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Inhalt 04/2016

Die Lesezeichen-Ausgabe 04/2016 erschien am 16. Januar 2017.

In dieser Ausgabe:

Gekenterte Boote und Glockenjungen, der Unterschied von Regen­- und Schnee­schir­men, Millenniumspatzen und Kettensägen, Lärchenschwämme und Minnesänger, Pferde in Wiesenträumen, Gabriela Mistral, Pablo Neruda und Antonio Skármeta, großformatige Ritter-Bilder und ein Baugerüst in Paris, Schweighöfer, Houellebecq, Bourdieu und Raoul Schrott, schlanke, androgyne, junge Männer und Frauen in Slim Jeans und T-Shirts mit sonderbaren Aufdrucken, zerbröselte Illusionen, Divertimenti … uvm.

INHALT:

trost

graphic novel von katharina vasces und dem kobboi - tröstlich

immer wieder wurde sie bedauert und getröstet, weil sie ohne eltern aufwachsen müsste. katharina war ein monat alt, als an einem tag, wo das meer total ruhig war und auch sonst nicht das geringste anzeichen einer gefahr in der luft lag, ihre eltern mit ihrem boot kenterten. nirgendwo fand man auch nur die geringste spur von ihnen.
für katharina, war immer ihr grossvater, ihre familie und sie war glücklich mit ihm. nichts fehlte. grossvater, versuchte alles, sie nicht mit seiner trauer zu belasten.
sie musste dann immer klar stellen, dass sie und grossvater, auch eine richtige familie seien. gut lena zählt sie auch noch dazu. sie bracht oft kuchen und sie hatten es lustig zusammen, dabei war der kuchen von grossvater viel besser. katharina hörte den beiden gerne zu.

phänomenal

9

marim­ba : 4.32 – Helena, die vor weni­gen Tagen sechs Jah­re alt gewor­den ist, frag­te mich am Tele­fon, inwie­fern sich ein Regen­schirm von einem Schnee­schirm unter­schei­de. Das ist eine auf­re­gen­de Geschich­te, dach­te ich, ich habe von der Exis­tenz der Schnee­schir­me noch nie zuvor gehört. Das ist näm­li­ch so, sag­te Helena, wenn es Regen­schir­me gibt muss es auch Schnee­schir­me geben, wie Son­nen­schir­me und Wind­schir­me. Um Zeit zu gewin­nen, wie­der­hol­te ich Hele­n­as Fra­ge. Du will­st wis­sen, inwie­fern sich Regen­schir­me von Schnee­schir­men unter­schei­den? Habe ich Dich rich­tig ver­stan­den? Ja, ant­wor­te­te Helena, was heisst inwie­fern? Plötz­li­ch war sie nicht mehr am Tele­fon. Ich hör­te ihre Schrit­te, wie sie durch die fer­ne Woh­nung lief, sie schien nach etwas zu suchen. Bald hör­te ich ihre Stim­me, sie erzähl­te eine Geschich­te von einem Frosch, den sie im Gar­ten ent­deckt hat­te, ihre Mut­ter lach­te. Nach einer Wei­le hör­te ich Hele­n­as Schrit­te wie­der näher­kom­men, dann ihre Stim­me. Ich habe dich fast ver­ges­sen, dass du am Tele­fon bist, sag­te Helena, das ist phä­no­me­n­al. Sie lach­te. Das ist ja wirk­li­ch phä­no­me­n­al. Was ist heisst : phä­no­me­n­al? – stop

trompetencode

Altjahrsabend

/

Kabel und Soldaten laufen über und durch, ah trapptrapp, gut gelaunt

am Strand von Anno Du, indes Madame das Futur mit ihrem Absatz einklopft:

„Du wirst das Spiel nicht ändern, wenn du das Spiel ändern willst.“

/

Am Stand von Madame Fu klopfen Spieler die launigen Nichtspieler ab

nach Kabalen, die jüngst zu Hunderten aufflogen. Du rappelst:

„Hey, nimm deine Daten aus meinem Bodensatz!“

/

„Du wirst gelebt worden sein“: Schon zieht Madame diesen Satz

aus ihrem Dutt. Für dich! Ein Nichtspieler überreicht dir

den Millenniumspatzen. Plus zwei Nusshälften für ein schlachtenfrohes Futur.

 

Neues aus der Nahtodtube

Vorsicht, das ist eine Kettensäge! Und das ist ein Golem.
Nehmen Sie ruhig noch eines der großen Themen!
Seien Sie nicht so bescheiden, Ihr Nachbar könnte …

Hören Sie auf, ständig «Fickt Euch!» zu sagen, ja?
Sie sind schließlich auch nicht im Bilde!
Über Goliath haben Sie hier nicht zu befinden! – Nö!

Ich kann sehr wohl jeden meiner Sätze mit Ausrufungszeichen beenden!

Sie könnten sich freuen, hier das Klopapier mimen zu dürfen!
Unsere Sterze nehmen Sie ernst! Wir hatten 5.000 Blatt zur
Verfügung, und Sie sind’s geworden, Monsieur Douche!

Achten Sie zukünftig auf Ihre Haltung am Stiel im Sielhäuschen!
Rühren Sie die Schwäne nicht an! WRUMM-WRUMM

Kaufmannsund- & Kleinschreibenden

Stehende Knospen

img_0300
read An; Öl auf Papier, 2009

 

Fortan schlüpften unsere Blüten den Minnesängern gleich aus ihren durchsichtigen, einsichtigen Welten. Der bestäubte Garn vieler Stunden wies ihnen den Weg durch den Kräuterfarn am Teich der irritierenden Gespinste, die mit den Butterfliegen rangen. Von den sanften Teilen ein Teil : das war ihr Begehr; und so drängten sie sich um das Seeufer herum, öffneten ihre Menuette (selbstverständlich im Dreivierteltakt) und zeugten in den Lüften von sich selbst und ihrem artistischen Flappern, der nahen Spule verwandt, nicht aber zu verwechseln mit den Tropfen, die sich vom endlos brausenden Mühlrad trennen. Besagter See ist ein gewisses Heute; unsere Blüten aber sind zeitlos, ein Mantel aus Flügelschlägen sorgt hierfür, genährt von Wiesenträumen. Die Kapriolen der Zinnober-Bürsten erklimmen ihre Wandten, vertanzen mit den Blüten einen gewissen Sommernachmittag. Wir werden uns den Schirm etwas kosten lassen, der uns während des Schauspiels ermöglicht, geschützt und sahnig eingeölt, das Okular auf die richtige Schärfe einzustellen.

 

Darstellung No. 3
Bild und Zauber: read An
Text und Traum: Michael Perkampus

Zum Audio-Beitrag …

„lass den himmel“

lass dem himmel
seine hölle,
lass ihn fallen
wie den engel.

halt den atem an,
und herzschlag bremse,
wo das alte, lass die sonne
in des mondes schein hinan.

lass den blüten späte wonne
und dem blatt noch seinen fall.
wo noch war die sonne,
ist dem lied sein ultraschall.

lass dem untergang
sein werden,
wie er rät dem nächsten,
und die weiden deinen pferden.

halt an und gehe weiter:
stehen bleiben gibt es nicht!
wo wir gehen,
bleiben pfade in das dunkle dickicht.

lass den küsten
ihre wasser
und dem strand sein branden,
und lasse mir mein anverwanden.

gehe weiter, frag mich nicht,
wohin. lass dann die leiter
stehen, wo wir steigen
hin und auf ins licht.

 

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Santiago, New York und Isla Negra


Statue der Inmaculada auf dem San Cristóbal

••• Es fällt mir schwer zu schreiben. Dabei bin ich an einem Sehnsuchtsort. Vierunddreißig Jahre habe ich darauf gewartet, einmal durch die Straßen von Santiago de Chile zu gehen. Jetzt bin ich hier. Und wäre ich im Vollbesitz meiner Kräfte, würde es nicht mehr als diese Fakten brauchen, um einen ganzen Regenbogen an Geschichten aufzuspannen. Aber es fällt mir schwer zu schreiben. Wie kann das sein?

Als ich vor fast einem Jahr die Einladung zum Filba-Festival in Buenos Aires erhielt, war mir sofort klar, dass ich diese Gelegenheit nutzen würde, um nach Chile zu reisen. Drei Dichter, die mich maßgeblich geprägt haben, stammen von hier: Gabriela Mistral, Pablo Neruda und Antonio Skármeta. Dabei war Skármeta derjenige, über den mir die beiden anderen überhaupt erst wirklich zugänglich wurden.

 


Blick auf Santiago vom San Cristóbal

Viele chilenische Künstler fanden nach dem Militärputsch 1973 in der DDR eine vorübergehende oder auch längerfristige Exil-Heimat. Diesem Umstand verdankten wir Leser in der DDR den Zugang zur progressiven chilenischen Gegenwartsliteratur. Skármetas Erzählungen rund um den »Radfahrer vom San Cristóbal« erschienen 1982 im Aufbau-Verlag unter dem Titel »Alles verliebt, nur ich nicht«. Die Übersetzungen der Romane folgten, von »Ich träumte, der Schnee brennt« und »Aufstand in León« (über die Revolution in Nicaragua) bis zum »Haus auf den Klippen«, später weithin berühmt geworden unter dem Titel »Il Postino«, unter dem der Roman auch verfilmt worden ist.

Den Band mit Erzählungen habe ich auf dieser Reise dabei und wieder gelesen. Die Erzählung »Ein Wirbel beim Tanz« und der Roman »Il Postino« bringen Skármeta mit den beiden anderen Dichtern zusammen. In »Ein Wirbel beim Tanz« schreibt Skármeta von den letzten Tagen der Mistral. Ein gestrandeter chilenischer Schriftsteller ohne Veröffentlichungen wohnt einige Zeit bei »der Alten«, über die er sich nur despektierlich äußert. Als Abschiedsgeschenk, als er schließlich, von ihr wieder aufgepäppelt, weiterziehen will, wünscht sie sich eine chilenische Fahne. Die ist in New York, wo die Erzählung spielt, schwer aufzutreiben. Er müsse sich irren, sagen ihm die Händler, ein Land »Chile«, das gäbe es doch gar nicht. Er meine vielleicht Kuba oder China. Schließlich erklärt sich ein jüdischer Schneider bereit, die chilenische Fahne zu nähen, eigens für die »Alte«, damit sie ihren Willen hat und der undankbare junge Dichter weiterziehen kann.

Wenige Tage später stirbt die »Alte«, und die Fahne liegt auf ihrem Sarg. Eigens dafür hatte sie sie sich gewünscht. Und das alles lässt Skármeta den älter gewordenen und nach Chile zurückgekehrten Dichter im angetrunkenen und sentimalen Zustand seiner Geliebten erzählen. Gegen diese zehn Seiten ist die gesamte deutsche Gegenwartsliteratur blutleeres Gewäsch.


Isla Negra

In »Il Postino« geht es um den Briefträger Pablo Nerudas in Isla Negra, jenem kleinen Ort an der Pazifikküste, etwa 100 km von Santiago entfernt, in dem Neruda den Großteil seiner berühmtesten Werke schrieb: Die »Elementaren Oden« etwa oder den »Canto General«.

Also bin ich nicht direkt nach Buenos Aires gereist, sondern zunächst nach Chile. Ich wollte auf den San Cristóbal steigen und vom Heiligtum der Inmaculada Concepción auf Santiago hinabschauen. Ich wollte die Moneda sehen und den Hut vor dem Denkmal Allendes neben der Moneda ziehen. Ich wollte die Studenten auf den Grünstreifen der Avenida de Providencia Pause machen sehen, wie Skármeta es beschreibt, an den grünen Hängen des Santa-Lucia-Hügels, und ich wollte das Haus auf den schwarzen Vulkansteinklippen besuchen.


Isla Negra

Natürlich ist das ein sentimentaler Aufenthalt. Ich werde nie wieder Teenager sein, so leicht und stark beeinflussbar wie seinerzeit von der chilenischen (Exil)-Literatur und direkt im Gefolge von der lateinamerikanischen Literatur allgemein, soweit man bei uns von ihr erfuhr, also nur von den ganz Großen. Aber ich hätte nicht gedacht, dass dieser Aufenthalt mich so berühren wird.

Der Besuch in Isla Negra heute war entzaubernd und erhellend zugleich. Neruda war am Ende doch auch nur ein dicker Angeber, der sich bestens auf Selbstinszenierung verstand. Ein selbsternannter »Seemann«, der nie ein Schiff betreten wollte, weswegen sein eigenes neben dem Haus auf dem Trockenen liegen musste? Ich kann und will ihm nichts vorwerfen. Er war ehrlich, wenn er sagte, dass er sich mit Spielzeug und Erinnerungen an seine Kindheit umgeben müsse. Denn dort sei die Wurzel seiner Dichtung. Mit dem verspielten Kind in ihm in Kontakt zu bleiben, sei die beste Möglichkeit für ihn, auch im Jetzt glücklich zu sein. Solche Worte sind schwer zu ertragen, wenn man mit der eigenen Kindheit möglichst nichts mehr zu tun haben möchte.


Isla Negra

Auf dem Rückweg nach Santiago war ich wütend. Ich verschwende meine kreativen Energien auf Softwareentwicklung. Software ist veraltet, sobald man sie in Betrieb nimmt. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der Code, den man heute schreibt, in zehn Jahren nicht einmal mehr lauffähig ist, wenn er denn überhaupt noch von irgendwelchem Wert ist. Warum schreibe ich dann nicht lieber? Warum mache ich nicht einfach Literatur? Nun, abgesehen davon, dass drei Kinder essen und bekleidet und gebildet werden wollen, was Geld kostet, das man mit Literatur kaum verdienen kann, gibt es noch einen anderen Grund: Es ist genauso sinnlos wie Software zu schreiben. Will man irgendwie durchkommen, muss man sich zum Narren des Literaturbetriebs machen, sich selbst vermarkten, sich selbst verraten. Alle drei Chilenen, die ich so verehre, haben Literatur gemacht, die etwas bewegt hat. Es ging um etwas. Es ging sogar um große Beträge. Und daran bin ich erinnert, wenn ich nun ein paar der Orte selbst besuchen kann, die in den Werken dieser drei eine Rolle spielen.


Isla Negra

Allein die Anden! Caballero Calderón schrieb 1966 in seinem Buch »Der gute Wilde«, man dürfe nicht vergessen, dass der hispano-amerikanische Schriftsteller von der »Landschaft förmlich aufgefressen« werde. Das versteht man nur zu gut, wenn man über den morgendlichen Bergen über Santiago eingeflogen ist oder den Weg von Santiago an die Küste gemacht hat. Diese Landschaft verströmt einen spröden Zauber, der seinesgleichen sucht.

Das alles macht mir unbändige Lust, wieder zu schreiben, und erinnert mich doch mit Wucht auch daran, warum ich es so sinnlos finde, es zu tun.

Mistral, Neruda und Skármeta waren und sind Botschafter ihres Landes in aller Welt gewesen – nicht symbolisch, sondern de facto! Und ein Land, das seine Dichter zu seinen Botschaftern macht, ist mir sympathisch, bei aller blutiger Vergangenheit. Dichter als Botschafter! So sollte es sein.

Zu schade, dass ich schon gehen muss. Ich werde noch einmal hierher kommen müssen – nicht allein und mit viel mehr Zeit.

Vom Fleck weg!

Letztens fiel mir, durchaus nicht zufällig, Peter Rühmkorfs Büchlein Kleine Fleckenkunde in die Hände. Zu einem seiner Klappdrucke schreibt er:

Wer hierzulande Flecken hinterläßt
gilt gleich als Schwein.
Wer einen Klecks in eine Ordnung preßt
kann schon ein Künstler sein.

Wie wahr! Hier ein Versuch meinerseits!

norbert-w-schlinkert-klappdruck-wombart

PS: Wombat schön und gut, so sehe ich das; allerdings wurde mir nach Begutachtung des Klappdrucks eine Geschichte zu Gehör gebracht, die mit einem Büro nach Feierabend und einem Kopierer zu tun hat, aus der obiges Bild ebenso gut hätte entstehen können. Nein, sage ich, nein; es war der Wombat, der aus der Schwärze des Tintenfasses ans Licht strebte!