Archiv der Kategorie: Ausgabe 03/2020

„Einem Dreck sein Dreck“ (Wort-Schatz 23) (Wut-Rede)

 

„ich schlüg dich schier zwischen die orn
das du furpas dein maul hieltst uber ein dreck mit dem gesicht auf den dreck fielst.“
Fastnachtssp.

Dreck macht böse. Mich mindestens macht der Dreck immer böser. Der Dreck befördert in mir die Gewaltphantasien. Ein Gang durch die dreckige Stadt entfesselt in mir die Menschenhasserin. Wie der Dreck auf der Straße liegt und der Wind den Dreck um die Gassen fegt und die Füße über den Dreck stolpern alle Schritt lang, breitet sich in mir von unten aufsteigend über die Knie und den Rumpf bis zur Schädeldecke hin eine düstere rote, dreckige Wutwolke aus, einem Feuersturm gleich, mit dem die Nachbarschaft, das Viertel, die Stadt, die Region im wilden Brand verschlungen werden könnte samt dieser Brut dreckiger Drecksäcke, die ihre Kippen aus den Autofenstern schnalzen und ihre Pizzakartons in die Vorgärten werfen und ihre vollgerotzten Masken in die Ecken pfeffern.

„Sie kommen nicht mehr nach mit dem Reinigen.“, sagt der Morel und verschärft mit dieser vernunftbetonten Einlassung noch meinen Hass. Denn „sie“, damit meint er die von meinen Steuergeldern mitbezahlten Straßenreinigungskräfte und die Verwaltung, die ihre Einsätze lenkt und steuert. „Sie“ also, unterstelle ich flugs dem Morel, hält er für die Schuldigen, während ich in Grund und Boden, also in den Dreck, stampfen möchte die Dreckschweine, die ihren verdammten Dreck in den öffentlichen Raum entsorgen. „Nein“, sage ich, „sie sollen keineswegs mehr reinigen oder öfter. Stattdessen“, sage ich, „soll es Strafen geben, so hart, dass das Drecksvolk sich vor Schiss die Hosen voll macht.“ Oder, denke ich, sie sollen im Dreck versinken, die Dreckbatze.

Das ist alles nicht gut. Dieser tiefe Groll, den ich empfinde. Wie der mich verdirbt. Und selber dreckig macht. Dem Dreck, der sich in den Städten ausbreitet, und mir unter die Haut geht, kann ich nur noch entkommen, indem ich mich zurückziehe. Indem ich also drinnen bleibe. Wenn das so weitergeht, werde ich mich a-sozialisieren. Um keine Menschenverächterin zu werden. Das ist auch nicht gut.

Ich muss mir das mal aus dem System schreiben. Es macht was mit Menschen wie mir, wenn der öffentliche Raum zunehmend verdreckt. Es sorgt dafür, dass ich mich weniger und weniger um „die anderen“ sorge. Denn obwohl ich weiß, dass „die anderen“ nicht „alle“ sind und wahrscheinlich nicht einmal die meisten, nimmt mein Körper, während er durch den Dreck watet, es anders wahr. Mein Körper empfindet Ekel. Und dieser Ekel überträgt sich auf diejenigen, die den Dreck produzieren.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Dreck wird meiner Erfahrung nach keineswegs überwiegend von denen produziert, die als unterprivilegiert gelten. Da bietet fast jede beliebige Autobahnraststätte hinreichend Anschauungsmaterial, um diese These zu widerlegen. Der Dreck ist ein Produkt von Narzissmus und Rücksichtslosigkeit in einer sogenannten Wohlstandsgesellschaft.

Ich verachte jene, die darüber sinnieren, dass man „ein Bewusstsein für die Müllsituation“ schaffen solle durch erzieherische Appelle oder die lustig bedruckte Mülltonnen im Abstand von 2m aufstellen, damit die Dreckmacher ihren Drecksarsch bloß nicht zu weit bewegen müssen, fast noch mehr als die Drecksäue. Deren Hybris, dass der Bosheit und Gedankenlosigkeit des Abschaums bloß mehr „Aufmerksamkeit“ ihrerseits zuteil werden müsse, damit sich seine Einstellung ändere, ist nicht nur naiv, sondern auch widerlich selbstbezüglich und überheblich.

Die Dreckmacher machen soviel Dreck, weil es bequem ist. Man muss es unbequem machen. Und dreckig.

Wahrscheinlich muss es erst noch ein bisschen schlimmer werden, bevor es besser wird.

Wie bei so vielem.

Bis dann:

„und acht sie für ein dreck.“

 

Da grinst der nur

 

BFBS? Gibt’s den noch? Den British Forces Broadcasting Service, die Radiostation für die im Rheinland stationierten britischen Streitkräfte? Ergebnis der Recherche: nein. Auf UKW jedenfalls nicht mehr, da ist der Sender seit April 2020 abgeschaltet, da die Zahl britischer Soldaten in NRW auf 200 geschrumpft ist. Da macht ein eigener Großsender keinen Sinn mehr.

Bis in die 80erjahre war BFBS eine feste Größe in meinem Radio-Universum. Die englische Top 40 hörte ich regelmäßig, und mit Soul Train und Soul Station waren zwei spezielle Soulsendungen im Programm, die mehr als nur den üblichen Dancefloor-Rotz spielten, (den allerdings auch). Und dann war da noch Rodigans Rockers, David Rodigans legendäre wöchentliche Reggae-Show auf BFBS. Eigentlich wurde ich erst von Rodigan an Reggae herangeführt, besonders an die Spielart Lovers Rock. Ich hasste Reggae bis dahin, so wie ich Hunde hasste bis zu dem Moment, wo die Gräfin mit einem moppeligen kleinen Mischlingswelpen um die Ecke kam. Besser, man lernt die Dinge kennen, bevor man sich darauf festlegt, sie zu lieben oder zu hassen.

In der Geschichte Tage, wo Blut kam gibt es diese Szene, wo ich kurz vor Weihnachten 1985 durch Düsseldorf-Oberbilk irre und einen bestimmten Puff suche. Während ich also durch die Straßen laufe, fällt mir auf, dass ich die Gegend kenne, dass ich hier tatsächlich schon mal gewesen bin, aber nicht im Puff, sondern mit dem dicken Hansen Haschisch kaufen. Wir saßen bei einem Dealer auf der Bude und rauchten 80erjahre-Bongs, dazu lief Rodigans Rockers – knochenlaut. Es fehlte nicht viel und ich wäre auf den Horror gekommen, weil ich die ganze vertrackte Situation kaum aushielt. Den viel zu starken Pot, meinen Schiss vor den Bullen, den nervigen Reggae-Rhythmus.

*

Der Dealer hauste in einer Sozialwohnung, und Parterre war ein Kiosk, das vergesse ich nie, die verkauften nämlich Frühkölsch in Düsseldorf, und das nicht gerade unter der Ladentheke. Gleich vor der Kasse präsentierte man das Flaschenbier, richtig frech. „Dafür hätte der Besitzer früher was auf die Nase gekriegt“, spöttelte ich, doch der dicke Hansen war mit den Gedanken woanders und blickte durch mich hindurch. So nach dem Motto, was interessiert mich dein blödes Bier, wenn wir gleich fett was zu Rauchen kriegen. Es gibt kein Alter, wo man schärfer aufs Kiffen ist als mit Anfang/Mitte zwanzig. Da kann man rauchen wie andere Leute Luft holen.

Nachdem endlich der Türöffner aktiviert wurde und wir eingelassen wurden, verrammelte ein langer hektischer Kerl die Etagentür gleich wieder, mit Kette und Sicherheitsschloss. Und das bei meiner ausgeprägten Bullenparanoia. Obwohl ich im Laufe meiner langen erfolgreichen Drogenlaufbahn nicht ein einziges Mal von einer Hausdurchsuchung überrumpelt worden bin, weder daheim noch bei Freunden oder Bekannten, machte mich allein schon die Vorstellung kribbelig, die Schmiere könnte jeden Moment auf der Matte stehen. Kribbelig bis wahnsinnig, je nach seelischem Zustand. Es kam auf die Gesamtsituation an. Wie getriggert war ich? Hatte es in der Wohnung schon mal eine Razzia gegeben? Brach vielleicht die Weihnachtszeit an, wo das Rauschgift-Dezernat traditionell besonders aktiv war? Waren viele Drogen im Haus? Seit ich 1979 für ein Fingerhütchen Haschisch zwei Wochenend- Arreste in der JVA absitzen musste, hatte ich mächtig Schiss vor dem Knast. Da wollte ich nie wieder hin. Das hatte gereicht für ein ganzes Leben.

Die Bude in Oberbilk war nicht mehr als ein langer düsterer Schlauch, der Teppichboden voller Brandlöcher. Elektrisches Licht kroch gelb und spärlich aus einer Deckenschale und verteilte sich notdürftig im Raum, mehr Lux gab die Wohnung nicht her, die Vorhänge waren zugezogen. Nachdem wir Platz genommen hatten, verschwand der lange Dealer kurz im Nebenzimmer und drehte die Musik auf. Aus mannshohen schwarzen Boxen wummerte Rodigans Rockers, die wöchentliche Reggae-Show auf BFBS. Das hatte noch gefehlt. Reggae…

„Der Arsch hat soviel Material im Haus, kannst du dir nicht vorstellen“, hatte der dicke Hansen auf der Hinfahrt noch getönt, doch nun hieß es plötzlich, Jungs, ihr müsst euch was gedulden, der Brösel muss noch gepresst werden. Dauert nochn klein‘ Moment.

„Aber keine Angst, geht schnell. Kriegen wir gleich geliefert.“

Der Dealer bot uns Rauchproben an. Kundenservice. Zur Auswahl standen Grüner Türke und Roter Libanese sowie holländisches Powergras. Ich wäre am liebsten auf der Stelle wieder abgehauen, doch das Geld, das auf dem Tisch lag, war Hansens Geld, außerdem waren wir mit seiner Karre da. Und er hatte die Ruhe weg. Er saß da und wippte mit dem Autoschlüssel zu Rodigans Rockers – ein Reggae nach dem anderen, eine endlose Parade von Reggaesongs, stets im gleichen verfluchten Rhythmus, four on da floor.

Jah Man.

No man. Ich zog einen Bong. Fast widerwillig. Aber ich wollte mir keine Blöße geben. Das Wasser blubberte in der Flasche, als der Dealer plötzlich aufstand und hin und her tigerte. Abrupt blieb er stehen und spähte aus dem Fenster, als erwartete er jeden Moment ein Sondereinsatzkommando, das gab mir den Rest. Der Bong ließ das Haschisch in mir explodieren, sprengte meine Nerven – ich bekam Panik. Der Typ hatte doch nicht umsonst so eine Action um seine scheiss Wohnungstür gemacht… und warum war der plötzlich so nervös. Es war, als zöge sich plötzlich ein Riss durch meine innere Landschaft. Dieses schiefe Angstgefühl, dass etwas gerissen war in mir, irreparabel, dass es auf ewig schief bleiben würde: die unkonkrete alte LSD-Angst, im falschen Moment am falschen Gleis den falschen Zug genommen zu haben.

Eigentlich dürftest du gar nichts mehr kiffen, hatte Lana mal gemeint. Wenn du noch Wert auf dich legst. Auf die Gesundheit deiner Seele.

(Wenn du dein Lebtag lang Angst hattest vor den verschiedensten Dingen, bleibt am Ende nur noch eins: die Angst vor dir selbst, und sie bricht dir das Genick.)

In diesem Augenblick schälte sich ein zweiter Typ aus der Dunkelheit, er musste die ganze Zeit in der Ecke gesessen haben, auf einem Sessel, ohne einen Ton zu sagen. Ein Gesicht war nicht auszumachen. Es waren nur blasse Umrisse, die sich kaum merklich bewegten. Und zwei gespenstische Katzenaugen. War das etwa eine Katze..? Scheisse, war ich breit. Ich signalisierte dem dicken Hansen, was los war, („ich dreh durch!“), doch es ließ ihn kalt. Er spielte mit dem Autoschlüssel in der Hand wie mit einer Gebetskette, völlig unbeeindruckt von der Situation, in der ich gerade abzusaufen drohte. Der Dealer stopfte schon den nächsten Bong, den er dauernd mein‘ Bubble Boy nannte, und stampfte mit den Füßen zum Reggae. Diese gottverflucht monotone Marschiermukke, diese Echoeffekte – ich erstarrte zunehmend in dem ganzen Lärm, musste mich irgendwie abkühlen, mich runterholen, komm endlich runter, Glumm, sag was, egal was.. irgendwas belangloses, befreie dich… Der Dealer schien zu merken, dass etwas nicht stimmte mit mir, er glotzte so komisch rüber, ein Moment der Konfusion in seinem Blick, doch er sagte nichts. „Kennst du auch Soul Train..?“ fragte ich endlich, er verstand nicht, ich wurde lauter, mit ausrutschender Stimme wiederholte ich „..Soul Train.. auf BFBS.. immer mittwochs…“, doch er starrte nur in seinen Bubble Boy und meinte desinteressiert, “Soul? Nee, find ich nicht gut. Ich kann nicht immer alles gut finden.”

Ich kann nicht immer alles gut finden. Welch ein Satz. Da lagen die 80erjahre vor mir, zum Bündel geschnürt: Ich kann nicht immer alles gut finden.

Ja klar! dachte ich, als ich durch Oberbilk lief, ich kann jetzt nicht gut finden, dass ich hier so blöd durchs Bahnhofsviertel stiefle und den Puff suche, aber ich stiefle nun mal blöd durchs Bahnhofsviertel, so ist das nun mal, also reiss dich zusammen und frag endlich irgendeinen Passanten nach dem Weg, frag ihn, wo der verdammte Bahndamm ist…

“Da vorn durch den Tunnel, die erste rechts und immer geradeaus.”

Hinterm Bahndamm. Ich erkannte es auf Anhieb wieder. Vorm Eingang zum Kontakthof drückte sich eine Gruppe türkischer Männer herum, lamentierend, Kerne spuckend. Ich trat in den Hof. Zwei Nutten lehnten an der Backsteinmauer.

“Kommste mit?”

Ich grinste.

“Da grinst der nur.”

aus: Tage, wo Blut kam

 

Fake News…

Detail aus einer Karikatur in der Zeitschrift „Puck“, 7.3.1894Detail aus einer Karikatur in der Zeitschrift „Puck“, 7.3.1894

Der derzeit häufig verwendete Begriff Fake News sei, so könnte man meinen, eine relativ neue Wortschöpfung. Aber auch wenn die – gemäß der Definition des Duden – „in den Medien und im Internet, besonders in sozialen Netzwerken, in manipulativer Absicht verbreiteten Falschmeldungen“ in Zeiten der globalen Unsicherheit und politischen Verunsicherung Hochkonjunktur haben, ist doch die Bezeichnung für sie, entgegen einer weitverbreiteten Ansicht, kein Neologismus und auch nicht die Erfindung eines amerikanischen Präsidenten. Geprägt aber wurde der Ausdruck in den USA,  jedoch bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Einer der frühesten Belege für die Verwendung findet sich im Wochenblatt „Ameryka“, das ab Dezember 1889 auf der Titelseite den Hinweis brachte: „Only Reliable Firms can advertise in the AMERYKA. No fake news! No humbug ʼadsʼ!“

Es war dies übrigens einer der ganz wenigen englischsprachigen Textteile der Zeitung, denn „Ameryka“, das von 1889 bis 1891 in Toledo im Bundesstaat Ohio erschien, war ein polnischsprachiges Blatt und ganz auf die Interessen der großen polnischen Community der Stadt ausgerichtet.

In „Ameryka“ beziehen sich die „fake news“ auf kommerzielle Werbung – falsche Versprechungen und Humbug-Inserate verbat man sich da von Seiten der Zeitung. In jener großen Karikatur aber, die am 7. März 1894 auf einer Doppelseite in der Zeitschrift „Puck“ erschien, ist der Begriff klar auf den journalistischen Bereich gemünzt.

In der linken oberen Ecke des Bildes ist ein Mann zu sehen, der mit einem Stapel von Blättern, die als „Fake news“ gekennzeichnet sind, eilig herbeigelaufen kommt. Diese News landen ebenso in der Druckerpresse wie die anderen journalistischen Erzeugnisse, die hier von allen Seiten für die Zeitung „The Daily Splurge“ geliefert werden. Schlagzeilen wie „High spiced sensation“ „Divorce court details“ „Private scandal“ und „Damaging rumors“ sind da zu finden, ein Artikel trägt den Titel „Life in Sing Sing – a Splurge reporter in disguise“, ein anderer „A week as a tramp!! Wild and exciting experiences of a Daily Splurge reporter“, die Reporterin „Rita Rubbish“ berichtet davon, was sie, als Mann verkleidet, in „A night around town“ erlebt hat, und „Fanny Fake“ weiß, „How beggars are treated on 5th Ave“. All das trägt zum Reichtum des Zeitungseigentümers bei: Dieser (gemeint ist hier vermutlich Joseph Pulitzer) sitzt in seinem Büro vor einem offenen Safe, aus dem die „Profite“ in Form einer Unmenge von Banknoten und Münzen herausquellen. „The fin de siècle newspaper proprietor. He combines high-sounding professions and high-spiced sensations, and reaps a golden profit thereby“, lautet dazu die Bildunterschrift.

Gezeichnet wurde der Cartoon von Frederick Burr Opper (1857–1937). Der aus einer jüdischen Familie mit österreichisch-ungarischen Wurzeln stammende Opper gilt nicht nur als einer der Pioniere des modernen Comics (berühmt wurde er vor allem durch die von ihm geschaffene Figur des „Happy Hooligan“), sondern vor allem auch als einer der führenden politischen Karikaturisten seiner Zeit. Für das von 1871 bis 1918 zunächst in St. Louis, dann in New York publizierte, einflussreiche Satiremagazin „Puck“ schuf Opper eine Vielzahl von Cartoons zu aktuellen politischen Themen. So etwa beschäftigte er sich in der Ausgabe des „Puck“ vom 9. Januar 1884 mit der damals vieldiskutierten Frage, inwieweit Kongressabgeordnete bestechlich seien.

Die Bildunterschrift mit dem Zitat „It costs money to fix things“ und dem erläuternden „As it is plain that most of our Congressmen are for sale, they might as well display their prices prominently” bezieht sich auf den Eisenbahn-Tycoon Collis P. Huntington, dem vorgeworfen wurde, sein Geschäftsimperium mithilfe von Beziehungen und Bestechungen aufgebaut zu haben.

Frederick Burr Opper: Karikatur mit eigener Signatur (Library of Congress, Prints and Photographs Division)

Frederick Burr Opper: Karikatur mit eigener Signatur (Library of Congress, Prints and Photographs Division)

Die zunehmende Verwendung des Begriffes Fake News Ende des 19. Jahrhunderts war Zeichen für eine verstärkte Medienkritik. In diesem Sinne vermerkte etwa die in Freeland/Pennsylvania erscheinende „Freeland Tribune“ am 14. Oktober 1895, „that the newspapers are in danger of losing their influence, through the prevalence of fake news, worked up by unscrupulous news gatherers.”

 

Anders

 

Ich könnte schwören, dass gerade eben noch Jetzt war, doch etwas ist anders.
ANDERS
Je länge ich starre, desto unheimlicher wird mir das Wort.
Manchmal denke ich, mir entgleitet so viel, so schnell, ins ANDERS, dass es irgendwann nur noch Extreme für mich geben wird: explodierend vor Worten oder komplett sprachlos.

Der Unterschied zwischen Jetzt und Danach: den zu spüren. Ob es ihn gibt?
Jetzt: Eine Seite vollzuschreiben.
Danach: eine Seite zu lesen.
Was ist zwischendurch geschehen, war ich während des Denkens wirklich bei mir, oder doch jemand ANDERS?

Wie kann man überhaupt geistesgegenwärtig sein? Oder wird man von den eigenen Zuckungen gelebt, alles nur Instinkt, Reflex, Anziehung, Zurückweisung, Inklusion, Exklusion? Ich wollte immer eine Art unbestrittenen Könnens erlangen, irgendwann gewisser Dinge sicher sein. Das Einzige, was mich dabei immer wieder irritiert, ist dieses ANDERS in meinem Kopf. „Ja, aber”, flüstert es, “Du solltest es anders machen: nicht so, wie Du bist. Sondern so, wie Du sein solltest.“

Damit steht und fällt die Selbstkonzeption. Niemand von Außen kann mich aufrichten, solange dieses ANDERS mich kleinlaut macht und formatiert. Ich spüre es. In mir, in uns, es ist nie zufrieden mit dem IST, will immer woANDERShin.

Und eben läuft mir die Frage zu, wie das wohl wäre…? Ich spreche von Außenwahrnehmung,
wie es also wäre, wenn sich hinter der höflichen, rücksichtsvollen Person, die wir präsentieren, hinter unserem hübschen, tageslichttauglichen Schirm das unverputzte IST zeigte, das wir so gerne verschlossen halten. Was, wenn wir unser IST zeigen würden?

Der Fluss! Vielleicht ist der Fluss der Schlüssel. Das sich in der Gegenwart aufgehen lassen. Wir müssen uns verhalten! Gegenüber unserer Angst vor dem IST.
Wir sind keine Herde Fluchttiere, auch wenn das Krisenvokabular unserer Zeit uns genau dort haben will. In der Flucht. Der Vermeidung. Von innen aber sind wir grundsätzlich vielschichtiger als das Bild, das sich fremde Wortgeber von uns machen. Was, wenn wir geistesgegenwärtiger wären als alle, die bereits ihre Schlüsse gezogen haben?