Archiv der Kategorie: Ausgabe 02/2015

Rache für den Marmortraum (Das finale erste Kapitel zur „Kardinalität der leeren Menge“)

Vorbemerkung: viele Skizzen des als „Kardinalität der leeren Menge“ angedachten Textes sind bereits andernorts – immer wieder in verschiedenen Variationen aufgetaucht. Im Grunde – und das werden Sie gleich selbst feststellen, wenn Sie den Fließtext erblicken – ist diese Arbeit, dessen erstes finales Kapitel also nun folgt, kaum dazu imstande, eine Leserschaft zu generieren. So etwas könnte man aller Wahrscheinlichkeit nach einen „toten Text“ nennen. Andersherum aber ist dieses erste Kapitel sogar ungeheuer lebendig. Es hat tausend Geschwindigkeiten und mehr als nur vier Dimensionen zu bieten. Der Beginn führt sogar ein, zwei Sätze, die dann in die Hochzeit auf dem Lande abbiegen und dort eine ganz andere Reise vor sich haben. Man kann diese Prosa wie einen Farbballon betrachten, der auf eine Oberfläche trifft und seinen Inhalt zerstäubt. Passenderweise bedeutet Ballon in seinem Ursprung genau das.

Aus gutem Grund wird das das einzige Beispiel eines solchen Ballon-Textes auf GrammaTau bleiben – und der ist freilich nicht darin zu suchen, ein etwaiges Geheimnis hüten zu wollen, obwohl es natürlich eines gibt. Doch das ist gegenwärtig so uninteressant, dass es nicht der rede Wert scheint. Vielmehr ist GrammaTau ja auch ein Magazin, das ich in meine Arbeit miteinbeziehe, also sollte ich auch diesen Schritt nicht unter den Tisch fallen lassen.

 

1. Rache für den Marmortraum

Lange folgte uns der Gedanke, durch Äste und Zweige gesiebt der Sonnenstrahl, präsentiert von einem Blaunachthimmel, das verfallene Haus in der Mühlgasse aufzusuchen. Häuser sind uns ähnlicher, sind uns Ummantelung. Das Innen ausgestülpt.

Von hier aus gesehen : du erschienst mir wie ein lebender Quell, bist nun Quell; du erschienst mir wie der Docht einer Kerze, den ich entlang flamme.

Von hier aus gesehen : Ich bin von allen Früchten die Frucht, bin in allem Lieblosen dem Lieblosen fremd. Ein Mund/oder noch ein Mund; ein Mund spricht, der andere versiegelt küssend durch Obstgeräusche, Mus-Lippen.

Ich laufe herum, du weißt : sitze da, sehe dich an. Es riecht nach Kaffee, nach ‹ganzen Bohnen›, und du bist schön. Ich sehe alle deine Jahre; und wenn du tanzt – !

Die Spiegel werfen mich erst nach meiner Ankunft wieder zurück (in allen Wogen der Verdammnis : ein altes Herz wird endlich jung.); Nebel schwankt auf torfiger Erde um das Land herum, wartet auf das Sönnelein, das zwar schon seine leuchtenden Arme ausstreckt, aber noch nicht in das Herz der Nebelbank hinein greift.

Noch nicht : verzischt der Schleier der Wolkengespinster. Geisterhaft geckern die Stimmen der nicht mehr anwesenden Kinder von der groben Steinbrücke, brechen sich an den Gebäuden entlang der einen Straße, kehren lallend zurück : ‹Achtet auf den Widder! – idder idder idder – !!

Fluss gurgelt, Nebel weicht nicht; auf der Wiese stehen Schatten. Es sind die Schafe, die schüchtern Gras rupfen vor der hölzernen Wand, hinter der sie ihr Nachtlager wissen/missen. Die Tore geschlossen. Achtet auf den Widder! Wollköpfe schnellen lauschend in die Höhe, schwarze Münder blöken. Die Kinderschar lacht, löst sich auf, nicht mehr als eine weitere gespenstische Erscheinung. Die Steinbrücke befindet sich wieder leer. Als auch der Nebel endlich heimgegangen ist, steht das Dorf wie ein beginnender Frühling, still und warm, an seinem Platz.

Stell dir vor, du gingst spazieren und sähest dich selber mit angstverzerrtem Gesicht auf dich zulaufen.

In all den Nächten gab es keine ausgelassene Stimmung, nicht die Heiterkeit, wie eine Sau durchs Dorf getrieben, in den zynischen Ursprung des Gelächters hinein. Die Zeit schrumpfte zu einer festen Kapsel zusammen. Ein Meuchelmorgen lässt uns waten in finsterem Gemäuer. Von zeitzernagten Scherben ging eine ängstliche Stille aus, als wir das Zimmer mit der zerschmetterten Puppe auf dem Boden schließlich fanden. Abyssales Augenwerk riss Löcher. Zur Hälfte denke ich, es war ein Traum und die Überraschung rührte daher, die schwere Pforte, die eigentlich verschlossen sein sollte, geöffnet zu finden. Eine gewisse Stimmung von wild wuchernden Büschen, ein Scherz von Dornröschen. Dieses Haus steht lange schon leer, Caspar David Friedrich hat es gemalt in ‹Abend am Fluss› : zugerankt von Ginster und Efeu. Die Steine vergessen nichts. Ihre Erinnerungen fließen langsam wie ihre ganze mineralische Existenz. Geduld macht sie unsterblich. Wenn der Dunst an ihnen reibt, erklären sie sich bereit, flüchtige, ikonische Gedanken abzusondern. Die Pioniere tiefer Erdschichten sind die Archivare der Zeit.

Man erkennt nur selten einen Namen, oft aber ein geflüstertes Wort, noch öfter ein verschallendes Lachen, dem man besser nicht folgt.

Keine Heiterkeit findet sich dort, wo es endet.Der Flug ist Augur in den müden Augen, die das eine Zeichen deuten können, das andere aber übersehen. Der Vogel weiß nichts davon, gelesen zu werden, so wie Buchstaben nichts davon wissen.

Was steht hier? – Das ist einerlei. Was aber bedeutet es?

Auch der Seelendienst, den ich heute spendete, ist ein Gefäß meiner Tugend; ich stehe nicht ohne Grund über mir. In dieser verblüffenden Haltung warte ich auf die Antwort (ein Echo) die (das) stets in mir lauter wird. Ich kann mich nur dann irren, wenn ich nachdenke, das Irren zum Irren mache. Ich beobachte, wie sich die Seile des mir Erzählten rühren wie jenseitige Stricke (ohne das gesetzliche ‹Hier›).

An diesen Webebalken hangeln sich die Figuren entlang. Da es meine Stricke sind, kenne ich ihre exakte Länge. Heute Nacht war ich hellsichtig (es funktioniert nur im metallischen Mantel der Nacht), weil ich aus dem Zustand des Einschlafens gerissen wurde, da war es drei – jetzt ist es halbfünf; die Vögel proben ein erstes Gespräch über Frühbeute. Nicht selten bemerke ich an mir den Reiz, den Übermüdung ausübt in einer weiteren Nacht ohne wellenförmige Schlafphasen.

Scherben fingen das Licht und wir schlugen uns einen Weg durch Brennesseln, Disteln, Dornen; betraten das verfallene Haus durch die offen aus dem Mörtel balkende, morsch trauernde Tür. Als erstes gewahrten wir die Puppe, die einsam im Dreck auf dem Boden lag; ein Symbol unserer rätselhaft erscheinenden Welt. Gefahr stand in der Luft, stank aus den Mauern heraus. Ohne diese vergessene Puppe, ohne die verlassenen, vom Tisch fortgerückten Stühle, die offenstehenden Küchenschränke, wären wir gar nicht so besorgt um die Vergangenheit gewesen. Wenn wir wirklich sehr vorsichtig sind mit der Wahrheit, dürfen wir unsere Laster behalten (Gula, Luxuria, Desperatio); zumindest behaupten das die alten Bücher, die hinter der Kommode in der Küche Deiner Mutter verrotten, ihre Flügel strecken, flattern.

Sie stand mit geröteten Augen im Raum : »Rate mir!« – und sie lehnte den Kopf und ich riet; »Beruhige mich!« – und ich rührte Ruhe an wie dickes, nasses Fell. Um sieben weckten mich die Träume, die in die beiden Schlafkissen gefallen waren, weil ich sie, entkräftet, nicht zu halten vermochte.

Meine Trümmer des Schlafs : Ich komme nach oben, sehe ein abgeschmacktes Licht, einen wartenden Tag. Er wälzt, wälzt, wälzt sich im Bett, der Tag; träumt, hält fest an dem Traum. Der Wahnsinn : ‹Du Wahnsinniger› ! : Auch ich bin ständig mit dem Trommelrevolver unterwegs! Nein; ich fasse mich an. Der Instinkt des Traumes ist stets erotisches Schweinelager, stets voll … und voll …

Die Laken : stinkendes, krustiges Blut und Nahrung (oder Rätsel).

Das Fass, das der Böttcher botticht hat nichts zu tun mit dem Böttcher, der den Bottich fasst.

Die Uhr bleckt ihre Zwölf-Uhr-Zunge; ob sie’s gleich weiß, dass sie die Zeiger stemmt? Auch ein Labyrinth : die Feder lassen im Gehäus’, Henkerpendel über dem Schlafenden.

Es folgt : der letzte Traum in Federwogen; Nachtmahr, Nachtmahr, meck, meck, meck. Schnarcht mit Pfunden Laken über sich.

Kein Lichtstrahl findet je zu seiner Quelle zurück; Jahre alte Seifenstücke in einem Nylonsäckchen, modriger Geruch. Die Idylle in Puddingfarben. Hier leben die, die sich ihre Hände mit Schnaps waschen, den Kuhstall abschwemmen, das Spiel beobachten, Lust gewinnen, begehren, was sie sehen, sprechen : »Komm rein und bring die Wäsche mit!«; als ob ein Hammer auf die Bergkämme schlägt; ein Meister der Skulpturen, dieser trampelnde Gott; doch wer hat so ein Antlitz je mit eigenen Augen gesehen, vom Feuerrot umzingelt, wie die wunderliche Walküre, die dem Einen harrt?

Der Wind bläst die Laken vom Gestänge, das Hanfseil pfeift polyphon auf allen Flöten des Pan das Lied einer Begegnung; die Mädchen holen Wäsche ein, decken Töpfe zu; die Gärten werden abgesperrt, die Läden schon geschlossen. Observiert durch dünne Wände, hingegeben der Evolution : Vielfalt der Skelette, atemlose Wunderwelt.

Aufmerksam wurde ich durch ein knarzendes Dielenbrett. Worauf spielte es an? Im Universum geht Energie nur dann verloren, wenn wir nicht mehr sind.

Es war nur natürlich, dass sich hier Staub sammelte, wie Gespensternebel in den Ecken kreiselte. Durch die offenen, teilweise eingeschlagenen Fenster schwirrten Pollen herein, die im Sonnenlicht schwebten.

Die Natur sah nach, ob sie sich ein Stück Zivilisation zurückerobern konnte. Gräser wuchsen aus den Fugen, Unkraut fingerte zwischen den Dielen hervor.

»Sie hat sich bewegt«, sagte Steff, deutete auf die verrenkt daliegende Puppe. In Wirklichkeit lag sie schon die ganze Zeit so seltsam da. Wir wussten alle, dass er eigentlich etwas anderes meinte. Das Fürchterliche fanden wir im angrenzenden Zimmer. Dort hing ein blaues Kleid auf einem Bügel an der Tür eines leeren Schrankes.

Der gespannte Gummi wäre lieber die Saite einer Konzertgitarre, erträgt das Spiel der hüpfenden Beine jedoch klaglos, denn in der Vergangenheit gab es einige Vorkommnisse, von denen die Mädchen wussten. Wer in einem solchen Ausmaß Bescheid weiß, ist längst kein Gegner mehr, sondern jemand, der die weite Reise tun muss und ahnt, dass er selbst viele künstliche Stoffe enthält.

Die Regale : müde Bretter; Fluss: kaum hörbar; das Sonnenlicht verstirbt parterre an der Mauer, dringt höchstens in den Verputz, legt sich zu Ameisen, Weberknechten und Urmündern, die ohne Zwischenkörper gleich in den Proktos übergehen.

‹One Night Fits All› in dieser ‹Camera Silens›.

Ein isolierter Kellerraum, vom Leben nur Spuren, angeramscht, aufgetürmt. Wir tranken weißen Wein im Nachgras.

Die aufgestaute Hitze lungert wie eine Belagerungsmaschine um das Haus herum, die Sappeure jedoch scheitern, es bleibt kühl.

Worte verzehrten sich harmlos im Spiel, Zungen kauen von Koprolallern gehörte Schallwellen, spucken die Hülsen ohne Bedeutung über die Rinnsteine, Grenzlinien zur Unterwelt. Hier gerät alles in Vergessenheit. Befänden wir uns im Wald, würden wir Märchen nachspielen. Im Boden versteinern Muscheln, Quarzkristalle, Ammoniten, das Zirpen der Heuschrecken, wartend. In Sepiatinte geschrieben  : die Mär von den Wundern der Welt, die gezwungen sind, auf Erden zu verweilen, den Heidelbergensis

anzufeuern, Mensch zu werden, die Gestirne zu beobachten, Trank, Speise, Haus, Hof. Das gesamte Gebiet ein einziger Steinbruch, ein wörtliches Geröll, eine Ansammlung von Taten, unzuverlässigen Gespinsten; sie täuschen den Betrachter und er wird sich an der Kausalitätskette erhängen (ein merkwürdiger Tod).

Für einen kurzen Augenblick hielten alle den Atem an, weil Steff das Kleid mit seinen Fingern berührte. Dabei war es doch offensichtlich, dass diesem lackmusblauen Kleid das Haus gehörte. Wir alle konnten uns vorstellen, dass sich dieses Kleid, vermutlich zur Geisterstunde, mit Leben füllte. Steff zog die Hand damals rechtzeitig zurück, ohne dass jemand ihn dazu aufforderte. Dachten wir alle wirklich dasselbe?

Dass der Witwe das Kleid gehörte? Es war unwahrscheinlich, aber das Gefühl, das wir hatten, wenn wir ihr im Dorf begegneten, kam dem nahe, was wir in diesem Moment empfanden. Ein einziger Organismus, verloren in einer surrealen Welt, weil wir keine Eckpfeiler der Vernunft zur Verfügung hatten, mit denen wir unsere Vorstellung von ‹Raum› hätten abstützen können.

»Wir sollten lieber in die Scheune zurück gehen«, sagte Wolf. Er durchschnitt mit diesem Satz diese merkwürdige Stille, die nur aus Bildern des Verfalls bestand, uns nicht miteinander reden ließ.

Jetzt hämmern sie gegen die Tür. Sie wissen uns in diesem Augenblick erschrocken auf dem Bett kauern, auch wenn sie uns nicht sehen können. Dein Atem geht hektisch, überaus hörbar, Deine Hände gleiten von meinem Körper ab. Wie haben sie uns gefunden? Vielleicht sind sie uns gefolgt. Dass wir überlebt hatten, dafür konnten wir nichts. Es war Zufall gewesen.

Dort, wo die Wand in sich zusammenfiel, klafft eine Wunde. Nicht, dass die Wand nicht mehr da war, das Gestein unter Tapetenfetzen, Holz und Staub begraben lag, nicht, dass wir plötzlich hinaus sehen konnten, über das Schilf des kleinen Weihers hinweg, über den Wald hinweg, aber das Loch war da, unentdeckt von den Fängern, die an die Tür droschen.

Wir sehen das Blut Schlieren ziehen, ein wässriges Rot sammelt sich vor dem Tisch. Natürlich war hier jemand ermordet worden. Und noch immer hämmern sie gegen die Tür. Du schlotterst so sehr, sagst: »Mach dass es aufhört!« Aber ich kann nicht. Ich bin  nicht befugt, etwas zu ändern. Schließlich habe ich sie gerufen.

Wir kehren jetzt zusammen zurück in den Ozean. Du hast keinen Namen, du bist der Succubus; alle Säfte sind Milch und Honig, alle Höhlen und Löcher der Erde sind die Tore zur Gottheit.

Ein Ort, in Länge und Breite begrenzt, nach oben unendlich. Die Abende schossen aufs Dach, also setzten sich die Schindeln auf die Fensterbank, Goldvögel anzuschaun, von oben nach unten.

Auf diesen Straßen führen die Löcher zu einem Platz, der verborgen im Herzen des Wahrnehmenden liegt, ums Bazaubernde, Zaubern, um Allmagie um uns herum.

Movemento : bewegt im Raum, Zeitketten anorganisch, Urgesichter, Uhrengesichter, Wildwechselmimik, die schönsten Regenschauer auf einen Blick. Ich bin jetzt niemand mehr und das ist die Knute der Vergeltung. Aufgepelltes Rosenrot, die tonnenschwere Last des unbeachteten Geschirrs, die molesten Stufen; kein Stock wird mich führen, kein Geländer mich hangeln. Auf und Ab ekstatischer seelischer Zustände, Gleichnisse, Traumgesichte in einem absoluten Tanz.

Aussehen : wie der Solomensch von Java.

Diese Wasser flossen nicht. Sie standen in ihrer Lake, nährten keine Lurche, keinen Schilf, und auch der Faulschlamm zersetzte sich nicht mehr speisend. Tümpel waren die Bäche an ihrer tiefsten Stelle, der Rest Gestein im Trockenbett. Wie mittelalterliche Pest stank die Luft, ein geheimer Zorn lag in den Dingen, den brachliegenden Augen.

Ich bin ihr im Traum begegnet, das wolltest du doch wissen? –  also : Ich bin ihr im Traum begegnet! Sie stand am Ende der Nacht, ihr Kleid reinster Mond. Ich hätte mich ihr genähert, bestünde mein Unterleib nicht aus reinstem Marmor, aus Karbonatgestein.

Fleisch wächst um den pränatalen Traum, die Flut umwirbt ihn, wir tragen dich, du wirst es sehen. Leben entsteht weil Leben entstand. (Oben nichts, alles in Ordnung.)

Ich konnte atmen, Traumluft atmen; atmete also von dieser bitteren Schwärze, die nicht wenig von Herrenschokolade hatte, während sie

da drüben stand, vor sich hin glomm, mich ihrerseits ansah (vielleicht träumte auch sie, wer weiß?).

In den Thermoskannen steht der Tee bereit; Zimtgeruch vertreibt die Stimmen aus den Nüstern, Rotz gefriert klammheimlich, glühend der Wein, die Lippen verbrennen sich an diesem kochenden Verschnitt, in den man Gewürzbeutel hängt; nur ja nicht zu lange sieden, der Geist

Geht sonst verloren, die Körper der zermalmten Trauben beleidigt im nächsten Erntejahr. Stimmen erheben sich zu einem lautlosen Vergessen. Wenn die Nacht nun kommt, das Auge streift, immer tiefer in das Grün, niemand folgt dir, bist losgelöst von allen Verbindungen, vor dir liegt das, was einstmals Felder gewesen, abgrundtief und ekelerregend. Die ausgestoßenen Produkte einer bizarren Gesellschaft, Blut geronnen, schwarz in seiner Fäulnis modernd. Wenn man in die Nacht hinausblickt, wenn man das Rauschen des eigenen Blutes hört/

Als ich erwachte : Das Wasser bedrängte mich, marmorne Härte gegen die Blüten der Bettdecke. War inmitten der Erregung dennoch erzürnt über die steinerne Fesselung. Ich blickte nicht nach rechts, wo sie schlief (sie stand wohl noch immer in meinem Traum herum, mochte auf die jetzt leere Stelle starren).

Schleppte mich ins Badezimmer  : da war einer, der das Gehen erst erlernt : die Beine schwer, die Blutschläuche noch angefüllt mit flüssigen Basalt. Ich schlug mir das Wasser ab. Es mag merkwürdig klingen, aber ausgerechnet hierbei kam mir die Idee, all ihre Kleider und Schuhe zu verbrennen, nennen wir es nicht Rache.

Wenn dich niemand beobachtet, wenn du in dir hockst, kerkergerecht aufgemacht, Lippen wie Glukoseschimmern, Augen wie ein See am Abend; es ist nichts in dieser Nacht.

Du würdest gerne in ein Nachtbuch eintragen : Die Realität ist das, was das Nichts tut, wenn es sich langweilt.

Der Mond leuchtet den Wichteln, Trollen, Barstukken, leuchtet jenen, die selbst nicht glühen und in ihrer hölzernen Hand keine Laterne mitspazieren lassen. Stock und Stein, Wurzeln, Farne : leuchtet der Prozession hinunter ins Dorf! Wölfe küssen feucht.

»Was ist mit den Räubern?« Sie lercht, lächelt nicht in ihren Gummistiefeln, die ihr bis knapp unter die Knie reichen; sie biegen sich noch kaum, starren um ihr schmales Gesöck herum, stempeln die halbtrockene (halbnasse) Erde, ritzen Dagewesenes hinein.

Und dann gibt die Erde nach; sie stampft noch etwas tiefer, blickt mit gemarterten Augen auf zu den Gesichtswipfeln, die vor einem aschfahlen Himmel wippen, Bärte daran gekauert.

Überall nur sie, in allem, was vergeht. In den Bäumen raschelt ihr Name, in jedem Gewässer ist sie Loreley, hinabgestürzt vom Fels, auf dem sie sich kämmte und für den Tod der Seefahrer herausputzte.

Hinab zog’s Schiffer und Kahn. Ich weiß auch nicht, was soll es bedeuten!

Jetzt aber zieht es mich zum Geäst, dem Gewölle, der Blüte im Unterholz. Ihre Form löst sich von den Zweigen. Wohin mein Blick auch schweift, ich bin verloren. Denn es gibt merkwürdiges im großen Abgrund, und der Traumsucher muss aufpassen, dass er nicht das falsche aufstöbert oder ihm begegnet.

Davor : wenn wir gestaltlos nur Gedanke sind, vom Leben träumen, geträumt vom Leben träumen. Ich steige in den Trichter der Unendlichkeit. Was Zeit mir ist, das muss sie mir beweisen. Die Geschichte in der Schleife.

Beim Spazierengehen ein Mann am Eingang einer Höhle, eine Windmühle zimmernd, von Omen stotternd. Ein Haus, aus einem verdorbenen Magen gewürgt, Gallensteinfarben mit einem völlig verzweifelten Duktus gegen die tannengrüne Grundierung gemalt. Als wir noch als Kinder durch den Garten der Welt das Fallen von Gegenständen beobachteten, nicht die Entzauberung der Welt vor Augen hatten, die Katastrophe nicht mitgedacht. Nur das Gefühl lehrt Wesentliches, roter Streif am Firmament.

Ich sehe : ich habe Haut, die, wenn ich sie aufreiße, eine rote Substanz enthält. Die alten Poeten erträumten sich das, was wir uns heute erschlafen. Bachen und Keiler liegen im wohnlichen Dreck, von aller Sauberkeit befreit, Kissen aufgeschüttelt.

Die ehrenwerten Hotelnächte, die sich in der Nähe eines defekten Elevators um den Flur herumwickeln, kenne ich nicht anders.

Ich male alles in Wachs. Das ‹Abc› (man braucht kaum ein ‹c›) :

»Aaaapfel!« Dann raus, man ist Schriftsteller! Apfel, Biene, Dach

(man braucht kaum ein ‹c›). Cremé. Krem.

Der Wachsstift auf dem Tisch, meine Finger zum ersten Mal schriftklebrig. Wie ein unbewusster Nebel werde ich auftauchen, die Stimmen gleich hinter mir, nahe bei den Gestaden, die ich bewandle.

Nicht fassbar bin ich dort, wo nicht zu fassen. Suche mich dort, Wanderer, auf der Suche nach den Stimmen, die dir sagen, was ich dir sage. Die Stimmen gleich hinter mir, von Eros und Thanatos, den Mysterien der Wirklichkeit. Der Nebel voller Licht, darin die Gewalt : ein rein fließendes Chaos; Auftrieb, Abtrieb. Geschmeidiges Sein durchwebt die Stille.

Ich sage : »Still jetzt!«

Da du das Gespenst bist, das sich im Wald verirrte, da du der Bach bist, der neben mir geht. Ich fand frisch erworbene Demut an meiner linken Seite hinabtropfen, blutendes Weideland. Ich fand dich, ich folgte dir an den blinzelnden Augen vorbei, kam hinter dir her, folgte deinem Rücken, den Fersen, die Zeit aus dem weichen Boden schlugen. Das Licht wird grau : helles Grau, dunkles Weiß, vernebeltes Gelb. Ich wuchs heran inmitten dreier Flüsse. Ich existiere durch Sprache, die mein Leben ist;  die Welt ist die Sprache, die ich wahrnehme, die nicht die Sprache der Anderen ist. Zur Stille will ich gelangen durch Sprache, ich sage : »Still jetzt !« Ich meine die Dialoge, die sich anschicken, schneller zu werden. Chipmunk.

Die ganzen Stimmen, die vielleicht singen oder etwas jubeln oder etwas heulen. Ich war einmal ein Stein vor zweihunderttausend Leben, ein glücklicher Stein im Geröll, wasserdicht bis ins kleinste Mineral; unbedeutender war nie ein Stein. Doch fehlt er, bricht das Universum in sich zusammen und wird zu früh ein Schwarzes Loch.

Ich kann mich auf alles anwenden. Auf Dich, auf mich, sogar auf alle Tiere, schleichende Schleichen, also Anguidae, Flügel faltende Falter, also Lepidoptera. Manche davon bin ich in Bernsteinquadern, manche bin ich in den Lüften. Ob ich ein Ich bin, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Kein adäquater Ausdruck beschreibt den Zeitenkelch, der mich mottig anzieht, nichts kleidet mich mehr in ein Wunder als die Erinnerung, das ‹erinnerte Ich›. Als hätte ich erlebt, was ich zu erinnern fähig bin.

Ich kenne keine andere Nähe als die Berührung zweier Oberflächen. Die Hand – was sind wir davon, was bist du davon?

Ich spüre nur mich, du bist mein Widerstand. Bevor ich dich ansehen kann, bist du verschwunden. Wir sind nur Kinder im Vorgarten der Hölle, unser Paradies aus Schwefel.

Auch in Parahotelzimmern springt die Luft durch den statischen Auftrieb wie eine Bestie in die Ecken hinein, kaum schließt man die Tür, nur schließt man sie nicht im Bewusstsein daran, sondern im Clinch mit allen abstrakten Dingen, die sich in Sicherheit wähnen und aus diesem Grunde den Energiefluss hemmen. Dort zu verharren, käme einer Stagnation gleich. Zur Viole will gesprochen sein, sie übt sich kaum in der notwendigen Geduld, sich nicht immerdar ausleeren zu wollen. Trotzdem; du biegst hier ab, ein letztes Brechen der Wellen am Schrank, ein letzter Vorhang, der über den Wanst spannt.

Ungewollte Schatten, ihr Träger in Einkehr, geistern über die Erde, die selbst nur vage Umrisse hat. Die Raupe pelzig eingehüllt, später flügge, den dräuenden Irrfahrten nicht entkommen.

Der erste verbürgte Versuch, eine Straße zu bauen, begünstigt durch den durchs Haus turnenden Duft frischer Krapfen, die sich, ausgelegt auf dem Kellerboden von selbst vermehren.

Vom Schreiben und vom Atmen

Aus dem Wortheld Juni 2015-Interview  mit Dominik Leitner

Seit wann und warum schreibst du eigentlich?

Ich war schon über vierzig, als ich mich vage daran erinnerte, dass es in meinem Leben einmal mehr gegeben hatte als eine Nase zu ziehen, mich zu besaufen und das defekte Lämpchen in all dem Glitzer zu sein. Genauer gesagt: fünfundvierzig.

Am 11. Januar 2005 kam mein Bruder rüber, stöpselte das Internet ein und ich begann zu schreiben.

Bis heute hab ich nicht aufgehört.

*

“Schreiben ist Schlaf, ist Trance. Wenn ich nach einigen Stunden vom Schreibtisch aufstehe, beginne ich zu frieren. Ich gähne siebzehn, achtzehn Mal hintereinander, ich bin komplett k.o. Es ist, als habe das Schreiben sämtliche Energie auf einen Punkt konzentriert und von allen anderen Körperteilen abgezogen. Mir ist vermutlich schon beim Schreiben kalt gewesen, ich bin schon die ganze Zeit k.o., aber ich hab es nicht mitgekriegt. Ich habe geschlafen. Ich war in Trance. Erst nach dem Schreiben merke ich, was eigentlich los ist in der Welt.”

*

“Wenn ich den ganzen Tag am Rechner sitze und das Holz des Schreibtischs einatme, gibt es nichts schöneres, als am Abend mit dem Hund durch den Wald zu laufen und das Holz der Bäume einzuatmen.”

*

Wo befindet sich dein kreativster Ort?

Überall, wo mein Notizbuch ist. Ich bin mit dem Notizbuch hinter dem Leben her wie der Vielzitierte hinter dem Weihwasser. Ich versuche die Sätze da zu packen, wo sie ins Leben treten, an der Quelle. Wenn ich in eine Situation gerate, über die sich schreiben lässt, setze ich mich unmittelbar danach hin und schreibe alles auf. Das Notizbuch ist stets griffbereit, auch in der Nacht. Falls ich wach werde und gerade den Traum des Jahrhunderts gefeiert habe.

*

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Ein älterer Herr spaziert durch die Fußgängerzone, die Hände hinterm Rücken. Er bleibt vor mir stehen, blickt freundlich auf mein Notizbuch nieder, in das ich gerade ein paar Einträge mache.

“Schularbeiten, ja..?”

attrappe

… rape of attrapps link off all likes wir liegen in rosen verwunden und dornen an den gebreiteten beinen sinken wir zwischen die blätter so rot wie die fahnen wir revoluzzten dannmals als den(k)marks könig ham-kottlett und den schädel in die kissen schlaf senkend die ungeheuer der vernunft den traum als akkord in molly bloom wie ihr mistamista und joyce of the world of poe und seiner adepten rape …

schwungkunst_attrappe

Wieder verstehen

Wenn man verreisen will, braucht man im Grunde nur eine Kreditkarte und einen Pass. Alles andere kann man sich unterwegs besorgen (Gut, das Beispiel hinkt, weil ich selbst keine Kreditkarte habe, aber es geht eigentlich auch nicht ums Reisen.) Will man einen Text verstehen, braucht man im Grunde nur den Text und die Zeit, die das Verständnis des Textes verlangt. Alles andere findet sich unterwegs und eine Bibliothekskarte wäre hilfreich. Ich weiß: manchem geht es mit der Zeit, wie mir mit der Kreditkarte. Aber das ist nicht die Schuld des Textes. Jedenfalls sollte man Rezensenten, die einen Text zu einer für einige unverständlichen Lektüre erklären, keinen Glauben schenken, denn sie machen mit dieser Erklärung ihr (vermeintliches) Wissen zu einem Geheimwissen und sich selbst erklären sie damit zu Gurus.

auf der fähre

graphic novel von katharina vasces und dem kobboi - botox und andere ungereimtheiten

meer, meer, meer, der blick des kobbois bleibt am wasser hängen, die fähre ist unterwegs, zurück zur isla volante.

in seinem rücken unterhalten sich zwei frauen.

“alex trainierte täglich zwei mal mit den kindern, sven musste das lauftraining leider auslassen, er hinkt immer noch stark.”

“ah.”

“tamara und alex sind zur zeit wirklich in topform, tamara hat in ihrer altersklasse den 2. rang erreicht im triathlon.”

“schön.”

“sven konnte, dank zwei spritzen in das knie und in das fussgelenk, zum glück auch am rennen teilnehmen”

“schön.”

“er war trotzdem enttäuscht.”

“war am montag auch bei meinem arzt und stell dir vor, diesmal liess ich nur eine spritze machen”

“ah.”

“er war ganz zufrieden mit mir, letztes mal musste ich noch augen, mund und die stirn spritzen lassen.”

“schön.”

“ja, diese botox-bakterien wirken bei mir einfach wunderbar.”

“bakterien? unsere söhne hatten damit im militär zu tun, aber jetzt ist es anscheinend verboten. vielleicht habe ich etwas falsch verstanden, glaubte, botox sei ein nervengift. bakterien?”

“bei mir wirkt es wunderbar.”

der kobboi drehte sich nicht um, denn er befürchtete, mit seinen falten im gesicht die zwei frauen zu erschrecken.

winterherz

2

alpha : 6.52 — Neh­men wir ein­mal an, es exis­tier­ten Men­schen, die je über ein schla­gen­des, also ein akti­ves Herz ver­fü­gen, und außer­dem über ein war­ten­des Herz, das ganz still im Brust­korb liegt, klein, gefal­tet, ein Alters­herz oder ein Win­ter­herz. Von die­ser Vor­stel­lung wollte ich in der ver­gan­ge­nen Nacht einem klei­nen Mann ira­ni­scher Her­kunft erzäh­len. Aber kaum hatte ich Luft geholt und mei­nen ers­ten Satz zu Ende gespro­chen, begann der kleine Mann sei­ner­seits eine Geschichte zu erzäh­len. Er sagte, er habe Merk­wür­di­ges erlebt, das Fest­netz­te­le­fon sei­ner Woh­nung sei gestört gewe­sen, er habe des­halb die Tele­fon­ge­sell­schaft über sein Mobil­te­le­fon ange­ru­fen. Eine weib­li­che Stimme habe sich bald gemel­det, die sich sehr freund­lich mit ihm unter­hal­ten habe in der Art und Weise, dass sie Fra­gen stellte. Sie fragte zum Bei­spiel: Könn­ten Sie bitte Ihr Pro­blem genau beschrei­ben. Oder sie erkun­digte sich, ob seine Inter­net­ver­bin­dung noch funk­tio­nie­ren würde, ob sein Tele­fon über aus­rei­chende Strom­ver­sor­gung ver­füge, wie lange Zeit er in etwa nicht mit sei­nem Tele­fon tele­fo­niert habe. Das Gespräch dau­erte, so erzählte der kleine Mann, einige Minu­ten, bis er bemerkte, dass tat­säch­lich eine Maschi­nen­stimme zu ihm sprach. Wei­tere drei Minu­ten ver­stri­chen, dann habe er sich vor­sich­tig erkun­digt, ob er mit einem mensch­li­chen Wesen der Tele­fon­zen­trale ver­bun­den wer­den könnte. In die­sem Moment brach das Pro­gramm die Unter­hal­tung ab. Es wurde still am Tele­fon, keine Fra­gen, keine Ant­wor­ten, kurz dar­auf war ein Pfei­fen zu hören. Und das soll nun einer am frü­hen Mor­gen noch ver­ste­hen. Der Him­mel leicht bewölkt. — stop

melly

Einige Worte über den Regen

Es ist noch weit
und der Himmel reißt,
dieses Tuch mit gemalter
Sonne, Wolken, Sternen.

Wie wäre es,
durch die Luft zu fliegen,
nicht mit jedem Schritt
Staub aufzuwirbeln –

wer bin ich denn noch,
wenn hinter dem Horizont
nur ein weiterer wartet?

Aber der Regen kommt,
ich öffne den Mund,
lasse die Wörter trinken,
so dass sie zueinander finden,
Sätze bilden, von mir erzählen.

Jetzt tanzt er auf meinem Scheitel,
tropft in meine Gedanken;
mein Kopf läuft voll – ein Ozean,
in dem sich die Knoten lösen,
in dem die Erzählfäden frei schweben.

Seht, ich gehe mit dem Regen fort,
weit weg, an einen sicheren Ort.

(Anuradhapura, Januar 2015)

Der Merkel-Putin-Pakt, Mircea Cărtărescu und tausende von anspruchsvollen Lesern

Soeben bekam ich einen sonderbaren Anruf. Ich vernahm eine von einem technischen Fiepen untermalte, ja fast schon durch eben dieses Fiepen übertönte weibliche Stimme. Der Merkel-Putin-Pakt, hörte ich, sei nun abschließend erfolgreich verhandelt, die letzten strittigen Punkte also geklärt. Die Frage wäre nur, ob diese Vereinbarung zum jetzigen oder erst zu einem späteren Zeitpunkt an die Öffentlichkeit gelangen solle, wenn denn überhaupt. Wenn man so wolle, sei allein dies noch in der Schwebe. Ich müsse das aber so oder so schnellstmöglich recherchieren und für den Fall der Fälle den Vorentwurf eines Artikels schreiben. Da ich schwieg und auch die Anruferin nichts mehr sagte, lag sekundenlang nur dieses Fiepen in der Luft, dann hörte ich vom anderen Ende der Leitung ein „Kahlmeier (oder Kallmeier?), hören Sie mich?“, dann wieder dieses Fiepen, dann war die Leitung tot. Verwählt offensichtlich. Egal. Ich glitt zurück auf meinen Barhocker, auf dem hockend ich gemeinhin zu lesen pflege, und widmete mich meiner Lektüre, dem ersten Band der „Orbitor“-Trilogie von Mircea Cărtărescu, Die Wissenden (so der eher unpassende deutsche Titel), ein Werk voller Phantastik und Sprachmagie – keine normierte, einem Schreibstudium entsprungene, quasi enthoppelte Literatur, sondern wahrhaft große Kunst. Mircea Cărtărescu, das fällt mir grad ein, sagte in einem Interview, in seinem Heimatland Rumänien gäbe es einen harten Kern von 50.000 Lesern und Leserinnen anspruchsvoller Literatur – ha, so dachte ich bei Entgegennahme dieser Information, ha!, das wären ja auf Deutschland hochgerechnet etwa 200.000 solcherart Leser! Niemals!, entfuhr es mir, ja eine Zahl von 20.000 wäre wohl schon zu optimistisch veranschlagt. Nun ja, gleichviel. Ich lese also weiter, Mircea, quasi der jugendliche Ich-Erzähler des ersten Bandes, ist wegen einer halbseitigen Gesichtslähmung im Krankenhaus und träumt nächtens heiße Träume von Krankenschwestern, während er tagsüber mit den anderen dort sogenannten „Kindern“ Karten spielt, nämlich 20-und-1, da geht wieder das Telefon. Ich melde mich, „Hallo!“, sage ich, wieder dieses Fiepen, die selbe weibliche Stimme, ich solle, das sei sehr wichtig, beginnt sie unvermittelt, den Anruf von eben und vor allem dessen Inhalt komplett vergessen und einfach weiter über Mircea Cărtărescu und anspruchsvolle Leser schreiben, ganz gleich, wie hoch deren Zahl wirklich zu veranschlagen sei. Sie selbst würde übrigens für den gesamten deutschsprachigen Raum eher von etwa 10.000 Personen ausgehen. Ich schwieg, während das Fiepen, ohne dass ich es hindern konnte, nun plötzlich unversehens an meinem Ohr vorbeischlüpfte und in mein Zimmer eindrang, in Blitzesschnelle jede Ecke und jeden Winkel erkundete und sich schließlich unter der Deckenlampe als Kreisel in den Raum setzte, kaum erkennbar, bis endlich die Stimme sich wieder zu Wort meldete. „Ich habe“, sagte sie, „übrigens bei Mircea Cărtărescu in Bukarest studiert und schreibe nun selbst Romane … Sie sollten dem Kerl nicht ein Wort glauben, vor allem nicht, wenn er …“ Dieses Mal bin ich es, der auflegt, ich lass‘ mir doch nicht in meine Lektüre hineinquatschen, denke ich, gleite wieder auf mein Sitzgerät und lese ruhig weiter bis zum Ende des Kapitels, wo es heißt: „… die Zeit reproduzierte sich selbst mit der Sanftmut eines niedrigen Wirbellosen, der zu drei Vierteln mit Eiern gefüllt ist …“ Ich atme auf. Dann wieder das Telefon. Ich lasse es läuten, derweil das Fiepen eine bläuliche Färbung annimmt und weiterhin wie ein kleiner, ruhigestellter Tornado gegen den Uhrzeigersinn unter meiner Deckenlampe kreiselt, die übrigens dem Mond zum Verwechseln ähnlich sieht, falls das jemanden interessieren sollte. Und nun weiter im Text …

F r i t z J. R a d d a t z. – Als Untriest 37 ein vielleicht, aber mir angemessenerweise, zu kleines Notat.

Arbeitswohnung, 8.54 Uhr.
Ich schreibe Dir, Liebes,gar nichts heute zu mir, und nichts zu meiner Arbeit. Denn zwar gestern schon rief der Profi an – aber ich scheute mich noch -, ich solle bitte die Nachrufe auf Fritz J. Raddatz lesen, der seinen Fortgang in Zeitpunkt und Art auf eine Weise selbst bestimmt hat, die uns allen zu wünschen wäre: daß sie uns nicht verboten wird, so daß man seine Zuflucht in der Behinderung oder gar Schädigung anderer nehmen muß wie einer jener hoch verzweifelten Leute, die sich vor Züge werfen. Freilich hatte Raddatz, anders als die, noch genügend Geld und, so zu tun, wie er nun tat, vor allem die Bildung.
Wir sind uns zweimal begegnet, einmal als Gäste einer Talkshow, einmal in halbprivatem Rahmen und hatten uns nichts zu sagen; er kannte mich nicht, bis jetzt zu seinem Tod; für mich war er allenfalls als ästhetisches Phänomen interessant, auch als Dandy, der sich durchzusetzen vermochte, aber eben in seiner solchen Erscheinung als Homosexueller akzeptiert war, wenn auch nicht unumstritten. Die Klarheit seiner Worte gefiel mir, seine radikale Offenheit gefiel mir, seine ätzende Kritik am Betrieb, dem er indessen zugehörte und zugehören auch wollte, dessen Weichen er aber auch jahrzehntelang mitgestellt hat. Ich kam da als Zug nicht vor, vielleicht auch meiner Homophobie wegen. Das tut hier alles nichts zur Sache.
Der Profi hat recht. Einen der besten Nachrufe, die ich heute früh las – erst heute früh, weil ich gestern instinktiv auswich – hat >>>>> in der FAZ Volker Weidermann geschrieben – wenn auch mit der euphemistischen Headline, er sei, also Raddatz, „gestorben“. Die Zeile ist bigott, dem Mann nicht angemessen, denn sie stützt ein Tabu, das dem Menschen die Würde der letzten eigenen Entscheidung nimmt. Weiterhin lesenswert ist >>>> das von der Süddeutschen Zeitung noch einmal ins Netz gestellte Gespräch, das Sven Michaelsen mit ihm geführt hat. Sehr wichtig darin scheint mir die Unterscheidung von Eitelkeit und Narzissmus zu sein.Wir hätten uns selbst dann, wäre meine Arbeit für ihn von irgend einem Interesse gewesen, wahrscheinlich nicht verstanden. Zwischen uns lagen verschiedene Herkünfte, verschiedene Vorlieben, von denen die sexuellen die mit bestimmendsten sind, verschiedene Generationen, verschiedene poetische Werte; verbunden hätte uns die Idee, das am Anfang all dessen, was wir groß nennen, die Leidenschaft steht: die Fähigkeit und vor allem Bereitschaft zur Hingabe, sowie eine radikale, nichtbürgerliche Offenheit, die sich gefährdet.

Raddatz ist nicht gestorben, sondern gegangen. Das ist, Geliebte, der Unterschied, den das Wort aufrecht markiert. Dessen wie seiner gedenke ich hier.

ANH, 28.2.2015
Berlin