Archiv der Kategorie: Ausgabe 03/2016

BURKA

Dieses komplett verhüllte Gedicht
gestattet allein einen Blick auf die Form,
auf das Alliterationsgitter
vor seinem Antlitz. Ob die Sprache
grob oder fein gewebt ist,
lässt sich auf diese Entfernung
nicht wirklich erkennen.

Dieses Gedicht huscht nur kurz vorbei,
es lässt sich bloß vermuten
ob es drunter enge Hotpants
oder romantische Spitze trägt,
und vielleicht ist es ja auch keine Frau,
vielleicht gehört es ja verboten
weil es möglicherweise sehr bald schon
eine Bombe hochgehen lässt,
die den ganzen Betrieb erschüttert.

„Gorillas in unserer Mitte“

Die Elbe schaukelt langsam den Tag
in den Schlaf oder sie wägt eine Idee
ab, die ihr eben auf der Welle lag
und in den Sand fiel: endlos viele
Universen aus Körnern, ein Gries
aus Plastik, allmählich zerschliffen.
Im Abenddämmern der Containerriese,
sprengt die Vorstellung von Schiffen;
wie ein Opernhaus an der Skelettküste.
Noch nicht im Bild sind tanzende Affen,
als erwarteten die Sinne einen Test:
Aufmerksamkeit ist nach oben offen.
Da, Klaus’ Kopf, maskiert als Kiesel.
Einst wogten hier Seegraswiesen.

52/16 – Paris-le longe du chemin sur la rive

Überlegungen und Berechnungen der Weiterarbeit: Die Poesie der Dinge. Die Nüchternheit ihrer Beschreibung? Das Bildhafte und das Bildlose. Vielleicht einfach Klang. Ohne Erklärung. Ohne etwas. Ohne etwas anderes zu sein, wie das, was sie ist. Zeit in ihrer Zeitgleiche. Eine Art Ansicht. Eine, vor sich stehende Voraussicht. Die Beachtungen. Betrachtungen offenlassen. Die Spiegelungen dessen, was ich sehe im Spiegel dessen, was ich nicht sehe. Eine Wechselwirkung? Eine Wechselwirkung der Wechselwirkung einer Welt. Eine Verbindlichkeit. Ein Glück. Ein Dialog. Eine Gravur. Eine Gravur von Schwingungen. Leere. Inhaltlich ein energetisches Feld. Augenblick.

Stille. Ein Fluss. Friedlich zieht er dahin. Und Ufer = 1 und alles “0″ und so weiter= erzählen. Unerklärlich / 111 + erschafft, was es wird: Y: Zeichen und Zahl = in ihm x Wort, unendlich == Klang und Welt, Quelle und +V+ aufsteigend und ^ abfallend = -Dimensionen-, zurückkehrend % , und Atem &, im Grossen 0, Atem o, das Pendel Zeit ?, in einem Bogen () = 3x unendlich, Teil, % Zentrum “q”. die Achse *!*, Möglichkeiten unendlicher und endlicher Formel @ und so weiter…

Das Echo einer Wirklichkeit. Es liegt eine Verlorenheit vor mir. Im Gefundenen selbst. Verschoben. Zielstrebig überquere ich Brücken und Strassen, Vorhaben und Pläne, Ansichten und Einsichten. Es ergibt eine Parallele. Alleen habe habe ich gepflanzt. Alleen meiner selbst. Mit Ansichten und Aufsichten, Fortsetzungen und Anfängen, aber keine Geschichte. Ich fliege nicht mit der Erinnerung. Weit liegt Sie vor mir, mit ihren Zeilen, Wolken, Brücken, Flussrichtungen, Kreuzungen, Kaminen, Fenstern, Menschen, Gesten, Sprachen. Hier vernehme ich dich. Tauben fliegen auf, Worte, die Zeit, Spiegelungen. Ich bleibe sitzen. Das Gedächtnis geht weiter, hinter mir, voraus. Les Fleurs.

Die Suche nach der Form, der Raum bleibt.

mal wieder etwas nach Keith Waldrop

aus: Die Gestalt der Brücke (dt. von J.K.)

IV

Sie erzählte ihm was, egal was, erzählte eine Episode aus ihrem früheren Leben, in jeder Kleinigkeit. Dann sagte sie:

Was ich dir erzählt habe, erzählte ich noch keinem. Da kannst du mal sehen, dass…“

Die Geschichte wurde zögernd erzählt, mit Unterbrechungen. Jetzt wo alle Zweifel Vergangenheit sind, ist jedes Hindernis überwunden.

Da siehst du, dass ich dich liebe.“

Er fühlte sich in dieser Welt weniger aufgestellt, als gestrandet.

Was er zu Bewusstsein brachte — seine Wünsche, seine Wüste – was er auch anfertigte, in den Blick zog, anzog, der Gedanke, den er jetzt dachte, es war alles schon hier, ungedacht.

Unwiderruflich auf dem Tablett, gerade im Moment, da er es im Set auftauchen sieht.

Er ist ruhig trotz des himmlischen Affentanzes — DONNER UND BLITZ – und des irdischen Aufruhrs.

Er stellt sich eine Diskussion vor zwischen Hebräischen Propheten, die kein Wort für Körper haben, und Babylonischen Astrologen, denen das Wort für Mond fehlt.

Oder eine Kontroverse darüber, ob Gott zuerst die linke oder rechte Hand gemacht hat.

Jeder Stuhl hier hat ein zerfetztes Polster, eine zerbrochene Lehne oder ein schiefes Bein. Alle Türknäufe sind weg und die Fenster klappern.

Er hat sein Vertrauen in das Adagio gelegt, ein langsamer Fortschritt durch die Apotheose. Ein zarter leuchtender Brei, windbenetzt, überhaucht – die Blätter üppig in Licht getaucht, als gäbe es dies ohne Kampf.

V

Ich erwache plötzlich und stelle erst einmal fest, dass ich nicht mehr schlafe – dass keine Stille herrscht – dass mich ein Klang geweckt hat, ein ganz besonderer Klang, vertraut und doch überraschend.

In Paris, wie in anderen europäischen Städten, gibt es in Bussen ein ganz bestimmtes System der Bezahlung: man steckt seinen Fahrschein in den Rachen eines Entwerters, einer Maschine also, die den Fahrschein nicht nur locht, sondern auch Datum und Zeit aufstempelt. Wenn ein Kontrolleur in den Bus kommt, und man hat keinen Fahrschein mit den richtigen Datum, dann setzt es Ärger.

Dieses Entwerten macht großen Krach.

Aber die Maschine macht noch ein anderes Geräusch: sie hat eine eingebaute Uhr, die gelegentlich vorrückt, und ohne dass jemand ein Ticket einführt, ohne dass jemand sich zwangsläufig in der Nähe des Kastens aufhält, deutlich ein maschineller Ton erklingt – nicht wie wie beim Entwerten, sondern heller, dumpf zwar auch, aber etwas weniger dumpf.

Es ist dieses Geräusch, genau dieses Geräusch, das mich just in Providence, an einem ruhigen Morgen, weckt und irritiert.

Arnos Beeren

„Am Anfang zerstörte sein Arsch die erste Zelle.“

Das war der Satz, mit dem mich der Kurator, von der gegenüberliegenden Straßenseite aus auf meine wechselnd, begrüßte. Er wies mit der Hand auf den Vorplatz, wie um ihn zu segnen.
Wir standen am Eingang; auch ich war eben erst eingetroffen. Eine Messingplatte, rechts von uns in Augenhöhe an den schmiedeeisernen Vierkantstäben befestigt, die die Einfassung des Geländes bildeten, zeichnete den Ort als Gedenk- und Begegnungsstätte Arno Schmidt aus. Die Platte war seit längerem nicht poliert worden.
Ich sah zum Gebäude.
„- Die erste Zelle?“
„Ja.“
Gesprächig war er nicht.
„Man kommt kaum hinein, ohne sie zu zerstören“, bemerkte ich. „Die Instandhaltung muss aufwändig sein.“
Er nickte. Noch immer hatten wir keinen Schritt getan.
Die Witterung mehrerer Jahrzehnte hatte auf dem großen Vorplatz ihre Spuren hinterlassen, unzählige tiefe Risse durchzogen die von der Sonne gebleichte Asphaltdecke. Weder Pflanzen noch Tröge, Skulpturen oder Springbrunnen lenkten den Blick des Besuchers vom Boden ab, der Platz war komplett leer. So musste jeder Gast bereits vom Eingangstor aus das Ausmaß der Aufgabe zur Kenntnis nehmen, der sich die Hüter der Institution täglich gegenübersahen.

In jeden Riss, jede Spalte der Asphaltdecke waren reife Erdbeeren gesteckt. Mit der Spitze nach oben.
Nicht gedrückt, dachte ich. Gesteckt. Jede einzeln. Große Erdbeeren für große Spalten, kleine für kleine, säuberlich nebeneinander, bis der Spalt gefüllt ist. Bis jeder Spalt gefüllt ist.
Der Kurator räusperte sich.
Ich wandte den Blick von den Früchten und sah ihn an.
„Es kommen zu viele Stipendiaten in letzter Zeit. Vor allem männliche“, sagte er.
„Das erhöht den Aufwand sehr, nicht wahr?“
„Ungemein“, bestätigte er. „Wollen wir gehen?“
Ich mochte aber nicht.
„Hat er sich draufgesetzt? Auf eine Erdbeere?“, fragte ich. „Schmidt?“
Der Mann nickte.
„Bei der Einweihung?“
Erneutes Nicken.
„Oje. Und seitdem – ?“
„Wir tun, was getan werden muss.“
Der Kurator nahm Haltung an, wie um der Bürde gewachsen zu sein und hob bedächtig den rechten Fuß.
„Kommen sie!“
Ich rührte mich nicht vom Fleck.
„Wo oft am Tag müssen sie die auswechseln?“ beharrte ich.
„Wir tun, was getan werden muss“, wiederholte er. Er sah mich an, sein Blick schwamm ein wenig.
„Sie weinen!“, rief ich. „Sie verklären ihn!“
„Sie sind Stipendiat“, erwiderte der Kurator mit Würde. Er nahm meinen Arm: „Lassen sie uns gehen, ich zeige ihnen ihre Zimmer.“

Jahre ist das her.
Meine Arbeit vor Ort ist längst getan und veröffentlicht, doch gelegentlich erinnere ich mich an diesen ersten Gang, die aufbrechenden Früchte unter meinen Schuhsohlen.
Zerquetschte Zellen.
Man gewöhnt sich daran.

Das Rauschen danach oder: warum ich meine Facebook-Freunde aufgeben muss, obwohl ich gar nicht bei Facebook bin

Dieser kleine Beitrag wird keine Ressonanz finden, also sollte ich mir damit entweder besondere Mühe geben oder gar keine. Ich werfe eine Münze, Kopf!, und entscheide, dass das bedeutet, mir keine Mühe geben zu müssen. Tue ich auch nicht. Was ich eigentlich nur sagen wollte ist, dass es in der kleinen Gemeinde der literarischen Weblogs in früheren Zeiten eine Vielzahl selbstorganisierter Diskussionen zu allen möglichen und unmöglichen (literarischen) Themen gegeben hat, die angeblich, so sagt man mir, nun zum großen Teil auf Facebook stattfinden. Tun sie das? Nun, da ich Facebook für außerdordentlich gefährlich halte (ungefähr deswegen: siehe hier und da), dies aber wohl nur auf Facebook zu diskutieren wäre, beende ich hier mal einfach meine kleine (imgrunde gar nicht statthabende) Rückschau auf frühere, andere Zeiten, in denen es diese besagten selbstorganisierten Diskussionen gab, die durchaus mehr waren als die Lieferung von Datenmaterial zu Kommerz- und Werbezwecken, die in sich geschlossen sein konnten und somit weniger flüchtig, Voraussetzung mithin, einen darauf sich stützenden werthaltigen, weiterführenden Diskurs überhaupt erst einmal lostreten zu können. Aber das ist nur meine Ansicht dazu, die ich durchaus nicht zur Diskussion stelle. Ergo stelle ich einfach nur fest, dass es geschafft ist, nämlich sich die Form des Umgangs miteinander von einem durch und durch kommerziellen, um demokratische Werte sich nur des Gewinns wegen kümmernden Weltkonzern aufoktroyieren zu lassen – einiger kleiner Vorteile wegen, weil es praktisch ist und leicht handhabbar und so weiter. Ein Armutszeugnis ist das und fast schon das Ende jeglichen Einflusses des Wortes im Internet, denn es wird nun nicht mehr als ein ewiges Blabla sein und in nicht allzu ferner Zukunft dann ein Übermaß an Videofilmchen, in denen das Blabla sinnigerweise zumeist aus dem Off kommen wird. Tja, das haben wir super hingekriegt, Leute, das mit dem Wort und der Literatur und dem Internet. Was bleibt ist das Rauschen danach. (Und vielleicht diese gedruckten Bücher! So viel Hoffnung muss schon sein, zuletzt!)

Polaroid 4 (Ausschnitt,NB) Norbert W. Schlinkert

Mein Jahr in Besorgungen

„Mein Jahr in Besorgungen” erzählt eine Zeitspanne des Verfassers in der Form von Einkaufsvorhaben. Ein digitalisiertes Konvolut von Einkaufszetteln (Zeitraum Juli 2015 bis Mai 2016), also motivisch ausgeprägten Wörterlisten, gibt Auskunft über Vorlieben und Vorhaben, stilistischen und konsumatorischen Angewohnheiten etc.

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„Dann lieber Einkaufszettel lesen: Wenn man das neue „Jahrbuch der Lyrik“ als Kursbuch der Literatur versteht, kann einem angst und bange werden, wohin die Reise geht.“
Heike Kunert: Klingt wie ein unermüdlicher Eispickel. In: Die Zeit. 16.7.2015

„Aber nehmen wir an, dass man es mit einem Autor zu tun hat: ist dann alles, was er geschrieben hat, alles, was er hinterlassen hat, Teil seines Werks? Ein zugleich theoretisches und praktisches Problem. Wenn man zum Beispiel daran geht, die Werke Nietzsches zu veröffentlichen, wo soll man Halt machen? Man soll alles veröffentlichen, gewiss, was aber heißt dieses „alles“? Alles, was Nietzsche selbst veröffentlicht hat, einverstanden. Die Entwürfe seiner Werke? Zweifellos. Die geplanten Aphorismen? Ja. Ebenso die Streichungen, die Randbemerkungen in den Notizbüchern? Ja. Aber wenn man in einem Notizbuch voller Aphorismen einen bibliographischen Nachweis, einen Hinweis auf eine Verabredung, eine Adresse oder einen Wäschereizettel findet: Werk oder nicht Werk? Aber warum nicht? Und so weiter ad infinitum.
Michel Foucault: Was ist ein Autor? In: Schriften zur Literatur, S. 240, Suhrkamp, 2003

„Die Aufführung des Einkaufszettels im Laden. Diese Interpretation des Einkaufszettels. Die Archivierung der Performance durch Kartenzahlung.“
Dirk Schröder, @dirk2schroeder, Twitter, 13. Aug. 2016, 17:20

DOI: 10.17436/etk.c.035
Download, PDF (Digitalisat, 21 MB, 100 S.)

Mein Jahr in Besorgungen. Einkaufszettel, Wörterlisten
© edition taberna kritika, 2016 (dieses Digitalisat)
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edition taberna kritika, www.etkbooks.com
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