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Inhalt 02/2016

Die Lesezeichen-Ausgabe 02/2016 erschien am 11. Juli 2016.

In dieser Ausgabe:

Molly Bloom und ein Glas voller Luft, saure Brause für den Schlaf des Wissens, Jean Pauls Text-Jemand, Victor Vroomkoning und Louis Paul Boon, das Ich als DJ und seine Sam­mel­bil­der, Bergbäche, Schluchten und die Romane Mary Wesleys, Rap-Workshops in einem Café in Friedenau, die Kulturindustrie und zwei Gläschen Ninno-Wein, unbekannte Musen in Besitzstandswahrungsgesellschaften, Leszek Możdżer, Iiro Rantala, Michael Wollny und Maria Callas … uvm.

INHALT:

Chronisch akut

Resümieren klingt immer seltener nach einer guten Ausgangsposition. Diese Unart, eigenes Empfinden und Wahrnehmen andauernd in Relation zu setzen! Kein Recht mehr auf Niedergeschlagenheit, während es anderen doch so viel schlechter geht, vor allem so unmittelbar. Wer traut sich denn noch, anhaltend Verlust zu artikulieren, oder Leid, wenn nebenan in der Welt tausendfach jemand vertrieben, gedemütigt, geschändet wird? Dazu die subcutane Scham, in einer dieser Besitzstandswahrungsgesellschaften zu leben, unablässig in Trance gesurrt von Bildern und Konsum.

Das Chronische kommt gegen das Akute nicht an. Niemals. Jene, die um ihr Überleben kämpfen, scheinen immer mehr im Recht zu sein als jene, die schon ein kalter Regentag depressiv machen kann, oder ein Leben als solches. Subjektiv aufgeladener Schmerz an der Welt ist moralisch nicht mehr tragbar, wirkt narzistisch. Also drückt man’s weg. Dabei hat mich Stillhalten noch nie motiviert, geschweige denn auf neue Ideen gebracht.
Langsame Reduktion auf die moralischen Grundwerte ist wie Marmelade einkochen: duftet unwiderstehlich, während es passiert. Als Belohnung hat man dann Etiketten auf Gläsern.
Marmelade hab’ ich schon immer gehasst.

Stimmengewirr im Kopf, Entfremdung. Werde ich durchscheinender? Egaler? Ich zeige anderen, wie man sich an die große Glocke hängt, helfe ihnen, sich im Spotlight nicht wegzuducken. Da bleibt nicht viel Drang, abends in die Vollen zu gehen. Menschen, die sich zu Scheinwerfern machen, bleiben selbst gerne im Dunkeln.
Höchstens mal ’ne Kerze, wenn’s schön sein soll.

So auf Antiextravaganz festgezurrt. Katalysator:innen müssen nicht kämpfen, nur sein. Sollen die Auserwählten doch den Kampf um Anerkennung im Haifischbecken austragen, die Panikattacken und ihre Narben. Darf eine dennoch trauriger werden und müder, ohne ihr Leben riskiert zu haben – oder zumindest ihre Reputation? Vielleicht ist die Sehnsucht, anderen zu helfen, doch nur Feigheit angesichts der Alternative, aus voller Kraft künstlerische Spuren zu hinterlassen: sein Unwesen zu treiben. Als Aufstand gegen die moralische Diktatur des Wesentlichen.

Sprühend vor Leben! ACTs Piano Night: ein Pianistengipfel.

 

Sprühend vor Leben! ACTs Piano Night: ein Pianistengipfel. Leszek Możdżer, Iiro Rantala und Michael Wollny in der Berliner Philharmonie. Jazz at Berlin Philharmonic XIII: am Dienstag, dem 31. Mai 2016.

 

Es hatten sich die dreie wohl geeinigt, den Affen Zucker zu geben, so daß der eines Tages wahrscheinlich legendär werdende Jazz at Berlin Philharmonic-Abend in eine Virtuosen-, ja, –Show, muß man wohl sagen, aus-, muß man sagen, –artete. Das war lustig und bekam die standing ovations, auf die sie auch abzielen sollte. So wird man wohl erst im Nachhören, wenn die Live-CD, hoffentlich bald, vorliegen wird, die musikalische Finesse voll erfassen können, die improvisationskompositorisch auch die als Trio gespielte Zugabe ausgezeichnet hat. Für die Musik selbst wäre es nicht nötig gewesen, fliegend im Flirt-à-trois die Klaviere zu wechseln, auch nicht, daß der eine mit der rechten Hand auf der Klaviatur des anderen mitspielt und dieser mit der linken auf der des ersten- und der dritte springt herbei und übernimmt den Part des zweiten. All sowas macht viel Freude, gehört aber, streng genommen, eher in einen Circus als in den Konzertsaal.
Doch Strenge war nicht angesagt; immerhin galt es, mehr als zweitausend Leute von den Stühlen zu reißen, darunter auch solche, die gewiß nicht zu Stammhörern des Jazz‘ gehörten, sondern sie waren, und hier zu recht, dem unterdessen massenmobilierenden Ruf der Events gefolgt; andererseits saßen im Publikum nur sehr wenig junge Leute, die meisten mochten zur HochZeit des europäischen Jazz jung gewesen sein, in den Sechzigern und Siebzigern also, bis etwa Mitte der Achtziger. Nicht dies, ihre seinerzeitige Jugend, sondern der Umstand selbst ist ein bißchen zu bedauern, daß die jazzguten Zeiten vorüber zu sein scheinen. Dennoch dampfte dieser lebenssprühende Abend kein Fähnlein Nostalgie aus.

Mit seinen virtuos-verspielten, das Konzert witzig einleitenden Improviationen auf Bernsteins Candide-Ouvertüre gab Iiro Rantala die Stimmung und vor allem das Tempo gleich vor, das den subjektiven Eindruck allenfalls einer Konzertstunde vermittelte. Mit Ausnahme von Lars Danielssons Africa aus dem Jahr 2008 und wenigen Passagen in Wollnys Wandererfantasie von 2005/2015, sowie Chris Beiers wunderschönem „White Moon“ (2007 – zwei Weingläser stehen umgekehrt auf den Saiten, die so, angeschlagen, sehr helle und ungefähre Flageoletti miterzeugten; neben Danielssons Komposition mein entschiedenes Lieblingsstück des Abends) – favorisierten Leszek Możdżer, auch Michael Wollny und sowieso Rantala das Presto; sehr innenkonzentrierte Musik, wie sie den späten Jarrett kennzeichnet, war nicht angesagt; ein wenig war‘s, als führte man vor, was man technisch kann – und dem sind allenfalls wenig, wahrscheinlich sogar gar keine Genzen gesetzt. Es wurde also, wie‘s nur geht, brilliert. Dabei wirkten Wollnys Stücke als dramaturgisch am tiefsten durchgehört – enorm ohrendeutlich übrigens der Einfluß des experimentellen Franz Liszts –, zumal er, Wollny, als erster auch den Innenraum der Klaviere nutzte; später tat dies Możdżer gleichfalls, und unversehens befanden wir uns in den verschoben-freien Tonalitäten des präparierten Klaviers und also außerhalb der gängigen Dur-moll-Räume mitten in der, fast muß man sagen: vergangenen Moderne. Das wurde dann besonders reizvoll, wenn die drei in ihren Duos und Trios spielten – eine ganz sicher nicht unbewußte Hommage an Petruccianis „100 Hearts“ von 1984, der dazu, Petrucciani, überdies pfiff:

Ich war mir aber nicht immer sicher, inwieweit sich der wirksame Effekt über die Essenz der Musiken stülpte, besonders bei Wollnys Wanderer, und bei derZugabe sowieso, diesem ausgelassen-hinreißenden Fandango, das Rantala denn auch mit einem clownesk gerufenen Olé beschloß. Daß bei den Soli je die anderen beiden Pianisten nach Flamencoart den Rhythmus klatschten, verwies abermals auf Petrucciani. Indes, vom eigentlichen Programm hängengeblieben – neben den schon genannten Stücken – sind mir besonders Możdżers von Anfang an mit Dissonanzen gleichsam impressionistisch spielendes She said she was a painter von 2013, Komedas allerdings schon fast vierzig Jahre altes Svantetic – vielleicht das konzentrierteste Stück des gesamten Konzertes – und die abschließende Improvisation auf Gershwins Summertime aus Porgy & Bess, bei der die persönlichen Handschriften jedes Pianisten – Rantala etwa betont gravitätisch die Themen – gleichsam in nuce vorgeführt wurden, bevor sie sich ineinandermischten – synkretistisch, nicht eklektizistisch, wie, meines Dafürhaltens nach falsch, das Programmheft behauptet. Richtig ist freilich, daß sich alle drei Pianisten nicht scheuen, das auch nicht sollten, ihre Inspirationen aus jedem Genre herzunehmen, das ihnen unterkommt und -kam. So kann es geschehen, daß ein ästhetisch ziemlich banaler „Song“ wie >>>> John Lennons Just Like Starting over zum Material großer Musik wird; zum Beispiel gestern bei Rantala. Freilich ist so etwas weder neu noch müßte es das sein, sondern war schon in der sogenannten Klassischen Musik gang und gäbe: Man nahm sein Material aus dem V/Folk und nimmt es heutzutage logischerweise aus dem, vor allem, Pop. Es ist geradezu eine liebensspöttische Ironie der Musikgeschichte, daß auf diese Weise selbst Leute wie ich, die den Pop nicht ausstehen können, weil sie das Gefühl haben, man stopfe ihnen permanent Buttercreme in die Ohren, eine abgefeimte Methode „soften“ Folterns – daß also selbst Leute wie ich ihn plötzlich genießen können – und wirklich hinhören können auf das, was gemeint gewesen war. Für mich persönlich ein irrer Gewinn.

Die Reihe Jazz at Berlin Philharmonic begann im Dezember 2012 mit einem Konzert als, erst einmal, Versuchsballon. Und zwar mit eben diesen drei Pianisten:

Kann ein Ballon „einschlagen“? Eigentlich nicht. Dieser tat‘s. Und viele der seitdem beteiligten Jazzmusiker, die allerdings in ihren Heimatländern meist schon bekannt waren, hat er fast unmittelbar nach ihren Berliner Konzerten in den auch internationalen Ruhm getragen. Der des Hauses, eben der Berliner Philharmonie, dürfte daran einigen Anteil haben – und somit daran, daß es um die Wahrnehmung des Jazz offenbar doch nicht so trübe bestellt ist, wie es seit zwei Jahrzehnten aussieht. Dank also an den Intendanten und der Stiftung der Berliner Philharmonie; Dank aber auch an >>> ACT. Das auf neuen Jazz spezialisierte Unternehmen scheint die tragende Rolle übernommen zu haben, die im Europa der Siebziger und Achtziger >>>> ECM innehatte. Möge sich der Erfolg damit messen können!
Wie auch immer, nun jedenfalls holte man die drei Pianisten abermals, um ein der Zahl nach ungewöhnliches Jubiläum zu begehen: Üblicherweise steht die 13 ja eher für Unglück. Wer allerdings die Hintergründe kennt, sieht dies anders. Es war die alte matriachale Jahresmonatszahl (13 x 28); die Christianisierung schlug das ebenso nieder, wie der Teufel seine Hörner bekam, die wiederum für den ab- und zunehmenden Mond standen und damit ebenfalls matriachal kommotiert gewesen sind. Damit machte das Patriachat, den Sexus diffamierend, Schluß. Vielleicht wissen sie es nicht, aber Leszek Możdżer, Iiro Rantala und Michael Wollny haben dem nun, unter überbordendem Jubel des großen philharmonischen Saales, lustvoll etwas entgegengesetzt, es gleichsam, wenn auch nur für diesen Abend, zurückgenommen.
Auch darum sei, wer nicht dabeiwar, betrübt.

JAZZ AT BERLIN PHILHARMONIC XIII
Piano Night

Leszek Możdżer
Michael Wollny
Iiro Rantala

Montag, der 31. Juni 2016

Die bisherigen Konzerte sind als CDs >>>> dort zu beziehen.

Was ich noch sagen wollte und schon mal gesagt habe

Ich mag es, wenn sie mir spätabends im Bett einen Kuss gibt und viel Spaß beim Träumen wünscht, „.. oder was auch immer du so treibst, wenn du gleich die Augen geschlossen hast.“

Ich mag Popsongs, die sich voranschleppen wie ein Tag, an dem man es schwer hat, und am Abend ist die Sache ausgestanden.

Ich mag es, den Sachen nahe zu kommen, denn je näher man den Sachen kommt, desto eher verschwinden sie auch wieder und sind fort und erledigt – für immer.

Ich mag die Szene, wo der ältetste der drei Rocketta-Brüder mit zwölf Monaten Mietrückstand und einem gewaltigen Hexenschuss nach Hause gehumpelt kommt, zwei Pullen Zuckerrohrschnaps unterm Arm. Er wird bereits erwartet von Gerichtsvollziehern, Handwerkern und der Polizei, bleibt aber höflich. „Hereinspaziert, die Herrschaften“, ruft er und zählt erstmal durch. „So, sechs Mann sind am Start. Wer will alles ein Schnäpschen?“ Die Zwangsräumung verläuft in gelöster Stimmung.

„Ich mag Nullen, die haben ganz schön Kraft, im Hinblick auf die Nullen, die an einer Million hängen.“ (Die Gräfin)

Ich mag meine innere Stimme, meinen besten Außendienstmitarbeiter.

Ich mag Maria Callas. Dass ich Maria Callas mag, liegt daran, dass Maria Callas Blues singt.

Ich mag es mein Gegenüber zu fragen, „sag mal, wann fängt das Kino an, um acht oder viertel nach acht?“ und mein Gegenüber antwortert, „och, weiss nicht, so um acht, viertel nach acht.“

Ich mag es in einer anstrengenden prallvollen Zeit zu leben, wo jedes neue Nichts mit lautem leutseligen Halloo begrüßt wird, während alles, was leise ist und mit zartem Strich rüberkommt, übersehen wird. („Das magst du doch nicht wirklich, du alter Pampahasenforscher!“ „Na, und ob ich das mag!“)

.., die Leute mit der Wahrheit reinzulegen, das ist besonders perfide.

Ich mag Genialität, die darauf beruht, nein zu sagen zur Gesellschaft und ihr dennoch alles zurückzugeben.

Ich mag dieses unbestimmte, niemals verstummende Gefühl von Weltende, das mich schon als Teenager im Griff hatte, als ich die Schule schwänzte, im Stonns Fuot am Tresen hockte und mit meiner Zeit nichts anzufangen wusste, ausser am Tresen sitzen und darauf warten, dass die Welt untergeht.

Ich mag den Anblick von Bodybuildern, von furios triefenden Gebirgen aus Muskelsträngen und Posing-Öl und untenherum eine winzige Ausbuchtung, als stünde eine einzelne Kaffeebohne im Höschen – quer.

Abends mag ich es, wenn sich eine Bande dunkler Gesellen rund um den Kaugummiapparat sammelt und Rififi über den Dächern plant.

Ich mag John Lennons Give peace a chance, den Rhythmus, der wie eine Schlaghose daherkommt.

Ich mag den Bossa Nova Beat, mit dem die Debüt-Single Break on through to the other side der Doors beginnt, und dann setzt der Basslauf ein, gestohlen von der Butterfield Blues Band, und die Nummer nimmt ordentlich Fahrt auf, voller Diebesgut und Klauaktionen.

Ich mag sofortige Wiederbelebung durch Kunst.

Ich mag es auf meinem eigenen Erbgut zu leben.

Ich mag Romane, die heftig gelesen werden und aussehen wie ein seit Monaten ungemachtes Bett.

Ich mag den Inhalt eines typischen Männerhandtäschchen der Achtzigerjahre: Einwegfeuerzeug, Schachtel Kippen, Glas Bier.

Ich mag Rückwärtsgehen, es fühlt sich so schön verkehrt an – man geht, aber man geht nicht drauf zu. Wirklich fort geht man auch nicht. Wer eine Zeitlang einer bestimmten Sache nachgelaufen ist, wer sich lange sehr zielorientiert bewegt hat, der sollte einfach mal eine Minute rückwärts gehen. Es fühlt sich so schön voll verkehrt an. Weg von sich, weg von allem. Hin zum Anderen.

„Ich will nicht immer nur ich sein müssen! Ich will als jemand sterben, der auch die andere Seite kennt..!“ (Die Gräfin)

Richtig. Ich mag es Kaffeebohnen von Hand zu mahlen. Wenn ich mal keine Lust habe, weil es mir zu lästig ist, zehn Minuten lang die Kaffeemühle zu drehen, halte ich kurz inne und denke an Pozzo di Borgo, einem Querschnittsgelähmten, einem Tetraplegiker, der im Rollstuhl sitzt: „Ich wäre schon froh, wenn ich nur den kleinen Finger bewegen könnte.“ Und in Windeseile zählt Kaffeemahlen mit der Hand wieder zu den schönsten Sachen der Welt.

Angenommen, die Sonne explodiert, dann dauert es 8 Minuten bis die Auswirkungen die Erde erreichen und das Licht wegbricht, 8 Minuten, Zeit für eine letzte Photosynthese, ein letztes Mal Chlorophyll und dann ab ins Bett, es wird eine lange und unruhige Nacht – ob ich das mögen werde? Ich weiss nicht.

Ich mag das sogenannte Handicap-Prinzip der Natur: Wer sich einen Nachteil leisten kann, wird von Feinden als besonders stark wahrgenommen.

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Ich mag es, auf Schleichwegen zu mir selbst unterwegs zu sein, das hab ich von der Gräfin gelernt.

Ich mag es, wenn sie die Nährwerttabelle auf der Nudelpackung laut vorliest. Es sind chinesische Nudeln. „Pro Portion 350 Kalorien! Das ist kulinarische Kriegsführung! Die Chinamänner wollen uns kugelrund füttern, damit wir aus Europa nicht mehr rauskommen! Damit wir hier versauern im eigenen Nudelfett, und die machen sich den Rest der Welt untertan! 350 Kalorien! Ich glaub, es hackt!“

Ich mag Lieder, die sich selbst singen, das ist für alle Mann die beste Lösung.

Ich mag es, wenn ihr in der Küche beim Anmachen des Möhrensalats aus einem Meter Höhe ein Gummiring vom Gewürzboard in die Salatschüssel fällt und sie spontan „Gummi im Salat!“ anstimmt, nach der Melodie von You’re the one that I want von Olivia Newton-John und John Travolta, incl. Hüftschwung und schmierigem Grinsen.

Ich mag Geschichten, die das Leben besser nicht geschrieben hätte.

Ich mag Dichter sind heilig und Klos sind dreckig, na und?!, das hat Lena mal gesagt, fand ich gut.

Ich mag jeden richtig gewählten Zeitpunkt, weil hinter jedem richtig gewählten Zeitpunkt mindestens sechzig falsche auf der Bank sitzen, die nur darauf brennen, endlich zum Einsatz zu kommen und den Gegner zu düpieren.

Ich mag Sätze, die einen anknallen wie erstklassiges Koks, die dampfen und zischen wie Brandzeichen, die aufbrausen wie Hitzköpfe, kurzum – die ein für alle Mal die Dinge auf einen magischen Nenner bringen, in schwarz geteerten Blockbuchstaben und mit doppeltem Ausrufezeichen:

SHINDIG!

Ich mag Litfasssäule, Tischfeuerwerk, NASA-Rakete.

Ich mag literarische Vergleiche, die ein paar Meter weit humpeln und mit schiefgelaufenen Absätzen mausetot zusammenbrechen.

Sie mag das Licht der ersten Frühlingstage, sie würde am liebsten den Pinsel rausholen und rüberlaufen an die Staffelei.

Tut sie auch. Ist ja klar.

Ich mag Neugeborene, sie sind so runzlig und krebsrot wie besoffene alte Männer, es ist ein verstörend schöner Anblick.

Ich mag es, Studenten beim Telefonieren im Intercity zu belauschen: „Wenn ich die nächste Klausur verscheisse, hab ich verkackt.. ja, endgültig.. ist so. Wenn ich ein verschissenes Gefühl hab, verkacke ich jedes Mal.. genau“, ohne mich umzudrehen. Bringt ja nichts. In diesem Falle.

Ich mag es, mein Leben als Glumm Revue passieren zu lassen, denn wo ich auch hinsehe, nichts als clevere Schachzüge, obwohl das Wort Glumm, veraltet, trübe bedeutet. Du trübest das Wasser mit deinen Füßen, und machest seine Ströme glumm, Ezech. 32, 2. (Ein anderes Wort ist das Meklenburgische Glumm, für ein unter der Asche glimmendes Feuer .)

„Ich mag es, am Abend im Bett zu liegen und meine Lieblingsserie zu gucken. Das ist das gleiche, als kämen gute Freunde zu Besuch, aber man kann sie leiser stellen, wenn sie nerven.“  – Die Gräfin –

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Ich mag es, meine eigene Soko zu sein. Ich wurde speziell zusammengestellt für mein eigenes Leben.

„Ich mag es nach dem Essen erstmal eine Weile blöd zu sein, weil der ganze Körper mit dem Verdauungsvorgang beschäftigt ist, inklusive Gehirn.“ – Die Gräfin –

Ich mag die Idee des Lebens, allein geboren zu werden, allein zu sterben, und zwischendurch trifft man ein paar Leute – wenn man Glück hat, nette.

Ich mag Jammern, Wehklagen und Meckern, und das ist erst der Anfang, das können wir Deutsche noch viel besser, und jetzt alle. (Man soll ja immer das tun, was man am besten kann.)

Ich mag Neugier als ersten Wohnsitz.

„Ich mag Obst und Gemüse vom Bauern nebenan, weil es die gleiche Luft atmet wie wir.“  (Die Gräfin)

Ich mag den gut strukturierten Muskelschlamm im Oberkörper von Iggy Pop und ich mag die roten Bäckchen im Kripogesicht meines alten Freundes Karlos, (du alte Tiefsee-Meduse, du Röhrenwurm!), die mich an romantisches Ballonglühen auf dem Flugplatzfest erinnern. (Sich umzubringen im Kreise seiner Freunde – was gibt es Größeres, solange es Freunde gibt.)

Ich mag es, wenn mich alle im Stich lassen, wenn keiner mehr an mich glaubt, wenn alle sagen, näh, dä Typ dä krisste wirklich nit mie hin, dann dauert es nicht mehr lange und ich kann kommen. (Eine Situation, die man gelegentlich künstlich herbeiführen muss, wenn es partout nicht anders geht.)

Was ich an Typen wie Donald Trump und Berlusconi mag, ist ihre kompromisslose „Ich kacke so viel in den Sandkasten, wie ich will!“-Haltung.

Ich mag Persischen Tee am Abend, danach bin ich richtig rollig geworden, wie eine Katze, die auf Baldrian schläft.

Ich mag es nicht zu scheißen und dann muss Hulk groß.

Ich mag achtlos weggeworfene leere Zipperbags, die überall herumliegen, mit winzigen Anhaftungen von selbstgezüchtetem, leichten, die Seele öffnenden Mariuhana und nicht diesen chemischen Pfusch aus niederländischen Krafthäusern. (Beim heutigen THC-Gehalt im Gras ähnelt Kiffen mehr einem Sturzbesäufnis als dem gemütlichen Ablachen früherer Zeiten.)

Ich mag Verlierer, ich hab ein Faible für Gesockse und andere verkommene Subjektive, ich mag skurrile Gewinner und weiteres Personal. Das muss nicht notwendigerweise skurrile Namen tragen, das ist nicht nötig. Die Leute können ruhig, sagen wir, Orion Specht heißen. Oder Herr Billwitz. Randolph Stuttgard. Kinkerlitzchen Carmichael. Donna Littchen. Batzen Dill. Alles kein Problem.

Siegesgewiss in die Schlacht ziehen und 0:10 auf die Mütze kriegen, das finde ich gut. Mit Mitte Vierzig vor lauter Lachen in die Hosen machen und dann mit kleinen Schritten nach Hause staksen, damit auch ja keinem der riesige Pissfleck ins Auge fällt, das geht in Ordnung. Sehr gut sind alle Sachen, die nicht so laufen wie geplant, die kommen immer gut. Nein, nicht immer, natürlich. Null zu zehn untergehen ist wahrlich kein Coup. Aber notwendig. Bisweilen.

Ich mag das Unterwegssein in der Welt, das Suchen, was gibt es schöneres, solange man es nicht findet.

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Wach werden und die Freundin pult dir im Auge herum, weil sie einfach mal nach dem Rechten sehen will, “wie es eigentlich dahinter aussieht, wenn du schläfst”, das tut weh, geht aber in Ordnung. Super Sache.

Steh ich jetzt nicht so drauf.

Den ganzen Tag mit dem Geschmack eines Traumes durch die Gegend laufen, mit dem man früh am Morgen wach geworden ist, an den man aber ansonsten keine Erinnerung hat, finde ich von der Atmosphäre her gelungen.

Ich liebe diese Szene im Finale der Fußballweltmeisterschaft 1986 in Mexiko-Stadt, als Diego Maradona nach einem gelungenen Sololauf abrupt stehen bleibt, sich bückt und den eigenen Füßen Szenenapplaus spendiert, eine tolle Szene, auch wenn anscheinend nur ich das gesehen hab am Fernsehapparat, niemand sonst.

Ich mag defekte Lämpchen in all dem Glitzer.

Ich mag es am Hintern einen Pickel wachsen zu lassen, damit er artgerecht rausgelutscht werden muss.

Ich mag es, zum Soundtrack eines Ballerfilms aus Hongkong rhythmisch korrekt mit dem Kugelschreiber zu quietschen.

Ich mag es neben Karlos an der Bar zu sitzen und blöde Sätze zu sagen wie „es wird immer härter, echt“, worauf Karlos trocken entgegnet, „soll es immer weicher werden oder wie?“

Ich mag es, früh am Tag die Haustüre zu öffnen und der Rubel rollt zur Stube hinein bis ich mit erstickender Stimme nöle, „is gut, Sergej..! Lass gut sein.”

Ich mag den Moloch New York mit all den vielen Schluchten, es ist der gelungene Versuch, den Grand Canyon in Glas und Beton nachzubauen.

Ich mag Leute, die gleichzeitig reden und rauchen können. Das sieht cool aus, wenn man etwas erzählt und dabei rotiert die Kippe wie ein qualmender kleiner Schraubenschlüssel. Mein alter Kumpel Pudding war ein Meister darin, ein Lucky Luke der alten Schule, ich weiss nicht, was mit ihm geschehen ist. Er läuft mir nicht mehr über den Weg, seit geraumer Zeit schon nicht mehr, Mensch, was ist bloß mit dem guten alten Pudding los..

Pudding, Susanne Eggert, 2007

Ich mag es, im Bus Platz zu nehmen und der Fahrer tut etwas, was ich lange nicht gehört habe: Er pfeift ein Lied. Er pfeift Volare, er pfeift es laut und vernehmlich, er pfeift die Sonne in den Bus. Nächste Station:

Hoffnung.

Ich mag lebenslänglich Klappehalten ohne Bewährung.

Ich mag Flure und Dielen, denn Flure und Dielen sind die Zwischenwelten einjeder Wohnung, es sind die Orte, wo die Ahnen um Mitternacht zusammenkommen und auf die Pauke hauen.

Ich mag Come as you are, die düstere Basslinie, die das Unheil ankündigt, Nirvana, du weißt schon.. Wenn einem in den Neunzigern etwas schlimmes widerfuhr, hatte man automatisch Come as you are im Kopf, die Hymne, das Unglück, die Verschmelzung von schwarzer Magie und Pech an vorderster Front.

Ich mag Schornsteine im Winter, aus denen der weiße Rauch aufsteigt, als habe jedes kleine Haus seinen eigenen Papst gewählt.

Ich mag dieses neue große superleichte Kopfkissen. Wenn ich in darin versinke, habe ich das Gefühl, adieu zu sagen.

Ich mag diesen russischen Gitarrenspieler in der Fußgängerzone, mit dem wir uns eine Weile unterhalten und am Ende sagt er zur Gräfin, „.. so Frau wie du kann man nicht mit Taschenlampe finden!“

Ich mag Gott. Ich weiß nicht, ob Gott existiert. Ich glaube nicht. Aber ich hätte es gern. Ich fände es besser, wenn es Gott gibt. Ich würde mich für einen Mann entscheiden, als Gott. Ein Mann mit kanariengelber Fliege. Keine Frau. Oder doch eine Frau, eine vornehme Frau mit teurem Zobel und ungeduldigen Fingerschnippen, wenn es ihr unten auf der alten Erde wieder einmal zu trödelig vonstatten geht. Zu wenig schick. Ist Gott aber ein Mann, was ich vermute, dann ist Gott Österreicher – ein österreichischer Metzger, 47 Jahre alt, der sein Stammcafe hat und ein gewaltiges Methadonproblem am Hals, er nuschelt ein wenig wie alle Wiener. Keine große Sache.

Gott eben.

Ich mag es, wenn die Gräfin im Dunkeln zu mir ins Bett steigt und den Fleck vom Kopfkissen schnippen will, doch der Fleck erweist sich als hartnäckig, er lässt sich nicht fortwischen, es ist ein sehr heller Fleck, natürlich! es ist das Mondlicht, das durchs Fenster fällt.

Ich mag die Liebe zum Detail, es ist wie ein zartes Hackebeil.

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Ich mag es, der Gräfin vom Einkauf eine Riesenextratüte Salzige Chips mitzubringen, wenn sie ihre Tage hat, Darling, deine Periodenkartoffeln! – logisch, ich meine, welche Frau würde das nicht mögen.

Ich mag es, wenn im Leben plötzlich etwas passiert, wofür man gar nichts kann, das ist schön.

Ich mag Menschen, dieses kurze Winseln im All.

Ich mag Magie, manchmal merke ich nichts davon.

Ich mag mein Zuhause. Männer sind immer nur so gut wie ihr Zuhause. Auch unterwegs, beim Zelten.

Ich mag kalte Wintertage, wenn Kondensstreifen kreuz und quer am eisig blauen Himmel stehen, wie Sirtaki tanzende, aus den Händen gefallene Schreibstifte.

Ich mag Gedanken, die durch den Kopf eilen wie Vagabunden.

Ich mag Menschen, in denen sich die Ruhe der ganzen Welt breit macht.

Ich mag es, wenn die Gräfin beim Sonntgagsspaziergang einmal mehr im Mittelpunkt meiner Öffentlichkeit steht und ich das Notizbuch so oft zücken muss, dass wir in zwanzig Minuten nicht einen Meter vorankommen, nur weil sie stets einen neuen Satz erfindet, den ich mir nicht entgehen lassen kann – beziehungsweise, ich wäre ja schön blöde.

Ich mag es, mitten in der Nacht die Brille aufzusetzen, damit ich was zu sehen kriege im Traum und nicht etwa jemanden grüße, den ich gar nicht kenne, womöglich.

Ich mag Tage, an denen ich an mir herunterschaue und denke, Junge, hast du große Füße heute.

An den Hundstagen mag ich solche Schlagzeilen:

Ich mag Männer im Unterhemd. Sie sind stets auf dem Sprung.

An späten Sommernachmittagen mag ich den Klang alter Propellerflugzeuge, die in dreihundert Metern Höhe träge ihre Runden drehen, weil es keinen Klang gibt, der die Hitze eines späten Sommernachmittags besser ausdrücken könnte.

Ich mag die Tatsache, dass einem die wichtigsten Dinge im Leben stets erst dann klar werden, wenn sie irgendwer beiläufig erwähnt.

Den ganzen Tag vor sich hinsummen, als habe man eine gut bestückte original Wurlitzer-Musikbox verschluckt – kann gut sein, muss nicht. Eine Innenstadt-Taube, die beschwipst durch die Fußgängeroase torkelt wie eine Weinkönigin – knorke, keine Frage. Schummrige Wangen bekommen, nur weil man dieses eine Wort hört, Marrakesch – Klasse. Oder Terpentin.

Gut finde ich auch die Einsamkeit, mit der manche Leute Dinge tun, die andere Leute nicht tun, nicht mal in Gesellschaft. Zum Beispiel: Heimlich ne Wolke essen. Macht satt, sieht gut aus.

Ich mag die Idee, dass das Leben eingeschnappt ist, wenn es ungehuldigt bleibt.

Ich mag es, wenn einem mitten im Pfiff die Luft ausgeht und man noch einmal ansetzen muss, weil einem danach vielleicht der Pfiff der Jahrhunderte gelingt, kann doch sein, wer weiß das schon.

Ich mag es, das Notizbuch eng am Mann zu führen wie in den Jugendtagen den Fußball.

Sachen, die die Gräfin sagt, finde ich per se nicht schlecht. Nein, sie hat keine Angst vor der Zukunft, sagt sie, auch nicht vor der Gegenwart. “Ich hab Angst vor meiner Vergangenheit.” Ich schreibe den Satz auf. Es sind drei Sätze. Was meint sie damit? Ich weiß es nicht genau. Ich frage sie nicht. Sie hat es schon mehrfach gesagt. Lassen wie es doch so stehen.

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Ich mag es, Junkies in der Stadt zu begegnen, das ist immer ein bisschen wie früher auf dem Schulhof, wenn wir Fußballbildchen tauschten. Erstmal zeigen!

Außerdem mag ich: Doppelpunkte. Ein Doppelpunkt hat etwas Militärisches, hat etwas von Krieg, von STILL GESTANDEN! Das ist manchmal nötig, auch wenn es keinem gefällt.

Ich mag Mütter, denen klar geworden ist, dass sie idiotische Söhne in die Welt gesetzt haben, doch was sollen sie tun, die Pille für 20 Jahre danach ist weiterhin nicht in Sicht.

Ich mag es, wenn jemand ein Schoss raus hat, die Hochparterre und die zweite Etage incl. Sonnen-Loggia, es hängt alles reichlich schief im Wind.

Ich mag die große linke Tour, weil kleingedruckt lügen lohnt nicht.

Ich mag Geschichten vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus, ich mag Geschichten vom schneidigen Supervogel Pubertät und der alten Krähe Erwachsenwerden.

Ich mag die ewige Suche nach dem angenehmsten Zustand, keine Frage, das Optimum sollte es schon sein, was soll es denn sonst.

Ich mag es, aus dem Schatz zu schöpfen, ohne ihn ganz und gar zu heben.

Ich mag es im Herbst aus der Haustüre zu treten und von einem Geruch empfangen zu werden, als habe ein dicker Hund Gold gefrühstückt und in der Folge mehrfach aufgestoßen.

Ich mag den Anblick 16jähriger Jungs, das blonde Haar auf struppig gegelt. Sie sehen aus, als wären sie eingefroren in einer Windböe.

Ich mag den fröhlichen Friedhof von Sapanta in Rumänien in der Region Maramures, wo auf Grabkreuzen Bildergeschichten an das Leben der Toten erinnern. Die Bilder werden gemalt und geschnitzt, und der Dorf-Schnitzer sagt: „Ich liebe alle Menschen. Die guten und die schlechten.“ So soll es sein. Danke dafür.

 Ich mag den Trommelwirbel in Hound Dog von Presley, ich mag guten alten Rock’n Roll. Ich mag schon seit langer Zeit Curtis Mayfields People get ready in diversen Versionen und bin stolz darauf, dass es die Urversion der Impressions auf Rang 24 der 500 Greatest Songs of All Time geschafft hat, gewählt vom Rolling Stone.

Ich mag es den Hund im Wald auszutricksen, indem ich einen Stöckchenwurf nach links antäusche, den Übersteiger bringe, in falschen Zungen rede und dabei vergesse, was ich dem Hund eigentlich sagen wollte.

Ich mag es eine Dose Bier aufzureissen und eine schöne Frau guckt mir dabei zu.

Was ich nicht mag ist Wohlstand, der macht gehässig, und Pillen, die man einnimmt und ist satt für ein Jahr. (Kommt bald.)

Außerdem mag ich es, so lange wie möglich zu existieren, ohne durchzudrehen.

Und ich mag Sommerpause.

Klage

ich habe einen bekannten, der ist ein schwieriger mensch. er passt in keine community, er würde sich wahrscheinlich anpassen, wenn er könnte, aber er kann nicht. seine texte sind gut, aber er ist im herkömmlichen sinne wenig präsentabel. seine ansprüche sind hoch, daran wird er vermutlich scheitern. FUCK KULTURINDUSTRIIE: die selbst dort wirksam ist, wo sie sich als industrie kaum zu erkennen gibt.

Nijmegen

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In Nijmegen lassen sich, über die Stadt verteilt, aus verschiedenen Anlässen offiziell applizierte Gedichte entdecken. Nicht so viele wie in Leiden, wo über hundert muurgedichten als integraler Bestandteil des öffentlichen Raums fungieren. Aber doch eine erstaunliche Anzahl: die ersten drei fielen uns bei der Anreise mit dem Bus von Emmerich ins Auge. In einem Schaufenster bei einer Bushaltestelle war großflächig die “Route Brandhaarden Bombardement Nijmegen 22 Feb 1944″ annonciert, mit Begehungsplan und drei Gedichten, die auf das Ereignis Bezug nehmen. Die Bombardierung der Stadt, die an die 800 Menschenleben kostete, ging von amerikanischen Lufteinheiten aus, die Nijmegen mit der deutschen Nachbarstadt Kleve verwechselten.

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Ein Gedicht von Victor Vroomkoning ist auf einer Wandtafel an der Außenmauer der Stevenskerk anzutreffen. Es stellt den heldenhaften Widerständler “tegen een onmenselijke staat” als nachtaktiven, namen- und gesichtslosen Maulwurf dar, der sich selbst keinesfalls als Held versteht, dieweil er sein Leben für die Freiheit der Stadt einsetzt.

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Mit Mariken van Nieumeghen befaßt sich das Gedicht des Belgiers Louis Paul Boon, der zu den bedeutendsten Autoren niederländischer Sprache der Neuzeit gezählt wird. Mariken ist eine aus dem Mysterienspiel (hier der vollständige Text) bekannte Figur der Stadtgeschichte aus dem frühen 16. Jahrhundert. Nach einer Kränkung, die ihr zuteil wurde, verschreibt sich Mariken dem Teufel und sündigem Lebenswandel. Später findet sie auf den christlichen Weg zurück. Heute stehen gleich zwei Mariken-Skulpturen in der Nijmeger Innenstadt.

nijmegen_spielplatz

“wij willen een handvol kinderen, wijn, en / een speelplaats flink door de zon afgerost” (Gedichtzeilen an einer Spielplatzmauer von Hans Lodeizen)

Schriftstellern à la carte

Ich bin schon öfter mal gefragt worden, ob ich einen Text bereits vor dem Schreiben im Kopf habe, also schon weiß, was er quasi beinhaltet und wie er geschrieben zu sein hat. Daraufhin sage ich, es gäbe zwei Arten von Schriftstellern, nämlich einmal die, die tatsächlich den Text dann so schreiben, wie sie ihn konzipiert haben, zum anderen aber diejenigen, die von einer Idee ausgehend es sich (umständlich) entwickeln lassen. Ich gehöre ohne Zweifel zu der Art, die es sich entwickeln lassen, auch und besonders in bezug auf die Personen im Text, die ich somit eben nicht vollständig im Griff haben kann. Eine andere Frage, die man mir häufig stellt ist die, ob ich Personen und Ereignisse aus dem wahren, nicht zuletzt meinem Leben nehme, also imgrunde über mich selbst als Mittelpunkt und die mir Nächsten schreibe. Diese Frage musste ich bisher mit einem klaren Nein beantworten, was auch nicht dadurch an Gültigkeit verliert, dass die mir Nächsten durchaus das in meinen Texten erkennen können, was tatsächlich auf irgendeine Weise meinem Leben entnommen ist, meine Ängste, Intimitäten, Lüste und Erfahrungen, die aber, und das ist der Punkt, ebenso auch sich hätten entwickeln können aus einer der Personen im Text, die alle nicht Ich sind. Wäre letzteres, die Selbstentwicklung der Personen im Text also, nicht der Fall, wäre eine solche, von mir selbst angereicherte, mir selbst quasi entsprechende Person trotz allem eine Art „dumme Leiche“, also laut Jean Paul ein Text-Jemand, der im Schreiben nicht lebendig wird und eben deswegen nicht selbst entscheidet, ob er oder sie Ja oder Nein sagt, was dann der Autor zu übernehmen hätte mit der Folge, normative Ichs erschaffen zu haben. Aber nehmen wir mal an, ich beschlösse, ausdrücklich über mich zu schreiben, so hätte ich ja zum einen den Ausgangspunkt (sagen wir mal vereinfacht) meiner Geburt, und zum anderen meinen Jetztzustand, mein heutiges Selbst, klar vor Augen, welches ich nun also in ein literarisches, poetisches Ich zu verwandeln habe, obwohl ich also weiß, was ich als das Ich im Text tue, denke oder sage. Daraus folgte dann, dass ich so zu arbeiten hätte wie Schriftsteller, denen ich oben Erwähnung tat, die nämlich das Werk quasi schon im Kopf haben und sich gleichsam abschließend daransetzen, es zu Papier zu bringen, die aber zugleich auch Handlung und Personen (einschließlich ihrer selbst) aus dem eigenen Leben rekrutieren und so also ausdrücklich über sich schreiben, woraus in meinem Falle abzuleiten wäre, dass ich im Gegenteil und im Widerspruch zu dem von mir Behaupteten dann qua eigener Entscheidung zu der Art von Schriftstellern zu zählen wäre, die alles eben schon vorher wissen und die im wesentlichen aus dem eigenen Leben schöpfen. Da ich das aber vehement bestreite, ändere ich meine oben geäußerte Ansicht und sage, es gibt letztlich nur eine Art von Schriftstellern, nämlich die, die Geschichten schreiben, und die einzige Frage, die dann noch zu stellen und zu beantworten wäre müsste die sein, ob es sich dabei um gut oder um schlecht erzählte Geschichten handelt – aber das möge jeder Leser und jede Leserin doch bitteschön für sich selbst entscheiden. Hugh, ich habe gesprochen!

Norbert W. Schlinkert, zwei Autoren, davon einer doppelt

im warenhaus

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marimba : 0.02 – Am Abend im Waren­haus beob­achte ich einen klei­nen Jun­gen. Er springt in einer War­te­schlange vor einer Kasse herum und lacht und ver­dreht die Augen. Weil sich auf dem För­der­band vor der Kasse Milch­fla­schen, Corn­flakes­schach­teln, Rei­stü­ten sowie zwei Honig­me­lo­nen befin­den, kann der Junge den Mann, der an der Kasse seine Arbeit ver­rich­tet, zunächst nicht sehen. Bei dem Mann han­delt es sich um Javuz Aylin, er ist mit­tels eines Namens­schild­chens, das in der Nähe sei­nes Her­zens ange­bracht wurde, zu iden­ti­fi­zie­ren. In die­sem Moment der Geschichte erhebt sich Herr Aylin ein wenig von sei­nem Stuhl, um neu­gie­rig  über die Waren hin­weg zu spä­hen, ver­mut­lich des­halb, weil der Haar­schopf des Jun­gen mehr­fach in sein Blick­feld hüpfte. Da ist noch ein zwei­ter Haar­schopf an die­sem Abend im Waren­haus in nächs­ter Nähe, schwar­zes, locki­ges Haar, es ist der jün­gere Bru­der des Jun­gen, der in weni­gen Sekun­den zu dem Kas­sie­rer spre­chen wird, beide Kin­der sind sich so ähn­lich als seien sie Zwil­linge, ein gro­ßer und ein klei­ner Zwil­ling. Gleich hin­ter den Buben war­tet die Mut­ter, sie lächelt wie sie ihre Kin­der so fröh­lich her­um­tol­len sieht. Die junge Frau trägt ein sehr schön bun­tes Kopf­tuch, ich stelle mir vor, sie könnte in Marokko gebo­ren wor­den sein, kräf­tig geschmink­ter Mund, herr­li­che Augen. Plötz­lich sind die Waren auf dem För­der­band ver­schwun­den, der ältere der bei­den Jungs betrach­tet auf­merk­sam das Gesicht des Kas­sie­rers Aylin, der müde zu sein scheint. Er hält dem Jun­gen ein Päck­chen mit Sam­mel­bil­dern zur Euro­pa­meis­ter­schaft ent­ge­gen, außer­dem ein zwei­tes Päck­chen für den klei­ne­ren Bru­der, der immer noch hüpft, weil er gerade eben doch noch zu klein ist, um über das Band selbst hin­weg spä­hen zu kön­nen. Oh, danke, sagt der Junge zu Herrn Aylin. Er schaut kurz zur Mut­ter hin­auf, die nickt. Ich habe schon fast alle Kar­ten, fährt er fort, die deut­sche Mann­schaft ist kom­plett. Er macht eine kurze Pause. Ich bin näm­lich Deut­scher, sagt der Junge mit kräf­ti­ger Stimme, auch mein Bru­der ist Deut­scher. Wie­der schaut er zu Mut­ter hin, und wie­der nickt die junge Frau und lacht. Bist Du auch Deut­scher, fragt der Junge Herrn Aylin. Der schüt­telt jetzt den Kopf und schnei­det eine freund­li­che Gri­masse. Der Junge setzt nach: Ach so! Warum nicht? Aber da ist er, ehe Herr Aylin ant­wor­ten kann, mit sei­nem klei­nen Bru­der und sei­nen Sam­mel­bil­dern bereits irgendwo hin­ter der Kasse ver­schwun­den, so dass sich ihre Mut­ter beei­len muss, um sie nicht aus den Augen zu ver­lie­ren. – stop
ersteseite

Tact

der Regen, hochkonzentriert, tritt auf, tritt Tropfen in dich, eine Art saurer Brause

du siehst Aldi aus, fühlst dich aber Aldebaran

der Regen versammelt den Stamm, Laubbläser, Logos, Warane zum gemeinsamen Stampfen

Ampeln und dich schlägt er ein in fette Amplituden

und stampft sein Regelwerk, der Regen, ins offne Gelass, in deine Omme nämlich, Baffi, Blubbi, Bonje, Nischel, Nüschel

*plmplm*