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Inhalt 04/2016

Die Lesezeichen-Ausgabe 04/2016 erschien am 16. Januar 2017.

In dieser Ausgabe:

Gekenterte Boote und Glockenjungen, der Unterschied von Regen­- und Schnee­schir­men, Millenniumspatzen und Kettensägen, Lärchenschwämme und Minnesänger, Pferde in Wiesenträumen, Gabriela Mistral, Pablo Neruda und Antonio Skármeta, großformatige Ritter-Bilder und ein Baugerüst in Paris, Schweighöfer, Houellebecq, Bourdieu und Raoul Schrott, schlanke, androgyne, junge Männer und Frauen in Slim Jeans und T-Shirts mit sonderbaren Aufdrucken, zerbröselte Illusionen, Divertimenti … uvm.

INHALT:

Santiago, New York und Isla Negra


Statue der Inmaculada auf dem San Cristóbal

••• Es fällt mir schwer zu schreiben. Dabei bin ich an einem Sehnsuchtsort. Vierunddreißig Jahre habe ich darauf gewartet, einmal durch die Straßen von Santiago de Chile zu gehen. Jetzt bin ich hier. Und wäre ich im Vollbesitz meiner Kräfte, würde es nicht mehr als diese Fakten brauchen, um einen ganzen Regenbogen an Geschichten aufzuspannen. Aber es fällt mir schwer zu schreiben. Wie kann das sein?

Als ich vor fast einem Jahr die Einladung zum Filba-Festival in Buenos Aires erhielt, war mir sofort klar, dass ich diese Gelegenheit nutzen würde, um nach Chile zu reisen. Drei Dichter, die mich maßgeblich geprägt haben, stammen von hier: Gabriela Mistral, Pablo Neruda und Antonio Skármeta. Dabei war Skármeta derjenige, über den mir die beiden anderen überhaupt erst wirklich zugänglich wurden.

 


Blick auf Santiago vom San Cristóbal

Viele chilenische Künstler fanden nach dem Militärputsch 1973 in der DDR eine vorübergehende oder auch längerfristige Exil-Heimat. Diesem Umstand verdankten wir Leser in der DDR den Zugang zur progressiven chilenischen Gegenwartsliteratur. Skármetas Erzählungen rund um den »Radfahrer vom San Cristóbal« erschienen 1982 im Aufbau-Verlag unter dem Titel »Alles verliebt, nur ich nicht«. Die Übersetzungen der Romane folgten, von »Ich träumte, der Schnee brennt« und »Aufstand in León« (über die Revolution in Nicaragua) bis zum »Haus auf den Klippen«, später weithin berühmt geworden unter dem Titel »Il Postino«, unter dem der Roman auch verfilmt worden ist.

Den Band mit Erzählungen habe ich auf dieser Reise dabei und wieder gelesen. Die Erzählung »Ein Wirbel beim Tanz« und der Roman »Il Postino« bringen Skármeta mit den beiden anderen Dichtern zusammen. In »Ein Wirbel beim Tanz« schreibt Skármeta von den letzten Tagen der Mistral. Ein gestrandeter chilenischer Schriftsteller ohne Veröffentlichungen wohnt einige Zeit bei »der Alten«, über die er sich nur despektierlich äußert. Als Abschiedsgeschenk, als er schließlich, von ihr wieder aufgepäppelt, weiterziehen will, wünscht sie sich eine chilenische Fahne. Die ist in New York, wo die Erzählung spielt, schwer aufzutreiben. Er müsse sich irren, sagen ihm die Händler, ein Land »Chile«, das gäbe es doch gar nicht. Er meine vielleicht Kuba oder China. Schließlich erklärt sich ein jüdischer Schneider bereit, die chilenische Fahne zu nähen, eigens für die »Alte«, damit sie ihren Willen hat und der undankbare junge Dichter weiterziehen kann.

Wenige Tage später stirbt die »Alte«, und die Fahne liegt auf ihrem Sarg. Eigens dafür hatte sie sie sich gewünscht. Und das alles lässt Skármeta den älter gewordenen und nach Chile zurückgekehrten Dichter im angetrunkenen und sentimalen Zustand seiner Geliebten erzählen. Gegen diese zehn Seiten ist die gesamte deutsche Gegenwartsliteratur blutleeres Gewäsch.


Isla Negra

In »Il Postino« geht es um den Briefträger Pablo Nerudas in Isla Negra, jenem kleinen Ort an der Pazifikküste, etwa 100 km von Santiago entfernt, in dem Neruda den Großteil seiner berühmtesten Werke schrieb: Die »Elementaren Oden« etwa oder den »Canto General«.

Also bin ich nicht direkt nach Buenos Aires gereist, sondern zunächst nach Chile. Ich wollte auf den San Cristóbal steigen und vom Heiligtum der Inmaculada Concepción auf Santiago hinabschauen. Ich wollte die Moneda sehen und den Hut vor dem Denkmal Allendes neben der Moneda ziehen. Ich wollte die Studenten auf den Grünstreifen der Avenida de Providencia Pause machen sehen, wie Skármeta es beschreibt, an den grünen Hängen des Santa-Lucia-Hügels, und ich wollte das Haus auf den schwarzen Vulkansteinklippen besuchen.


Isla Negra

Natürlich ist das ein sentimentaler Aufenthalt. Ich werde nie wieder Teenager sein, so leicht und stark beeinflussbar wie seinerzeit von der chilenischen (Exil)-Literatur und direkt im Gefolge von der lateinamerikanischen Literatur allgemein, soweit man bei uns von ihr erfuhr, also nur von den ganz Großen. Aber ich hätte nicht gedacht, dass dieser Aufenthalt mich so berühren wird.

Der Besuch in Isla Negra heute war entzaubernd und erhellend zugleich. Neruda war am Ende doch auch nur ein dicker Angeber, der sich bestens auf Selbstinszenierung verstand. Ein selbsternannter »Seemann«, der nie ein Schiff betreten wollte, weswegen sein eigenes neben dem Haus auf dem Trockenen liegen musste? Ich kann und will ihm nichts vorwerfen. Er war ehrlich, wenn er sagte, dass er sich mit Spielzeug und Erinnerungen an seine Kindheit umgeben müsse. Denn dort sei die Wurzel seiner Dichtung. Mit dem verspielten Kind in ihm in Kontakt zu bleiben, sei die beste Möglichkeit für ihn, auch im Jetzt glücklich zu sein. Solche Worte sind schwer zu ertragen, wenn man mit der eigenen Kindheit möglichst nichts mehr zu tun haben möchte.


Isla Negra

Auf dem Rückweg nach Santiago war ich wütend. Ich verschwende meine kreativen Energien auf Softwareentwicklung. Software ist veraltet, sobald man sie in Betrieb nimmt. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der Code, den man heute schreibt, in zehn Jahren nicht einmal mehr lauffähig ist, wenn er denn überhaupt noch von irgendwelchem Wert ist. Warum schreibe ich dann nicht lieber? Warum mache ich nicht einfach Literatur? Nun, abgesehen davon, dass drei Kinder essen und bekleidet und gebildet werden wollen, was Geld kostet, das man mit Literatur kaum verdienen kann, gibt es noch einen anderen Grund: Es ist genauso sinnlos wie Software zu schreiben. Will man irgendwie durchkommen, muss man sich zum Narren des Literaturbetriebs machen, sich selbst vermarkten, sich selbst verraten. Alle drei Chilenen, die ich so verehre, haben Literatur gemacht, die etwas bewegt hat. Es ging um etwas. Es ging sogar um große Beträge. Und daran bin ich erinnert, wenn ich nun ein paar der Orte selbst besuchen kann, die in den Werken dieser drei eine Rolle spielen.


Isla Negra

Allein die Anden! Caballero Calderón schrieb 1966 in seinem Buch »Der gute Wilde«, man dürfe nicht vergessen, dass der hispano-amerikanische Schriftsteller von der »Landschaft förmlich aufgefressen« werde. Das versteht man nur zu gut, wenn man über den morgendlichen Bergen über Santiago eingeflogen ist oder den Weg von Santiago an die Küste gemacht hat. Diese Landschaft verströmt einen spröden Zauber, der seinesgleichen sucht.

Das alles macht mir unbändige Lust, wieder zu schreiben, und erinnert mich doch mit Wucht auch daran, warum ich es so sinnlos finde, es zu tun.

Mistral, Neruda und Skármeta waren und sind Botschafter ihres Landes in aller Welt gewesen – nicht symbolisch, sondern de facto! Und ein Land, das seine Dichter zu seinen Botschaftern macht, ist mir sympathisch, bei aller blutiger Vergangenheit. Dichter als Botschafter! So sollte es sein.

Zu schade, dass ich schon gehen muss. Ich werde noch einmal hierher kommen müssen – nicht allein und mit viel mehr Zeit.

Vom Fleck weg!

Letztens fiel mir, durchaus nicht zufällig, Peter Rühmkorfs Büchlein Kleine Fleckenkunde in die Hände. Zu einem seiner Klappdrucke schreibt er:

Wer hierzulande Flecken hinterläßt
gilt gleich als Schwein.
Wer einen Klecks in eine Ordnung preßt
kann schon ein Künstler sein.

Wie wahr! Hier ein Versuch meinerseits!

norbert-w-schlinkert-klappdruck-wombart

PS: Wombat schön und gut, so sehe ich das; allerdings wurde mir nach Begutachtung des Klappdrucks eine Geschichte zu Gehör gebracht, die mit einem Büro nach Feierabend und einem Kopierer zu tun hat, aus der obiges Bild ebenso gut hätte entstehen können. Nein, sage ich, nein; es war der Wombat, der aus der Schwärze des Tintenfasses ans Licht strebte!

Offenes Weltbild

Es ist nicht gut, allein zu sein. Möchtest du nicht in meinem Buch der Liebe stehen? Möchtest du eine Seite oder ein eigenes Kapitel? Möchtest du das halbe Buch, oder der Rest von dem, was noch zu schreiben wäre?

Familienbilder: Vater und seine neue Frau vor zwanzig Jahren. Also in meinem jetzigen Alter. Rosige Gesichter.

In Ruhe Musik hören, das mache ich. Mit den Ausmaßen des Verfalls hatte ich nicht gerechnet.

„Gestern abend sind sie beide zu mir gekommen (…) Sie sahen beide so glücklich aus! Rose war so schön in ihrem hellen Kostüm mit dem weißen Hut, Rose, die ich mir hatte entgehen lassen, die zu lieben ich nicht verstanden hatte (…) vor der ich mich so bewahrt, die ich in letzter Zeit so gemieden hatte, Rose, mit der ich mich plötzlich viel verbundener fühlte, als ich je geglaubt hätte, die ich ihm durch mein Schweigen, meine Verblendung selbst in die Arme getrieben hatte, weil ich mich in dieses Zimmer einschloss, ohne zu ahnen, dass alles so weit gehen könnte (…) Ich habe Lust, mich zu betrinken; es ist noch nicht halb elf, die Pubs haben noch nicht geschlossen.“
Michel Butor, Der Zeitplan

O Leichtbauweise
Dichterin zu Pferde
13 nackte Darsteller, die sexuelles Erleben performativ nachstellen

Sie setzen ihre Arbeit fort, sie sprengen auch weiterhin die Brücken hinter sich. Sie haben es kalt im Wohnzimmer.

Absurd, sich mit „Please Mr. Postman“ die Ankunft neuer Nachrichten signalisieren zu lassen. Geht es im Lied doch darum, dass keine Post kommt, immer noch nicht, obwohl man schon so lange wartet.

Alle hören jetzt Health.

Vernachlässigung
Verwahrlosung
Fake News
Wintermarkt
Der GEFÄHRDER

Die Einsamkeit des Systems. Und was wird aus uns? Die Welt modelt sich um, alles kratzt und schabt, und ja, es könnte auch gut werden. Und Dagegensein hat noch nie etwas gebracht, Dagegensein wird einem nicht entlohnt, wird nicht ausbezahlt, ist keine Option.

„Der Schlussmacher“, Film:
Kann sein, es ist wirklich so wie in diesem Schweighöfer-Film. Ich meine jetzt nicht die brülligen Gags. Die Abziehbilder von Deutschland. Die unhinterfragten Wahrscheinlichkeiten. Ich meine die Konstruktion von Liebe. Kann sein, es ist so, dass man nicht auf die Trennung setzen sollte. Weil man Scheidungskind ist. Nicht in die Liebe investiert. Feige ist.

Andererseits. Wirklich subversiv wäre der künstlerische Ansatz doch erst. Wenn Schweighöfer die Figur der Freundin mit einer durchschnittlich aussehenden Frau besetzt hätte. Oder einer, die weniger als durchschnittlich ist. Was der Film nämlich bedient, ist: das gewöhnliche Prinzip, das Houellebecq (oder Bourdieu vor ihm) das ökomische erotische Kapital genannt hat. Es ist leicht, zu den sexuell Attraktiven zu halten. Oder zu ihnen zurückzukehren. Sie bringen das nötige Kapital eben schon mit.

Pech ist nur. Wenn man aus dem Kapitalkreislauf geschmissen wurde. Durch Alter. Durch verändertes Aussehen. Durch finanziellen, statuellen Niedergang. Und dann in den unteren Bereichen surfen muss. Die auf der anderen Seite eben mit Schönheit gekoppelt sind. Oder vielmehr mit der Ahnung, mit der Abwesenheit von Schönheit.

Oder wenn man da draußen ist. Weil man eine Trennung hinter sich hat. Aber alle anderen, die in Frage kämen. Weil sie schön, interessant, gut etc. genug sind. Eben vergeben sind. Und vergeben bleiben. Weil Trennungen nicht mehr passieren. Nicht mehr so einfach ab 30, ab 31. Und wenn, dann Dramen sind. Weil echte Lebensentwürfe mit ihnen zu Bruch gehen. Denn ja, wer will das schon.

All das verhandelt der Film leider nicht.

Genesis

„Einen absoluten Sinn zu retten ohne Gott, ist eitel.“ fällt mir bei der Lektüre von Raoul Schrotts Erste Erde Epos ein; aber ich würde diesen Satz Horkheimers gar nicht gegen Schrotts Projekt in Stellung bringen wollen, da der Versuch, eine Genesis ohne Gott zu konstruieren, zumindest immer pantheistische Züge annimmt. Selbstschöpfung verzichtet ja nicht auf einen Schöpfer. Er wird gewissermaßen der Schöpfung nur implantiert. Vor dem Urknall ist nach dem Urknall. Da das Innerste sich nach außen wendet, und Zeit zu aller erst entsteht.
Schrott:
und reden von einem big bang als wäre er der schlag auf einen gong
nicht das o vollkommener stille / ein unaussprechlicher monophtong

 

Da draussen liebt dich niemand, da draussen wirst du nur gefeiert

„Und alle beglückwünschten mich. Das war der Durchbruch. Ich war die Königin der Welt.“

Sie hat geträumt, sie eröffne eine Ausstellung und alle sind gekommen. All die Großkopferten stehen in der Galerie herum und blicken bedeutungsvoll um sich und schlürfen Sekt und Champagner, alles, was Rang und Namen hat, klopft ihr auf die Schultern. Doch seltsam. Von ihren Leuten ist niemand da. Keine Freunde, niemand aus der Familie. Es sind nur fremde Besucher, die ihre Kunst feiern.

Es sind großformatige Ritter-Bilder.

„So etwas brauchen wir, genau so etwas“, lächelt der Kurator, „für unser neues Museum in Chicago.“

Als sie sich verzweifelt umblickt, auf der Suche nach einem vertrauten Gesicht, bemerkt sie, dass sie die Bilder an der Wand gar nicht kennt. Es sind überhaupt nicht ihre Bilder. Sie hat sie noch nie gesehen.

Kinder kommen auf sie zugelaufen.

„Was hast du für eine schöne Krone auf, Königin?“

Eine Krone? Ich war doch bloß beim Frisör, sagt sie, doch niemand hört hin.

Während sie weiterhin hofiert und gesalbt und beglückwünscht wird, versucht sie vergeblich, meine Schwester anzurufen, um sie zur Ausstellung einzuladen. Weil ja sonst niemand da ist, den sie kennt. Bis auf mich. Ich bin die ganze Zeit in ihrer Nähe, halte mich aber im Hintergrund, sage nichts.

„Hast du gesehen..? Das sind überhaupt nicht meine Bilder“, flüstert sie mir ins Ohr.

„Ja, aber es ist deine Krone“, sage ich.

 

62/16 – Paris-le long du chemin sur la rive


– cahier – première partie – brouillon 1 // la rive gauche // Ein Engel schlendert vorbei. Einen Roman zu schreiben, ist ein Zustand, sagt er. Wir sind ein Hohlgramm, sage ich. Ein Gefäss mit einem Parallelleben.

Ein Kind tanzt einen Film. Bücher sind wie Stunden. Sie werden im Schubkarre in blauen Kisten angefahren und der Verkehr wird angehalten. Das Croissant liegt schwer im Magen. Die Fliegen sitzen auf der Buchseite. Der Engel streicht sich durch das Haar und lacht. Wir schweifen, sagt er und jemand blättert hinter mir The Times. Ein Baugerüst schwebt über der Strasse und das Pferd in der Zeitung schaut durch das Fenster in einen anderen, mit Wasser gefüllten Raum. Draussen sterben Menschen. Menschen spielen Sterbende. Menschen schlafen unter den Arkaden, neben der Strasse, neben der Seine, wo ich schlafe. Stare landen neben weissen Servietten. Sie fliegen auf. Die Sonne wärmt die Füsse. Unruhe und Küsse werden verteilt. Papiere mit Blätter gemischt und über den Gehsteig gefegt. Die Fliege landet erneut auf der Hand. Sie sitzt über dem Wort “Wächter”. Eine Frau geht vorüber und wacht auf. Touristen steigen aus dem Bus auf die Strasse. Observieren. Das hat alles mit mir zu tun? fragt der Engel.

Er sitzt in einem kleinen blauer Zug und fährt vorbei. „Découvrez un autre Paris“ steht auf blauem Grün geschrieben.

MEINE KONSOLE GEWINNT IMMER (denn: „Gott weiß es auch nicht.“)

(Ein Traumbild)

 

„Du wärst ein Hacker, mit einem IQ von 140.“ „Und du wärst eine Milliarden-Erbin.“ „Von einem Chemie-Konzern.“ Er lachte. „Du wärest aber schon längst ausgestiegen und hättest mit den Pflanzenvernichtungsmitteln nichts mehr zu tun.“ „Nur noch mit den chemischen Massenvernichtungswaffen, oder wie?“ Ich stöhnte. „Wie immer hast du den besseren Part.“ „Ach nee, ich wäre doch vollkommen abhängig von deinem Geld, um…“

 

Es kostete uns eine Milliarde. Locker los gemacht. Eine einsame Farm in West Virginia (Mountain Mamma) („Mit einem unterirdischen, weitverzweigten Bunkersystem“. „Hoch- effektive Server.“ „Spiegelung auf Hawai.“ „Und Island“) als Hauptquartier. Neben dran eine weiße Holzkirche. Wie man sie kennt. Aus Filmen über kleine Farmen, bewaffnete Familienoberhäupter und hochmoralische Lehrerinnen mit Dutt. Ein Jahr dauerte die Vorbereitung. Wie im Film verwenden wir hierfür Zeitraffer. So genau müssen wir das im Traum nicht wissen, wie das im Einzelnen funktioniert. In grauen Büros arbeiten unentwegt schlanke, androgyne, junge Männer und Frauen in Slim Jeans und T-Shirts mit sonderbaren Aufdrucken vor hochauflösenden Bildschirmen. Webseiten, Konten, Server werden identifiziert und infiltriert. Ha, wie das rauscht.

 

Wir sind ok. Die Ok-Guys. Demokratisch, Praktisch. Gut. Wir variieren vielfältige Identitäten, probieren sexuelle Praktiken und Orientierungen aus und achten auf Diversität. In unserem Bunker geht es bunt und nett zu, deshalb tragen auch alle gedeckte Farben, ohne Unterschied. Religion, ethnische Herkunft und Einkommensklasse der Eltern dürfen bei uns nicht die Entwicklungschancen beeinflussen. Alle sind Mittelschicht, aber hochintelligent, stellt sich hinterher raus. Wir müssen halt doch Anforderungen ans Profil stellen: Programmierkenntnisse, postmoderne und dekonstruktivistische Analysekompetenz, Teamfähigkeit in multikulturellen Arrangements, Hass-Resistenz (vulgo: Selbstbeherrschung). Na dann. Das kann nicht jede/r. (Hamas-Anhänger müssen leider draußen bleiben. Vor der Tür. Evangelikale auch. Und Profi-„Betroffene“. Weiße Männer ohne Abitur.) Ein Tor drum, dem´s seltsam vorkommt, wie wir unter uns bleiben. (Du fühlst dich jetzt nicht mitgemeint in diesem „Wir“, ich weiß. Und zu Recht. Denn du bist nicht freundlich genug, magst kein Fladenbrot zum Käse und schüttest übermäßig viel Rotwein in dich hinein, wenn Krisen zu meistern sind. Also dauernd. Und hörst zu laut Heavy Metal.) (Ich höre dich lachen. Nicht lustig.)

 

Der Tag kommt. X-Day. Der Tag, der alles ändert. Wie wir hoffen. Woran wir glauben. (Jeder Glaube ist ein Affront gegen die Realität. Aber die Realität ist ja auch wirklich das Letzte. „In your face.“) Wir zwei stehen am Shenandoah River. Ich will Romantik. Jetzt. Bevor es los geht. Sehen wir uns ganz tief in die Augen. Home, sweet home. Wo immer du bist. Es wird noch alles gut. (Noch besser. Die Wirklichkeit kann ja nichts dafür.) Ha, jetzt. Ein Gewaltakt. Denn alle, alle, alle wollen Frieden. Auch der Opa mit dem Urinbehälter am Rollator, der sich von keinem „Neger“ den Arsch wischen lassen will, aber seinem Enkel immerzu zuflüstert: „Nie wieder Krieg. Ich lag vor Stalingrad.“ Madonna. Denn: Wir wollen Weltfrieden, ewige Gesundheit für unsere Liebsten und lebenslang freie Burger im nächstgelegenen Burger Joint. Außerdem: einen Audi A 8. Und noch mehr Weltfrieden, Toleranz, Liebe, Gewerbefreiheit. Spiel und Spaß. Eine Tarnkappe. Und Dich. Noch mehr Liebe. Sex für alle. Rechte. Ohne Pflichten. Drück den Knopf. JETZT.

 

Mein Traum: Überall, auf allen Webseiten, wo wahre Religion, reine Seele, guter Wille, feine Gebote und Verbote gepredigt worden sind (+Twitter-Accounts frommer Segensprüchemacher aller drei monotheistischen Weltreligionen) erscheint am bewussten Tage um 8:30 mitteleuropäischer Zeit eine Leuchtschrift (Alles andere ist restlos gelöscht. WIR sind nicht tolerant, erst recht nicht akzeptierend. WIR sind vernichtend. Und das ist gut so.):

 

GOTT WEISS ES AUCH NICHT.

 

Auch auf Arabisch. Portugiesisch. Aserbaidschanisch. Georgisch. Spanisch. Katalanisch. Türkisch. etc.ppp. WIR sind Weltbürger. Denn: Wohin ich in Wahrheit gehöre. Läuft durch die Schrift. Für immer und ewig. Sonst nichts.

 

„Du bist so verdammt kindisch.“ „Und dann der Hass.“ „Stell dir mal den Hass vor.“ „Mein Traum ist auch eine Wirklichkeit.“ „Deine Träume spenden dir Trost.“ „Auf allen Wegen. Begegnen mir Angehörige. Hihi. “ Younger than the Mountains. „Du solltest dich was schämen. So albern ist das.“ „Eine Milliarde Dollar.“ „Wär dir das wert, solange du die nicht hast.“ Take me home to the place where I belong. „Wir gehören nirgendwo hin.“ Wir? „Ich bin überall zuhause, wo du bist.“ (Dein Lachen klingt jetzt zynisch. Menno.)


 

 

Neujahrssonntag. Der erste Januar 2017. De natura poeticae sonoris.

[Casa di >>>> Schulze
François Couperin, Sandrine Piaus Finsternislektionen]

Wobei dieser Tage von Finsternissen kaum gesprochen werden kann: Es ist frostkalt in Umbrien, aber hell, der Himmel strahlend blau, und der Sonnrich prallt auf die rosa Mauer, auf die ich aus meinem Arbeits- und Schlafzimmer schaue.
Es geht zur kleinen öffentlichen, vorwiegend zum Abstellen der ebenso kleinen Autos genutzten Piazza hinaus. Der >>>> Banditore di Amelia raint dort ebenso an wie der Pianeta Verde, das halbprivate Biolädchen, für das der Freund sogar einen Schlüssel besitzt. Ich sprach gestern davon, er habe seine Lebensmittelkammer ausgelagert. Was nicht ganz stimmt, nachdem wir nun mehrmals einkaufen waren – eine Tätigkeit, die, wie hierzulande immer, meine barocke Lust am Schwelgen entzündete. „Wenn ich wieder allein bin, kann ich zwei Wochen aus dem Kühlschrank leben“, so der Freund am Telefon. Wobei der „Kühlschrank“ arg eingeschränkt werden muß, weil ich die Neigung habe, Lebensmittels nicht frieren zu lassen. Zum seit nunmehr zwei Tage in der Beize liegenden Hirschbraten bemerkte der Freund, da kämen doch jetzt tausend Bakterien hinein. Abgesehen davon, daß einige auch durchaus erwünscht sind, entgegnete ich für die übrigen: „Nö, bei den Temperaturen sitzen sie tief in ihre Mäntel gemummt möglichst nahe an der Heizung und rühren sich nicht weg.“
Ich schreibe langsam am Ghostroman weiter, das erste ausgeführte sagen-wir-„Fantasy“-Kapitel. Das ein solches freilich nicht ist. Doch was es ist, darf ich >>>> bekanntlich nicht sagen. Mit Konstantin Wecker, der uns gestern abend – alternierend mit Pergolesi und abgeschlossen von Händel – durch den Abend rutschen half, kann ich immerhin sagen: „Du, ich lebe immer am Meer“ – wobei Sie recht haben, liebe Freundin, wenn Sie mein Du monieren. Es steht hier auch nur zitathalber; ich werde weiterhin unsere Distanz erhalten: die vielleicht einzige Vornahme, die ich für dieses Neue Jahr habe. Alles übrige liegt in den vorgeprägten Abläufen oder sei dem Zufall überlassen. Der mich im Alten ja nun wirklich überrascht hat.
Es ist nicht nur dahingesagt, wenn ich sage, daß das vergangene 2016 zu den härtesten Jahren meines ganzen Lebens gehört hat, namentlich seine erste Hälfte – und dann zu den märchenhaftesten. Die nach den zerbröselten Illusionen, die ich mir irrerweise mit dem >>>> Traumschiff gemacht hatte, sich zunehmend verfestigene Entschlossenheit, nicht mehr zu schreiben oder doch zumindest es nicht weiter auf Veröffentlichungen anzulegen, drehte sich seltsam ins einfache Weiterarbeiten hinein, wenn auch einem unter völlig anderen als den von mir gewöhnten Vorzeichen und auch Verbindlichkeiten. Das ist nun der Teppich, über den ich gehe; er erlaubt auch bare Füße über kaltem Stein. Und hier und da, schau nur!, kommt dann doch ein Pflänzchen wieder durch. Der Friedrichroman fängt an, leis in mir zu wachsen, auch an die Fortsetzung der Triestbriefe denke ich; und die Béartgedichte liegen allezeit am Schreibplatz; ich trage die ausgedruckten Seiten sogar ständig mit mir herum, bin zuversichtlich, daß irgendwann wieder ein Vers ersteht. Aber ohne daß ich ihn hinausgedrückt hätte. Und wenn nicht, nun, dann ist’s auch gut. Mein Sohn wird erwachsen, das ist die vielleicht größte Freude. Wir haben ihm nicht mitgegeben, „etwas zu werden“, aber Seele. Er ist von großer innerer Schönheit; daß ihr eine äußere entspricht, eine der Erscheinung, ist sein, nicht unser Privileg.
Ich sah den sonnengelben Flur des Nachbarhauses wieder.
Ich hatte Tränen in den Augen, als ich mir gestern >>>> Brancaccio-Ciaculli ansah – ein Quartiere Palermos, den ich noch nicht kenne; ein Umstand, den ich werde ändern müssen.
Jeder Schritt, den wir tun, geht über Verwandlungen hin; nicht immer sind sie zum bessren. Und uns ist aufgegeben – aber man muß es annehmen und annehmen können –, eine persönliche Haltung zu entwickeln, die, wenn es gelingt, Charakterhaltung wird. Der Zeitstrahl geht auf die Person, die man schließlich vor dem Zerfall ist: Höhepunkt der Entwicklung, ständiges Zunehmen an Wissen und (Herzens)Bildung (o altes Wort meiner Großmutter), schließlich, irgendwann, vielleicht ein Ruhen in sich selbst. Dann fahren wir die Rutsche hinab, jede/r einzelne von uns. Wie die sehr alten Frauen hier, die bis ganz zuletzt den ganzen Berg hinab- und ihn dann, tütenbehängt, wieder hinaufsteigen, bis eines Tages das Knie es nicht mehr möchte. Dann setzen sie sich oben auf die Piazza, um zu warten. Sie halten die Bank für die nächsten warm, die sich setzen, wenn sie selbst gegangen.
So sehen sie den jungen Mädchen zu, wie sie Frauen werden, dann schon Mütter sind, die auf Enkelkinder warten. Das ist der Fluß. Nein, das ist das Fließen. Die vergangenen eintausend Jahre sind so lange nicht, wie wir anfangs denken. Nirgends spür ich es so wie in der Kleinstadt. Gesualdo, Fürst von Venosa.

Freunde riefen an, sogar der Profi rief wieder an. Mein Sohn rief an, लक्ष्मी rief an, die Löwin rief an, sogar die Elfe gab Antwort. Freund Broßmann rief an. Die Contessa schickte schon früh eine Nachricht. Wir sind nicht allein.
Ich tauche in die Romangeschehen. Die jetzige Szene koste ich aus, alleine für mich. Immer wieder geh ich durch den weiten Park. Ich schaue auf den See zur Insel hinüber. Ein kleines Mädchen bin ich grad, vielleicht acht Jahre alt. Es ist der Badia ausgebüxt. Ich geb ihm keinen Namen. Es taucht nur einmal auf und beobachtet eine Schlüsselszene. Dann verschwindet es in den Generationenfolgen. Und viele Jahre später, Jahrzehnte später, seh ich es als alte Frau oben auf der Piazza sitzen und sich an seine Kinderliebe erinnern. Die es ganz vergessen hatte. Obwohl es immer Mädchen blieb in einer Hälfte seines Herzens (die >>>> Marschallin: „Aber wie kann das wirklich sein, / daß ich die kleine Resi war / und daß ich auch einmal die alte Frau sein werd! . . / Die alte Frau, die alte Marschallin! / »Siegst es, da geht’s, die alte Fürstin Resi!« / Wie kann denn das geschehen? / Wie macht denn das der liebe Gott? / Wo ich doch immer die gleiche bin. / Und wenn er’s schon so machen muß, / warum lasst er mich denn zuschau’n dabei, / mit gar so klarem Sinn? Warum versteckt er’s nicht vor mir? / Das alles ist geheim, so viel geheim. / Und man ist dazu da, daß man’s ertragt. / Und, in dem »Wie« da liegt der ganze Unterschied –“) – – obwohl es also immer Mädchen blieb, hat es sich über die Jahre vergessen.
Wie ich selbst in einer Hälfte meines Herzens immer der Junge geblieben bin, der ich mal gewesen. >>>> Fichte erzählte davon. Ich muß es nicht wiederholen. Aber es ist gut, sich selbst daran bisweilen zu erinnern.

Ein Anschlag in Istanbul, mehrere Tote. Auch über die gehen die Jahre, wie nun bereits die Tage über den Berliner Anschlag und seine Toten hinweggegangen sind und werden schon jetzt als öffentliche Jahre empfunden. Private Zeiten sind andere. Trauer läßt sich nicht institutionalisieren. Wer es versucht, schafft Freizeit, also Divertimenti – ein übrigens viel besseres, menschlicheres Wort als „Entertainment“. Wären unsere Unterhaltungs-„Events“ Divertimenti, es stünde um die Menschheit besser. Drum sei’s.
Gesualdos Motetten sind Trauer, aber eine divertimente; ein Entertainment sind sie nicht. Im guten Sinn erbauen sie: Auch das Wort „Erbauung“ meinte etwas anderes als das Entertainment will. Die Sänger sind keine Entertainer.
„Der süße Schmerz“ war ein Gedankenspiel-Titel für meinen neuen Gedichtband; ein Schmerz, der uns bildet und heilend neu zusammenfügt. Credo aller großen Kunst. Wir sprachen gestern über die Sinnlosigkeit, also Täuschung, durch populäre Unterhaltungsformen, auch (und gerade) der Musik. Es war ein Silvester ohne Remmidemmi, fast nüchtern vor dem Screen und den Lautsprechern, dann ergriffen durch sakrale Musik. Und daß jemand, Wecker nämlich, noch einmal >>>> zum Widerstand aufrief. Siebzig (!) ist er unterdessen und hat ein wenig zugelegt um die Hüften. Dennoch ist mehr Energie in ihm als in vielen Jungen, die ich kenne: Aufbruchsenergie, auch wenn er sie hie und da ein wenig zu sehr vom Beat statt von seiner Stimme tragen läßt.
Es ist ihm, find ich, nachzusehen.
Wir hörten auch kurz Hannes Wader. Er klang seltsam flach dagegen.
Die in Klang umgesetzten politischen Utopien klangen flach und wie Zitate aus vergangenen Zeiten, die wir wissend und ernüchtert überschauen. Wir haken sie ab. Von Bert Brecht – für den Freund, wie er erzählte, eine seiner Initiationen in die deutschsprachige Literatur – bleibt (erstaunlicherweise?) alleine der Baal. Und bleiben die Gedichte. Alles übrige ist eine Beschwörung geworden, der die Kraft der Beschwörung versiegt ist; sie hat drum keine Magie mehr.
Magie hat Magdalena Koženás „Lascia ch’io pianga“:

Händels Lied hat noch nach 310 Jahren überhaupt nichts von ihr eingebüßt, so wenig wie Grimmelshausens Simplizissimus, so wenig wie, nunmehr 240 Jahre später, >>>>> Goethes Harzreise im Winter:

Dem Geier gleich,
Der auf schweren Morgenwolken
Mit sanftem Fittich ruhend
Nach Beute schaut,
Schwebe mein Lied.
Mit den nahezu unfaßbaren, von Brahms vertonten Mittelzeilen:

Ach, wer heilet die Schmerzen
Deß, dem Balsam zu Gift ward?

Ich hörte diese Musik zum ersten Mal mit siebzehn. Seither ist sie ein unverrückbarer Teil meines Selbst.

Zurück also wieder an den – unseren: der Contessa und meinen – Roman. Und an Hackbrett und Herd für den Hirschen und das Blaukraut.

(„Weitermachen“, sagte gestern nacht der Freund, „dem einfach weiter folgen, woran wir glaubten und glauben.“ Dennoch ist zu spüren, wie immer weniger ich der

Unhold

noch bleibe, geschweige denn der Ihre).

Marcel Crépon vom Rheinfall

Liebes rheinsein,

Eine Wand des Zimmers, das ich zum Sommerende bewohnte, schmückte ein Ölgemälde. Wenn das Motiv (ein Stillleben mit Weintrauben, Apfel, Birne, einem Krug) der klassischen Tradition entspricht, so ist die Darstellung ungewöhnlich, indem der Maler die Vergänglichkeit der Dinge durch einen Schnipser angedeutet hat. Unsichtbar die dafür verantwortliche Hand, umso effektiver das Umkippen der mit verblassten Weintrauben gefüllten Schale. Durchs Fenster ließ sich auf der gegenüberliegenden Wand die Welt erblicken. Felder mit hochgewachsenem Hopfen im Vordergrund, der Bodensee, und im Hintergrund je nach Wetterlage die Voralpen. Berge. Everest, Ventoux, Kilimandscharo, Säntis, Berge sind da, damit wir hinauf gehen können, um, ist der Gipfel erreicht, auf andere Berge Ausschau zu halten. Aber nicht nur, wie ich ihnen nun berichten werde.

Mit dem Namen Agaric werden Sie wenig anzufangen wissen. Nach Pferdeschweiß, rostiger Rüstung und klirrenden Waffen klingt er – tatsächlich handelt es sich um einen Pilz. “Sebastian Münster”, erzählte mir mein Begleiter als wir eine Pause im Schatten einer Lärche einlegten, “erwähnt ihn in seiner “Cosmographie”, zitierte eine, benutzte jedoch zwei Schilderungen Plinius des Älteren, und brachte ein bisschen alles durcheinander. Da wo der Ingelheimer versicherte, der Pilz sei ein ausgezeichnetes Mittel gegen Kopfschmerz, sagte der Römer, er würde Cephalgie verursachen. Eigentlich beschrieb der Gelehrte den Lärchenschwamm (Polyporus officinalis. Bei Plinius: Agaricus officinalis), doch verwendete er dafür eine Zeichnung von Agaricus arvensis.” Mein Begleiter skizzierte die Holzradierung nach. Schnell jedoch bekam ich den Eindruck, dass dieser Agaric mehr einem Atompilz glich als einem Aspirin, oder dem Blatt einer Kreissäge, und nicht nur Migräne, sondern eine Menge anderes verschwinden zu lassen in der Lage war. “Irrtum, im Gegensatz zum Agaric Amanita muscaria ist Agaricus arvensis ganz harmlos, lässt sich ohne Gefahr fürs Kochen verwenden.” Was mich jedoch interessierte waren weniger die medizinischen oder kulinarischen oder sonstigen Eigenschaften des Pilzes, als vielmehr der Beiname, welchen mein Begleiter irgendwann fallen ließ: Schneeball.

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Ich hatte mal von einen Ritter gehört, der statt der üblichen Menagerie, Pflanzen und abstrusen Symbolen, etwas ähnliches als Wappen führte. Stellen Sie sich nur vor wie dieser Ritter einer Lawine gleich in die Schlacht galoppierte und mit Geschrei seinen Feinden drohte: “Ihr verfluchten feigen Säue! Eure Glieder werde ich zerhacken, eure Gedärme aufsaugen, eure Hirne wie Schneebällchen schmelzen lassen!” Schließlich erreichten wir unser Ziel, die Wetterstation auf der Säntisspitze. Unser Ziel war natürlich nicht eigentlich sie, sie stand nun aber da und konnte als solche wahrgenommen werden – und wurde es in der Tat, betrachtete man das bunt bekleidete Volk, das ebenfalls den Gipfel erobert hatte. Manche kamen noch zu Fuß. Einige hielten beim Gehen einen Stab vor sich hoch. Pilger vielleicht, die sich eine besondere Form der Buße ausgedacht hatten? So war es nicht. Keine Jakobsmuschel hing am Ende des Stabs befestigt, sondern: eine Kamera. Andere bevorzugten die Schwebebahn, darunter zwei eifrige alte Damen. Immer wieder ein Stück Zeitung nachlesend, untersuchten sie akribisch den Boden.

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(Fortsetzung folgt)