nach seiner Stabilisation, versucht sie die Geräusche des Messgerätes neben seinem Bett einzufangen.

Trine Dryholm spielt und singt die Rolle der Nico ungeheuer intensiv und glaubwürdig. Die ganze Ambivalenz der Figur wird durch Dryholms Darstellung sichtbar gemacht: ihre Zartheit und Kläglichkeit, ihre Angst und ihr Stolz, ihre Verantwortungslosigkeit und ihre Wut.

Nico, 1988 ist ein sehenswerter Film, nicht nur für jene, die ein nostaligisches Verhältnis zu dieser Zeit und dieser Musik haben, sondern auch für alle, die sich für  weibliche Perspektiven interessieren und für alle, die das (oder ein) Leben im Film nicht erklärt oder verklärt haben wollen, sondern gezeigt.

Ich war beim großartigsten Konzert aller Zeiten; ich habe NICO gesehen! Kennst Du sie? Sie war ein deutsches Top-Fotomodell; Femme Fatale in den 60ern. Sie singt auf dem ersten Album von THE VELVET UNDERGROUND. Ich glaube, dass ich Dir schon in Berlin von ihr erzählt habe, aber trotzdem noch einmal: Andy Warhol hat die Band organisiert, Lou Reed + John Cale + zwei nicht ganz so bedeutende Musiker (von denen ich nichts mehr gehört habe) + NICO. Nico hat mit Reed, Cale, Bowie, Jackson Brown gespielt. Ich kannte vor dem Konzert das Velvet Album und einige ihrer eigenen Platten und ich dachte, ich würde eine starke, selbstbewusste Frau sehen, aber es war ganz anders: Sie ist ungefähr 40 Jahre alt und Du merkst, dass das Alter anfängt, ihr Sorgen zu machen. Sie wirkte total unglücklich auf mich und dann wuchs sie auf der Bühne und man spürte, wie sie ALLES wusste in ihrem Schmerz: Eine Göttin, die bitter und still auf eine Welt schaut, die sich einfach nicht ändert. Es gab einen Moment, Emmi, da dachte ich sogar, diese alte Frau könnte mich brauchen…“

aus: Jutta Pivecka: Punk Pygmalion. Roman in Briefen, 2014

Alban Nikolai Herbst, sein plötzlich anwesender Namensvetter, die durch Lektüre grandioser Werke vorgegebene Fallhöhe, die man aber erst einmal erreichen muss, sowie das eigene Weiterschreiben

 

Alban Nikolai Herbst, vom Leiter des Internationalen Literaturfestivals Ulrich Schreiber süffisant als Nikolai Alban Herbst vorgestellt, worauf der Gemeinte lächelnd korrigierte in Alban Nikolai Herbst, bemerkte bei seiner Werkschau im Rahmen des Festivals am 9. September diesen Jahres 2018 im Literaturhaus Fasanenenstraße gleich mehrfach, man könne im eigenen Schreiben nicht mehr zurück hinter das gelesene Grandiose, er verwies unter anderem auf Alfred Döblins tatsächlich herausragenden Roman Wallenstein (1920). Stimmt das so Gesagte, was wohl jeder Schriftsteller und jede Schriftstellerin von Anspruch aus eigener Erfahrung weiß, so habe ich seit jeher, möchte man meinen, manche „Lektürefehler“ begangen (schließlich setzt man sich unter immensen Druck und programmiert sein Scheitern schon vor), zuletzt Hans Henny Jahnns Fluß ohne Ufer (1949/50) und nun dessen Perrudja (1929), zuvor E.T.A. Hoffmann, Jean Paul, Edgar Allan Poe, Stifter, Dostojewski, Kierkegaard, Kafka, Robert Walser, Döblin, Joyce, Beckett, Musil, Laxness, Hamsun, Bulgakow, O’Brien und so weiter (fürwahr alles Männer, aber wen wundert’s*). In jedem Fall müsste ich Schlag auf Fall mit dem Schreiben aufhören … hiermit, liebe verstreute Leserschaft, verkünde ich kraft meiner Wassersuppe … ach was! Michael Lentz schreibt: „Tradition ist, wenn man trotzdem weitermacht. Trotz Kafka, Schmidt und Robert Walser mache ich weiter. Thomas Mann hindert mich am Weiterschreiben nicht.“ Und auch das, was die bürgerliche Welt als Misserfolg klassifiziert, den nämlich (noch) nicht veröffentlichten Roman, als Beispiel möge Ankerlichten dienen, hindert wenigstens mich nicht, wiederum einige Jahre dem selbstquälerischen Schreiben zu widmen. Denn irgenwann begann esund irgendwann wird es enden, dazwischen liegt die Spanne, und in der ist dem eigenen Zwang und der eigenen Lust zu folgen, was auch immer daraus entsteht.

So weit und schlüssig, was mal wieder gesagt werden musste, denn da beißt die Maus kein‘ Faden ab.

* Anmerkung dazu, dass eben dies nicht verwunderlich ist, denn mündlich wurde mir einige Kritik an eben diesem Ausspruch mitgeteilt, so etwas könne man heutzutage nicht mehr sagen, wurde gesagt, was aber hieße, sage ich, die Wahrheit nicht mehr sagen zu dürfen, weil sich wer weiß wer gekränkt fühlen könnte, oder angegriffen, missachtet, herabgewürdigt, auf den Schlips getreten, was auch immer, was dann aber zu ähnlichen Auswüchsen von Dummheit führte wie im Falle der immer öfter ins Feld geführten religiösen Gefühle, auf die man besondere Rücksicht zu nehmen habe – als wenn Menschen, die nicht ausgerechnet an Götter glauben, sondern an die Kunst, die Anarchie, die Logik oder die Besonderheit ihres Fußballclubs oder einer Musikband, keine Gefühle hätten. Die Mimosesierung des Menschengeschlechts ist offensichtlich in vollem Gange! Ständig wird das Böse hinter allem vermutet, weil man ja nur selbst recht haben kann – liberales Denken und Handeln ist offenbar nicht mehr zeitgemäß! Ich gebe deswegen zu diesem meinem ganz wörtlich gemeinten Ausspruch zu bedenken: Es handelt sich bei den Genannten um ausschließlich bereits verstorbene Autoren, die in Zeiten wirkten, in welchen es Schriftstellerinnen nicht verwehrt, aber außerordentlich schwer gemacht wurde, zu veröffentlichen. Die Wahrscheinlichkeit veröffentlichter großer Werke von Frauen ist also relativ gering, die nicht veröffentlichter oder gar nicht erst geschriebener großer Werke umso größer. Da, wo ich als junger Mann zu suchen anfing, waren dementsprechend wenig Autorinnen zu finden, zudem ist mir Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, politische Einstellung und sexuelle Orientierung bei der Auswahl meiner Lektüre nie Kriterium gewesen – Texte aus welchen Gründen auch immer nicht lesen zu dürfen oder Texte lesen zu müssen habe ich seit je her abgelehnt, denn ohne Lust kein Lesen, keine Ewigkeit, kein Leben überhaupt! Warum mich nun aber Emily Brontë, Charlotte Brontë, Anna Seghers, Simone de Beauvoir oder Gertrude Stein weniger prägten, entzieht sich dementsprechend naturgemäß meiner Kenntnis. Interesse an Texten wird geweckt, indem Lust entsteht/Punkt/Aus.

Das Licht von Skagen

 

Alle Fotos © B. Denscher

Im August 1859 reiste der Märchendichter Hans Christian Andersen per Pferdekutsche nach Skagen, an die Nordspitze Dänemarks. Andersen wird oft als der erste moderne Tourist in dem heutzutage bei Urlaubern so beliebten Ort bezeichnet. Dies vermutlich zu Recht: Denn zuvor war wohl kaum jemand auf die Idee gekommen, die anstrengende Fahrt auf schlechten Wegen entlang der Ostseeküste (Andersen beschrieb sie als eine „Amphibienreise halb im Wasser, halb auf dem Lande“) auf sich zu nehmen, bloß um Land und Leute kennen zu lernen.

Während seines zweitägigen Aufenthaltes in Skagen wohnte Hans Christian Andersen in dem heute als Brøndums Hotel bekannten Haus. Das Gebäude im Zentrum von Skagen beherbergte damals einen Kaufmannsladen und eine kleine Pension. Zwar waren die Besitzer, das Ehepaar Ane und Erik Brøndum, durchaus versierte Gastgeber, die Ankunft einer derartigen Berühmtheit, wie sie Andersen war, versetzte aber vor allem die damals hochschwangere Ane in einige Aufregung. Außerdem soll der Dichter nach der anstrengenden Reise ziemlich übler Laune gewesen sein. Als sich dann auch noch das Küchenmädchen beim Fischhändler, von dem es ein paar frische Schollen für den anspruchsvollen Gast holen sollte, verplauderte und Andersen daher sein Abendessen mit reichlicher Verspätung bekam, soll er sich – so erzählt man es bis heute in Brøndums Hotel – so „hysterisch“ aufgeführt haben, dass bei Ane Brøndum vor Schreck die Wehen einsetzten. Sie brachte ein Mädchen zur Welt und meinte, dass die Tochter sicher ein besonderes künstlerisches Talent mitbekommen habe, weil doch zur Zeit ihrer Geburt Hans Christian Andersen im Haus anwesend gewesen war.

Ane Brøndum sollte Recht behalten – zumindest, was das künstlerische Talent ihrer Tochter Anna anging. Denn schon bald zeigte sich, dass diese sehr gut malen und zeichnen konnte. Das fiel auch dem Maler Michael Ancher auf, der ab Mitte der 1870er Jahre sehr oft in Skagen zu Gast war. Ancher unterstützte die um zehn Jahre jüngere Anna in ihren künstlerischen Ambitionen, die beiden verliebten sich ineinander und heirateten an Annas einundzwanzigstem Geburtstag.

Zu jener Zeit begann sich eine Art Künstlerkolonie zu formieren, deren Mittelpunkt Anna und Michael Ancher wurden und die als „Skagenmaler“ internationale Bekanntheit erlangen sollte. Beeinflusst vom französischen Realismus und der Pleinairmalerei fanden die Künstlerinnen und Künstler ihre Motive in und um Skagen. Oft sind es Szenen aus dem harten Leben der Fischer und Bauern, die sie in ihren Bildern festhielten. Zu sehen sind viele dieser Gemälde im Kunstmuseum von Skagen, das eine beeindruckende Sammlung von mehreren tausend Kunstwerken umfasst. Eine besondere Attraktion des Hauses ist auch der alte Speisesaal aus Brøndums Hotel, also jener Raum, in dem einander einst die Künstler zum Mittagessen trafen. 1946 wurde er in das Museum transferiert – zusammen mit jenem Gemäldefries, der ringsum direkt unterhalb der Decke angebracht war. Es sind mehrere Dutzend Porträts, welche die Skagenmaler im Laufe der Jahre voneinander gemalt haben und dem Hotelbesitzer schenkten oder ihm in manchen Fällen als Gegenleistung für Kost und Logis überließen.

Was die Künstler in Skagen besonders faszinierte und was sie in ihren Bildern immer wieder festzuhalten versuchten, war das ganz spezielle „Skagen-Licht“, das alles ringsum klarer und die Farben strahlender wirken lässt. Es ist der Sand, der hier ins Spiel kommt: Denn die Milliarden von feinsten Sandkörnern in den Dünen und an den Stränden wirken wie reflektierende Prismen, die ein starkes, weißes Licht entstehen lassen, in dem die Schatten nahezu verschwinden. Aber auch das umgebende Meer mit seinen glitzernden Wellen tut seine Wirkung.

Dieser Text ist ein leicht adaptierter Ausschnitt aus dem Buch: Barbara Denscher „Lesereise Dänemark. Von Wikingern und Brückenbauern“. Picus Verlag, Wien. Auch als E-Book erhältlich.

Leeds

 

Am Schlagbaum, einer von mächtigen Laternenmasten und schwefelgelbem Autobahnlicht dominierten Kreuzung in der Nordstadt, gab es eine Karateschule, unter der mein alter Kumpel Benzini hauste, der Kater Karlo der Nordstadt, der ewige Panzerknacker: der wahre Käptn Haddock.

Natürlich hieß Benzini nicht Benzini.

Benzini war einer der Patienten aus Einer flog über das Kuckucksnest. In dem 1975 erschienenen Hollywood-Blockbuster läuft er auf dem Flur der Irrenanstalt herum, im weißen Anstaltshemdchen, und grämt sich „ich bin müde, ich bin.. schrecklich müde..“ Sehr viel mehr gibt die Figur nicht her. Einmal ist er ganz außer sich und wird („ICH BIN MÜDE, ALLES UNSINN!!“) von Pflegern abgeführt, als es in einer Gesprächsrunde fast zum Aufstand kommt. Es waren genau diese Szenen, die meinen Kumpel dazu brachten, den jammernden Benzini zu imitieren, wenn er am Tresen des Mumms den nächsten Drink kippte. „Ich bin schrecklich müde..!“ rief er und legte sich schlafen, im Stehen, was Sinn machte, hatte doch das Mumms in seinen besten Zeiten etwas von einer überfüllten psychiatrischen Klinik.

„Alles Unsinn…!!“

Dabei blieb es nicht. Wenn Benzini Feuer fing, dann richtig, dann stand er in Flammen. Er überklebte das Schildchen an seiner Türklingel mit BENZINI, er pinselte BENZINI auf seinen Briefkasten, er ließ den Eintrag im Telefonbuch korrigieren, (was überraschend einfach ging), er legte überall die Benzini-Fährte aus. Es dauerte ein halbes Jahr, dann war der Spuk zu Ende. Was blieb, war der Spitzname. Benzini blieb.

Den gab er nicht mehr her.

„In mir fließt uraltes Zigeunerblut“, haute Benzini gern mal auf den Putz, wenn es um seine Ahnen ging. „Das waren alles Trickdiebe und Bänkelsänger.“

Sie kamen einst im Treck aus der ungarischen Tiefebene und ernährten sich von im Erdloch gebackenen Igeln, so Benzini. Wer seinen Vater kannte, der seine Tage an den Tresen der Nordstadt verlebte, der musste zugeben, an dieser Ahnentheorie konnte was dran sein, abwegig war das nicht. Benzinis Vater, klein und drahtig, war ein entschlusskräftiger Mann um die fünfzig, der nicht viele Worte machte und (vermutlich) keiner geregelten Arbeit nachging, nicht mal einer ungeregelten, so ganz klar war das alles nicht. Aber er war ständig flüssig, was uns ungeheuer imponierte. Das war das Leben, das uns vorschwebte. Immer genug Kalmücken auf der Tasche, immer die Puppen am Tanzen, immer undurchschaubar.

Ab und zu lud er uns auf ein Bier und einen Schnaps in die Nordstadt ein, seiner Stammkneipe, über der er nach der Scheidung von seiner Frau (Benzinis Mutter) ein möbliertes Zimmer bezogen hatte. Dann saßen wir am Tresen und blickten zu ihm auf, weil er der einzige war, der stand, so wirkte er größer. Ein schweigsamer, ein stolzer Mann mit Zigeunerblut in den Adern und einem schimmernden Kristallring am Finger. Einmal spielten wir zu viert Karten, er zog uns aus bis auf die Unterhose. Uns war nicht klar gewesen, wieviel Geld man verlieren kann, wenn man beim Skat pro Punkt nur einen Pfennig ansetzt. „Konzentriert euch, Kinder“, meinte er bloß und strich sich über den Schnauzbart.

Benzini war die muskulösere Ausgabe seines Vaters. Die Kinnlade breit und kantig, die Schultern wahre Turnbarren, die Beine kurz und krumm. Ich weiß, wovon ich rede, wenn krumme Beine Thema sind, von den zahllosen Fußballspielen meiner Jugend bin ich selbst Fachmann für Obeine.

„Du hast ein Obein und du hast ein O-Obein, das linke, das ist ein bisschen schlimmer krumm als das andere“, so die Gräfin. „Wenn man dir zuschaut, wie du über die Straße eierst, rechnet man ständig damit, dass du eins deiner Obeine verlierst, das O-Obein. Dann ziehst du es wieder heran und weiter geht’s.“

Benzinis Obeine waren anders. Das waren Waffen, das waren Säbel, damit konnte man einen bösen Stich setzen. Da hieß es für jeden Kontrahenten schnell Gute Nacht, Marie, und kein Bett, wenn es zur Sache gingIm Gegensatz zu mir war Benzini öfter mal in Schlägereien verwickelt, ich verließ mich eher auf meine große Klappe und ging körperlichen Attacken aus dem Weg. Ein einziges Mal hab ich wirklich was aufs Maul gekriegt, aber da war ich so besoffen, da hätte mich auch ein Blinder mit Krückstock umgestoßen. In der Regel war es nicht mehr als schlichtes männlich-pubertierendes Gehabe, um Mitternacht herum…

„Sollen wir vor die Tür gehen, Alter??!“

„Ja, komm, gehen wir vor die Tür, Alter!“

Und dann gingen zwei zu allem entschlossene Jünglinge vor die Tür, flankiert von zwei Dutzend Schlachtenbummlern, die Blut rochen. Man umkreiste sich einige Runden lang, beschnüffelte sich, schrie herum, wagte Handgreiflichkeiten, zog die Arme hoch zu einer ersten Verteidigungslinie, doch sobald jemand von außen dazwischenging, um schlimmeres zu verhüten, jemand, der es gut meinte, (und es gab fast immer einen, der es gut meinte), dann war schnell Ende und alle waren zufrieden.

Fast alle.

„Hiergeblieben! Dann kriegst du eben von mir was aufs Maul!!“ (Benzini)

Einmal vertraute Benzini mir etwas an. Ich kann mich nicht an den Ort erinnern, aber ich nehme an, es wird der geschwungene Holztresen im Mumms gewesen sein. „Ich bin ein Pechvogel“, meinte er leise, außer mir bekam es niemand zu hören. Es war, als öffnete er ein Geheimfach. „Und weil ich das weiß, bin ich ständig auf der Hut. Deswegen muss ich clever sein.. clever bis zum letzten Atemzug.“ Und einen Satz weiter: „Du darfst im Leben keinen Millimeter weichen, sonst haben sie dich direkt an den Eiern, die Hyänen.“

Ich wusste nicht genau, was ich damit anfangen sollte, doch eines Tages würde ich dahinterkommen, dachte ich. Warum Benzini ein größerer Pechvogel sein sollte als ich, zum Beispiel – also als zum Beispiel ich. Interessant war, dass er diesen Satz mir gegenüber niemals wiederholte. Das mit den Hyänen dagegen leuchtete mir sofort ein.

Logisch.

Zur Begrüßung kam er gern mit dem ewig gleichen Kram rüber. Er zeigte mit dem Stinkefinger auf meine Brust, so als hätte sich dort ein Fleck niedergelassen, irgendwas fieses vom Frühstück, doch wenn ich den Kopf senkte, um mir selbst ein Bild zu machen, verpasste er mir einen kurzen kräftigen Nasenstüber und lachte sich scheckig. Ich fiel jedes Mal darauf rein. Ich hatte keine Chance.

Bemerkenswert war sein Umgang mit Sprache. Wenn wir seinen Vater in der Nordstadt besuchen wollten, warnte er uns vor. „Vorsicht, mein Alter hat nicht gut Kirschen auf der Zunge heute.“ Oder auch: „Der Alte hat Odysseus heute schon hinter sich.“ Schmucke Sachen, die er gern mit einem aufblitzenden Goldzahn präsentierte, auch wenn er überhaupt keinen Goldzahn im Mund hatte. Es war allein diese Art von Goldzahn-Atmosphäre, die von ihm ausging und die Leute in seinen Bann zog.

*

Zu Beginn der Achtzigerjahre jobbte Benzini im Getränkemarkt am Grünewald. Die zweistündige Mittagspause zwischen eins und drei verbrachte er daheim am Schlagbaum mit dem Einwerfen von Aufputschmitteln und Bongrauchen. Da durfte ich nicht fehlen. Kurz nach eins stand ich auf der Matte. Jedenfalls, wenn mir das Haschisch ausgegangen war und ich mich langweilte. Ich schätze, es gab keine Zeit in meinem Leben, wo ich mich mehr langweilte als in meinen frühen Zwanzigern. Auf dem Zenit meiner Kraft wusste ich nichts mit mir anzufangen. Außer alles zu verprassen. Na, schon in Ordnung. Wo soll man auch sonst hin mit all seinem Napalm.

Benzinis Wohnung über der Karateschule glich einer Baustelle, nachdem örtliche Rauschgiftbullen ihm wiederholt einen Besuch abgestattet hatten. Wütend darüber, dass sie auch bei dieser zweiten Hausdurchsuchung nichts hatten finden können, nicht mal einen Nanokrumen Arbeiterkoks, wie Benzini seine geliebten Amphetamine gern nannte, machten sie kurzerhand Kleinholz aus Teilen des Mobiliars und der Bettwäsche. Sie nannten es Durchsuchungsbedingte Unordnung. Noch Wochen nach der Hausdurchsuchung konnte es passieren, dass irgendwelche Schaumstoffbällchen aufwirbelten, wenn man sich beim Aufstehen zu flott bewegte.

Doch Benzini hatte aufgerüstet. Die Etagentür war mit diversen Stahlketten und Schlössern gesichert. Selbst eine Alarmanlage hatte Benzini installiert, merkwürdige Leuchtdioden funkelten im Flur. Es ging einem an die Nerven. Ständig hatte ich das Gefühl, die Bullen würden einfliegen. Es machte mich hibbelig. Zudem vertrug ich die Bongraucherei nicht besonders, doch ich musste mich anpassen. Gekifft wurde bei Benzini ausschließlich durch den Bong, der heiligen Effektivität wegen.

„Ich hab nichts zu verschenken, Kinder.“

Mir war der Flash beim Bongrauchen einfach zu krawallig. Mit meinen von zu vielen Acid-Trips vorgeschädigten Nerven kam ich nur in der richtigen Dosierung mit dem Bongrauchen klar. Sagen wir, halbwegs klar. Es war ein ständiges Vabanquespiel. Durchdrehen oder nicht durchdrehen, das war hier die Frage. Und die Antwort kannte nur das vegetative Nervensystem.

Geredet wurde nur wenig in der Mittagspause. Ich war damit beschäftigt, meinen Wahnsinn runterzudimmen, Benzini war mit den Gedanken weiß der Teufel wo. Er hockte zwei Stunden lang auf der Couch, bröselte eine Bongmischung nach der anderen und betätigte zwischendurch den Plattenarm seiner Stereoanlage, um Punk aufzulegen, die halbe Bude war mit SHAM 69-Konzertplakaten gepflastert.

„Wat is, Glumm, mein elftbester Freund, soll ich noch’n Blubber klarmachen? Ich mach noch ein‘ Blubber klar, mein elftbester Freund..“

Kurz vor drei war die Pause jäh beendet. Benzini sprang auf. „Scheiße, ich muss los! Los, raus hier!“ Er aktivierte die Alarmanlage, rutschte aufs Moped und endlich!! war auch ich draussen an der Luft. Befreit vom Eingesperrtsein in Benzinis Bude und entronnen einem jederzeit drohenden SEK-Einsatz bzw. der Einlieferung ins Landeskrankenhaus wegen schwerer Drogenpsychose entfaltete das Haschisch an der frischen Luft endlich seine euphorisierende Wirkung. Meine Hirnzellen feierten regelrechte Kiff-Opern, während ich heimschlenderte, heilfroh, mein heilloses inneres Chaos überwunden zu haben. Ich schlug Umwege ein, weil es so schön orgelte und pfiff und textstrudelte in meinen Hirnzellen. Ich wünsche mir, ich wäre damals verdrahtet gewesen, angeschlossen an ein automatisches Aufzeichnungsgerät, ich müsste mich heute nicht mehr so abstrampeln für ein paar Sätze wie im Rausch, ich hätte alles schön im Sack.

(Wenn es so etwas gibt wie ein oder zwei Grundvoraussetzungen zum Schreiben, dann zählen Assoziationsketten dazu, die einen am helllichten Tag überfallen, etwa nach dem Genuss von Gras oder Haschisch. Die einen richtig am Wickel kriegen, die einen symphonisch absaufen lassen.)

*

So lange ich Benzini kenne, hatte er Stress mit den Bullen. Mit fünfzehn fing es an, im Haus der Jugend an der Dorper Straße, wo die Abrazzen residierten. Heute weiß niemand mehr, warum sie Abrazzen hießen, in ihren kurzen Parkas ähnelten sie eher späten Mods. Sie hatten geschickte ölverschmierte Griffel, mit denen sie noch jedes Solo-Mofa zum gestandenen Moped hochjazzten. Der zuständige Richter am Amtsgericht formulierte es einmal so, er wollte es nicht glauben.

„Angeklagter…! Sie haben die Autobahnzufahrt Langenfeld mit hundertzehn Stundenkilometern genommen.. HUN-DERT-ZEHN! AUF DEM MOFA!! DIE AU-TO-BAHN-ZU-FAHRT!!“

„Jawohl, Herr Amtsrat.“

„UND NENNEN SIE MICH NICHT HERR AMTSRAT!!!“

Der Richter hatte die Unterlagen vor sich liegen, eine ordentliche Mappe, ein echtes Konvolut, das sich mit Benzinis krimineller Energie beschäftigte, und mit jeder neuen Seite wurde er aufgebrachter.

„Ihre Freunde rufen Sie, wenn ich das richtig entziffere, Benzin?! BENZIN?? Wieso Benzin?? Was ist denn das für ein Spitzname, BENZIN??“

Na, das liegt ja wohl auf der Hand, du Hirni, dachte Benzini, doch er stand vor Gericht, er musste bei der Wahrheit bleiben.

„Nicht Benzin, Herr Richter, ich heiße Benzini. Mit ’nem i hintendran. BEN-ZI-NI.“

Er kassierte seine erste Jugendstrafe, vier Wochen Dauerarrest in der JVA Düsseldorf-Gerresheim, gleich gegenüber einer Eckkneipe, die schon morgens um fünf ihre Pforten öffnete. Das machte Sinn. Wer sich früh um sechs zum Strafantritt melden musste, hatte noch ein Stündchen Zeit, um sich gründlich volllaufen zu lassen.

1982 stieg Benzini in den Rauschgifthandel ein. Damals schwappte das Pulver durch die Strassen, die nächste große Welle. Heroin, Kokain, Amphetamine, das ganze angesagte Arsenal. Unsere Generation, die um 1960 herum geborenen, war überall, die verdammten Babyboomer, die ganze verdammte Bagage. Und wenn ein Babyboomer, Zigeuner und Geschäftsmann wie Benzini in den Handel mit Rauschgift eintrat, dann nur im hochpreisigen Pulver-Segment, darunter tat er es nicht. Dummerweise waren auch die Bullen damals sehr aktiv. Mehr als einmal musste Benzini in höchster Not übers Dach der Karateschule fliehen, die Jungs vom RD auf den Fersen. Davon war Benzini jedenfalls überzeugt. Es hatte geschellt, drei Mal kurz, wie Bullen gern schellen, wenn sie einen auf dem Kieker haben und es mit dem durchschnittlichsten aller Klingelzeichen versuchen. Dreimal kurz. So haben sie es gelernt. So hat man es ihnen beigebracht. Kurz, kurz, kurz. Dreimal kurz. Dröt dröt dröt. Wie sich im Nachhinein herausstellte, war es bloß die Nachbarin gewesen, die Benzini den Zucker zurückbringen wollte, den er ihr geliehen hatte. Als die Bullen zehn Tage später wirklich antanzten, kamen sie mit einer Spezial-Ramme in den Händen. Sie brachen die Etagentür auf, als bestünde sie aus Brezeln und Zwieback, wie in nem scheiß Lebkuchenhaus, und standen in der Küche, wo Benzini und Pepe gerade die letzten paar Gramm Schore auf die elektronische Küchenwaage hievten. Benzini kassierte zwölf Monate ohne Bewährung, Pepe neun.

Nachdem Benzini entlassen wurde, ging der Verkauf munter weiter, allerdings mit deutlich mehr Umsicht. Hatte er mir ein Jahr zuvor in der Mittagspause noch mit launiger Stimme eine Linie Arbeiterkoks gestreut, „WAT IS, GLUMM, NE NASE ATTA?!“, hieß es nun „psst..! Nich so laut.“ Keine Frage, es hatte ihn erwischt, Benzini hatte während der Haftzeit eine Bullenparanoia entwickelt. Bald darauf ließ er die Finger ganz vom Pulver. Er hatte die Nase voll. Er war fertig mit Drogen.

„Als ich von dem Zeug keinen mehr hochkriegte, hab ich von heute auf morgen aufgehört“, erzählte er später. Da ging es mir auf: Benzini war kein Pechvogel. Er war ein Glückspilz. Er passte mehr auf sich auf als viele andere, die ich kennengelernt habe und die sich mit einer weitaus kleineren Fresse durchs Leben bewegten.

Ich erinnere mich, wie Benzini 1990 aus Florida zurückkehrte, von seinem ersten großen Straßenkreuzer-Deal. Er hatte gleich fünf Oldtimer auf einmal gekauft, darunter einen 57er Chevy und einen Lincoln mit riesigem Kofferraum, nun ging es ans Bezahlen. Bar natürlich. Gebrauchtwagenhandel ist ein Bargeschäft, auch in Amerika. 50 Dollar-Scheine, einen Karton voll, hatte Benzini von der Bank geholt. Statt nun jeden Schein einzeln durchzuzählen, legte der Verkäufer ein kleines europäisches Zentimeterband an. Ein Zentimeter zehntausend Dollar.

„Ich war auf einen Schlag sechs Zentimeter los!“

Logisch, man konnte nicht jedes Wort für bare Münze nehmen, wenn Benzini erzählte, aber wen juckte das. Darum geht es nicht im Leben. Wichtig ist, dass die Richtung stimmt, dann ergibt sich der Rest wie von allein und wird irgendwann:

wahr.

*

Leeds!

WIR FAHREN NACH LEEDS!

Vermutlich war es Benzini gewesen, der auf Leeds gekommen war. Oder wir hatten uns am Tresen in einen Rausch gequatscht und wusste nun nicht mehr, wie wir aus der Sache rauskommen sollten, ohne das Gesicht zu verlieren. Winter 1979. Nachdem das Stonns von heute auf morgen geschlossen hatte, waren Benzini, Karlos und ich auf der Suche nach einer neuen Kneipe in der PINTE gelandet, Ecke Rathausstraße, Heimstatt der berüchtigten SHARKS, der letzten Rockergang in der Stadt. Nein, der vorletzten, denn die SHARKS gingen noch in den BLUE DEVILS auf. Die wiederum formierten sich später zu den WHITE DEVILS.

An den Wochenenden gab es wüste Schlägereien in der Pinte. Entweder die SHARKS prügelten sich untereinander oder man hielt zusammen und vertrimmte die verhassten Freaks aus dem nahegelegenen Keller. „Los, wir gehen Freaks aufmischen!“ hieß es Samstagabends, wobei weder Karlos noch ich uns dabei besonders hervor taten, wir waren ja selber Hippies, nur auf der falschen Seite. Aber Benzini sehe ich noch vor mir, auf seinen Säbelbeinen mitten auf der Schützenstraße, wie er mit einem abgebrochenen Stuhlbein bewaffnet auf ein paar Langhaarige zuläuft, die in Panik flüchten. Benzini, die Kinnpartie viereckig wie ein Etagenbett und immer entschlossen, die nächste Randale anzuzetteln.

Stammgast in der Pinte waren neben den SHARKS die Bullen. Die Wache auf der Goerdelerstrasse war nicht weit weg, die Schmiere rückte mit Schäferhunden und in Mannschaftsbussen an. Wenn man uns eingesammelt hatte, saßen wir dichtgedrängt im Bus und grölten auf dem Weg zur Wache, nach der Melodie der Kindersendung Kli-Kla-Klawitter:

„FAHR MIT IM GRÜN-WEIS-SEN
BUL-LEN-BUS,
WIR HA-BEN SEHR VIEL PLATZ,
WIR NEH-MEN
JE-DEN MIT“.

Präsident der SHARKS war der kleine Sonny, ein ruhiger, überaus cleverer Bursche, der seine Jungs im Griff hatte. Das Wort von Sonny war Gesetz. Karlos war mit Sonny aufgewachsen, er führte Karlos, Benzini und mich in der Pinte ein, so hatten wir schnell eine Art Sonderstatus. Durch Sonnys Einsatz war unser Renommee von Anfang an gesichert. Wir waren ja keine Rocker, nicht die Bohne. Die SHARKS allerdings auch nicht. Kein einziges Mitglied fuhr Motorrad. Nicht mal ein frisiertes Mofa stand draußen vorm Laden. Die meisten SHARKS waren zu jung für einen Führerschein, der Rest hatte gerade den Lappen weg oder keine Kohle, um den Führerschein zu machen. Eine Kutte trug trotzdem jeder, die Kutte war Pflicht, egal ob aus Jeansstoff oder als Lederjacke.

Ich erinnere mich, dass Pepe uns irgendwann in der PINTE besuchte, weil er davon gehört hatte, dass wir jetzt mit Rockern abhängen. Er blieb keine zehn Minuten. Wo seid ihr denn hier gelandet..??! flüsterte er mir ins Ohr, komplett verunsichert, ob es für diese respektlose Frage schon was auf die Nase geben würde. Er konnte es nicht fassen. Zum Abschied steckte er mir einen halben Acid-Trip zu. Wie in den guten alten Zeiten. Aber die gab es nicht mehr. Die Achtziger brachen an.

Es gab einige erstaunliche Figuren unter den jungen SHARKS. Da war der Schocker, wie ihn alle nannten. Jedes Mal, wenn in der Musikbox, einer original Wurlitzer, Elvis Presley lief, JAILHOUSE ROCK, kam der Schocker von irgendwoher aus den Tiefen der PINTE angerauscht und zog mit gezücktem Pizzamesser eine Rock’n Roll Show ab, die ihresgleichen suchte. Damals war noch keine Rede von Luftgitarre, kein Mensch sprach davon, auch nicht der Schocker, es war eher eine Art früher Teufelsaustreibung, wenn er zur elektrischen Schein-Gitarre mit einem Pizzamesser abrockte. Der Schocker. Das letzte, was ich von ihm hörte: Er war in den frühen 90ern in Wuppertal unter die Heroinräder geraten.

Zur Einführung in der PINTE hatten wir am Tresen ein Wettspiel gemacht, Benzini, Karlos und ich, nach und nach scharten sich die SHARKS um uns, kreisten uns regelrecht ein, um der Wette zu folgen. Das Spiel ging so: Jeder musste sein Feuerzeug 10mal hintereinander starten. Wessen Feuerzeug als erstes versagte, hatte verloren. Ich hatte so etwas ähnliches in einer Küsschen, Küsschen-Story von Roald Dahl gelesen. Wetteinsatz war der kleine Finger. Wir baten Hassan, den Pächter der PINTE, um ein Brotmesser, er sollte es auf den Tresen platzieren, direkt neben uns. Natürlich war uns Dreien klar, dass niemand von uns tatsächlich seinen kleinen Finger hergeben würde, nicht für solch eine dämliche Wette, doch woher sollten die jungen Rocker das wissen, sie kannten uns nicht. Sie trauten uns alles zu. Wir standen unter dem persönlichen Geleitschutz von Präsident Sonny.

Das Blöde war, dass ich die Wette verlor und niemand so genau wusste, wie wir aus der Nummer rauskommen sollten. Mein BIC-Feuerzeug hatte beim achten Versuch seinen Dienst verweigert. Ich legte meine Hand auf den Tresen. Benzini machte sich an die Arbeit. Umringt von zwei Dutzend neugieriger SHARKS, die sich erregten wie beim Hundekampf, setzte er das Brotmesser an meinem kleinen Finger an, dem der linken Hand. Psssst! Die machen Ernst! Guck mal – der schneidet dem den Finger ab! Klar, Spielschulden sind Ehrenschulden! Ich fragte mich, ob Benzini Ernst machen würde. Er ritzte los. Langsam, oberflächlich. Alles blickte auf den Finger, das Brotmesser, mir ins Gesicht. Nur ich guckte weg. Als ich hinguckte, sah ich Blut kommen. Nur ganz wenig. In diesem Moment ging Gina dazwischen, SCHLUSS JETZT, Hassans deutsche Ehefrau, die das Spektakel nicht mitansehen wollte.

„Ihr hört sofort auf! Ihr spinnt wohl! Ich will hier keinen Krankenwagen haben!“

Sie riss Benzini das Messer aus der Hand. Er gab es gern her. Ich tat empört, Karlos gackerte, die Menge löste sich murrend auf.

*

Leeds!

WIR FAHREN NACH LEEDS!

(Karlos ist anderer Meinung, viele Jahre später, als wir uns zu erinnern versuchen. Er glaubt, dass Benzini eigentlich nach Lourdes wollte, wir es aber falsch verstanden hätten und uns nach Leeds aufmachten. Dagegen spricht, dass Benzini einige Jahre zuvor bereits in Leeds gewesen war, mit der Schulklasse, und dabei eine alte Zigeunerin kennengelernt hatte, die ihm die Karten legte. „Alles, was sie mir damals prophezeit hat, ist eingetroffen. Dass ich meinen Job los wurde, dass ich im Knast gelandet bin und ein Trinker war. Das war keine Schönwetterhexe, das war eine knallharte Wahrsagerin.“)

Jedenfalls, Leeds. Wir saßen zu dritt in Benzinis weissem NSU Prinz und machten uns auf in Richtung Le Havre. Von da wollten wir übersetzen, per Hoovercraft auf die britische Insel. Im Auto stank es wie in einem Kellerloch zu Zeiten der Prohibition. Am Abend zuvor hatten wir in der PINTE schwer gesoffen. Benzini war aus Heidelberg zurückgekehrt, wo er auf der US-Airbase gejobbt hatte. Die Army hatte gut gezahlt, es gab jeden Monat zusätzlich zum Lohn einige Gallonen Dry Gin aus dem Military-Shop.

Leeds!
Los jetzt!
Vaffanculo!! Tu nochn Schluck!

So wie die Jungs in Gelsenkirchen im Stadion „Wir sind Schalker, auf Kohle geboren“ sangen, so riefen die Fans in Leeds „We are fucking animals!“ Das behauptete jedenfalls Benzini, das wollten wir hören. Wir hatten alles Geld zusammengekratzt, ein paar Hunderter, genug für Sprit und drei, vier Tage Gasgeben in England. Zudem spielte Leeds United am Sonntag gegen Wolverhampton Wanderers.

„Wo ist überhaupt das scheiß Leeds?“ fragte Karlos.

„Links“, antwortete Benzini und gab Gas. Er fuhr Auto, wie er Geschlechtsverkehr ausübte: in hektischen Intervallen, überfallartig, ein bockiges Kind. Und immer so, als ginge es um die Weltmeisterschaft. In Höhe Frankfurter Damm, wir waren noch nicht aus der Stadt heraus, fiel mir ein, dass ich keinen Personalausweis dabei hatte. Wir kehrten um. Zuhause holte ich den Pass aus dem Kinderzimmer und lief meiner Mutter über den Weg. Sie hatte vom Fenster aus den weissen NSU gesehen.

„Bist du wieder mit dem Zigeuner zusammen?“

„Ja, und mit Karlos“, fügte ich schnell hinzu.

Karlos wurde von meinen Eltern akzeptiert, während Benzini eine ständige Gefahrenquelle darstellte.

„Wo wollt ihr denn hin?“

„Nach Leeds.“

„Nach Neuwied..?“

„Ja. Nach Neuwied.“

„Was wollt ihr denn in Neuwied?“

„Äh na ja.. da wohnen Bekannte.“

„Vom wem?“

„Benzini. Äh, nein, von Karlos.“

„Ja, was denn jetzt? Ist da etwa eine Zigeunersiedlung? Fallt mir bloß nicht unter die Räuber, Junge.“

Schnell noch einen Abstecher in die Nordstadt, Benzini hatte beschlossen, andere Schuhe anzuziehen.

„Sonst fliegen mir die Galoschen noch vor der Autobahn auseinander.“

In der Parkbucht vor der Karateschule war ein Platz frei, Benzini stieß in die Lücke und stieg aus. Seine Mutter stand vor der Haustür und winkte heftig. Als hätte sie uns erwartet.

„Was ist denn mit der los?“

Irgendetwas stimmte nicht. Wir sahen zu, wie seine Mutter auf Benzini einredete. Sie schloss ihn in ihre Arme. Wir hatten noch nie gesehen, dass Benzini in den Arm genommen wurde, außer beim Saufen oder gelegentlich von einer Trulla.

„Scheiße, was passiert da“, meinte Karlos. „Wir müssen los, wenn wir die Fähre kriegen wollen.“

Es dauerte. Mutter und Sohn verschanzten sich in der Hofeinfahrt zur Karateschule. Endlich kam Benzini zurück. Er hielt sich an der Parkuhr fest.

„Wir können nicht fahren.“

Er wartete kurz.

„Mein Vater ist tot.“

Wir blickten uns an. Herzinfarkt, keine fünfzig Jahre alt.

„Mein Alter hat zuviel gesoffen und zuviel gequalmt“, krächzte Benzini später am Abend, stockbesoffen, Kippe im Hals. Leeds?

Wir kamen nie nach Leeds.

 

Original Parkuhr am Schlagbaum, späte Siebzigerjahre (Foto: Benzini)

*

Ich bin müdeAusschnitt aus EINER FLOG ÜBER DAS KUCKUCKSNEST (1975)

 

missverständnis

 

 

 

 

 

der kobboi musste auf das festland, dringend. die reise schien er gut überstanden zu haben. angekommen in der stadt, bildete er sich ein, kaum luft zum atmen zu bekommen, die menschenmassen trieben ihn durch die gassen und bald wusste er kaum mehr wo er war und warum er her kam. der wichtige termin, den er zu erfüllen hatte stelle sich als ein missverständnis heraus, eine verwechslung. die entschuldigungen nahm er wohlwollend entgegen. die fähre legt in 2 stunden ab, die kann er jetzt ohne eile erreichen.

Bukowski lesen in Salzburg

 

Andere Situation, denkst du dir,
als du nach einem Band Bukowski
mit einer Tasse Tee
am offenen Fenster stehst
und den Hausmeister dabei beobachtest
wie er die Bio-Tonnen
für die Abholung bereitstellt,
Plastikhumpen mit etwas Obergärigem darin.
Daneben der Rasen,
diese Wilkinson-glatte grüne Visage
mit zwei akkurat gestutzten
Büschen oder Koteletten links und rechts.
Aber da watscht deine neue Nachbarin
die Wohnungstüre gegen den Rahmen
und zerrt ihr Balg
durch das Stiegenhaus nach unten,
hinaus auf den Rasen.
Sie hat ihre Shorts bis zum Platzen
mit ihren Arschbacken ausgestopft
und ihre Flip-Flops schnalzen wie zwei Zungen
als sie ihrem Sprössling
zeternd hinterherläuft.
Er hat sich eines von seinen sieben
herumliegenden Fahrzeugen geschnappt,
vom Bobby-Car bis zum Fahrrad
ist alles dabei.
Sein Papa steuert einen BMW
mit einem Auspuff, der ärger röhrt
als ein kaputtes Alphorn.

Andere Situation, denkst du dir
mit Blick auf deine Tasse.
Bukowski hätte etwas Hartes getrunken
oder zumindest ein Bier.

28. August 2018 11:30

ferrovia

2

alpha : 18.02 UTC – Ich kam mit dem Zug nach Venedig, trat auf den Vorplatz des Bahn­hofs­ge­bäudes, hörte, vertraut, das Brummen der Vapo­ret­to­mo­toren, bemerkte das dunkel­blau­graue Wasser, und einen Geruch, auch er vertraut, der von Wörtern noch gefunden werden muss. Und da war die Kuppel der Chiesa di san Simeone Piccolo im Abend­licht, und es regnete leicht, kaum Tauben, aber Koffer­men­schen, hunderte Koffer­men­schen hin und her vor Ticket­schal­tern, hinter welchen gedul­dige städ­ti­sche Personen oder Furien warteten, die das ein oder andere Drama bereits erlebt hatten an diesem Tag wie an jedem anderen ihrer Arbeits­tage. Und da war mein Blick hin zur Ponte degli Scalzi, einem geschmei­digen Bauwerk linker Hand, das den Canal Grande über­quert. Ich will das schnell erzählen, kurz hinter Verona war ich auf den Hinweis gestoßen, es habe sich dort nahe der Brücke, vor den Augen hunderter Beob­achter aus aller Welt, ein junger Mann, 22 Jahre alt, der Gambier Pateh Sabally, mittels Ertrin­kens das Leben genommen. Ein Mensch war das gewesen, der auf gefähr­li­cher Route das Mittel­meer bezwang. Niemand sei ihm zu Hilfe gekommen, ein Vapo­retto habe ange­halten, man habe einige Rettungs­ringe nach ihm geworfen, aber er habe nicht nach ihnen gegriffen, weshalb man eine oder mehrere Film­auf­nahmen machte, indessen man den jungen Mann ermu­tigte: Weiter so, geh nach Hause! Das war im Januar gewesen, das Wasser der Kanäle kalt wie die Betrach­ter­seelen. In diesem Augen­blick, als ich aus dem Bahnhof in meinen vene­zia­ni­schen Zeit­raum trat, war keine Spur der Tragödie dort unter dem Himmel ohne Tauben zu entde­cken, außer der Spur in meinem Kopf. – stop