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Inhalt 02/2014

Die Lesezeichen-Ausgabe 02/2014 erschien am 7. Juli 2014.

Coppo_di_Marcovaldo,_Hell

In dieser Ausgabe:
Edgar Allan Poe und der Kannibalismus, ein Exorzist und etwas Ter­pen­tin, zahlreiche Baustellen, Schläuche und ein Eichhörnchen – benannt nach Benedikt XVI, ein Selfie mit 23 Freunden, ein 60°-Waschgang, der Sämann Arepo und Thomas Bernhard, Arno Schmidt und ein Ausflug nach Bargfeld, Kunsttexte und Spiegelungen, ein italienischer UNHCR Mitarbeiter und ein Leben im Ungefähren, von Rippenspreizern brutal geöffnete Leiber und auf Lippen nachwachsende Häute, Vögel in goldenen Käfigen, improvisierte Patterns und riesige Avocados … uvm.

INHALT:

Lars Antichrist

Lars will es. Unbedingt. Er will die Erde unterjochen. Will sie bluten sehen. Er will der Antichrist sein. Nicht irgendein Antichrist, sondern der Antichrist schlechthin. Das muss doch möglich sein. Berufswünsche sind dazu da, um sie sich zu erfüllen – wenn möglich. Heinz, sein dämlich grinsender atheistischer Schulfreund, hat ihm erzählt, es gebe keinen Gott, und somit auch keine Hölle – und keinen Teufel. Unsinn! Für diese Frechheit hat ihm Lars die Zähne ausgeschlagen. Nicht einen, nicht zwei, sondern alle siebzehn, die Heinz noch im Mund hatte. Und dann hat er ihn noch gewarnt, ja nichts zu verraten, sonst seien seine Eltern und seine Schwestern auch noch dran. Das Böse schläft nie, sagte Lars. Es bekommt alles mit.

Lars geht danach nach Hause, ein Zuhause, dass ständig auf Achse ist, weil seine Eltern im Bankräubergewerbe sind. Bankräuber. Das ist ein guter und ehrlicher Beruf, sagt sein Vater und hebt den kleinen Lars auf den Arm. Wenn du mal groß bist, wirst du auch Bankräuber. Gut und ehrlich sind Worte, die Lars krank machen. Lars schüttelt innerlich den Kopf. Aber jetzt nicht auffallen. Nur nicht auffallen. Wenn die Zeit gekommen ist, wird er sich Aleister nennen und eine Menge Kinder dem Fürsten der Finsternis opfern.

Die Eltern packen den kleinen Lars in seinen Kinderzimmerkäfig und schleppen ihn nach unten. Hinein in den LKW. Und ab geht es zum nächsten Wohnort. Unterwegs, weil es sich anbietet, überfallen sie gleich noch drei Banken. Läuft alles gut. Bis auf die vier Toten. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Sagt der Vater. Und der muss es schließlich wissen, sonst wäre er kein Vater geworden.

Lars malt derweil umgedrehte Kreuze in seinen Sabber. Das ist eine Unart von ihm, überall malt er diese umgedrehten Kreuze hin. Als sie mal bei Oma waren, hatte er sich einen Stift genommen. Die ganze Wohnung hatte er mit den Kreuzen verziert. Als Oma ihn auf sein ungezogenes Verhalten ansprach, verstellte er seine Stimme und krächzte: “Hier spricht Satan, du Hure. Du wirst bald verrecken. Und dann wirst du hier unten bei uns Schwänze schlecken.” Die Oma riss die Augen auf, stammelte etwas von “Unglaublich!” und “Was?” und verstarb an Ort und Stelle. Lars bekreuzigte sich umgekehrt, gedachte des großen Aleister Crowley und buchte Oma als Opfer an den Fürsten ab. Dann bekam er Hunger, weil er sich aber noch nichts alleine zubereiten konnte, musste er warten, bis seine Eltern die Leiche fanden.

Die neue Wohngegend ist schrecklich. Lars hasst sie. Teufel, wie er sie hasst. Lauter Einfamilienhäuser. Frauen, die früh aufstehen und grüßen. Ein grünes Haus, ein gelbes, ein rotes, ein pinkfarbenes. Die ersten Tage ist Lars krank. Er übergibt sich. Wie seine Lieblingsschauspielerin Linda Blair in seinem Lieblingsfilm “Der Exorzist”. Um ihn zu beruhigen, legen die Eltern die DVD ein. Sein Blick verzerrt sich. Ein diabolisches Grinsen umspielt seinen Mund. Es geht ihm Szene für Szene besser. Um sich von den Strapazen der Krankheit zu erholen, streunt er durch die Gegend. Er entführt, foltert und tötet diverse Katzen.

Man müsste hier ein Massaker anrichten, tagträumt Lars, als ihm ein Junge mit einem seligen Gesichtsausdruck entgegentritt. Der Junge heißt Waldemar und ist ein Christenkind. Ein Anhänger Gottes.

“Oh, bist du neu hier?”, fragt Waldemar und meint, Schwefelgeruch wahrzunehmen.

“Fick dich!”, grunzt Lars.

Hm, überlegt Waldemar, als ein Christenmensch sollte ich gehorchen. Ich will diesen jungen Mann ja glücklich machen. Aber wie soll ich das machen? Mich selber ficken? Geht das überhaupt?

“Hör zu, mein Bruder”, sagt Waldemar. “Gern will ich dir deinen Wunsch erfüllen, aber lass uns zuvor beten!”

Lars beschließt, das Spiel, alle Dämonen mögen ihm verzeihen, mitzuspielen, nur um zu sehen, was passiert. Waldemar fällt mit einem “Auaschönistdas” auf die Knie und betet das Vater-unser. Lars bewegt die Lippen. Die Sekunden des Gebets sind der reinste Himmel für ihn. Es ist schön. Beinahe muss er sich wieder übergeben.

“Und jetzt fick dich!”

Waldemar wird rot im Gesicht. Versprochen ist versprochen. Und der Herrgott sieht alles. Aber Unzucht, auch mit sich selbst, ist eine Sünde. Er könnte sich umbringen. Auch das eine weitere Sünde. Er steckt in einer echten Klemme.

“Und wenn ich es nicht kann?”, fragt Waldemar.

“Dann würde ich dich als einen unfreundlichen Menschen bezeichnen.”

“Hm.” Waldemar schüttelt den Kopf und geht nach Hause. Hinein in sein Zimmer, er packt seine Bibel ein, ein paar Unterhosen zum Wechseln und zieht sich ins Unterholz zurück. Dort sitzt er. Ein Einsiedler. Einer, der die Menschen hinter sich gelassen hat, bis die Eltern zum Essen rufen. Gehorchen muss er. Also gehorcht er.

Und wieder ziehen Lars und seine Eltern um. Die Jahre verstreichen. Lars ist inzwischen sieben Jahre. Sieben ist eine Zahl, die er hasst. Fragt ihn jemand, behauptet er 666 Jahre zu sein. Er sei das Große Tier. Basta! Außerdem will er nicht mehr Aleister heißen, sondern Damien.

Zeit für seine erste Blackmetalband. Sie nennen sich “Frau Hölle”. “Frau Hölle” wollen mit ihrer Musik Schmerz erzeugen. Sie wollen quälen. Zunächst probieren sie ihre Songs an Tieren aus. Die meisten verenden nach wenigen Sekunden. Hunderte von Hamstern. Später Katzen. Hunde. Keines der Tiere überlebt ihr Intro. Sie reißen die Augen auf. Fallen zur Seite. Mit heraushängender Zunge. Lars ist mit dem Resultat zufrieden. So können sie auf Tournee gehen. Sie nennen es nicht so. Sie nennen es Amoklauf. Jürgen, der Gitarrist, organisiert einen Kleinbus. Sie schminken sich weiß, schmieren sich mit Schweineblut ein und fahren los. Lars spürt, dass sein Leben allmählich seinen Sinn verliert. Darum geht es. Keinen Sinn finden. Oder, ist einer da, ihn zu verlieren.

Sie halten auf einem Marktplatz. Bauen ihre Verstärker auf, bitten um Strom, den man ihnen verweigert. Sie würden nicht vertrauensselig genug aussehen. Nicht vertrauensselig? Pah! Lars und Jürgen besorgen sich in der Nacht illegal Strom und spielen ihr erstes Todeskonzert. Punkt Mitternacht. Es ist ein Blutbad. Sie metzeln die Kleinstadt nieder. Kinder, alte Menschen, keiner überlebt. Jetzt hat er es geschafft. Lars ist zu einem Flüchtling geworden. Er hat sich endgültig von seinen Eltern abgenabelt, die wenige Tage nach diesem Ereignis bei einer Schießerei mit der Polizei ums Leben kommen. Lars trauert nicht. Höllensöhne trauern nie.

Nach den Kleinstädten, kommen die Großstädte. Lars Antichrist, so haben ihn die Zeitungen getauft. Er ist fünfzehn und verlässt eines Nachts heimlich den Tourbus, um nach Alexandria auszuwandern. Die Band war der Anfang. Aber sie kann mehr. Er weiß es. In Alexandria mietet er sich in einem Hotel ein und beschwört einen Dämon namens Labrador.

Labrador diktiert ihm das “Textbuch des Todes und der Pein”. Darin enthalten, alle Texte, die “Frau Hölle” grunzen müssen, um die Herrscharen der Hölle auf die Erde hinauf zu rufen. Schwitzend, an Verstopfung leidend, schreibt Lars Antichrist das “Textbuch des Todes und der Pein” auf dem Klo nieder. Nach vier Stunden ist es vollbracht. Lars zieht sich an, spielt einen Song leise auf seiner Wandergitarre und verlässt ein Alexandria, in dem niemand mehr lebt. Leichenberge säumen seinen Weg. Er läuft an Blutflüssen entlang. Seine Rückreise bildet eine Schneise der Verwüstung.

“Frau Hölle” treffen sich an einer Bushaltestelle am Rand von Köln. Sie beten ein Vater-unser rückwärts, bespucken Oblaten, feiern hinter dem Bushäuschen eine schwarze Messe samt Jungfrauenschändung und gehen dann auf Amoklauf. Auf ihren T-Shirts stehen alle Städte, in denen sie töten werden.

Die Todeskraft der neuen Texte ist so stark, dass sie keinen Strom mehr brauchen. Sie müssen nur daran denken, den einen oder anderen Song zu spielen, schon töten sie alles Leben im Umkreis von mehreren hundert Kilometern. Gleichzeitig tauchen die ersten Dämonen auf der Erde auf, darunter auch Labrador, der sich “Frau Hölle” als Rowdy anschließt. Gerade mal sechszehn Jahre, fühlt sich Lars am Ziel. Die Welt wurde Satan unterworfen.

“Frau Hölle” werden zu DER BAND der kommenden Epoche. Kein Todesfall, bei dem sie nicht spielen. Satan höchstpersönlich ernennt sie zur “verfickt schlechtesten Band aller Zeiten”. Um auch den Rest des Universums zu unterwerfen, lässt Satan Raumschiffe für den nächsten Amoklauf von “Frau Hölle” bauen. Alles läuft gut, bis die ersten Angriffswellen Gottes das Höllenreich erschüttern. Man setzt Engelschöre ein, später Schlager. Die himmlischen Scharen machen nächtlich Land gut. Gott werde sich die Erde zurückholen. Lars und seine Bandkollegen geben alles. Die noch existierenden Kirchen werden zu Trutzburgen des Widerstands. Satan weist die Priester darauf hin, wem sie ewige Gefolgschaft geschworen haben. Nicht Gott, sondern ihm. Der Vatikan bekennt sich, schon seit Jahrhunderten heimlich für Satan zu arbeiten.

Lars kümmer das wenig. Er ist siebzehn und krank. Blutkrebs, stellen ein paar lachende Dämonen fest.

“Was kann man da machen?”, fragt Lars.

Wieder lachen die Dämonen. Was man da machen kann? Machen kann? Sie feixen und verabschieden ihn. Das Böse kenne kein Mitleid.

Lars ist zum ersten Mal verzweifelt. Er, der sich ein Leben lang für die Sache des Bösen aufgeopfert hat, wird aufgegeben, liegengelassen, niemand will sich um ihn kümmern. Seine Bandkollegen tauschen ihn aus.

In seiner letzten Nacht erscheint Lars ein Engel, der verflucht nach dem Kerl in der Wohnsiedlung damals aussieht. Wie war sein Name? Waldemar?

“Ich bin der Engel Waldemar”, sagt die Gestalt. “Ich bin mächtig. Ich kann mich sogar selber ficken.”

Lars muss vor Lachen Blut erbrechen.

“Und kann du mich retten?”, fragt Lars.

“Ja”, sagt der Engel.

“Dann tu es”, herrscht Lars ihn an.

“Ja”, sagt der Engel Waldemar. “Hiermit …” Waldemar bricht ab.

“Was ist los?”, fragt Lars.

“Ich muss weg”, sagt Waldemar. “Gott hat zum Essen gerufen. Und er wird saulieb, wenn man nicht auf ihn hört. Saulieb ist nicht schön, glaub mir.”

“Rette mich erst”, bettelt Lars.

“Nein, ich muss. Wenn dir langweilig ist, fick dich einfach selbst”, rät der sich entfernende, sich dabei selbst penetrierende Engel Waldemar.

Lars liegt da und stirbt. Er denkt an sein Leben zurück. Im Grunde hat er alles erreicht, was ein junger Mann erreichen kann. Er wird sicherlich einen guten Platz in der Hölle bekommen. Viel Feuer und Schmerz, besser wird man es nicht haben können. Schade nur, dass man ihm seinen Einsatz nicht mehr gedankt hat. Aber so ist das eben mit den heutigen Unternehmen. Kein Rückhalt für die Belegschaft. Lars schließt die Augen und schläft ein.

Als er aufwacht, ist es sieben Uhr am Morgen. Seine Eltern leben noch. Er ist gefesselt.

“Wo bin ich hier?”, fragt Lars.

Sein Vater beugt sich mit einem freundlichen Lächeln über ihn. “In der Hölle, mein Sohn!”

Aus dem Radio sickert leise ein Lied. “Ein bisschen Frieden” von Nicole.

Sein Vater streichelt ihn.

“Hör auf damit!”, giftet Lars.

“Nein”, flüstert sein Vater.

Mehr und mehr gutaussehende Wesen drängen ins Zimmer und streicheln ihn. Sie sagen, Lars wäre ja ein so toller Junge. Soooooooo toll!

“Die Hölle”, sagt sein Vater leise. “Willkommen in der Hölle!”

Lars Antichrist beißt die Zähne zusammen. Diese eine kleine Ewigkeit, verfickt noch mal, die wird er auch durchstehen, und wenn die vorbei ist, dann gnade ihnen Gott. Dieses Mal wird er für die Sache des Guten kämpfen. Und das wird für niemand gut ausgehen. Mit diesem Gedanken lässt Lars es geschehen. Alles, auch das sie ihn gerade loben.

“Mein kleiner Liebling!”

Lars schreit innerlich auf!

Coppo_di_Marcovaldo,_Hell

valletta : west street

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nord­pol : 2.54 — Ges­tern Abend erreichte mich eine E-Mail von Geor­ges. Er schreibt: Mein lie­ber Louis, wie ich durch die Stadt Val­letta schlen­derte, bemerkte ich in der West Street nahe St. Lucia eine kleine Werk­statt. Sie war düs­ter, aber gerade noch hell genug, dass ich ein Mäd­chen erken­nen konnte, das an einem Tisch saß, sie schien Haus­auf­ga­ben zu machen. Ich rich­tete meine Kamera auf das Mäd­chen, um es zu foto­gra­fie­ren, da hob sie den Kopf und sah mich an mit einem freund­li­chen Blick. Ich fragte, ob ich ein­trete dürfe, das Mäd­chen nickte. Es war ein wirk­lich düs­te­rer Ort, das Licht der Straße erreichte gerade noch den Tisch, auf dem das Schul­heft des Mäd­chens lag, und es war kühl, und es ging ein leich­ter Wind. In der Tiefe des Rau­mes erkannte ich einen wei­te­ren Tisch, der von einer Glüh­birne beleuch­tet wurde, die ohne Schirm von der Decke bau­melte. Hin­ter dem Tisch hockte ein dun­kel­häu­ti­ger, alter Mann mit wei­ßem Haar. Ich grüsste auch in seine Rich­tung. Als ich mich gerade her­um­dre­hen wollte, um auf die Straße zurück­zu­keh­ren, schal­tete der Mann einen glä­ser­nen Leucht­glo­bus an. Ein schö­nes blaues und gel­bes Licht von Mee­ren und Wüs­ten strahlte plötz­lich in den Raum, vor des­sen Wän­den Regale bis zur Decke rag­ten. Dort war­te­ten wei­tere Erd­ku­geln, es waren einige Hun­dert bestimmt. Als ich mich näherte, bemerkte ich, dass der Mann auf dem Tisch Gläs­chen mit Farbe zu einer Reihe abge­stellt hatte, er selbst hielt einen fei­nen Pin­sel und ein Mes­ser mit einer win­zi­gen Klinge in der Hand. Außer­dem stand der Glo­bus vor dem Mann auf dem Kopf, viel­leicht des­halb, weil er ein­mal aus sei­ner Fas­sung genom­men und augen­schein­lich her­um­ge­dreht wor­den war, der Süd­pol befand sich im Nor­den, der Nord­pol im Süden der leuch­ten­den Kugel, an wel­cher der Mann mit sei­nen Werk­zeu­gen arbei­tete. Es war eine Arbeit für ruhige Hände. In dem Moment als ich näher gekom­men war, nah­men sie gerade die Ent­fer­nung des Schrift­zu­ges Cape Town vor, der selbst auf dem Kopf ste­hend in das Blau des Mee­res jen­seits des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nen­tes reichte. Aus nächs­ter Nähe nun beob­ach­tete ich, wie der alte Mann die Spu­ren, die die Radie­rung des Schrift­zu­ges erzeugt hatte, mit blauer Farbe füllte. Immer wie­der prüfte er indes­sen den Ton der Pig­mente, in dem er eine Lupe in sein lin­kes Auge klemmte. Er schien weit­ge­hende Erfah­rung in die­ser Arbeit gesam­melt zu haben, seine Hände beweg­ten sich schnell, es roch nach Ter­pen­tin, und der Mann hauchte gegen das Meer, wohl um seine Trock­nung zu beschleu­ni­gen. Dann begann er zu schrei­ben, er schrieb Cape Town, er schrieb es so, dass das Wort rich­tig herum vor unse­ren Augen erschien. Ich erin­nere mich an ein Motor­rad, das auf der Straße vor­bei knat­terte. Das Mäd­chen hatte seine Schul­heft geschlos­sen, und war ins Licht der Sonne getre­ten. Plötz­lich war es ver­wun­den. — stop
polaroidtwins2

 

Soldier of Love

you got this strange defect on me
and I like it
you make my world seem wrong
you make my darkness shine, oh yes
I got this strange effect on me
and I like it

Song 1
Song 2

Philip Roth, Exit Ghost:
„Mein erster (…) Eindruck war der von einem Mann, der das Opfer einer generellen Verwirrung war – mit achtundzwanzig bereits gedemütigt durch die mangelnde Bereitschaft der Welt, sich seiner Kraft und Schönheit und den dringenden persönlichen Bedürfnissen, denen sie dienten, bereitwillig zu unterwerfen. Das war es, was aus seinem Gesicht sprach: die wütende Erkenntnis eines unerwarteten, gänzlich lächerlichen Widerstands.“ (S. 110)

Wir ließen das Forsthaus zurück. Zwei Bilderbuchfamilien ersetzten uns. Eine Zwölfjährige hatte noch von ihrer ersten E.-A.-Poe-Lektüreerfahrung erzählt. Es ging um Kannibalismus, glaube ich. Während dieser paar Tage hatte ich ständig Verdauungsprobleme. Zwei warme Mahlzeiten pro Tag und der übliche Feierabendunsinn. Ich habe auch mal wieder ein Kilo zugenommen. Ich habe seit Tagen in keinen Spiegel gesehen.

„Mir hast du krank besser gefallen.“
„Was soll das heißen?“
„Du hast nicht alle mit deiner Sichtbarkeit verschreckt.“

Mir gelang ein Foto. Kirsten Dunst setzte sich auf mein Gesicht. Wie eine Wespe. „Zu nackt fürs Vaterland.“ Später richtete sich ein ganzer See nach ihr (sie war als Einzige im Wasser). Man liest ihren Namen auf Barkassen, auf Gedenktafeln. Diskretionen vs. Quäkquellen. Als wir flach im Kornfeld lagen, ordentlich bekifft, und Änderung so möglich schien, ein Indieluftsprengen der dörflichen Welt. Daran erinnerte ich mich. An Narrenkappenträger in den Nachtbars in der Sommerzeit. Damals, bevor uns die Maschinen kriegten.

„Ich will eine SMS von dir.“
„Warum? Magst du keine Telefonate?“
„Ich kann deine Stimme nicht hören.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Das musst du auch nicht. Sagen wir so: Die Maschinen stehen woanders.“

Über der Kleinstadt ging ein Gewitter herunter, während wir unter dem Dach der kleinen Bushalte saßen und auf den Rufbus warteten, der dann ein Taxi war und uns für zwei Euro zum Bahnhof brachte. Dem Fahrer fehlten Kleingeld und ein guter Blick für die eigene Körperpflegebedürftigkeit. Wir sahen dem wackelnden Wald zu und schwiegen die Fahrt über. Wir fuhren zurück, endlich. Hinter Angermünde öffnete sich der Himmel. Wir fuhren zurück, in eine Stadt voller Taxis.

Die Welt ist groß, aber kleinteilig.

Es fehlt eine Geschichte. Die von der Amnesie nach der durchrauschten Nacht. Eine weitere Nacht mit vielen Intoxikationen, eine Nacht in einer Bar ohne Filter, mit Sternschnuppen, mit gedämpften Frühlingsgefühlen. Jedenfalls, zu merken war nicht viel, viele Gläser, viel Gespräche, ein Zucken in den Augenlidern, ein Blick wie aus einem Wäschekorb, und irgendwann stand ein Taxi an der Straße. Die Lichter der Großstadt, die über die Heckscheibe wandern. Ein französischer Film. Eine bewusstlose Nacht. Am nächsten Morgen klingelt das Telefon. Ein Körper, der die Decke zur Seite schlägt und Schritte macht. Eine Tür wird geöffnet. Ein Gespräch angenommen. Der ideologische Staatsapparat ist dran. Zu hören sind nach ein paar Floskeln und Formeln weiter nichts als ein Rums und das Geräusch des Auflegens. Und dann fiel die gesamte Gedächtnisleistung aus. C’est pas vrais, doch, genau so.

novela corta #48

vier meer aquarelle

eigentlich wollte der kobboi heute auch mal ein selfie machen, aber er schaffte es nicht. ob es an der rauen see lag oder ob ihm die koordination fehlte, konnten wir nicht feststellen.
fest steht, dass katharina vasces gerne ein portrait von ihm hätte. was er wiederum nicht verstehen kann, denn lebendige gesichter brennen sich regelrecht in seinen kopf. so hat er frau vasces natürlich immer bei sich.
nun geht er zum leuchtturm, um sich real bei katharina vasces zu zeigen. irgendwann bleibt sein gesicht in ihren gedanken hängen – jedenfalls hat sie ihn bisher immer wiedererkannt.

Anfechtungen

Im Atelier direkt über dem meinigen singt ein junger Mann: nicht sonderlich gut, aber inbrünstig. Es wird einer der Maler sein, oder ein Bildhauer. Jene, die aufgrund ihrer Sangeskünste ein Stipendium innehaben, proben meistens zu zweien in den Räumen am Ende des Korridors, die sind mit einem Klavier ausgestattet.
Der Korridor ist lang, sehr lang, und gesäumt von Holztüren, auf denen jeweils ein kleines Messingschild prangt mit dem Namen des Landes, welches das Atelier und das Stipendium bezahlt. Manchmal ist es auch eine Stiftung. Oder etwas ganz anderes. Auf meiner Tür, beispielsweise, steht:

Atelier François Preziosi
Tombé en mission le 17. Août 1964

Ich habe nachgelesen. François Preziosi. Ein italienischer UNHCR Mitarbeiter der International Labour Office. 1964 verlor er sein Leben bei dem Versuch, ruandische Flüchtlinge im Ostkongo zu beschützen.
Ein merkwürdiges Gefühl, in einem Atelier zu wirken, das mit dieser Geschichte verknüpft ist. Fast wie ein Hinweis.
Wie fühlte es sich in mir an, würde ich „arbeiten“ durch „wirken“ ersetzen? Schwing Dich auf, dann kommt auch Wind, flüstert eine Stimme in meinem Kopf. Klingt nach Sanssourir.

Ateliers sind Krisenräume. Wenn eine Stimme etwas anderes behauptet, muss sie künstlich hinzugefügt sein. Keine von meinen.

Alles, was von außen kommt, ist gut.
Alles, was von außen kommt, ist verfälscht.
Für das, was zählt, gibt es kein dictionnaire.
Aber die Mauern.
Dahinter zu sein.
Ich zweifle an mir wie am ersten Tag.
Es gibt einen interessanten Unterschied zwischen authentisch und ehrlich. Irgendwann werde ich ihn herausfinden. Man kann, und das ist wirklich eine große Erkenntnis für mich, nicht alles nachschlagen.

Inbrünstig die Hitze von beiden Seiten; am Tage ganz gewellt. Die Nächte hingegen legen sich wie Lappen übers Gemüt, drücken es flach, sehr sanft, wie ein zum Trost für den Geist ausgelegtes Tuch.
Wenn ich erwache, ist es immer schon hell.

Während wir in den Tag gleiten, sind wir noch alle beisammen, Farah, Sanssourir, Sha’ und ich, erst nach dem ersten Cafe au lait übernimmt eine von uns die Führung. Sha’ indes nicht, sie ist die einzig Abhängige, deswegen spreche ich nicht von ihr. Das verschafft ihr etwas Freiheit.

Er singt nicht mehr.
Etwas hat ihn gepackt, an den Tisch, die Staffelei geführt. Vielleicht liegt er auch auf dem alten, schwarzgrünen Linoleumboden, der sich durchs ganze batiment zieht: gebügeltes Wachs. Kann sein, er hechelt in der Hitze und vom Singen. Ich werde ihn nie kennen lernen. Ich lerne hier niemanden kennen, meide die Künstler im Haus, spreche nur mit Menschen auf der Straße. Berichte aus anderen Krisenräumen? Das fehlte mir noch. Doch eines Abends, gegen Ende hin, werde ich die Tür meines Ateliers öffnen. Ich werde sie mit einem Zettel versehen, auf dem steht:
Venez me voir.

Wer sich dann traut, ist mehr als willkommen. Bis zu diesem Tag indes vergehen noch welche: an denen das gellende Licht wie ein Bulldozer auf die Fassade knallt, durch die ältlichen Scheiben meiner langen Fensterfront, durch meine Poren und mein Fleisch bis ganz tief hinein. Endlich hell von innen. Die Organe sieden feucht vor sich hin.
Ha, eine Wiese, ein Meer! Was tu ich nur? Was ficht mich an, mir ein heißes Stück Metall auf den Schoß zu legen?

DZL-03 DER ZARTE LEIB

Zartleibigkeit wird vermißt,
auch intensive Zartlebigkeit.
Zärtlich gestrichene Haut,
die im Außenleben auflebt,
das sich zunehmend rotfleckig äußert,
als von selbst aufgebrochene Wundmale,

plötzliche Faltenvermehrung.
Schon wieder ein schärferer Blick auf Mädchen,
wie sie vor den Spiegeln hin- und hertanzen,
während sonst Spiegel tabu sind.
Dieses Leben im Ungefähren.

Das Wesen vernebelt sich von selbst.
Dieser erstaunliche Schwund an Wörtern:
als wäre man befreit,
wenn man Wörter verliert.
Diese Scheu, vom Wortverlust zu reden,

als wäre das Reden schon Verlust.
Als wäre Merktechnik eine Schande.
Als wäre die Überwältigung mit Namen
auch eine Namensverwaltungspflicht.
Man könnte jetzt sogar so weit kommen,

den eigenen Namen zu ändern,
um dem Namensauftrag der Eltern
endlich zu entgehn.
Der zarte Leib taucht nicht auf.
Die Lieben erscheinen nicht,
auch wenn sie schriftlich so tun,
als wäre ihr Witz schon Anwesenheit

(2013)

(veröffentlicht in: KOLIK Nr. 62)

Das Blut anderer Leute

Obwohl mir der Anblick von Blut zusetzte, arbeitete ich als Springer im OP. Es war der einzige Job im Marienkrankenhaus, wo man als Zivildienstleistender das Wochenende regelmäßig frei hatte. Ausserdem gab es hundertfünfzig Mark Zulage im Monat, weil dort kein Zivi eingesetzt werden wollte. Als ich mich probeweise für den Dienst im OP entschied, war die Stelle über ein Jahr nicht besetzt gewesen. Der letzte Zivi, der es versucht hatte, war nach einer halben Stunde Hals über Kopf geflohen, mit stumpfem Blick.

Dementsprechend skeptisch wurde ich von Stationsschwester Hildegard empfangen. Eine hochgewachsene nette Person, die unterm OP-Kittel Strickjacke trug und sachte nach Muskatnuss duftete, eine Prise, eine Messerspitze nur, die einem aber unmittelbar ins Rückenmark fuhr, sobald man sich in ihrer Nähe aufhielt.

“Ich hoffe, Sie können Blut sehen..?” fragte sie.

Ich war mir da nicht sicher. Normalerweise brachte mich schon ein Piekser in die Fingerkuppe (zur Bestimmung des Blutzuckergehalts) an den Rand des Nervenzusammenbruchs, aber ich hielt den ersten Tag durch. Die erste Woche. Einen Monat, zwei. Ich blieb bei der Stange, weil ich scharf aufs freie Wochenende war, das war das Riesenextra, das vor meiner Nase zappelte, das wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Also gewöhnte ich mich an den ganzen sterilen Kram und daran, den Herren Chirurgen während einer Operation noch die winzigste Schweißperle von der Stirn zu wischen, damit ihnen auch ja nichts ins Auge tropfte, was womöglich die ganze Hüft-OP versaut hätte.

Nach einem halben Jahr geregelter Fünf-Tage-Woche im OP hatte ich mich endlich an den Gestank aufgefräster Knochen und all den spritzenden Blutbrei gewöhnt. Blut ist ja kein Saft, das ist eine Mär. Blut ist ein sämiger, von weißlichen Fasern, Knötchen und Gewebefetzen durchtränkter zähflüssiger Brei, der jedes verdammte Abflussrohr verstopft. Blut stinkt metallisch und süßlich und unheilvoll mittelalterlich.

Wer täglich Umgang mit Blut pflegt, achtet die Schürze.

Diie Hände des Metzgers, Foto aus dem Versteck, 4

Manchmal, wenn es dicke kam, etwa bei Amputationen, wo das Blut nur so sprudelte und es im ganzen OP-Trakt so organisch roch wie im russischen Hundezwinger, suchte ich förmlich die Nähe von Stationsschwester Hildegard, nur um etwas von dieser herrlich leichten Muskatnote abzubekommen und dem ganzen runterziehenden OP-Gestank die Stirn zu bieten.

Eines war merkwürdig, und es blieb merkwürdig bis zum letzten Tag. Sobald ich Feierabend hatte und beim Fernsehen zufällig auf eine unblutige kleine Knie-Punktion im Gesundheitsmagazin Praxis (ZDF) stiess, schaute ich angeekelt weg. Schaltete um. Ich ertrug es nicht. Mir wurde flau im Magen. Es war widersinnig und nicht zu erklären.

Da hatte ich im OP Tag für Tag von Rippenspreizern brutal geöffnete Leiber so nah vor Augen, dass ich hineingreifen konnte in den blubbernden Organpark wie in eine Selbstbedienungstruhe, doch beim Anblick kleinerer Eingriffe im Fernsehen schiffte ich mir in die Hose und stand kurz vorm Kotzen.

Merkwürdige Sache. Keiner konnte es mir erklären. Aber ich erzählte es auch niemandem.

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Meine Hauptaufgabe als Springer bestand darin, von Saal zu Saal zu springen und das Licht über den Tischen einzustellen. Das hört sich einfacher an, als es ist.

Da nicht selten in allen drei Sälen gleichzeitig operiert wurde, war ich auch für alle drei großen OP-Leuchten gleichzeitig zuständig. Bei schwierigen Eingriffen musste das Licht ständig neu in Position gebracht, das Lichtfeld immer wieder nachjustiert und fokussiert werden.

Besonders zu Beginn meiner Zeit als Springer schaffte ich es oft nicht, die um die Lampe herumlaufende Reling so zu handhaben, dass das Licht auf den Punkt gebündelt am Tisch ankam, da, wo es hingehörte, mitten in die kaputte Hüftpfanne eines Patienten etwa, die von einem Implantat ersetzt werden musste. Das war zwar Routine für jedes orthopädisch geschulte OP-Team, dennoch blieb es Milimeterarbeit.

Mehr als ein Mal wetzte der Chef-Metzger ungeduldig das Besteck und konnte nicht fortfahren mit seiner hochbezahlten Arbeit, solange ich den Krisenherd nicht punktgenau ausleuchtete. Die versammelten OP-Schwestern beobachteten mich missmutig, während ich mit dem Halogenscheinwerfer im Clinch war und mich so ungeschickt anstellte, als würde ich beim Darts-Spielen ein ums andere Mal die anderthalb Meter entfernte Scheibe verfehlen.

“Herrgott – wird das heute noch mal was!?” ölte der Chef genervt in seinen Mundschutz.

Wenn die Atmosphäre sich entspannte, widmete ich mich den Augenpartien der Kollegen. Von Kopfhaube und Mundschutz größtenteils verdeckt, war von den Gesichtern kaum mehr zu erkennen. Die Beschränkung auf den Sehschlitz, auf den schmalen Ausschnitt machte noch den müdesten Blick spannend, und mehr als einmal verknallte ich mich während einer ereignislosen Meniskus-OP kurzfristig in den Augenaufschlag einer OP-Schwester, die gedankenverloren nach dem Knochenzement griff, obwohl der Chef ihn noch gar nicht angefordert hatte.

Und mir rummste es im Bauch.

 

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Igor war ein Anästhesist aus Bulgarien und groß wie ein Bär, er hatte Pranken, mit denen er jeden Tunnelbau allein hätte vorantreiben können. Er war eine Ein-Mann-Vortriebsmaschine. Als Anästhesist war sein Platz am Kopf des Patienten. Wenn es bei einer Operation hoch herging und das Blut gleich literweise abgesaugt wurde und in die Glasbehälter rauschte, machte er mir und den Schwestern oft Kniepäugelchen, einfach, um dem Moment die skandalöse Schwere zu nehmen, die Nähe zu Tod und Verderben.

Igor war okay.

Manchmal summte er “Es gibt kein Bier auf Hawaii” und sah unendlich traurig aus.

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Die Krönung der zwölf Monate im OP war natürlich mein letzter Tag als Kriegsdienstverweigerer. Nach einer aufwändigen Bein-Amputation, es war mir freigestellt worden zu assistieren, überreichte mir Schwester Hildegard das gerade abgetrennte, noch warme Raucherbein einer alten Frau, um es ins Krematorium zu bringen. Es war eingewickelt in pastellgrünes Krepp-Papier. Einen Moment war mir, als hätte ich zur Feier des Tages Lorbeer an Schwester Hildegard gerochen, und Rheumasalbe. Aber nur ein ganz klein bisschen, und auch nur einen kleinen Moment.

Ich trug das Bein vorsichtig über die Flure des Krankenhauses, als dürfe bloß nichts drankommen, und verschwand durch den Hinterausgang. Die Sonne schien auf den leeren Hof, mein Schritt hallte übers Kopfsteinpflaster. Ein Bild, das mich bis heute verfolgt, das mich nicht mehr loslässt.

Im Traum seh ich mich mit einem Bein, das niemanden mehr gehört, durch die Wüste irren. Niemand will es haben, ich weiss nicht wohin mit dem Bein, die Karawane ist längst weiter. Ich bin ein Menschenbeinhändler mit einem noch warmen Menschenbein in der Hand, das keiner haben mag. Ja ja, anderer Leuts Genitalbereich tät uns schon interessieren, sagen die Nomaden, aber wen interessiert anderer Leuts linkes Bein.

Wer mit einem Bein unterwegs ist, das niemandem mehr gehört, sieht die Welt anders. Es ist, als wäre Gott ein Witzemacher, und er hat daneben gehauen, niemand lacht.

Das Bein zitterte in meinen Händen.