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Das Lesezeichen 01/2015 ist da!

Die Lesezeichen-Ausgabe 01/2015 erschien am 13. April 2015.

In dieser Ausgabe:
Saubere Unterwerke und disziplinlose Kobbois, Win-Win-Situationen, Pablo Picasso und Henry Bean, die Wohnzimmer unserer Eltern, fehlende Hühner sozialistisch-protestantischer Herkunft und Chinesische Wollhandkrabben, schüchterne Verse und blaue Elephanten, eine Anpassung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen, Kurt Neumann und die Idee der Beginnlosigkeit, Garrincha und die Bohnenstangen-Sabine, die ankernde Endlichkeit des Johannes, ein Pinsel in der Badewanne, Exit-Strategien und die Pulmologie uvm.

ZUM INHALT …

Inhalt 01/2015

Die Lesezeichen-Ausgabe 01/2015 erschien am 13. April 2015.

In dieser Ausgabe:

Saubere Unterwerke und disziplinlose Kobbois, Win-Win-Situationen, Pablo Picasso und Henry Bean, die Wohnzimmer unserer Eltern, fehlende Hühner sozialistisch-protestantischer Herkunft und Chinesische Wollhandkrabben, schüchterne Verse und blaue Elephanten, eine Anpassung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen, Kurt Neumann und die Idee der Beginnlosigkeit, Garrincha und die Bohnenstangen-Sabine, die ankernde Endlichkeit des Johannes, ein Pinsel in der Badewanne, Exit-Strategien und die Pulmologie …. uvm.

INHALT:

Thomas Mann in einem Brief an seine Waschfrau

Sehr verehrte Frau Schleusenberg,

Sie haben mir eine Ehre erwiesen mit der Übersendung meiner sauberen Wäsche und haben mir eine höchst angeregte Stunde damit bereitet. Mein inneres Verhalten dazu wechselte zwischen der beifälligsten Zustimmung und einer gewissen Bestürzung über einen oft etwas gewalttätigen Einatz von Scheuermitteln, und zwar sowohl bei der einzelnen Unterhose wie auch in der Gesamthaltung, die ja ohne Zweifel ein wenig ins Pedantische fällt. Verzeihen Sie diesen Ausdruck, der sachlich natürlich durchaus nicht am Platze ist, aber was ich meine, ist ein gewisser Wille zur peniblen Genauigkeit, der in meinen Augen ein wenig krank anmutet. Sauber muss nicht ins Fascistische abgleiten, und darum muss ich Sie künftig der Dienste, die Sie meinen Unterhosen leisteten, entbinden. Sauber soll mein Unterwerk, bezeichnen wir es so, schon sein, nicht aber von allen Spuren menschlicher Tätigkeit befreit.

novela corta #79

katharina vasces und der kobboi am meer

katharina vasces war klug genug, dem kobboi über den besuch vom festland nichts zu erzählen. sie wollte ihm ja nicht die laune verderben.

so kann sie nun in aller ruhe mit dem kobboi den feierabend geniessen.

für frau heidi gassner verriet uns katharina vsaces dann doch noch eine kleine geschichte vom kobboi:

als erstklässler in einem kleinen dorf ging er vor dem unterricht immer in zweierkolonne vom schulhaus in die kirche zur morgentlichen messe und nachher wieder zurück in die schule.
die schule war übrigens eines der wenigen neuen häuser im dorf und dadurch für den kobboi eine völlig fremde welt. die lehrerin war auch nicht eine vom dorf und sie war auch anders gekleidet als die übrigen frauen, und sie trug immer stiefel mit langen schäften und hohen absätzen.
so kam es, dass nach der messe, zurück in der schule, alle die schuhe auszogen und in pantoffeln schlüpften. die lehrerin zog auch immer ihre stiefel aus und wechselte vermutlich zu bequemeren schuhen, der kobboi kann sich nicht mehr daran erinnern.
wie es dazu kam, weiss er auch nicht, aber auf alle fälle gab es immer wieder schülerinnen und schüler, die der lehrerin beim stiefelausziehen halfen. es gab meistens ein regelrechtes gerangel darum, wer das machen durfte.
dem kobboi war das mehr als recht, denn er war mit sich, seiner umwelt, der schule, den schuhen, eltern, geschwistern, träumen, mitschülern, dem schnee und so weiter derart beschäftigt, dass ihm keine zeit zur verfügung stand, auch noch der lehrerin aus den stiefeln zu helfen.
als gegen ende schuljahr die lehrerin sich ausführlich mit seinen eltern über seine nicht vorhandene diziplin unterhielt und der kobboi sich zu verteidigen versuchte, kam dann prompt der vorwurf der lehrerin, er hätte nie geholfen, ihr die stiefel auszuziehen.
der kobboi war verwirrt und für den rest des elterngesprächs sprachlos.

früher, heute, morgen

Früher haben wir auf unseren Treffen gern Fotos angeschaut, Kannst du dich noch an den erinnern, oder Was macht jetzt die? Wie hieß sie nochmal? Und vor allem: Wie wir ausgesehen haben, Und Wo war das nur?
Jetzt machen wir ständig Fotos oder überhaupt nicht mehr, das kommt aufs selbe raus, und dann schauen wir sie nicht an oder können sie nicht sortieren, vielleicht liegt das daran, dass sich unsere Wege auseinanderentwickeln, nicht an der fortschreitenden Technik, alt sind wir jedenfalls nicht, Mitte des Lebens, Doch Alles Wesentliche muss passiert sein, sagst du, sagt dein Vater, Vielleicht denkst du etwas konservativ, oder einfach nur realistisch, ich zumindest will Gegenbeispiele nennen, finde aber keine auf die Schnelle im Regen auf dem Weg zur Bahn.
Wär gern länger geblieben, doch eins ist klar: Unsere Wohnzimmer werden nie die Größe der Wohnzimmer unserer Eltern erreichen, weil wir nicht lange genug darin sitzen – ganz zu schweigen von der Größe der Wohnzimmer unserer Großeltern.

Fehe

Eine Katze sprang von einem Balkon
im 10. Stock und blieb unten lange liegen.
Bis sie aufstand, um länger zu leben,
mit einem besseren Höhenruder und nie
schlummerndem Appetit. Die Geschichte
kennt wahrscheinlich jeder, ich hörte sie
vor Jahren in einem Berliner Randbezirk.

Hier draußen jagen sie einen Fuchs.
Seit Wochen sind die Ställe verrammelt,
die Höfe gepflastert mit Fangeisen, jetzt
hofft alles auf die neuen Forstbeamten.
Dabei erkennt man es an der kahlen Stelle
an seinem Lauf, am tänzelnden Hinken.

Zurückgekehrt wie diese Katze ist er
wendiger als Laub, sonst fast so wie
zuvor. Nur nachts benutzt er Hände
wie meine, sein Lachen weht übers Feld,
bis es hell wird und er sich einrollt
in dem Gedankenbau, dessen Architektin
ich bin. Und immer fehlt wo ein Huhn.

Dreikönigstag

In meiner sozialistisch-protestantischen Herkunftsgegend kein wichtiges Datum. Nach der Reformation hatte man hierzulande Bilder und Zauberei aus den Kirchen entfernt. Aber vielleicht nicht die Sehnsucht danach; und vielleicht fand diese Sehnsucht ja Ausdruck in den Bluesmessen des Karl-Marx-Städter Jugendpfarrers Theo Lehmann in den frühen Achtziger Jahren, die ich (damals Sozialist) mit meinen Freunden (zumeist Protesanten) besuchte.

Als Dauerthema der letzten Tage die Frage nach der Authentizität. Im Grunde die zentrale Frage bei der Lektüre von Tagebüchern. Welche Rolle spielen historische Daten. Natürlich ist der Hintergrund des Mühsambuches der erste Weltkrieg. Aber das ist er ja bei vielen Büchern, die man (ich) ohne zu zögern als fiktional bezeichnen würde. Sergeant Grischa, Im Westen nichts Neues. Schweyk. Passagen aus Tollers Eine Jugend in Deutschland … Die, die mir sofort in den Sinn kommen.

Habe ich die Bluesmessen selbst besucht, oder hat man mir nur eindringlich davon berichtet, so dass ich eine fremnde Erinnerung übernahm. Jedenfalls stand der Platz vor der Kierche voller Langhaariger in Jeansjacken. Ich selbst trug eine gefärbte Malerhose und Felskletterschuhe. Wenn ich mich recht erinnere.

Aber schon bei Toller erwächst die Fiktion aus der Autobiografie. Sein Leben scheint das Material des Buches. Für mich natürlich nicht nachprüfbar außer den Eckpunkten, die er aber auch mit den Zweig- Remarque- und Hasekbüchern teilt, die also kein Indiz für Authentizität sein können.

Bei Ingold in Leben und Werk  wird es noch ein wenig komplizierter, weil er die Jahre übernanderlegt. Die Zeit wie ein Haus mit gläsernen Fußböden in das man von oben hineinschaut, und die verschiedenen Wohnungen erscheinen als eine.

Und am Dreikönigstag auf einer der Etagen eine längere Reflexion über das Verhältnis von Wort und Wirklichkeit und die Einbahnstraße die die Übersetzung von Außertextuellem in Sprache ist. (Ich habe jetzt eine unbändige Lust, Benjamin zu lesen. Vielleicht am Abend, noch habe ich einiges zu tun.)

Notizen von unterwegs (2)

Bei Zons. Schimpfender Rheinangler. Hat eine Chinesische Wollhandkrabbe aus dem Fluß gezogen. Verzieht die Miene, belegt das mit den Scheren protestierende Krustentier mit abwertenden Begriffen. Beklagt das Überhandnehmen des Fremdlings, redet sich in Rage, “Eindringling”, “Schädling”, “Freßfeind”, “Vormarsch”. Klingt nach Kriegspropaganda, HoGeSA* und PEGIDA**, tendenziell puristisch Anti-, insgesamt nach überreichlich bekanntem Vokabular. Das ausgerechnet im Rheinland, wo der Toleranzgedanke nach Einschätzung des Rheinländers mit der Muttermilch an die Kinder weitergegeben wird. Toleranzland. Auf Basis des rheinischen Jrundjesetzes. (Und wieder nicht: “Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet.” (Artikel 6).) Unterm Strich: Hat sich was mit Tolerieren! Nicht nur beim Angeln. In rheinischen Städten häufen sich Demonstrationen religiös-politisch-herkunftsbezogener Intoleranz. Samt Gegendemonstrationen der Intoleranz-Intoleranten und Toleranz gegenüber Intoleranz-Intoleranten. Fast schon Alltag der Toleranz und Sojamilch einfordernde Laktoseintolerantenterror in unseren Cafés. Nun die neue rheinische Intoleranz gegenüber der Wollhandkrabbe: “Sie ist schon bis zur Obererft vorgedrungen!” Wem die Obererft gehört, gehört Deutschland. Unsere Obererft-Kernkultur.
Die Ablehnung des jeweils Fremden, Befremdenden, selbst im Vertrauten Fremdartigen drückt nichts anderes als das Mißtrauen gegenüber dem Eigenen aus, die Schwierigkeit, den selbst gestellten Ansprüchen zu genügen, das heimliche Wissen ums eigene Scheitern, das zuzugeben den Freitod des Einzelnen in der Gesellschaft markiert, die letztlich aus denselben, sich mißtrauenden Einzelnen besteht, deren Mißtrauen wiederum darin gründet, zu wissen, daß sie ihr Mißtrauen nicht zugeben dürfen. Stattdessen: Weiterschieben des Schwarzen Peters. Nach außen gelebte, offen vorgetragene Toleranz gegenüber der eigenen Position, längst abgehandelt als staatstragende Doppelmoral des Bürgertums.
Die Chinesische Wollhandkrabbe war lange vor den Chinesen in China, einem uralten Kulturvolk, das seit Jahrtausenden mit der Krabbe zu leben versteht. Das sie gekocht oder gedämpft und klaglos bis freudig mit einem Reisessig-Ingwer-Dip verspeist. Was wiederum der Rheinländer (noch) nicht weiß und woran sich seine Toleranzdiskrepanz bezüglich der Wollhandkrabbe bemißt. Was nichts macht. Toleranzdefizite sind immer vorübergehender Natur. Sie verschwinden über Nacht, im Schlaf, dem Tolerantmacher schlechthin, und falls sie anderntags mit ihrem Wirt erwachen und sich erneut berappeln, werden sie eben mit einer Narrenkappe kuriert: am Tag, an dem der Rheinländer dereinst die Verspeisbarkeit des Tiers begreift, wird er’s immer schon gewußt haben.

* Hooligans gegen Salafisten
** Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes

an mnemosyne

wer wenn nicht du, die fand mich im gleichmut der worte,
wer wenn nicht ich, sie von ferner noch euch und mir dichtend?
wer aber wäre der hüter des worts, das sich abzweigt,
wer sein hörer unter den schafen, die weiden
auf grünerem grund, fräßen die silben wie gräser?
wer also wären wir, die einträchtig lauschen?

trunk’ner als ich war nie eine nacht all den dichtern,
versunkener auch nicht – vielmehr gegenwärt’ges erbarmen.
und zuckend die glieder, wenn sie sich ihres erhörten,
ein krampf also in allen liedern, den schlagern die schläge
so schräge erhofft, dass auch sie noch sängen sie wieder,
die eu’re zumal, doch unsere niemals gewesen.

denn unseres singen verstummt schon an jeglicher silbe,
die es sich und euren gesängen geraunt und gewispert.
sängen wir vorwärts, das rückwärts wäre schon drin,
und darin ein hin und auch weg unseren schüchternen versen.
wir wären und waren und werden und bleiben verzichtbar,
ein abraum, vergehen, der nachklang, verwehen: – ein wort.

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Der Ko(s)mische

ein Duft wie in der Dallmayr=Stube der Therese Randlkofer : Kaffa in Äthiopien (der blaue Elephant hält inne), psychotrope Wirkstätte : Geküchel. Ich ahme mich nach im Schnee, durch den ich Quarkkuchen balanciere / ein haariges Mittel erwartet mich (ich hätte ja nachwievor gerne eine Wasserwelle, die so beschissen an mir klaftert, daß ich mich verstecken müßte). Ziemlich nachtaktiv & ich muß mich wieder in den Morgen schrauben – aber so ein Bett ist einfach zu… und das zu jeder Zeit (überhaupt : Zeit !)
Schreibmaschine, Bett, Bibliothek (und natürlich Vinyl !) / Hausanzug : meine Morgenmäntel abgetragen, ich bekomme nahezu jeden Tag Buchlieferungen; man schämt sich ja so halbnackt die Tür aufzumachen (bin ja keine nackt=berechtigte 20 mehr (ja, und 30 natürlich auch nicht). Man sollte gar nicht so schockiert sein : „Der ‚Komische‘ ? Wohnt da oben, das Paket könnense aber auch mir geben !“