Archiv der Kategorie: Ausgabe 02/2014

Das Blut anderer Leute

Obwohl mir der Anblick von Blut zusetzte, arbeitete ich als Springer im OP. Es war der einzige Job im Marienkrankenhaus, wo man als Zivildienstleistender das Wochenende regelmäßig frei hatte. Ausserdem gab es hundertfünfzig Mark Zulage im Monat, weil dort kein Zivi eingesetzt werden wollte. Als ich mich probeweise für den Dienst im OP entschied, war die Stelle über ein Jahr nicht besetzt gewesen. Der letzte Zivi, der es versucht hatte, war nach einer halben Stunde Hals über Kopf geflohen, mit stumpfem Blick.

Dementsprechend skeptisch wurde ich von Stationsschwester Hildegard empfangen. Eine hochgewachsene nette Person, die unterm OP-Kittel Strickjacke trug und sachte nach Muskatnuss duftete, eine Prise, eine Messerspitze nur, die einem aber unmittelbar ins Rückenmark fuhr, sobald man sich in ihrer Nähe aufhielt.

“Ich hoffe, Sie können Blut sehen..?” fragte sie.

Ich war mir da nicht sicher. Normalerweise brachte mich schon ein Piekser in die Fingerkuppe (zur Bestimmung des Blutzuckergehalts) an den Rand des Nervenzusammenbruchs, aber ich hielt den ersten Tag durch. Die erste Woche. Einen Monat, zwei. Ich blieb bei der Stange, weil ich scharf aufs freie Wochenende war, das war das Riesenextra, das vor meiner Nase zappelte, das wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Also gewöhnte ich mich an den ganzen sterilen Kram und daran, den Herren Chirurgen während einer Operation noch die winzigste Schweißperle von der Stirn zu wischen, damit ihnen auch ja nichts ins Auge tropfte, was womöglich die ganze Hüft-OP versaut hätte.

Nach einem halben Jahr geregelter Fünf-Tage-Woche im OP hatte ich mich endlich an den Gestank aufgefräster Knochen und all den spritzenden Blutbrei gewöhnt. Blut ist ja kein Saft, das ist eine Mär. Blut ist ein sämiger, von weißlichen Fasern, Knötchen und Gewebefetzen durchtränkter zähflüssiger Brei, der jedes verdammte Abflussrohr verstopft. Blut stinkt metallisch und süßlich und unheilvoll mittelalterlich.

Wer täglich Umgang mit Blut pflegt, achtet die Schürze.

Diie Hände des Metzgers, Foto aus dem Versteck, 4

Manchmal, wenn es dicke kam, etwa bei Amputationen, wo das Blut nur so sprudelte und es im ganzen OP-Trakt so organisch roch wie im russischen Hundezwinger, suchte ich förmlich die Nähe von Stationsschwester Hildegard, nur um etwas von dieser herrlich leichten Muskatnote abzubekommen und dem ganzen runterziehenden OP-Gestank die Stirn zu bieten.

Eines war merkwürdig, und es blieb merkwürdig bis zum letzten Tag. Sobald ich Feierabend hatte und beim Fernsehen zufällig auf eine unblutige kleine Knie-Punktion im Gesundheitsmagazin Praxis (ZDF) stiess, schaute ich angeekelt weg. Schaltete um. Ich ertrug es nicht. Mir wurde flau im Magen. Es war widersinnig und nicht zu erklären.

Da hatte ich im OP Tag für Tag von Rippenspreizern brutal geöffnete Leiber so nah vor Augen, dass ich hineingreifen konnte in den blubbernden Organpark wie in eine Selbstbedienungstruhe, doch beim Anblick kleinerer Eingriffe im Fernsehen schiffte ich mir in die Hose und stand kurz vorm Kotzen.

Merkwürdige Sache. Keiner konnte es mir erklären. Aber ich erzählte es auch niemandem.

foto.ausdemversteck5

Meine Hauptaufgabe als Springer bestand darin, von Saal zu Saal zu springen und das Licht über den Tischen einzustellen. Das hört sich einfacher an, als es ist.

Da nicht selten in allen drei Sälen gleichzeitig operiert wurde, war ich auch für alle drei großen OP-Leuchten gleichzeitig zuständig. Bei schwierigen Eingriffen musste das Licht ständig neu in Position gebracht, das Lichtfeld immer wieder nachjustiert und fokussiert werden.

Besonders zu Beginn meiner Zeit als Springer schaffte ich es oft nicht, die um die Lampe herumlaufende Reling so zu handhaben, dass das Licht auf den Punkt gebündelt am Tisch ankam, da, wo es hingehörte, mitten in die kaputte Hüftpfanne eines Patienten etwa, die von einem Implantat ersetzt werden musste. Das war zwar Routine für jedes orthopädisch geschulte OP-Team, dennoch blieb es Milimeterarbeit.

Mehr als ein Mal wetzte der Chef-Metzger ungeduldig das Besteck und konnte nicht fortfahren mit seiner hochbezahlten Arbeit, solange ich den Krisenherd nicht punktgenau ausleuchtete. Die versammelten OP-Schwestern beobachteten mich missmutig, während ich mit dem Halogenscheinwerfer im Clinch war und mich so ungeschickt anstellte, als würde ich beim Darts-Spielen ein ums andere Mal die anderthalb Meter entfernte Scheibe verfehlen.

“Herrgott – wird das heute noch mal was!?” ölte der Chef genervt in seinen Mundschutz.

Wenn die Atmosphäre sich entspannte, widmete ich mich den Augenpartien der Kollegen. Von Kopfhaube und Mundschutz größtenteils verdeckt, war von den Gesichtern kaum mehr zu erkennen. Die Beschränkung auf den Sehschlitz, auf den schmalen Ausschnitt machte noch den müdesten Blick spannend, und mehr als einmal verknallte ich mich während einer ereignislosen Meniskus-OP kurzfristig in den Augenaufschlag einer OP-Schwester, die gedankenverloren nach dem Knochenzement griff, obwohl der Chef ihn noch gar nicht angefordert hatte.

Und mir rummste es im Bauch.

 

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Igor war ein Anästhesist aus Bulgarien und groß wie ein Bär, er hatte Pranken, mit denen er jeden Tunnelbau allein hätte vorantreiben können. Er war eine Ein-Mann-Vortriebsmaschine. Als Anästhesist war sein Platz am Kopf des Patienten. Wenn es bei einer Operation hoch herging und das Blut gleich literweise abgesaugt wurde und in die Glasbehälter rauschte, machte er mir und den Schwestern oft Kniepäugelchen, einfach, um dem Moment die skandalöse Schwere zu nehmen, die Nähe zu Tod und Verderben.

Igor war okay.

Manchmal summte er “Es gibt kein Bier auf Hawaii” und sah unendlich traurig aus.

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Die Krönung der zwölf Monate im OP war natürlich mein letzter Tag als Kriegsdienstverweigerer. Nach einer aufwändigen Bein-Amputation, es war mir freigestellt worden zu assistieren, überreichte mir Schwester Hildegard das gerade abgetrennte, noch warme Raucherbein einer alten Frau, um es ins Krematorium zu bringen. Es war eingewickelt in pastellgrünes Krepp-Papier. Einen Moment war mir, als hätte ich zur Feier des Tages Lorbeer an Schwester Hildegard gerochen, und Rheumasalbe. Aber nur ein ganz klein bisschen, und auch nur einen kleinen Moment.

Ich trug das Bein vorsichtig über die Flure des Krankenhauses, als dürfe bloß nichts drankommen, und verschwand durch den Hinterausgang. Die Sonne schien auf den leeren Hof, mein Schritt hallte übers Kopfsteinpflaster. Ein Bild, das mich bis heute verfolgt, das mich nicht mehr loslässt.

Im Traum seh ich mich mit einem Bein, das niemanden mehr gehört, durch die Wüste irren. Niemand will es haben, ich weiss nicht wohin mit dem Bein, die Karawane ist längst weiter. Ich bin ein Menschenbeinhändler mit einem noch warmen Menschenbein in der Hand, das keiner haben mag. Ja ja, anderer Leuts Genitalbereich tät uns schon interessieren, sagen die Nomaden, aber wen interessiert anderer Leuts linkes Bein.

Wer mit einem Bein unterwegs ist, das niemandem mehr gehört, sieht die Welt anders. Es ist, als wäre Gott ein Witzemacher, und er hat daneben gehauen, niemand lacht.

Das Bein zitterte in meinen Händen.

Zeiten, als nämlich das Schreiben noch geholfen hat

Man wird mir, Entschuldigung, also bitte!, schon nachsehen müssen, einigermaßen verwirrt zu sein. Ist ja auch alles so undurchsichtig heutzutage, das Leben selbst als das eigene mit Leib und Seele, das Leben der anderen, die Literatur als Gänze, die Weltwirtschaft als solche, das deutsche Steuersystem im besonderen, die Funktion des sogenannten Internet ganz global, die Stoffwechselvorgänge im Säugetier stofflich betrachtet, die Überwachung aller Menschen durch alle Geheimdienste, dazu all diese Kriege jedweder Art mit all diesen Greueln, naja, und so weiter. Alles unklar, undurchsichtig, wenn überhaupt nur dem Fachmenschen einzeln und im Einzelnen (Einzellnen!) einigermaßen verständlich. Das Eindeutigste, was also oftmals überhaupt präsentiert werden kann, ist eine schematische Vereinfachung – da also wird, sagt eine Grafik, nur so als Beispiel, die Ware hergestellt und verpackt, dann wird sie transportiert, sehen Sie, da fährt ein LKW über die Autobahn, und da wird die Ware vom Menschen gekauft, sofort gefressen, dann verdaut und so weiter, und das geht auch mit Krieg und Literatur und Wirtschaft und Internet, wir sehen Symbole, Pfeile, Zahlen … fatal ist nur, daß mit dieser Art der auf einfachste Einfachheit heruntergebrochenen Information nichts weiter verbreitet wird als Scheinwissen, selbst wenn dazu ein pfiffiger Journalist noch einen Text schreibt und damit, wenn er Glück hat, sein Geld verdient, das dann als bunte Scheinchen oder als Plastikkarte in Erscheinung tritt und gegen Waren und Dienstleistungen aller Art getauscht werden kann, was dann aber eben auch nicht die ganze Wahrheit ist sondern auch nur so ein winziges, bewegliches Pünktchen im Gespinst des Allseins. Ich persönlich denke ja, nicht das Schlechteste ist immer noch, sich die Welt als einen ins Licht gehaltenen fadenscheinigen Hosenboden einer Anzugshose vorzustellen und darüber dann sich nicht nur der schlechten Qualität wegen maßlos aufzuregen, denn eben da soll ja nicht durchgeblickt werden können, sondern darüber auch noch tatsächlich verrückt zu werden, auch wenn man, statt buchstäblich ins Irrenhaus zu kommen, eben auch einen Text schreiben könnte, in dem eben dies erzählt wird, wie das Thomas Bernhard schon Anfang der 1970er Jahre tat mit seiner Erzählung Gehen, doch waren das, scheint mir, andere Zeiten, solche nämlich, in denen das Schreiben noch geholfen hat.

der gürtel & die über

der gürtel …

der gürtel
des orion
schweigt
in den blick

durstig hängt
das schwert
als ein blatt

ins gemächt
hinein

und zerreißet
was zungen

 

die über …

die über
den daumen gepeilt
die verkindlichung
im an sie denken
die’s schon schaukelt
und warten
daß den lippen
die haut nachwächst
die die zähne
ihnen abgebissen
die ihm geblieben

 

Partitur

Bild: Marianne Büttiker

Michael Perkampus nach einem Gemälde von Marianne Büttiker. (Öl und Farbstift auf Leinwand)

ich komm mit aufmäntelchen gestockert; hierherein hierherein! ein laterniges rufen, brahmanisch irgendwie, so voller sternenlicht, so voller antiker quasare. Allschau : ein weg ins himmelbunte, dornfleischige, blütenwürzige.
Vieler tritte tanz, vieler tanzschritte tritte, luftausgepolstertes singen über ansteigenden gassen, treppwege zu den auster=augen hin. Lispelndes laspelndes lachen stürzt unter die hüte DERER VON, die hüte tragen, da letzte haar krawallt und bäumt sich gegen die see, vom atem angesaugt.
– Das lied : wie ists, wo ists : das lied ?
– Im schneckenkasten eingefasst in blendend weißen taften, die an den spitzen außer sich geraten, flappen, flunkern, flügeln. Man säh da einen engel, meint man, man säh, wie er zum start sich hebt.
Es finden sich jene, die ins unermeßliche steigen, um einen kranz von büsten kauern, der sämann Arepo hält mit mühe die räder, auf der suche, die andauert.

nach Waginow noch einmal

O, ziehen wir uns zurück auf der Missgeburten Insel
Um dort einen prächtigen Palast aus Kristall zu errichten
Wir lassen auf seinen Stufen Tiger und Löwen winseln,
Und beobachten von dort aus die Wolkenschichten.

Wollen in silbernen Pavillons musizieren,
Auf den Alleen sollen singen die Geigen,
Vögel in goldenen Käfigen jubilieren
Weiß unsere Gesichter sich wie Lilien zeigen
In Gärten veranstalten wir Maskeraden
Singen Lieder deklamieren Gedichte
Glück wird langsam, und Trauer verladen
Auf Stakkatoworte, die kurzen, verzichte.

Mit überschlagender Stimme spricht man vom Herrn
Wie von einem kranken und einsamen Clown.
Und auf ihm prangt des Monats Gehörn
Den Monat mit gehörnter Krone zu schauen
Schwach pastellen leuchtet der Himmel hier
Klingelt mit lauten Schellen am Hut
Die Atome seines Körpers sind wir,
Dinge wie Bäume, nicht besser, so gut
Als Backsteine, Rohre, auch nicht
Besser als vergessene Brücken übers Gewässer.

Wir werden höflich bleiben im Angesicht solcher Trauer
Vor Qual nicht zusammenpressen die Hände
Voll Demut werden wir Glocken Läuten, ein Schauer
Einsam sind an der Missgeburten Insel die Strände.
Wir werden sie nicht mit unseren Stimmen schocken
Die Menschen mit rosigen Ohren im Roggen.

»re-writing the image« textkunst ausstellung in australien

»re-writing the image« ausstellung in der town hall gallery
 
ich nehme zur zeit an einer wunderschönen textkunst ausstellung in der nähe von melbourne teil.

town hall gallery
hawthorn arts centre
360 burwood road hawthorn, vic 3122
australien

start: dienstag, 17. juni 2014
ende: sonntag, 10. august 2014

teilnehmende künstler:

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star sturnus vulgaris silhouette blog

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mal nach plan : die improvisierten patterns sortiert und nach plan arrangiert , mit strophen , refrain , bridges . und das – wie es sich in|ad|ae|qu|at eingespielt hat – in rund 12 minuten .

plus echtwelt- aufnahmen der lautlichen entäusserungen eines stars : Seien Sie sicher , dass die register zwischen freundlichen zwitschern ( intro ) und keifendem schimpf ( outro ) sehr sinnig gesetzt sind : und zwar als ( erwartungs- erwartungs- ) erwartungs- erwartungen im hinblick auf den impliziten hörer . so Sie dies vernehmen , werter hörer , seien Sie ruhig explizit . oder muten Sie das ganze .

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Backlist

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UM GLÜCKLICH ZU SEIN. Port Louis auf Mauritius, und keine Stadt ist danach. Die Erzählung des 10. und 11. Aprils 2014, an ebendiesem nachgeholt. Der Maskarenen Erster Teil.

Wie bin ich traurig gewesen, als wir Port Louis gestern abend wieder verließen! Kaum war ich ins Dickicht der maritischen Stadt eingedrungen, spürte ich es mir in die Adern und aus den Venen strömen: daß ich hier gerne bleiben möchte, zumindest, und ich wußte es wirklich bereits nach zehn Minuten, wiederkehren würde. Und ich schreibe Ihnen das noch heute, fast einen Tag danach, zumal zu Schostkovitschs Cellokonzert, dessen Solopart Sol Gabetta spielt. Seltsames Wort, „spielen“, wenn man von der Durchdringung eines Instrumentes spricht –
Wie also traurig bin ich gewesen, als wir uns von der Insel entfernten, und stand lange noch am Achterdeck und schaute:


Und dachte, ich würde den Abend anders verbringen, als es mir hier Gewohnheit wurde, und statt dessen gleich schreiben, Ihnen niederschreiben, was so in mich ging. Aber auf dem Weg hinab kam mir dieses dazwischen und hielt mich fest:

Und es stärkte meiner Melancholie noch den Rücken, zumal die allerdings nur wenigen Leute, die noch im Captain‘s Club zugegen waren, einfach nicht zuhören konnten, auch nicht, als ich, der Pianistin im Rücken stehend, ihr leise zusprach: „Please, be so kind to playing a piece of Bach.“ Erstaunt wandte sie sich um, ein bißchen scheu, „Johann Sebastian“ fragend mit ihrem ukrainischen Dialekt. Man kann auch nicht wirklich, stellte sich später heraus, miteinander sprechen, ihr Englisch ist n o c h dürftiger als meines. Wir können direkte Willen mitteilen, Hunger ausdrücken und Durst und uns Gute Morgen wünschen, aber die Tiefen bleiben immer ganz bedeckt. Doch ihre Antwort war Musik. So ging es denn noch bis fast 23 Uhr, da mocht‘ ich nicht mehr schreiben. So weit weg Mauritius bereits.

Wenn man einem Insel­be­woh­ner glaubt, dann könnte man
die Mei­nung bekom­men, dass Mau­ri­tius zuerst geschaf­fen
wurde, und dann der Him­mel; und die­ser Him­mel ist
eine genaue Kopie von Mau­ri­tius.

Mark Twain.

Allein das Völkergemisch, das hier auf engem Raum beisammenlebt, Kreolen, Inder, Chinesen, nicht sehr viele Weiße, Hindus, Christen, Moslems, alles treibt Handel, permanent, und schläft wohl auch miteinander. Und die Genetik scheint sich ästhetisch zu entscheiden. Aber allein der überdachte Markt hält alle Herrlichkeiten bereit, die uns nur Früchte geben können, von den Gewürzen ganz zu schweigen. Der kleine Kühlschrank meiner Kabine ist nun voll mit Chilis, aus Chilis und Limonen gestampftem Senf, und mit frischem Safran, sowie liegt Curcuma in einer meiner Schubladen mit indischem Knabberwerk zusammen, salzigen Biscuits und dem besten Basmai, den es zu kaufen gibt. Außerdem habe ich für den dem Meer geopferten Schal einen anderen bekommen, der so weich ist, daß meine bloßen Schenkel, denen er jetzt aufliegt, vor gestreichelter Verzückung zucken, weil das, zu zucken in der Wohligkeit, ihre Art der Seufzer ist. Und alle Wohlgerüche salbten mich, die der Orient kennt; ich schwamm in ihnen, tauchte, trank süßen schweren Tee um 20 Cents das Glas, der an Chai erinnert, aber Chai nicht ist, sondern in der Konsistenz von mit warmem Honig angerührtem Lassi. Es ist ein großes Glück, das ich nicht empfindlich bin, also in der Verdauung; selbst in Indien konnte ich mich aus den Straßenküchen bedienen… – wenngleich, gestern, einmal kurz, hupfte mein Magen d och, aber nur für eine Viertelminute. Upps, hatte ich gedacht, warst du vielleicht doch etwas zu unvorsichtig? Ich hatte am Straßenrand einen Saft gekauft, umgerechnet für 19 Cents, 8 Rupien sind das, von einem Straßen-Wallah. Der hob den Deckel seines Kühlkastens an und zog ein prall gefülltes Plastiktütchen hervor, dessen verschlossene Öffnung rosettenhaft einen Strohhalm umküßte, an dem ich nun zog. Zwei Minuten später meldete sich ein drängender Hinausdruck… Nein, nicht nervös machen lassen, das kommt alles, dachte ich, vom Kopf. Also ging ich Buryani essen, etwas Reis, zwei kleingeschnetzelte Fleischsorten, Gemüse, Pickles und die dicken rosa Zucchini, die diese Breiten kennen. Überdachte Garküche, gleich an den großen Markt angeschlossen, quasi nur Einheimische dort; nur bisweilen schaut mißtrauisch ein Tourist herein, der garantiert, wie ich, von der Astor kam, aber sich, klugerweise, vorsah. Ich nahm da Mahl draußen zu mir, weil es drinnen keine Sitzplätze gibt. Ich möge bitte den Teller wieder zurückbringen, was ich selbstverständlich tat. Bevor ich mit der schönen Sennerin, einer indische Variante von Sophia Loren, beim Lassi flirtete:

Ich hatte gar keines gewollt, aber sie derart gelächelt… fordernd, übrigens; etwas , das mir in Port Louis auf Schritt und Tritt begegnete: die Blicke der Frauen, auch sehr junger Mädchen, weichen nie aus, auch nicht die der Muslima, deren man bisweilen als gänzlich verschleierte begegnet, aber ihre Augen, schwarze, aus den schwarzen Kaftanen, blitzen. Es gibt das: schwarzes, allschwarzes Flammen. Unfaßbar schöne Menschen, wohin ich auch blickte. Aber auch viele behinderte Alte, und Menschen, denen es nicht gut geht, erkennt man zuerst an den Zähnen.
Vorher, als ich morgens ankam, ich nahm den allerersten möglichen Bus, hatte ich sofort ein Roti gefuttert, vegetarischer scharfer Gemüsebrei mit Stücken von Kartoffeln im gerollten Fladenbrot. Und auch das süße Lassi hätte es in sich haben können; der bei uns gerade unter Kindern so beliebte „Bubbletea“ ist hierzulande unter die flüssigen Joghurts gelangt, der zusätzlich mit Kofi, einem indischen Vanilleeis, versetzt wird. Indessen im Fleischmarkt, nachmittags, ein Schlachter mit seinen wehen Füßen lag und die Söhne tun ließ, was auch ihr Beruf nun war; er aber schlief, schaute allerdings, ein melancholischer Singh – was auf deutsch „Löwe“ bedeutet -, manchmal nach dem rechten hoch, graunzte ein paar Anweisungen und ließ seinen Kopf zurück in den Traum, auf seiner Schlachtbank, wohlgemerkt:

Und die Avokados sind hierzuland riesig, man muß sie nur anschaun, um auf der Zunge zu spüren, daß sie wie weichstes Mus auf ihr zergehen würden:

Jedenfalls schlug ich mich gastronomisch mit dem Volk durch, und genoß es. Dabei insgesamt fast sieben Stunden auf den Beinen, nicht einmal gesessen, sondern den gesamten Ort abgeschritten bis dort hinauf, wo er in den Berghang übergeht, der schnell steil wird, in der Ferne atemberaubend bizarre Felskulissen:

Ich muß nicht erzählen, daß nichts hier Norm ist, die Straßen voller Schlaglöcher, die Hauswände Bedienstete der Zyklone, und dort, schauen Sie!, geht man zum Zahnarzt:

*****

(Ah, und wie das Schiff wieder schaukelt! Wir fahren nun das letzte Stück des Ozeans durch, unter Madagaskar entlang Richtung Durban. Die Sonne gleißt auf das Meer. Drei Tage Seefahrt liegen vor uns.
11. April, 14.28 Uhr.
Die Gläser rollen im Schrank.
Der Kurs genau auf Süd, zwischen 174 und 187 schaukelnd.
Wir haben wilden Wind.
Ich muß mal eben an Deck.
***

Hoch und gleich wieder runter: den LS 11 holen, um am Bug das wirklich irre Heulen des Windes aufzunehmen. Da dürfen wir noch hin, obwohl das Bootsdeck bereits gesperrt worden ist:

Zehn Minuten lang da oben gestanden, erst nur die Atmos aufgenommen, dann versucht, ein Bild der Gischt hinzubekommen, wie sie immer wieder vorn übers Schiff geht: sprühend, man möchte meinen zischend, sich rasend verfliegend; es ist wirklich allerbestes Windsurf-Wetter.

Und am Achterdeck einen Cigarillo rauchen, dazu verfrüht den Campari Soda, frei stehend aber. Meine geliebte Großmutter sprach gerne von „Matrosenbeinen“, die jemand habe: bekommen habe während der lebenszeitlichen Versuche der Gleichgewichtwahrung. Daran über ich einige Zeit, was schließlich fast anstrengungslos geht. Obwohl meine Waden motzen, wegen der nach wie vor wehen Achillessehne; es war nicht sehr klug von mir gestern, für die ganzen sieben Stunden in meinen indischen ledernen Sandalen loszuziehen. Man gewöhnt sich, um die Sehnen zu schonen, eine bestimmte Gangart an, die nun wieder dazu führt, daß sich abends die Waden verkrampfen. Jetzt aber, im „Matrosenstehen“, hab ich den Eindruck, daß sie sich genau davon lockern.
Und noch mal in den Übersseeclub geschaut. Abgesehen von den zahllosen Kuchen und Torten sieht das Verlockendste so aus (hier an Bord wird immer, zu jeder Mahlzeit, so getafelt):

*****

Aber zurück nach Port Louis:

16.20 Uhr.
Nachmittags Massen von Fliegen auf einem massiven Thunfischstück auf der Fischbank, das rosarote Fleisch fast völlig in wimmelndem Schwarz. Und plötzlich, es ist wie ein süßer Erinnerungsschock, entsinne ich mich, daß ich als Junge von ungefähr fünfzehn Briefmarken zu sammeln begann, was ich allerdings nicht lange durchhielt, und daß damals die „Blaue Maritius“ eine besondere Rolle gespielt; mein Bruder, erinnere ich mich ebenfalls erst jetzt, nach all den Jahren, wieder, hat Münzen gesammelt. Und die Straßenhändler, ganz ebenso plötzlich aufgescheucht, schlagen die Decken um ihre am Boden darauf verteilten Waren zusammen, TShirts, Schuhe, Gürtel, und ziehen die so entstandenen fetten Halbsäcke an die Hauswände und setzen sich drauf, sozusagen tirilierend. Kein zwei Minuten später ertönt von irgend woher Entwarnung, und lässig wird alles wieder ausgebreitet.
Lachend die Blicke und her.
Und neuerlich kommt der alte weißbärtige, weißhaarige hagere Mann heran, ein Verrückter vielleicht, so schimpft er und gleichzeitig singt er und fuchtelt Zeichen vor sich in die Luft, indes ich, als ich, um mich endlich auf den Weg zurück aufzumachen, die Unterführung hinab will, ohne die man da tatsächlich auf Kilometer Länge nicht über die Straße käme, von einem geradezu märchenhaft fetten Schwarzen, der dort auf den Stufen weniger sitzt, als daß er sich in sie hineingegossen hat, ohne jede Lücke, wie ein seit Jahren Vertrauter begrüßt werde. Selbstverständlich grüße ich zurück. Das gegenseitige Lachen auch hier.
Und ich bin in der Moschee gewesen, sogar in beiden, und habe in der ersten, der großen Jummah Mosque, vor dem Bassin, in dem riesige Karpfen und welsartige Fische durcheinanderschwammen, meine Füße gewaschen und mein Gesicht, wie es Islami tun; gegenüber, aber noch in der Moschee, eine offene Koranschule für Acht- bis Zehnjährige, denen der Lehrer, der einen Stock in Händen hält, vorsingt, worauf sie jeweils nachsingen müssen: einen immergleichen, ich sage einmal, Psalm, bis sie ihn noch im Nachtschlaf hören. Einer der Jungen machte dabei einen Fehler und mußte vortreten. Er stand ganz gerade und verzog, nachdem der Stock sausend auf seinen Knabenpopo gepfiffen, nur eine Bruchsekunde lang das Gesicht, gab aber keinen Wehlaut von sich, sondern hing still an seinen Platz zurück, und die Prozedur des Vor- und Nachsingens wurde wieder aufgenommen, wie wenn nichts vorgefallen wäre. Dieser offenen Schule gegenüber, selbstverständlich sitzt man am Boden, ebenfalls am Boden die Korangelehrten, drei oder vier vor den vor ihnen aufgebahrten Büchern. Ein alter Mann, dem ich auffiel, bat mich erst, dann forderte er mich auf, doch bitte ebenfalls zu beten. Ich hätte aber nicht gewußt, zu wem.

Dennoch kam ich mir gereinigt vor und trat in die Sinnlichkeit der wilden Royal Street zurück, um mich auf meinen Rückweg zu machen. Saß dann noch an der – völlig anders als die übrige Stadt – touristisch hergerichteten Hafenfront und trank die Milch aus einer dort, na klar, zu teuren, aber vor meinen Augen geköpften Kokosnuß.
*******

Mauritius ist mit Port Louis bei weitem nicht erschöpft. Aber ich nutzte die Zeit, die ich hatte, um zu sehen, was irgend ging. Dazu gehört das Amalgam der Architektur aus vierfünf Jahrhunderten, dazu gehört das älteste Theater der südlichen Hemisphäre, dazu gehören die Gänge hinan zu den Bergen und daß mir eine Sehnsucht blieb, die mich ganz sicher wieder einmal hierher ziehen wird, und vielleicht für länger dann. Es ist mein Klima, ist mein Temperament, ist das Chaos, das ich von jeher suche. Da hab ich von den Tauchgründen noch nicht einmal ein Wort verloren. Und davon nicht, daß auf der Insel „nebenan“ einer der aktivsten Vulkane der Welt lebt. Aber von jener, der anderen Insel, erzähl ich Ihnen morgen. Ich brauche etwas Abstand dazu, denn ungerecht will ich nicht werden. Außerdem lockt es mich wieder hinaus.

Die Rapunzel-Sabine ist auf Facebook! (DREI SABINEN)

Die Rapunzel-Sabine tauchte nach über 20 Jahren wieder in einer Facebook-Gruppe auf. Nach ihrem Profilbild hätte keine sie erkannt. Es war unscharf und im Gegenlicht aufgenommen, eine etwas mollige Frau in einem zu engen, silbrigen Spaghetti-Träger-Top, von dem die Bohnenstangen-Sabine jeder Frau über fünfundvierzig, die nicht regelmäßiges Hantel-Training machte, abraten würde, falls die Bohnenstangen-Sabine sich jemals die Mühe gegeben hätte, anderen Frauen Ratschläge zu ihrem Outfit zu erteilen. In Wirklichkeit urteilte die Bohnenstangen-Sabine zwar scharf, behielt das aber für sich.

 

Die Facebook-Gruppe hatte der Norbert gegründet, aber vielleicht hatte er es auf Anraten oder gar Befehl von Claus getan. „Wir aus der Milchau“ hatte der Norbert die Gruppe genannt, aber praktisch jeden und jede eingeladen, die er kannte, also zum Beispiel auch alle die gar nicht aus Haselberg kamen, sondern nur mit ihm in der Kreisstadt aufs Gymnasium gegangen waren. Die Gruppe war offen und die Mitgliedschaft schnell gewachsen. Die kleine Sabine war natürlich von Anfang an dabei gewesen, schließlich war sie die Frau vom Norbert und als „Mädchen für alles“ in seinem Reisebüro direkt gegenüber dem Rathaus saß sie im Zentrum von Klatsch und Tratsch. Schon nach wenigen Wochen hatte die Gruppe fast 1000 Mitglieder, was vor allem dem Claus zu verdanken war, der zu den ersten zehn gehörte, die der Norbert eingeladen hatte. Böse Zungen behaupteten, dass der Claus den Norbert instruiert habe, die Gruppe als ein Wahlkampfplattform für ihn zu installieren. Wenn das stimmte, war es jedenfalls geschickt gemacht. Erstens war der Claus, als der Norbert die Gruppe gründete, gar nicht im Wahlkampf gewesen, sondern mitten in einer Legislaturperiode. Und zweitens wurde auf der Plattform am Anfang gar nicht über Lokalpolitik gepostet, sondern bloß alte Fotos aus der Milchau oder neue Fotos von der Umgehungsstaße, der das High End, die altersschwache Disko am Ortseingang, im vergangenen Sommer zum Opfer gefallen war. Der Claus likte die alten Fotos, wenn er jemanden darauf erkannte und hielt sich ansonsten zurück. Trotzdem traten viele nur seinetwegen der Gruppe bei, weil sie es als Gelegenheit ansahen, öffentlich anzuzeigen, dass sie den Claus sozusagen „privat“ und „von früher“ kannten und also einen Draht zu ihm hatten, was, wie viele sagten, „jedenfalls nie schaden konnte“.

 

Und plötzlich war da die Rapunzel-Sabine aufgetaucht. Wie aus dem Nichts. Die Bohnenstangen-Sabine war von der kleinen Sabine, mit der sie nach wie vor Weihnachts- und Urlaubspostkarten tauschte, natürlich sofort eingeladen worden. Aber die Adresse oder Mail von der Rapunzel-Sabine hatte keine und es hatte auch keine nach ihr auf Facebook gesucht. Jedenfalls hätte keine das zugegeben. Trotzdem erhielt der Norbert als Administrator der Gruppe etwa ein Vierteljahr nach ihrer Gründung eine Anfrage von der Rapunzel-Sabine und schaltete sie sofort frei. Da sprach aus seiner Sicht nichts dagegen und auch die kleine Sabine war ganz aufgeregt, als er ihr davon erzählte. „Schau an. Die Rapunzel-Sabine. Die gibt´s auch noch.“, freute sie sich und schickte der Rapunzel-Sabine sofort eine Freundschaftanfrage. Sie musste zwei Tage warten, bis die Rapunzel-Sabine die Anfrage annahm, sagte sich aber, dass die vielleicht nicht so oft im Netz war. Die kleine Sabine dagegen hatte in einem Fenster immer die Facebook-Seite offen, wenn sie im Reisebüro war und ansonsten war sie mit ihrem Smartphone online. Aber es gibt ja, sagte sich die kleine Sabine, in „unserer Generation“ nicht wenige, die den neuen Kommunikationsmöglichkeiten skeptisch oder sogar ablehnend gegenüberstehen. Die kleine Sabine hielt sich viel darauf zugute, dass sie in der Hinsicht ganz offen war. Sie postete fröhlich und ein bisschen angeberisch Urlaubsfotos von sich, dem Norbert und den Kindern. Wo sie nicht überall gewesen waren….Es gab da eine App, mit der man das eintragen und die Fotos verlinken konnte, damit hatte sich die kleine Sabine mal ein ganzes Wochenende befasst und Fotos und Urlaubsorte zurück bis in die 90er Jahre gepostet und verlinkt. Jedes Mal war aufgepoppt: Sabine ist in…New York, Shanghai, Malediven, Costa Rica, London, Paris, Vorarlberg, Rio de Janeiro, Thailand, Neuseeland…und ihre „Freunde“ hatte geliket und gescherzt: „Hoppst von einem Ort zum anderen?“ und sie hatte geantwortet: „Das war 1996“. Das hatte sie gemacht, bis ihre älteste Tochter, die schon nicht mehr zu Hause wohnte, ihr eine verärgerte PM geschickt und sie gebeten hatte, wenigstens sie nicht mehr auf den Fotos zu verlinken. „Das ist so peinlich, Mama.“ Seitdem war die kleine Sabine ein bisschen vorsichtiger geworden, stellte aber immer noch mal gern ein Bild von sich ein, wenn sie mit dem Norbert einen der tollen Kurztrips unternahm, die ihnen die Pauschalreise-Anbieter regelmäßig kostenlos oder zu günstigsten Konditionen zur Verfügung stellten. „Super-Feriendorf-Anlage im Burgenland.“, postete sie dann und sagte ein bisschen entschuldigend zum Norbert: „Als Werbung.“

 

Die kleine Sabine klickte sich in einer ruhigen Phase im Reisebüro durch die Facebook-Seite von der Rapunzel-Sabine. Die trug also immer noch ihren Mädchennamen. Bei „Beziehung“ hatte sie nichts angegeben und auch sonst war die Seite ziemlich unergiebig: Es gab nur das unscharfe Profil-Bild, sonst keine Fotos. Als Wohnort war „Frankfurt“ eingetragen. „Gar nicht weit weg“, dachte die kleine Sabine. Die Rapunzel-Sabine hatte 23 Freunde. Die meisten von denen hatten Blumen- oder Tier-Bilder für ihr Profil gewählt und gaben auf der allgemein zugänglichen Seite nichts über sich preis. Was die Rapunzel-Sabine jetzt arbeitete oder sonst so machte, konnte die kleine Sabine auf Facebook nicht herausfinden. Die Rapunzel-Sabine hatte bloß zwei Youtube-Videos gepostet: eine Live-Aufnahme von „Do you really want to hurt me“ von Culture Club und die See-Szene mit Colin Firth als Mr. Darcy. Das war´s. Die kleine Sabine war enttäuscht. Andererseits verspürte sie auch eine gewisse Schadenfreude. Die Rapunzel-Sabine war schließlich damals unter den drei Sabinen die schönste und klügste gewesen. Aber das hatte sich offenbar nicht ausgezahlt. Kaum Kontakte, nix Interessantes los bei der. Oder sie gehörte zu denjenigen, die sich auf Facebook rar machten und ihre deutschen Ressentiments dagegen pflegten. Die kleine Sabine verzog die Lippen: Das war so provinziell, fand sie. „In anderen Ländern…“, mit dieser Phrase begann die kleine Sabine viele Sätze und langweilte ihre Zuhörerschaft, indem sie ihre vorgebliche Weltläufigkeit und Vorurteilsfreiheit zur Schau stellte. Durch die trostlose Facebook-Seite von der Rapunzel-Sabine fühlte sich die kleine Sabine sehr ermuntert, der eine persönliche Nachricht zu schicken: „Toll, dass du da bist. Wie geht´s dir denn? Wir haben uns ja ewig (!!!) nicht gesehen. Melde dich doch mal. Frankfurt ist gar nicht weit. Da können wir uns mal treffen. Ich würde mich sehr freuen! LG Sabine B. (jetzt B., haha, früher D.)“

 
Die Rapunzel-Sabine antwortete erstmal nicht. Aber der Norbert bekam einen Anruf vom Claus, noch am selben Abend, an dem die Rapunzel-Sabine der Gruppe beigetreten war. „Was ist denn das mit der Rapunzel-Sabine? Wie kommt die in die Gruppe?“ „Wahnsinn“, freute sich der Norbert, „oder? Dass es die noch gibt.“ Aber der Claus war schlechter Laune, der Norbert merkte es schnell an diesem bellenden Ton: „Hast du die eingeladen?“ „Wie denn?“, fragte der Norbert zurück, „wir haben doch ewig nix mehr von der gehört. Seit sie damals…“ „Ich hätte auch lieber nix mehr von ihr gehört.“, sagte der Claus und legte auf. Der Norbert legte das Handy perplex auf den Tisch. Dass der Claus so reagierte wegen der Rapunzel-Sabine…Der kleinen Sabine, seiner Frau, erzählte er nichts von dem Gespräch. Irgendwie hatte er ein komisches Gefühl.