Archiv der Kategorie: Ausgabe 02/2015

Vom Schreiben und vom Atmen

Aus dem Wortheld Juni 2015-Interview  mit Dominik Leitner

Seit wann und warum schreibst du eigentlich?

Ich war schon über vierzig, als ich mich vage daran erinnerte, dass es in meinem Leben einmal mehr gegeben hatte als eine Nase zu ziehen, mich zu besaufen und das defekte Lämpchen in all dem Glitzer zu sein. Genauer gesagt: fünfundvierzig.

Am 11. Januar 2005 kam mein Bruder rüber, stöpselte das Internet ein und ich begann zu schreiben.

Bis heute hab ich nicht aufgehört.

*

“Schreiben ist Schlaf, ist Trance. Wenn ich nach einigen Stunden vom Schreibtisch aufstehe, beginne ich zu frieren. Ich gähne siebzehn, achtzehn Mal hintereinander, ich bin komplett k.o. Es ist, als habe das Schreiben sämtliche Energie auf einen Punkt konzentriert und von allen anderen Körperteilen abgezogen. Mir ist vermutlich schon beim Schreiben kalt gewesen, ich bin schon die ganze Zeit k.o., aber ich hab es nicht mitgekriegt. Ich habe geschlafen. Ich war in Trance. Erst nach dem Schreiben merke ich, was eigentlich los ist in der Welt.”

*

“Wenn ich den ganzen Tag am Rechner sitze und das Holz des Schreibtischs einatme, gibt es nichts schöneres, als am Abend mit dem Hund durch den Wald zu laufen und das Holz der Bäume einzuatmen.”

*

Wo befindet sich dein kreativster Ort?

Überall, wo mein Notizbuch ist. Ich bin mit dem Notizbuch hinter dem Leben her wie der Vielzitierte hinter dem Weihwasser. Ich versuche die Sätze da zu packen, wo sie ins Leben treten, an der Quelle. Wenn ich in eine Situation gerate, über die sich schreiben lässt, setze ich mich unmittelbar danach hin und schreibe alles auf. Das Notizbuch ist stets griffbereit, auch in der Nacht. Falls ich wach werde und gerade den Traum des Jahrhunderts gefeiert habe.

*

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Ein älterer Herr spaziert durch die Fußgängerzone, die Hände hinterm Rücken. Er bleibt vor mir stehen, blickt freundlich auf mein Notizbuch nieder, in das ich gerade ein paar Einträge mache.

“Schularbeiten, ja..?”

attrappe

… rape of attrapps link off all likes wir liegen in rosen verwunden und dornen an den gebreiteten beinen sinken wir zwischen die blätter so rot wie die fahnen wir revoluzzten dannmals als den(k)marks könig ham-kottlett und den schädel in die kissen schlaf senkend die ungeheuer der vernunft den traum als akkord in molly bloom wie ihr mistamista und joyce of the world of poe und seiner adepten rape …

schwungkunst_attrappe

Wieder verstehen

Wenn man verreisen will, braucht man im Grunde nur eine Kreditkarte und einen Pass. Alles andere kann man sich unterwegs besorgen (Gut, das Beispiel hinkt, weil ich selbst keine Kreditkarte habe, aber es geht eigentlich auch nicht ums Reisen.) Will man einen Text verstehen, braucht man im Grunde nur den Text und die Zeit, die das Verständnis des Textes verlangt. Alles andere findet sich unterwegs und eine Bibliothekskarte wäre hilfreich. Ich weiß: manchem geht es mit der Zeit, wie mir mit der Kreditkarte. Aber das ist nicht die Schuld des Textes. Jedenfalls sollte man Rezensenten, die einen Text zu einer für einige unverständlichen Lektüre erklären, keinen Glauben schenken, denn sie machen mit dieser Erklärung ihr (vermeintliches) Wissen zu einem Geheimwissen und sich selbst erklären sie damit zu Gurus.

auf der fähre

graphic novel von katharina vasces und dem kobboi - botox und andere ungereimtheiten

meer, meer, meer, der blick des kobbois bleibt am wasser hängen, die fähre ist unterwegs, zurück zur isla volante.

in seinem rücken unterhalten sich zwei frauen.

“alex trainierte täglich zwei mal mit den kindern, sven musste das lauftraining leider auslassen, er hinkt immer noch stark.”

“ah.”

“tamara und alex sind zur zeit wirklich in topform, tamara hat in ihrer altersklasse den 2. rang erreicht im triathlon.”

“schön.”

“sven konnte, dank zwei spritzen in das knie und in das fussgelenk, zum glück auch am rennen teilnehmen”

“schön.”

“er war trotzdem enttäuscht.”

“war am montag auch bei meinem arzt und stell dir vor, diesmal liess ich nur eine spritze machen”

“ah.”

“er war ganz zufrieden mit mir, letztes mal musste ich noch augen, mund und die stirn spritzen lassen.”

“schön.”

“ja, diese botox-bakterien wirken bei mir einfach wunderbar.”

“bakterien? unsere söhne hatten damit im militär zu tun, aber jetzt ist es anscheinend verboten. vielleicht habe ich etwas falsch verstanden, glaubte, botox sei ein nervengift. bakterien?”

“bei mir wirkt es wunderbar.”

der kobboi drehte sich nicht um, denn er befürchtete, mit seinen falten im gesicht die zwei frauen zu erschrecken.

winterherz

2

alpha : 6.52 — Neh­men wir ein­mal an, es exis­tier­ten Men­schen, die je über ein schla­gen­des, also ein akti­ves Herz ver­fü­gen, und außer­dem über ein war­ten­des Herz, das ganz still im Brust­korb liegt, klein, gefal­tet, ein Alters­herz oder ein Win­ter­herz. Von die­ser Vor­stel­lung wollte ich in der ver­gan­ge­nen Nacht einem klei­nen Mann ira­ni­scher Her­kunft erzäh­len. Aber kaum hatte ich Luft geholt und mei­nen ers­ten Satz zu Ende gespro­chen, begann der kleine Mann sei­ner­seits eine Geschichte zu erzäh­len. Er sagte, er habe Merk­wür­di­ges erlebt, das Fest­netz­te­le­fon sei­ner Woh­nung sei gestört gewe­sen, er habe des­halb die Tele­fon­ge­sell­schaft über sein Mobil­te­le­fon ange­ru­fen. Eine weib­li­che Stimme habe sich bald gemel­det, die sich sehr freund­lich mit ihm unter­hal­ten habe in der Art und Weise, dass sie Fra­gen stellte. Sie fragte zum Bei­spiel: Könn­ten Sie bitte Ihr Pro­blem genau beschrei­ben. Oder sie erkun­digte sich, ob seine Inter­net­ver­bin­dung noch funk­tio­nie­ren würde, ob sein Tele­fon über aus­rei­chende Strom­ver­sor­gung ver­füge, wie lange Zeit er in etwa nicht mit sei­nem Tele­fon tele­fo­niert habe. Das Gespräch dau­erte, so erzählte der kleine Mann, einige Minu­ten, bis er bemerkte, dass tat­säch­lich eine Maschi­nen­stimme zu ihm sprach. Wei­tere drei Minu­ten ver­stri­chen, dann habe er sich vor­sich­tig erkun­digt, ob er mit einem mensch­li­chen Wesen der Tele­fon­zen­trale ver­bun­den wer­den könnte. In die­sem Moment brach das Pro­gramm die Unter­hal­tung ab. Es wurde still am Tele­fon, keine Fra­gen, keine Ant­wor­ten, kurz dar­auf war ein Pfei­fen zu hören. Und das soll nun einer am frü­hen Mor­gen noch ver­ste­hen. Der Him­mel leicht bewölkt. — stop

melly

Einige Worte über den Regen

Es ist noch weit
und der Himmel reißt,
dieses Tuch mit gemalter
Sonne, Wolken, Sternen.

Wie wäre es,
durch die Luft zu fliegen,
nicht mit jedem Schritt
Staub aufzuwirbeln –

wer bin ich denn noch,
wenn hinter dem Horizont
nur ein weiterer wartet?

Aber der Regen kommt,
ich öffne den Mund,
lasse die Wörter trinken,
so dass sie zueinander finden,
Sätze bilden, von mir erzählen.

Jetzt tanzt er auf meinem Scheitel,
tropft in meine Gedanken;
mein Kopf läuft voll – ein Ozean,
in dem sich die Knoten lösen,
in dem die Erzählfäden frei schweben.

Seht, ich gehe mit dem Regen fort,
weit weg, an einen sicheren Ort.

(Anuradhapura, Januar 2015)

Der Merkel-Putin-Pakt, Mircea Cărtărescu und tausende von anspruchsvollen Lesern

Soeben bekam ich einen sonderbaren Anruf. Ich vernahm eine von einem technischen Fiepen untermalte, ja fast schon durch eben dieses Fiepen übertönte weibliche Stimme. Der Merkel-Putin-Pakt, hörte ich, sei nun abschließend erfolgreich verhandelt, die letzten strittigen Punkte also geklärt. Die Frage wäre nur, ob diese Vereinbarung zum jetzigen oder erst zu einem späteren Zeitpunkt an die Öffentlichkeit gelangen solle, wenn denn überhaupt. Wenn man so wolle, sei allein dies noch in der Schwebe. Ich müsse das aber so oder so schnellstmöglich recherchieren und für den Fall der Fälle den Vorentwurf eines Artikels schreiben. Da ich schwieg und auch die Anruferin nichts mehr sagte, lag sekundenlang nur dieses Fiepen in der Luft, dann hörte ich vom anderen Ende der Leitung ein „Kahlmeier (oder Kallmeier?), hören Sie mich?“, dann wieder dieses Fiepen, dann war die Leitung tot. Verwählt offensichtlich. Egal. Ich glitt zurück auf meinen Barhocker, auf dem hockend ich gemeinhin zu lesen pflege, und widmete mich meiner Lektüre, dem ersten Band der „Orbitor“-Trilogie von Mircea Cărtărescu, Die Wissenden (so der eher unpassende deutsche Titel), ein Werk voller Phantastik und Sprachmagie – keine normierte, einem Schreibstudium entsprungene, quasi enthoppelte Literatur, sondern wahrhaft große Kunst. Mircea Cărtărescu, das fällt mir grad ein, sagte in einem Interview, in seinem Heimatland Rumänien gäbe es einen harten Kern von 50.000 Lesern und Leserinnen anspruchsvoller Literatur – ha, so dachte ich bei Entgegennahme dieser Information, ha!, das wären ja auf Deutschland hochgerechnet etwa 200.000 solcherart Leser! Niemals!, entfuhr es mir, ja eine Zahl von 20.000 wäre wohl schon zu optimistisch veranschlagt. Nun ja, gleichviel. Ich lese also weiter, Mircea, quasi der jugendliche Ich-Erzähler des ersten Bandes, ist wegen einer halbseitigen Gesichtslähmung im Krankenhaus und träumt nächtens heiße Träume von Krankenschwestern, während er tagsüber mit den anderen dort sogenannten „Kindern“ Karten spielt, nämlich 20-und-1, da geht wieder das Telefon. Ich melde mich, „Hallo!“, sage ich, wieder dieses Fiepen, die selbe weibliche Stimme, ich solle, das sei sehr wichtig, beginnt sie unvermittelt, den Anruf von eben und vor allem dessen Inhalt komplett vergessen und einfach weiter über Mircea Cărtărescu und anspruchsvolle Leser schreiben, ganz gleich, wie hoch deren Zahl wirklich zu veranschlagen sei. Sie selbst würde übrigens für den gesamten deutschsprachigen Raum eher von etwa 10.000 Personen ausgehen. Ich schwieg, während das Fiepen, ohne dass ich es hindern konnte, nun plötzlich unversehens an meinem Ohr vorbeischlüpfte und in mein Zimmer eindrang, in Blitzesschnelle jede Ecke und jeden Winkel erkundete und sich schließlich unter der Deckenlampe als Kreisel in den Raum setzte, kaum erkennbar, bis endlich die Stimme sich wieder zu Wort meldete. „Ich habe“, sagte sie, „übrigens bei Mircea Cărtărescu in Bukarest studiert und schreibe nun selbst Romane … Sie sollten dem Kerl nicht ein Wort glauben, vor allem nicht, wenn er …“ Dieses Mal bin ich es, der auflegt, ich lass‘ mir doch nicht in meine Lektüre hineinquatschen, denke ich, gleite wieder auf mein Sitzgerät und lese ruhig weiter bis zum Ende des Kapitels, wo es heißt: „… die Zeit reproduzierte sich selbst mit der Sanftmut eines niedrigen Wirbellosen, der zu drei Vierteln mit Eiern gefüllt ist …“ Ich atme auf. Dann wieder das Telefon. Ich lasse es läuten, derweil das Fiepen eine bläuliche Färbung annimmt und weiterhin wie ein kleiner, ruhigestellter Tornado gegen den Uhrzeigersinn unter meiner Deckenlampe kreiselt, die übrigens dem Mond zum Verwechseln ähnlich sieht, falls das jemanden interessieren sollte. Und nun weiter im Text …

Unter dem Radar

Aus seiner Generation sei er im Grunde der einzig Übriggebliebene, erzählte er. Die anderen hatten sich entweder rechtzeitig in eine bürgerliche Existenz gerettet, oder hatten sich zu Tode gesoffen. Oder sich sonstwie umgebracht. Als Schriftsteller erfolgreich wurde eigentlich niemand. Jetzt sei er stets der Älteste, was vielerlei Vorteile hätte: Es gebe keinen ökonomischen Druck mehr, sagte er, es fallen die üblichen Intrigen wegen ausgespannter Sexualpartner, Posten und Stipendien aus – braucht er alles nicht mehr – und es gebe folglich keinen Neid. Höchstens Schmunzeltum.

Klapse, sagte er noch als weitere Alternative. Freitod, Alkohol, Klapse. Das wären so die Optionen.

Der Langzeitstudent ist ja auch schon lange ausgestorben.
Fackeln.
Sprachpakete, die nicht ankommen.
Die Kunst des ausgehenden 21. Jahrhunderts ist reiche Kunst von reichen Künstlern für Reiche.

Schnarchende Frauen. Halbstarke Erotik.
Leben in der Cloud. Besser wäre es tatsächlich, nackt auf einer Kugel zu sitzen. Einer Abrissbirne.

Zwei Absagen an einem Tag. Ich bin sowas von am Rand des Literaturbetriebs, ich bin eigentlich schon fast draußen. Vielleicht auch mal wieder ein Fall von Schicksal eines Handwerkersohns, eines Zugezogenen, eines Studienabbrechers. Andererseits, mit Peter Rühmkorf: „Wir sind … nur Arbeiter und können uns unsere Fabrik nicht aussuchen.“

Eine Schreibmaschine sein wie Dietmar Dath. Der Schreibmaschinist. Drei Romane pro Jahr, ein zusätzliches Buch, mindestens vierzig Artikel, wenn’s läuft, noch eine Platte, ein, zwei Theaterstücke, dazu Podien, Rockkonzerte, Interviews. Ich möchte die Sekretärinnen kennen lernen, mit denen er so schläft.

Am selben Tag, vielleicht sogar in derselben Minute, den Fahrradschlüssel verloren. Was soll mir das sagen? Keine Ahnung. Ich finde ihn nicht, ich kann mir sein Verschwinden nicht erklären. Nachts nach zwei Stunden von einem Traum aufgewacht, in dem es darum ging, mit den Freunden ein Rätsel zu lösen. Die Analytikerin zu finden, die gleichzeitig C. ist (also eben 30 Jahre jünger). Wie ist die Lösung? Ich finde sie nicht. Daraufhin vorerst nicht mehr eingeschlafen, da seltsames Geräusch im linken Ohr. Wie ein leiser Fernseher, ein Fernseher aus dem unteren Stock, aber da ist nichts zu hören. (Wenn die Geräusche zu Worten werden, bin ich dann wohl schizophren, dachte ich.)

Am nächsten Tag verwirrt. Mutter ruft an. Ich mache ein Spaziergang, stecke mir zwanzig Euro ein, die später ebenfalls verloren sind. Rätsel, rätsel.

Ihre Ehe mit dem General war in der Krise, und der General war bereits mit anderen, vornehmlich jüngeren Frauen gesehen worden. Es wurden Bilder veröffentlicht, auf denen eine ehemalige Kindergärtnerin, die durch Beziehungen schnell zu einer Leiterin wurde, leicht bekleidet an seinem nackten Zeh saugte. Poröse Gesichter, abblätternde Haut. Das Gespenst reagierte auf die aristokratische Art: nämlich vorzugsweise gar nicht. Sie dementierte nicht, sie kommentierte nicht, sie ließ sich auch nicht mit getrockneten Tränen erwischen. Sie zog sich nur zurück. Ob sie Vergeltungswünsche hegte, wusste man nicht. Aber ich war bereit, Nachforschungen anzustellen.

F r i t z J. R a d d a t z. – Als Untriest 37 ein vielleicht, aber mir angemessenerweise, zu kleines Notat.

Arbeitswohnung, 8.54 Uhr.
Ich schreibe Dir, Liebes,gar nichts heute zu mir, und nichts zu meiner Arbeit. Denn zwar gestern schon rief der Profi an – aber ich scheute mich noch -, ich solle bitte die Nachrufe auf Fritz J. Raddatz lesen, der seinen Fortgang in Zeitpunkt und Art auf eine Weise selbst bestimmt hat, die uns allen zu wünschen wäre: daß sie uns nicht verboten wird, so daß man seine Zuflucht in der Behinderung oder gar Schädigung anderer nehmen muß wie einer jener hoch verzweifelten Leute, die sich vor Züge werfen. Freilich hatte Raddatz, anders als die, noch genügend Geld und, so zu tun, wie er nun tat, vor allem die Bildung.
Wir sind uns zweimal begegnet, einmal als Gäste einer Talkshow, einmal in halbprivatem Rahmen und hatten uns nichts zu sagen; er kannte mich nicht, bis jetzt zu seinem Tod; für mich war er allenfalls als ästhetisches Phänomen interessant, auch als Dandy, der sich durchzusetzen vermochte, aber eben in seiner solchen Erscheinung als Homosexueller akzeptiert war, wenn auch nicht unumstritten. Die Klarheit seiner Worte gefiel mir, seine radikale Offenheit gefiel mir, seine ätzende Kritik am Betrieb, dem er indessen zugehörte und zugehören auch wollte, dessen Weichen er aber auch jahrzehntelang mitgestellt hat. Ich kam da als Zug nicht vor, vielleicht auch meiner Homophobie wegen. Das tut hier alles nichts zur Sache.
Der Profi hat recht. Einen der besten Nachrufe, die ich heute früh las – erst heute früh, weil ich gestern instinktiv auswich – hat >>>>> in der FAZ Volker Weidermann geschrieben – wenn auch mit der euphemistischen Headline, er sei, also Raddatz, „gestorben“. Die Zeile ist bigott, dem Mann nicht angemessen, denn sie stützt ein Tabu, das dem Menschen die Würde der letzten eigenen Entscheidung nimmt. Weiterhin lesenswert ist >>>> das von der Süddeutschen Zeitung noch einmal ins Netz gestellte Gespräch, das Sven Michaelsen mit ihm geführt hat. Sehr wichtig darin scheint mir die Unterscheidung von Eitelkeit und Narzissmus zu sein.Wir hätten uns selbst dann, wäre meine Arbeit für ihn von irgend einem Interesse gewesen, wahrscheinlich nicht verstanden. Zwischen uns lagen verschiedene Herkünfte, verschiedene Vorlieben, von denen die sexuellen die mit bestimmendsten sind, verschiedene Generationen, verschiedene poetische Werte; verbunden hätte uns die Idee, das am Anfang all dessen, was wir groß nennen, die Leidenschaft steht: die Fähigkeit und vor allem Bereitschaft zur Hingabe, sowie eine radikale, nichtbürgerliche Offenheit, die sich gefährdet.

Raddatz ist nicht gestorben, sondern gegangen. Das ist, Geliebte, der Unterschied, den das Wort aufrecht markiert. Dessen wie seiner gedenke ich hier.

ANH, 28.2.2015
Berlin