Archiv der Kategorie: Ausgabe 03/2014

SCHREIBZIMMER

hier fuhr ich weg, nachdem die Putzfrau gekommen war,
ausnahmsweise an einem Sonntag, was mich im Vorhinein
schon mit einer gewissen Unruhe erfüllt hatte, auch Scham:
ich schäme mich tatsächlich fast immer ein wenig,

wenn sie in meiner Gegenwart putzt, auch wenn ich
ihr dabei nicht zusehe. Ich überlegte, ob ich nicht
schon vorher wegfahren sollte, fand das aber albern
und blieb, bis sie läutete. Sie läutet immer, um auf sich

aufmerksam zu machen, obwohl der Schlüssel in einem Gefäß
bei der Eingangstür liegt. Ich hörte, wie sie das Rad abstellte
und jemanden grüßte. Sie läutete, ich reagierte nicht. Erst
als sie schon im Bad stand, schob ich die angelehnte Tür

des Schlafzimmers auf und stellte mich vors offene Bad.
Sie trug bereits ihre gelben Arbeitshandschuhe, sprach
bedauernd darüber, dass sie noch immer keine eigene Unterkunft
gefunden hatte, allerdings auf eine Gemeindewohnung warte

und währenddessen alles Angebotene in Kauf nehmen würde.
Ich schlug ihr ein Essen in einem Lokal in der Nähe vor, aus Anlaß
ihrer Schtaasbiagschaf. Manchmal sagte sie auch Schtaasbüaga,
Schtaasbiaga oder nur Biagschaf. Oft halte ich sie von der Arbeit ab,

um mit ihr zu reden, schon wegen der neuen Wörter,
die von ihr zu lernen sind, ihrer ureigensten Grammatik.
Noch immer denke ich daran, mich mit ihr einmal zu treffen
und Sprachaufnahmen zu machen, wegen ihrer ständig

in Bewegung befindlichen Deutschsprachwortbildung.
Also genug Grund sich zu schämen, wenn sie Staub saugt,
Staub wischt, Fenster putzt, alles in der Küche und im Bad
Befindliche zur Reinigung in ihre behandschuhten Hände nimmt.

Gestern lud ich sie gleich auf einen Kaffee oder Tee ein.,
Und danach: Apfel oder Kuchen? Und wie so oft sagte sie: Schpäta,
noch Oawat. Ich sagte: Tschüß, nachdem sie erwähnt hatte,
dass auch ihre zweite Tochter die Biagaschaf anstrebt,

jetzt, nachdem sie von ihrem Mann, der ein Jahrzehnt –
rauchend und fernsehend – die Scheidung verhindert hat,
endlich weg ist. Im Auto war zuerst nicht klar, ob ich
zum Training oder gleich zum Schreibzimmer fahren sollte.

Ich übersah dort den Staub auf dem Fensterbrett, die staubigen
Gläser, die Flasche mit dem fast farblosen Cola, die Staubschlieren
auf den Scheiben, den Staub und die Flecken auf dem Boden.
Zuerst musste ich Zeitschriften und Bücher vom Bett entfernen.

Dann zog mich aus, legte eine Decke und zwei Pölster
auf die bloße Matratze. In der „Krone“ bekam ich prompt
14 Punkte für meine Selbstkontrolle, 12 für meine Neigung
zum Genießen, was mich höchst erstaunte, aber nur 8

fürs Sich-Gehen-Lassen. Außerdem las ich noch
einen der stets lehrreichen Artikel der Gerti Senger. Diesmal:
Wie schnell ein Mann kommen soll. Was es bewirkt,
wenn er zum schnellen Orgasmus aufgefordert wird.

Ich erinnerte mich an einige Frauen, bei denen ich ähnliches
erlebt hatte. Eigentlich nur kontraproduktive Erfahrungen:
zuerst das Ausdauertraining, so lange, bis es Spaß machte;
dann – und das war gewiss keine Wahl – ab und zu solche,

die entweder nach kurzer Zeit kamen – vielleicht das nur spielten –
oder auf längeren Sex überhaupt gar keinen Wert legten.
Dazu fiel mir gleich das Gegenbeispiel ein, eines, an das ich
bei solch flüchtigen Reminiszenzen immer denken muss:

Schriftstellerin, die DDR-Frau – damals für mich – in Person.
Sehr dünnhäutig, sehr labil, frauenpflegerisch, aufgebaut
von Volk und Welt, ihr Werk über fünf Jahre lang finanziert
und auf Lesbarkeit zurechtgestutzt. Wohnung beim Alexanderplatz,

Laube in Adlershof, weit draußen. Wie sie dort kochte, wie sie
Weniges viel erscheinen lassen konnte. Wie sie mich scherzend
durch den Osterwald zog, über stromführende Schienen.
Sie kam schon im Linzer Hotel, noch in der ersten Nacht,

mehrmals, auch für sie überraschend. Und die anderen Male,
in ihrer Plattenbauwohnung im ersten Stock, in ihrem kurzen,
viel zu harten Bett: sie hielt durch trotz ihrer oft eingetretenen
unerklärlichen Ohnmacht. Sie genoss es und trieb es voran.

Erstaunlich, dass sich jetzt grad das, was sich mehr in Briefen
als am realen Lebensort abspielte, gleich in den Mittelpunkt
gerückt hat. Erstaunlich, wie wenig Konkretes – Gerüche,
Gefühlsintensität, unwiederbringliche persönliche Details –

von Ehen, Seitensprüngen und Abenteuern verschiedenster Art
geblieben ist. Erstaunlich diese völlig unerwünschte Schrumpfung
auf eine Gefühlsminiatur, ein Konzentrat, in dem sich so vieles
mischt, zu dieser Gefühlseinheitsfarbe, Blaurotgrüngrau.

Bedenkenloses Vergessen durchzieht die Tage und wird beklagt,
zugleich auch mit einem gewissen Genuss gefördert. Ich schaue
nicht zurück, so die Prämisse. Ich schaue zurück, doch nur kurz,
um mich des Zurückschauens vorsorglich zu entledigen.

Im „Standard“ las ich über zwei Arten, Krieg zu führen –
jene der Briten und die der Amis. Die Amis töteten
Frauen und Kinder, um die Bewohner zu schocken
und so leichtere Durchfahrt zu haben; die Briten

schossen zuerst in die Luft, dann in den ersten Reifen,
in den zweiten usw., bis sich das Auto nicht mehr bewegte.
Nun der Bericht über die Neocons, die unter anderem hoffen,
dass sich der Irak vorbildhaft zur Demokratie entwickelt,

die sich danach wie eine hormonelle Kaskade auf die ganze Region
ergießt und so den Amis einen weiteren Krieg erspart.
Schließlich der Artikel über die mehr als 1000 Juden 1939
im Praterstadion, vor dem Abtransport noch wissenschaftlich

vermessen, und Winds of Life. Destinies of a Young Viennese Jew,
das Buch des einzigen Überlebenden. Schwierig, mich zu konzentrieren –
– zwar Sonntag, aber wie hätte ich vergessen können,
dass hinter der Mauer, an der die Anrichte der Tante steht,

ein Mann lebt, der Heavy Metal hört oder sich Pornovideos
reinzieht. Gestern hörte er Black Sabath, so laut, als wäre
zwischen ihm und mir nur eine dünne Mauer. Plötzlich
merkte ich den Kopfschmerz. Ich stand auf, ging zur Anrichte,

wo oben alte Kassetten lagen, aber auch Ordner, Schachteln
mit Briefen und Zeitungsausschnitten, und darauf Fotos,
die in Klarsichthüllen steckten, auch sie staubig, vielleicht
voller Bakterien – ohne dem Impuls nachzugeben,

sie vorher zu betrachten, um mich der Erinnerungsbilder
an Wanderungen durch Städte, Bergbesteigungen, Fernflüge
zu vergewissern. Ich wischte sie feucht ab, noch immer im Schwanken,
ob ich den Nachbarn von meiner Anwesenheit informieren sollte

oder das Schreibzimmer so schnell wie möglich verlassen.
Inzwischen hatte es drüben mehrmals geläutet, ohne dass sich
viel änderte: neue Band, raues Gebrüll mit Hall. Zwischendurch
auch weniger Aufdringliches, das sich aber nicht durchsetzte.

Plötzlich gabs eine Pause, und ich hörte zwei männliche
Stimmen, ohne zu verstehen, was sie sprachen. Sie standen
etwa einen oder eineinhalb Meter von der Mauer entfernt,
und schon das verzerrte ihren Dialog zur Unverständlichkeit.

Ich sah auf den Wecker auf dem Kasten der Großmutter:
die Zeiger waren ein paar Minuten vor 13 Uhr stehengebliebelieben,
an irgendeinem Tag, nicht in meiner vergesslichen Gegenwart.
Ich war noch immer bloßfüßig, der Staub auf dem Boden

gab mir den Impuls, daran zu denken, hier aufzuwischen,
auch die verschmierte Waschmuschel im winzigen
Vorzimmer zu reinigen, die Klobrille. Keine Ahnung,
wann ich dort das letzte Mal gesessen war. Ich rettete mich

mit dem Gedanken, dass ich ja jemanden einladen könnte,
um mich so zum Wischen, Staubsaugen und Putzen zu motivieren.
Einen Moment lang dachte ich an die Putzfrau: wie sehr ich mich
schämen würde, wenn sie sich hier vor meinen Augen

in dieser Enge bücken müsste. Wohin ich dann gehen sollte.
Wie ich ihr diese Verwahrlosung überhaupt erklären könnte.
Es war klar, nie würde ich ihr vom Schreibzimmer erzählen,
in keinem Zusammenhang. Währenddessen war die Musik völlig

verstummt, und die Stimmen waren ganz leise geworden. Die beiden
Männer – ich wusste nicht, in welchen ich mich versetzen sollte,
würde ich die Situation umkehren wollen –, hatten sich offenbar
ins Wohnzimmer oder in die Küche zum Essen zurückgezogen.

Ich wollte sie animieren, die Wohnung zu verlassen,
und zwar genau in dem Moment, wenn ich die Tür öffnete
und auf den Aufzugknopf drückte. Gewöhnlich
stand der Aufzug, wenn ich hinaustrat, nicht im letzten Stock,

sondern darunter, oft im Erdgeschoß oder im Keller. Also gab es
noch einen Spielraum, eine Chance für den Zufall,
die von mir vorgestellten Gesichtsfragmente zu korrigieren
und zu realen Gesichtern zusammenzufügen, fürs Protokoll.

Der Lift kam nicht. Ich schaute nach links, eine Schachtel
mit Abfall vor der Wohnungstür. Die ging nicht auf, ich läutete nicht,
stellte mir nur ein Auge vor, das mir knapp über dem Kopf folgte,
bis ich beim Eingang angekommen war, wie üblich im Laufschritt

(Sonntag, 18.05.2003, 15.30 Uhr)

(Erschienen in: Schreibzimmer, Edition Korrespondenzen, 2012)

novela corta #57

fahrnisbau kunstachse bienzgut kunst bern

der kobboi ist froh, dass bigshot und die bildermacher eine pause einlegen und er zwei freie tage hat um sich zu erholen. doch zu seiner überraschung freute er sich ja tatsächlich über all die menschen, die an ihm diese woche vorbei gingen und mit denen er ins gespräch kam. jede und jeder mit seiner welt und seiner geschichte.

und doch hat er sehnsucht nach der insel und nach katharina vasces.

Der Silberrücken

Wenn mir vor gar nicht so langer Zeit Leute begegneten, die um die Fünfzig waren, dachte ich immer, Junge, wie kann man so lange existieren ohne durchzudrehen. Mittlerweile weiß ich, es ist tatsächlich nicht so einfach. Jedenfalls, es ist kein Selbstläufer. Man muss sich schon ordentlich anstemmen gegen den Irrsinn.

Der Irrsinn macht sich ja nicht mal die Mühe, sich anzuschleichen. Er trumpft frontal von vorn auf (wenn man übers Mäuerchen der Geriatrie blickt), er kommt total link von links (mit all seinen schlaflosen Nächten), aber am ärgsten sind die Seitenhiebe der Vergangenheit. Diese melancholischen Knackgeräusche. Die machen einem wirklich zu schaffen.

Weil ich den Kopf voller Löckchen hatte, machten sich meine Schwester und meine Cousine einen Spaß daraus, mich zu verkleiden und zu schmücken, sie konnten nicht genug davon kriegen, wenn sie wieder mal auf mich aufpassen mussten. Sie profitierten von meiner fatalen Angewohnheit, still zu halten und alles mit mir geschehen zu lassen, sobald meine große Schwester in der Nähe war.

Sie nannten mich Goldmarie und trugen mir Lippenstift auf, sie behängten mich pfundweise mit Lametta vom Christbaum, sie kicherten albern. Ich hatte keine Chance. Ich war zwei Jahre alt. Ich war ein hilfloses Häufchen Locken in ihren Händen und mein Pimmel war noch nicht groß genug, um sie zu verscheuchen.

Sie schickten mich in immer seltsameren Anziehsachen auf den Catwalk, der durch den langen Flur führte. Einmal pappten sie mir einen ausrangierten Gipsarm ans Bein und ließen mich zu Downtown von Petula Clark den Flur entlang hoppeln, wie ein deppertes Häschen, das die eigenen Batterien leergesoffen hatte. Ich war jedes Mal heilfroh, wenn das Babysitten vorüber war.

Als Teenager hatte ich eine Matte, man konnte mich auf hundert Meter Entfernung von hinten erkennen, nur an der wilden Naturkrause. Ich war ein junger weißer Little Richard, ein Priester der Straße. Und heute?

“Herr Geheimrat! Wo ist dein Afro?!” entrüsten sich Leute, die mich länger nicht gesehen haben. Oder: “Och nö! Deine Frisur ist aber kurz geworden!” Als hätte ich meine XXL-Locken selbst gerodet, aus lauter Lust am Plattmachen. Aber es ist schon wahr. Aus der wallenden Little Richard-Mähne ist gemäßigter Wellengang geworden, es plätschert über den Schädel, und das ärgste: Geheimratsecken fressen sich voran wie Parkplätze in den Urwald. Ein unhaltbarer Zustand. Ich spiele mit dem Gedanken, mich aus Protest an die letzten verbliebenen Riesen zu ketten und zu Tode zu hungern.

“Also, ich finde das sexy”, sagt die Gräfin, als wir nebeneinander vorm Spiegel stehen. “Das sieht so verletzlich aus..”

“Sexy?! Du findest Geheimratsecken sexy?”

“Na.. sexy nicht wirklich. Aber verletzlich. Verletzlichkeit finde ich sexy. So herum ist richtig..”

Erst sexy, dann nicht wirklich sexy, oder doch nur mit Einschränkung sexy, also ich weiß nicht. Früher lagen die Dinge einfacher. Ich hatte ne schöne Matte und die Mädels liefen mir hinterher. Das war besser. Da war ich mein eigenes Naturvolk.

“Blödsinn, das sind doch gar keine richtigen Geheimratsecken. Die kommen erst noch..”, tröstet sie mich.

Na, toll! Weißt du noch früher? Da war ich mein..”

“..eigenes Naturvolk, ja, ja, ich weiß.”

*

“Der ist wie Elvis”, hat Karlos der Gräfin gesteckt, als die mich noch nicht so gut kannte.

“Wie Elvis? Was meinst du damit?”

“Na, wie der in die Kneipe reinkommt. Wie Elvis nach Las Vegas. Wie Harald Juhnke die Showtreppe runter”, gackerte Karlos.

Dabei war das mit Juhnke die Treppe runter nur an meinen schlechten Tagen. Und für den Elvis in mir, dafür kann ich nichts. Das ist der Stenz in mir. Der Silberrücken. Der liegt in der Familie.

Mein Onkel Fitting etwa. Wo er auftaucht, steht er im Mittelpunkt. Auch auf dem Fußballplatz. Als Mittelstürmer tat er früher nichts anderes, als neunzig Minuten lang in der Nähe des Elfmeterpunktes herumzulungern. Wenn die Pille dann kam, und irgendwann kam sie, machte er ZACK! die Hütte und liess sich feiern. Dass er neunundachtzig Minuten nur rumgestanden hatte, lauthals motzend, wo bleibt der Ball?! – geschenkt.

Oder mein Großonkel. Der saß noch im Altenheim während der Besuchszeit locker im Clubsessel und liess seinen Lümmel heraushängen.

“Jetzt packen Sie Ihr verfluchtes Ding da weg!” zischelte die Stationsschwester böse, wenn sie mit dem Vordruck der Pflegeversicherung über den Flur hastete.

“Kindchen”, antwortete mein Großonkel, “das kann man nicht einfach wegpacken. Das ist meine Fröhlichkeit.”

Noch im gesegneten Alter von 94 Jahren liess er in sein Gehwägelchen Leuchtdioden einbauen, damit die Puppen ihn besser sehen konnten, wenn die Dämmerung einsetzte, auf Station. Die Puppen, das waren drei Pflegerinnen aus Thailand. Mit denen war Großonkel so dicke, sie haben sich seine Pension jahrelang durch vier geteilt, bis die Stationsschwester dahinterkam und die Puppen rausschmiss.

Wie auch immer – wer solche Vorfahren hat, wächst in dem Glauben auf, automatisch Vorfahrt zu genießen im Leben. Aber ich will ehrlich sein. Es gibt auch andere Tage. Da hat mein Gang nichts von Elvis Presley.  Dann schleiche ich hinter den Marktständen herum, damit mich niemand sieht. Da gehts mir nicht gut.

“He, Stückchen Fleischwurst?!” fragte mich mal ein Markthändler an einem solchen Morgen, mit aller ihm zur Verfügung stehenden Abschätzigkeit. Er spürte einfach, wie schwach ich war an diesem Tag.

Ein Zaungast am eigenen zertrümmerten Leben.

Als ich wieder in Ordnung war, paar Tage später, bin ich mit Elvis-Schritt und gänzlich anderen Augen an seine Metzgerbude und orderte 250 Tonnen Bock-und Bratwurst für denselben Nachmittag, 15 Uhr, Graceland, Lieferanteneingang.

Mahlzeit, Arschloch.

die mich & daß deine

die mich …

die mich
und durchs
ganze haus
laufen, ohne
einer
vom lesen
ab-
und damit
einer menschen-
seele zu
begegnen
& zum leben
vergebens (indarno)
angehalten

ha……sen

 

daß deine …

daß meine
und dann auch
deine
also der pferde
speichel und
das dann
ineinander
glitschte
und wir uns
fragten ob
fliege, du
vielleicht nicht
doch
rauswillst

leis’ nur schwie’n
zunächst
die wasser

ihr “do do do
but I don’t swear”

das zuckerstück

 

shanghai

pic

india : 6.52 — Haruki, der in einer klei­nen euro­päi­schen Stadt zu Hause ist, erzählte eine Geschichte, die ich kaum glau­ben mochte. Schon sein Name schien selt­sam zu sein. Er habe, sagte er, manch­mal das Bedürf­nis, mit­ten in der Nacht zu tele­fo­nie­ren. Nicht weil er fürchte, ster­ben zu wol­len, son­dern weil er glück­lich sei, wenn er ein­fach loser­zäh­len könne, wenn ihm seine Worte von einem auf­merk­sa­men Ohr sozu­sa­gen aus dem Mund gezo­gen wür­den. Genau die­ses Bild eines Ohres habe er vor Augen, sobald er sich an wun­der­bare Gele­gen­hei­ten erin­nere, als er im Erzäh­len Geschich­ten ent­deckte, die ihm ohne diese Art des Spre­chens nie­mals ein­ge­fal­len wären. Lei­der würde ihm inmit­ten der Nacht längst nie­mand mehr zuhö­ren, Men­schen, die er per­sön­lich kenne, eil­ten nicht mehr ans Tele­fon, wenn er sich bei ihnen mel­dete. Er habe des­halb andere, wild­fremde Men­schen ange­ru­fen, die sich bei ihm beschwer­ten, weil schon tiefe Nacht gewor­den war, und über­haupt zu wis­sen wünsch­ten, um wen es sich bei ihm han­dele. Das war der Grund gewe­sen, wes­we­gen er vor weni­gen Wochen damit begon­nen habe, Ruf­num­mern in Über­see zu kon­tak­tie­ren. Es mel­de­ten sich Men­schen, die ihn in eng­li­scher, fran­zö­si­scher, chi­ne­si­scher oder spa­ni­scher Spra­che begrüß­ten. Sobald nun die Stimme eines Men­schen zu hören war, begann Haruki zu erzäh­len. Er for­mu­lierte in einer so hohen Geschwin­dig­keit, dass er sich selbst kaum noch ver­stand. Und weil Tele­fon­ge­sprä­che nach Über­see kost­spie­lig waren, hatte er auf sei­nem Tisch eine Arm­band­uhr abge­legt, um die Zeit zu mes­sen. 15 Minu­ten, län­ger durfte ein Gespräch mit Shang­hai nicht dau­ern. Manch­mal ver­nahm er Stim­men von der ande­ren Seite her, helle Stim­men, zit­ternde, wis­pernde Töne, wes­halb er das Tele­fon­ge­rät ein wenig von sei­nem Ohr ent­fernte, ohne indes­sen zu ver­stum­men. Nach 15 Minu­ten ver­ab­schie­dete er sich. Er sagte: Gute Nacht! — stop

“Partikel vom Grossgesichtigen Kind”: Esther Dischereits Anatomie institutioneller Gewalt. Eine Klanginstallation

| echt welt texte |

24 08 24 Dischereit

(Esther Dischereit; foto © Sabine Groschup)

 

Esther Dischereit: “Partikel vom Grossgesichtigen Kind
8-Kanal-Klang-Installation, kuratiert von Georg Weckwerth
TONSPUR für einen öffentlichen Raum 63 / 2014 (Wien, MuQua)

 

2014 08 24 Dischereit Wegwerth czz

(v.l.n.r.: Stefanie Hoster/Deutschlandradio, Esther Dischereit/Institut für Sprachkunst, Georg Weckwerth/Tonspur, czz; foto © Sabine Groschup)

 

Opening 24. 8. 2014, Einführung, Christiane Zintzen:

“Partikel vom Grossgesichtigen Kind”. Esther Dischereits Anatomie institutioneller Gewalt¹

(ein fünf-puncte-programm)

1. PSYCHIATRIE

Hand in Hand mit der aufdämmernden Moderne wurden die “Nachtseiten der Seele” entdeckt. Waren diese “Nachtseiten”, das “Abgründige” für die Literatur, für die Kunst, für die Geistesgeschichte äusserst produktiv und prägend, zog die psychiatrische Forschung rasch nach und trat einen enormen Höhenflug an, welcher bis in die Nachkriegszeit reichte.

Seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden in Deutschland, Österreich und dessen Kronländern unzählige psychiatrische Krankenhäuser gebaut.

Das ging bis in die Jahre nach 1918, wo die Ärzte auf Druck der Versicherungen Methoden suchten zur Unterscheidung von traumatisierten sog. “Kriegszitterern” und sog. “Simulanten”, die es angeblich lediglich auf die Prämien abgesehen hatten.

Dann trat im Besonderen die eugenische Forschung hervor, die in vielerlei Hinsicht den Boden bereitete für das berüchtigte NS-Programm “T4″ zur sog. “Euthanasie”, welcher Tausende von Patienten zum Opfer fielen. In der Wiener Anstalt “Am Steinhof”, die man nun neu nach dem Flurnamen “Am Spiegelgrund” benannte, waren dies im hohen Masse Kinder.

Ihre post mortem entnommenen Gehirne begründeten die steile Karriere der Hirnforschung. Noch in den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurden Präparate, die vom “Spiegelgrund” stammten, in einschlägigen Forschungslaboren entdeckt.

Wenn Esther Dichschereit als Schauplatz ihrer Text- und Sound-Installation das Gelände einer psychiatrischen Anstalt wählt, begibt sie sich also auf einen symbolisch wie historisch hoch prekären Boden.

Das titelgebende “Grossgesichtige Kind” ist allerdings keine Patientin dieser Klinik, sondern lebt in der – auch für den Wohnraum des Anstaltsleiters vorgesehenen – Verwaltungsvilla.

Wir erfahren über die Psychiatrie nur das, was dieses kleine Mädchen mit dem “Grossen Gesicht” im Areal der Anstalt beobachtet. In 19 kurzen, jäh aufleuchtenden Szenen gestaltet Esther Dischereit ein Panoptikum der kindlichen Wahrnehmungen. Ein Panoptikum freilich, welches eigentlich nur aus winzigen Mosaiksteinchen momentaner Beobachtungen besteht: das Verwaltungsgebäude (übrigens das einzige Haus ohne Gitter). Der Park. Die elterliche Wohnung.

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2. INDIZIEN

Und doch ist diesen erratischen, dem Kind meist unerklärlichen Beobachtungen eine eminente Menge von Indizien und Informationen eingeschrieben: Unverkennbare Anspielungen evozieren die von Otto Wagner geplante und ästhetisch durchformte Riesenanstalt “Am Steinhof”.

Aus Indizien hinsichtlich Kleidung, Haartracht, nicht zuletzt mit Hilfe von Zeichen des Zeitgeschichtlichen, können wir das Geschehen in den frühen 50er Jahren situieren. Mit der Diskretion des Indirekten gibt uns Dischereit auch zu verstehen, dass und welche Gewaltzusammenhänge diesen Ort beherrschen.

So zielt der Hinweis auf langgediente Ärzte – und ebensolches Personal – auf die nur ungenügend geahndeten “Euthanasie”-Verbrechen. Und auf die personelle Kontinuität über das Kriegsende hinweg und in der jungen Republik.

Mit dem wie nebenbei eingestreuten Namen Hans Globke wird diese Ahnung zur Sicherheit: Stellt doch der deutsche Verwaltungsjurist im NS-Reichs-Innenministerium (auf den u.a. die Konkretisierung des Nürnberger Gesetzes 1935 zurückgeht) ein Paradebeispiel dar für personelle Kontinuitäten im Deutschland der Adenauer-Zeit. Kontinuitäten, wie sie Wolfgang Koeppen in seine Romantrilogie “Tauben im Gras”, “Das Treibhaus” und “Der Tod in Rom” (1951-54) beklemmend kenntlich gemacht hat. Der Aufstand gegen die politisch-wirtschaftliche Macht dieser “Alten” wurde wiederum zum Gründungsmythos radikaler Gruppen wie der RAF.

Dischereits Evokation häuslicher Gewalt seitens des Familienvaters gegenüber seiner (jüdischen) Frau und (jüdischen) Tochter, räumt jeden Zweifel vollends hinweg: Die Psychiatrie – sei es “Am Steinhof” – sei es jede andere psychiatrische Einrichtung, ist Ort von zyklisch wiederkehrender Gewalt.

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3. VERWAHRT, VERKOMMEN, VERSEHRT

Es ist, als wäre es diese “totale Institution” (Erwing Goffman), welche den Wiederholungszwang von Gewalt regelrecht produziert (was, cum grano salis, auch andere Institutionen gilt: Kasernen, Internate, Klöster, Kliniken):

Als wäre der Topos der Psychiatrie mit ihren oft wenig zarten “Heilmethoden” nicht bereits hinreichend belastet, legen sich, Schicht um Schicht, Zeit um Zeit, neue Formen von Gewalt über die Szene. Die Spuren graben sich in Menschen ein, nicht aber in die Architektur.

– Als sei der Notstand während des Ersten Weltkriegs, da Dutzende von Patienten in der menschenunwürdig doppelbelegten Anstalt (8.000 statt 4.000 Patienten) an – Auszehrung zugrunde gingen, nicht genug.
– Als hätte das Syndrom der “Euthanasie” während der Zweiten Weltkriegs das Mass an Gewalt nicht schon vollgemacht.
– Als hätten die brutalen Umstände der völligen Entrechtung von Patienten nicht weit bis in die 70er Jahre gereicht.
– Als wären nicht bis in die 2000er Jahre Menschen infolge paradoxer Medikation einen fragwürdigen Tod gestorben.
– Als hätten – ebenfalls noch über die Jahrtausendwende hinaus – im Innern der Pavillons nicht katastrophale Zustände geherrscht. (Was für die – durch Thomas Bernhard nobilitierte – Pulmologie im westseitigen Teil des Areals übrigens gleichermassen gilt.)

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4. LEITMOTIV

Esther Dichereit hat ein sensibles Gespür für solche Gewaltzusammenhänge. Sie hat den Text für die Klang-Installation “Partikel vom Grossgesichtigen Kind” dicht mit szenischen Indizien durchwirkt: Zerbrochenes Glas. Ein einzelner Schuh. Die alles Lebendige schluckende Architektur.

Der musikalische Sound dieser Installation parallelisiert Esther Dischereits leitmotivisches System. Da sind: Die in den Korridoren klatschend hallenden Schritte des “Grossgesichtigen Kindes“. Stets rennend, stets laufend, stets springend, orchestrieren diese Schritte immer wieder neu den Wunsch nach Flucht. Da sind: Die elektronisch verfremdeten und verzerrten Klänge, die der Komponist Frank Wingold auf Basis einer Gitarre entwickelt hat.

Diese Sounds durchlaufen verschiedene Metamorphosen: Da ist ein metallisches Lauten wie dasjenige eines präparierten Klaviers. Da ist der trügerische Frieden der “cleanen”, fast wie Holzblasinstrumente klingenden, Melodiebögen. Da ist der krachende Klang von Hardrock oder Punk, rau und in Obertöne zersplitternd.

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5. PLEIN AIR

Auffallend ist: Hörinstallationen wie Esther Dischereits akustisches Shoa-Denkmal in Dülmen (seit 2008) oder die Installation, die wir hier antreffen, befinden sich in einem öffentlichen Raum. Und sozusagen unter freiem Himmel.

Damit wird – anders als in institutionellen und für die Sound-Darbietung optimierten Räumen – kein geringes Mass an Stör-Signalen in Kauf genommen. Verkehr. Menschen. Witterung.

In diesem Preisgeben der Audio-Installation an den Öffentlichen Raum leistet Esther Dischereit einen zwiefachen Verzicht:

1. verzichtet sie auf die wiederholte Gruppierung eines tendenziell “idealen”, fachlich und sachlich versierten Publikums. Womit sie
2. auch die Steuerung langfristiger Rezeption aus der Hand gibt.

Was Sie nun hören, ist also keine Preziose, eingeschweisst in ein ästhetisches Vakuum.
Vielleicht sollten wir dieses dezidiert non-museale Wagnis gerade hier, mitten im Wiener Museumsquartier, ganz besonders deutlich wahrnehmen und wertschätzen.

Hören Sie nun: “Partikel aus dem “Grossgesichtigen Kind’“. Hören Sie: 19 abgezirkelte Szenen (und drei Refrains). Hören Sie: ein Extrakt aus einem grösseren poetischen Projekt. Hören Sie: Die Verwandlung von Prosa in eine Klanginstallation.

Hören Sie: Die Komposition von Frank Wingold. Hören Sie: Stefanie Hosters Regie. Hören Sie: Esther Dischereit und Markus Meyer als Sprecher. Hören Sie: “Das Grossgesichtige Kind” in den verlorenen Korridoren der Psychiatrie.

Hören Sie.
Hören Sie zu.

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TONSPUR 63 Esther Dischereit 1

¹Esther Dischereits Buch “Das grossgesichtige Kind” erscheint November 2014 (mit Beiheft zur Klanginstallation) im Birkhäuser-Verlag, Basel

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Links:

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Fernsehbilder aus Aleppo (10. Juni 2013)

Ihr ererbter Name, Michail Timofejewitsch,
gilt in tausend Sprachen gleichviel
wie die Wörter Aufstand und Unterdrückung,
er lässt die Augen junger Männer glänzen
und die Augen jener, die in einer Nacht
zu Greisen wurden, vor Schreck sich weiten.
Der radikalisierte Koranschüler in Pakistan
spricht ihn aus und der Kindersoldat im Kongo,
der Bodyguard des syrischen Präsidenten
und der kolumbianische Drogenbaron.

Früher, Michail Timofejewitsch,
war von der Braut des Soldaten die Rede,
heute hat der Rebell oder der Scherge des Diktators
eine Hure in Händen, die es von beiden Seiten
mit sich machen lässt, eine geliebte Hure,
die in Augenblicken namenloser Angst
an die Brust gedrückt wird, nacktes Eisen
an einem nackten Herzen.
Michail Timofejewitsch, erkannten Sie sich irgendwann
als jener Lude, der dem Sensenmann
das Sichelmagazin erfand?

Die Brust mit Orden beklimpert,
schelten Sie die Händler, schelten Sie die Politik
und scheinen dennoch stolz auf Ihr Werk,
stolz auf Ihren Namen, den schon Ihr Vater trug,
ein Bauer, ein einfacher Mann,
den kaum jemand kannte.

Stevens und Mühsam

ergeben eine merkwürdige, aber interessante Parallellektüre. Und weil ich kein Wissenschaftler bin, kann ich ja die verschiedensten Substanzen mischen, und mich dann am Farbenspiel freuen. Und gerade landeten halt diese Beiden Bücher: Stevens: Teile einer Welt (Jung und Jung) und Mühsam: Das seid ihr Hunde wert! auf meinem Schreibtisch. (Der ieigentlich kein Schreibtisch ist, sondern ein umfunktioniertes Hifi-Regal auf Rollen.)

Stevens ist ein Jahr jünger als der 1878 geborene Mühsam, literarisch verbindet sie wenig. Der Amerikaner scheit uns formal näher als der Deutsche, zumindest was die Lyrik betrifft. Vielleicht entsteht diese Wirkung daraus, dass die Tradition (auch die des Bänkelsangs) durch den Faschismus gründlich ausgerottet wurde, und die Tradition Sevens in Amerika kaum bedroht gewesen ist. Was die Lyrik betrifft, ist mir Mühsam also seltsam fremd, vor allem in seiner zuweilen starken Direktheit. Und seltsam fremd ist mir auch sein großes vertrauen auf den Endreim (wofür ich ihn letztlich auch beneide.) Ich muss mich an ihn herantasten. Vollkommen anders sieht es bei seiner Prosa aus. Hier finde ich Formulierungen, die mir näher nicht sein können. Schon der erste Text im gerade erschienen Mühsamlesebuch ist mir auf eine ebenso seltsame Art vertraut. Als träten hier lange verschüttete kulturelle Ablagerungen zu Tage.

DANKE Hans, DANKE Sylvia, DANKE Fische. Aber but : NO NO HOLIday

This forest was like a zoo.
Hier trafen sich Hasen, die sich mit Füchsen trafen
und zuletzt Bären, die Schneeraupen fickten.
Wir wollten die Winterstarre erforschen
und wurden dabei unendlich müde.
Schlafmangel folgte Wassermangel.
Wir bauten Höhlen aus Federn und Laub
und sagten: House / Haus.

Gegen Mitternacht gingen alle in Torpor.
Wenn Feinde kamen,
wurden Fragmente von uns geweckt.
Unsere Nacktheit war unsere beste Waffe,
sie schlug einfach jeden Troll in die Flucht.
Zum Frühstück gab es Kuchen aus Klee,
Saft aus der Rinde des Ahorns, but
no condoms.