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Inhalt 03/2015

Die Lesezeichen-Ausgabe 03/2015 erschien am 12. Oktober 2015.

In dieser Ausgabe:

Eingeständnisse an der Grenze zur Indiskretion, Akte X, Markus Orths Alpha & Omega, Gräser und Bäume, Nebenabreden mit Mauern, eine Frau mit zwei Einkaufstaschen, ein Instrumental-Hit von Hot Butter, Kopfschmerzen und Sodbrennen, Christoph Ransmayr, John Berger, Janet Frame und Antonio Tabucchi, die Botschaft der kirgisischen Republik, eskortierender Nippes, Kenneth Goldsmith und Christian Bök, das Literarische Colloquium Berlin, Musil und Mooses Brugger, bedarfsorientierte Sexualität, nächtelange Übungen in Endlichkeit, Europas gebaute Mauern, Atomphysik, Psychoanalyse und Psychologie, brennende Liebe, Schlüter und Wordsworth, Disketten, Festplatten, Sticks und Sigmund Freuds „Traumdeutung“ … uvm.

INHALT:

Der Aufzug

Im Aufzug.
“Haben Sie jetzt die 3 gedrückt?”
“Ja, schon.”
“Weil, ich muss in die 5.”
“Da liegt die 3 auf dem Weg.”
“Es ist nur, ich hab es eilig.”
“Jetzt habe ich aber schon gedrückt.”
“Kann man das denn nicht stornieren?”
“Jetzt machen Sie sich doch nicht lächerlich.”
Aufzug hält im 2. Stock.
“Jetzt hält der auch noch in der 2.”
“Da wird jemand gedrückt haben.”
Die Tür öffnet sich. Ein Frau mit Einkaufstaschen betritt den Aufzug.
“Haben Sie gedrückt?”
“Ja.”
“Weil, das hätte nicht sein müssen. Ich muss in die 5.”
Aufzug hält im 3. Stock.
“Ein schönen Tag noch.”
“Gehen Sie lieber, sonst kommen wir nie in die 5.”
“Ach, da fällt mir …”
Die Frau mit den Einkaufstaschen drückt die 4.
“Haben Sie jetzt die 4 gedrückt?”
“Ich muss noch mal zu den Spielwaren.”
“Ja, sind denn hier alle verrückt.”
“Entschuldigen Sie mal.”
Aufzug hält. Die Frau mit den Einkaufstaschen verlässt kopfschüttelnd den Aufzug. Ein Mann betritt den Fahrstuhl und will die 2 drücken.
“Halt! Ende! Jetzt wird in die 5 gefahren, verflucht noch eins.”

Unter Verzicht des Lebens

Trotzdem: in meinem irrationalen Tun gelingt es auch mir, aus dem Haus zu müssen; das Brot ist aufgebraucht, der Kaffee nicht mehr vorhanden. Sozialkontakte im Konsumtempel: ich laufe zufällig durch die Regale, von vorne nach hinten, nehme mir Dosen, Beutel, Tüten, laufe weiter, lege das, was ich willkürlich aufgenommen habe, wieder ab, starre auf die nackten Füße reifer Frauen, denke darüber nach, ob ich Buttermilch über sie gießen soll, schaffe mir Platz im Kühlregal, lasse mich nieder, reiße eine Packung auf, setze mich in die Kälte und warte, bis man mich auf mein Verhalten anspricht. Niemand spricht. Man kennt mich. Niemand spricht. Ich nehme meinen Hut ab, lege hinein was ich wirklich brauche. Lege Kaffee hinein, lege Kaffee hinein, lege Kaffee hinein. Ich stelle mich an die Kasse, bis nur noch einer vor mir steht. Kaum hat der bezahlt, lasse ich den nächsten vor, den nächsten vor, den nächsten vor, so daß ich eine geraume Weile fast dran bin. Die Kassiererin verdreht die Augen. Niemand spricht.

An der Bäckertheke: „Haben Sie schon gehört?“ – „Was?“ – „Was ist das da?“ Ich zeige mit dem Finger zwischen die Backwaren, zeige auf nichts. „Das?“ – „Nein, das daneben.“ – „Das?“ – „Nein, wieder nicht, das daneben.“ – „Das?“ – „Sehen sie nicht, wo mein Finger hinzeigt? Der zeigt genau daneben.“  – „Die Schnecke?“ – „Nein, nein!“ Ich tupfe mit dem Finger gegen das Glas, sie sieht hilflos zu ihrer Kollegin hinüber. „Das daneben!“ – „Neben was denn?“ – „Neben allem, begreifen Sie denn nicht?“ Sie starrt mich an, ihre Freundlichkeit ist verbraucht. Ich verabschiede mich nicht und gehe in die Apotheke.

„Guten Tag, ich benötige etwas gegen Sodbrenne nach Kaffeekonsum.“ – „Sodbrennen? Da haben wir…“ – „Sodbrennen nach dem Kaffeekonsum?“ – „Das ist ganz normales Sodbrennen.“ – „Nein, ist es nicht. Ich habe Sodbrennen nur nach Kaffeekonsum. Dagegen brauche ich etwas.“ – „Das hilft ganz genauso wie bei allem anderen.“ – „Kopfschmerzen?“ – „Sodbrennen.“ – „Ah, Sodbrennen. Habe ich immer nur nach Kaffeekonsum.“ Sie schielt auf meine Packung Kaffee, die ich in der Hand halte. „Vielleicht sollten sie einfach keinen Kaffee trinken.“ – „Der ist nicht für mich, der ist für meine Schreibmaschine.“

Lehm’ is hart – Der schwierige Abschied vom dicken Hansen

Mittwoch, 22. Juli 2015

Der dicke Hansen (54) ist beigesetzt worden, unter einem Walnussbaum auf dem Waldfriedhof Ohligs. Als ich über dem Erdloch kauere und etwas von der bereitgestellten lockeren Erde hineinrieseln lasse, bemerke ich eine rote Kirsche, die ist von Karlos, die hat Karlos da hineingelegt. Von mir ein letztes Rieseln, von der Gräfin ein letzter Klaps, eine letzte Erinnerung, und dann, adieu, alter Mann.

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Wie der dicke Hansen im Musik-Unterricht von unserem ebenso geschätzten wie verlachten Musik-Lehrer Bert V. die Erlaubnis bekam, in der großen Aula nach vorn zu kommen und am schwarz glänzenden Flügel Popcorn zu spielen, den Instrumental-Hit von Hot Butter, der im Sommer 1972 im Radio rauf und runter lief und Nummer 1 war in England, USA und Deutschland.

Wie stolz wir auf Hansen waren, als er da vorn an den Tasten saß und den Hit intonierte, genauso locker, wie wir ihn im Ohr hatten. Musik-Lehrer Bert V., eine anerkannte Cool Jazz-Größe, lächelte gütig und verschwand hinter der mobilen Tafel, um sich einen schnellen Schluck aus der Fanta-Dose zu genehmigen, mit ordentlich Rum drin. V. war nicht nur Jazz-Veteran, er war auch ein ausgemachter Säufer. Er hatte Bluthochdruck und schlimme Schuppen, die ihm auf die Schultern rieselten wie Fleckfieber. Die Schuppen sahen aus, als wären sie direkt von der Großhirnrinde produziert worden, mit mächtig viel Fließfett. Er trug Knickerbocker und grüne Kniestrümpfe, die seine Wadenmuskeln so stramm aussehen ließen, als könnten sie jeden Moment aufplatzen und alles einsauen.

Hansen bekam tosenden Applaus. Die ganze Jahrgangsstufe feierte ihn wie einen Revolutionär. Er hatte Popcorn gespielt, den Super-Hit, der klang, als käme er frisch aus Japan aus der Fabrik. Ping Pong-Pop. Als Zugabe durfte Hansen Lady Madonna anspielen, dann kam der Pausengong und beendete die Musikstunde. Wir lagen dem dicken Hansen zu Füßen. Wir hätten ihn auf Schultern aus der Aula getragen, wäre er nicht so dick und fett gewesen.

Schulligung, Py. Kleiner Scherz am Rande, aus alter Verbundenheit.

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Die Gräfin und ich sind um Viertel vor drei mit Schwarte verabredet, auf dem Friedhofs-Parkplatz gegenüber vom alten Union-Stadion. Schwarte hatte eigentlich geplant, gemeinsam mit Schnaat zur Beerdigung zu kommen, doch als er die Handynummer von Schnaat anwählte, nahm der den Anruf irgendwo am Pool unten in Portugal entgegen, da hatte sich die Sache erledigt.

“Ich wär ja gekommen”, so Schnaat, “aber is grad schlecht. Ruf mal den Glumm an, der wollte auch da hin.”

Das allerdings war unklar, bis zuletzt. Wir waren keine Freunde mehr, der dicke Hansen und ich – nein, kann man nicht sagen. Mit einem meiner ältesten Kumpane nicht mehr klar zu kommen, fühlte sich beschissen an, ich wusste nicht damit umzugehen, schon als er noch lebte. Wie denn damit umgehen, jetzt, wo er tot war? Die Gräfin redete mir zu, hinzugehen, Karlos redete mir zu. Mach dir nicht so viele Gedanken. Er ist tot. Er kann nichts mehr machen. Du schon. Geh einfach mit.

Niemand konnte mich so auf die Palme bringen mit seiner großkotzigen Art wie der dicke Hansen. Zweimal im Leben hat mich ein Mensch dermaßen aufgeregt, dass ich handgreiflich wurde und meinem Gegenüber an den Hals ging, beide Male war es der dicke Hansen. Der ja nicht wirklich dick war. Der im Höchstfall ein paar Kilo zu viel auf der Hüfte hatte, ein zu vernachlässigendes Geschwabbel.

Ein paar Bissen Übergewicht.

“Vorsicht! Ich bin fett!” hätte Hansen in diesem Moment eingeworfen. Der übrigens auch als Erfinder des legendären Satzes “ich hab einseitig Bulimie: Ich kann nur fressen, nicht kotzen” gehandelt wird.

Nicht minder legendär: “Lehm’ is hart.”

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Was ist eine Clique anderes als dick befreundete Mehrzeller.

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Karlos war bereits eine Stunde vor uns mit der Regionalbahn nach Ohligs gefahren, er hatte keine Ruhe. Seitdem er so lange abends als Schauspieler und vormittags als Sargträger aufgetreten ist, wird er jedes Mal hibbelig, wenn irgendwo eine Theater-Aufführung ansteht oder ein Begräbnis. Dann muss er auf der Stelle los.

Da bin ich ganz der alte Zirkusgaul.

Fahren wir also zu zweit nach Ohligs, die Gräfin und ich, im silbernen Kleinwagen. Lassen Frau Moll daheim. Die Hündin hat der dicke Hansen gar nicht mehr kennengelernt, obwohl sie schon fast zwölf ist.

“Was glaubst du, welche Musik gleich in der Kapelle läuft?” frag ich die Gräfin.

Sie vermutet Dr. John, ich Little Feat.

Hansen als Musiker beschrieb ein anderer Musiker so.

Mit Hansen in einer Band zu spielen bedeutet: man hat ein Problem, besonders bei ganz normalen, eigentlich selbstverständlichen Sachen. Hansen verschläft seinen Einsatz, ist plötzlich in der falschen Strophe, irgendeine kleine dumme Sache, die man ausbügelt und gut ist, aber es nervt auf Dauer, seine Unkonzentriertheit. Und dann kommt Hansen spontan mit einem schrägen Einfall um die Ecke und schüttelt einen Gimmick aus dem Ärmel, mitten im Song, ohne Ansage, so grandios, wie es nur der dicke Hansen kann..

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Als wir auf den Parkplatz einbiegen, steht Schwarte mit Ziegenbärtchen und dunkler Gitarrentasche in der sengenden Sonne. Wann wir uns das letzte Mal gesehen haben..? “Muss mindestens zehn Jahre her sein”, grinst er. Er hat sich kaum verändert. Gut sieht er aus. Gelassen. “Willst du gleich was spielen?” frag ich und nehme damit die blödeste Frage gleich vorweg, dann haben wir das schon mal aus den Füßen.

Schwarte: Ja. Klar. (Sein Blick verrät: Clever, der Glumm. Alle Achtung.)

Später am Grab wird er das wunderbare Willin’ spielen, in einer Akustikversion. Willin’ von Little Feat. “Ist aber eigentlich Lowell George”, meint Schwarte. Er spielt Willin’ in einer schwerblütigen Bergisch Land-Busreisen-Fassung, mit Grabesstimme.

Weitere Leute trudeln ein.

Da ist der schlaksige Schuh, der mir im September 1978 auf dem Patti SmithKonzert in der Philipshalle den Verstand rettete, als ich auf LSD durchzudrehen drohte, er aber cool blieb und mit mir gemeinsam das Konzert verliess, um im Auto Joints zu rauchen. Er hatte irgendwo aufgeschnappt, dass man auf einem Horror-Trip möglichst viel Haschisch rauchen soll, um die Wirkung des Acid zu dämpfen. Es hat funktioniert. Zum Glück. Ich verdanke Schuh mein Leben. (Ich hätte jetzt gern geschrieben, ich verdanke ihm meine geistige Gesundheit – aber nun ja. Man kann nicht alles haben.)

(Nur einen schönen Batzen.)

Andi K. ist da, smart wie immer. “Hallo Andi K.”, sag ich, “Hallo Andi Glumm”, sagt er. Die Tischler Moni, die mich nicht erkennt. “Hallo”, grüße ich sie im Kreis der Leute, die stehen bleiben. “Hallo”, grüßt sie zurück und fragt, “.. und wer bist du noch mal?” “Der Glumm”, sag ich und sie kriegt sich kaum ein. “Ich hab dich nicht erkannt!” “Hab ich mich so verändert?” “Irgendwie schon. Du hast so.. füllige Backen gekriegt.”

“Glumm, du Hamster”, meint Linus, der von rechts hinzukommt und eines gleich klarstellt: “Ich umarme nur die Frauen.” Sein chronischer Drei-Tage-Bart hat im Laufe der Zeit einen vierten Tag draufgepackt – der dunkle Geselle mit den großen Augen, die stets die richtigen Sachen lesen und weiter empfehlen, jetzt mit noch größeren Augen.

“Mich erkennen andauernd Leute nicht, die mich lange nicht gesehen haben”, sag ich angefressen und umständlich. “Wir sind so mopsig geworden”, meint die Gräfin. “Und wenn der Mund im Laufe der Jahre an Attraktivität verlieret, ist das auch nicht schön..”

Lauter 50jährige ex-Kumpel reisen an, die auch gern essen. Wenn Essen die Erotik des Alters ist, sind wir alles bombige Porno-Darsteller. Klee, der alte Szene-Frisör, der schon lange in Köln lebt wie viele andere auch, (nach Düsseldorf sind nur wenige gegangen), erinnert die Gräfin an Mister Stringer von Miss Marple.

“Ein richtig süßer Opi ist das geworden.”

Unverändert sind nur Schuh und Schwarte. Was sich an Schwarte nicht geändert hat, ist seine ruhige, gleichwohl atemlose Art. Wenn man ihm zuhört, dauert es nicht lang bis zu der Stelle, wo “.. da ham wir im neuen Auto reingekotzt” kommt, “überall Fleischbröckchen, hö hö..!”

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Der dicke Hansen gehörte zu der Handvoll Menschen, die wirklich eine Rolle spielten in meinem Leben. Unsere Wege trennten sich erst, als Heroin ins Spiel kam. Wir nahmen beide das Zeug, aber selten zusammen. Vielleicht weil jeder zu sehr Spiegelbild für den anderen war. Ich sah ihn an und wusste, wie scheiße ich aussah.

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“.. Hansen war so etwas wie der Amerikaner unter uns. Auf einer Reise durch die USA hatte er sich allein im Mississippi-Delta herumgetrieben. Es war die Lebensart, die ihm imponierte, das Easy Going der Einheimischen, die Musik. Hansen, der von Kindesbeinen an Klavier spielte, hatte während des USA-Aufenthalts ganze Blöcke aus dem College-Radio mitgeschnitten, spezielle Cajun,- Blue Grass- und Southern Rock-Sendungen, mit denen er uns nach seiner Rückkehr fütterte. So lernte ich Dr. John schätzen, The Meters und Allen Toussaint, Leon Russell. Die ganze fingerschnippende New Orleans Clique, die es nie wirklich nach Europa schaffte.”

(aus Psylocibin)

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Er war ein Getriebener. Sein Hass, sein tiefer Groll zielte auf seine Mutter, die ihn und seinen jüngeren Bruder früh verstoßen hatte. Sie war überfordert mit den beiden Jungs. Sie konnte mit Kindern nichts anfangen. Eine lieblose, egozentrische Person, die beide Jungs zur Oma abschob. Die gab ihr bestes, aber sie konnte die tiefe Verletzung nicht auffangen, die entsteht, wenn ein Kind von der Mutter weggegeben wird. Der Vater starb früh an Magenkrebs.

Die Jungs wurden von der Oma aufgezogen, die ein Lebensmittelgeschäft in der Innenstadt führte. Sie gab sich alle Mühe mit der Erziehung, war aber überfordert. Da sie jeden Tag bis halb sieben im Geschäft stand und nicht vor acht Uhr zuhause war, blieben die Jungs tagsüber sich selbst überlassen. Das war große Klasse. Das war unser Glück.

Die Oma hatte einen großzügigen Bungalow am Kannenhof gekauft, ein Neubau mit Schwimmbad, das wir in unserer Jugend bis zum Anschlag nutzten. Es verging kein Nachmittag, ohne das wir uns bei den Hansen-Brüdern zum Schwimmen trafen. Es waren herrliche Zeiten, wir entdeckten das Marihuanarauchen und spielten stundenlang Wasserball, bis die Haut einweichte und verschrumpelt vom Knöchel rutschte. Wir liefen den ganzen Tag im Bademantel durchs Haus, knubbelten uns gegenseitig die Klöten und futterten uns durch den gut gefüllten Kühlschrank – ganze Bataillone von Bauer-Joghurt gingen drauf. Das waren schöne Zeiten. Ich fand Nuss am besten. Der große Nuss von Bauer. Gekühlt vorrätig, stets stiegenweise.

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Hansen nahm Klavierunterricht. Sein Bruder Ralle hatte ein dickes Pearl-Schlagzeug im Zimmer und beackerte es ohne Unterlass. Da die Zimmer der Jungs im Untergeschoss lagen, standen wir manchmal eine Stunde und länger vorm Haus und klingelten uns oben die Finger wund, weil die Brüder uns nicht hörten. Man hörte schwere Buschtrommeln und Synthis aus dem Kellerschacht, und im Haus gegenüber wohnte ein kleiner dicker Mann, der es liebte, im Unterhemd über einer offenen Tonne Holz zu sägen. Niemand hörte unser Wehklagen und das Geklingel.

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Über seine erste Klavierlehrerin schrieb Hansen:

“Wie fettig ihre finger manchmal waren, wenn sie aus ihrer kleinen küche wieder an den flügel kam und sich neben mich setzte. Sie war dick und sie roch nach bratwurst. Ich mochte sie nie sonderlich,  aber als sie die musik, die mich im innersten berührte, nämlich die Beatles, die Who, die Stones, kurzum vom tisch fegte und nichtig machte, hasste ich sie.  Das ist keine richtige musik, hetzte sie, ebenso ahnungslos wie anmaßend..”

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Keiner von uns konnte mit harten Drogen umgehen, aber ihn erwischte es am ärgsten. Das Heroin brachte seine schlechtesten Eigenschaften zum Vorschein, und Hansen entwickelte sich zum Stalker.

Frauen, die ihn verliessen, wurden mit Telefonanrufen überzogen, in denen er sie als doofe Nutte und Ballast-Existenz beschimpfte und ihnen drohte, die Autoreifen zu zerstechen, wobei er sich meist begnügte, die Luft rauszulassen. Er schwärzte eine Ex beim Arbeitsamt an, weil sie einen Nebenjob nicht angemeldet hatte, verpfiff eine andere beim Drogendezernat, weil sie angeblich Gift vertickte. Merkwürdigerweise traf es längst nicht jede seiner Verflossenen, so wie seine Schmäh-Telefonate auch nicht jeden alten Kumpel trafen. Karlos etwa kam ungeschoren davon. Nach welchen Gesichtspunkten Hansen vorging, ich hab keinen Schimmer.

soviel flimmerhaare,

soviel flimmerjahre

.. schreibt der 2005 an Lungenkrebs gestorbene, begnadete Lyriker Thomas Kling in einem seiner letzten Gedichte. Auch Hansen ist an Lungenkrebs gestorben. Einer meiner dicksten und ältesten Freunde. Erst Prostatakrebs, den er noch überwinden konnte, Lungenkrebs, Blasenkrebs. Die ganz große Arschkarte. Der Tumor in der Lunge war groß wie eine Faust. Er lehnte Chemo ab, nur Bestrahlungen liess er zu.

“Ich hab mich mit dem Sterben arrangiert”, sagte er am Telefon, “ich kann loslassen”, und ich war überrascht über seine Nüchternheit. Vielleicht kann ich (auch) deshalb nicht weinen. Ich hab nicht eine Träne. Ich bin nicht mal wirklich traurig, das entsetzt mich am meisten. Was zum Henker soll denn noch alles untergehen, bis ich etwas fühle. Aber wir hatten zu lange keinen Draht mehr zueinander, es ist zuviel kaputt gegangen zwischen uns. Sind die Dinge erst einmal verhärtet, schafft nicht mal mehr der Tod mehr eine Träne.

Hansen hat eines nie begriffen, nie verinnerlicht, bis zuletzt nicht. Wer sich wie ein Arschloch aufführt, wird auch wie ein Arschloch behandelt. Es bleibt nicht ohne Folgen, wenn man glaubt, dass gewisse Standards im Umgang mit Menschen für einen selbst nicht gelten, nur weil man gerade ein stabiles Hoch erlebt und meint, auf andere hinabblicken zu können. So hielt er Junkies für das letzte Pack, obwohl er der Sucht so eben noch von der Schippe gesprungen war. So etwas liebe ich ganz besonders. Jeder, der sich so aufführt, wird von mir mit Küsschen eingedeckt bis er erstickt.

Das tragische daran: er war kein wirkliches Großmaul. Es hatte etwas antrainiertes, etwas vom Leben abgeschautes, wenn er seine Tiraden abrief, und: Er hatte ja immer wieder seine hellen Momente, wo ihm klar wurde, was für einen Mist er sabbelte.

Ich war ja nicht der einzige, mit dem er sich anlegte.

“Das hatte ja fast schon was geniales”, meinte Schnaat am Telefon, “wie Hansen es geschafft hat, all seine alten Freunde zu verprellen.”

Worüber er so alles verärgert war. Zum Beispiel meckerte er, dass sich die Dinge, so wie ich sie in meinem Blog beschrieb, so nicht zugetragen hätten. Natürlich nicht, gab ich zurück, jeder hat die Dinge aus seiner Warte gesehen, is doch normal. Und dass ich ihn in all den Jahren nie gefragt hätte, ob ich etwas bestimmtes, was ihn betraf, so schreiben könne.

“Wie soll das denn gehen, Py? Soll ich jedes Mal einen Absatz rübermailen und von die gegenzeichnen lassen, in dem du vorkommst??”

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Freundschaft hatte lange Zeit den höchsten Stellenwert. 10 von 10 Punkten, mit Extra-Sternchen und Bonus-Kussmund. Deshalb entwickelten sich viele Beziehungen über die Zeit auch so zäh, sind schwierig bis heute.

Je älter man wird, desto schwieriger wird es, die Menschen zu lieben, die man liebt. Sie sind nicht greifbar, wenn man sie braucht, man selbst ist nicht greifbar, wenn andere einen brauchen. Man muss sich stets erst verabreden, um sich gegenseitig brauchen zu können, weil die Leute längst woanders leben oder weil sie gerade Dinge zu tun haben, die keinen Aufschub dulden. Manchmal hat man einfach auch keine Lust. Ein Nachteil des Erwachsenwerden ist, dass man sich nur noch über den Weg läuft, wenn man zuvor eine Verabredung trifft, womit die Sache für mich in der Regel schon gestorben ist. Ich mag keine Verabredungen. Ich mag es, sich zufällig über den Weg zu laufen.

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“Ich kenn eigentlich keinen Peter, der nicht durchgeknallt ist.” (Die Gräfin)

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Wenn ich Songs wie Crazy Mama von JJ Cale höre, seh ich uns bekifft Auto fahren, die bergische Landschaft zieht vorüber, die ein wohlmeinender Sonntagsgott einst ausgewürfelt hat, die Luft im Wagen, warm und feucht wie in einer Haschischbackstube, und der dicke Hansen schifft uns sicher hinaus in die Welt.

Es gibt Dinge, die uns beide auf ewig verbinden. Da war der Anruf, den er bekam, als wir nachmittags in den Sommerferien bei uns zu Hause an der Schillerstrasse waren. Der Anruf kam von der Oma, Peter, der Opa ist gestorben. Da waren wir 16 oder 17. Oder wie Hansen und ich zusammen nach Nord-Spanien in Urlaub gefahren sind, in seiner blauen Ente, und ich wurde krank und lag die ganze Rückfahrt mit fast vierzig Fieber auf der Rückbank. Und wie ich seinen nagelneuen Datsun Cherry in Klump fuhr (und die Reparatur bis zum letzten Pfennig bei der Oma abstotterte.)

Oder Geschichten wie 30 Polariods.

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Er hat mir bis zuletzt Mails geschrieben.

“Aber was willst du eigentlich, Andi? Manchmal frage ich mich das, wenn ich dich so  lese. Wat will der glumm?  Warum lebt er so? Was fehlt dem nur? Ich versteh dich nicht. Du bist so weit ausserhalb.”

Eine seiner letzten Mails an mich trägt die Betreffzeile Fat Man got the Blues. Oder hier, Ende März 2015: Ich mache Fehler, dumme Fehler. Das war ein paar Tage nach der zornigen Mail, in der er mir mitteilte, dass ihn neben Blasen- nun auch noch Lungenkrebs befallen hat. Wo er sich so richtig auskotzt und mich (und andere Junkies und ex-Junkies) Parasitenfotzen und Methadon-Weicheier nennt.  Wie sehr er es bereue, Fotzen wie mich kennengelernt zu haben, mit ihnen sein Leben verschenkt zu haben. Das war die normale Schiene, die der dicke Hansen fuhr, wenn er seinen tiefen Groll auf einzelne Menschen ummünzte und sich nicht bremsen konnte.

Jahrelang sabbelte er uns den AB mit wüsten Beschimpfungen und Beleidungen voll, ich hab es hinterher nicht mehr abgehört. Sobald seine Nummer auf dem Display auftauchte, hab ich ihn weggedrückt, auch sein kleinlauten Entschuldigungen. Ich habe nie zurückgekläfft. Kein einziges Mal. Ich mag keine Beleidigungen. Die setzen sich im Ohr fest, und wenn man Pech hat, machen sie sich selbständig und führen ein Eigenleben.

Was mich betrifft, hat es die Gräfin so ausgedrückt.

“Du wirst selten ausfallend. Eigentlich nie. Du pisst einem trocken auf die Füße, das schon.”

Ich wunderte mich, dass er sich nicht vor der Gräfin schämte. Dass er mich beleidigte war das eine, aber es musste ihm doch klar sein, dass die Gräfin seine Ausfälle auf dem Anrufbeantworter ebenso abhörte.

Sie meinte zu mir nur: “Sag ihm doch einfach mal, dass du nicht seine Mutter bist.

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E-Mail vom dicken Hansen an mich, 8. 10. 2014

“Mir geht es echt scheiße, aber das gibt mir nicht das recht dich so anzufauchen. Ich habe manchmal recht unangenheme charaktereigenschaften. Und an diesem tag konnte ich mich nicht bremsen.

Jetzt schäm ich mich dafür.

py”

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Farewell, Py. Du warst Quälgeist und Gegenverkehr in einer Person, und du konntest so überraschend wohlwollend sein, (“hey altes schriftgestell, ich freu mich sehr für dich. denn mein dicker bauch sagt mir, es dauert nicht mehr lang, bis dein ersehnter durchbruch eintrifft..”), und du warst nicht dumm in deinem Urteil. Sobald ich das Gefühl hatte, dass deine Worte unabhängig waren von deinem aktuellen Gemütszustand, hörte ich genau hin. Aber sobald es dir schlecht ging, war auch alles andere schlecht und trug Mitschuld an deinem Schicksal. Das ist sehr menschlich, und sehr nervend.

Andererseits, wer sonst konnte so schöne Worte erfinden wie ALABASTER-FICKTÜTE.

Da war Musike in den Buchstaben.

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Er nahm keine Drogen mehr, nicht mal Methadon, nichts. Er war voll clean, cleaner als ich es je gewesen bin. Er hatte seinen Führerschein verloren und wollte ihn unbedingt zurückhaben. Weil ein dicker Hansen ohne Auto nur ein halb-dicker Hansen war, setzte er alle Hebel in Bewegung, um den Lappen zurückzukriegen. Er blieb clean, um die gefürchteten Urin-Kontrollen zu überstehen, wo unter Sicht abgepinkelt werden musste. Er zahlte insgesamt 7000 Euro, bis die MPU endlich geschafft war. Und kein halbes Jahr später überrennt ihn der Krebs  an allen Fronten und er ist mausetot.

“manchmal glaub ich”, schrieb er mir, “dass erst das cleansein all die prozesse in meinem körper angestoßen hat, an deren ende jetzt der krebs steht..”

Er wohnte zuletzt mit einer Frau zusammen, mit der er in den Neunzigern schon mal zusammen war, sie tat ihm gut. Sie war das beste, was ihm passieren konnte. Eine Halb-Italienerin, wie die Gräfin. Eine prima Frau. Ich nannte sie immer die Piratin, weil sie so schöne Eckzähne hat.

Auch wenn wir uns nicht mehr sahen, Hansen und ich schickten uns wieder E-Mails, waren wieder in Kontakt, sein Ton hatte sich geändert. Er war (fast) wieder der alte Hansen, er war wieder da. (Wobei ich an sich keinen Wert darauf lege, über jemanden zu sagen, er habe sich nicht verändert.)

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Schwarte erzählt eine typische kleine Hansen-Schote aus alten Tagen, als er Hausverbot im Mumms kassierte, der Zentrale, wo sich alles traf, was Rang & Namen hatte und wo Hausverbot schon allein deshalb das gesellschaftliche Aus bedeutete.

Der Grund für Hansens Hausverbot: sein dauerndes ULLAH-Gejohle. Es lässt sich heute schwer vermitteln, wie Hansen es fertigbrachte, ohne Pause ULLAH zu brüllen, ULLAH zu jodeln, ULLAH zu krähen – wie ihm gerade der Sinn stand. Was das sollte mit dem ULLAH, niemand wusste es, am wenigsten Hansen selbst. Es hörte einfach nicht auf, ULLAH zu rufen.. Erst war es witzig, dann nervend, zum Schluss verdrehten alle nur noch die Augen. Aber das war kein Kriterium für den dicken Hansen, etwas sein zu lassen. Im Gegenteil: Es feuerte ihn nur noch an, die Dinge zu intensivieren.

Einmal begleitete ich ihn und Schnaat zum Angeln. Sie fuhren regelmäßig zum Angeln, an irgendwelche Geheimgewässer. Es war Hochsommer. Ich langweilte mich, ich konnte Angeln nichts abgewinnen. Hansen hatte etwas im Auto vergessen und stiefelte los, um es zu holen. Er trug hohe, bis zu den Hüften reichende Fliegenfischen-Gummistiefel, eine knappe knallrote Siebzigerjahre-Badehose und diese strohblonde Brigitte Bardot-Perücke, dazu ein fetter Sonnenbrand – er sah aus wie die irre Geliebte eines Feuerwehrmanns, der vergessen hatte, wo der Brand ausgebrochen war.

Er kam lange nicht zurück. Es dauerte und dauerte. Gerade als Schnaat und ich losgehen wollten, um zu schauen, wo er abgeblieben war, kam er mit drei Eis im Hörnchen zurück. Das heisst, von den drei Eis waren drei angebissene Hörnchen übrig geblieben, den Rest hatte er unterwegs aufgefressen.

Niemand, wirklich niemand konnte die Dinge so konsequent in Richtung Wahnsinn schrauben wie der dicke Hansen.

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Seine ärgste ULLA-Zeit war zu Beginn der Achtzigerjahre.

“Peter, wenn du noch ein Mal, ein einziges Mal nur dein blödes Ulla bringst, fliegst du raus”, drohte ihm Franz, der Inhaber des Mumms, nicht gerade bekannt dafür, Scherzchen zu treiben.

Franz hatte es noch nicht ausgesprochen, da kam die Antwort schon so postwendend wie ein Tarzan-Ruf aus dem Urwald, ULLAAHHH!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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Die Sache mit der Vorhaut.  Es gab regelrechte Vorhaut-Contests unten im Schwimmbad. Wer die längste Vorhaut hatte. Der dicke Hansen und ich lieferten uns über Jahre ein Kopf an Kopf-Rennen. Aber auch wenn meine Vorhaut einem Hauszelt glich, ich war ohne Chance. Was der dicke Hansen zeigte, und er war sehr zeigefreudig in dieser Beziehung, ging in Richtung Traglufthalle und war einsame Spitze. Und seine Angewohnheit, in Gesellschaft den Pimmel auszupacken, die Vorhaut über den Tisch zu ziehen und zurückschnacken zu lassen wie ein Haushaltsgummi, das war Boys Entertainment. Das war wunderbar durchgeknalltes Jungszeugs.

Als wir die Kapelle des Waldfriedhofs betreten, kurz nach 15 Uhr, ist die kleine Feier schon in Gange. Ganz vorn ist eine Leinwand aufgebaut, auf der das in strengem Schwarz-Weiß gehaltene Video projiziert wird, das Hansen gut ein Jahr zuvor in einem Düsseldorfer Studio produzieren liess. Es zeigt ihn solo am Flügel. Es ist sein Vermächtnis. Er spielt drei Stücke. Eine Little Feat-Nummer, ein Stück von Dr. John und zuletzt,, das Stück, das mir am besten gefällt, eine ruhige kleine Eigenkomposition.

Nach diesem letzten Song bleibt eine Groß-Einstellung seines Gesichts auf der Leinwand, für einige Minuten, und sorgt für Schluchzer. In den Stuhlreihen vor uns sitzt der gute alte Klee. Er erzählt später, dass er vor Jahren einen Tumor im Darm überstanden hat. “Als ich im Sprechzimmer saß und der Doc mit der Diagnose rüberkam, dachte ich nur, wie, Krebs, ich..? Was will der Blödmann denn!”

Ich sehe Stefan B. mit seiner Frau, die mir bislang nur aus dem Internet bekannt ist, mit ihren freundlichen Kommentaren auf Citronenbusen und Facebook. “Da hat der Stefan aber einen guten Fang gemacht”, sag ich zur Gräfin, ohne zu wissen, dass die beiden bereits seit 15 Jahren verheiratet sind. Wir haben uns also mindestens 15 Jahre nicht gesehen, Stefan und ich. Nach langen Jahren in Südeuropa ist er nun zurück, lebt am Niederrhein.

Zuletzt tritt Ralle vor die Trauergemeinde, Hansens jüngerer Bruder, auch er schon lange Kölner. Auch ihn hab ich mehr als 10 Jahre nicht gesehen. Er tritt im blütenweißen Hemd zur Jeans nach vorn und spricht mit etwas zu leiser, zu scheuer, aber sehr brüderlichen Stimme ein oder zwei Dinge, die gesagt werden müssen.

“Der Py war kein einfacher Mensch, bestimmt nicht, ja, er war sogar ein komplizierter Mensch und nicht immer nett, und wir beide hatten auch unsere Probleme. Aber so ist er halt gewesen, so war er eben, der Py, mein Bruder.” Er freue sich über die vielen alten Weggefährten, die den Weg zum Waldfriedhof gefunden haben.

Schöner hätte man es nicht sagen können.

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Mann, Py, du warst so scheiße einzigartig, und du warst so was von daneben. Eigentlich weiss ich gar nicht, was ich dazu sagen soll, dass du tot bist. Dass es dich nicht mehr geben soll. Denn selbst wenn wir uns nicht mehr gesehen haben, ich wusste, du bist in der Stadt. Das ist nun Geschichte. Plötzlich beginne ich sogar ein bisschen deine hasserfüllten Nachrichten auf unserem AB zu vermissen. Jetzt, wo ich weiss, dass es mich nie wieder treffen wird. Nicht von dir.

Du hast mich mit deinem Hass mitten ins Herz getroffen. Und weil ich wusste, dass du wusstest, wie sehr du mich damit triffst und es dennoch, oder gerade deshalb, immer wieder aufs Neue getan hast, tja,- genau deshalb reagierte ich darauf so, wie ich es immer tue, wenn mir jemand gewaltig auf die Füße tritt: ich werde eiskalt. Ich ziehe mich auf einen Kern in mir zurück, den ich im Gefrierbereich verorte. Es gibt eine Art Parallel-Glumm, die mich in letzter Instanz rettet, wenn nichts anderes mehr geht. Wenn ich mir nicht mehr anders zu helfen weiß, ist Kälte das letzte Rüstzeug, das bleibt.

Ich hab auf keinen einzigen deiner Stalker-Anrufe geantwortet, du hast in all den Jahren kein böses Wort von mir gehört, stattdessen nur eisiges Schweigen von mir. Meine Rache.

Du schreibst in einer Mail vom März 2015:

“Ich fühl mich von dir so abgestellt. du nimmst mich nicht für voll. dabei ist das vielleicht gar nicht so. Ich war an diesem tag so wütend über mein schicksal, dass ich furchtbar ungerecht war..”

Dabei waren wir beide auf einem guten Weg. Er lag schon in Bochum in einer Krebs-Klinik, wir telefonierten mehrmals miteinander, SMS-Nachrichten flitzten hin und her, wir verabredeten ein Treffen. Zu dem es nicht mehr kommen sollte.

Er hatte etwas in meinem Blog gelesen, das ihm so gegen den Strich ging, dass er gleich eine SMS abfeuerte, wo er sich auf eine Weise auskotzte, die ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr für möglich hielt. Ich hielt es für überwunden. Er kotzte sich selbst über mein “dünnes Stimmchen” am Telefon aus, dass ihn “angeekelt” habe. Es war kaum ernst zu nehmen, und es hat mich tief getroffen. Ich hab den Kontakt auf der Stelle abgebrochen, fünf Wochen vor seinem Tod.

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“Hau die Dinger raus, alter Freund”, schreibt er am Ende einer frei flottierenden E-Mail vom Oktober 2014.

*

Situation mit vier bekifften Personen am Kaffeetisch 1987 (Karlos, der dicke Hansen, Gina, ich)

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Py live,

ES IST NIE ZU SPÄT (für C.)

Nur wenig später wünschte sie, dass nicht nichts passiert wäre.

 

Die Hand, die sie der nicht in den Nacken gelegt hatte.
Das Knie, das sie nicht zwischen deren Knie gedrückt hatte.
Der Kopf, den sie nicht an deren Brust gerieben hatte.
Der Fuß, mit dem sie nicht an der Außenseite von deren Bein entlang gestrichen war.
Die Halsschlagader, die sie der nicht unter den Mund gestreckt hatte.

 

Alles brannte. Besonders die linke Seite, die sie der einmal zugeneigt hatte, ein winziges Stück Milimeterabstand noch haltend.

 

Ein anderes Mal: Deren Hand an ihrem unteren Rücken, der kurze Druck aller fünf Fingerspitzen. Sie konnte das jederzeit fühlen.

 

Blicke. Wie die sich festgesaugt hatten an ihr, in ihrer Erinnerung. Ein einziges KOMM. Oder hatte sie sich auch das nur eingebildet? Beider Stimmen so rau, unwillkürlich ins Flüstern verfallend, obwohl sie doch niemand belauschte. „Und du?“ Der Klang dieses „du“, der in ihr widerhallte.

 

„Please stop dancing in my mind.“

 

Gespräche, die kreisten und sich tiefer schraubten. Fühler ausstrecken, um sich abzutasten, nicht invasiv. Ehemalige Lieben, stilles Versagen, Eingeständnisse an der Grenze zur Indiskretion. Sie hätten hier sehr leicht ihre Liebsten verraten können, längst vor einer ersten Berührung.

 

Nur dieser eine Kuss dann. Herbeigesehnt seit Wochen. Tagen. Minuten. Das Zurückschrecken. Lippe an Lippe. Diese Hitze. Der Druck. Ein Hauch von Feuchtigkeit. „Wir dürfen nicht.“ Welche von beiden hatte das gesagt? Wie sie einander umtänzelt hatten beim Rausgehen, ohne sich noch einmal anzusehen. Kurzes Nicken dann bei zufälligen Begegnungen tagsüber. Weinkrämpfe in der Nacht auf dem Klo.

 

Sie hatte es richtig gemacht. Sie wünschte sich was anderes. Schon wenig später.

Wirhier

„Warum kriegen die das nicht bei sich geregelt. Haben die kein Plan. Wie Akte X, ohne Scheiß. Tausend davon. Nachher werd ich da reingezogen. Nachher quartieren die noch sone bei mir ein. Wie im Krieg. Seit die jede Nacht rüberkommen. Das Meer sieht ja immer rabenschwarz aus. Kaum zu glauben dass man in der Brühe noch baden kann. Wo jetzt so viele reinfallen ist damit aber sicher bald Schluss.
Was können die hier schon machen. Kennt die jemand. Ich seh nur was krabbeln im TV. Manchmal träum ich davon. Wo es so heiß ist jetzt hab ich immer ein Handtuch am Bett.
Keine Namen. Jedenfalls hör ich nie einen oder dass jemand seinen mal sagt.
Wer wär zu mir denn freundlich wenn ich so am Arsch wär. Glaub bloss nicht dass da einer ein Spendenkonto für mich einrichtet drüben. Haben die überhaupt eine Regierung.
Ob die mich überhaupt rausfischen würden.
Nee nee.
Lauter welche die bei Null anfangen müssen. Könnt ich ja nicht. Aber wenn die sich den Krieg selbst eingebrockt haben. Und den Hunger. Weiß ja keiner. Die können ja nicht so leben wie wirhier. Reicht hinten und vorne nicht für alle wenn man mal nachrechnet. Aber wir sind ja auch schon länger am Hebel. Haben was aufgebaut.
Vielleicht sind paar anständige bei denen dabei. Aber wie soll man die auseinanderhalten. Solange die nass sind eh nicht.
Und was ich hab dafür hab ich mich krummgelegt. Was haben die gemacht in der Zeit. Alles laufenlassen und jetzt kommen sie her. Die Griechen bestimmt auch bald.
Unsere da oben haben ja kein Plan wie es werden soll wenn noch mehr kommen. Was die alles brauchen von uns. Ojeoje. Wenn die alle arbeiten wollen wie wirhier. Die wollen ja keine Almosen. Wer macht sowas schon freiwillig. Seine Heimat gibt keiner einfach so auf.
Aber was jetzt. Jetzt sperren wir die ein. Verbrecher sind die ja nicht. Ein paar vielleicht schon aber die kommen wohl eher mit dem Flieger.
Jemand muss den Schlamassel in Ordnung bringen. Sonst seh ich schwarz.“ 



Boote. 
Vorboote. 

Freiburger Notizen (13)

“Schöner Mittag” sagen die Freiburger, wenn sie sich gegenseitig einen solchen wünschen. Manchmal sind sie weitaus schwerer zu verstehen. Gestern, bei meiner Ankunft in Betzenhausen, vermeinte ich zunächst, reichlich verblüfft, einen Muezzin rufen zu hören, bis mir klar wurde, daß vielmehr die Nachbarn mithilfe extrem gedehnter alemannischer Lautfolgen das Achtzehnuhrwetter besprachen. Der schöne Mittag zu Betzenhausen indes besteht aus einer Reihe seltsamer Hausumschwungspflegegeräusche, etwa als bohrten überdimensionierte Insekten aus dem Weltall die petuniären Rabatten auf. Dazwischen ein rätselhaftes Scharren, nicht unrhythmisch, aber auch nicht richtig rhythmisch. Amseln linsen durchs Fenster, schotentragende Glyzinien wuchern, die Feige reckt sich anklägerisch dem selten bedeckten südbadischen Himmel entgegen. Auf der Herfahrt im Zug hatte ich begonnen, Markus Orths Alpha & Omega zu lesen, ein Roman, in dem sich Anleihen bei Douglas Adams und Laurence Sterne finden lassen und der zu guten Teilen in Freiburg spielt. Entsprechend tragen Teile des Personals urbadische Charakterzüge. In Birte “Bitch” Winter z.B., die eine Art Gottesmutter vorstellt und esoterische Neigungen hegt, vereinen sich bodenständig-lässig spirituelle Bestrebungen wie ich sie für die oberrheinische Provinz stets als typisch empfunden habe. Apfelbäume und Räucherstäbchen. Eine geradezu essentielle Freiburg-Figur ist Harry Schmelzer, bekannt als der Blinde Autonome, der als Bettler die Fußgängerzone bevölkert. Die Geschichte seiner Erblindung spielt wiederum auf dem Parkplatz des weithin bekannten Freiburger Musikschuppens Crash.

Angekommen in Freiburg bin ich erst, wenn ich am Münsterplatz eine Bratwurst verspeist habe. Ich meine mich zu erinnern, daß früher eine einzige Bratwurstbude auf dem Platz stand, heuer waren es sechs oder sieben, feierlich nebeneinander aufgereiht, ihren unwiderstehlichen Dunst auf hundert Meter verströmend. Der Markt am Münster ist vorwiegend mit Produkten aus dem Freiburger Umland bestückt und im Schnitt etwa doppelt so teuer wie der Nippeser Markt am Taj Mahal. Sicher, der Freiburger hält die Produkte, die er ersteht, generell für qualitätsvoll, das Kompositum Lebensqualität ist ihm tägliches Mantra, und die roten Rettiche, die ich heute auf dem Markt erwarb, kamen tatsächlich nicht übel auf der Zunge – derart immens war der Unterschied zu in Nippes feilgebotenen Rettichen (was für den Rettich gilt, gilt in diesem Fall auch für die Erdbeere und andere marktgängige Kulinarien) jedoch nicht, daß sich der Preisunterschied allein aus Qualitätsdifferenzen rechtfertigen ließe. Vielmehr scheint es die täglich mehrfach beschworene Lebensqualität, die Freiburg zu einem teuren Pflaster macht.

Apropos Pflaster: ins Pflaster der Innenstadt sind zahlreiche Mosaiken aus Rheinkieseln eingelassen. Das ist schlicht und hübsch anzusehen. Am Rande der Straßen und Gassen fließen die sogenannten Bächle, ein venezianisches System en miniature. Kinder ziehen kleine Schiffe an Schnüren die Bächle entlang, ein Treideln wie aus den Erzählungen Lemuel Gullivers. Es sind viele Sprachen zu hören, aber kaum türkisch, nichtmal auf dem Markt, noch so ein Gegensatz zu Nippes. Das Pflaster ist, wie auch im allgemeinen die Wände, Grund zu Parolen. Z.B. das der Wiwilíbrücke, deren Bogengeländer gern von studentischen Trainspottern erklettert wird. Politisch ist man in Freiburg allemal, dieses Schablonen-Graffito gilt einem Mann, der namentlich zwar bestens nach Freiburg passen könnte, jedoch keine konkrete Beziehung zur Breisgaumetropole pflegt:

fr_brüderle

in die über- u.a.

1 in die über- …

in die über-
sprach’ wehte ein

wind

der sprach zu der
untersprach’ die

sich wand

in die augen
senkte sich die

stund’

da wußte was
er schweigen mußt’

der mund

in die augen
hingestirnt ein

kind

2 im atmen …

im atmen
den schnee
anhalten
daß kein
liegen sei

und schmerzt
doch immer
die blüte
über die
kein atmen
hinauskann

es wachsen
ihm äste
aus der brust

die hände
die fleißigen
bienen, die
feiern ein
angstfest

3 der wind …

der wind
ihr schacherndes
überhaupt

in der gasse
das entgegen-
kommen

nebenabreden
mit den
mauern

mal links
mal rechts

bambus vol. 2

2

 

echo : 1.08 — Wie Men­schen nun Han­dys nicht län­ger an ihre Ohren hal­ten, son­dern vor den Mund. Viel­leicht auch des­halb, um gleich­zei­tig spre­chen und lesen zu kön­nen, spre­chen also und hören und noch etwas Wei­te­res tun. — Wie­der Nacht. In einem Moment der Stille beob­ach­tete ich vor weni­gen Minu­ten ein Bücher­re­gal, das in mei­nem Arbeits­zim­mer steht. Ich meinte wie­der ein­mal, ein Geräusch wahr­ge­nom­men zu haben, in etwa hörte sich das so an, als würde man ein Ohr an ein Bam­bus­rohr legen, durch wel­ches Kie­sel­steine fal­len. Zunächst mel­dete sich das Geräusch links oben unter der Decke, wo sich Bücher befin­den, die ich noch nicht gele­sen habe, war­tende Bücher, sagen wir, Mah­nende. Kurz dar­auf wan­derte das Geräusch in die Mitte des Regals, Chris­toph Rans­mayr klim­perte, John Ber­ger, Janet Frame, Anto­nio Tabuc­chi. Ich hatte für einige Minu­ten den Ein­druck, das Geräusch oder seine Ursa­che könnte sich ver­viel­fäl­tigt haben. Wenn nun fol­gen­des gesche­hen wäre, dass sich die Bücher mei­nes Regals in Funk­bü­cher ver­wan­del­ten, in Bücher, die nur vor­ge­ben Bücher von Papier zu sein, in Bücher also, die über Sei­ten ver­fü­gen, die eigent­lich Bild­schirme sind, die man umblät­tern kann. Dann wäre denk­bar, dass ich jenes typi­sche Geräusch ver­nom­men habe, das in genau dem Moment ent­steht, da der Autor eines Buches mit­tels Funk­wel­len eine erneu­erte Fas­sung sei­nes Wer­kes in die Zim­mer der Welt ent­sen­det. Ich muss dar­über nach­den­ken, was die Mög­lich­keit oder die Exis­tenz der Funk­bü­cher bedeu­ten würde für das Schrei­ben, für das Auf­hö­ren kön­nen, für Anfang und Ende einer Geschichte. Und wenn nun Jean Pauls Komet in mei­nem Zim­mer rascheln würde, oder Dan­tons Tod, Georg Büch­ner? – Noch zu tun: Regen­wör­ter erfin­den. — stop

drohne15