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Inhalt 01/2017

Die Lesezeichen-Ausgabe 01/2017 erschien am 17. April 2017.

In dieser Ausgabe:

Genetisch veränderter Mais und Waterboarding, Palmkätzchen und abschwellendes Powerrauschen, Vögel ohne Füße in Sehnsuchtstrümmern, Nymphen und Nixen, Ludwig Feuerbach und die Triebbefriedigung, unsichtbare Hackordungen, Jack, der doofe Junge und das Massaker im Bataclan, heftig harte Bewusstseinsprozesse am Inn … uvm.

INHALT:

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anhand
des fehlerkorrektors eines wortprozessors anhand roter unterstreichungen inhaltliche

cluster wahrnehmen themen namen fremdheit selektiver blick lesen andersheit dichte

heftig harte bewusstseinsprozesse sich verirrend dann steht da ein gedanke im raum und
gleich                                             daneben                                             sein
hinter                                            gedanke eine                                            art
revanche
foul

aus: nicht begonnenes fortsetzen (level 1)

Frühling in Leverkusen

Digital StillCamera
 
in Büscheln blühn Schneeglöckchen vor dem Verwaltungsgebäude des Feststoffbetriebs
jauchzen kurz die Ambulanzen im an- und abschwellenden Powerrauschen der Autobahn
monotoner Sound der Schiffsschrauben, Kerstin heißen die Tanker, Verona die Frachter
Struktur: das sind verzweifelte Streubilder geknackter Kürbiskerne im Park, das synchrone
Tauchen der Kormorane zum 12 Uhr-Probealarm und der Rollatorschatten, dem Schatten
seiner Verfolgerin stets eine Viertellänge voran. ich weiß von einem Automaten, aus dem
sich saure Nierchen im Glas ziehen lassen. ratlos demonstrieren die Narzissen auf der
Uferwiese. die Farben der Schiffscontainer: ocker, ocker, azur, ochsenblut, ocker, mint

zylinder

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india : 12.01 UTC – Vor einigen Wochen besuchte ich B., der noch immer in einer sehr kleinen Wohnung über einem Jazz­café wohnt, weswegen sein hölzerner Fuss­boden manchmal bebt, so dass auch seine Gäste beben und der Kaffee in den Tassen, und im Sommer fliegen die kleinen Sommer­fliegen los, weil das Beben dermaßen schreck­lich für ihre Bein­chen ist, dass sie lieber stun­den­lang herum­fliegen als wären sie Vögel ohne Füße. B. wohnt also in dieser kleinen Wohnung und ist noch immer traurig. Ich kenne ihn seit 15 Jahren, niemals habe ich ihn glück­lich wahr­ge­nommen, nicht eine Sekunde lang, oder in einem Zustand, den man als weder glück­lich noch unglück­lich bezeichnen könnte. B. ist unglück­lich, weil er das so will, er hat sich in seiner Trau­rig­keit einge­richtet, wie in einem unsicht­baren Zelt, in dem er lebt, das er mit sich auf jede Reise nimmt, er reist ja nicht viel, aber er ist ein guter Gast­geber, sehr fein­fühlig, ein gedul­diger Zuhörer, der niemals lacht. Er schreibt im Übrigen an einem Buch, das rund ist, ich meine, er schreibt an einem Winter­buch von der Gestalt eines Zylin­ders. Man kann in dem Buch blät­tern, aber man weiss nicht, wo das Buch anfängt, weil in B.s Buch kein Anfang exis­tiert, man liest, und wenn man lange genug liest, wird man plötz­lich meinen, sich zu erin­nern, oder man hat eine Markie­rung in das Buch notiert, was eigent­lich nicht gestattet ist. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. – stop

Der Bienenstock

[… und ich sause hinab in den tiefen Schlaf, mein Blut, mein Regenbogen-Streben; ich erkenne all die bunten Horte dort – und bin doch nicht weniger als finst’re Nacht, aus Nacht geboren, gezeugt von Finsternis …]

 

Früher hatte man die Gegend, in der nun der Bienenstock stand, den Venusberg genannt. Dorthin flüchtete sich nämlich die Göttin einst vor dem Christentum, wurde von Hulda versteckt und hielt dort gemeinsam mit Nymphen und Nixen ihren legendären Hof, von dem lange nichts mehr bekannt geworden ist. Die Menschenzeit hat alle Schönheit aus der Welt hinfort getupft, und so tauchte über die Jahre das Volk der Ratten in die unterirdischen Verbindungsgänge und fand sich wohl im Unterbewusstsein der Erde. Und in dieser chtonischen Welt gediehen sie manniglich und unbeeindruckt von den Geschehnissen des Tages, die nicht anders als Verheerend genannt werden dürfen. (Sollte sich je ein Schreiber finden, der davon noch Erinnerungen hat, so möge er die Götter überraschen und die Schrift neu ersinnen, denn die wenigen Menschen, die ihre eigene Katastrophe überlebt hatten, kamen – aus anderen Gründen als dazumal die Kelten – gänzlich ohne sie aus.)

Mellonia, die Göttin, die einst Zeus vor seinem Vater Cronos rettete und ihn mit der Milch der Ziegengöttin nährte, mag hier niemals erinnert gewesen sein unter den Frauen, die im Bienenstock lebten und dort all ihre weiblichen Fertigkeiten anwandten, von der Fütterung der Säuglinge angefangen, die sie als Gemeingut betrachteten, über die Säuberung der Waben, dem Nähren der Drohnen bis hin zu der Empfängnis, die man auch hier wie in alter Zeit die Hochzeit nannte.

Die Ratten gaben sich dem Kellergewölbe hin und profitierten von den Frauen, die nichts von ihrer Vergangenheit wussten, durch eine Merkwürdigkeit, die dem überlebenden Matriarchat zu Buche stand. Deren Säuglinge nämlich sonderten eine Flüssigkeit ab, eine erste Milch, die aus dem Überschuss der Ammentätigkeit bestand. So wurde in die Menschenkinder so viel Lebensflüssigkeit hinein gespendet, dass diese die – nun so genannte – Rattenmilch aus jener Öffnung, die auf der linken Seite ihres Abdomens zu finden war, wieder ausschieden. Im Laufe der rättischen Evolution: Schlitzrüssler, Spitzmäuse, die vom Rattenvolk in einer Endschlacht auf den Karibischen Inseln besiegt wurden, näherten sie sich dem Menschen durch ihren gemeinsamen Vorfahren, Juramaia sinensis, wieder an, denn während die Krone der Schöpfung weiter und weiter degenerierte, gelang es dem Rattenvolk, den umgekehrten Weg zu gehen, so dass sie den wenigen Überlebenden dieser verwandten Spezies in nichts mehr nachstehen mussten.

Es gab in diesem geordneten Gefüge einen Betrieb, der sich in allen Punkten den Belangen des Bienenstocks unterwarf, wie es der Instinkt der Melipona vorsah, der eigentlich nicht auf den Menschen übertragen werden konnte, denn ein Instinkt wurde sich noch niemals abgeschaut. So mag es sein, dass von einem Matriarchat dieser Ausprägung auf ein anderes geschlossen werden kann – aber das hieße, die Logik zu bemühen, die schon bei den überkommenen Menschen ein hilfloses Unterfangen darstellte, von dem aus sie vielleicht begannen, sich aufzulösen, denn die Ratio ist dem Traume eine Schande – und die Natur neigte schon immer dazu, ihre eigene Schande in Fossilien zu verwandeln.

Die Arbeiterinnen des Baus bildeten fast regelmäßige wächserne Zellenkuchen mit zylindrischen Zellen aneinander, worin die Jungen gepflegt wurden. In eine dieser Zellen entschwand alsbald, nach getaner Arbeit im Hauptsaal, die Kollegin unserer jetzt erst zur Sprache kommenden Protagonistin. Es wird nur ein schwaches Licht benötigt, ihre Form aus dem Schlaf zu schälen, der allgegenwärtig ist (ich selbst habe die Hoheit meiner Schwingen nie als Last empfunden). Die Drohnen, männliche Säuglinge, benötigen eine andere Pflege als die fleißigen Arbeiterinnen; sie werden gefüttert und gehegt, denn außer zur Zeugung sind sie in dieser neuen Welt von keinerlei Nutzen, außer: die Ratten mit zu ernähren, wozu besagtes Loch im Körper dient. Und nun bemerkt die Amme, die sich zu einer dieser Drohnen legt, das nahe Versiegen des Nährflusses, der gewöhnlich über das Bett hinunter zu Boden läuft, um in einer eingelassenen Schale zu entschwinden, die durch zeitgetaktete Rohrmünder gestaut und regelmäßig in den Keller hinab geführt wird. Wohl ist sie erschöpft, wohl nicht Willens, der Jüngeren ihren Dienst zu übergeben, ohne sie genötigt zu haben, das Büblein zu bemilchen. Doch, hören wir recht? Diese lehnt es ab.

So ist es unter Bienen nie üblich gewesen, zu streiten, denn das Chaos wäre die Folge, wenn nicht jede Arbeiterin ganz genau wüsste, was in jeder Situation zu tun ist. Doch vergessen wir nicht, dass es sich bei unserer Betrachtung um Menschenreste handelt, die wohl auch nach der finalen Katastrophe nur eine kleine Abschwächung erfuhren. So blieb es bei Forderung und Zurückweisung – wir werden nie erfahren (nein, auch wir Götter nicht) – warum sich manche Pflichten derangieren lassen; denn zum einen lag das Hin und Her in der konstanten Waage wie unsere geliebte Straße von Kertsch, zum anderen öffnete sich die Wabentüre und eine andere Arbeiterin trat hinzu, ging an den Pflicht-Ringenden vorbei und steuerte auf das eingelassene Fenster zu, das sie sperrangelweit öffnete, bevor sie sich umdrehte, um dem bereits ins Stocken geratenen Gespräch eine gänzlich neue Wendung zu geben. Sie nämlich führte ein junges Rattenkind in ihren Armen, hievte es allein mit der Gewalt in ihren Fingern über den Sims und ließ es über dem nun für das Geschöpf zu tage tretenden Abgrund baumeln. Dabei sprach sie die einzigen Worte, die wir in dieser Abhandlung hören werden: „Wenn ich das Tier jetzt einfach fallen ließe, dann würde sich kein Mensch darum scheren.“

Das Kapital, schon immer, und nix als das Kapital. Oder: Hiob und Marx.

Ludwig Feuerbach schreibt in Das Wesen des Christenthums folgendes: „Die Religion, wenigstens die christliche, ist das Verhalten des Menschen zu sich selbst, oder richtiger: zu seinem Wesen, aber das Verhalten zu seinem Wesen als zu einem andern Wesen. Das göttliche Wesen ist nichts andres als das menschliche Wesen oder besser: das Wesen des Menschen, abgesondert von den Schranken des individuellen, d.h. wirklichen, leiblichen Menschen, vergegenständlicht, d.h. angeschaut und verehrt als ein andres, von ihm unterschiednes, eignes Wesen – alle Bestimmungen des göttlichen Wesens sind darum Bestimmungen des menschlichen Wesens.“ (Ludwig Feuerbach: Das Wesen des Christenthums. Dritte Auflage, Leipzig 1849, 2. Kapitel. [1. Auflage 1841]) Aber wir wollen uns nicht auf Zitate stützen, sondern fragen, was denn heute in der westlichen Welt dieses Wesen sein kann bzw. ist, das vom Menschen angeschaut und verehrt wird als „ein andres, von ihm unterschiednes, eignes Wesen“. Wenn die Statue des Königs der König selbst ist, und man also den König anpinkelt, wenn man gegen die Statue uriniert, wenn im antiken Griechenland und Rom die Statue des Gottes oder der Göttin immer sie selbst sind als göttliches Wesen, also das mit dem Urinieren auch hier gilt, was ist dann in unserer westlichen Moderne die berühmte Sängerin oder der berühmte Fußball- oder Fernsehstar? Denn, machen wir uns nichts vor, angepinkelt wurden die Angebeteten immer schon auch, nicht nur verehrt, und dies, beides!, heutigentags vielleicht krasser denn je, nimmt man nur (einerseits) das Wort shitstorm als den passendsten Ausdruck ever. Schon der biblische Hiob hat Gott, ganz zurecht, angeschissen, weil dieser wegen einer Wette mit dem Teufel es zuließ, dass des Hiobs Familie ausgelöscht, sein Besitz vernichtet und seine Gesundheit ruiniert wurde. Am Ende muss der von Hiob angeklagte Gott gegen sich selbst als Täter zu Gericht sitzen und verurteilt sich selbst zu Reparationsleistungen, neue Frau, neue Kinder, prima Gesundheit und alles Besitztum doppelt zurück. Doppelt!! Einfach hätte ja wohl auch gereicht, oder? Und da liegt schon eines der Probleme und die üble Wurzel des Kapitalismus. Übrigens: Hätte Gott ganz zeitgemäß die Todesstrafe als Urteil festgesetzt, so hätten wir heute diese ganzen Scheißprobleme nicht mit der absolut ungerechten Verteilung des Besitzes und der Produktionsmittel auf diesem Planeten – aber nein, aber nein, aber nein, Gott als der ultimative Oberkrösus kauft sich praktisch frei, macht einen Einzelnen, also Hiob, wieder zum wohlhabenden, zum doppelt wohlhabenden Mann und nimmt ihm so alle Wut und Energie und also den Antrieb, aufgrund der gemachten Erfahrung mit Besitz über eben das Besitztum als solches nachzudenken und eine Schrift dazu zu verfassen, nämlich Das Kapital. Etwa zweitausendzweihundert Jahre, bevor Karl Marx den Widerstand gegen diese Verteilungspraxis von Besitz und Kapital wieder aufnahm, hätte Hiob (andere Schreibweise: Job) zum Begründer einer gerechten Weltordnung werden können, was dann etwa vierhundert Jahre später ein gewisser, von Gott aus seinem schlechten Gewissen heraus geschickter Jesus von Nazaret wieder hätte tun können, aber auch dieser hinterließ keine eigenen Schriften und hatte (wie Hiob) leider auch keinen kongenialen Schriftsteller zur Seite, so wie Sokrates, der sich ebenfalls geweigert hatte, seine Gedanken zu verschriftlichen, mit „seinem“ Platon. Gegen die Schriften Platons sind die meisten biblischen Texte krude und fordern kaum einmal zum selbständigen Denken auf, während allein der Bericht Platons über die Anklage des Sokrates, nach der er durch seine Reden die Jugend verderbe, schon die klarste Vorlage bietet, über Herrschaft, Gerechtigkeit, Tod und vieles weitere nachzudenken. Und heute gilt es eben wieder nachzudenken und damit den Lauf der Dinge zu ändern, bevor all die Fullsize-Kapitalisten und selbsternannten Götter dieses Planeten es getan haben werden und noch krasser als zuvor weitermachen mit dem Töten von Menschen und dem Ruinieren der schönen Erdkugel. So. Das dazu!

Dieser Text ist in freier „kleistscher“ Gedankenassoziation entstanden und ohne Unterschrift gültig.

Kry, Mimi, kry …

[…] beweist die geheime Gesellschaft für detektierbare, aber nicht mit menschlichen Sinnen wahrnehmbare Phänomene (AFDBNPP), die uns gewiss noch alle ins Grab bringen wird, die Existenz eines Tieres oder vielleicht sogar menschenähnlichen (!) Lebewesens. Es ist auf der Erde zuhause, scheint sehr anpassungsfähig zu sein, bewohnt jedes Habitat, wiewohl noch kein Mensch je bewussten Kontakt mit ihm gehabt hat (außer den Mitgliedern der Gesellschaft für etc.) Das X ist  mit dem Geiger-Zähler erfassbar. Ebenso ist seine Eigenschaft nachgewiesen, auf Eisen abstoßend zu wirken, zumindest fallen Gegenstände aus diesem Metall an ihm runter, als sei Magnetismus eine pure Erfindung irgendwelcher Schreiberlinge, die sich dann bewahrheitet hat. Kann das Wesen aber zum Beispiel in Gefangenschaft gehalten werden? Spuckt es unter Folter Geheimnisse aus? Hat es Angst vor Waterboarding? Könnte es durch diese Angst identifiziert werden? Wir wissen es nicht. Das X zeichnet sich jedenfalls durch die Fähigkeit aus, sich zu bewegen, doch weiß man nicht, ob es Beine besitzt oder besitzen muss, um X zu sein. Andererseits erfahren wir aus dem Artikel, der hier rudimentär wiedergegeben wird (vielleicht ist dies hier der die Fakten rudimentär wiedergebende Artikel), dass X Laute im Infraschallbereich von sich gibt. Und: Es verdaut offensichtlich (unabsichtlich?) Pollen oder Plastikteilchen, irgendwas mit P. Sie fragen sich, warum dieser Vorgang nicht sichtbar ist, wenn das Wesen selbst sich doch der Sichtbarkeit entzieht? Müssten wir dann nicht sehen, was in seinem Inneren vor sich geht? So viel passiert (p), das wir uns nicht erklären können. Ja, dergleichen passiert immer mehr, es muss mithin eine Überpopulation (PP) des Wesens X in Betracht gezogen werden. Jedenfalls aber gilt: Unsichtbar ist nicht transparent. Die beiden Eigenschaften als gleichbedeutend zu betrachten, wäre verfehlt. Ja, es gibt zwei Wörter, zwei Eigenschaften. Man könnte vielleicht sagen: Dieses Lebewesen nimmt jeweils das Aussehen jenes Teils der Umwelt an, den es verdeckt […].