Archiv der Kategorie: Ausgabe 02/2011

Vertrautes leuchtendes Fremdland: Die Andere Seite.

Ich war mit >>>> Eigner unterwegs. Wir fuhren in die Dschungel, so weit ich mich erinnern kann, dort in ein Hotel. Uns war das nicht verdächtig. Wir sollten eine Lesung, glaube ich, geben, wurden sehr freundlich empfangen. Doch wurde uns die fremde kleine, tropische Stadt unvermerkt zur Heimat. Ich jedenfalls lebte schon dort und brach von dort zur Frankfurter Buchmesse auf, die aber nicht größer war als einstmals die Leipziger, als sie noch nicht in den postmodernen Hallen, sondern in der Innenstadt stattfand. Zumal schien diese Messe nicht sehr weit von Kiel entfernt zu sein, wo ich >>>> heute Abend die Lesung habe und und auch im Traum hatte, wie ebenfalls bereits nachmittags die Veranstaltung in der Uni. Jedenfalls reiste ich ganz beruhigt mit dem Zug hin, hatte sogar schon an, was ich gleich erst anziehen werde. Eigner blieb in Fremdland zurück.
Ich traf Freunde, Kollegen, Lektoren, schritt die Gänge ab, blieb hier hängen und dort, erinnere mich an eine Frau, mit der ich flirtete; sie war als Begleitung >>>> Stangs mitgekommen. Wir setzten uns, ohne daß mir das auffällig geworden wäre, vor einem der Stände auf den Boden, der dort ein duftender Rasen war, und jemand packte ein Picknick aus. Tassen voll schwarzen Kaffees wurden gereicht. Ich erinnere mich, doch jetzt nur noch blaß, eines lebhaften Gespräches. Die Frau lockte mich an und stieß mich doch immer wieder zurück, verbal und mit Gesten, ich kam da nicht los. Riß mich zusammen. Gab vor, zur Toilette zu müssen. Als ich zurückkam, war die Gesellschaft weitergezogen.
„Wohin?”
Die junge Dame, die für den Verlag Leporelli verteilte, wies mir mit einer Handbewegung die Richtung. Um mich nicht lächerlich zu machen, schritt ich ihr betont lässig nach, verfing mich aber schon gleich in einem System aus Glastüren, dessen Funktion ich nicht durchschaute. Als mir die Kieler Veranstaltung einfiel. Um Gotteswillen! Wie spät war es?
Zu spät.
17 Uhr.
Das war auf keinen Fall mehr zu schaffen, jedenfalls nicht zur Nachmittagsveranstaltung. Aber, wie ich jetzt erst begriff, auch für den Abend nicht. Ich hatte nicht einmal daran gedacht, die richtigen Zugverbindungen herauszusuchen. Wieso war ich morgens überhaupt erst auf diese Messe gefahren? Ich hätte doch wissen müssen, daß zeitlich nichts so wäre kombinierbar gewesen; mir war, als hätte ich schon morgens die Kieler Veranstaltungen vergessen. Was aber nicht stimmte, wie ein andrer Teil von mir wußte.
Ich verlöre das ganze Honorar. Vielleicht ließen sich die Veranstaltungen nachholen. >>>> Professor Meiers Mobilnummer hatte ich in meinem Ifönchen gespeichert. Wenigstens anrufen, mich entschuldigen… –
Aber wo w a r mein Handy?
Ich fand es nicht. In keiner meiner Taschen.
Vergessen. Liegengelassen an dem Verlagsstand. Es lag da gewiß noch im Gras.
Mein Instinkt befreite mich aus dem Glastürsystem, und ich lief zurück.
Da lag es ja!
Nur daß keine mir bekannten Telefonnummern mehr drin gespeichert waren. Das Gerät lag auch fremd in meiner Hand, hatte eine unvertraute längliche, oben zu einem spitzen Dreieck zulaufende Form. Daß dies ein ganz falsches Handy war, registrierte ich erst, als ich zurück in die kleine tropische Stadt gefahren war, um Professor Meiers Telefonnummer aus meinem Laptop abzuschreiben. Den ich aber auch nicht mehr fand.
Zwar, mein Schlüssel paßte in die Tür des Hotelzimmers, aber dessen Einrichtung hatte sich verändert. Nichts war hier mehr vertraut. Ich verließ das Zimmer, klopfte eine Treppe höher an dem einer Bekannten, vielleicht auch an Eigners. Ein fremder Mensch öffnete mir, bat mich aber herein, bot mir etwas zu essen und zu trinken an. Ich hatte keine Ruhe, mich mit ihm vertraut zu machen, stand wie gestochen wieder auf, lief aus dem Haus erst auf die Straße, dann in den Regenwald. Sah immer wieder das fremde Handy an und erfaßte allmählich, daß man es mir mit Absicht untergeschoben hatte.
Was sollte ich tun? Ich wußte es nicht. Wußte nur: du hast zwei Veranstaltungen verpaßt und keine Möglichkeit mehr, mit den Veranstaltern wenigstens Kontakt aufzunehmen.
Der Wald wurde dichter. Er war hell und leuchtete, ja glühte. Ich lief über dichtbewachsene Hügel, wollte dann in die Stadt zurück, fand auch den Weg, aber da war auch diese Stadt eine andre. Das Hotel stand noch, aber an anderer Stelle, als ich in der Erinnerung hatte. Das brauchte ich erst gar nicht zu versuchen. Lief weiter. Sämtliche Straßen kamen am Ende der Stadt auf einer Anhöhe zusammen, über deren Felssturz sich ein riesiger, nahezu metallisch wirkender, zur Stadt hin ganz offener Raum erhob, dessen andere Seite, ins freie Land gerichtet, vergittert war. Man sah einen Sonnenuntergang in der Ferne über dem Wald.
Alleine stand ich in diesem Raum, diesem Saal, diesem Kirchenschiff, das sich über mir trotz seiner Kastenform, zu wölben schien. Und hinter mir, stadther, kroch der Wald heran. Er kroch über die Stadt, nahm sie ein wie eine immergrüne Lava, auch in der zähen Geschwindigkeit von Lava. Ich käme aus diesem Raum nicht mehr heraus, dachte ich, und war seelisch völlig gelähmt.
Da klingelte der Wecker.

Nulla Die – Benjamin Franklins Tagesplan

FRANKLINS SELBSTBEGERICHT

Jeder Montag Morgen birgt in nuce die Hochrechnung des erwartbaren täglichen Scheiterns , wie wir sie bei der Lektüre der “Autobiographie” von Benjamin Franklin erstmals ungemütlich und in extenso empfanden . Franklins abends vollzogene und reizlos geizige Selbstabrechnung zeugt von puritanischem Geist , den Max Weber 1904/05 in seinem Essay “Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus” punziert hat .

Handkehrum impliziert diese Selbst- Disziplin einen stereotyp programmierten Tagesablauf , welcher der “Inherent Vice” keine Minute einräumt .

Beiläufig sei angemerkt , dass auch dem tägliche Bloggen Momente eines solchen Selbst- Vorwurfes eignet . Hier jedenfalls Benjamins Tagesplan als Bastion gegen lasch lappende Arbeitsmoral . For better or worse .

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DER PLAN



Franklin Benjamin Schedule via

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KLANGAPPARAT

Zum Trost , zur Aufmunterung oder zur weiteren procrastination gibt es mit dem Titel “Plätscher” Von Paul Kalkbrenner ( MySpace ) ein schönes Stück czz-hoerempfehlungWohlfühlsound zu hören .

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FIGURENPINKELN DER PROVINZFÜRSTEN

Ohne Hemd und Häkelhöschen
(„Siehst du die Kompanie vorüberziehen?“)
lehnen wir die Theorie ab.
(„Pferdehinterbacken.“)

Gefangen im Netz der Gefälligkeiten
Rechnen die Entscheidungsträger
Nicht mit Begeisterung, aber Fördermitteln.
DER GESCHÄFTSFÜHER DES WELTGEISTS
In der mainischen Provinz:
Generös, effektiv, unheroisch.
(„In der Not arbeiten sie härter.“)

Die Wohnungsbaugesellschaft
Genehmigt die Niederschriften.
(„Bis der Motor kaputt geht.“)
Eine aktuelle Fragestunde
Wird vertagt, außerdem:
Berichte über Verwaltungsangelegenheiten.
(„Fuck them all.“)

Gestaltungsleitpläne vertreiben
Düstere Depressionen.
Alles symbolisch und in Farbe!
Und dann die Wohnungstür
mit Katzenscheiße vollgeschmiert.
“(„Yeah!“)

Träger öffentlicher Belange
Sind vorhabenbezogen
Durchgeknallt und beschränkt
Zurechnungsfähig.
(„Hoch die Tassen.“)

Eine Epilepsie des Grauens
Die von den Geräuschen
In den oberen Etagen ablenkt.

der wind u.a.

1 der wind …

der wind
ihr schacherndes
überhaupt

in der gasse
das entgegen-
kommen

nebenabreden
mit den
mauern

mal links
mal rechts

2 neumond die …

neumond die
vormondschaft
zwischen steinen
knospen und blüten
was bluten will
den mund vernähen
die namen

über den schuh
den rechten
ergießt aus der
plastikplane sich
wassers ich

es hatte geregnet

schuhbänder
kreuzweis
mundweis verbrämt

und
nasse socken

3 nacht-noch- …

nacht-noch-
beschichtet
die augen

heimelt
der morgen
unterm fenster

sie habe das
auto unten
auf dem park-
platz gelassen

window-pain
fensterweh
im ohr

aber doch
schon leer

wieder

der platz
unterm fenster