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Inhalt 03/2015

Die Lesezeichen-Ausgabe 03/2015 erschien am 12. Oktober 2015.

In dieser Ausgabe:

Eingeständnisse an der Grenze zur Indiskretion, Akte X, Markus Orths Alpha & Omega, Gräser und Bäume, Nebenabreden mit Mauern, eine Frau mit zwei Einkaufstaschen, ein Instrumental-Hit von Hot Butter, Kopfschmerzen und Sodbrennen, Christoph Ransmayr, John Berger, Janet Frame und Antonio Tabucchi, die Botschaft der kirgisischen Republik, eskortierender Nippes, Kenneth Goldsmith und Christian Bök, das Literarische Colloquium Berlin, Musil und Mooses Brugger, bedarfsorientierte Sexualität, nächtelange Übungen in Endlichkeit, Europas gebaute Mauern, Atomphysik, Psychoanalyse und Psychologie, brennende Liebe, Schlüter und Wordsworth, Disketten, Festplatten, Sticks und Sigmund Freuds „Traumdeutung“ … uvm.

INHALT:

Der Aufzug

Im Aufzug.
“Haben Sie jetzt die 3 gedrückt?”
“Ja, schon.”
“Weil, ich muss in die 5.”
“Da liegt die 3 auf dem Weg.”
“Es ist nur, ich hab es eilig.”
“Jetzt habe ich aber schon gedrückt.”
“Kann man das denn nicht stornieren?”
“Jetzt machen Sie sich doch nicht lächerlich.”
Aufzug hält im 2. Stock.
“Jetzt hält der auch noch in der 2.”
“Da wird jemand gedrückt haben.”
Die Tür öffnet sich. Ein Frau mit Einkaufstaschen betritt den Aufzug.
“Haben Sie gedrückt?”
“Ja.”
“Weil, das hätte nicht sein müssen. Ich muss in die 5.”
Aufzug hält im 3. Stock.
“Ein schönen Tag noch.”
“Gehen Sie lieber, sonst kommen wir nie in die 5.”
“Ach, da fällt mir …”
Die Frau mit den Einkaufstaschen drückt die 4.
“Haben Sie jetzt die 4 gedrückt?”
“Ich muss noch mal zu den Spielwaren.”
“Ja, sind denn hier alle verrückt.”
“Entschuldigen Sie mal.”
Aufzug hält. Die Frau mit den Einkaufstaschen verlässt kopfschüttelnd den Aufzug. Ein Mann betritt den Fahrstuhl und will die 2 drücken.
“Halt! Ende! Jetzt wird in die 5 gefahren, verflucht noch eins.”

Unter Verzicht des Lebens

Trotzdem: in meinem irrationalen Tun gelingt es auch mir, aus dem Haus zu müssen; das Brot ist aufgebraucht, der Kaffee nicht mehr vorhanden. Sozialkontakte im Konsumtempel: ich laufe zufällig durch die Regale, von vorne nach hinten, nehme mir Dosen, Beutel, Tüten, laufe weiter, lege das, was ich willkürlich aufgenommen habe, wieder ab, starre auf die nackten Füße reifer Frauen, denke darüber nach, ob ich Buttermilch über sie gießen soll, schaffe mir Platz im Kühlregal, lasse mich nieder, reiße eine Packung auf, setze mich in die Kälte und warte, bis man mich auf mein Verhalten anspricht. Niemand spricht. Man kennt mich. Niemand spricht. Ich nehme meinen Hut ab, lege hinein was ich wirklich brauche. Lege Kaffee hinein, lege Kaffee hinein, lege Kaffee hinein. Ich stelle mich an die Kasse, bis nur noch einer vor mir steht. Kaum hat der bezahlt, lasse ich den nächsten vor, den nächsten vor, den nächsten vor, so daß ich eine geraume Weile fast dran bin. Die Kassiererin verdreht die Augen. Niemand spricht.

An der Bäckertheke: „Haben Sie schon gehört?“ – „Was?“ – „Was ist das da?“ Ich zeige mit dem Finger zwischen die Backwaren, zeige auf nichts. „Das?“ – „Nein, das daneben.“ – „Das?“ – „Nein, wieder nicht, das daneben.“ – „Das?“ – „Sehen sie nicht, wo mein Finger hinzeigt? Der zeigt genau daneben.“  – „Die Schnecke?“ – „Nein, nein!“ Ich tupfe mit dem Finger gegen das Glas, sie sieht hilflos zu ihrer Kollegin hinüber. „Das daneben!“ – „Neben was denn?“ – „Neben allem, begreifen Sie denn nicht?“ Sie starrt mich an, ihre Freundlichkeit ist verbraucht. Ich verabschiede mich nicht und gehe in die Apotheke.

„Guten Tag, ich benötige etwas gegen Sodbrenne nach Kaffeekonsum.“ – „Sodbrennen? Da haben wir…“ – „Sodbrennen nach dem Kaffeekonsum?“ – „Das ist ganz normales Sodbrennen.“ – „Nein, ist es nicht. Ich habe Sodbrennen nur nach Kaffeekonsum. Dagegen brauche ich etwas.“ – „Das hilft ganz genauso wie bei allem anderen.“ – „Kopfschmerzen?“ – „Sodbrennen.“ – „Ah, Sodbrennen. Habe ich immer nur nach Kaffeekonsum.“ Sie schielt auf meine Packung Kaffee, die ich in der Hand halte. „Vielleicht sollten sie einfach keinen Kaffee trinken.“ – „Der ist nicht für mich, der ist für meine Schreibmaschine.“

Lehm’ is hart – Der schwierige Abschied vom dicken Hansen

Mittwoch, 22. Juli 2015

Der dicke Hansen (54) ist beigesetzt worden, unter einem Walnussbaum auf dem Waldfriedhof Ohligs. Als ich über dem Erdloch kauere und etwas von der bereitgestellten lockeren Erde hineinrieseln lasse, bemerke ich eine rote Kirsche, die ist von Karlos, die hat Karlos da hineingelegt. Von mir ein letztes Rieseln, von der Gräfin ein letzter Klaps, eine letzte Erinnerung, und dann, adieu, alter Mann.

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Wie der dicke Hansen im Musik-Unterricht von unserem ebenso geschätzten wie verlachten Musik-Lehrer Bert V. die Erlaubnis bekam, in der großen Aula nach vorn zu kommen und am schwarz glänzenden Flügel Popcorn zu spielen, den Instrumental-Hit von Hot Butter, der im Sommer 1972 im Radio rauf und runter lief und Nummer 1 war in England, USA und Deutschland.

Wie stolz wir auf Hansen waren, als er da vorn an den Tasten saß und den Hit intonierte, genauso locker, wie wir ihn im Ohr hatten. Musik-Lehrer Bert V., eine anerkannte Cool Jazz-Größe, lächelte gütig und verschwand hinter der mobilen Tafel, um sich einen schnellen Schluck aus der Fanta-Dose zu genehmigen, mit ordentlich Rum drin. V. war nicht nur Jazz-Veteran, er war auch ein ausgemachter Säufer. Er hatte Bluthochdruck und schlimme Schuppen, die ihm auf die Schultern rieselten wie Fleckfieber. Die Schuppen sahen aus, als wären sie direkt von der Großhirnrinde produziert worden, mit mächtig viel Fließfett. Er trug Knickerbocker und grüne Kniestrümpfe, die seine Wadenmuskeln so stramm aussehen ließen, als könnten sie jeden Moment aufplatzen und alles einsauen.

Hansen bekam tosenden Applaus. Die ganze Jahrgangsstufe feierte ihn wie einen Revolutionär. Er hatte Popcorn gespielt, den Super-Hit, der klang, als käme er frisch aus Japan aus der Fabrik. Ping Pong-Pop. Als Zugabe durfte Hansen Lady Madonna anspielen, dann kam der Pausengong und beendete die Musikstunde. Wir lagen dem dicken Hansen zu Füßen. Wir hätten ihn auf Schultern aus der Aula getragen, wäre er nicht so dick und fett gewesen.

Schulligung, Py. Kleiner Scherz am Rande, aus alter Verbundenheit.

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Die Gräfin und ich sind um Viertel vor drei mit Schwarte verabredet, auf dem Friedhofs-Parkplatz gegenüber vom alten Union-Stadion. Schwarte hatte eigentlich geplant, gemeinsam mit Schnaat zur Beerdigung zu kommen, doch als er die Handynummer von Schnaat anwählte, nahm der den Anruf irgendwo am Pool unten in Portugal entgegen, da hatte sich die Sache erledigt.

“Ich wär ja gekommen”, so Schnaat, “aber is grad schlecht. Ruf mal den Glumm an, der wollte auch da hin.”

Das allerdings war unklar, bis zuletzt. Wir waren keine Freunde mehr, der dicke Hansen und ich – nein, kann man nicht sagen. Mit einem meiner ältesten Kumpane nicht mehr klar zu kommen, fühlte sich beschissen an, ich wusste nicht damit umzugehen, schon als er noch lebte. Wie denn damit umgehen, jetzt, wo er tot war? Die Gräfin redete mir zu, hinzugehen, Karlos redete mir zu. Mach dir nicht so viele Gedanken. Er ist tot. Er kann nichts mehr machen. Du schon. Geh einfach mit.

Niemand konnte mich so auf die Palme bringen mit seiner großkotzigen Art wie der dicke Hansen. Zweimal im Leben hat mich ein Mensch dermaßen aufgeregt, dass ich handgreiflich wurde und meinem Gegenüber an den Hals ging, beide Male war es der dicke Hansen. Der ja nicht wirklich dick war. Der im Höchstfall ein paar Kilo zu viel auf der Hüfte hatte, ein zu vernachlässigendes Geschwabbel.

Ein paar Bissen Übergewicht.

“Vorsicht! Ich bin fett!” hätte Hansen in diesem Moment eingeworfen. Der übrigens auch als Erfinder des legendären Satzes “ich hab einseitig Bulimie: Ich kann nur fressen, nicht kotzen” gehandelt wird.

Nicht minder legendär: “Lehm’ is hart.”

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Was ist eine Clique anderes als dick befreundete Mehrzeller.

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Karlos war bereits eine Stunde vor uns mit der Regionalbahn nach Ohligs gefahren, er hatte keine Ruhe. Seitdem er so lange abends als Schauspieler und vormittags als Sargträger aufgetreten ist, wird er jedes Mal hibbelig, wenn irgendwo eine Theater-Aufführung ansteht oder ein Begräbnis. Dann muss er auf der Stelle los.

Da bin ich ganz der alte Zirkusgaul.

Fahren wir also zu zweit nach Ohligs, die Gräfin und ich, im silbernen Kleinwagen. Lassen Frau Moll daheim. Die Hündin hat der dicke Hansen gar nicht mehr kennengelernt, obwohl sie schon fast zwölf ist.

“Was glaubst du, welche Musik gleich in der Kapelle läuft?” frag ich die Gräfin.

Sie vermutet Dr. John, ich Little Feat.

Hansen als Musiker beschrieb ein anderer Musiker so.

Mit Hansen in einer Band zu spielen bedeutet: man hat ein Problem, besonders bei ganz normalen, eigentlich selbstverständlichen Sachen. Hansen verschläft seinen Einsatz, ist plötzlich in der falschen Strophe, irgendeine kleine dumme Sache, die man ausbügelt und gut ist, aber es nervt auf Dauer, seine Unkonzentriertheit. Und dann kommt Hansen spontan mit einem schrägen Einfall um die Ecke und schüttelt einen Gimmick aus dem Ärmel, mitten im Song, ohne Ansage, so grandios, wie es nur der dicke Hansen kann..

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Als wir auf den Parkplatz einbiegen, steht Schwarte mit Ziegenbärtchen und dunkler Gitarrentasche in der sengenden Sonne. Wann wir uns das letzte Mal gesehen haben..? “Muss mindestens zehn Jahre her sein”, grinst er. Er hat sich kaum verändert. Gut sieht er aus. Gelassen. “Willst du gleich was spielen?” frag ich und nehme damit die blödeste Frage gleich vorweg, dann haben wir das schon mal aus den Füßen.

Schwarte: Ja. Klar. (Sein Blick verrät: Clever, der Glumm. Alle Achtung.)

Später am Grab wird er das wunderbare Willin’ spielen, in einer Akustikversion. Willin’ von Little Feat. “Ist aber eigentlich Lowell George”, meint Schwarte. Er spielt Willin’ in einer schwerblütigen Bergisch Land-Busreisen-Fassung, mit Grabesstimme.

Weitere Leute trudeln ein.

Da ist der schlaksige Schuh, der mir im September 1978 auf dem Patti SmithKonzert in der Philipshalle den Verstand rettete, als ich auf LSD durchzudrehen drohte, er aber cool blieb und mit mir gemeinsam das Konzert verliess, um im Auto Joints zu rauchen. Er hatte irgendwo aufgeschnappt, dass man auf einem Horror-Trip möglichst viel Haschisch rauchen soll, um die Wirkung des Acid zu dämpfen. Es hat funktioniert. Zum Glück. Ich verdanke Schuh mein Leben. (Ich hätte jetzt gern geschrieben, ich verdanke ihm meine geistige Gesundheit – aber nun ja. Man kann nicht alles haben.)

(Nur einen schönen Batzen.)

Andi K. ist da, smart wie immer. “Hallo Andi K.”, sag ich, “Hallo Andi Glumm”, sagt er. Die Tischler Moni, die mich nicht erkennt. “Hallo”, grüße ich sie im Kreis der Leute, die stehen bleiben. “Hallo”, grüßt sie zurück und fragt, “.. und wer bist du noch mal?” “Der Glumm”, sag ich und sie kriegt sich kaum ein. “Ich hab dich nicht erkannt!” “Hab ich mich so verändert?” “Irgendwie schon. Du hast so.. füllige Backen gekriegt.”

“Glumm, du Hamster”, meint Linus, der von rechts hinzukommt und eines gleich klarstellt: “Ich umarme nur die Frauen.” Sein chronischer Drei-Tage-Bart hat im Laufe der Zeit einen vierten Tag draufgepackt – der dunkle Geselle mit den großen Augen, die stets die richtigen Sachen lesen und weiter empfehlen, jetzt mit noch größeren Augen.

“Mich erkennen andauernd Leute nicht, die mich lange nicht gesehen haben”, sag ich angefressen und umständlich. “Wir sind so mopsig geworden”, meint die Gräfin. “Und wenn der Mund im Laufe der Jahre an Attraktivität verlieret, ist das auch nicht schön..”

Lauter 50jährige ex-Kumpel reisen an, die auch gern essen. Wenn Essen die Erotik des Alters ist, sind wir alles bombige Porno-Darsteller. Klee, der alte Szene-Frisör, der schon lange in Köln lebt wie viele andere auch, (nach Düsseldorf sind nur wenige gegangen), erinnert die Gräfin an Mister Stringer von Miss Marple.

“Ein richtig süßer Opi ist das geworden.”

Unverändert sind nur Schuh und Schwarte. Was sich an Schwarte nicht geändert hat, ist seine ruhige, gleichwohl atemlose Art. Wenn man ihm zuhört, dauert es nicht lang bis zu der Stelle, wo “.. da ham wir im neuen Auto reingekotzt” kommt, “überall Fleischbröckchen, hö hö..!”

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Der dicke Hansen gehörte zu der Handvoll Menschen, die wirklich eine Rolle spielten in meinem Leben. Unsere Wege trennten sich erst, als Heroin ins Spiel kam. Wir nahmen beide das Zeug, aber selten zusammen. Vielleicht weil jeder zu sehr Spiegelbild für den anderen war. Ich sah ihn an und wusste, wie scheiße ich aussah.

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“.. Hansen war so etwas wie der Amerikaner unter uns. Auf einer Reise durch die USA hatte er sich allein im Mississippi-Delta herumgetrieben. Es war die Lebensart, die ihm imponierte, das Easy Going der Einheimischen, die Musik. Hansen, der von Kindesbeinen an Klavier spielte, hatte während des USA-Aufenthalts ganze Blöcke aus dem College-Radio mitgeschnitten, spezielle Cajun,- Blue Grass- und Southern Rock-Sendungen, mit denen er uns nach seiner Rückkehr fütterte. So lernte ich Dr. John schätzen, The Meters und Allen Toussaint, Leon Russell. Die ganze fingerschnippende New Orleans Clique, die es nie wirklich nach Europa schaffte.”

(aus Psylocibin)

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Er war ein Getriebener. Sein Hass, sein tiefer Groll zielte auf seine Mutter, die ihn und seinen jüngeren Bruder früh verstoßen hatte. Sie war überfordert mit den beiden Jungs. Sie konnte mit Kindern nichts anfangen. Eine lieblose, egozentrische Person, die beide Jungs zur Oma abschob. Die gab ihr bestes, aber sie konnte die tiefe Verletzung nicht auffangen, die entsteht, wenn ein Kind von der Mutter weggegeben wird. Der Vater starb früh an Magenkrebs.

Die Jungs wurden von der Oma aufgezogen, die ein Lebensmittelgeschäft in der Innenstadt führte. Sie gab sich alle Mühe mit der Erziehung, war aber überfordert. Da sie jeden Tag bis halb sieben im Geschäft stand und nicht vor acht Uhr zuhause war, blieben die Jungs tagsüber sich selbst überlassen. Das war große Klasse. Das war unser Glück.

Die Oma hatte einen großzügigen Bungalow am Kannenhof gekauft, ein Neubau mit Schwimmbad, das wir in unserer Jugend bis zum Anschlag nutzten. Es verging kein Nachmittag, ohne das wir uns bei den Hansen-Brüdern zum Schwimmen trafen. Es waren herrliche Zeiten, wir entdeckten das Marihuanarauchen und spielten stundenlang Wasserball, bis die Haut einweichte und verschrumpelt vom Knöchel rutschte. Wir liefen den ganzen Tag im Bademantel durchs Haus, knubbelten uns gegenseitig die Klöten und futterten uns durch den gut gefüllten Kühlschrank – ganze Bataillone von Bauer-Joghurt gingen drauf. Das waren schöne Zeiten. Ich fand Nuss am besten. Der große Nuss von Bauer. Gekühlt vorrätig, stets stiegenweise.

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Hansen nahm Klavierunterricht. Sein Bruder Ralle hatte ein dickes Pearl-Schlagzeug im Zimmer und beackerte es ohne Unterlass. Da die Zimmer der Jungs im Untergeschoss lagen, standen wir manchmal eine Stunde und länger vorm Haus und klingelten uns oben die Finger wund, weil die Brüder uns nicht hörten. Man hörte schwere Buschtrommeln und Synthis aus dem Kellerschacht, und im Haus gegenüber wohnte ein kleiner dicker Mann, der es liebte, im Unterhemd über einer offenen Tonne Holz zu sägen. Niemand hörte unser Wehklagen und das Geklingel.

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Über seine erste Klavierlehrerin schrieb Hansen:

“Wie fettig ihre finger manchmal waren, wenn sie aus ihrer kleinen küche wieder an den flügel kam und sich neben mich setzte. Sie war dick und sie roch nach bratwurst. Ich mochte sie nie sonderlich,  aber als sie die musik, die mich im innersten berührte, nämlich die Beatles, die Who, die Stones, kurzum vom tisch fegte und nichtig machte, hasste ich sie.  Das ist keine richtige musik, hetzte sie, ebenso ahnungslos wie anmaßend..”

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Keiner von uns konnte mit harten Drogen umgehen, aber ihn erwischte es am ärgsten. Das Heroin brachte seine schlechtesten Eigenschaften zum Vorschein, und Hansen entwickelte sich zum Stalker.

Frauen, die ihn verliessen, wurden mit Telefonanrufen überzogen, in denen er sie als doofe Nutte und Ballast-Existenz beschimpfte und ihnen drohte, die Autoreifen zu zerstechen, wobei er sich meist begnügte, die Luft rauszulassen. Er schwärzte eine Ex beim Arbeitsamt an, weil sie einen Nebenjob nicht angemeldet hatte, verpfiff eine andere beim Drogendezernat, weil sie angeblich Gift vertickte. Merkwürdigerweise traf es längst nicht jede seiner Verflossenen, so wie seine Schmäh-Telefonate auch nicht jeden alten Kumpel trafen. Karlos etwa kam ungeschoren davon. Nach welchen Gesichtspunkten Hansen vorging, ich hab keinen Schimmer.

soviel flimmerhaare,

soviel flimmerjahre

.. schreibt der 2005 an Lungenkrebs gestorbene, begnadete Lyriker Thomas Kling in einem seiner letzten Gedichte. Auch Hansen ist an Lungenkrebs gestorben. Einer meiner dicksten und ältesten Freunde. Erst Prostatakrebs, den er noch überwinden konnte, Lungenkrebs, Blasenkrebs. Die ganz große Arschkarte. Der Tumor in der Lunge war groß wie eine Faust. Er lehnte Chemo ab, nur Bestrahlungen liess er zu.

“Ich hab mich mit dem Sterben arrangiert”, sagte er am Telefon, “ich kann loslassen”, und ich war überrascht über seine Nüchternheit. Vielleicht kann ich (auch) deshalb nicht weinen. Ich hab nicht eine Träne. Ich bin nicht mal wirklich traurig, das entsetzt mich am meisten. Was zum Henker soll denn noch alles untergehen, bis ich etwas fühle. Aber wir hatten zu lange keinen Draht mehr zueinander, es ist zuviel kaputt gegangen zwischen uns. Sind die Dinge erst einmal verhärtet, schafft nicht mal mehr der Tod mehr eine Träne.

Hansen hat eines nie begriffen, nie verinnerlicht, bis zuletzt nicht. Wer sich wie ein Arschloch aufführt, wird auch wie ein Arschloch behandelt. Es bleibt nicht ohne Folgen, wenn man glaubt, dass gewisse Standards im Umgang mit Menschen für einen selbst nicht gelten, nur weil man gerade ein stabiles Hoch erlebt und meint, auf andere hinabblicken zu können. So hielt er Junkies für das letzte Pack, obwohl er der Sucht so eben noch von der Schippe gesprungen war. So etwas liebe ich ganz besonders. Jeder, der sich so aufführt, wird von mir mit Küsschen eingedeckt bis er erstickt.

Das tragische daran: er war kein wirkliches Großmaul. Es hatte etwas antrainiertes, etwas vom Leben abgeschautes, wenn er seine Tiraden abrief, und: Er hatte ja immer wieder seine hellen Momente, wo ihm klar wurde, was für einen Mist er sabbelte.

Ich war ja nicht der einzige, mit dem er sich anlegte.

“Das hatte ja fast schon was geniales”, meinte Schnaat am Telefon, “wie Hansen es geschafft hat, all seine alten Freunde zu verprellen.”

Worüber er so alles verärgert war. Zum Beispiel meckerte er, dass sich die Dinge, so wie ich sie in meinem Blog beschrieb, so nicht zugetragen hätten. Natürlich nicht, gab ich zurück, jeder hat die Dinge aus seiner Warte gesehen, is doch normal. Und dass ich ihn in all den Jahren nie gefragt hätte, ob ich etwas bestimmtes, was ihn betraf, so schreiben könne.

“Wie soll das denn gehen, Py? Soll ich jedes Mal einen Absatz rübermailen und von die gegenzeichnen lassen, in dem du vorkommst??”

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Freundschaft hatte lange Zeit den höchsten Stellenwert. 10 von 10 Punkten, mit Extra-Sternchen und Bonus-Kussmund. Deshalb entwickelten sich viele Beziehungen über die Zeit auch so zäh, sind schwierig bis heute.

Je älter man wird, desto schwieriger wird es, die Menschen zu lieben, die man liebt. Sie sind nicht greifbar, wenn man sie braucht, man selbst ist nicht greifbar, wenn andere einen brauchen. Man muss sich stets erst verabreden, um sich gegenseitig brauchen zu können, weil die Leute längst woanders leben oder weil sie gerade Dinge zu tun haben, die keinen Aufschub dulden. Manchmal hat man einfach auch keine Lust. Ein Nachteil des Erwachsenwerden ist, dass man sich nur noch über den Weg läuft, wenn man zuvor eine Verabredung trifft, womit die Sache für mich in der Regel schon gestorben ist. Ich mag keine Verabredungen. Ich mag es, sich zufällig über den Weg zu laufen.

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“Ich kenn eigentlich keinen Peter, der nicht durchgeknallt ist.” (Die Gräfin)

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Wenn ich Songs wie Crazy Mama von JJ Cale höre, seh ich uns bekifft Auto fahren, die bergische Landschaft zieht vorüber, die ein wohlmeinender Sonntagsgott einst ausgewürfelt hat, die Luft im Wagen, warm und feucht wie in einer Haschischbackstube, und der dicke Hansen schifft uns sicher hinaus in die Welt.

Es gibt Dinge, die uns beide auf ewig verbinden. Da war der Anruf, den er bekam, als wir nachmittags in den Sommerferien bei uns zu Hause an der Schillerstrasse waren. Der Anruf kam von der Oma, Peter, der Opa ist gestorben. Da waren wir 16 oder 17. Oder wie Hansen und ich zusammen nach Nord-Spanien in Urlaub gefahren sind, in seiner blauen Ente, und ich wurde krank und lag die ganze Rückfahrt mit fast vierzig Fieber auf der Rückbank. Und wie ich seinen nagelneuen Datsun Cherry in Klump fuhr (und die Reparatur bis zum letzten Pfennig bei der Oma abstotterte.)

Oder Geschichten wie 30 Polariods.

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Er hat mir bis zuletzt Mails geschrieben.

“Aber was willst du eigentlich, Andi? Manchmal frage ich mich das, wenn ich dich so  lese. Wat will der glumm?  Warum lebt er so? Was fehlt dem nur? Ich versteh dich nicht. Du bist so weit ausserhalb.”

Eine seiner letzten Mails an mich trägt die Betreffzeile Fat Man got the Blues. Oder hier, Ende März 2015: Ich mache Fehler, dumme Fehler. Das war ein paar Tage nach der zornigen Mail, in der er mir mitteilte, dass ihn neben Blasen- nun auch noch Lungenkrebs befallen hat. Wo er sich so richtig auskotzt und mich (und andere Junkies und ex-Junkies) Parasitenfotzen und Methadon-Weicheier nennt.  Wie sehr er es bereue, Fotzen wie mich kennengelernt zu haben, mit ihnen sein Leben verschenkt zu haben. Das war die normale Schiene, die der dicke Hansen fuhr, wenn er seinen tiefen Groll auf einzelne Menschen ummünzte und sich nicht bremsen konnte.

Jahrelang sabbelte er uns den AB mit wüsten Beschimpfungen und Beleidungen voll, ich hab es hinterher nicht mehr abgehört. Sobald seine Nummer auf dem Display auftauchte, hab ich ihn weggedrückt, auch sein kleinlauten Entschuldigungen. Ich habe nie zurückgekläfft. Kein einziges Mal. Ich mag keine Beleidigungen. Die setzen sich im Ohr fest, und wenn man Pech hat, machen sie sich selbständig und führen ein Eigenleben.

Was mich betrifft, hat es die Gräfin so ausgedrückt.

“Du wirst selten ausfallend. Eigentlich nie. Du pisst einem trocken auf die Füße, das schon.”

Ich wunderte mich, dass er sich nicht vor der Gräfin schämte. Dass er mich beleidigte war das eine, aber es musste ihm doch klar sein, dass die Gräfin seine Ausfälle auf dem Anrufbeantworter ebenso abhörte.

Sie meinte zu mir nur: “Sag ihm doch einfach mal, dass du nicht seine Mutter bist.

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E-Mail vom dicken Hansen an mich, 8. 10. 2014

“Mir geht es echt scheiße, aber das gibt mir nicht das recht dich so anzufauchen. Ich habe manchmal recht unangenheme charaktereigenschaften. Und an diesem tag konnte ich mich nicht bremsen.

Jetzt schäm ich mich dafür.

py”

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Farewell, Py. Du warst Quälgeist und Gegenverkehr in einer Person, und du konntest so überraschend wohlwollend sein, (“hey altes schriftgestell, ich freu mich sehr für dich. denn mein dicker bauch sagt mir, es dauert nicht mehr lang, bis dein ersehnter durchbruch eintrifft..”), und du warst nicht dumm in deinem Urteil. Sobald ich das Gefühl hatte, dass deine Worte unabhängig waren von deinem aktuellen Gemütszustand, hörte ich genau hin. Aber sobald es dir schlecht ging, war auch alles andere schlecht und trug Mitschuld an deinem Schicksal. Das ist sehr menschlich, und sehr nervend.

Andererseits, wer sonst konnte so schöne Worte erfinden wie ALABASTER-FICKTÜTE.

Da war Musike in den Buchstaben.

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Er nahm keine Drogen mehr, nicht mal Methadon, nichts. Er war voll clean, cleaner als ich es je gewesen bin. Er hatte seinen Führerschein verloren und wollte ihn unbedingt zurückhaben. Weil ein dicker Hansen ohne Auto nur ein halb-dicker Hansen war, setzte er alle Hebel in Bewegung, um den Lappen zurückzukriegen. Er blieb clean, um die gefürchteten Urin-Kontrollen zu überstehen, wo unter Sicht abgepinkelt werden musste. Er zahlte insgesamt 7000 Euro, bis die MPU endlich geschafft war. Und kein halbes Jahr später überrennt ihn der Krebs  an allen Fronten und er ist mausetot.

“manchmal glaub ich”, schrieb er mir, “dass erst das cleansein all die prozesse in meinem körper angestoßen hat, an deren ende jetzt der krebs steht..”

Er wohnte zuletzt mit einer Frau zusammen, mit der er in den Neunzigern schon mal zusammen war, sie tat ihm gut. Sie war das beste, was ihm passieren konnte. Eine Halb-Italienerin, wie die Gräfin. Eine prima Frau. Ich nannte sie immer die Piratin, weil sie so schöne Eckzähne hat.

Auch wenn wir uns nicht mehr sahen, Hansen und ich schickten uns wieder E-Mails, waren wieder in Kontakt, sein Ton hatte sich geändert. Er war (fast) wieder der alte Hansen, er war wieder da. (Wobei ich an sich keinen Wert darauf lege, über jemanden zu sagen, er habe sich nicht verändert.)

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Schwarte erzählt eine typische kleine Hansen-Schote aus alten Tagen, als er Hausverbot im Mumms kassierte, der Zentrale, wo sich alles traf, was Rang & Namen hatte und wo Hausverbot schon allein deshalb das gesellschaftliche Aus bedeutete.

Der Grund für Hansens Hausverbot: sein dauerndes ULLAH-Gejohle. Es lässt sich heute schwer vermitteln, wie Hansen es fertigbrachte, ohne Pause ULLAH zu brüllen, ULLAH zu jodeln, ULLAH zu krähen – wie ihm gerade der Sinn stand. Was das sollte mit dem ULLAH, niemand wusste es, am wenigsten Hansen selbst. Es hörte einfach nicht auf, ULLAH zu rufen.. Erst war es witzig, dann nervend, zum Schluss verdrehten alle nur noch die Augen. Aber das war kein Kriterium für den dicken Hansen, etwas sein zu lassen. Im Gegenteil: Es feuerte ihn nur noch an, die Dinge zu intensivieren.

Einmal begleitete ich ihn und Schnaat zum Angeln. Sie fuhren regelmäßig zum Angeln, an irgendwelche Geheimgewässer. Es war Hochsommer. Ich langweilte mich, ich konnte Angeln nichts abgewinnen. Hansen hatte etwas im Auto vergessen und stiefelte los, um es zu holen. Er trug hohe, bis zu den Hüften reichende Fliegenfischen-Gummistiefel, eine knappe knallrote Siebzigerjahre-Badehose und diese strohblonde Brigitte Bardot-Perücke, dazu ein fetter Sonnenbrand – er sah aus wie die irre Geliebte eines Feuerwehrmanns, der vergessen hatte, wo der Brand ausgebrochen war.

Er kam lange nicht zurück. Es dauerte und dauerte. Gerade als Schnaat und ich losgehen wollten, um zu schauen, wo er abgeblieben war, kam er mit drei Eis im Hörnchen zurück. Das heisst, von den drei Eis waren drei angebissene Hörnchen übrig geblieben, den Rest hatte er unterwegs aufgefressen.

Niemand, wirklich niemand konnte die Dinge so konsequent in Richtung Wahnsinn schrauben wie der dicke Hansen.

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Seine ärgste ULLA-Zeit war zu Beginn der Achtzigerjahre.

“Peter, wenn du noch ein Mal, ein einziges Mal nur dein blödes Ulla bringst, fliegst du raus”, drohte ihm Franz, der Inhaber des Mumms, nicht gerade bekannt dafür, Scherzchen zu treiben.

Franz hatte es noch nicht ausgesprochen, da kam die Antwort schon so postwendend wie ein Tarzan-Ruf aus dem Urwald, ULLAAHHH!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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Die Sache mit der Vorhaut.  Es gab regelrechte Vorhaut-Contests unten im Schwimmbad. Wer die längste Vorhaut hatte. Der dicke Hansen und ich lieferten uns über Jahre ein Kopf an Kopf-Rennen. Aber auch wenn meine Vorhaut einem Hauszelt glich, ich war ohne Chance. Was der dicke Hansen zeigte, und er war sehr zeigefreudig in dieser Beziehung, ging in Richtung Traglufthalle und war einsame Spitze. Und seine Angewohnheit, in Gesellschaft den Pimmel auszupacken, die Vorhaut über den Tisch zu ziehen und zurückschnacken zu lassen wie ein Haushaltsgummi, das war Boys Entertainment. Das war wunderbar durchgeknalltes Jungszeugs.

Als wir die Kapelle des Waldfriedhofs betreten, kurz nach 15 Uhr, ist die kleine Feier schon in Gange. Ganz vorn ist eine Leinwand aufgebaut, auf der das in strengem Schwarz-Weiß gehaltene Video projiziert wird, das Hansen gut ein Jahr zuvor in einem Düsseldorfer Studio produzieren liess. Es zeigt ihn solo am Flügel. Es ist sein Vermächtnis. Er spielt drei Stücke. Eine Little Feat-Nummer, ein Stück von Dr. John und zuletzt,, das Stück, das mir am besten gefällt, eine ruhige kleine Eigenkomposition.

Nach diesem letzten Song bleibt eine Groß-Einstellung seines Gesichts auf der Leinwand, für einige Minuten, und sorgt für Schluchzer. In den Stuhlreihen vor uns sitzt der gute alte Klee. Er erzählt später, dass er vor Jahren einen Tumor im Darm überstanden hat. “Als ich im Sprechzimmer saß und der Doc mit der Diagnose rüberkam, dachte ich nur, wie, Krebs, ich..? Was will der Blödmann denn!”

Ich sehe Stefan B. mit seiner Frau, die mir bislang nur aus dem Internet bekannt ist, mit ihren freundlichen Kommentaren auf Citronenbusen und Facebook. “Da hat der Stefan aber einen guten Fang gemacht”, sag ich zur Gräfin, ohne zu wissen, dass die beiden bereits seit 15 Jahren verheiratet sind. Wir haben uns also mindestens 15 Jahre nicht gesehen, Stefan und ich. Nach langen Jahren in Südeuropa ist er nun zurück, lebt am Niederrhein.

Zuletzt tritt Ralle vor die Trauergemeinde, Hansens jüngerer Bruder, auch er schon lange Kölner. Auch ihn hab ich mehr als 10 Jahre nicht gesehen. Er tritt im blütenweißen Hemd zur Jeans nach vorn und spricht mit etwas zu leiser, zu scheuer, aber sehr brüderlichen Stimme ein oder zwei Dinge, die gesagt werden müssen.

“Der Py war kein einfacher Mensch, bestimmt nicht, ja, er war sogar ein komplizierter Mensch und nicht immer nett, und wir beide hatten auch unsere Probleme. Aber so ist er halt gewesen, so war er eben, der Py, mein Bruder.” Er freue sich über die vielen alten Weggefährten, die den Weg zum Waldfriedhof gefunden haben.

Schöner hätte man es nicht sagen können.

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Mann, Py, du warst so scheiße einzigartig, und du warst so was von daneben. Eigentlich weiss ich gar nicht, was ich dazu sagen soll, dass du tot bist. Dass es dich nicht mehr geben soll. Denn selbst wenn wir uns nicht mehr gesehen haben, ich wusste, du bist in der Stadt. Das ist nun Geschichte. Plötzlich beginne ich sogar ein bisschen deine hasserfüllten Nachrichten auf unserem AB zu vermissen. Jetzt, wo ich weiss, dass es mich nie wieder treffen wird. Nicht von dir.

Du hast mich mit deinem Hass mitten ins Herz getroffen. Und weil ich wusste, dass du wusstest, wie sehr du mich damit triffst und es dennoch, oder gerade deshalb, immer wieder aufs Neue getan hast, tja,- genau deshalb reagierte ich darauf so, wie ich es immer tue, wenn mir jemand gewaltig auf die Füße tritt: ich werde eiskalt. Ich ziehe mich auf einen Kern in mir zurück, den ich im Gefrierbereich verorte. Es gibt eine Art Parallel-Glumm, die mich in letzter Instanz rettet, wenn nichts anderes mehr geht. Wenn ich mir nicht mehr anders zu helfen weiß, ist Kälte das letzte Rüstzeug, das bleibt.

Ich hab auf keinen einzigen deiner Stalker-Anrufe geantwortet, du hast in all den Jahren kein böses Wort von mir gehört, stattdessen nur eisiges Schweigen von mir. Meine Rache.

Du schreibst in einer Mail vom März 2015:

“Ich fühl mich von dir so abgestellt. du nimmst mich nicht für voll. dabei ist das vielleicht gar nicht so. Ich war an diesem tag so wütend über mein schicksal, dass ich furchtbar ungerecht war..”

Dabei waren wir beide auf einem guten Weg. Er lag schon in Bochum in einer Krebs-Klinik, wir telefonierten mehrmals miteinander, SMS-Nachrichten flitzten hin und her, wir verabredeten ein Treffen. Zu dem es nicht mehr kommen sollte.

Er hatte etwas in meinem Blog gelesen, das ihm so gegen den Strich ging, dass er gleich eine SMS abfeuerte, wo er sich auf eine Weise auskotzte, die ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr für möglich hielt. Ich hielt es für überwunden. Er kotzte sich selbst über mein “dünnes Stimmchen” am Telefon aus, dass ihn “angeekelt” habe. Es war kaum ernst zu nehmen, und es hat mich tief getroffen. Ich hab den Kontakt auf der Stelle abgebrochen, fünf Wochen vor seinem Tod.

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“Hau die Dinger raus, alter Freund”, schreibt er am Ende einer frei flottierenden E-Mail vom Oktober 2014.

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Situation mit vier bekifften Personen am Kaffeetisch 1987 (Karlos, der dicke Hansen, Gina, ich)

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Py live,

„Ärgert dich dein rechtes Auge“, Heinrich Schirmbecks Roman im Blick der Vergangenheit und Zukunft.

Norbert W. Schlinkert

Vortrag: „Ärgert dich dein rechtes Auge“, Heinrich Schirmbecks Roman im Blick der Vergangenheit und Zukunft.

Gehalten am 14. September 2015 in der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt. ULB, Vortragssaal (UG 1), 20:00 Uhr

[Heinrich Schirmbeck: Ärgert dich dein rechtes Auge (1957, Zitate nach der Neuauflage 2005, AIG I. Hilbinger Verlag); weitere Zitate aus Heinrich Schirmbeck: Die Formel und die Sinnlichkeit. Bausteine zu einer Poetik im Atomzeitalter. List Verlag, München 1964]

I) Heinrich Schirmbeck, das lässt sich ohne weiteres sagen, muss eine hohe Meinung von seiner Leserschaft gehabt haben, denn imgrunde ließe sich eine ganze Vortragsreihe gestalten zu den mannigfachen wissenschaftlichten und gesellschaftspolitischen Themen seines 1957 erschienenen RomansÄrgert dich dein rechtes Auge – die Atomphysik spielt ebenso eine wichtige Rolle wie Fragen der Psychoanalyse, der Psychologie, der Medizin, der Ethik, der Politik, aber auch die den Bereich des Religiösen berührenden Fragen einer Lichtmystik, die das Sehen als Verführung zur Sünde verdammt, werden angesprochen, zudem bleibt auch die Werbung als eine perfide Art der Verführung der Massen nicht unberücksichtigt – es ist also nicht übertrieben, die umfangreiche Schrift thematisch als durchaus überkomplexzu bezeichnen, eine Komplexität, die den Leser fordert. Der von Arno Schmidt so genannte geübte Leser ist hier also in seinem Element. So will ich die Handlung als solche, den Plot hier auch weitgehend vernachlässigen und nur kurz zusammenfassen, vor allem da der Autor sich dazu entschieden hat, seine Figuren nicht poetisch, sondern weitestgehend normativ auszuführen; auch der Ich-Erzähler Thomas Grey ist ein „Mann ohne Eigenschaften“, ein wenig ähnlich demjenigen, den Robert Musil in seinem gleichnamigen Roman auftreten lässt. Gerald Funk hat in einemEssay zum 90. Geburtstag Heinrich Schirmbecks die Handlung des Romans nun folgendermaßen und wie ich denke fast schon ausreichend zusammengefasst: Der Autor, so also Funk, „erzählt die Lebensgeschichte eines Physikers, der, aus der dekadenten Atmosphäre großbürgerlicher Kaufleute in der Provinz Frankreichs stammend, in das von Intrigen, politischen und geheimdienstlichen Machtkämpfen brodelnde Paris der Jahrhundertmitte gerät, dort als Wissenschaftler mit der künstlerischen Boheme Kontakte knüpft, schließlich von einem Strudel mysteriöser Ereignisse mitgerissen wird und Landesverrat begeht.“ Karlheinz Deschner bringt in einem Radiobeitrag von 1958 die Handlung folgendermaßen auf den Punkt: „Thomas Grey, der etwas schweigsame, kontaktschwache, hochintellektuelle Held, Abkömmling ebenso reicher wie dekadenter Textilkaufleute aus Lyon, wächst nach dem Tode seines als Tropenarzt aus der Art geschlagenen Vaters im düster-prächtigen Palast seines Clans heran. Früh wirft der Vollwaise Blicke in eine Gesellschaft zwischen Notdurft und Rausch, in ein labyrinthisch verschlungenes, von unerklärlichen Motiven getriebenes, grausam-selbstzerstörerisches Dasein. Er entweicht nach Paris, (…), studiert Physik und gehört bald als Assistent des kybernetischen Laboratoriums zu jener Elite der Wissenden und Abseitsstehenden, für die alles, was nun noch kommt, um mit dem Autor zu sprechen, nurmehr das Nachgeplänkel einer untergehenden Epoche ist.“ Zu ergänzen wäre, dass der Protagonist Thomas Grey gemeinsam mit dem Physiker de BaryForschungen über die Doppelnatur des Lichts betreibt, das sich als Welle und Teilchen manifestiert – und eben dies weckt das Interesse des Amtes für strategische Informationen, weil eben diese Forschungen nicht zuletzt eine große Bedeutung haben für die Entwicklung von Kernfusionswaffen. Was nun die handelnden Personen angeht, so weist auch Karlheinz Deschner ganz zurecht darauf hin, dass diesen „etwas auffallend Statisches, fast hypnotisch Starres“ anhaftet, eine Art „Individualitäts- und Wesenlosigkeit“, die aber gerade deswegen die Uneigentlichkeit des modernen Lebens spiegele, „das bloß noch Automatische, Reflexhafte, das Tief-Versklavte und Entwürdigte, das Lichtlose unserer Existenz“. Auch der Ich-Erzähler Thomas Grey entwickele sich, so Deschner, eigentlich nicht. (Nachwort, S.549)

Es liegt also nahe, denke ich, die Personen des Romans eher als Sendboten geistiger Bezirke, Prinzipien und politischer Welten zu sehen denn als lebendige, poetische Ichs, so dass ich mich demzufolge also wie gesagt denThemen des Romans zuwenden möchte.

Der Roman stellt ohne jeden Zweifel eine wenn man so will negative Utopiedar, nämlich die einer womöglich untergehenden, sich am Abgrund befindlichen Welt. Heute, im Jahre 2015, dem Jahr, in dem Heinrich Schirmbeck hundert Jahre alt geworden wäre und 58 Jahre nach Erscheinen des Romans, ist diese Welt noch immer nicht untergegangen, doch natürlich kann man auch heute sagen, sie ist durchaus im Begriff, dies zu tun, obgleich nach wie vor selbstverständlich ein jedes Wesen, ein jeder Mensch, wie Spinoza dies ausdrückte, grundsätzlich im Sein verharren will (Die Ethik, III, Lehrsatz 6), also in einer Welt überleben will und muss, die ebenso grundsätzlich immer existenzbedrohend war und ist und die demzufolgeFurcht auszulösen vermag. Und auch dies lässt sich in jedem Fall sagen, dass Heinrich Schirmbecks Roman ein Roman der Furcht ist, eine, wie gesagt, negative und eben deswegen gleichsam augenöffnende Utopie. Doch die Furcht, nach Sören Kierkegaard tatsächlich die Furcht vor dem Wesen der Welt, die mich als Mensch zu vernichten imstande ist, ist hier durchaus nicht als ein lähmendes Moment zu sehen, während hingegen die im Roman eine große Rolle spielende, persönliche Angst immer auch die Angst des einzelnen Menschen vor sich selbst ist – mich nämlich selbst willkürlich-unwillkürlich quasi in den Abgrund zu stürzen. Kierkegaard schreibt in Der Begriff der Angst: „Die Angst ist die Wirklichkeit der Freiheit als Möglichkeit für die Möglichkeit“ – und eben diese Möglichkeit, das wäre hier zu ergänzen, besteht im Können. Diese Thematik taucht bereits als eine zeittypische Psychose des 17. und frühen 18. Jahrhunderts auf, damals gemeinhin erklärt mit einem kurzen Kontrollverlust durch eine Einflüsterung des Teufels, eben dies zu tun, den Schritt in den Abgrund zu vollziehen, sich vor eine Kutsche oder ins Feuer zu werfen, sich selbst wie auch immer zu vernichten, eben weil man es kraft seines freien Willens kann, weil man dazu fähig ist. Diese kurze Auflösung des lebenserhaltenden Gleichgewichts schleuderte nun den armen Sünder in der Folge dann schnurstracks in die Hölle – so der Glaube der Zeit. Der Mensch hatte also allen Grund, sich selbst zu misstrauen und allen Grund, Gott und nicht dem Teufel zu dienen, was nicht zuletzt ordnungspolitisch wichtig war – Gott und Teufel als Mittel zum Zweck. Der Weltuntergang aber als solcher, der Sturz aller, wurde hingegen zwar immer als Folge des sündhaften Tuns all der Einzelnen gedeutet, als Summe gewissermaßen, doch wurde dieses Auslöschen der Welt nicht als vom Menschen, sondern letztlich als von Gott vollzogen gedacht. Heinrich Schirmbeck nimmt in seinem Roman nun Gott zwar nicht ganz aus dem Spiel, denn der ist ja immer noch der Gegenpart des Teufels, des Bösen, doch die Möglichkeit der Weltvernichtung, die Macht dazu, trägt er nun, ganz auch im Sinne Friedrich Nietzsches, realistischerweise den Menschen an, genauer gesagt denjenigen Einzelnen, die die technischen Möglichkeiten dazu schaffen, und denen, die diese Möglichkeiten anwenden können in einem kurzen Augenblick der Auflösung des lebenserhaltenden Gleichgewichts. Wenn der Roman nun also ein Hauptthema hat, dann das des möglichen Selbstmordes der Menschheit, quasi als Folge der unauflöslichen Verknüpfung von Angst und Furcht, faktisch bedingt durch die im Roman beschriebene Abschaffung einer freiheitlichen Demokratie, dem Absinken also der westlichen Welt in eine Diktatur ähnlich den damaligen in den Ländern des Ostens, verbunden mit der weltweiten Verbreitung von Atomwaffen, die letztlich aus den Händen der Wissenschaftler, vor allem auch der Physiker stammen, welche sich nicht zu wehren wissen, oder sich nicht wehren wollen, gegen die Forderungen der Geheimdienste und der politischen Eliten. In seinem Essayband Die Formel und die Sinnlichkeit. Bausteine zu einer Poetik im Atomzeitalter von 1964 schreibt Schirmbeck: „Der Einzelne und das Atom ist ein Gleichnis auf unsere Zeit“ – und auch dies findet sich im Roman als eine wesentliche Thematik, als die derSpaltung, nämlich sowohl des Atoms wie auch der der Persönlichkeit des Einzelnen. Letzteres wird im Roman nicht nur als Zwiespalt der Seele, sondern auch als die Folge einer medizinischen, neurochirurgischen Methode benannt, von staatlicher Seite in Auftrag gegeben, um unliebsame, kritische Menschen als Persönlichkeiten auszuschalten, indem man an ihnen eine Hirnoperation ausführt, die als Lobotomie oder Leukotomie bekannt ist. Diese Spaltung des ganzheitlichen Menschen wird vollzogen als Trennung der Nervenbahnen zwischen den emotionalen Zentren, und sie führt meist dazu, wie es im Roman heißt, „seelisch vollkommen verstümmelte Personen“ (S.171) zu schaffen. Auch diese Thematik zieht sich, als eine andere Form der Weltzerstörung, nämlich als die des einzelnen Menschen, durch die Handlung des Romans, eng verknüpft mit den harmloseren Methoden, kritische Geister zu besänftigen und ruhig zu stellen, denen man also etwa nur gutbezahlte, staatliche Stellen anbieten muss, so wie dies in der Wirklichkeit der BRD dann später mit der so genanten 68er-Generation geschah, während Künstler oder Schriftsteller ohnehin oft aus finanziellen Gründen sich genötigt sehen, etwa in der Werbewirtschaft zu arbeiten. Eben diese letztere Problematik, dass der Künstler sich ganz im Sinne der politischen Eliten zur Lohnarbeit genötigt sieht, beschreibt unser Protagonist durchaus hellsichtig folgendermaßen: „Es gibt Informationen mit Janusgesichtern; Informationen, die gleichsam eine göttliche und eine diabolische Seite offenbaren. (…) Es gibt auch hier eine Ordnung der Werte. Auf der untersten Stufe steht die kommerzielle Information. Sie soll bestimmte psychologische Möglichkeiten der Gesellschaft, soweit diese als kaufende Masse erscheint, zum Nutzen der Produktion in Bewegung setzen. Auch gewisse literarische Erzeugnisse: Filmdrehbücher, Leitartikel, Reportagen gehören dieser Stufe an; sie dienen der Erregung massenpsychologischer Reizabläufe. Sie sollen eine von gewissen Machtgruppen gewünschte Norm menschlicher Verhaltensformen fördern. Letzten Endes gehorchen auch sie dem Gesetz der technischen Ökonomie.“ (S.387, Kursivsetzung NWS) Heute, in dieser unserer Gegenwart, in der Konzerne nicht zuletzt durch permanente Werbung immer mehr Einfluss auf die Menschen gewinnen, einer Gegenwart mitunter, in der eben diese Konzerne ihr wie auch immer geartetes Kapital nutzen, um tatsächlich, quasi hinter den Kulissen, eine imgrunde neoliberale Politik zu betreiben, wird erst offenbar, wie sehr Heinrich Schirmbeck damals den Nagel auf den Kopf getroffen hat, in einer aus heutiger Sicht informationstechnisch noch harmlosen Zeit.

II) Es ist außerordentlich schwer, in diesem Roman positive Aspekte zu finden, was die Freiheit des einzelnen Menschen betrifft oder gar die Zukunft der Menschheit. Heinrich Schirmbeck hat sich dazu entschlossen, ein Romanwerk zu schreiben, in dem es keine Helden gibt, in dem keine Figur erscheint, mit der der Leser bangt, mit der er sich tatsächlich durchgehend zu identifizieren vermag und die als Hoffnungsträger agieren könnte, auch wenn es am Ende dann doch einige Figuren gibt, die sich weigern, der Staatsmacht zu gehorchen oder wie gewünscht zu funktionieren. Insgesamt folgt dieser Roman in seiner Dramaturgie um der Lesbarkeit willen übrigens durchaus der handlungsreichen Trivialliteratur, von der er sich aber zugleich zu lösen vermag durch die hohe und etwas altertümliche Sprache und durch die Dichte an Informationen zu den beherrschenden Themen. Er dient so als Produkt eben nicht, etwa indem er falsche, unrealistische Hoffnungen weckte oder einfach nur der Unterhaltung diente, der „Erregung massenpsychologischer Reizabläufe“, eben weil diese Schrift über das Produktsein hinaus hohe Literatur ist. So ist auch der einzige mit Optimismus aufgeladene Satz des Romans der auf Seite 5, die Widmung nämlich: „Für die kommenden Generationen“; sie bezieht sich auf eben die Zukunft, in der wir alle uns jetzt befinden, in der wir leben, nach der Kuba-Krise von 1962 und dem langen, kalten Krieg von 1947 bis 1989 und schließlich der Auflösung des Warschauer Paktes, der Auflösung also des Ostblocks, wie man in Westdeutschland sagte. Womöglich wäre es besser gewesen, die NATO Anfang der 90er Jahre gleich mit aufzulösen, des GleichgewichtesAuch dies, das Gleichgewicht der Kräfte zwischen Ost und West als Möglichkeit, einen dritten Weltkrieg und damit womöglich den Overkill zu verhindern, spielt eine wichtige Rolle in Schirmbecks Roman, denn diese Kräfte sind, wie sollte es anders sein auf diesem Planeten, natürlich im Endeffekt immer militärische Kräfte, deren Hauptbedrohungspotential die von der Wissenschaft ersonnenen, allesvernichtenden Bomben darstellen, von der Atombombe bis hin zur Kernfusionsbombe respektive Wasserstoffbombe. Doch da das Gleichgewicht niemals das eigentliche Ziel der jeweiligen Partei, „Ost“ wie „West“, sein kann, sondern selbstverständlich die Übermacht gegenüber dem feindlichen System, so stellt sich die Frage, damals wie auch wieder heute, wie die sozusagenfriedensstiftende Notlage, das Gleichgewicht des Schreckens zu erreichen ist. Was also ist zu tun, was kann der Einzelne, insbesondere auch der Wissenschaftler, der Physiker bewirken, zu verhindern, die Menschheit, den ganzen Planeten gleichsam zur Hölle zu schicken?

III) Heinrich Schirmbeck wählte Mitte der 1950er Jahre nun zunächst die Form des Romans, diese Thematik zu behandeln. Warum aber die quasi persönliche Ich-Perspektive, obgleich weder der Ich-Erzähler noch irgendeine andere Figur des Romans eine seelische Entwicklung durchmacht, die nachspürbar machte, wie sehr er oder sie persönlich mit der Verantwortung ringt? Eine mögliche Antwort findet sich in dem Umstand, dass der Kunstgriff des Romans darin besteht, in Thomas Grey nicht nur den Physiker sehen zu sollen, der am Bau von Vernichtungswaffen auch ohne sein Wissen indirekt beteiligt sein könnte bzw., wie er befürchtet, ist, sondern auch den Schriftsteller, dessen im Gefängnis verfasste Schrift eben diesen Roman darstellt, in dem alle Argumente aller Seiten in die Handlung verwoben sind. Diese Verbindung von Naturwissenschaft und Literatur zeigt sich dennoch nicht vordergründig darin, der erzählenden Literatur einfach nur eine Informationspflicht aufzubürden, sondern gründet sich auf die Erkenntnis, in einer quasi durch ein Übermaß an Technik neu definierten Welt zu leben, die neuer Kunstformen bedarf, in die die notwendigen Informationen zeitgemäß eingewoben sind, als Fäden im Gewebe, in derTextur. Im Roman äußert sich Thomas Grey folgendermaßen: „Für mich hatte die traditionelle Unterscheidung (…) zwischen Dichtung und exakter Forschung, zwischen Mathematik und Literatur nicht jene Gültigkeit, die sie für alle meine Studienkollegen noch besaß“ (S.97), und weiter an anderer Stelle, „ich wollte an den bestürzenden Offenbarungen der modernen Physik zum Lyriker werden. Ein abstruses, ein phantastisches Vorhaben, ich wußte das!“ (S.99) Es scheint unserem Protagonisten und damit dem im Sinne des Romans „eigentlichen Autor“ hier also darum zu gehen, die Literatur auf Augenhöhe mit der technisierten Wirklichkeit zu bringen, einer Wirklichkeit, in der die Technik eine eben immer größere, auch bedenkliche Rolle einnimmt. So zitiert Grey den am Ende der Geschichte sich aufs Land in die Einsamkeit zurückziehenden Physiker de Bary, der sich folgendermaßen äußert: „Die Roboter sind ein furchtbares Geschlecht. Nachdem ihre Saat einmal aufgegangen ist, wird es nicht lange dauern, bis sie die Welt überwuchert haben. Ich kann es nicht verhindern; ich kann nur noch darüber nachdenken, wo der Same des Samens liegt; (…).“ (S.491) Das klingt nun fürwahr sehr pessimistisch, vor allem wenn man bedenkt, dass ja der Roman in der Fiktion als ein Bericht des im Gefängnis einsitzenden Thomas Grey zu gelten hat und dieser Bericht somit wohl kaum das Licht der Öffentlichkeit sehen wird, dies Nachdenken de Barys somit ein Rückzug ohne Zeugen und damit ohne Relevanz ist. Zudem offenbart sich der Ich-Erzähler im Epilog als die schwache Person, die er in den Augen anderer Romanfiguren immer schon war, die ihn als Mitläufer, als naiven Chronisten sehen, als jemanden, unter dessen Fußsohlen die Lava kocht, ohne dass er es spürt, als ein Mensch, der quasi eine Maske trägt, unter der statt eines Gesichts einfach – nichts ist. Dieser im Gefängnis einsitzende Ich-Erzähler schreibt dementsprechend gleichsam abschließend, im Epilog nämlich, über sich: „Ich weiß, daß ich kein Dichter bin. Ich bin nicht einmal ein talentierter Schriftsteller. Mein Bericht ist nur an den Stellen gut, wo ich meine komplexen, meine zwiespältigen und hybriden Geisteszustände enthülle oder sie durch den Mund anderer enthüllen lasse. Ich weiß, daß mir das Einfache nicht liegt, weder im Leben noch in der Literatur. Und ich werde immer dem Komplexen verhaftet bleiben, dem Zwielichtigen und Polaren.“ (S.544) Letztlich sieht Grey also ein, dann eben doch Physiker zu sein, auch wenn ihm nahestehende Personen in ihm partout den Dichter sehen wollten, so wie er selbst es lange Zeit glaubte. Nimmt Schirmbeck hier also, zum Ende des Romans, zumindest vorläufig Abstand von der Annahme, es sei dem Schriftsteller möglich, „begriffliche Erkenntnisse, Denkmodelle wissenschaftlichen Denkverständnisses in emotionale Poesie umzuschmelzen, derart, daß sie menschlichen Rang und menschliches Interesse erhält“, so wie er dies Jahre später in dem bereits erwähnten Essay-Band Die Formel und die Sinnlichkeit formulierte? (S.23) Im selben Band räumt Schirmbeck auch ein, dass der Dichter vor den Stoffbergen der wissenschaftlichen Disziplinen ein Laie bleiben muss und so der poeta doctus eben eine Fiktion bleibe, anders als noch zu vergangenen Zeiten, in denen Geschlossenheit möglich gewesen sei. (S.69)

Thomas Grey als eine zeittypisch schwache Person also, als jemand, der ohne eigene Schuld seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden vermag, weil es eben grundsätzlich nicht mehr funktionieren kann, Dichter und Wissenschaftler zugleich zu sein? Der die Missstände zwar erkennt und sie als Chronist sogar beschreibt, ohne aber jemals Einfluss auf das Geschehen nehmen zu können? Die reinste Schwarzmalerei also? Nicht ganz, denn wenn ich sagte, es gäbe im Roman nicht einen wirklichen Helden, so ist das nicht ganz richtig, auch wenn dieses Heldentum des Einzelnen gleichsam nur beschworen, immerhin aber vehement und mutig gefordert wird, der erste Schritt dazu also getan ist. Der neben dem Ich-Erzähler zweite, nun aber gleichsam wahre Literat des Romans, Maxim Bernstein genannt und ebenfalls eine Art oder imgrunde das eigentliche Alter Ego Heinrich Schirmbecks, der einzige Mensch, so die blinde Giselle zu Grey, der „ein reines Gesicht hat“ (S.531), zeigt diesen Mut nun als Dichter mit einer Rede auf einem Kongress. Die Rede gipfelt in der Überzeugung Bernsteins, Dichtung müsse Nachahmung des Heldischen sein, denn „alle große Dichtung bei allen Völkern und Kulturen sei Heldendichtung gewesen, Bericht, Glorifizierung, Mythisierung heldischer Ereignisse“. (S.364f.) Es brauche also eine neue Dichtung des menschlichen Heroismus, des Opfers, des Wagnisses, der Prüfung, der Bewährung, denn der soziale Organismus entarte, die Moral zersetze sich, die Ordnung löse sich auf, weil die altenDrachen tot seien, die Augen einer neuen Generation aber noch nicht klarblickend genug, diese neuen Drachen zu erkennen, nämlich die Maschinen, die Elektrogehirne, die Atomkraft und den Strahlentod. (S.365) Dies habe zur Folge, so Bernstein weiter, dass auch der Dichter konkret zu handeln habe, und selbst wenn dies vordergründig Verrat bedeute, so müsse dies doch um einer höheren Treue willen getan werden. Der Dichter sei zum Sehen geboren, er müsse den Helden auf seinem dunklen Wege erkennen und ihm die Fackel voranhalten, so etwa im Falle des us-amerikanischen Ehepaars Rosenberg, die mit ihrer Spionagetätigkeit für den Osten doch immerhin dazu beigetragen hätten, zwei gleich starke „Drachen“ hervorzubringen, die sich dann also mit ihrem Atomwaffenpotential gegenseitig in Schach halten würden. (S.366f.) Womit wir wieder beim Thema des Gleichgewichts der Kräfte wären, eine Thematik, die uns auch heute angesichts des fahrlässig vom Westen mitverursachten Krieges in der Ostukraine und militärischer Bestrebungen in Ost und West wieder ins Haus steht.

IV) Eine weitere, ganz wesentliche Thematik des Romans ist die derKybernetik und die damit verbundene Frage des mitunter wechselseitigen Verhältnisses von Mensch und Maschine. Die Kybernetik als die Kunst, oder die Wissenschaft der Steuerung und Regelung von Maschinen ist uns Heutigen und besonders auch den jetzt Heranwachsenden in gewisser Hinsicht fast schon in Fleisch und Blut übergegangen. So jedenfalls will es uns scheinen, denn kaum ein Arbeitsplatz ohne Computer, kaum ein Blick in die von Menschen bevölkerte Wirklichkeit, in der nicht selten jeder zweite Zeitgenosse auf einem Laptop, Smartphone oder Tablet Einstellungen vornimmt, wischt und tippt, also mit der „Welt“ kommuniziert, alltägliche Dinge regelt, sein Konto einsieht, Eintrittskarten kauft oder sich neue Schuhe bestellt, spielt oder flirtet oder sich wie auch immer unterhalten, sich so aber auch meist von seiner unmittelbaren Umgebung isolieren, trennen lässt. Der Mensch ist mit seiner Maschine jedenfalls innig verbunden, so der Eindruck, der meiner Ansicht nach auch durchaus nicht täuscht. Man könnte mitunter glauben, man lebe tatsächlich in der Zukunft. Auch die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts brachten einen für die Zeitgenossen beachtlichen Schwung an neuer Technik, der Roman schöpft nicht selten aus der Beschreibung dieser technisierten Umwelt eine Stimmung, die nicht von ungefähr (heute) an Jacques Tatis Film Playtime von 1967 erinnert, in dem ein Paris gezeigt wird, in dem alles Geschehen unpersönlich wirkt, steril und gelenkt von Zweckmäßigkeit, nur dass Schirmbeck nicht das Absurde und Komische solch einer Welt aufzeigt, sondern das Bedrohliche und für den Menschen Gefährliche durchschimmern lässt. Im Vorwort zu Die Formel und die Sinnlichkeit schreibt Schirmbeck Mitte der 60er Jahre, dieser „Einbruch der Naturwissenschaft in unser Leben“ zeige sich in der Überflutung unseres Alltags mit technischen Geräten, in der Beschleunigung aller materiellen und informativen Prozesse. „Er zeigt sich aber“, so Schirmbeck weiter, „noch viel unheimlicher in der Entsinnlichung aller traditionellen Lebensverhältnisse. Es ist, als werde ihnen die Substanz zunehmend entzogen, so daß nur ein abstraktes Skelett von Funktionen übrigbleibt“, was aber vielleicht unvermeidlich sei, denn es mag wohl sein, so Schirmbeck, dass dies „im Entfaltungsplan des Menschlichen“ liege. (S.9) In seinem Roman, wenige Jahre zuvor erschienen, ist diese fatalistische, düstere Sicht auf die Welt der Technik und der Maschinen nun gleichsam Programm und prägt den Ich-Erzähler nachhaltig. Schon als Jugendlicher habe er, so Thomas Grey, im Geiste raffinierte Foltermaschinen für die Verdammten erfunden und zudem in den Bildern von Bosch, Breughel, Goya und so weiter das Satanische, Böse und Sadistische entdeckt, und eben diese unmenschliche Kälte habe fast immer einen deutlichen Zusammenhang mit dem Geist der Maschine Er fährt fort: „Zeitlebens empfand ich einen Horror vor Maschinen, ich hatte nie das, was man technischen Verstand nennt, obwohl ich später (…) Textilmaschinenkunde studieren mußte und auf dem Gebiet der mathematisch-kybernetischen Maschinen mich sogar zu einem Kenner entwickelte.“ (S.29)

Der Erzähler wird also, nach eigener Aussage, in diese Welt der Technik hineingerissen, die er von Anfang an als eine dämonische ansieht und die ihn zugleich abzustoßen und anzuziehen scheint. So schreibt er als junger Mann ein Mitte des 17. Jahrhundert spielendes Drama, in dem der Physiker und Mathematiker Blaise Pascal seiner Schwester Jacqueline die Motive darlegt, aus denen heraus er seine Rechenmaschine entwickelte, diePascaline, eine Ahnherrin der „modernen Denkmaschinen“. (S.81) Dieses Drama, das der Erzähler in seinen „Bericht“ einfügt, zeige seine geistige Entwicklung, so Grey, besser als jeder noch so aufrichtige Bericht (S.81), sei aber auch als der Niederschlag „einer pathologischen Verirrung“ (S.84) zu sehen. Ich denke, dass Heinrich Schirmbeck diese Konstruktion wählte, um eben dies zu tun, was er gegen Ende des Romans seiner Figur de Bary in den Mund legt, nämlich darüber nachzusinnen, wo der Same des Samensliegt, wo das Dämonische, die Durchsetzung der Welt mit Technik, seinen Anfang nahm. In diesem Drama findet nun also ein Gespräch statt zwischen Blaise Pascal und seiner strenggläubigen Schwester Jacqueline, so dass nicht zuletzt auch menschlicher Forschungsdrang auf Gottesglauben, aufGottvertrauen trifft. Die Schwester wirft nun in diesem Dialog ihrem Bruder vor, die Maschine mit dem Herzen gebaut, ihr also einen bedeutenden Raum in seiner Seele eingeräumt zu haben, weswegen er ja auch von einer „Metaphysik der Maschine“ spreche. Dies alles sei eine schwere Sünde. (S.82) Der Vorwurf könnte klarer nicht sein, Jacqueline geht eindeutig davon aus, dass diese Maschine ihren Bruder bereits stark beeinflusst, gar in seinem Wesen verändert hat. Dies räumt Pascal nun auch höchst erregt ein. Er erwidert: „Es ist wahr: ich baute jene Maschine nicht nur um des Nutzens und der Zeitersparnis willen. Eine tiefe Lust und eine wilde Freude des Herzens beherrschten mich, als ich ihre Konstruktion ersann. Ich habe den Menschen verglichen mit einem zerbrechlichen Rohr; einem Rohr indessen, das denkt. Und dieser Satz, in den ich alle Selbstdemütigung, alle kokette Verzweiflung, alles sündige Liebäugeln mit der natürlichen Schwäche unserer Kondition, zugleich aber auch allen Stolz und alle Selbstvergottunghineingelegt habe, dieser Satz wird mir vielleicht einst die ewige Verdammnis bereiten.“ (S.82, Kursivsetzung NWS) Schirmbeck wählt hier den Begriff der „Selbstvergottung“ als ein Schlagwort, das durchaus den Beginn unserer Moderne, des Maschinenzeitalters kennzeichnen kann. Jacqueline Pascal ist es dann schließlich, die die Entwicklung vorzeichnet, an deren Ende sich der Ich-Erzähler Jahrhunderte später wähnt, an dem Punkt, an dem die Menschheit der Maschine quasi erliegt. Jacqueline Pascal gibt also zu bedenken, dass eben diese Maschine „voller Unheil für die Seelen der anderen sein wird“ (S.83), denn, so die Schwester weiter zu ihrem Bruder, „andere werden kommen und Maschinen erfinden, die die deinige an Schnelligkeit und Vielseitigkeit übertreffen. Und diese Maschinen werden dazu dienen, neue Maschinen zu bauen, und das Herz des Menschen wird sich von diesen Maschinen einnehmen lassen und selber zum Maschinenherzen werden, und statt die Erbärmlichkeit seines Denkens zu erkennen, wird der Mensch mehr und mehr von seiner Selbstherrlichkeit überzeugt sein. Er wird eine Schöpfung um sich herum aufbauen, die er der göttlichen Schöpfung entgegenstellt. Er wird das Bewußtsein seiner Preisgegebenheit verlieren, und das Grauen vor dem Schweigen der ewigen Räume wird aufhören, ihn zu beunruhigen, wenn er erst gelernt hat, sie mit seinen Instrumenten zu messen.“ (S.84) Schirmbeck bzw. Grey legt hier seiner Figur also offensichtlich so etwas wie jenen „Entfaltungsplan des Menschlichen“ in den Mund, von dem bereits die Rede war, als etwas womöglich nicht Aufzuhaltendes, dem freien Willen des Menschen aber Entsprechendes. Letzteres wird deutlich in der Erwiderung Pascals auf die Frage seiner Schwester, ob er bereue, diese Rechenmaschine erfunden zu haben, denn Pascal bereut es nicht nur nicht, sondern bekennt offen, dass eben dies seine Seele befreit habe (S.84). Doch was bedeutet nun diese von Pascal behauptete Befreiung der Seele, ihre Loslösung aus den Vorgaben der christlichen Glaubenswelt, wenn der Mensch sich dadurch ein neues Wesen an die Seite stellt, die Maschine nämlich? Wird der Mensch mit ihrer Hilfe den Weg der eigenen Bestimmung gehen können, oder wird der Mensch der Maschine schließlich doch Untertan sein, an sie glauben müssen, so wie er einst an die Götter oder an den einen Gott glaubte?

Der Ich-Erzähler Thomas Grey nun bleibt bei seinen Verlautbarungen gegenüber anderen Figuren des Romans imgrunde bei der Ansicht, es sei nach wie vor sinnvoll, den negativen Seiten dieser technischen Entwicklung Paroli zu bieten. Seine, wenn man so will, Gegenspieler treten dabei ganz freimütig und selbstbewusst als Angehörige des auf militärische Überlegenheit setzenden, westlichen Systems auf, das nur der äußeren Erscheinung nach noch als ein demokratisches gelten kann, längst aber schon diktatorische Züge angenommen hat. So zeigt sich ein hoher Mitarbeiter des Amtes für strategische Informationen im Gespräch mit Grey ganz offen, was die Frage betrifft, wie sich die Gesellschaft als eine von Maschinen bestimmte entwickeln werde und was das für den Einzelnen bedeuten wird. Dieses gleichsam „hohe Tier“ äußert sich also, an Grey gewandt, folgendermaßen: „Wahrscheinlich geistern noch irgendwelche überlebten Vorstellungen in Ihnen; Vorstellungen von der Unverletzlichkeit des Individuums oder der Freiheit der Forschung. Die Kybernetik wird Sie lehren, daß das meiste von dem, was wir als intimen Besitz der Sphäre des Individuellen zuzuschreiben gewöhnt sind, zur Maschinenfunktion werden kann; (…).“ (S.207) Liest man diese Passage heute im Jahre 2015, so muss man unwillkürlich an eben jene bereits erwähnte alltägliche Abhängigkeit von der Maschine, dem Rechner, denken, denn mitunter wird ja der Mensch buchstäblich maschinell gelenkt, nicht nur mittels Werbung hin zu einem Produkt oder gleich zu einer kompletten Lebensweise, zu einem Lifestyle, sondern tatsächlich mit GPS von einem Punkt A zu einem Punkt B geführt, und zwar mit Hilfe von Satelliten, die unseren Planeten umkreisen, die immer mit uns sind wie einst die Götter.

Schluss) Heinrich Schirmbeck zeigt, ich denke, das ist deutlich geworden, die gesellschaftspolitischen Gefahren seiner Zeit insgesamt durchaus adäquat auf. Andere Autoren der Epoche nach dem Zweiten Weltkrieg wählten bei gleicher Thematik andere Herangehensweisen, so wie einige Jahre später Friedrich Dürrenmatt mit seinem grotesken Theaterstück Die Physiker oder der isländische Schriftsteller Halldór Laxness bereits 1948 mit seinem Roman Atomstation, der in einer launigen, ironischen Art und Weise das Thema Atomkrieg behandelt, oder auch der Ire Flann O’Brien, der 1964 in Aus Dalkeys Archiven sehr humorvoll und absurd die mögliche Vernichtung der Menschheit durch wissenschaftliche Errungenschaften behandelt. Schirmbeck geht wie gesagt einen anderen, einen wenn man so will ernsteren, humor- und ironiefreien Weg, auch wenn er so das Risiko einging, einen als schwer lesbar geltenden Roman vorzulegen – Heinrich Schirmbeck fordert, wie gesagt, „Einiges“ von den Lesern. Doch muteten nicht Robert Musil mit seinem Mann ohne Eigenschaften und Thomas Mann mit seinem Zauberberg den Lesern ebenfalls viel zu, indem sie hochkomplex die Atmosphäre und die Konstellationen am Vorabend des Ersten Weltkrieges aufzeigten? Die von Heinrich Schirmbeck beschworene Konstellation ist nun zeitlich vier Jahrzehnte jünger und zeigt gewissermaßen den Vorabend eines drohenden Dritten Weltkrieges. Der Unterschied zu den genannten Werken aber ist der, eben nicht im wissenden Nachhinein zu schreiben, sondern eindeutig vor der befürchteten Katastrophe zur Feder zu greifen, eine Katastrophe, die 1962 und damit nur fünf Jahre nach Erscheinen des Romans in der Kuba-Krise fast auch Wirklichkeit geworden wäre.

Ist dieser Roman von Heinrich Schirmbeck mit dem Titel Ärgert dich dein rechtes Auge nun also ein Roman von „Damals“, quasi nur noch ein wichtiges Dokument aus anderer Zeit, oder ist er auch heute noch ein Werk, das sich aktuell zu lesen lohnt? Thematisch jedenfalls muss der Roman naturgemäß auf fruchtbaren Boden fallen, bezieht der Text doch sein Spannungsmoment aus allen möglichen Formen vermeintlicher oder echter Gegensätze – es geht um Gott und Teufel, Licht und Finsternis, die Gegensätze politischer Systeme, um Kunst und Kommerz, Literatur und Propaganda, Mensch und Maschine – und all dies ist ja so aktuell wie eh und je und hat zum Teil sogar an Brisanz gewonnen, man denke an die erwähnte augenfällige Abhängigkeit des Menschen von Maschinen und von Rechnernaller Art und die Besetzung des Alltags und selbst des Privaten und Intimen mit Werbung und Kommerz. So gesehen müsste der Roman, bedingt letztlich auch durch die Neuauflage im Jahr 2005, anspruchsvolle Leser und Leserinnen zu finden wissen, beziehungsweise diese den Roman. Zu wünschen und zu hoffen ist in jedem Fall, dass die Veranstaltungen in diesem Jahr 2015, dem hundertsten Geburtstag Heinrich Schirmbecks, dazu beitragen, dessen Schriften wieder ins Bewusstsein der lesenden Bevölkerungsschichten zu bringen, damit es in diesem Lande in Sachen Literatur weiterhin vielschichtig, kontrovers und wild zugeht!

Norbert W. Schlinkert 2015 – Alle Rechte beim Autor

ES IST NIE ZU SPÄT (für C.)

Nur wenig später wünschte sie, dass nicht nichts passiert wäre.

 

Die Hand, die sie der nicht in den Nacken gelegt hatte.
Das Knie, das sie nicht zwischen deren Knie gedrückt hatte.
Der Kopf, den sie nicht an deren Brust gerieben hatte.
Der Fuß, mit dem sie nicht an der Außenseite von deren Bein entlang gestrichen war.
Die Halsschlagader, die sie der nicht unter den Mund gestreckt hatte.

 

Alles brannte. Besonders die linke Seite, die sie der einmal zugeneigt hatte, ein winziges Stück Milimeterabstand noch haltend.

 

Ein anderes Mal: Deren Hand an ihrem unteren Rücken, der kurze Druck aller fünf Fingerspitzen. Sie konnte das jederzeit fühlen.

 

Blicke. Wie die sich festgesaugt hatten an ihr, in ihrer Erinnerung. Ein einziges KOMM. Oder hatte sie sich auch das nur eingebildet? Beider Stimmen so rau, unwillkürlich ins Flüstern verfallend, obwohl sie doch niemand belauschte. „Und du?“ Der Klang dieses „du“, der in ihr widerhallte.

 

„Please stop dancing in my mind.“

 

Gespräche, die kreisten und sich tiefer schraubten. Fühler ausstrecken, um sich abzutasten, nicht invasiv. Ehemalige Lieben, stilles Versagen, Eingeständnisse an der Grenze zur Indiskretion. Sie hätten hier sehr leicht ihre Liebsten verraten können, längst vor einer ersten Berührung.

 

Nur dieser eine Kuss dann. Herbeigesehnt seit Wochen. Tagen. Minuten. Das Zurückschrecken. Lippe an Lippe. Diese Hitze. Der Druck. Ein Hauch von Feuchtigkeit. „Wir dürfen nicht.“ Welche von beiden hatte das gesagt? Wie sie einander umtänzelt hatten beim Rausgehen, ohne sich noch einmal anzusehen. Kurzes Nicken dann bei zufälligen Begegnungen tagsüber. Weinkrämpfe in der Nacht auf dem Klo.

 

Sie hatte es richtig gemacht. Sie wünschte sich was anderes. Schon wenig später.

Wirhier

„Warum kriegen die das nicht bei sich geregelt. Haben die kein Plan. Wie Akte X, ohne Scheiß. Tausend davon. Nachher werd ich da reingezogen. Nachher quartieren die noch sone bei mir ein. Wie im Krieg. Seit die jede Nacht rüberkommen. Das Meer sieht ja immer rabenschwarz aus. Kaum zu glauben dass man in der Brühe noch baden kann. Wo jetzt so viele reinfallen ist damit aber sicher bald Schluss.
Was können die hier schon machen. Kennt die jemand. Ich seh nur was krabbeln im TV. Manchmal träum ich davon. Wo es so heiß ist jetzt hab ich immer ein Handtuch am Bett.
Keine Namen. Jedenfalls hör ich nie einen oder dass jemand seinen mal sagt.
Wer wär zu mir denn freundlich wenn ich so am Arsch wär. Glaub bloss nicht dass da einer ein Spendenkonto für mich einrichtet drüben. Haben die überhaupt eine Regierung.
Ob die mich überhaupt rausfischen würden.
Nee nee.
Lauter welche die bei Null anfangen müssen. Könnt ich ja nicht. Aber wenn die sich den Krieg selbst eingebrockt haben. Und den Hunger. Weiß ja keiner. Die können ja nicht so leben wie wirhier. Reicht hinten und vorne nicht für alle wenn man mal nachrechnet. Aber wir sind ja auch schon länger am Hebel. Haben was aufgebaut.
Vielleicht sind paar anständige bei denen dabei. Aber wie soll man die auseinanderhalten. Solange die nass sind eh nicht.
Und was ich hab dafür hab ich mich krummgelegt. Was haben die gemacht in der Zeit. Alles laufenlassen und jetzt kommen sie her. Die Griechen bestimmt auch bald.
Unsere da oben haben ja kein Plan wie es werden soll wenn noch mehr kommen. Was die alles brauchen von uns. Ojeoje. Wenn die alle arbeiten wollen wie wirhier. Die wollen ja keine Almosen. Wer macht sowas schon freiwillig. Seine Heimat gibt keiner einfach so auf.
Aber was jetzt. Jetzt sperren wir die ein. Verbrecher sind die ja nicht. Ein paar vielleicht schon aber die kommen wohl eher mit dem Flieger.
Jemand muss den Schlamassel in Ordnung bringen. Sonst seh ich schwarz.“ 



Boote. 
Vorboote. 

Freiburger Notizen (13)

“Schöner Mittag” sagen die Freiburger, wenn sie sich gegenseitig einen solchen wünschen. Manchmal sind sie weitaus schwerer zu verstehen. Gestern, bei meiner Ankunft in Betzenhausen, vermeinte ich zunächst, reichlich verblüfft, einen Muezzin rufen zu hören, bis mir klar wurde, daß vielmehr die Nachbarn mithilfe extrem gedehnter alemannischer Lautfolgen das Achtzehnuhrwetter besprachen. Der schöne Mittag zu Betzenhausen indes besteht aus einer Reihe seltsamer Hausumschwungspflegegeräusche, etwa als bohrten überdimensionierte Insekten aus dem Weltall die petuniären Rabatten auf. Dazwischen ein rätselhaftes Scharren, nicht unrhythmisch, aber auch nicht richtig rhythmisch. Amseln linsen durchs Fenster, schotentragende Glyzinien wuchern, die Feige reckt sich anklägerisch dem selten bedeckten südbadischen Himmel entgegen. Auf der Herfahrt im Zug hatte ich begonnen, Markus Orths Alpha & Omega zu lesen, ein Roman, in dem sich Anleihen bei Douglas Adams und Laurence Sterne finden lassen und der zu guten Teilen in Freiburg spielt. Entsprechend tragen Teile des Personals urbadische Charakterzüge. In Birte “Bitch” Winter z.B., die eine Art Gottesmutter vorstellt und esoterische Neigungen hegt, vereinen sich bodenständig-lässig spirituelle Bestrebungen wie ich sie für die oberrheinische Provinz stets als typisch empfunden habe. Apfelbäume und Räucherstäbchen. Eine geradezu essentielle Freiburg-Figur ist Harry Schmelzer, bekannt als der Blinde Autonome, der als Bettler die Fußgängerzone bevölkert. Die Geschichte seiner Erblindung spielt wiederum auf dem Parkplatz des weithin bekannten Freiburger Musikschuppens Crash.

Angekommen in Freiburg bin ich erst, wenn ich am Münsterplatz eine Bratwurst verspeist habe. Ich meine mich zu erinnern, daß früher eine einzige Bratwurstbude auf dem Platz stand, heuer waren es sechs oder sieben, feierlich nebeneinander aufgereiht, ihren unwiderstehlichen Dunst auf hundert Meter verströmend. Der Markt am Münster ist vorwiegend mit Produkten aus dem Freiburger Umland bestückt und im Schnitt etwa doppelt so teuer wie der Nippeser Markt am Taj Mahal. Sicher, der Freiburger hält die Produkte, die er ersteht, generell für qualitätsvoll, das Kompositum Lebensqualität ist ihm tägliches Mantra, und die roten Rettiche, die ich heute auf dem Markt erwarb, kamen tatsächlich nicht übel auf der Zunge – derart immens war der Unterschied zu in Nippes feilgebotenen Rettichen (was für den Rettich gilt, gilt in diesem Fall auch für die Erdbeere und andere marktgängige Kulinarien) jedoch nicht, daß sich der Preisunterschied allein aus Qualitätsdifferenzen rechtfertigen ließe. Vielmehr scheint es die täglich mehrfach beschworene Lebensqualität, die Freiburg zu einem teuren Pflaster macht.

Apropos Pflaster: ins Pflaster der Innenstadt sind zahlreiche Mosaiken aus Rheinkieseln eingelassen. Das ist schlicht und hübsch anzusehen. Am Rande der Straßen und Gassen fließen die sogenannten Bächle, ein venezianisches System en miniature. Kinder ziehen kleine Schiffe an Schnüren die Bächle entlang, ein Treideln wie aus den Erzählungen Lemuel Gullivers. Es sind viele Sprachen zu hören, aber kaum türkisch, nichtmal auf dem Markt, noch so ein Gegensatz zu Nippes. Das Pflaster ist, wie auch im allgemeinen die Wände, Grund zu Parolen. Z.B. das der Wiwilíbrücke, deren Bogengeländer gern von studentischen Trainspottern erklettert wird. Politisch ist man in Freiburg allemal, dieses Schablonen-Graffito gilt einem Mann, der namentlich zwar bestens nach Freiburg passen könnte, jedoch keine konkrete Beziehung zur Breisgaumetropole pflegt:

fr_brüderle