Archiv der Kategorie: Ausgabe 03/2015

ES IST NIE ZU SPÄT (für C.)

Nur wenig später wünschte sie, dass nicht nichts passiert wäre.

 

Die Hand, die sie der nicht in den Nacken gelegt hatte.
Das Knie, das sie nicht zwischen deren Knie gedrückt hatte.
Der Kopf, den sie nicht an deren Brust gerieben hatte.
Der Fuß, mit dem sie nicht an der Außenseite von deren Bein entlang gestrichen war.
Die Halsschlagader, die sie der nicht unter den Mund gestreckt hatte.

 

Alles brannte. Besonders die linke Seite, die sie der einmal zugeneigt hatte, ein winziges Stück Milimeterabstand noch haltend.

 

Ein anderes Mal: Deren Hand an ihrem unteren Rücken, der kurze Druck aller fünf Fingerspitzen. Sie konnte das jederzeit fühlen.

 

Blicke. Wie die sich festgesaugt hatten an ihr, in ihrer Erinnerung. Ein einziges KOMM. Oder hatte sie sich auch das nur eingebildet? Beider Stimmen so rau, unwillkürlich ins Flüstern verfallend, obwohl sie doch niemand belauschte. „Und du?“ Der Klang dieses „du“, der in ihr widerhallte.

 

„Please stop dancing in my mind.“

 

Gespräche, die kreisten und sich tiefer schraubten. Fühler ausstrecken, um sich abzutasten, nicht invasiv. Ehemalige Lieben, stilles Versagen, Eingeständnisse an der Grenze zur Indiskretion. Sie hätten hier sehr leicht ihre Liebsten verraten können, längst vor einer ersten Berührung.

 

Nur dieser eine Kuss dann. Herbeigesehnt seit Wochen. Tagen. Minuten. Das Zurückschrecken. Lippe an Lippe. Diese Hitze. Der Druck. Ein Hauch von Feuchtigkeit. „Wir dürfen nicht.“ Welche von beiden hatte das gesagt? Wie sie einander umtänzelt hatten beim Rausgehen, ohne sich noch einmal anzusehen. Kurzes Nicken dann bei zufälligen Begegnungen tagsüber. Weinkrämpfe in der Nacht auf dem Klo.

 

Sie hatte es richtig gemacht. Sie wünschte sich was anderes. Schon wenig später.

Wirhier

„Warum kriegen die das nicht bei sich geregelt. Haben die kein Plan. Wie Akte X, ohne Scheiß. Tausend davon. Nachher werd ich da reingezogen. Nachher quartieren die noch sone bei mir ein. Wie im Krieg. Seit die jede Nacht rüberkommen. Das Meer sieht ja immer rabenschwarz aus. Kaum zu glauben dass man in der Brühe noch baden kann. Wo jetzt so viele reinfallen ist damit aber sicher bald Schluss.
Was können die hier schon machen. Kennt die jemand. Ich seh nur was krabbeln im TV. Manchmal träum ich davon. Wo es so heiß ist jetzt hab ich immer ein Handtuch am Bett.
Keine Namen. Jedenfalls hör ich nie einen oder dass jemand seinen mal sagt.
Wer wär zu mir denn freundlich wenn ich so am Arsch wär. Glaub bloss nicht dass da einer ein Spendenkonto für mich einrichtet drüben. Haben die überhaupt eine Regierung.
Ob die mich überhaupt rausfischen würden.
Nee nee.
Lauter welche die bei Null anfangen müssen. Könnt ich ja nicht. Aber wenn die sich den Krieg selbst eingebrockt haben. Und den Hunger. Weiß ja keiner. Die können ja nicht so leben wie wirhier. Reicht hinten und vorne nicht für alle wenn man mal nachrechnet. Aber wir sind ja auch schon länger am Hebel. Haben was aufgebaut.
Vielleicht sind paar anständige bei denen dabei. Aber wie soll man die auseinanderhalten. Solange die nass sind eh nicht.
Und was ich hab dafür hab ich mich krummgelegt. Was haben die gemacht in der Zeit. Alles laufenlassen und jetzt kommen sie her. Die Griechen bestimmt auch bald.
Unsere da oben haben ja kein Plan wie es werden soll wenn noch mehr kommen. Was die alles brauchen von uns. Ojeoje. Wenn die alle arbeiten wollen wie wirhier. Die wollen ja keine Almosen. Wer macht sowas schon freiwillig. Seine Heimat gibt keiner einfach so auf.
Aber was jetzt. Jetzt sperren wir die ein. Verbrecher sind die ja nicht. Ein paar vielleicht schon aber die kommen wohl eher mit dem Flieger.
Jemand muss den Schlamassel in Ordnung bringen. Sonst seh ich schwarz.“ 



Boote. 
Vorboote.