Archiv der Kategorie: Ausgabe 02/2017

LUGMERTRUG. Ein Traumbild. „Es ist immer wahr, was mir keiner glaubt.“

„Mir träumte“, sage ich, „von einer Frau Lugmertrug.“ Pause. Lange Pause. „Und?“ fragst du. „Weiß nicht.“, sage ich. 

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Sagen wir: Sie lugte. Um die Ecken. So gut wie sie log. Beispielsweise. Wie ich log. Ich lüge immer gut, wenn es nicht drauf ankommt. „Es spinnt sich was z´ammen.“ „Sie glaubt´s selbst.“, sagt die Frau Mama. Was wahr ist. Es ist immer wahr, was mir keiner glaubt. Und nur das. Lugt um die Ecken. Er. Sie. Es. 
 
Was passiert, wenn eine um die Ecke lugt. Wie sich das Bild bildet, das verruckte. 90 Grad verdreht, wie der Kopf schief liegt. Der Mond auf halber Höhe. Könnte ihn auftippen lassen wie einen Ball. Und einlochen. –  Dabei scheint gar kein Mond. („Das war doch nur ein Beispiel.“ „Aus dem Romantik-Fundus.“ „Woher sonst?“)
 
Wir könnten ans Meer fahren. Lug. Meer. Trug. Ich ziehe einfach das „e“ in die Länge. Schon sitze ich in einem weißen Spitzenkleid mit hochgeschlossenem Kragen unter einem seidigen Sonnenschirmchen auf einer Bank am Meer. Das Wetter ist zugig, aber die Luft wird silbrig, mit bläulichem Schimmer. Das Meer unterm Himmel jadebusiggrün. Wie ein Smaragd, nein, ein Opal, wenn er um meinen Hals liegt als schimmerndes Oval, gefasst in mattes Gold. Weil ich edel bin, hilfreich und gut. Ein echtes Luxusweibchen. Immer am Meer. Reich mir den Arm, geleite mich zu meiner Kutsche, hilf mir hinein. Leg die Hand an die Hosenbeine, steif! Benimm dich!
 
Und trug es uns dahin. Wie ein Betrug. Rattert das fort. „Jeder Betrug zeugt einen Tod in meinem Herzen.“ (Ja, ja, ja. Wie du die pathetischen Wendungen hasst. Aber lass mich doch. Ein wenig trudig sein. Ein bisschen 19.Jahrhundert-Madam. Warum denn nicht?) Die Leute (also die andern) denken beim Betrug immer an Geschlechter+Liebesverhältnisse, Eheversprechen, so Zeugs, weißt schon? Wir nicht. Wir nicht. Dieser Schmerz, jemanden an seinen eigenen Maßstäben scheitern zu sehen. Oder geschätzte, mindestens („Minimum!“) geachtete Mitmenschen sich selbst entblödend beobachten zu müssen. Wenn sie unterhalb ihrer Möglichkeiten bleiben. Moralisch-ästhetisch gesehen. Bei Leuten ist es egal. Leute bleiben immer unter. Wir nicht. Bei uns ist es am schlimmsten. Der Trug. 
 
Wie ich dich niemals sehen wollte. Mich niemals sehen wollte. 
 
Danach ist alles anders. 
 
Und möglich.
 
Kein guter Anfang. Kein schlechtes Ende.
 
Danach ist Danach.
 
Lugmertrug.




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„Sahst du auch einmal, im Traume, meine ich, Herrn Lugmertrug? Aus dem Schatten treten? Dunkel?“ Pause. Lange Pause. Keine Antwort.

Utopie

Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systemversuche, also diesen östlichen eher feudalen als emanzipatorischen Ordnungen, wähnte man sich in einem postutopischen Zeitalter. Zeichen dafür waren z.B. die Ausfälle Joachim Fests gegen Ernst Bloch. Fests Generalthese war seinerzeit, dass utopisches Denken geradzu zwangsläufig zu autoritären Strukturen führe. Mit dem Neoliberalismus schien das Ende der Geschichte erreicht.

Parallel zum liberalen Utopieverzicht erstarkten allerdings religiose Fundamentalismen. Und ihnen hatten die westlichen Gesellschaften kaum etwas entgegenzusetzen, außer wirtschaftliche Erfolge. Allerdings kamen diese Erfolge auch in den westlichen Gesellschaften nicht allen zu Gute. Vielmehr differenzierten diese sich weiter aus, Armut wuchs gleichermaßen wie Reichtum.

Statt eines neoliberalen Paradieses wuchsen die Flüchtlingsströme.

Es wird also Zeit, sich auf unser utopisches Vermögen zu besinnen, das heißt Visionen zu entwickeln, die über das Bestehnde hinaus weisen.

In der Edition Nautilus erscheinen seit geraumer Zeit historische Utopien. Texte, die  in der Vergangenheit utopische Versuche formuliert haben. Aus diesen Versuchen können wir lernen, selbst über das Bestehende hinaus zu denken. Es scheint mir bitter nötig.

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Schlepsi

Du delirierst. Du schreibst: Jemand trinkt eine FLASCHE PEPSI. Du probierst: Jemand trinkt ein FLAPPES SCHLEPSI. Ja, Schlepsi könnte durchaus als Derivat von englisch «to schlep» / «schleppen» gesehen werden. Du googelst, um deine Ergebnisse wissenschaftlich zu überprüfen, und flapp, wieder einmal entdeckst du, dass das Netz einfach auf jede deiner Fragen eine Antwort hat: Der Firmensitz von Pepsi liegt, wie du erfährst, im lieblichen Purchase, zu Deutsch «Einkauf», wo sich 1990 auch APOLLO GLOBAL MANAGEMENTS angesiedelt hat. Niemand muss jetzt kapieren, dass du hier eben eine Anspielung auf den Gott der Dichtung platziert hast und diesen auf rotzige Weise mit dir selbst in Verbindung bringst. Das Netz versteht dich, zu 100 Prozent. Es kann jede deiner Regungen integrieren. Du loggst dich ein. Hallo, APOLLONIA. Es erscheinen die Aufrufe / Warnungen: ALL IN POOL oder OIL IN PO. Die Google-Suche nach dem Kunstwort «Schlepsi» spuckt eine Statistik-Rechenaufgabe aus, die Aufgabenstellung lautet folgendermaßen: Schlepsi hat mit ALUMINICorp einen Vertrag abgeschlossen, nach dem AluminiCorp spezielle Getränkedosen für eine Werbekampagne produzieren soll. 15 Prozent der Schlepsi-Dosen, die AluminiCorp herstellen wird, sollen mit der Aufschrift «You are a winner!» und mit einem Gewinncode bedruckt werden, mit dem der Gewinner online herausfinden kann, ob und was er gewonnen hat. Du sollst nun eine Zufallsstichprobe von 750 Dosen sammeln. Von diesen 750 Dosen sind 156 mit der Aufschrift und dem Gewinncode bedruckt. Konstruiere jetzt eine Menge usw.

Die Volksbühne Berlin ist nun tot und Tim Renner ist auch irgendwie tot – das passt doch zusammen!

Gut ein Vierteljahr vor dem 2. Juli 2017, am 16. März, als die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin noch ein lebendiger kultureller Ort war und noch nicht Beute der internationalen High Society, goss, so wurde mir an diesem Abend in der Kantine der Volksbühne taufrisch berichtet, ein bekannter Schauspieler des Hauses einem gewissen, im Sternfoyer der Volksbühne sich aufhaltenden Tim Renner (SPD) Bier über den Kopf, verbunden mit der unmissverständlichen Aussage, er solle sich gefälligst in der Volksbühne nie wieder blicken lassen! Wahrscheinlich lief dazu die Musik von Rammstein. Diese Tat wurde, wie ich feststellen konnte, in der Folge ganz allgemein begrüßt. Jemand sagte lachend in der Kantine, Bier sei durchaus als Schädlingsbekämpfungsmittel geeignet, ein anderer gab eine Anekdote zum Besten über den Kampf gegen Kakerlaken in der Unterbühne, vor allem in alten Bühnenprospekten seien sie zu finden, und dann machte er noch mit den Fingernägeln dieses Geräusch nach, wenn man die Viecher zerknackt. Galgenhumor, keine Frage, denn der Schaden war ja schon angerichtet, die Volksbühne als einst von Arbeitern gegründetes Theater, als Stadttheater, als Bühne für das Volk, als Theater mit einem Ensemble, als Repertoiretheater war bereits der Vernichtung preisgegeben, eine nicht unbedingt einsame, vielmehr mit allerlei Köpfen abgestimmte Entscheidung jenes bedauernswerten Tim Renner in seiner Zeit als Kultursenator. Da kannste machen nix! Oder jedenfalls nix helfen das. Ein Nazi im Amt des Kultursenators hätte das nicht besser hingekriegt, denke ich mal, das Ausschalten freier künstlerischer Arbeit, das Inbetriebsetzen eines Veranstaltungsortes zwecks politisch folgenloser Bespaßung eines Eventpublikums – Chapeau, Herr Renner. Nun gut, vielleicht hätte der Nazi keine belgische Marionette als Intendant eingesetzt, sondern eine deutsche, kann schon sein, aber sonst … Ihresgleichen jedenfalls, Herr Renner, die international agierende Kulturschickeria, jubiliert => (der Link führt direkt zu dem Aufruf dieser Leute zur Unterstützung des nächsten Intendanten, Chris Dercon, und natürlich ist das Original in englischer Sprache abgefasst, klar, schließlich geht es ja um die Abwicklung eines deutschsprachigen Stadttheaters). Übrigens gab es auch krasse Kommentare zum Bierguss, die den Renner nicht nur als Schädling und Theaterzerstörer betitelt haben wollten, sondern ihm auch noch alles mögliche an den Hals wünschten, nicht zuletzt eine spezielle Behandlung, die man ihm gerne angedeihen lassen wolle … und so weiter und so weiter, Sie wissen schon, packt man Renner und Dercon in einen Sack … Geschenkt! Irgendwann sagte dann jemand mit allergrößter Ruhe und Überzeugung, der Renner sei für ihn gestorben und liege sozusagen klaftertief unter der Erde, und damit war das Thema an diesem Abend durch, Volksbühne bald tot, Renner tot, das schöne Wort „klaftertief“ mal wieder vernommen, am Tresen noch ein paar Bier geholt und weitergemacht …

Auch hier zu finden unter dem Titel „Die Volksbühne Berlin – Ruhe in Unfrieden!“, mitsamt einer Diskussion in Kommentaren.

turm #1

stand ich oder saß ich an ihm, träumte
von dem turm, an schlafend halbem grund
und halber höhe, der ich ganze räumte
ein, auf dass das recken sei verschwund?

mir schien’s als wette auf den letzten schlag
des blitzes im gewitter oder röhren,
rock’n’rollend, wie der luft ich’s wag,
dies rohrgedommel auf mich einzuschwören.

ich stand nicht, und ich saß nicht, denn ich lag,
war schlaf, getaucht ins wehende, das licht.
die erste und die letzte nacht – ein tag

war ich und bin demselben sein verzicht.
von weither scheint’s und ist die sommernacht:
halb steht, halb sitzt sie oder träumt mich wach.

(170523)

30/17 – LINES


LINES / Texte zur Ausstellung / Im Gedächtnis sind wir Bäume // Wasser // Vielleicht sind wir ein Traum in Wirklichkeit wie eine Wolke formlos und flüchtig eine Bergspiegelung im See in der einen Hand in der anderen die Zeit und manchmal bleibt die Nacht aus in den Arven unter denen ich liege ein langes Leben lang mich mir anzunähern übe und ununterbrochen dir in die Arme zulaufe da wo du stehst komme ich nie an in den Hügeln reflektiert mich das Wasser in das ich eintauche als wäre es der Zwischenraum einer Vorsehung diesseitiger und jenseiteiger Welten die sich getrennt halten von der einen zur anderen Seite sich nun zuträumen durch Nacht und Tag eine Dämmerung erdenken die beide im Gleichgewicht zu halten sucht damit sie rund bleibt die Erde wie der Mond und die Sonne und vielleicht ist es doch der Wind der mir zuwinkt und lächelnd mit seinen Zweigen mir zuweht ich solle es lassen mich in diesem Übergang zu verweilen der so lange existiert wie ich bleibe und mich sehne in seinem Atem zu strömen und den See zu füllen der in ihm eingebettet vor dem Berg liegt der ein Dach ist und ein Zelt für Tiere und Pflanzen und ihrem träumenden Wissen.