Archiv der Kategorie: Ausgabe 03/2015

bambus vol. 2

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echo : 1.08 — Wie Men­schen nun Han­dys nicht län­ger an ihre Ohren hal­ten, son­dern vor den Mund. Viel­leicht auch des­halb, um gleich­zei­tig spre­chen und lesen zu kön­nen, spre­chen also und hören und noch etwas Wei­te­res tun. — Wie­der Nacht. In einem Moment der Stille beob­ach­tete ich vor weni­gen Minu­ten ein Bücher­re­gal, das in mei­nem Arbeits­zim­mer steht. Ich meinte wie­der ein­mal, ein Geräusch wahr­ge­nom­men zu haben, in etwa hörte sich das so an, als würde man ein Ohr an ein Bam­bus­rohr legen, durch wel­ches Kie­sel­steine fal­len. Zunächst mel­dete sich das Geräusch links oben unter der Decke, wo sich Bücher befin­den, die ich noch nicht gele­sen habe, war­tende Bücher, sagen wir, Mah­nende. Kurz dar­auf wan­derte das Geräusch in die Mitte des Regals, Chris­toph Rans­mayr klim­perte, John Ber­ger, Janet Frame, Anto­nio Tabuc­chi. Ich hatte für einige Minu­ten den Ein­druck, das Geräusch oder seine Ursa­che könnte sich ver­viel­fäl­tigt haben. Wenn nun fol­gen­des gesche­hen wäre, dass sich die Bücher mei­nes Regals in Funk­bü­cher ver­wan­del­ten, in Bücher, die nur vor­ge­ben Bücher von Papier zu sein, in Bücher also, die über Sei­ten ver­fü­gen, die eigent­lich Bild­schirme sind, die man umblät­tern kann. Dann wäre denk­bar, dass ich jenes typi­sche Geräusch ver­nom­men habe, das in genau dem Moment ent­steht, da der Autor eines Buches mit­tels Funk­wel­len eine erneu­erte Fas­sung sei­nes Wer­kes in die Zim­mer der Welt ent­sen­det. Ich muss dar­über nach­den­ken, was die Mög­lich­keit oder die Exis­tenz der Funk­bü­cher bedeu­ten würde für das Schrei­ben, für das Auf­hö­ren kön­nen, für Anfang und Ende einer Geschichte. Und wenn nun Jean Pauls Komet in mei­nem Zim­mer rascheln würde, oder Dan­tons Tod, Georg Büch­ner? – Noch zu tun: Regen­wör­ter erfin­den. — stop

drohne15

Effekt

und also war es, da ich hier auf meiner Liege saß,

bei offenem Fenster und ich wohn Parterre

ich las den Schlüter/Wordsworth laut so vor mich hin,

dass auf meiner Strasse in der Stunde sich

eine Menschengruppe sammelte und stumm

den Worten lauschte, die aus meinem Fenster drangen.

Zehn Millionen waren es, vielleicht auch mehr.