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Das Lesezeichen 04/2019 ist erschienen!

Lesezeichen, Ausgabe 04/2019 vom 11. Februar 2020.

© Thomas Huber @ Flaneurin
© Thomas Huber @ Flaneurin

In dieser Ausgabe: … appropriation art, assemblage, brief, die fackel (zeitschrift), kochen, korpus (linguistik), kraus (motiv)  – – –  und er klimperte weiter, / Tropfen für Tropfen, / heiter das Regenlied  – – – Ich überlege mir, ob mein Leben hinreicht, das alles zu notieren. – – – Der Verkäufer erzählte, dass er in gebrauchten Kameras immer wieder Filme finde, die wohl vergessen worden waren und die er dann aufrolle und sichere. – – – „Die müllen uns noch zu mit Flüchtlingen!“ belausche ich auf dem Bürgersteig ein Gespräch unter Deutschen. – – –  Genesisgewebe, Aggregatszustände, Schutzschichten und heimlich Verbarrikadiertes – – – Er fragte sich ja immer schon wie die Geschichten in die Bücher kommen. Nun scheinen sie auch noch aus den Büchern wieder herauszukommen. Oder ist er selber hineingeraten? – – –  Die Frage, ob Trauerarbeit das richtige Wort ist, wenn man auf das Ende eines 1700-seitigen Romans hinliest, ist nun sicherlich völlig unwissenschaftlich, stellt sich mir allerdings. – – – Es ist ein klei­nes Wun­der, das mich sehr berührt. Ich will es unter der Wort­bo­je Giu­sep­pi Logan in ein Ver­zeich­nis schrei­ben, das ich aus­wen­dig ler­nen wer­de, um alle die Geschich­ten wie­der­fin­den zu kön­nen, die ich nicht ver­ges­sen will. – – – Twitt twitt, costumers of all years / say hello to the seasons! – – – Der Himmel ist samten / und violett. Die Wände / rot, verspiegeltes Boudoir. / Chippendale-Stühle, / ein Hamlet-Schädel zu Tisch- – –  u.v.a.m. – –

 

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 Litblogs.net – Literarische und künstlerische Weblogs, hg. von Hartmut Abendschein, Markus Hediger und Chris Zintzen, Bern / Wien 2004-2020

Inhalt 04/2019

Lesezeichen, Ausgabe 04/2019 vom 11. Februar 2020.

© Thomas Huber @ Flaneurin
© Thomas Huber @ Flaneurin

In dieser Ausgabe: appropriation art, assemblage, brief, die fackel (zeitschrift), kochen, korpus (linguistik), kraus (motiv)  – – –  und er klimperte weiter, / Tropfen für Tropfen, / heiter das Regenlied  – – – Ich überlege mir, ob mein Leben hinreicht, das alles zu notieren. – – – Der Verkäufer erzählte, dass er in gebrauchten Kameras immer wieder Filme finde, die wohl vergessen worden waren und die er dann aufrolle und sichere. – – – „Die müllen uns noch zu mit Flüchtlingen!“ belausche ich auf dem Bürgersteig ein Gespräch unter Deutschen. – – –  Genesisgewebe, Aggregatszustände, Schutzschichten und heimlich Verbarrikadiertes – – – Er fragte sich ja immer schon wie die Geschichten in die Bücher kommen. Nun scheinen sie auch noch aus den Büchern wieder herauszukommen. Oder ist er selber hineingeraten? – – –  Die Frage, ob Trauerarbeit das richtige Wort ist, wenn man auf das Ende eines 1700-seitigen Romans hinliest, ist nun sicherlich völlig unwissenschaftlich, stellt sich mir allerdings. – – – Es ist ein klei­nes Wun­der, das mich sehr berührt. Ich will es unter der Wort­bo­je Giu­sep­pi Logan in ein Ver­zeich­nis schrei­ben, das ich aus­wen­dig ler­nen wer­de, um alle die Geschich­ten wie­der­fin­den zu kön­nen, die ich nicht ver­ges­sen will. – – – Twitt twitt, costumers of all years / say hello to the seasons! – – – Der Himmel ist samten / und violett. Die Wände / rot, verspiegeltes Boudoir. / Chippendale-Stühle, / ein Hamlet-Schädel zu Tisch- – –  u.v.a.m. – – –

INHALT:

 

  •  Litblogs.net – Literarische und künstlerische Weblogs, hg. von Hartmut Abendschein, Markus Hediger und Chris Zintzen, Bern / Wien 2004-2020

Amantea | Paradis Artificiel

 

Für Josef Winkler
Denn die Realität ist künstlicher als die Kunst.

Bietet seinen Wein und
führt durch das Atelier
inmitten dessen als Cella
ein Sanktuarium rot
ausgeleuchtet ist.

Jesus am Kreuz einen
Bihänder vor der Brust
recht und links
Maria und Magdalena
weiss verschleiert
die Schaufensterpuppen.

Der Himmel ist samten
und violett. Die Wände
rot, verspiegeltes Boudoir.
Chippendale-Stühle,
ein Hamlet-Schädel zu Tisch.

Der Schädel ohne Unterkiefer,
juvenil oder der einer Frau
bewegliche Bleilettern laden
auf dem Samtdeckchen
zum Buchstabieren ein.

Pergolesis „Stabat Mater“
intoniert von einem Counter-
Tenor in memoriam Klaus Nomi
hallt durch das labyrinthische
Paradis Artificiel inmitten der
mittelalterlichen Stadt.

 

Amantea / Nocera Terinese, 15.10.2019

 

zwanzig twenty vingt dwaceći

 

Zwanzig Zwanzig

Zwei Schwäne der Generation Z
wann wann auf einem stillen
See, doch bereits im Dorf der Vögel
nimmt die Zeit Reissaus in Richtung Cis.
Wir heissen Findefinger allweil
bei den Geschwistern Grimm.
Nu mach mr heeme

Twenty Twenty

Twitt twitt, costumers of all years
say hello to the seasons! Times
when two birds majestically swim
through Little No Swans. Many
of course, are going home there
like a wandering zet
to the twins

Vingt Vingt

Viens-donc fais-le, fais ton zet juste
sur le lac, il y a un pacte entre deux
cygnes et un ciseaux. Chacun à trouver
son trou aux bords du village des oiseaux
nomen est ombre. Tu te nommais
temps d´antan, tu te nommais
soin soin
dwaceći dwaceći

Kołpaj generacije Z
něhdy něhdy na měrnym
jězorje, tola hižo we wsy ptačkow
ćeknje čas w směrje na cis.
Mjenujemy so porsty namakanja přeco
Pola bratrow Grimmec.
Nět ha du dom

(Sorbische Fassung von Roža Domascyna)

4. Januar 2020 17:24

 

 

ein zerbeultes saxophon

pic

nord­pol : 11.03 — Ein Leser schrieb eine Email. Er habe, notier­te er, einen Feh­ler in einem mei­ner Par­ti­clestex­te ent­deckt. Ob er mir schrei­ben sol­le, wo ich den Feh­ler fin­den wür­de. Ich kor­ri­gier­te den Text und dach­te noch: Das ist inter­es­sant, die­ser klei­ne aber doch bedeu­ten­de Feh­ler hat­te sechs Jah­re in mei­nem Text exis­tiert, ein Buch­sta­be nur, in einer Geschich­te, die ich nie wie­der ver­ges­sen soll­te, die Geschich­te selbst und auch nicht, dass sie exis­tiert, dass sie sich tat­säch­lich ereig­ne­te, eine Geschich­te, an die ich mich erin­nern woll­te selbst dann noch, wenn ich mei­nen Com­pu­ter und sei­ne Datei­en, mei­ne Notiz­bü­cher, mei­ne Woh­nung, mei­ne Kar­tei­kar­ten bei einem Erd­be­ben ver­lie­ren wür­de, alle Ver­zeich­nis­se, die ich stu­die­ren könn­te, um auf die Geschich­te zu sto­ßen, wenn sie ein­mal nicht gegen­wär­tig sein wür­de. Die­se Geschich­te, ich erzäh­le eine sehr kur­ze Fas­sung, han­delt von Giu­sep­pi Logan, der in New York lebt. Er ist Jazz­mu­si­ker, ein Mann von dunk­ler Haut. Logan, so wird berich­tet, atme Musik mit jeder Zel­le sei­nes Kör­pers in jeder Sekun­de sei­nes Lebens. In den 60er Jah­ren spiel­te er mit legen­dä­ren Künst­lern, nahm eini­ge bedeu­ten­de Free­jazz­plat­ten auf, aber dann war die Stadt New York zu viel für ihn. Er nahm Dro­gen und war plötz­lich ver­schwun­den, man­che sei­ner Freun­de ver­mu­te­ten, er sei gestor­ben, ande­re spe­ku­lier­ten, er könn­te in einer psych­ia­tri­schen Anstalt ver­ges­sen wor­den sein. Ein Mann wie ein Black­out. Über 30 Jah­re war Giu­sep­pi Logan ver­schol­len, als man ihn vor weni­gen Jah­ren in einem New Yor­ker Park lebend ent­deck­te. Er exis­tier­te damals noch ohne Obdach, man erkann­te ihn an sei­nem wil­den Spiel auf einem zer­beul­ten Saxo­phon, ein­zig­ar­ti­ge Geräu­sche. Freun­de besorg­ten ihm eine Woh­nung, eine Plat­te wur­de auf­ge­nom­men, und so kann man ihn nun wie­der spie­len hören, live, weil man weiß, wo er sich befin­det von Zeit zu Zeit, im Tomp­kins Squa­re Park näm­lich zu Man­hat­tan. Es ist ein klei­nes Wun­der, das mich sehr berührt. Ich will es unter der Wort­bo­je Giu­sep­pi Logan in ein Ver­zeich­nis schrei­ben, das ich aus­wen­dig ler­nen wer­de, um alle die Geschich­ten wie­der­fin­den zu kön­nen, die ich nicht ver­ges­sen will. — stop

 

 

 

 

Kurze Bemerkung zu Hans Henny Jahnns großem Roman „Fluß ohne Ufer“

 

Es wäre an der Zeit, einen Bericht abzufassen, nachdem ich fünf Monate lang in einem Roman steckte, Hans Henny Jahnns „Fluß ohne Ufer“. Die Lust auf Wissenschaftliches ist mir zwar vergangen, oder genauer gesagt, die Lust, es zu teilen, doch ganz ohne eine Betrachtung des Romans will ich das Lesen auch nicht beendet wissen. Die Frage, ob Trauerarbeit das richtige Wort ist, wenn man auf das Ende eines 1700-seitigen Romans hinliest, ist nun sicherlich völlig unwissenschaftlich, stellt sich mir allerdings. Immerhin verliert sich ja die unmittelbare Nähe zum erzählenden Ich, sobald zuende gelesen ist. Festzustellen aber ist dies: Hans Henny Jahnns Fluß ohne Ufer (1949/1950) ist ein Werk großer Klarheit, Ehrlichkeit, Intensität, poetischer Tiefe und Kraft. Nichts Verhuschtes ist dem Werk eigen, kein Moralisieren wohnt ihm inne, keine Unterwerfung, kein Beugen des Nackens und auch keine Anmaßung, keine Urteile, keine sprachliche Schluderigkeit. Der Inhalt des Romans ist das Menschliche in all seiner Entfaltung, die Natur, die großen Fragen nach Schicksal, Bestimmung, Leben und Tod, Verbundenheit, Einsamkeit, Freundschaft und Liebe.

Hans Henny Jahnn (1894–1959) war sicher ein Außenseiter im bis heute zutiefst im Bürgerlichen verankerten Literaturvollzugsbetrieb in all seiner Gänze, dem sich die meisten Autoren und Autorinnen ja durchaus bedenkenlos, dem Belohnungsprinzip verfallen, unterwerfen. Jahnn konnte und wollte sich nach dem II. Weltkrieg, den er wie den ersten im Exil verlebte, jedoch nicht nach fremden Regeln einbinden lassen, er wusste was er tat, wenn er, der bisexuell lebte, etwa der zeittypischen Homophobie nicht folgte, so wie dies Heinrich Schirmbeck in seinem Roman Ärgert dich dein rechtes Auge (1957) leider nicht unterließ, indem er nämlich der heruntergekommenen Schicht der Seidenmillionäre „brünstig-homoerotische“ Verhaltensweisen zuschreibt und eine „Perversion der Triebe“ diagnostiziert (im Kapitel Das Bacchanal der Seidenmillionäre) – eine Schwäche dieses großangelegten Romans ist nicht von Ungefähr, dass sich die Hauptperson, der Ich-Erzähler Thomas Grey, als ein normatives Ich entpuppt, in vielerlei Hinsicht mehr ein typischer Vertreter der Nachkriegszeit denn ein sich stetig veränderndes poetisches Ich. Der Ich-Erzähler Jahnns, Gustav Anias Horn (der im ersten Band Das Holzschiff noch als ein in dritter Person erzähltes Ich unter vielen auftaucht) ist dagegen ganz gewordener und werdender Mensch, dessen Sprache (sie erinnert mich in ihrer kristallinen Klarheit an Adalbert Stifter und vor allem an seinen Roman Der Nachsommer) ganz die seine ist, mittels derer er dem Leser das zu Berichtende in einer Art und Weise eröffnet, die niemandem etwas aufbürdet, alles Ästhetische aber, das Schöne und das Hässliche gleichermaßen, sichtbar, erfahrbar, nachvollziehbar werden lässt.

Ich habe mich in den fünf Monaten des Lesens oft gefragt, was mich überhaupt interessiert an dem, was Jahnn beschreibt, warum ich mit solchem Interesse auch den Berichten über jede noch so wenig ins Geschehen eingewobene Nebenfigur folge – die Antwort mag sein, dass Jahnn zwar alles Sein als einem, als dem Schicksal unterworfen darstellt, Mensch, Tier, Pflanze, Gewässer und Landschaften, selbst die Sterne, diese Unterworfenheit aber als mit Willen und Wollen ausgestattetes Leben vorstellt, auf dass es sich beim Lesen im Sein der Lesenden neu und nochmals entfalte. Es ist, scheint mir, in Jahnns Roman schlicht so, dass er den einfachen Satz des Nikolaus von Kues (1401–1464), „Alles Forschen geschieht also durch Vergleichen. Es bedient sich des Mittels der Verhältnisbestimmung“ (De docta ignorantia / Die belehrte Unwissenheit. 1440) zu erzählender Literatur werden lässt. Ja womöglich ist es der von Nikolaus geschärfte Gedanke des Zusammenfalls der Gegensätze, der Jahnn antrieb, eine Annäherung an das dem Menschen überhaupt Denkmögliche literarisch in einem Ich zu entfalten, indem es sich beständig am Größten und am Kleinsten zugleich erregt, eine Erregung, die sich als ein Inmittensein im Leser gleichsam auf die ihm gemäße Weise wiederholt und entfaltet.

*

Hans Henny Jahnn: Jubiläumsausgabe in acht Bänden. Hrsg. von Ulrich Bitz und Uwe Schweikert. ISBN 3455103154 (antiquarisch)

Hans Henny Jahnn: Fluss ohne Ufer. ISBN 9783455405088 (Neuausgabe 2014)

*

Norbert W. Schlinkert: Stein aus der Ostsee mit Mensch und Tier.

[Ich habe die Lektüre des Romans bereits vor mehr als einem dreiviertel Jahr beendet, muss dann aber wohl den oben stehenden Artikel zwar geschrieben, dann aber vergessen haben. So reiche ich ihn also nach. NWS, 18.11.2019]

 

 

 

Der Himmel ist blau

© Rittiner & Gomez

Nach dem Besuch der Bibliothek geht Joven dem Strand entlang und erschrickt leicht, als er die zwei Fremden im Gras sitzen sieht. Er fragte sich ja immer schon wie die Geschichten in die Bücher kommen. Nun scheinen sie auch noch aus den Büchern wieder herauszukommen. Oder ist er selber hineingeraten?

Auf alle Fälle ist er gespannt wie sich die Sache zwischen Tsukiko und dem Sensei, ihrem alten Lehrer entwickelt. Alles scheint im so fremd und nun doch so nah zu sein.

Der Himmel ist Blau, die Erde ist Weiss von Hiromi Kawakami und Jiro Taniguchi ist eine wunderschöne Literaturadaption, perfekt geeignet für Liebhaber japanischer Traditionen und unaufgeregten, dafür nachhaltigen Geschichten. Mich hat die Geschichte von Tsukiko und ihrem alten Lehrer positiv überrascht, denn es handelt sich wahrhaftig um eine sehr aussergewöhnliche Liebesgeschichte, die mich mit ihrer intensiven Erzählweise in ihren Bann gezogen hat.
Svenja – Pan Tau Books

Erschienen im Carlsen Verlag

Bild: Frei nach Jiro Taniguchi

 

Planeta

 

Furchtlos. Farbig. Summend vor Liebe, komplizierte Kugel unterschiedlichster Auffassungsstrukturen. Genesisgewebe, Aggregatszustände, Schutzschichten und heimlich Verbarrikadiertes,

einige No-Go-Areale, Urwälder, Meere. Gatter. Geöffnete Wiesen. Rauschzustände dingfest gemacht, geschreddert, gemulcht, füllen meine Silos, unablässig Fluten von Ereignissen, obendrauf und innendrin.

In den Dämmerungen verschieben sich Kontinentalplatten,

so zart, dass es für meine mimiMikroorganismen nur ein Hüpf zur nächsten Kruste ist,
für die großen aber schwer,

für die Großen ist es immer schwer, dieses letzten, dessen Ende es aber nicht gibt,
nur meine Lock- und Schadstoffe, deren Logik allweil verborgen bleiben will.

Aufgesogenes Wissen verteilt sich schubweise, sedimentiert, explodiert,

Zyklen zelebriere ich grundsätzlich direkt vor Ort, durch und durch biologisch, feinsinnige Opfer aus meinem eigenen Fleisch, gegraben und zurück an die Substanz gespendet, autopoietisch,

mir selbst ebenbürtig,

Muschi, Muscheln, schmatzend aus grasgrünen Lefzen,

da poppt plötzlich ein Lustlämmchen auf, bereit und blitzschnell vergoren, denn ich bin viele, bin Antike und Neuzeit, Irrtum und Altertum,

bin Lungenbläschen, schwappend vor Gier nach Luft, Zersetzung, Verfall, Mehrung.
Ich bin: Planeta. Surrend an die Kanten des Wahrnehmbaren, Ozean, frei. Fanatisch. Fantastisch. Mein Wasser durchdringt jeden Ritz, jede Schleuse, mein Atem hebt und senkt sich über Jahrmillionen, frisch wie junger Apfelhauch, meine Gestade stehen im Sturm, ohne mit der Wimper zu zucken, während andere schon beim kleinsten Pips aus der Puste geraten.

Gott, deine Zumutungen.
Doch eine Kugel kann nicht kippen, nur spielen: meine Pilze und Bakterien seit je im Wettstreit, ihre Kriegshandlungen überziehen mich mit schillernden Schlachtfeldern,

ihr Blut so allgegenwärtig, dass niemand es erkennt, außer man guckt mit dem Mikroskop, was allerdings immer passiert: Planeten machen andauernd Selfies.

Wie viele Arten auf mir hausen, in mir, Spezies,
Erinnerungen, Beziehungen,

du siehst davon nur dein Flugfeld und die paar Parzellen, die du dir zur Benutzung freigegeben hast, bist weißgott kein Pionier, lässt mich lieber deinen Flieger polieren als dich mit mir zu mischen, betrittst nur dein Streifchen gewürztes Land, das fliegst du an, von dort hebst du wieder ab.
Doch die Furchen, die du hinterlässt, füllen sich mit Regenbogenwasser.

 

Fotoarchäologie

© Thomas Huber
Foto © Thomas Huber

„No, this film is not for sale”, ließ mich der Verkäufer an einem Fotostand im Londoner Camden Market wissen, als ich mich für jenen Rollfilm interessierte, der da zwischen historischen Kameras platziert war. Der Film sei nur zur Dekoration da und als Beispiel dafür, welche Art von Filmen in die alten Apparate gehörten. Außerdem sei er ohnehin nicht mehr verwendbar, weil schon belichtet – aber wenn ich einen frischen benötige, habe er sicher etwas für mich.

Mir war schon klar, dass es sich um einen bereits benutzten Mittelformatfilm 120 handelte. Erkannt hatte ich es daran, dass er mit einem Papierstreifen mit dem Aufdruck „exposed“ umwickelt und verklebt war. Das bedeutete, dass er vollständig von der ursprünglichen Filmrolle abgespult worden war. Und genau das weckte meine Neugier. Denn im Gegensatz zu den üblichen digitalen Aufnahmegeräten, die stets sofort wahrnehmbare Bilder erstellen, schätze ich, als „Analogfreak“ die alten Rollfilme als Kuriosa, die Geschichten enthalten, die ihnen nicht sofort – oder vielleicht auch gar nicht mehr – zu entlocken sind. Der Verkäufer erzählte, dass er in gebrauchten Kameras immer wieder Filme finde, die wohl vergessen worden waren und die er dann aufrolle und sichere. Offenbar gefiel ihm mein Interesse für diese Relikte, denn zum Abschluss der Unterhaltung überreichte er mir den Film mit den Worten: „It’s a gift!“.

Nach der Reise zuhause angekommen machte ich mich ans Entwickeln meines so speziellen London-Souvenirs, bei dem es sich um einen „Kodak Verichrome Pan 120“ handelt. Es ist dies ein Schwarzweißfilm, der 1956 auf den Markt kam, als „Allzweckfilm“ sehr beliebt war und bis in die 1990er viel verkauft wurde.[1] Dass „mein“ Film wohl schon recht alt war, merkte ich gleich beim Einlegen in die Entwicklungsspule daran, dass das Schutzpapier nicht mehr an der Verbindungsstelle klebte. Ich hatte also keine allzu hohen Erwartungen an das Ergebnis meiner „Foto-Archäologie“, war aber dann doch ziemlich enttäuscht, als auf dem fertig entwickelten Film zunächst absolut nichts zu sehen war, keine Aufnahme schien darauf vorhanden zu sein. Plötzlich aber entdeckte ich doch etwas! Vage Umrisse, sehr blass, aber etwas schien sich von der massiven Verschleierung des gesamten Films abzuheben. Es handelte sich, auch das wurde nun klar, um ein Negativ im Format 6×9 cm, und der Film wurde möglicherweise mit einer Klapp-/ Balgenkamera verwendet. Ich erstellte ein Scan vom Negativ, machte mich ans Bearbeiten … und dann hatte ich das Bild von fünf Leuten vor mir, die irgendwann in eine Kamera geblickt hatten.

Ein alter Film mit einem einzigen erkennbaren Bild. Das gibt Anlass für viele Fragen und Spekulationen. Es ist anzunehmen, dass keine weiteren Aufnahmen gemacht wurden, hinter den Schlieren und Schleiern auf dem Rest des Filmes verbirgt sich wohl – nichts. Viele mögliche Antworten aber gibt es auf die Frage, wieso denn der Film nie fertig belichtet wurde. Hatte wer auch immer die fröhliche Gruppe knipste darauf vergessen? Vielleicht weil sie oder er sich eine neue Kamera kaufte, die alte irgendwo liegen blieb, um dann irgendwann in den Antiquitätenhandel zu gelangen? Oder, dramatischer, vielleicht wurde sie bald nach der Aufnahme verloren oder gar gestohlen und später verkauft?

Mit ziemlicher Sicherheit war der Fotograf oder die Fotografin kein Profi. Denn die fünf Personen, um die es doch wohl eigentlich ging, sind unscharf, die Autos im Hintergrund hingegen sind ziemlich deutlich zu erkennen. Er oder sie hat also falsch fokussiert – und mir damit bei meinen fotoarchäologischen Recherchen einen guten Dienst erwiesen. Denn dadurch ist erkennbar, dass es sich bei den Fahrzeugen um Modelle älterer Bauart handelt, die längst schon in die Oldtimerklasse fallen.

Aber auch der Bekleidungsstil, vor allem jener der beiden Frauen, lässt darauf schließen, dass die Aufnahme wohl in den 1950er oder spätestens in den 1960er Jahren gemacht wurde. Vielleicht irgendwo in England, in einem Ausflugsort, an einem Strand?

Heutzutage, da in jeder Bilddatei eine ganze Reihe von Metadaten gespeichert werden, wäre es ein Leichtes, derartige Fragen nach Ort, Datum und Uhrzeit zu beantworten und vielleicht auch den Namen des Fotografen oder der Fotografin zu erfahren, den Kameratypus und noch vieles mehr. Das Foto auf dem alten Londoner Rollfilm hingegen gibt seine Geheimnisse nicht preis. Vor allem bleibt die Frage offen: Wer sind die Leute, die sich hier zu einer Gruppe zusammengestellt haben? Eine Familie vielleicht mit einem Großeltern- und Elternpaar und einem fröhlichen jungen Sohn? Was hatten sie vor, was bedeutete jener Tag für sie? Wir können viel darüber spekulieren, uns die unterschiedlichsten Geschichten dazu ausdenken – und das macht, wie ich meine, den Reiz und die Faszination dieser alten Fotos aus. Sie sind, wie es Kurt Tucholsky formulierte, „ein Gruß aus einer verschollenen Zeit“.

[1] Offiziell eingestellt wurde der „Kodak Verichrome Pan“ 2002: „This film will be discontinued in July, 2002 when stocks are depleted”, informierte die Kodak Company dazu in einer Aussendung im November 1996 (KODAK Publication No. F-7. 11-96).

 

 

Konzertina

I will walk and talk in gardens all wet with rain
Van Morrison

In der Nacht
auf einmal
der Regen,
Rauschen, der
Geruch. Kein Vogel
mehr sang, dafür jetzt
er, Regen spielte rasselnd
auf seiner Konzertina,
ich bringe Wasser,
sang er, schon komisch!
Er sang: Dann hast du es nasser.
Gib du mir dafür Augen,
ich bin ja so blind
wie der Wind!
Ich trat auf
den Balkon, wusste
auf der Stelle, was er meinte,
jemanden wie mich wollte er sehen,
in meiner ganzen unwahrscheinlichen
Pracht mich, durchnässt bis
aufs Geäst oder besser
die Knochen, gut,
um die ging es
weniger, weil Knochen
braucht er anscheinend keine.
Hat der Regen etwa Beine?
Nein. Ich fragte ihn, ob
er festhält an uns.
An euch, sang er, was!
Euch, weshalb denn das!
An euch Verwüstern, euren
vertrockneten Flüssen und
Trockenfutterbetrieben?
Halten? Hab ich Hände?
Von wegen! Ende Gelände!
Ihr solltet alles lieben, oder
verdunstet, Himmel eins.
Haut ab! Festhalten!
Vorbei, sang der Regen
und tanzte zu seinem Lied
auf der finsteren Konzertina.
Nur ich würde ihm fehlen,
rief er. An dir, ja an dir
halte ich fest, bis der Tag
es wieder Tag sein lässt –
und er klimperte weiter,
Tropfen für Tropfen,
heiter das Regenlied,
glücklich und lebendig
mit unsichtbaren Fingern
auf seiner dunklen Konzertina.

*

2. Januar 2020 18:42