Archiv der Kategorie: Ausgabe 03/2014

Der doppelt verdoppelte Popowicz (Romanauszug/Entwurf)

Erregt betritt Dessoir eine Gastwirtschaft. Einige kleine Angestellte in schlechten Anzügen, quarzend und trinkend. Oder Arbeitslose. Niemand sieht zu ihm hin, einer mit einem Musterkoffer auf dem Schoß, übergroß, wer weiß, was da drin ist, Schuhe, Stoffe, Messer? Pistolen? Die Luft zum Schneiden, Tabakrauch, Kohlsuppe, schlecht ziehender Ofen, Schweiß, aber Dessoir konnte einfach noch nicht nach Hause, das war ihm klar, erst noch war über Popowicz nachzudenken. Ihn ausmerzen, wieder, aus dem Hirn! Der tischhohe Tresen im Dämmerlicht, kupfern, fleckig.

„Was darf’s denn …?“

„Ein Bier und einen Schnaps, bitte.“

„Ein Herrengedeck, jawoll, kommt sofort, der Herr“, murmelt der Wirt, ein kleiner, glattrasierter Dicker mit flachsblonden Haaren wie Bindfäden so dick, legt seine halbgerauchte Zigarre auf den Rand des Gläserbords und macht sich ans Zapfen. Dabei sieht er zwei, drei Mal aus seinen kleinen Äuglein prüfend zu dem seltsamen Gast hinüber, so eener kommt hier sonst nich rin, der sich an einen Zweiertisch setzt und nun ins Leere starrt. Susanne würde sofort riechen, wo er gewesen war, sie würde ahnen, ach was, wissen, daß er sich Sorgen um etwas machte, Liebe mag blind machen, die Ehe aber hellsichtig, doch bloß nichts sagen, wiederholte er, wiederholte sich in ihm der Gedanke von vorhin, bloß nichts über Popowicz sagen! Irgendetwas anderes sagen, Ärgerliches, du Prels neues Buch vielleicht, ja. Oder diese Angelegenheit mit De Selby, den er zu einer Konferenz nach Berlin einladen wollte, damit er über das Phänomen der zeitlosen Seelenhaftigkeit einen Vortrag halten könne, wofür die Fakultät die Kosten nicht übernehmen wollte, weil sie die Wissenschaftlichkeit von De Selbys Forschungen in Dublin bezweifelten. Wahrscheinlich, weil De Selby ein akademischer Titel einer europäischen Universität fehlte! Diese Ignoranten! Notfalls würde er die Kosten selbst übernehmen. Er überlegte, während er seinen Blick schweifen ließ, wirklich eine üble Kaschemme, in die er da geraten war, oder nein, fiel ihm da plötzlich ein, der Ärger mit diesem Scharlatan, das werde ich Susanne sagen, das ist glaubwürdig und stimmt zudem, mit diesem Menschenfänger, diesem Rudolf Steiner, ein schmutziger Mensch, der nichts als Unsinn erzählt und dem das Handwerk gelegt werden sollte! Der Wirt brachte das Bier und den Schnaps.

„Wohl bekomms.“

Dessoir nickte dem Wirt knapp zu und kippte den Schnaps hinter. Schluck Bier zum Nachspülen. Sonst seine Sache nicht. Der Mann mit dem Musterkoffer setzte sich seinen Hut auf, ging aber nur aufs Klo, wie es schien. Der Koffer auf dem Stuhl. Hat wohl doch mehr Angst, der Hut ginge ihm flöten als sein Koffer, dachte Dessoir, tja, und dann steht ihm plötzlich wieder so eine Schlagzeile vor Augen, „Dessoir-Affäre, neueste Enthüllungen“, die Angst damals, die Hilflosigkeit, der Skandal, die Affäre, die es nicht hat geben dürfen und die es dann auch nicht gab, Gottlob! Wenn auch der Preis, das zu verhindern, ungeheuerlich war, er nahm noch einen tiefen Schluck Bier, kalt, malzig, sämig, selbst wenn Popowicz ihm nichts weiter abverlangt hatte als Stillschweigen und Duldung, das tägliche, abendliche Schauspiel von Normalität, in seinem eigenen Haus! Susanne und Popowicz! Demütigung, Betrug, jeder hatte jeden betrogen, auf unterschiedlichste Art und Weise, jeder spielte Theater, damals! Vor dem großen Kriege. Ein Fußweg nur zur nächsten Zeitungsredaktion, ein kurzes Aushandeln der Konditionen, Popowicz mit dicker Brieftasche, Weiteres in Aussicht gestellt, kommt per Post nach Anweisung des Geldes, bin ja nicht doof, würde sich Popowicz gedacht haben, Koffer gepackt, eine Zugfahrkarte, gleich wohin, Paris wäre ihm zuzutrauen gewesen, dem Kerl, Name dann geändert, Leben neu. Wäre aber aus gewesen, mit meinem Leben wäre es aus gewesen. Und dem Lehrstuhl für Psychologie, schlagartig. In der Hand, ich, des Popowicz, Geheimnisverrat, Sie, Sie sind doch verantwortlich für Ihre Mitarbeiter, deren Auswahl, fahrlässiges Handeln, was stellen Sie den Kerl denn ein, unentschuldbar, das! Popowicz, Witold Firmian, in Abwesenheit drei Jahre, Dessoir, Max, anwesend, Entzug der Lehrerlaubnis, acht Jahre Zuchthaus.

Der Mann kommt zurück vom Klo und nimmt seinen Musterkoffer wieder auf den Schoß. Ein Schoßmusterkoffer. Was da wohl drin sein mag, vielleicht wirklich mal fragen, Pistolen für den letzten Schuß, wir lassen Sie mal allein, Herr Professor, eine Sache der Ehre, kein weiteres Wort notwendig, Schreckensszenario, tiefster Höllenkreis, und wie sollte ich, ein Mann der Wissenschaft, das überstehen, die Frau des berühmten Herrn Professors Dessoir sinkt in sich zusammen, Unruhe, der Richter droht, den Saal räumen zu lassen, im Namen seiner Majestät, Riechsalz, ist ein Arzt anwesend, der Angeklagte unbeweglich, starr, innerlich gebrochen, mit flackernden Pupillen, wie ein Irrsinniger, Extrablatt, Extrablatt, lesen Sie alles zur Dessoir-Affäre … Oder nein! Wo denke ich hin, denkt er, trinkt das Bier aus, des Wirtes Blick, geübt in tausend Schlachten, trifft den seinen, passgenau, nicht zu früh, nicht zu spät, Dessoir nickt, Susanne wäre doch nie in Ohnmacht gefallen, nein, sie wäre nicht zusammengesunken, und da kam auch schon das Gedeck, Bier war sicher schon gezapft gewesen, „bittschön, der Herr“, mit Popowicz geflohen wäre sie, nach Paris, Rom, Wien, in Wien hatte sie, als junge Sängerin, noch unbekannt, paar Konzerte gegeben, hatte sie gleich bei ihrem ersten Treffen erzählt, oder nach Übersee, New York, San Francisco, Buenos Aires, hatte Popowicz nicht einmal davon gesprochen, in Übersee Verwandte zu haben, ja, beide fort, ich hätte allein vor Gericht gestanden, Geheimnisverrat, Verleumdung, der Kaiser selbst betroffen, in Schimpf und Schande davongejagt, Schierlingsbecher oder Flucht, Carl du Prel hätte den Lehrstuhl übernommen und alles ruiniert mit seiner, seinem …, Auflösung des Haushalts, Scheidung der Ehe, immense Anwaltskosten, Ruin, doch wäre ich nicht selbst, er kippte den Schnaps hinter, dachte er, besser zeitig geflohen, in London wäre ich doch sicher willkommen gewesen, 1913, was ging die der königkaiserliche, kaiserkönigliche Hof an, da lachten die sich doch drüber kaputt, eine deutsche Flotte, lächerlich, doch dann der Krieg, Internierung aller Deutschen im Vereinigten Königreich, hätten mich die Kollegen schützen können, Ellman oder Woolf, Spekulation, ihm drehte sich schon alles, rauchende, grinsende Gestalten starrten zu ihm hin, Fratzen, ein noch junges Mädchen in gewagt kurzem Rock bringt ihm einen weiteren Schnaps und knickst lächelnd, „geht aufs Haus“, lispelt sie, am Fenstertisch gegenüber sitzen zwei und stecken die Köpfe zusammen, „ist noch Sauerkraut da mit Wurst“ sagt das Mädchen und knickst und lächelt wieder, Dessoir nickt, nimmt einen Schluck Bier, die beiden Männer gegenüber grüßen ihn mit schräggelegten Köpfen, warum tun sie das, einer nach rechts, einer nach links, voneinander weg nach außen, dann fallen die Köpfe nach innen gegeneinander, dong, prallen auseinander und über die Schulter zu Boden in die Sägespäne hinein, kullern zu ihm, „Prost, Max“, sagen beide unisono, „prost, alter Haudegen, wohl bekomms“, so von unter herauf sagen sie das, „wie geht’s denn deiner Frau, immer noch auf jeder Gesellschaft die Schönste und Rassigste?“, Schnaps geht aufs Haus, hinterkippen, nochn Bier, nochn Bier,  nochn Schnaps, „Sauerkraut mit leckerer Wurst, bitte schön“, Knicks, Lächeln, „guten Appetit“, Beine bis zum Po, lecker, lecker, Kartoffelbrei mit Zwiebeln, das Kraut, die Wurst, er hatte nicht gewußt, wie hungrig er gewesen war, Schnaps, Bier, die Kleine wieder zurück, legt ihre Hand auf seinen Unterarm, „heiße Milli“, Wimperschlag, das geht ihm durch und durch, „laß den Herrn in Ruhe essen, Kleene“, der Wirt ruft quer durch die dicke Luft, pfeift, „in die Küche, wo du hingehörst“, die Herren gegenüber, jetzt wieder mit Kopf, wünschen guten Appetit, er dankt nickend, und dann, schlagartig, die Wurst rein in den Mund und zwischen die Zähne, Haut platzt auf, eigener Darm, das Kraut, der Kartoffelbrei, ein Zusammenreißen, Anspannung aller Kräfte, Essen und Trinken, Leib und Seele, Arsch und Titten, und dann, ja, ist Max Dessoir, Professor an der Friedrich-Wilhelms-Universität, erster Inhaber des Lehrstuhls für Psychologie und als solcher bekannt und in Fachkreisen weithin akzeptiert, ja bewundert, plötzlich wieder klar, der Wirt döst am Tresen, alles schweigt, er ißt, kaut und schluckt, trinkt sein Bier, den Schnaps hinter, winkt dann dem Wirt mit Zeige- und Mittelfinger, komm mal her, mein Gutester, zahlt, dicker Packen Scheine, Inflation, Trinkgeld, steht auf, geht zur Türe, der Musterkoffermann blickt kurz auf, „beehren Sie uns ba“, knarrrz-bumm, die Tür fällt hinter ihm ins Schloß, schwabbert kurz nach und hängt dann wieder stille in ihren alten Scharnieren.
(…)

Galatea

Die betuchteren Gebiete der Fantasie. Tatsächlich bekommt das alles etwas sehr Unwirkliches, verglichen mit der Realität. Sitzt man im Garten als Texter und begegnet den Textverwaltern, den anderen Redakteuren. Mein Gesang wirkt schief, undeutlich, im Grunde auch lächerlich (ich hüpfe in ein anderes Leben, ich kann nur noch extrem). In der Nacht hatte ich eine Gitarre auf dem Rücken, und sang mit Stöpseln im Ohr einen Lemonheads-Hit mit; ein junger Mann überholte mich und wollte mich gleich für einen Auftritt engagieren, ich gab ihm meine Nummer. Into your arms, oho. Man muss sich auf etwas einlassen, sagte mir dann jemand anderes am Telefon, dann macht man auch keinen Fehler. Ja, sagte ich erstaunt. Ja.

„Die Einnahme von Lüttich“ ist auch ein guter Titel.

Spielfilmhandlung (Kreuzersonate): Mann begehrt kaltherzige Frau, macht ihr einen Heiratsantrag, dem sie überraschend einwilligt. Frau bleibt nach der Hochzeit aber so kalt wie zuvor. Er beginnt, andere Männer zu vermuten, ihr nachzustellen, manisch eifersüchtig zu werden.

Bessere, aktuellere Handlung: Nach der Hochzeit stellt der Mann fest, dass er sich getäuscht hat. Sie ist nicht die Richtige. Er stellt eine Kaltherzigkeit an sich fest, die ihn überrascht und mehr als nachdenklich stimmt. Fortan sucht er sie zu vermeiden oder blickt sie nur mehr traurig an; was wiederum nach und nach ihre Leidenschaft weckt. Entfacht. Entflammt (sic!). Jetzt ist sie es, die ihn zu gewinnen sucht, ihm gefällig wird, sich um ihn bemüht. Vergebliche Liebesmüh. Bald beginnt sie, ihn zu verdächtigen, ihm nachzustellen, rasend eifersüchtig zu werden.

Auftakt einer Paranoia-Reihe.

Gegen Mittag verließ sie das Hotel. Es schien sie niemand zu verfolgen. Die Menschen verfolgten andere, eigene Ziele. Der Himmel gab sich gescheckt. Die Sonne schien minutenlang auf den glänzenden Asphalt und verschwand wieder. Tauben hingen in der Luft wie Marionetten. Ein Mann mit Kinderwagen ließ sich Feuer geben. Die Bewohner des anliegenden Viertels standen vor ihren Häusern und warteten. Kioskbesitzer und ihre Söhne, Getränkelieferanten und Taxifahrer, Imbissbudenbetreiber und ihre Angestellten, Tagelöhner, Säufer, gewöhnliche Arbeitslose. Worauf sie alle warteten, wurde nicht klar. Sie hatten mit ihren Leben abgeschlossen, schien es, und lebten jetzt auf den Tod hin. Franziska bog um die Ecke.

Dann eine Erinnerung, ein Stechen, ein unwillkürliches Gefühl. Hier in der Nähe hatte sie einmal gearbeitet. Vor siebeneinhalb Jahren. In einer kleinen Idylle voller Topfpflanzen und Arbeit, die ihr nichts bedeutete. Schattiges Dasitzen unter launigen Chefs und rauchenden Kollegen in einer umgestalteten Altbauwohnung. Sie schaute das Haus hinauf, das Haus trug Markierungen, ein Panikschub kündigte sich an. Sie wandte sich ab und lief in die andere Richtung.

Ein Junge stellte sich ihr in den Weg. Weißes T-Shirt mit Aufdruck, irgendeine Frisur. »Haben Sie eben einen Punker gesehen?«
»Nein, tut mir leid.«

Parkhausfluchtwege. Nichts geht ohne Vermittlung. Wieder musste sie an ihn denken, nicht an Gregor, sondern an ihn, aber sie wollte ihm partout keinen Namen geben, sie wollte nicht an ihn wie an einen Mann mit Namen denken, allerhöchstens dachte sie sich einen falschen Namen dazu, einen Namen, der gar nicht zu ihm passte, einen lächerlichen Namen wie Gregorij. Das rare Gefühl, das flüchtige Gefühl von Verwirrung ob der Existenz einer anderen Person, natürlich fast ausschließlich eines anderen Geschlechts.

»Zeigen Sie mir Ihre Brüste?«
»Nein, auch das nicht.«

Sie hatte ihm einen Brief schicken wollen, na ja, man schrieb bereits das Jahr 2014, also eine Mail. Die Zukunft hatte keine schwebenden Autos gebracht, nur schwebende Verfahren, und Post, die elektronisch vermittelt wurde. Sie hatte fragen wollen, ob er nie dieses Gefühl vermisst habe, das er doch mit ihr gehabt habe. Ob es in späteren Zeitläuften tatsächlich um sie gegangen wäre. Statt um das Gefühl. Ob man nicht viel mehr ein Gefühl vermisst, und dann in der Welt herumsucht nach jemanden, der einer noch einmal, nur noch einmal dieses Gefühl vermitteln konnte. I searched the whole wide world just to find it: you can’t beat this feeling. Don’t fight it, feel it.