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Kurztitel & Kontexte bis 2016-07-23

Kurztitel & Kontexte bis 2016-07-16

Das Lesezeichen 02/2016 ist da!

Die Lesezeichen-Ausgabe 02/2016 erschien am 11. Juli 2016.

In dieser Ausgabe:

Molly Bloom und ein Glas voller Luft, saure Brause für den Schlaf des Wissens, Jean Pauls Text-Jemand, Victor Vroomkoning und Louis Paul Boon, das Ich als DJ und seine Sam­mel­bil­der, Bergbäche, Schluchten und die Romane Mary Wesleys, Rap-Workshops in einem Café in Friedenau, die Kulturindustrie und zwei Gläschen Ninno-Wein, unbekannte Musen in Besitzstandswahrungsgesellschaften, Leszek Możdżer, Iiro Rantala, Michael Wollny und Maria Callasuvm.

ZUM INHALT …

Inhalt 02/2016

Die Lesezeichen-Ausgabe 02/2016 erschien am 11. Juli 2016.

In dieser Ausgabe:

Molly Bloom und ein Glas voller Luft, saure Brause für den Schlaf des Wissens, Jean Pauls Text-Jemand, Victor Vroomkoning und Louis Paul Boon, das Ich als DJ und seine Sam­mel­bil­der, Bergbäche, Schluchten und die Romane Mary Wesleys, Rap-Workshops in einem Café in Friedenau, die Kulturindustrie und zwei Gläschen Ninno-Wein, unbekannte Musen in Besitzstandswahrungsgesellschaften, Leszek Możdżer, Iiro Rantala, Michael Wollny und Maria Callas … uvm.

INHALT:

Klage

ich habe einen bekannten, der ist ein schwieriger mensch. er passt in keine community, er würde sich wahrscheinlich anpassen, wenn er könnte, aber er kann nicht. seine texte sind gut, aber er ist im herkömmlichen sinne wenig präsentabel. seine ansprüche sind hoch, daran wird er vermutlich scheitern. FUCK KULTURINDUSTRIIE: die selbst dort wirksam ist, wo sie sich als industrie kaum zu erkennen gibt.

Sprühend vor Leben! ACTs Piano Night: ein Pianistengipfel.

 

Sprühend vor Leben! ACTs Piano Night: ein Pianistengipfel. Leszek Możdżer, Iiro Rantala und Michael Wollny in der Berliner Philharmonie. Jazz at Berlin Philharmonic XIII: am Dienstag, dem 31. Mai 2016.

 

Es hatten sich die dreie wohl geeinigt, den Affen Zucker zu geben, so daß der eines Tages wahrscheinlich legendär werdende Jazz at Berlin Philharmonic-Abend in eine Virtuosen-, ja, –Show, muß man wohl sagen, aus-, muß man sagen, –artete. Das war lustig und bekam die standing ovations, auf die sie auch abzielen sollte. So wird man wohl erst im Nachhören, wenn die Live-CD, hoffentlich bald, vorliegen wird, die musikalische Finesse voll erfassen können, die improvisationskompositorisch auch die als Trio gespielte Zugabe ausgezeichnet hat. Für die Musik selbst wäre es nicht nötig gewesen, fliegend im Flirt-à-trois die Klaviere zu wechseln, auch nicht, daß der eine mit der rechten Hand auf der Klaviatur des anderen mitspielt und dieser mit der linken auf der des ersten- und der dritte springt herbei und übernimmt den Part des zweiten. All sowas macht viel Freude, gehört aber, streng genommen, eher in einen Circus als in den Konzertsaal.
Doch Strenge war nicht angesagt; immerhin galt es, mehr als zweitausend Leute von den Stühlen zu reißen, darunter auch solche, die gewiß nicht zu Stammhörern des Jazz‘ gehörten, sondern sie waren, und hier zu recht, dem unterdessen massenmobilierenden Ruf der Events gefolgt; andererseits saßen im Publikum nur sehr wenig junge Leute, die meisten mochten zur HochZeit des europäischen Jazz jung gewesen sein, in den Sechzigern und Siebzigern also, bis etwa Mitte der Achtziger. Nicht dies, ihre seinerzeitige Jugend, sondern der Umstand selbst ist ein bißchen zu bedauern, daß die jazzguten Zeiten vorüber zu sein scheinen. Dennoch dampfte dieser lebenssprühende Abend kein Fähnlein Nostalgie aus.

Mit seinen virtuos-verspielten, das Konzert witzig einleitenden Improviationen auf Bernsteins Candide-Ouvertüre gab Iiro Rantala die Stimmung und vor allem das Tempo gleich vor, das den subjektiven Eindruck allenfalls einer Konzertstunde vermittelte. Mit Ausnahme von Lars Danielssons Africa aus dem Jahr 2008 und wenigen Passagen in Wollnys Wandererfantasie von 2005/2015, sowie Chris Beiers wunderschönem „White Moon“ (2007 – zwei Weingläser stehen umgekehrt auf den Saiten, die so, angeschlagen, sehr helle und ungefähre Flageoletti miterzeugten; neben Danielssons Komposition mein entschiedenes Lieblingsstück des Abends) – favorisierten Leszek Możdżer, auch Michael Wollny und sowieso Rantala das Presto; sehr innenkonzentrierte Musik, wie sie den späten Jarrett kennzeichnet, war nicht angesagt; ein wenig war‘s, als führte man vor, was man technisch kann – und dem sind allenfalls wenig, wahrscheinlich sogar gar keine Genzen gesetzt. Es wurde also, wie‘s nur geht, brilliert. Dabei wirkten Wollnys Stücke als dramaturgisch am tiefsten durchgehört – enorm ohrendeutlich übrigens der Einfluß des experimentellen Franz Liszts –, zumal er, Wollny, als erster auch den Innenraum der Klaviere nutzte; später tat dies Możdżer gleichfalls, und unversehens befanden wir uns in den verschoben-freien Tonalitäten des präparierten Klaviers und also außerhalb der gängigen Dur-moll-Räume mitten in der, fast muß man sagen: vergangenen Moderne. Das wurde dann besonders reizvoll, wenn die drei in ihren Duos und Trios spielten – eine ganz sicher nicht unbewußte Hommage an Petruccianis „100 Hearts“ von 1984, der dazu, Petrucciani, überdies pfiff:

Ich war mir aber nicht immer sicher, inwieweit sich der wirksame Effekt über die Essenz der Musiken stülpte, besonders bei Wollnys Wanderer, und bei derZugabe sowieso, diesem ausgelassen-hinreißenden Fandango, das Rantala denn auch mit einem clownesk gerufenen Olé beschloß. Daß bei den Soli je die anderen beiden Pianisten nach Flamencoart den Rhythmus klatschten, verwies abermals auf Petrucciani. Indes, vom eigentlichen Programm hängengeblieben – neben den schon genannten Stücken – sind mir besonders Możdżers von Anfang an mit Dissonanzen gleichsam impressionistisch spielendes She said she was a painter von 2013, Komedas allerdings schon fast vierzig Jahre altes Svantetic – vielleicht das konzentrierteste Stück des gesamten Konzertes – und die abschließende Improvisation auf Gershwins Summertime aus Porgy & Bess, bei der die persönlichen Handschriften jedes Pianisten – Rantala etwa betont gravitätisch die Themen – gleichsam in nuce vorgeführt wurden, bevor sie sich ineinandermischten – synkretistisch, nicht eklektizistisch, wie, meines Dafürhaltens nach falsch, das Programmheft behauptet. Richtig ist freilich, daß sich alle drei Pianisten nicht scheuen, das auch nicht sollten, ihre Inspirationen aus jedem Genre herzunehmen, das ihnen unterkommt und -kam. So kann es geschehen, daß ein ästhetisch ziemlich banaler „Song“ wie >>>> John Lennons Just Like Starting over zum Material großer Musik wird; zum Beispiel gestern bei Rantala. Freilich ist so etwas weder neu noch müßte es das sein, sondern war schon in der sogenannten Klassischen Musik gang und gäbe: Man nahm sein Material aus dem V/Folk und nimmt es heutzutage logischerweise aus dem, vor allem, Pop. Es ist geradezu eine liebensspöttische Ironie der Musikgeschichte, daß auf diese Weise selbst Leute wie ich, die den Pop nicht ausstehen können, weil sie das Gefühl haben, man stopfe ihnen permanent Buttercreme in die Ohren, eine abgefeimte Methode „soften“ Folterns – daß also selbst Leute wie ich ihn plötzlich genießen können – und wirklich hinhören können auf das, was gemeint gewesen war. Für mich persönlich ein irrer Gewinn.

Die Reihe Jazz at Berlin Philharmonic begann im Dezember 2012 mit einem Konzert als, erst einmal, Versuchsballon. Und zwar mit eben diesen drei Pianisten:

Kann ein Ballon „einschlagen“? Eigentlich nicht. Dieser tat‘s. Und viele der seitdem beteiligten Jazzmusiker, die allerdings in ihren Heimatländern meist schon bekannt waren, hat er fast unmittelbar nach ihren Berliner Konzerten in den auch internationalen Ruhm getragen. Der des Hauses, eben der Berliner Philharmonie, dürfte daran einigen Anteil haben – und somit daran, daß es um die Wahrnehmung des Jazz offenbar doch nicht so trübe bestellt ist, wie es seit zwei Jahrzehnten aussieht. Dank also an den Intendanten und der Stiftung der Berliner Philharmonie; Dank aber auch an >>> ACT. Das auf neuen Jazz spezialisierte Unternehmen scheint die tragende Rolle übernommen zu haben, die im Europa der Siebziger und Achtziger >>>> ECM innehatte. Möge sich der Erfolg damit messen können!
Wie auch immer, nun jedenfalls holte man die drei Pianisten abermals, um ein der Zahl nach ungewöhnliches Jubiläum zu begehen: Üblicherweise steht die 13 ja eher für Unglück. Wer allerdings die Hintergründe kennt, sieht dies anders. Es war die alte matriachale Jahresmonatszahl (13 x 28); die Christianisierung schlug das ebenso nieder, wie der Teufel seine Hörner bekam, die wiederum für den ab- und zunehmenden Mond standen und damit ebenfalls matriachal kommotiert gewesen sind. Damit machte das Patriachat, den Sexus diffamierend, Schluß. Vielleicht wissen sie es nicht, aber Leszek Możdżer, Iiro Rantala und Michael Wollny haben dem nun, unter überbordendem Jubel des großen philharmonischen Saales, lustvoll etwas entgegengesetzt, es gleichsam, wenn auch nur für diesen Abend, zurückgenommen.
Auch darum sei, wer nicht dabeiwar, betrübt.

JAZZ AT BERLIN PHILHARMONIC XIII
Piano Night

Leszek Możdżer
Michael Wollny
Iiro Rantala

Montag, der 31. Juni 2016

Die bisherigen Konzerte sind als CDs >>>> dort zu beziehen.

Chronisch akut

Resümieren klingt immer seltener nach einer guten Ausgangsposition. Diese Unart, eigenes Empfinden und Wahrnehmen andauernd in Relation zu setzen! Kein Recht mehr auf Niedergeschlagenheit, während es anderen doch so viel schlechter geht, vor allem so unmittelbar. Wer traut sich denn noch, anhaltend Verlust zu artikulieren, oder Leid, wenn nebenan in der Welt tausendfach jemand vertrieben, gedemütigt, geschändet wird? Dazu die subcutane Scham, in einer dieser Besitzstandswahrungsgesellschaften zu leben, unablässig in Trance gesurrt von Bildern und Konsum.

Das Chronische kommt gegen das Akute nicht an. Niemals. Jene, die um ihr Überleben kämpfen, scheinen immer mehr im Recht zu sein als jene, die schon ein kalter Regentag depressiv machen kann, oder ein Leben als solches. Subjektiv aufgeladener Schmerz an der Welt ist moralisch nicht mehr tragbar, wirkt narzistisch. Also drückt man’s weg. Dabei hat mich Stillhalten noch nie motiviert, geschweige denn auf neue Ideen gebracht.
Langsame Reduktion auf die moralischen Grundwerte ist wie Marmelade einkochen: duftet unwiderstehlich, während es passiert. Als Belohnung hat man dann Etiketten auf Gläsern.
Marmelade hab’ ich schon immer gehasst.

Stimmengewirr im Kopf, Entfremdung. Werde ich durchscheinender? Egaler? Ich zeige anderen, wie man sich an die große Glocke hängt, helfe ihnen, sich im Spotlight nicht wegzuducken. Da bleibt nicht viel Drang, abends in die Vollen zu gehen. Menschen, die sich zu Scheinwerfern machen, bleiben selbst gerne im Dunkeln.
Höchstens mal ’ne Kerze, wenn’s schön sein soll.

So auf Antiextravaganz festgezurrt. Katalysator:innen müssen nicht kämpfen, nur sein. Sollen die Auserwählten doch den Kampf um Anerkennung im Haifischbecken austragen, die Panikattacken und ihre Narben. Darf eine dennoch trauriger werden und müder, ohne ihr Leben riskiert zu haben – oder zumindest ihre Reputation? Vielleicht ist die Sehnsucht, anderen zu helfen, doch nur Feigheit angesichts der Alternative, aus voller Kraft künstlerische Spuren zu hinterlassen: sein Unwesen zu treiben. Als Aufstand gegen die moralische Diktatur des Wesentlichen.

Motherfucking Nightmare

Ich hatte immer eine Unbekannte, der ich Briefe schrieb. Wie andere eine Muse haben, hatte ich also eine Unbekannte. Anders wie jene, an die man sich bewusst wendet, weil man weiß, wer er sie ist, bleibt die Unbekannte unbekannt, weil man nie wissen wird, ob man es mit derselben Unbekannten zu tun hat. Es gibt keine Hochrechnung des Unbekannten. Unbekannt kann jede sein – und gleichzeitig sind es alle, die man nicht kennt.

Ich habe irgendwo gelesen, dass man Briefe nur an sich selbst schreibt, und Gedichte ja eigentlich auch. Vielleicht weiß man es inzwischen: es ist nicht wahr.

Aus dem Unbekannten, das man beschwört, schält sich hin und wieder ein Gesicht; ich habe es noch nie gesehen, aber ich kenne es gut und vergesse es gleich wieder. Ich versuche stattdessen, Hände wiederzuerkennen, wenn sie mir ein Stück Kuchen reichen oder das Wechselgeld zurückgeben. Aber Hände kenne ich nicht. Ich entdecke alles zum ersten Mal, je vertrauter es mir wird.

Es könnte also vorkommen, dass ich neben einer Unbekannten aufwache und mich nicht wundere, mit ihr vertraut zu sein. Aber wie gesagt: das Vergessen liegt näher. Was bleibt, ist die Erinnerung an etwas, das vermutlich nie geschehen ist.

I still see you without eyes / I still hear you without eyes / I still feel you without eyes / I still hear you without eyes / Cold whore’s hair / Motherfucking nightmare

III,64 – hébété … u.a.

III,64 – hébété

Vom Tabaccaio zurück bewegte sich im Windhauch ein leichter Plastikbeutel im Hofeingang, formte und verformte, hob und senkte sich, blieb dann wie ermattet liegen außerhalb des wahrscheinlichen Windkanals. Fünf Minuten vorher war er noch nicht dagewesen. Im Gegenzug ist Siope in der Zwischenzeit verschwunden, der am Nachmittag kurz hintereinander zwei mordshübsche Katzen/Kater eine kurze und sehr distanzierte Gesellschaft leisteten. Die mir zugewandte Hälfte des Platzes ist nunmehr autolos, zur Markierung sind vier Tische rechts und links aufgestellt. Peu a peu trudeln schon mal Leute ein. Vor dem Gang zum Tabaccaio mußte ich dauernd an das Wort “èbete” denken. In meiner Vorstellung drückte es den Zustand aus, in dem ich mich befand: wie weggewischt, vielleicht so wie einer, der Absinth getrunken hat (i.e. zwei Gläschen Ninno-Wein). Suchte andauernd Seiten auf, auf denen man sich T-Shirts selbst gestalten kann, als Motiv wählte ich die jeheimnisvollen Schriftzeichen in der Landschaft der Insel Tsalal (>>>> tsalal 5 (in die Suchmaske dann einfach “tsalal” eingeben, es werden dann sechs Texte in Serie erscheinen), pappte diese Zeichen auf T-Shirts mit kurzen Ärmeln, verwarf alles, verließ die Seite. Zehn Minuten Stirnrunzeln. Dann zum nächsten Anbieter, diesmal mit einem Sweater probiert. Dann mit einem langärmeligen T-Shirt. Immer mit von Unglauben geprägten Pausen. Was sich auszuweiten anfing auf den Film heute abend, den ich wahrscheinlich nicht werde verkraften können (‘Mr. Nobody’), nachdem ich nachgelesen. Und, wie gesagt, dann dieses Wort “èbete”. Klang mir auch recht angenehm. Man hört es nur sehr selten. Und bei so selten gebrauchten Worten lege ich mich manchmal selber rein: es heißt ‘schwachsinnig’, aber vielleicht krieg’ ich’s hingebogen mit einem ‘blöde’ in der alten Bedeutung von ‘schüchtern, ungeschickt’. Das französische ‘hébété’ kommt dem Bedeutungshof allerdings schon sehr viel näher. Fensterzwang jetzt: auf einem Tisch da draußen liegt bereits Essen: zwei Tüten Kartoffelchips. Zu morgenzünftiger Zeit endlich zur Post, dann zum Samstagsmarkt im Chiostro Boccarini: Kartoffeln und mittlerweile versaftete Kirschen. ‘Titanic’ mit Di Caprio wäre auch eine Möglichkeit. War schon immer neugierig auf diesen Film, nachdem ich Nettelbecks schmeichelhafte Besprechung in der ‘Republik’ dazu gelesen.

III,63 <<<<


 

II,70 – Fliegenkuß

Eher Ohr jetzt und per Assonanz auch ein bißchen >>>> Ohre. Auch, weil die Anspannung des Tages nicht mehr da ist (3 Texte korrekturgelesen und abgeliefert, Neues kam hinzu, das meiste davon für spätestens den 7. (und fast alles, was ansteht, geht derzeit im Endeffekt nach Bozen), Klavierspiel, Wesseltoft (‘Playing’), Landschaft, die aus dem Gedächtnis entsteht. Gelegentlich diese Nostalgie: meine einstige Fähigkeit, während des Dösens am frühen Nachmittag mich recht plastisch als fliegend zu denken. Flappsig könnte man sagen: Echt in 3D. Die Tanzleute scheinen mittlerweile untereinander warm geworden zu sein, und so führte der Umstand, daß es heute im Gegensatz zu gestern bloß noch sporadisch tröpfelte, dazu, daß man auf dem Platz schon am Nachmittag anfing zu klampfen und dazu zu singen. Auf italienisch. Und hatte somit etwas Typisches: wie oft schon hört’ ich Freundinnen hier irgendwelche Schlager oder Lieder gemeinsam singen (Flashback Spoleto in dem einen Restaurant: „Non voglio mica la luna“). Im Moment dudelt nur irgendwas aus Lautsprechern. Bis der eine Neffe eintrat, zünftig in der Dämmerung mit Sonnenbrille, diesmal ohne Freundin. Hatte wieder mal seinen Schlüssel vergessen, aber den neulich abgeholten noch nicht zurückgebracht. Ob er wirklich Wirtschaft studieren wolle. Er glaube schon. Fliege jetzt, die nicht fliegt, sondern spaziert neben “Ziegenhimmel” und Maus, graue Ahnung auf schwarzer Schreibtischplatte: “Ziegenhimmel, der die Sohlen krümmte / und fast mit Nachdruck schon verhieß: Nichtwissen / und gebrannte Erde.” (Rosselli). Die Selbstausschaltung des Druckers gliedert sich jetzt fast perfekt in den Jazz ein, ein Spinnchen gebärdet sich frei schwebend unter der Schreibtischlampe… Ich werde bald hinuntergehen: Geld ziehen und ein bißchen der Big Band zuhören, die im Chiostro Boccarini spielt. Zu allem Überfluß ist die Spazierfliege mir beim Austrinken des Weinglases auch noch an die Lippen gekommen, in dem sie mittlerweile unbemerkt verendet… P.S. Sie lebt noch.

III,69 <<<<


 

III,84 – Die Gegenstände nähern sich in der Entfernung

Die Oberarmmuskeln anspannen, die Finger an den knapp nach vorn in Brusthöhe geworfenen Händen auseinanderspreizen und verkrampfen, ein paarmal mit den Muskeln zucken: es bedarf solcher Übungen, um sich darauf vorzubereiten, etwas Unwichtiges zu schreiben. Wir sehen gerade durch, und die Gegenstände reihen und ordnen sich von selber. Wie zu Beginn meines mittäglichen Ganges zur Apotheke: eine Jemandin von hier geht vor mir und mir wird das Entgegenkommen der Ukrainerin willkommen, da konnt’ ich dann stehenbleiben und verhindern, die Einheimische, die vom Sehen ich sehr wohl kenne und der ich auch mal gegenübergesessen beim jährlichen Nachbarschaftsessen in der Gossen, im Zeitlupentempo zu überholen, denn ich ging nur ein ganz klein bißchen schneller, weil ich nicht gewußt, was sagen. Wir sehen das Entferntere nicht unmittelbar, sondern durch das Nähere. [Was die Bürgermeisterkanditaten von Rom und Mailand am liebsten lesen… solch ein Betreff jetzt: amazon-Mail]. Kurz, in der Nähe erweist sich die Ferne. Mich der Apotheke nähernd winkt von Ferne dann l’ami belgique, der frische Vater. Komisch, daß wir beide das gleiche Ziel hatten: die Apotheke. Das Entferntere scheint uns nur klein in Vergleichung mit dem Nähern – oder, in so fern wir es uns, wie auf der Fläche eines Gemäldes, eben so nahe wie das Nähere denken; oder es mit dem Nähern gleichsam in eine Reihe stellen. So daß wir, nachdem wir uns einander genähert, in der Apotheke in eine Reihe stellten. Man wolle nächste Woche für drei Wochen nach Belgien fahren: gut, also dann morgen die der Mutter versprochene Teatime. Daher kommt es, daß die Ferne zusammendrängt. Gut, daß er nach der Erledigung in die andere Richtung mußte, ich hatte es eilig, war unter Arbeitsstreß heute. Auch am Zweithandklamottenladen ging ich vorbei. Auch da war ich froh, daß L. zwar in der Tür stand, die linke Hand mit der Zigarette nach draußen haltend, aber sich ansonsten einem Herrn im Innern zuwandte, sonst hätte ich kurz stehenbleiben müssen. Die Gegenstände nähern sich in der Entfernung immer mehr der bloßen Idee von den Gegenständen; das Gesicht nähert sich immer mehr der Einbildungskraft, je weiter der Gesichtskreis wird. Am Metzgerladen vorbeigehend, wunderte ich mich, daß diesmal keine Porchetta im Schaufenster zu sehen war, schlug dann wie üblich den Panoramaweg ein. Daher sind wir im Stande, uns die Gegend wie ein Gemälde, und das Gemälde wie die Gegend zu denken. Grün indes die Suppe des weit unten stille stehenden Wassers mit dem Namen ‘Rio Grande’ inmitten der Baumreihen. Wir wandeln die Allee hinunter; das Zusammengedrängte erweitert sich, wie wir uns nach und nach ihm nähern; die Wirklichkeit tritt wieder in ihre Rechte. Aber dann wieder die Gasse, die sich scheinbar nach außen wölbenden Mauern. Wo das Auge durch nichts gehindert wird, da sehen wir Wölbung und Fläche. – Und wieder angekommen in der sich kurz wölbenden Erschöpfung wurde vorm Wiedereinstieg ins Wörterproduzieren die Zigarette zum Platzhalter der Nichtlust. Das Höchste, was uns erscheinen kann, ist die Wölbung – über diese kann uns nichts erscheinen; denn die Wölbung ist über allem. – Die sich tatsächlich arg in den Tag hineinwölbte. Aber auch Deutschland und Polen haben hart aneinander gearbeitet. Um es mal so zusammenzufassen. Heute aber ist kein Fußball vorgesehen. Das Kursive gibt vollständig wieder: K. Ph. Moritz, —> Grundlinien zu einer Gedankenperspektive, in: Magazin für Erfahrungsseelenkunde, Siebenten Bandes drittes Stück, 1789, S. 81 f.

III,83 <<<<

Whatever Gets U Thru the Nicht

Die nicht unattraktive, junge Ex-Turnerin im Rehasport trägt ein Frei.Wild-T-Shirt. Sie hat das Bild von der MRT auf ihrem Smartphone dabei.

In einem Café in Friedenau bedauern zwei ältere Herren die Niederlage des Herrn Hofer.

Ein offenbar Verwirrter betritt das Café. „Was macht man hier?“ fragt er in die Runde. „Man setzt sich hin und bestellt was“, sagt der Kellner.

Eine Raucherin setzt sich nach draußen. Sie braucht gleich zwei Aschenbecher.

Bettina K. begegnet mir auf der Straße. Sie erkennnt mich nicht. Und es ist ihr egal, dass sie keinen BH trägt.

Plötzlich wusste ich nichts.
Alles schwebte.

Über mein Telefon konnte ich die Musik der anderen hören, also derjenigen, die in meiner Nähe über ihre Telefone Musik hörten. Eine junge Frau mit mattbrauner Haut hörte undefinierbaren Hard Trance Techno. Ein Stöpsel, vielleicht gerade zwölf, hörte Die Ärzte.

Ich brauchte Zeit, um mich zurückzuziehen.
Nähe zur Physiotherapeutin – man will sich etwas berühren, dann. Man will Gegenberührungen.

Da die Erzählungen so weit fertig sind (ich warte noch auf Korrekturen), geht es mit Gedichten weiter. Frisch ist das hier, besteht aber auch noch nur aus Material.

Die Frage ist: Wie langsam?

Ich verliere dich
im Machtnebel, o
kosmische Seherin

Leuchtkraft, seelische Altlasten
Eine alte, eine neue Telefonnummer
Gebrauchte Anschlüsse, abermals

Air-Wellness, Richtfeste
Die Frage ist nicht, worauf es ankommt
Die beste Schule, die kühnste Empfehlung

Oberschwestern und Szeneköche
Halbherzige Luftangriffe, Hund versteckt sich
hinter Spülmaschine

Die Frage ist nicht: Wie viele Überlebende
Ich trade, ich versteinere zusehends
Die Frage ist: Wie langsam