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Inhalt 02/2016

Die Lesezeichen-Ausgabe 02/2016 erschien am 11. Juli 2016.

In dieser Ausgabe:

Molly Bloom und ein Glas voller Luft, saure Brause für den Schlaf des Wissens, Jean Pauls Text-Jemand, Victor Vroomkoning und Louis Paul Boon, das Ich als DJ und seine Sam­mel­bil­der, Bergbäche, Schluchten und die Romane Mary Wesleys, Rap-Workshops in einem Café in Friedenau, die Kulturindustrie und zwei Gläschen Ninno-Wein, unbekannte Musen in Besitzstandswahrungsgesellschaften, Leszek Możdżer, Iiro Rantala, Michael Wollny und Maria Callas … uvm.

INHALT:

Nijmegen

nijmegen_bombardement

In Nijmegen lassen sich, über die Stadt verteilt, aus verschiedenen Anlässen offiziell applizierte Gedichte entdecken. Nicht so viele wie in Leiden, wo über hundert muurgedichten als integraler Bestandteil des öffentlichen Raums fungieren. Aber doch eine erstaunliche Anzahl: die ersten drei fielen uns bei der Anreise mit dem Bus von Emmerich ins Auge. In einem Schaufenster bei einer Bushaltestelle war großflächig die “Route Brandhaarden Bombardement Nijmegen 22 Feb 1944″ annonciert, mit Begehungsplan und drei Gedichten, die auf das Ereignis Bezug nehmen. Die Bombardierung der Stadt, die an die 800 Menschenleben kostete, ging von amerikanischen Lufteinheiten aus, die Nijmegen mit der deutschen Nachbarstadt Kleve verwechselten.

nijmegen_maulwurf

Ein Gedicht von Victor Vroomkoning ist auf einer Wandtafel an der Außenmauer der Stevenskerk anzutreffen. Es stellt den heldenhaften Widerständler “tegen een onmenselijke staat” als nachtaktiven, namen- und gesichtslosen Maulwurf dar, der sich selbst keinesfalls als Held versteht, dieweil er sein Leben für die Freiheit der Stadt einsetzt.

nijmegen_mariken

Mit Mariken van Nieumeghen befaßt sich das Gedicht des Belgiers Louis Paul Boon, der zu den bedeutendsten Autoren niederländischer Sprache der Neuzeit gezählt wird. Mariken ist eine aus dem Mysterienspiel (hier der vollständige Text) bekannte Figur der Stadtgeschichte aus dem frühen 16. Jahrhundert. Nach einer Kränkung, die ihr zuteil wurde, verschreibt sich Mariken dem Teufel und sündigem Lebenswandel. Später findet sie auf den christlichen Weg zurück. Heute stehen gleich zwei Mariken-Skulpturen in der Nijmeger Innenstadt.

nijmegen_spielplatz

“wij willen een handvol kinderen, wijn, en / een speelplaats flink door de zon afgerost” (Gedichtzeilen an einer Spielplatzmauer von Hans Lodeizen)

Schriftstellern à la carte

Ich bin schon öfter mal gefragt worden, ob ich einen Text bereits vor dem Schreiben im Kopf habe, also schon weiß, was er quasi beinhaltet und wie er geschrieben zu sein hat. Daraufhin sage ich, es gäbe zwei Arten von Schriftstellern, nämlich einmal die, die tatsächlich den Text dann so schreiben, wie sie ihn konzipiert haben, zum anderen aber diejenigen, die von einer Idee ausgehend es sich (umständlich) entwickeln lassen. Ich gehöre ohne Zweifel zu der Art, die es sich entwickeln lassen, auch und besonders in bezug auf die Personen im Text, die ich somit eben nicht vollständig im Griff haben kann. Eine andere Frage, die man mir häufig stellt ist die, ob ich Personen und Ereignisse aus dem wahren, nicht zuletzt meinem Leben nehme, also imgrunde über mich selbst als Mittelpunkt und die mir Nächsten schreibe. Diese Frage musste ich bisher mit einem klaren Nein beantworten, was auch nicht dadurch an Gültigkeit verliert, dass die mir Nächsten durchaus das in meinen Texten erkennen können, was tatsächlich auf irgendeine Weise meinem Leben entnommen ist, meine Ängste, Intimitäten, Lüste und Erfahrungen, die aber, und das ist der Punkt, ebenso auch sich hätten entwickeln können aus einer der Personen im Text, die alle nicht Ich sind. Wäre letzteres, die Selbstentwicklung der Personen im Text also, nicht der Fall, wäre eine solche, von mir selbst angereicherte, mir selbst quasi entsprechende Person trotz allem eine Art „dumme Leiche“, also laut Jean Paul ein Text-Jemand, der im Schreiben nicht lebendig wird und eben deswegen nicht selbst entscheidet, ob er oder sie Ja oder Nein sagt, was dann der Autor zu übernehmen hätte mit der Folge, normative Ichs erschaffen zu haben. Aber nehmen wir mal an, ich beschlösse, ausdrücklich über mich zu schreiben, so hätte ich ja zum einen den Ausgangspunkt (sagen wir mal vereinfacht) meiner Geburt, und zum anderen meinen Jetztzustand, mein heutiges Selbst, klar vor Augen, welches ich nun also in ein literarisches, poetisches Ich zu verwandeln habe, obwohl ich also weiß, was ich als das Ich im Text tue, denke oder sage. Daraus folgte dann, dass ich so zu arbeiten hätte wie Schriftsteller, denen ich oben Erwähnung tat, die nämlich das Werk quasi schon im Kopf haben und sich gleichsam abschließend daransetzen, es zu Papier zu bringen, die aber zugleich auch Handlung und Personen (einschließlich ihrer selbst) aus dem eigenen Leben rekrutieren und so also ausdrücklich über sich schreiben, woraus in meinem Falle abzuleiten wäre, dass ich im Gegenteil und im Widerspruch zu dem von mir Behaupteten dann qua eigener Entscheidung zu der Art von Schriftstellern zu zählen wäre, die alles eben schon vorher wissen und die im wesentlichen aus dem eigenen Leben schöpfen. Da ich das aber vehement bestreite, ändere ich meine oben geäußerte Ansicht und sage, es gibt letztlich nur eine Art von Schriftstellern, nämlich die, die Geschichten schreiben, und die einzige Frage, die dann noch zu stellen und zu beantworten wäre müsste die sein, ob es sich dabei um gut oder um schlecht erzählte Geschichten handelt – aber das möge jeder Leser und jede Leserin doch bitteschön für sich selbst entscheiden. Hugh, ich habe gesprochen!

Norbert W. Schlinkert, zwei Autoren, davon einer doppelt

im warenhaus

9

marimba : 0.02 – Am Abend im Waren­haus beob­achte ich einen klei­nen Jun­gen. Er springt in einer War­te­schlange vor einer Kasse herum und lacht und ver­dreht die Augen. Weil sich auf dem För­der­band vor der Kasse Milch­fla­schen, Corn­flakes­schach­teln, Rei­stü­ten sowie zwei Honig­me­lo­nen befin­den, kann der Junge den Mann, der an der Kasse seine Arbeit ver­rich­tet, zunächst nicht sehen. Bei dem Mann han­delt es sich um Javuz Aylin, er ist mit­tels eines Namens­schild­chens, das in der Nähe sei­nes Her­zens ange­bracht wurde, zu iden­ti­fi­zie­ren. In die­sem Moment der Geschichte erhebt sich Herr Aylin ein wenig von sei­nem Stuhl, um neu­gie­rig  über die Waren hin­weg zu spä­hen, ver­mut­lich des­halb, weil der Haar­schopf des Jun­gen mehr­fach in sein Blick­feld hüpfte. Da ist noch ein zwei­ter Haar­schopf an die­sem Abend im Waren­haus in nächs­ter Nähe, schwar­zes, locki­ges Haar, es ist der jün­gere Bru­der des Jun­gen, der in weni­gen Sekun­den zu dem Kas­sie­rer spre­chen wird, beide Kin­der sind sich so ähn­lich als seien sie Zwil­linge, ein gro­ßer und ein klei­ner Zwil­ling. Gleich hin­ter den Buben war­tet die Mut­ter, sie lächelt wie sie ihre Kin­der so fröh­lich her­um­tol­len sieht. Die junge Frau trägt ein sehr schön bun­tes Kopf­tuch, ich stelle mir vor, sie könnte in Marokko gebo­ren wor­den sein, kräf­tig geschmink­ter Mund, herr­li­che Augen. Plötz­lich sind die Waren auf dem För­der­band ver­schwun­den, der ältere der bei­den Jungs betrach­tet auf­merk­sam das Gesicht des Kas­sie­rers Aylin, der müde zu sein scheint. Er hält dem Jun­gen ein Päck­chen mit Sam­mel­bil­dern zur Euro­pa­meis­ter­schaft ent­ge­gen, außer­dem ein zwei­tes Päck­chen für den klei­ne­ren Bru­der, der immer noch hüpft, weil er gerade eben doch noch zu klein ist, um über das Band selbst hin­weg spä­hen zu kön­nen. Oh, danke, sagt der Junge zu Herrn Aylin. Er schaut kurz zur Mut­ter hin­auf, die nickt. Ich habe schon fast alle Kar­ten, fährt er fort, die deut­sche Mann­schaft ist kom­plett. Er macht eine kurze Pause. Ich bin näm­lich Deut­scher, sagt der Junge mit kräf­ti­ger Stimme, auch mein Bru­der ist Deut­scher. Wie­der schaut er zu Mut­ter hin, und wie­der nickt die junge Frau und lacht. Bist Du auch Deut­scher, fragt der Junge Herrn Aylin. Der schüt­telt jetzt den Kopf und schnei­det eine freund­li­che Gri­masse. Der Junge setzt nach: Ach so! Warum nicht? Aber da ist er, ehe Herr Aylin ant­wor­ten kann, mit sei­nem klei­nen Bru­der und sei­nen Sam­mel­bil­dern bereits irgendwo hin­ter der Kasse ver­schwun­den, so dass sich ihre Mut­ter beei­len muss, um sie nicht aus den Augen zu ver­lie­ren. – stop
ersteseite

Tact

der Regen, hochkonzentriert, tritt auf, tritt Tropfen in dich, eine Art saurer Brause

du siehst Aldi aus, fühlst dich aber Aldebaran

der Regen versammelt den Stamm, Laubbläser, Logos, Warane zum gemeinsamen Stampfen

Ampeln und dich schlägt er ein in fette Amplituden

und stampft sein Regelwerk, der Regen, ins offne Gelass, in deine Omme nämlich, Baffi, Blubbi, Bonje, Nischel, Nüschel

*plmplm*

Variation auf ein Thema von Schrödinger

Der Tag räuspert sich
fortwährend, hält
aber keine Rede.
Das Glas, das Glas
ist voller Luft,
ich nehme einen Schluck
aus der Zeitung,
in der ein Fisch
von Meldung zu Meldung
schwimmt. Es grenzt
an Zensur und
Zauberei, Teil

der Lösung zu sein
und Teil des Problems.
Das Wetter von morgen
ist der Katzenzustand
von heute. Für alles

ist der Tag zu haben,
der Tag merkt sich jeden
Hokuspokus.

40/16 – Ein Baum unter Bäumen


Meditationen über die Sprache Himmel. Schlaf des Wissens. Kreuzpunkte. Ein Engel. Stille. Quelle der Sprache. Ein Blick in eine noch formlose Substanz.

Gestalten. Über den Feldern in den Bäumen. Seelen. Sie streuen Sand unter die Füsse. In die Kelche der Blumen. Sie legen ihn unter die Flügel der Käfer. Spielen farbige Partikel zwischen die Gläser und Teller, in das Blättern der Buchseiten. Dort fallen sie in ihren Schlaf. Sie träumen ihre Träume. Sie erscheinen. Namen. Sie weinen um Worte. Diese, die sich im Dickicht verfangen. Erde und Wasser und Feuer und Luft. Sie wachsen in ihr Sterben. Sie wachsen jenseits. Sie reichen ihre Arme. Sie ziehen den Himmel hinab. Die Sonne glüht. Ich bin dort gegangen. Ich kehre dort hin zurück. Oder an eine andere Stelle vielleicht. Winde heben von Zeit zu Zeit die Tücher.

ja, tapfer sein

„ja, ich will, ja!“ (molly bloom, „ulysses“)

ja, ich bin tapfer, will es immer sein,
und ausgezehrt dann, wenn es nötig ist.
ich werde meine mädchen(männer) abseits frei’n,
in not und tod und dichterischer list.

ja, ich bin samisdat, in dem gericht
das ende allen anfangs, euch verzicht,
werd’ ich euch üben und auch ewig sein.
ich bleib’ euch groß und dicht und dazu klein.

ja, wär’ ich das, was ihr mir anvermutet,
ich würde schreiben euch hinein den reim,
der sich in das geheuer heim verblutet.

ja, wo ich bin euch, was als trautes sein
erschiene, bin ich fremd und so begutet
als dichter, der euch schoss die verse rein.

novela corta #105

graphic novel von katharina vasces und dem kobboi - landschaft schlucht gondo simplon

die erinnerung ist immer noch da und der kobboi glaubt sich hier immer noch auszukennen, trotzdem beginnt er zu zweifeln. ob er hier wieder den weg zum meer finden wird, denn so manches hat sich verändert. seine bilder im kopf können der realität nicht immer standhalten.
er träumt von der insel und das rauschen des bergbaches in der schlucht erinnert ihn an das meer.