Archiv der Kategorie: Ausgabe 04/2015

Von der Glut zu schreiben

Glut

••• Undine Materni schickt zu gewissen Anlässen gern Gedichte, auch zu Weihnachten. Und fast immer sind das Gedichte, die es in sich haben. Auch heute kam so ein Jahresenddgruß und hat mir einen Hieb versetzt.

Das hat sicher mit meiner jüngsten Lektüre zu tun. Ich hatte zwei Wochen Urlaub, ein wenig Zeit zum Lesen und zwei Bücher dabei, die ich auf dem Tag der unabhängigen Verlage im Münchner Literaturhaus mitgenommen habe. Zum einen von Chaim Noll »Der Schmuggel über die Zeitgrenze«, seine DDR-Erinnerungen, angefangen bei der Kindheit im zerbombten Berlin über die Jugend als nach und nach desillusionierter Spross einer Nomenklatura-Familie und seine Wehrdienstverweigerung bis zur schlussendlichen Ausreise aus der DDR im Jahre 1983.

Ich habe dieses Buch in einem Zug gelesen. Noll ist nur wenige Jahre jünger als mein Vater, und Noll und meine Biografien haben viele Berührungspunkte. Sogar die gleiche Schule haben wir besucht, Aufsätze über gleiche Themen geschrieben, und und und … Anders als ich hat Noll jedoch Tagebuch geführt, und es ist ihm gelungen, diese Tagebücher in den Westen zu retten. Bevor sich das DDR-Papier ganz auflöst und diese Dokumente verlorengehen, hat er auf Anregung seines unterdessen leider verstorbenen Agenten Uwe Heldt seine Erinnerungen in diesem Band zusammengetragen, angereichert mit allerlei Details aus nachträglich in den letzten Jahren geführten Gesprächen.

Sie wollen wissen, warum der Kaffee bei der Witwe Egon Erwin Kischs in Ostberlin so gut schmeckte? Dann nehmen Sie doch diese Neugier zum Anlass, in dieses Zeitdokument einzutauchen. Es wird keine Enttäuschung geben, denn eine wesentliche Qualität dieser Erinnerungen ist Nolls – ich kann es nicht anders sagen: anständiger – Umgang mit den erwähnten Personen. Man kann Wahres schreiben, ohne zu denunzieren.

Die Gefahr von Flashbacks und reaktiv-depressiven Anwandlungen ist natürlich groß. Da sei der Leser gewarnt.

Dass in Nolls Erinnerungen viel von Verrat die Rede ist, kann nicht verwundern. Von Verrat und Desillusionierung hat auch Hans Sahl zu berichten. Er war – wie Noll – ein jüdischer Emigrant, musste Deutschland in der 1930er Jahren verlassen und kehrte erst 1989 aus dem US-Exil nach Deutschland zurück. Im Weidle-Verlag ist vor einiger Zeit schon ein Band mit Sahl-Gedichten erschienen, den dieser zuerst in einer Subskriptionsauflage im Jahr 1942 in New York (auf deutsch!) herausbringen konnte: »Die hellen Nächte«.

In Deutschland sind diese Gedichte erst 2009 bei Luchterhand erschienen. Der Weidle-Verlag brachte sie mit seiner Ausgabe jedoch zum ersten Mal wieder in der ursprünglich von Sahl festgelegten Ordnung. Außerdem sind dem Band verschiedene Materialien beigefügt, unter anderem ein Text, der auf einem Sahl-Interview nach seiner Rückkehr nach Deutschland basiert:

Wenn Sie mich fragen, wie ich mich heute hier in Deutschland fühle, würde ich sagen: Man braucht mich nicht. Als ich zuvor vom Fehlen einer Wertsetzung sprach, von der atmomisierten Gesellschaft, muss ich jetzt sagen, daß heute der einzelne Autor in Deutschland in einer Art Exil lebt. Aber nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen Ländern der Welt sind die Menschen aus einer heilen Welt vertrieben worden. In eine Welt, von der man nicht weiß, wie sie sich entwickeln wird. Ich glaube, daß der alte Kulturbegriff vorüber ist, daß die Notwendigkeit der Kultur, die wir einmal empfanden, vorbei ist. Es geht heute um harte Existenzfragen, um ganze Länder, Völker, Grenzen, Kontinente.

Beide Bücher berichten von der »Notwendigkeit der Kultur«. Wir – und damit meine ich in diesem Moment Autoren wie Noll, Materni oder auch mich – empfanden sie in der DDR. Sahl empfand sie in der Weimarer Republik und nicht weniger stark auf den vielen Stationen seines Exils. Und heute? Ich fürchte, Sahl hatte nicht unrecht mit seiner Einschätzung.

Und vielleicht betrifft mich heute das Gedicht von Theodor Kramer, das Undine Materni als Weihnachtsgruß schickte, deswegen so sehr. Es ist die allerbeste Zeit, um von der Glut zu schreiben.

Wann sich im Herd die Asche wellt

Wann sich im Herd die Asche wellt
Und durch das kalte Gitter fällt
Und sich im Winkel find’t kein Scheit
Ist es die allerbeste Zeit
Um von der Glut zu schreiben

Wann fahl es wird in dem Hotel
Und knarrt das leere Bettgestell
Und seufzt der Flur von Einsamkeit
Ist es die allerbeste Zeit
Um von der Glut zu schreiben

Wann still es wird im fremden Land
Und der Kumpan, wozu er stand
Verriet und gut dabei gedeiht
Ist es die allerbeste Zeit
Um von der Glut zu schreiben

Theodor Kramer (1897-1958)

Heimsuchung

Loslassen, heißt es immer wieder und überall. Loslassen jetzt. Jetzt loslassen. Nun lass schon los. Aber wie geht das nochmal, loslassen?

Heimsuchung eines Planeten, es geht um Optionen. Es muss mehrere, es muss viele Optionen geben, ansonsten verengt sich die Welt, verengt sich auf einen unüberwindbar scheinenden Schmerz.

J. legt ihr rechtes Bein über die Beine ihrer Freundin.
Die Strumpfhosen werden auch immer dicker und dichter.

„Willst du Lakritz?“
„Nein, das ist nicht so mein Geschmack, nicht so richtig.“

Ich gehe schwimmen. Es ist Mittag. Auf dem Weg zum Schwimmbad begegnen mir die Menschen des Viertels, aber ich kenne niemanden, obwohl ich hier auch schon seit fast drei Jahren wohne. Das gleiche Bild im Schwimmbad: Am Ende verabschiedet sich ein Mann von mir, den ich erst nackt gesehen habe, der sich dann in einen intellektuellen Geschäftsmann verwandelte (ein Dozent, ein Redakteur der bürgerlichen Presse, so eine Art Martin Mosebach seiner Kleidung nach) und der schließlich mit mir über mein Auf-einem-Bein-Hüpfen lachte, weil ich Wasser im Ohr hatte. Es war mein erster wirklicher sozialer Kontakt an diesem Tag. Berlin war für mich Moskau an diesem Tag, eine weit von allem entfernte Stadt, in der ich niemanden kenne.

Material für „Roonstraße“:
Eines sanften Morgens
Mädchen hinter Glas

Ein zweites Treffen. Eine Kerze wachst auf einen Tisch, auf dem zwei grüne Bierflaschen stehen. Eine Situation, wie sie schon oft beschrieben wurde, jetzt steckt Alice in ihr fest und weiß nicht recht, wohin mit sich. Ihre Finger sehen krumm aus. Sie tragen keinen Schmuck. Jazzmusik penetriert den Raum, andererseits ist niemand hier attraktiver als sie, was in anderen Räumen anders wäre, auch das Fehlen von Bildschirmen fällt auf. Alice trinkt etwas, redet viel, raucht französische Zigaretten,
sieben bis acht in knapp zwei Stunden. Sie weiß nicht, wie sie aus dieser Situation wieder herauskommt, ob sie das überhaupt möchte, oder ob eine Situation automatisch automatisch auf die nächste folgt: Nach der Café-Szene kommt eine Straßenszene, aber dann? Eine Taxi-Szene, eine Szene in der U-Bahn? Ein französischer Film mit dem ersten Kuss auf dem Rücksitz? Oder Hollywood mit der Berührung der empfindlichsten Stelle draußen an einer Hauswand? Eine deutsche Komödie mit einem schlecht beleuchteten Treppenhaus, einem Gewühl nach Schlüsseln, einer hingezogenen Verlegenheit. England, Sozialdrama, hart an der Wirklichkeit, und also nichts von alledem, nur die Kargheit einer Studentenwohnung. Die Frage ist, ob man selbst bestimmt, wie es weiter geht. Sie macht einen verbalen Schritt nach vorne, weil sie nicht weiß, wie es weiter gehen soll. Ein deutscher Film mit einer Taxifahrt in einen tristen Stadtteil, und was das für ein Kuss ist, weiß sie nicht, aber er fühlt sich gut an.

Auch schon nicht mehr existent, da abgebrannt: Der Ort, an dem ich das Schmatz zum ersten Mal sah

Zeruya Shalev
+ Damals in der KölnArena

Die Wandgedichte von Leiden

Eine Besonderheit der südholländischen Universitätsstadt Leiden sind die muurgedichten, mehr als hundert an den Wänden der Stadt angebrachte Gedichte aus aller Welt und durch die Zeiten, von Sappho über Arthur Rimbaud bis zur jung verstorbenen bulgarischen Dichterin Danila Stoyanova. Häufig fügen sie sich so dezent und organisch ins Stadtbild ein, als wären sie bereits beim Bau der Häuser berücksichtigt gewesen.

Das Projekt existiert auch im Netz, eine Website listet sämtliche Verfasser und Adressen. In niederländischer Sprache wird dort eine zwei- bis dreistündige Wanderung vorgeschlagen, ein als PDF-Datei verfügbarer Rundgang, der vom Hauptbahnhof ausgehend gut 20 Wandgedichte beinhaltet und darüberhinaus viele Leidener Sehenswürdigkeiten am Wegrand erklärt.

Die Wanderung dürfte lohnen, soweit wir das beurteilen können, denn wir mußten sie aufgrund widrigen Wetters nach einer guten Viertelstunde abbrechen. Da führte sie bereits durch einige Winkel, die der Ortsfremde nicht unbedingt als erste betritt. Die Wandgedichte, erwies sich, sind bisweilen so angebracht, daß sie ohne speziellen Hinweis leicht übersehen werden können.

Digital StillCameraDie Idee der Wandgedichte scheint die Leidener zu weiteren Gedichtaktionen zu inspirieren. An mehreren Fenstern fanden wir Zettel mit Versen angeklebt, eines der häufig unverhängten Wohnzimmerfenster zur Straße zierte ein mit weißer Wandfarbe in expressiver Handschrift angepinseltes Gedicht. Auf ihren Straßen und zugleich im Netz dauerhaft von Lyrik schwingende Städte sind weltweit äußerst rar gestreut. Leiden scheint die unaufdringliche, gekonnt eingesetzte Lyrikpräsenz bestens zu bekommen: trotz grauen Nieselwetters beschlichen uns mehrfach Anwandlungen, Leiden als die freundlichste und schönste aller rheinischen Städte zu bezeichnen.

DIE KISTE („Du willst das nicht wissen….“) Ein Traumbild

Sei bitte nicht so informativ. DuDas habe ich Dir nicht gesagt. Was ich nicht wissen möchte. Und worüber Du zu mir nicht sprechen sollst. Ich hätte große Lust Tabus zu errichten. Aber sie sind so verräterisch.
 
Sie zog eine Kiste hinter sich her. Das grobe Seil hatte sie über die linke Schulter gezogen, den Arm durch eine notdürftige Schlaufe gesteckt. Die Kiste ratterte über das Pflaster. Passanten schauten sich um. Ein alter Mann schimpfte aus dem Parterrefenster über den Lärm, den die Touristen machen. Sie dachte nicht an Rollenkoffer (Nur wenn sie sich zusah beim Träumen, gelegentlich. Ihrer war rot.) Sie zog. Sie wusste nicht wohin. Sie wollte zu dir. Sie sah dich nicht. Sie ahnte deine Traurigkeit, irgendwo hinter den Bergen bei den sieben Zwergen. Sie musste raus aus der Stadt.
Sie ist kein Schneewittchen. (Das dachte sie im Traum: „Ich bin kein Schneewittchen.“) Du bist kein Zwerg und kein Prinz. Du trittst auf der Stelle. Sie will zu dir. Sie zieht. Sie zieht die Kiste hinter sich her. (Wir sind jetzt im Präsens. Weil das keine abgeschlossene Geschichte wird.) Sie muss raus aus der Stadt. Sie krümmt den Rücken, sie schleift die Kiste über das Trottoir, sie keucht und zieht weiter. Sie erreicht die Stadtgrenze, sie zieht über die Feldwege, sie ist im Wald. Die Blätter leuchten rot vor dem strahlenden Himmel, so blau. Sie hebt den Kopf. Sie atmet durch. Sie weiß um dich. Du versteckst dich vor der Sonne. Sie will sich wärmen lassen, aber sie hat keine Zeit. Sie rumpelt mit ihrer Kiste dahin. Wie traurig du bist. Sie sehnt sich. Sie sehnt dich. Sie zieht. Die Kiste hält sie auf. Die Kiste bleibt am Wurzelwerk hängen, die Kiste holpert über die Steine, die Kiste hängt im Schlamm fest. Sie kann sie nicht loslassen. Du trittst auf der Stelle und kommst ihr nicht entgegen. Sie zieht. Sie lässt nicht locker. Sie bewegt sich hin. Sie kommt nicht voran. Sie zieht.
Sie vermutet, kurz bevor sie aufwacht, dass die Kiste leer ist. Sie klappert weiter über den Schotter.
(Du willst das nicht wissen. Ich werde dir nichts sagen. Ich werde dich nur anschauen. Und wegschauen, wenn du willst. Hab keine Angst.)

Haustürgeschäfte

“Ich bin der Tod.”
“Können Sie sich ausweisen?”
“Ausweisen?”
“Heutzutage klingeln ja eine Menge Spinner.”
“Ich bin gekommen, um dich zu holen.”
“Jetzt? Jetzt geht gar nicht. Warum haben Sie denn nicht geschrieben, dass Sie heute kommen?”
“Der Tod kommt meist unerwartet.”
“Da brauchen Sie sich auch nicht zu wundern, wenn die Leute keine Zeit für Sie haben.”
“Die Zeit spielt keine Rolle mehr.”
“Na, so ein Leben will ich auch mal führen.”
“Als Tod?”
“Ohne Zeitnot.”
“Das wird so sein, wenn wir zusammen gehen.”
“Zusammen gehen? Aha. Bekomme ich gleich einen Zettel zugesteckt?”
“Zettel?”
“Wo steht: Hallo, ich bin der Tod, wollen wir zusammen gehen? Ja, nein, vielleicht. Betreffendes bitte ankreuzen.”
“So läuft das nicht. Der Termin mit mir ist eher zwingend.”
“So nicht. Bringen Sie mir einen Beschluss vom Gericht, dann können wir darüber reden.”
“Gericht?”
“Ja, von mir aus auch vom Jüngsten Gericht.”
“Das kommt erst noch.”
Gegenüber öffnet sich die Tür.
“Frau Müller, bleiben Sie lieber drin.”
“Will der junge Mann was?”
“Das ist der Tod, der mich holen will.”
“Da muss aber erst geklärt werden, wer in der nächsten Woche die Biotonne an die Straße räumt.”

Unter doppelten Schornen (SSB I)

Hatte jemand zwischen den Rauhnächten gewaschen und damit ein Los gezogen, nimm, Herr Wode das Dorf nicht achtlos links, kehre ein mit deinem Totenheer, der hartgerippte Steinboden sei dein Totenacker, sei dein Kältebad auf deiner wilden Jagd, entfesselter Wind, als der Nachtwind starrend um die Häuser patrouilliert, die schneebedeckten Zweige schüttelt, hier entlang! Hat jemand die Wäsche gewaschen? Die Zweige zeigen sich dankbar für jede Regung, die man ihnen antut, damit sie wenigstens ein bißchen Gewicht verlieren, denn lange noch, lange noch müssen sie den Perchtenmantel tragen. Der bettelarme Baum: und jeder Baum ein bettelarmer Baum, entkleidet sind die Lauben, das Immergrün von hexagonalen Kristallen besetzt, die Steintreppen stiller, die Schorne, gewaltig sich streckend, erscheinen doppelt so groß in ihren Schieferkleidern, durch das Feuer gestärkt, das in den Küchen und Stuben das Leben erhält, auch die Dachstühle stiller. In der dumpfen Wärme der Ställe scharrt das Vieh, keines deiner Länder, Sturm, ist dies, aber das Heer ist abgebogen und donnert, die Wäsche gewaschen und pfeifend, heran. Die Geräusche sind kalt und unwirklich und die Unwirklichkeit ist ein Geräusch der Ferne, das näher und näher kraucht. Zuweilen durchdringt ein unterdrücktes Bellen den Ritt. Das könnte Bella gewesen sein, der Groenendael des Schäfers Herold, der – lange währt die Zeit der Erinnerung – den letzten frei laufenden Keiler bezwang, nachdem der in sein Haus eingedrungen war, man weiß nicht, wie es kam, wütend wie der Kerberos nach einer Rebellion der toten Seelen, tief im Matsch versunken und trotz Blattschuß noch im Todeskampf das Vestibül zu Kleinholz marschierend, in dem sein ausgestopfter Schädel links neben dem Eingang über einem Jagdtisch mit fünf Beinen und aufwendigen Schnitzarbeiten heute noch die Wacht hält, versteinert und borstig, vor allem aber verstaubt, umgeben von einem Holzrahmen aus heller Eiche. Lorbeerblätter und Datierung fehlen nicht. Bella war zu dieser heroischen Stunde, als der Keiler sein Anliegen ungestüm vorzubringen sich erdreistete, noch nicht des Schäfers verlängerte Schnauze, und als sie dann den starren Blick des Ungeheuers dort an der Wand zum ersten Mal gewahrte, die schielenden kleinen Glasaugen, den aufgesperrten Rachen, da weigerte sie sich, im Haus zu schlafen. Kein guter Anfang für ein künftiges Vertrauensverhältnis, denn, so dachte der Herold, den Schafen näherten sich ganz andere Störenfriede, und ein Hündchen, das davonlief, anstatt sich mit gesträubtem Fell und starrer Rute selbst einem Tyrannosaurus entgegenzuwerfen, wird wohl kaum geeignet sein, um in diesen finsteren Jagdgründen für das Gerücht der Unbezwingbarkeit und Spaßlosigkeit zu sorgen, ein notwendiger Umstand aber, denn lebt nicht schier alles von Gerüchten, von überlangen Schatten, von unsinnigen Taten, die in jeden Rahmen sprengender Vernunftlosigkeit erst zur abschreckenden Blüte werden? Seine Bella, so hätte es der Herold gerne verkündet, springe selbst ihr eigenes Spiegelbild in den Pfützen an, wo sie sich den Durst stillt, nicht zulassend, daß selbst ihre Reflektion der Herde zu nahe kam. Die Hündin bekam jedoch – erste Runde des Eigensinns – im Hof der ehemaligen Wendenschuch-Mühle, umgeben von der Herrenwohnung, den Stallungen, dem Hirtengebäude und dem Tropfhaus ihr Plaissier, sichtlich froh darüber, so ganz ohne Bilder, Tand und Trophäen an den Wänden ihren selbstgestalteten Träumen  nachzugehen, wobei sie – und das sei der Vollständigkeit halber erwähnt – einen ihrer Träume ganz besonders schätzte, in dem sie sich von einem Widder, dem sie doch positionsmäßig vorstand, von Hinten (anders war es ihrer Natur leider nicht vergönnt) nehmen ließ.

Träumst du?

Ich bin mir nicht sicher, andererseits, wie wüßte ich sonst davon?

In diesem Hotel, in diesem Zimmer träumst du doch seit langem von allem, oder kommt dir das alles geheuer vor?

Die Hündin hat mich, während ich schaukelte, gebissen.

Seit wann schaukeln meine Schafe?

Ein Zwicken in die Haut, mehr war es nicht. Dunkel schwingende Instinkte, die im ehemaligen Hammerwerk immer zugegen sind, mögen dafür verantwortlich gewesen sein. Sieht der Herold nachts die geisterhafte Fratze Alfons Wendenschuchs über seinem Bett schweben? Und gerät Bella außer sich, wenn die Luft im Zimmer dann immer ganz kalt wird?

Seit wann schaukeln meine Schafe?

Die Hündin trottet, sichtlich irritiert, zurück zu den anderen Wolltieren, die sie leichter erkennen kann, die auch anders schmecken wie dieses hier. Der Geruch, der sie angezogen hat, stammt von apokrinen Drüsen, da gibt es nichts zu rütteln. Jetzt aber hat sie Serge de Nîmes zwischen den Zähnen, obwohl ihr der Stimulus-Response doch eindeutig befahl: der da zurück in die Herde stop.

Träumst du?

Ich weiß es nicht; wer bist du überhaupt, der mich das fragt?

Sie wissen, sie wissen nicht, sie wissen. Die Fenster passen sich immer der Dunkelheit an, denkst du wirklich, sie beobachten dich nicht, denkst du wirklich, sie sehen nicht, was auf der Straße geschieht, wenn nichts geschieht?

Träumst du?

Ich habe doch stets alles nur geträumt, im Kinderwagen, ich möchte sagen, da war ich bereits wach wie in einem Traum, und ich lag gebettet in himmelblauem Strickzeug. Von Einhundertachzundneunzig Seelen einundzwanzig Schüler, vierundneunzig Frauen ich das achte Kleinkind, die achte Feier, denn die Dämmerung dickwandiger Keller sorgte im Gasthof zum Schwarzen Hammer für ein Gefühl der Sicherheit und hielt die Atmosphäre der nahegelegenen Fässer und deren tausend guter Trünke zusammen, denn es gab genügend Licht, um den Sonnentropfen im Becher schweben zu sehen; nicht zu viel, damit das Auge nicht das Übergewicht erhielt über die Nase, die an der Blume saugt, vorsichtig genähert, tastend, leise gestrafft.

Garnieren wir uns mit der Substanz des Mahles, elefantengrau der Schlamm der Knochen: Augen sind rankend sich selbst überlassen und sehen Faschingstänze und andere Festivitäten, eine Brücke zur Außenwelt. Im Egertal ziemte sich die dem Buche ‹A delicate Diet for daintie mouthed Dronkardes, wherin the fowle Abuse of common carowsing and quaffing with hartie Draughtes is honestile admonished› (erschienen 1576) entnommene Klassifizierung der unterschiedlichen Räusche und deren Träger, Menschen, die soviel soffen, daß sie dann affentrunken waren, hin und her tanzten, an allem hängenblieben. Es gab einen Sturm in der Nacht. Andere waren löwentrunken, schmissen mit Porzellan und Zinnkrügen um sich, nannten ihre Wirtin eine verdammte Hure und zerschmetterten die Fensterscheiben mit dem Dolch. Es gab einen Sturm in dieser Nacht. Wieder andere waren schweinetrunken. Sie wälzten sich auf dem Boden, lallten, daß sie noch mehr zu trinken wünschten und besudelten ihre Kleider. Es gab einen Sturm in dieser Nacht. Dann gab es solche, die schlaftrunken waren, die den größten Blödsinn als der Weisheit letzten Schluß verzapften, obwohl sie kaum noch ein vernünftiges Wort hervorbringen konnten:

ist nicht so / daß wir kühlen könnten
ist nicht so / daß wir ober=räubern
abrammen, umfafeln, um tafeln
herum : waffeln / daß wir
ohnsägliches gespür, entrinnen
mimenzwecke im spiegelfleisch
hören wir bitteren fuchsjagten zu

Besonders übel waren jene, die der Autor des Kompendiums bockstrunken nannte; waren diese richtig vollgesoffen, hatten sie nur Bocksgelüste und mochten auf jede Frau springen, die das Pech hatte, in der Nähe ihres Hosenschlitzes zu stehen.

Hier gab es, Rausch hin, Rausch her, zumindest keine betrügerischen Wirte, die nach ihrem Tod in ihren Kneipen als Poltergeist, Werwolf, Alp und Trude, Zaunreiterin oder Hagazussa (die vom Hag) umgehend mußten, von einem universellen Schicksal dazu aufgefordert, es gab keine Herbaria, die sagt: »Bei den Zauberfrauen sollst du nicht zärtlich schlafen, daß sie dich nicht innig umarmt. Sie wünscht sonst dir an, daß du weder zum Schranne noch zum Königshof kommst, dir mundet kein Mahl nach der Mannesfreude, du gehst schlafen voll Schmerz.«

(Was war mit Esrabella Gräf? Doch nicht jetzt! Konzentriere dich auf ein gewisses Kontinuum, sonst wirst du nicht zum Kern vorstoßen!)

Die Schlange biß sich in den falschen Schwanz; gibt es eine Wechselwirkung, die wir uns nicht vorstellen können? Die Sauberkeit des Magens war ihr Thema, von dem sie selbst dann nicht abließ, als sie bereits Grübchen prägten, randgefüllt mit Tupfen aller Tugenden, sagen wir: einer Oase, die sich stets sorgenvoll bereit hielt. Das las man in ihrem Gesicht, ihr Blick, der selbst Sandalen am Fliehen hinderte. So konnte sie sich doch sehen lassen, oder etwa nicht? So also sah man sie, man sah sie nie wieder wie an diesem Tag, beinahe naß, oder war das nur der Glanz ihrer Augen?

Eine Party in einer dieser alten Telefonzellen mitten im Wald, mitten im kernigen Moos, Nummern troffen von der bewegten Masse, jede andere Einschätzung war schwierig. Um etwaigen Vergiftungen vorzubeugen, kramte sie im Handschuhfach herum, fand tatsächlich Reste einer alten Landkarte wieder, freigesetzte Plakate sozusagen, an vier von fünf Ecken mit Tesa befestigt, bleich wie ein Glas Milch, bevor es getrunken wird.

aprikosen- … (lyrisches intermezzo LVIII) u.a.

1 aprikosen- … (lyrisches intermezzo LVIII)

aprikosen-
blüten – kalt
selbst im mantel
: schattenbald

du/ich schreiten
sonnenaus
zitrusduftig
spucken aus

kern’ und diener
please-pläsier
drängend stürmisch
„hier sind wir!“

lach! ich mache
arm will arm
windkobolde
tränen : larmes

grünen blättern
dich als saum
ungescheiter
wäre schaum

Die Hunde bellen, die Diener

2 die eulen … (lyrisches intermezzo LVII)

die eulen
ihr schreien im wind
die teilen
in kind : uns : und kind

wir dehnen
in altes uns ein
und wähnen
wie stets : uns : allein

Ich seh sie am Fenster lehnen

3 beta-herzen … (lyrisches intermezzo XXXVI)

beta-herzen
im alpha-mieder
dein delta wieder
o wie so erzen

gamma-bauten
ein eta zagen
– ein unbehagen
seit wir uns trauten

… und wollen nicht sagen
[omega]

rubrik lyrisches intermezzo (nach vorgeschriebenen endreimen)