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Inhalt 01/2017

Die Lesezeichen-Ausgabe 01/2017 erschien am 17. April 2017.

In dieser Ausgabe:

Genetisch veränderter Mais und Waterboarding, Palmkätzchen und abschwellendes Powerrauschen, Vögel ohne Füße in Sehnsuchtstrümmern, Nymphen und Nixen, Ludwig Feuerbach und die Triebbefriedigung, unsichtbare Hackordungen, Jack, der doofe Junge und das Massaker im Bataclan, heftig harte Bewusstseinsprozesse am Inn … uvm.

INHALT:

Das Dogma des Textes und die Freiheit des Lesers

Als Leser sehe ich es gar nicht ein, mich auf eine bestimmte Art von Literatur festzulegen. Weder auf eine Gattung, noch auf einen bestimmten Stil. Weder bin ich Krimileser, oder Sachbuchleser, noch Lyrikleser oder irgend ein anderer Spezialleser. Das funktoniert nämlich bei komplexen organischen und geistigen Strukturen nicht so einfach mit der Triebbefriedigung. Von wegen: dieses Brötchen hat geschmeckt, ich ernähre mich von nun an nur noch von solchen Brötchen. Irgendwann wird alles fade, und man erinnert sich sehnsüchtig an den Moment, als der Geschmack neu und überraschend war.

Etwas anderes ist es für mich als Autor. Da halte ich an Stoffen fest und teste Formen aus, dass es den Anschein von Dogmatik haben könnte. Nicht nur den Anschein. Es ist dogmatisch, sich in einen Stoff zu verbeißen, alles aus ihm herauszupressen. Die Form als Schraubzwinge. Und es macht Spass.

Das Eine hängt, vermute ich, mit dem Anderen zusammen. Das Dogma des Textes und die Freiheit des Lesers bedingen einander.

Vom Sprechen und vom Schweigen

Heute Morgen nahm ich das rote, samtige Schmeichelkleid vom Bügel. Gegen den von der Nacht noch durchweichten Morgen und als Rebellion gegen die Melancholie. Ein Wort, das ich letzte Woche den beiden jungen Somaliern beigebracht habe, die in meiner neuen Schreibgruppe waren. Auch die Afghanen mochten es. Alle Jugendlichen, die erst seit ein, zwei Jahren im Land sind, lassen sich von meinen Synonym-Trainingseinheiten begeistern.
Wörter, sage ich immer, sind eine Art Schmuck für eure Persönlichkeit, der euch nichts kostet. Lernt jeden Tag ein paar besondere und die Leute, denen ihr begegnet, werden mehr Geduld mit euch haben. Man wird auch neugieriger auf euch werden. Ihr könnt noch nicht gut genug Deutsch, um eure Persönlichkeit richtig zeigen zu können. Umso wichtiger sind die Wörter, die ihr verwendet, die Auswahl, die ihr trefft: Überrascht die Menschen, mit denen ihr sprecht.
Es gab, neben der Melancholie, noch ein anderes Wort, das die Gruppe mochte:
Charmant.
Grell mochten sie auch.
Dafür hab’ ich nun endlich kapiert, wie man Vallah verwendet. Es heißt so viel wie: ich schwör’s.
Zumindest haben es mir die Jungs so erklärt. Sie veräppeln mich ja auch manchmal. Ich werd’ das bei meiner nächsten Gruppe noch einmal überprüfen mit dem Vallah…

Die einzige Frau, von der ich in diesem ersten Monat des Jahres etwas hatte lernen wollen, hat auf meinen Brief bereits am darauffolgenden Tag geantwortet. Ich lernte sie vor drei Jahren kennen. Sie war der Ankerpunkt einer Gruppe, die sich an meinem bevorzugten Meditationsort zusammengefunden hatte, um gemeinsam in ein großes Inneres hineinzuhorchen, meist schreibend. Gelegentlich lasen wir einander vor. Reaktionen auf diese Lesungen fanden im Schweigen statt. Blicke, minimale Handbewegungen, fast unmerkliche Veränderungen in der Körperspannung der Zuhörenden. Das war die Absprache: nicht zu sprechen.

“Ich hätte zu gerne weiter geschwiegen, hatte eine besondere Intimität während dieser Tage empfunden. Sie ging verloren, als der Kurs endete und alle anfingen, Erfahrungen und Eindrücke auszutauschen. Zu früh, zu drängend, wie um etwas nachzuholen.
Ich hatte nichts nachzuholen.
Sprechen ist immer Verblendung, selbst wenn man sich viel gute Mühe dabei gibt.
Ich schreibe lieber. Ist natürlich auch Verblendung, aber wenigstens grätscht mir niemand dazwischen.“

Das, unter anderem, hatte ich ihr geschrieben. Und sie um etwas gebeten, das ich in ihr, der älteren, sah und mir aneignen wollte.
Sie lehnte ab.
Ich respektiere das. Sie hat eine Form des Teilens entwickelt, die ihr entspricht, eine Form des Lehrens. Eine andere mag sie mir nicht anbieten.
Vielleicht hätte ich an ihrer Stelle genauso entschieden.

Ich bin gerne mit Menschen zusammen. Ich finde nur, es wird meistens zu viel gesprochen. Während dieser Verbalisierungen geht es fast andauernd um Macht. Um die unsichtbare Hackordung. Darum, die eigene Wahrnehmung im anderen unterzubringen, möglichst schnell, möglichst effektiv.
Das muss gar nicht so brutal sein, wie man es im dialogischen Schnellfeuer der Alphatiere oft beobachten kann. Das Ganze funktioniert subtil genauso – und genauso gut, wenn nicht sogar besser. Sprechen ist, aus meiner Erfahrung, ein andauerndes Kräftemessen.

Von dem ich mich keineswegs ausnehme. Doch es strengt mich – außerhalb meiner pädagogischen Arbeit – immer mehr an. Ich spüre den Wirkungen nach, die von bestimmten Sätzen und verbalen Gesten ausgehen und bin verstimmt wie eine nasse Geige.
Meine private Kommunikationsregel rettet mich vor dem Gröbsten: Nach spätestens drei Stunden ziehe ich mich aus jeglichem Gespräch zurück, sei es persönlich oder beruflich.
Ich klinke mich aus. Lasse erst einmal wirken, was im Austausch geschehen ist.

Das Wirken lassen und Nachspüren könnte auch bereits innerhalb von Gesprächen stattfinden. Tut es aber nicht. Weil die meisten Menschen meiner Erfahrung nach keine Pausen aushalten. Kein Schweigen. Empfinden sie Schweigen wie einen Sog, der ihnen alles unter den Füßen wegzieht, was sie zuvor mühsam mit ihren Worten etabliert haben?
Für mich ist es das Gegenteil. Ich liebe die pure Gegenwart, die Menschen ausströmen können, wenn sie endlich einmal den Mund halten und einfach nur d a sind.

(((Das rote Kleid wirkt bereits. Eben wird der Tag licht.)))

all work a nocturnal jayplay

  All work and no play makes Jack a dull boy

  All work and no play makes Jack a dull boy

  All work and no play mmakes Jack a dull boy

v All work and no PLay ma es Jack a dull boy

  All work and no play makes Jack a dull boy

  
  All work and no ply mAKes Jack a dull boy

  All work and no pllay makes Jack a dull boy

— variatio 1 —

  All work and no play makes Jack a dull boy

  All work and no play MAcKEs dull Jail boy

  All works no play makes Jack a dull boy

v All work and no play mikes Jack a dull boy

  All work and no play makes Jack a dull boy


  All work and no dull makes Jack play boy

  All work and no play makes Jack a dull boy

— variatio 2 —

  All work and no play makes Jack a dull boy

  All work but no play dull boy makes Jack

  All words’ no play makes Jack a dull boy

v All work and Jack’s play makes dull boy

  All work and no play makes Jack a dull boy



  All work’s nocturnal play makes Jack dull boy

  All work and no play makes Jack a dull boy

(170201 – found footage: stanley kubrik: „the shining“)

Die Schönheit von Gottes Arsch (oder: „Die Leichtigkeit“ – eine Graphic Novel von Catherine Meurisse)

 

Das Cover der autobiographischen Graphic Novel von Catherine Meurisse ist noch recht düster. Die Protagonistin geht mit gesenktem Kopf im dunklen Anorak einen Strand entlang. Ein Tag an der See, das dunklere Grau der Wellen diffus abgesetzt vom helleren des Sandes, ein unklarer Horizont, der sich ganz zart ein wenig aufhellt. Es klart auf, aber nur langsam. Die einsame Figur, mit wenigen Pinselstrichen, aber starker Kontur ins Aquarell gesetzt, schreitet dem Hellen entgegen, noch gebeugt zwar.

Catherine Meurisse kam am 7. Januar 2015 zu spät in die Redaktion, weil sie wegen Liebeskummers verschlafen hatte. So überlebte sie. Zehn Jahre lang hatte sie für das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ gearbeitet. Nach dem Massaker an ihren Freunden und Freundinnen, Kolleginnen und Kollegen, so schreibt und zeichnet sie es in „Die Leichtigkeit“, verstummte ihr Körper. Ihr Empfindungsvermögen und ihr Gedächtnis wehrten sich gegen das Ungeheuerliche. Einzig die Augen der Zeichnerin blieben lebendig, nahmen mit neuer Schärfe wahr: die Krümmung des Horizonts, die Gewalt der Farben, die Weite, die Leere.

Meurisse stellt ihre Protagonistin in Aquarelle, in aufwendige, an kunsthistorischen Vorbildern orientierte Zeichnungen, genauso wie in scheinbar hastig hingeworfene Skizzen. Dem ganzen Band ist der Formwille anzumerken, das Wissen der Künstlerin darum, wie sehr Form und Inhalt miteinander verschränkt sein müssen, um aus dem Erlebten Kunst zu formen und es damit begreifbar und wieder – als Erinnerung – belebbar zu machen. Meurisse schert sich dabei nicht um eine krude Unterscheidung zwischen E- und U-Kunst, zwischen Malerei, Zeichnung und Comic Strip, von einer Seite auf die andere können Technik, Stil und ikonographischer Bezugsrahmen wechseln.

Der Weg heraus aus der Schockstarre ist schwer und weit. Die Fähigkeit zu zeichnen, scheint verloren gegangen hinter den Absperrgittern, mit denen die verwüstete Redaktion gesichert wird, nachdem es zu spät ist. Unsentimentale Erinnerungen steigen auf an die ermordeten Kolleginnen und Kollegen, an den schwarzen, unanständigen, mutigen Humor von Chefredakteur  Charb und den anderen. Die Getroffenen weigern sich, sich die Namen der Mörder zu merken: „die Brüder Kichi“. Keine Ehre, wem keine gebührt. „Charliett ist nicht tot. Im Frühling lass ich mir die Titten machen.“ Verzweifelte Versuche, nicht aufzugeben, wofür „Charlie“ stand: Keine Kameraderie mit der Macht, dem „guten Geschmack“, der wohlfeilen, abgewogenen „Meinung“. Währenddessen wird draußen „JeSuisCharlie“ zum Modehit. Selbst der Tod abonniert jetzt das Magazin, das doch immer fast vor der Pleite stand. Die Protagonistin ist derweil eingeklemmt zwischen den Personenschützern, die sie nun rund um die Uhr bewachen.

Es geht nicht. Nach so einem Schock ist „Weitermachen“, einfach so, keine Option. Der Widerspruch zu einer Solidarität, die nichts versteht, ergibt sich von selbst und lähmt. „Nach dem Tsunami der Gewalt folgt der Tsunami der Unterstützung.“ Jede Nacht quält die Protagonistin derselbe Albtraum: ein Sturz ins Meer. Meurisse zeichnet und ironisiert das mit den Mitteln des Comics: „Platsch“. Denn es geht hier nicht um Mitgefühl. Es geht um eine angemessene Sprache. Um Kunst. Die Mutter der Protagonistin bringt es auf den Punkt: „Der Terrorismus ist der Erzfeind der Sprache.“ Während die Zeichnerin daran scheitert, sich wiederzufinden: weitere Massaker im Bataclan und den Cafés von Paris. Es hört nicht auf. Der Therapeut verwandelt sich in einen Frosch, der weiß: „Inzwischen bezeichnet man die Ohnmacht, die einen jeden angesichts einer Flut von Schönheit ergreifen kann, als ´Stendhal-Syndrom.´“ Das, erkennt sie, braucht sie: Schönheit, die eine in Ohmacht fallen lässt.

Die Protagonistin fährt zur Rekonvaleszenz nach Rom in die Villa Medici. Besucht die Vatikanischen Sammlungen, schaut sich die Carravaggios an, die überall rumhängen. Die fragmentierten Körper der antiken Statuen erinnern sie an die Körper der Opfer: In Schönheit erstarrt. Die Ungläubige besucht gerne die unzähligen barocken Kirchen der Heiligen Stadt. Blickt sie nach oben in das Gewölbe des Petersdoms, so erschaut sie nicht, wie die Architekten es planten, Gott (im Himmel?), sondern „das Ende des Tunnels“. Aber auch – weil sie bei Charlie gearbeitet hat – einen riesenhaften Darmverschluss. Gott. Hoffnung. Darmende. Nichts ist ihrem Blick heilig, auch das Schöne nicht. Das tut der Schönheit keinen Abbruch. Denn: Die schöne Welt der Bilder ist eine Welt der Gewaltdarstellungen, auch. Die Kunst zeigt, was ist. Und mehr: Dass, was ist, unter den Augen, durch den menschlichen Willen, durch menschliche Gestaltung schön werden kann. Oder zerstört. Die Option, die die Mörder wählten. Dennoch: Es ist eine Lust, an die Schönheit zu glauben. Dafür kann sich eine entscheiden. Und, zum Beispiel, den schönen Arsch Gottes an der Decke der Sixtinischen Kapelle entdecken.

(Denn: Meurisse, die Malerin und Zeichnerin,  ist – stolze und glückliche – Erbin einer Kultur, in der sich über Jahrhunderte das Recht  und die Fähigkeit erstritten, ermalt und erschrieben wurde – auf Umwegen, gegen Feigenblätter-Widerstände und Common Sense-Appelle, im Disput – alles mit den Mitteln der Kunst in Frage stellen zu dürfen. Auch Heiliges. Erhebendes und Erhabenes. Kann auf seine Lächerlichkeit geprüft werden. Das kann weh tun. Das soll und darf es auch. Und es steht denen zu, die sich selbst nicht schonen. Aber denen uneingeschränkt. Sie schöpfen. Und: Schöpfer_innen können sich irren, zu weit gehen, Unschönes schaffen. Aber: Von den eitlen Gottesanbetern, die ihre Bilderverbote herbeischießen wollen, wird nichts bleiben. Vergesst sie!)

Meurisse´ Protagonistin fällt am Ende nicht – wie angeblich beinahe Stendhal – in Ohnmacht angesichts der brutalen, überbordenden, vielfältigen Schönheit der römischen Kunstwerke. Die Schönheit der Kunst, durch welche die Verluste nicht geschmälert, der Schmerz nicht geleugnet, das Grauen nicht verborgen, sondern gezeigt werden, ermächtigt sie vielmehr, wieder selbst das Schöne zu sehen, ohne sich schuldig zu fühlen.

So endet der Band mit dem ruhigen Bild der Protagonistin, die auf die Arme gestützt am Meer sitzt, und in die Ferne schaut: „Ich habe fest vor, wach zu bleiben, schon auf das kleinste Anzeichen von Schönheit zu achten. Jene Schönheit, die mich rettet, indem sie mir die Leichtigkeit zurückgibt.“

 

 

Schwazz Boxx

Nun, da wir endlich im Bett liegen!
Die Beine engumeinandergeschlungen
wie sehr lange Worte,
vollkommen unverständlich.
Haben ja vorher im Kino
was Grelles getrunken,
das jetzt durch den Kopf jagt,
poppig gegessen, ich glaube
genetisch verändernden Mais.
Die Leinwand wird dunkler,
auch der Mond taucht ab,
schließlich Filmriss.
Alles nichts, oder?
Nur noch, naja:

Und dein verwilderter Mund.

20130615

20130615_084305

anhand
des fehlerkorrektors eines wortprozessors anhand roter unterstreichungen inhaltliche

cluster wahrnehmen themen namen fremdheit selektiver blick lesen andersheit dichte

heftig harte bewusstseinsprozesse sich verirrend dann steht da ein gedanke im raum und
gleich                                             daneben                                             sein
hinter                                            gedanke eine                                            art
revanche
foul

aus: nicht begonnenes fortsetzen (level 1)

Frühling in Leverkusen

Digital StillCamera
 
in Büscheln blühn Schneeglöckchen vor dem Verwaltungsgebäude des Feststoffbetriebs
jauchzen kurz die Ambulanzen im an- und abschwellenden Powerrauschen der Autobahn
monotoner Sound der Schiffsschrauben, Kerstin heißen die Tanker, Verona die Frachter
Struktur: das sind verzweifelte Streubilder geknackter Kürbiskerne im Park, das synchrone
Tauchen der Kormorane zum 12 Uhr-Probealarm und der Rollatorschatten, dem Schatten
seiner Verfolgerin stets eine Viertellänge voran. ich weiß von einem Automaten, aus dem
sich saure Nierchen im Glas ziehen lassen. ratlos demonstrieren die Narzissen auf der
Uferwiese. die Farben der Schiffscontainer: ocker, ocker, azur, ochsenblut, ocker, mint