Archiv der Kategorie: Ausgabe 03/2015

Zwei Dutzend Spatzen

Wiebke Porombka im »Traumschiff«-Gespräch mit Alban Nikolai Herbst (08.09.2015, Literarisches Colloquium Berlin)
Wiebke Porombka im »Traumschiff«-Gespräch mit Alban Nikolai Herbst

Wer eine Stadt seiner Sehnsucht erreicht, dem ist sie erlaubt.

Alban Nikolai Herbst
»Traumschiff«mare 2015

••• 52° 29′ 13″ N / 13° 22′ 32″ O: Das ist Kreuzberg, auf der weniger schönen Seite des Viktoriaparks. In Bayern sind noch Ferien, die Kinder bei uns. In den Urlaub fahren konnten wir nicht, aber wir haben für einige Tage einen Ausflug nach Berlin gemacht. Geplant war eigentlich, dass ich die Party zum 20. Geburtstag des Verbrecher-Verlages besuche. Stattdessen fuhren wir gestern zum Wannsee hinaus, um im Literarischen Colloquium die erste öffentliche Lesung aus Alban Nikolai Herbsts neuem Roman »Traumschiff«zu erleben. Das war ein rechter Familienausflug: mein Vater, Einat und ich, die Teenager-Kids und Leo im Tragetuch, eine kleine Karawane.

Ich habe in diesem Jahr nur ein Buch gebraucht. Und wenn Sie nur ein Buch wahrnehmen können zurzeit, dann sollte es dieses sein. Es gibt nur ganz wenige Autoren in Deutschland, die sowohl die Erfahrung als auch das intellektuelle, sprachliche, gestalterische und – musikalische Vermögen mitbringen, um einen solchen Roman schreiben zu können. Dass Herbst gestalterisch kaum etwas unmöglich ist, hat er in an die 30 Büchern längst bewiesen. Im »Traumschiff« zeigt er nun jedoch etwas, das die alternde Kollegenschaft beschämen dürfte: Er hört nicht auf, sich das Maximum abzuverlangen. Er hört nicht auf, besser zu werden. Ein Meisterwerk wie dieses fällt einem nicht zu. Herbst hat sich nie geschont. Und das vielleicht ist das Geheimnis der Virilität in seinem Werk. Offen, wach, verletzlich, wissbegierig und unabgeklärt – das ist der Teil des Handwerkszeugs, den man nicht lernen kann.

Vor Monaten schon habe ich erste Fahnen des Romans lesen dürfen, und von den ersten Sätzen an empfand ich so etwas wie – Resonanz.

Lange habe ich gedacht, dass wir einander erkennen. Aber das stimmt nicht. Wir vestehen uns nur. Dennoch lehne ich stets an der Reling des Promenadendecks, wenn die Reisegäste das Traumschiff verlassen. Und wenn die neuen eingeschifft werden, sehe ich mir jeden Menschen sehr genau an. Wie er seine Füße auf die Gangway setzt, zum Beispiel, ob fest, ob unsicher. Ob er sich am Geländer festhält.

Viele sind krank. Andere können nicht mehr richtig gehen und stützen sich auf rollbare Hilfen.

Ich möchte wissen, ob jemand das Bewusstsein schon mitbringt.

Ich habe es seit Barcelona. Das liegt lange zurück.

Gregor Lanmeister, der Ich-Erzähler dieses Romans, Ende 60 und gebrechlich, fährt auf einem Kreuzfahrtschiff über die Weltmeere. So jedenfalls denkt er es sich und sollen wir Leser es uns denken. Das Bewusstsein, das er »seit Barcelona« zu haben meint, ist ein besonderer Daseins- oder Empfindungszustand, der ihn mit einigen seiner Mitreisenden verbindet. Zwölf Dutzend Menschen auf diesem Schiff werden es nicht mehr verlassen. Ihre Kreuzfahrt ist so etwas wie die Überfahrt über den Styx, die gekreuzten Weltmeere eine Art Zwischenreich zwischen Leben und Tod. Wir lauschen Lanmeister, der das Sprechen aufgegeben hat und demonstrativ schweigt, ins Innere. Wir begleiten ihn beim Sterben, beim Abschiednehmen, und dass es um nichts anderes geht, das eben ist Lanmeister seit Barcelona nach und nach klar geworden. Nur, wie lange es dauern wird, das weiß er nicht.

Herbst überblendet die Seereise mit einer anderen Realitätsebene. Da befindet sich Lanmeister in einem Altenheim. Da ist seine Kabine ein Zimmer und das ukrainische Zimmermädchen Pflegerin, die nicht nur Staub wischt, sondern ihn, was ihn verwundert und ihm sehr unangenehm ist, auch wäscht.

Was ist angenehmer oder doch zumindest weniger schlimm, wenn man denn schon gehen muss und auf den letzten Metern hilflos im Rollstuhl sitzt? Dann doch lieber die Reling und der Blick über den Ozean als ein Altenheimkorridor. Herbst nennt sein »Traumschiff« denn auch eine Utopie des Sterbens. Wenn das Gehen so aussieht, wäre es erträglich. Wenn auch keineswegs leicht.

Das eingangs erwähnte »Resonanz«-Empfinden war unausweichlich. Herbst kommt mit diesem Roman meiner eigenen Poetologie so nah wie nur möglich. Erzählt wird in zwei sich überlagernden Realitätsräumen in der ersten Person, und der Erzähler, Lanmeister, ist ein Anti-Held. Gezeugt nach Kriegsende bei einer Vergewaltigung durch einen russischen Soldaten, wird er von seiner Großmutter und seiner Mutter lieblos und brutal aufgezogen. Die Kindheit gibt den Ton vor für das Folgende: Überleben, Durchlavieren, nur kein Gefühl zeigen. Im Geschäftsleben ist er ein Schlitzohr. Zu seinen Frauen ist er widerlich. Seinen Sohn kennt er kaum. Ein soziales Leben beginnt er eigentlich erst auf dem Traumschiff zu führen. Liebe zu empfinden und sich selbst zuzugeben, auch das gelingt ihm erst in seiner Zeit des Abschiednehmens.

Die mystischen Überlieferungen mehrerer Religionen kennen Orte der Läuterung, wie es das Traumschiff für Lanmeister ist. In der jüdischen Überlieferung ist es das Sheol. Bei mir spielte schon im »Alphabet des Rabbi Löw« diese Idee im zentralen Anna-Kapitel die Hauptrolle. In »Replay« lieferte die Idee des Sheol die Exposition für Ed Rosens »Läuterungsreise« von Replay zu Replay. In »Ein anderes Blau« wird zwei der erzählenden Personen erst im Laufe des Buches klar, dass sie sich in einem Reich zwischen Leben und Tod befinden, dass sie nicht in diese Welt zurückkehren können. Nachdem sie Abschied genommen haben, steigen sie in ein Boot und fahren hinaus auf den nächtlichen See.

Mystisches webt auch Herbst wie einen Musterfaden in seine Erzählung ein. Das chinesische Mahjongg wird auch Sperlingsspiel genannt. Monsieur Bayoun, bevor er final »an Land geht«, verehrt Lanmeister ein solches Spiel, das aus zwölf Dutzend Steinen, auch Spatzen genannt, besteht. Herbst verbindet das Spiel mit der talmudischen Legende (die sich ähnlich übrigens auch im Islam findet), dass die Spatzen (oder Tauben) die Bewahrer der Seelen sind und die Aufgabe haben, den Neugeborenen die für sie vorgesehene Seele zu überbringen. (In »Die Leinwand« erzähle ich diese Legende im Zusammenhang mit Maos Krieg gegen die Spatzen im China der Kulturrevolution.) Wie dieses Motiv webt Herbst auch immer wieder Zitate aus dem 144. Psalm in den Text ein – all dies zusätzliche Ebenen für den Text, die man nicht zu erkennen braucht, um das Buch mit Genuss und Gewinn zu lesen, die aber doch einen Teil des besonderen Reizes ausmachen.

Dieses gesamte Setup bleibt natürlich ein uneingelöstes Versprechen, wenn es dem Autor nicht gelingt, den richtigen Ton zu treffen. Ich habe mich hier mehrfach als Fan Herbstscher Experimente bekannt, sei es bei »Aeolia« oder auch den »Bamberger Elegien«. In der Prosa fühle ich mich häufig mit Herbst nicht eben »gleichgestimmt«. Eine klare Ausnahme war »Meere«. Und ebenso klar schwinge ich mit Herbst bei diesem Roman. Man sollte den Text laut lesen, und am besten sollte man den Text vom Autor laut gelesen bekommen, denn seine Musikalität sucht ihresgleichen. Und so ist letztlich der Klang ein weiterer Grund für mein Resonanzerlebnis bei der Lektüre.

Mir kommt es auf Erklärung allerdings nicht weiter an. Es wäre im Beisein der Freunde leicht gewesen, unter der Sonne zu sterben, mit ihrem warmen Licht auf den Augen. Man schließt sie vor Helligkeit sowieso. Dabei stört es auch nicht, daß der Besuch meine Hand hält. Es ist sogar sehr angenehm. Man ist locker daran festgemacht wie ein Boot auf einem so stillen See, daß man ihn für verwunschen hält. Am Ufer, mit einer Schnur. Da muß keiner fürchten davonzutreiben, oder nur kaum. Bei geschlossenen Lidern habe ich außerdem den Eindruck, daß es eine Männerhand ist, die mich hält. Eine, möchte ich fast sagen, Vaterhand. Es gibt Illusionen, um die ist es schade, wenn man sie stört.

Ende Oktober werde ich mit ANH gemeinsam im Literaturhaus in Darmstadt auftreten. Ich werde »Ein anderes Blau« mitbringen und er das »Traumschiff«. Auf dieses Gespräch freue ich mich bereits unbändig.

Übrigens bin ich gerade hier: 50° 55′ 30″ N / 11° 35′ 15″ O. Das ist Jena Paradies. »Es gibt Illusionen, um die ist es schade, wenn man sie stört.«

zuckerfee(d)

zum zuckerfest so süß getanzt
bist du, und ich dir eifernd nach.
der zucker, wie in vers gestanzt,
wird nach(t)getanzt schon in den schlaf.

wir brechen auf das fasten, schlachten
heut nacht’ ein jedes süßgetränk.
denn wohin wir uns reisten, brachten,
ist anvertrauen das geschenk.

wir feiern mit dem in uns fremden
und zücken, zücht’gen uns mit zucker.
mit uns ist tanz und sich verwenden,
die kenn’n musil und mooses brugger.

die mörder, hieß es, unter uns
sind auch das uns im tanz erkennen.
als kennten wir nicht solchen schwund,
baletten deren sich bekennen.

ich bin so zucker meiner zunge
an deiner katz’, die muschi nennt
nur das ballet auch meiner lunge,
ein atem, der den zucker kennt.

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Der Einfluss der Leerstelle

Die erste, die ich küsste, die mich küsste, war dann aber C. Sie war auch die erste, mit der ich ging– zwei Wochen lang oder auch drei. Sie war jünger als ich, die Tochter von Freunden meiner Eltern, wir verbrachten oft die Ferien miteinander (ich erinnere mich an den Mückenstich, den sie Jahre zuvor erleiden musste: auf dem linken Augenlid), und einmal, als sie von den Duschen kam, öffnete sie ihren Bademantel für mich, damit ich sie nackt sehen konnte. Dabei gab es noch gar nichts zu sehen. Als sie eines Tages ins Allgemeine sagte, Wir lieben uns doch, war eine Grenze überschritten. Denn ich wusste, dass das nicht stimmte. Ich begehrte ihr Begehren, ich mochte es, begehrt zu werden, aber Liebe – nein, das war es nicht. Ich war nicht verliebt in sie, nicht so, wie ich es in K. und P. gewesen war. (Wenn man so will, bildete C. den Anfang einer anderen Reihe – die, in der Liebe und Sex streng voneinander getrennt waren.) Kurz darauf machte ich Schluss, ohne es explizit zu sagen.

Was dann passierte, sollte Auswirkungen haben. Ich löste mich von dem Kuss, weil ich den Windhauch eines über meinen Kopf hinweg segelnden Glases spürte. Es zerschellte an der Wand rechts von uns, erschreckt sahen wir uns um, erkannten aber zunächst nicht die Quelle dieses plötzlich ausbrechenden Tumults. Über einen Trumeau über der Bar konnte ich dann sehen, wie ein Lude mit einer Karomütze zum Schlag ausholte. Weit geöffnete Münder ringsum. Von irgendwo ertönte ein dumpfer Knall, wie ein Schuss aus einem Schalldämpfer, aber vielleicht war das auch nur ein Geräusch, das in der Luft lag. Ondine fiel mit schmerzverzerrtem Gesicht über den Tisch. Das Blut, ich hatte es kommen sehen, strömte ihr aus den Mundwinkeln auf die Tischplatte und tropfte dann wie in Zeitlupe auf den Boden. Das alles geschah innerhalb weniger Sekunden, während ich noch den Geschmack von Valeries Lippen auf den meinen spürte, Jason machte wild gestikulierend Zeichen, eine Frau schrie, wieder fielen gedämpfte Schüsse, vermutlich von den Toiletten aus. Rotierendes Licht, noch mehr Schreie, vielleicht war jemand getroffen worden. Jemand musste sich übergeben, mitten auf die Tanzfläche, zu viel Schnaps, zu viel Blut, zu viele Tränen. Die Hektik nahm zu, ein unübersichtliches Gerangel entstand, jemand machte Fotos, jemand rief die Bullen, Streulicht aus Mobiltelefonen, Edith, Jason und der Barista versuchten verzweifelt, die Lage zu beruhigen.

Bedarfsorientierte Sexualität
Der Einfluss der Leerstelle
Informationskontrolle, Homilie

Vor uns Autos, die aussehen wie Turnschuhe. Das Italienisch, das wir an der Autobahnraststätte hören, regt zu Dauergesang an: Lasciate mi … Chi non lavora … Felicità …

Im Schatten des großen Leuchtschilds: AGIP. Im Hintergrund, nur noch knapp zu sehen, die letzten Berge. „Dass es die Alpen gibt, ist ein Problem“, aber nicht, wenn man lediglich durchzufahren braucht. Als Kulisse machen sich die Alpen gut.

Lift noch als Limonade, Feuchttücher von 4711, mit Handtüchern und T-Shirts verhängte Seitenfenster, Fleisch in Alufolie. Meine Kindheit war eine glückliche, jedenfalls in diesen Phasen.

Den Fliehenden: Dodicesima Ameriana. Venerdì. 28 agosto 2015.

[Traumschiffs Kamintisch,
8.18h]


Thy soul
Grown delicate with satieties,
Atthis,
O Atthis,
I long for thy lips.
I long for thy narrow breasts,
Thou restless, ungathered.

Pound, Ίμερρω

 

50 Leute erstickt im LKW | und „bevor“ sagt der Freund
„sie hier ankommen, brennen schon die Lager“
Sie wolln doch nur weg
ihre Kinder schützen, sich selbst schützen
wollen nicht brennen
nicht die Arme finden ihrer Liebsten, beide
einen rechts, den andren links am Weg mit drei
weggeschnittenen Fingern | wollen nicht
hungern nicht | gekreuzigt werden | wollen
nicht die Hunde an den Hoden | die Brüste abgeschnitten
die Vaginen mit der Kacke der Warlords gestopft | wollen
wie My Lai ‘68 nicht | die Handgranate hineingeschoben
nicht zwei Suren mit dem Colaverschluß | geschnitten
in die Wange und die Zunge | herausgeschält aus der Tochter
O Frieden der Mauern | ihn wolln sie nur auch
während im Hintergrund wieder geschachtert um Umsatz
aus Waffen | melden die Schlepper die Fracht
in Brüssel um Klarheit wie Panzer und Brüssel berichtet
Entkerner für Kirschen eignen sich gut für die
Augen | Extraktion
wollen nicht hungern | schon „Wirtschaftsflüchting“
ein Wort für die Gschaftlbarbaren
und in den Städten (in Tokyo gesehen) Städte aus
Zelten | Wellblech in Mumbai (in Bombay gesehen)
Es floriert die Büchsenindustrie

Gestern sagte ich zum Freund, als die Nachricht von den Erstickten kam, „Europa hat seine (ihre?) Mauer gebaut, was wird denn erwartet?“ Nichts läßt das Illegale besser florieren. Ich frag mich, wer da mitverdient. Und hier die Angst um die Arbeitsplätze für
Nichtausgebildete
die doch ganz selbst keinen deutschen Satz fehlerlos aufs Papier bekommen
und erheben sich über das Elend der andern.

Ich war erschreckt, ein bißchen erschreckt, als ich an >>>> Thetis dachte, womit ich es anfing, was ich drin schrieb vor fast zwanzig Jahren, vorhersah „Europa“,hätt ich denn gesehen, wär nicht nur meinem Instinkt gefolgt, der meiner wohl nicht war – was alles längst geschehen | eingetreten was die Welt werd‘ | ward
und hielten mir die Grausamkeit vor | „das darf man nicht sagen!“
sagte J.Sch., „du bist unmenschlich“ und verhängte die Sperre
Maulsperre | kommt sich noch aufgeklärt vor und human
Was ich nicht sehe, das ist nicht
O altes Lied der Satten
War ja weit weg, die Schlachterei | „sind ja nur Schwarze“:
was man freilich nicht ausspricht, nicht einmal denkt aber
fühlt | wie man Frauen wegen der Titten
undsoweiter | „Die Fernsehsendung mach ich doch nur,
weil ich dann“ (der fette Sack) „Frauen bekomme“: | purer O-Ton
anno zwotausenddrei | halb ein Jahr später zerbarsten die Türme
doch nicht seither, vorher schon Grauen um Grauen
Balkan Sudan | fünfhunderttausend Kinder ein Opfer
das Albright bitter sich selbst bracht‘ | (die eignen studierten,
wert das Embargo, an Williams Columbia, hab ich gelesen)
– is‘ auch egal, war nur das Pech und der Teer in der Wolle
die in die Folter voraus|leuchtet: Man kann den IS
kaum unmodern nennen –

Was da in Gang kam | Europa wird‘s zahlen
müssen | so oder so | „so“ meint den Krieg
und die Barmherzigkeit „so“: wenn wir bereit
sind zu lieben | Der nächste Strom wird übern Pontos
fließen, und „Flüchtling“ ist ein Zungenbonbon | Euphemismus
für Unbe|rührbare | Wie
kann ich da ruhig noch | >>>> Steine sehen? | Sehe
„Mauern“ anders | Als wären Menschen frostiger Wind
und wir mit um uns gebogenen Rücken | kauern im Sommer auf Frühling

… ->Zur Videoreihe: ANH spricht Tag für Tag.

„Ärgert dich dein rechtes Auge“, Heinrich Schirmbecks Roman im Blick der Vergangenheit und Zukunft.

Norbert W. Schlinkert

Vortrag: „Ärgert dich dein rechtes Auge“, Heinrich Schirmbecks Roman im Blick der Vergangenheit und Zukunft.

Gehalten am 14. September 2015 in der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt. ULB, Vortragssaal (UG 1), 20:00 Uhr

[Heinrich Schirmbeck: Ärgert dich dein rechtes Auge (1957, Zitate nach der Neuauflage 2005, AIG I. Hilbinger Verlag); weitere Zitate aus Heinrich Schirmbeck: Die Formel und die Sinnlichkeit. Bausteine zu einer Poetik im Atomzeitalter. List Verlag, München 1964]

I) Heinrich Schirmbeck, das lässt sich ohne weiteres sagen, muss eine hohe Meinung von seiner Leserschaft gehabt haben, denn imgrunde ließe sich eine ganze Vortragsreihe gestalten zu den mannigfachen wissenschaftlichten und gesellschaftspolitischen Themen seines 1957 erschienenen RomansÄrgert dich dein rechtes Auge – die Atomphysik spielt ebenso eine wichtige Rolle wie Fragen der Psychoanalyse, der Psychologie, der Medizin, der Ethik, der Politik, aber auch die den Bereich des Religiösen berührenden Fragen einer Lichtmystik, die das Sehen als Verführung zur Sünde verdammt, werden angesprochen, zudem bleibt auch die Werbung als eine perfide Art der Verführung der Massen nicht unberücksichtigt – es ist also nicht übertrieben, die umfangreiche Schrift thematisch als durchaus überkomplexzu bezeichnen, eine Komplexität, die den Leser fordert. Der von Arno Schmidt so genannte geübte Leser ist hier also in seinem Element. So will ich die Handlung als solche, den Plot hier auch weitgehend vernachlässigen und nur kurz zusammenfassen, vor allem da der Autor sich dazu entschieden hat, seine Figuren nicht poetisch, sondern weitestgehend normativ auszuführen; auch der Ich-Erzähler Thomas Grey ist ein „Mann ohne Eigenschaften“, ein wenig ähnlich demjenigen, den Robert Musil in seinem gleichnamigen Roman auftreten lässt. Gerald Funk hat in einemEssay zum 90. Geburtstag Heinrich Schirmbecks die Handlung des Romans nun folgendermaßen und wie ich denke fast schon ausreichend zusammengefasst: Der Autor, so also Funk, „erzählt die Lebensgeschichte eines Physikers, der, aus der dekadenten Atmosphäre großbürgerlicher Kaufleute in der Provinz Frankreichs stammend, in das von Intrigen, politischen und geheimdienstlichen Machtkämpfen brodelnde Paris der Jahrhundertmitte gerät, dort als Wissenschaftler mit der künstlerischen Boheme Kontakte knüpft, schließlich von einem Strudel mysteriöser Ereignisse mitgerissen wird und Landesverrat begeht.“ Karlheinz Deschner bringt in einem Radiobeitrag von 1958 die Handlung folgendermaßen auf den Punkt: „Thomas Grey, der etwas schweigsame, kontaktschwache, hochintellektuelle Held, Abkömmling ebenso reicher wie dekadenter Textilkaufleute aus Lyon, wächst nach dem Tode seines als Tropenarzt aus der Art geschlagenen Vaters im düster-prächtigen Palast seines Clans heran. Früh wirft der Vollwaise Blicke in eine Gesellschaft zwischen Notdurft und Rausch, in ein labyrinthisch verschlungenes, von unerklärlichen Motiven getriebenes, grausam-selbstzerstörerisches Dasein. Er entweicht nach Paris, (…), studiert Physik und gehört bald als Assistent des kybernetischen Laboratoriums zu jener Elite der Wissenden und Abseitsstehenden, für die alles, was nun noch kommt, um mit dem Autor zu sprechen, nurmehr das Nachgeplänkel einer untergehenden Epoche ist.“ Zu ergänzen wäre, dass der Protagonist Thomas Grey gemeinsam mit dem Physiker de BaryForschungen über die Doppelnatur des Lichts betreibt, das sich als Welle und Teilchen manifestiert – und eben dies weckt das Interesse des Amtes für strategische Informationen, weil eben diese Forschungen nicht zuletzt eine große Bedeutung haben für die Entwicklung von Kernfusionswaffen. Was nun die handelnden Personen angeht, so weist auch Karlheinz Deschner ganz zurecht darauf hin, dass diesen „etwas auffallend Statisches, fast hypnotisch Starres“ anhaftet, eine Art „Individualitäts- und Wesenlosigkeit“, die aber gerade deswegen die Uneigentlichkeit des modernen Lebens spiegele, „das bloß noch Automatische, Reflexhafte, das Tief-Versklavte und Entwürdigte, das Lichtlose unserer Existenz“. Auch der Ich-Erzähler Thomas Grey entwickele sich, so Deschner, eigentlich nicht. (Nachwort, S.549)

Es liegt also nahe, denke ich, die Personen des Romans eher als Sendboten geistiger Bezirke, Prinzipien und politischer Welten zu sehen denn als lebendige, poetische Ichs, so dass ich mich demzufolge also wie gesagt denThemen des Romans zuwenden möchte.

Der Roman stellt ohne jeden Zweifel eine wenn man so will negative Utopiedar, nämlich die einer womöglich untergehenden, sich am Abgrund befindlichen Welt. Heute, im Jahre 2015, dem Jahr, in dem Heinrich Schirmbeck hundert Jahre alt geworden wäre und 58 Jahre nach Erscheinen des Romans, ist diese Welt noch immer nicht untergegangen, doch natürlich kann man auch heute sagen, sie ist durchaus im Begriff, dies zu tun, obgleich nach wie vor selbstverständlich ein jedes Wesen, ein jeder Mensch, wie Spinoza dies ausdrückte, grundsätzlich im Sein verharren will (Die Ethik, III, Lehrsatz 6), also in einer Welt überleben will und muss, die ebenso grundsätzlich immer existenzbedrohend war und ist und die demzufolgeFurcht auszulösen vermag. Und auch dies lässt sich in jedem Fall sagen, dass Heinrich Schirmbecks Roman ein Roman der Furcht ist, eine, wie gesagt, negative und eben deswegen gleichsam augenöffnende Utopie. Doch die Furcht, nach Sören Kierkegaard tatsächlich die Furcht vor dem Wesen der Welt, die mich als Mensch zu vernichten imstande ist, ist hier durchaus nicht als ein lähmendes Moment zu sehen, während hingegen die im Roman eine große Rolle spielende, persönliche Angst immer auch die Angst des einzelnen Menschen vor sich selbst ist – mich nämlich selbst willkürlich-unwillkürlich quasi in den Abgrund zu stürzen. Kierkegaard schreibt in Der Begriff der Angst: „Die Angst ist die Wirklichkeit der Freiheit als Möglichkeit für die Möglichkeit“ – und eben diese Möglichkeit, das wäre hier zu ergänzen, besteht im Können. Diese Thematik taucht bereits als eine zeittypische Psychose des 17. und frühen 18. Jahrhunderts auf, damals gemeinhin erklärt mit einem kurzen Kontrollverlust durch eine Einflüsterung des Teufels, eben dies zu tun, den Schritt in den Abgrund zu vollziehen, sich vor eine Kutsche oder ins Feuer zu werfen, sich selbst wie auch immer zu vernichten, eben weil man es kraft seines freien Willens kann, weil man dazu fähig ist. Diese kurze Auflösung des lebenserhaltenden Gleichgewichts schleuderte nun den armen Sünder in der Folge dann schnurstracks in die Hölle – so der Glaube der Zeit. Der Mensch hatte also allen Grund, sich selbst zu misstrauen und allen Grund, Gott und nicht dem Teufel zu dienen, was nicht zuletzt ordnungspolitisch wichtig war – Gott und Teufel als Mittel zum Zweck. Der Weltuntergang aber als solcher, der Sturz aller, wurde hingegen zwar immer als Folge des sündhaften Tuns all der Einzelnen gedeutet, als Summe gewissermaßen, doch wurde dieses Auslöschen der Welt nicht als vom Menschen, sondern letztlich als von Gott vollzogen gedacht. Heinrich Schirmbeck nimmt in seinem Roman nun Gott zwar nicht ganz aus dem Spiel, denn der ist ja immer noch der Gegenpart des Teufels, des Bösen, doch die Möglichkeit der Weltvernichtung, die Macht dazu, trägt er nun, ganz auch im Sinne Friedrich Nietzsches, realistischerweise den Menschen an, genauer gesagt denjenigen Einzelnen, die die technischen Möglichkeiten dazu schaffen, und denen, die diese Möglichkeiten anwenden können in einem kurzen Augenblick der Auflösung des lebenserhaltenden Gleichgewichts. Wenn der Roman nun also ein Hauptthema hat, dann das des möglichen Selbstmordes der Menschheit, quasi als Folge der unauflöslichen Verknüpfung von Angst und Furcht, faktisch bedingt durch die im Roman beschriebene Abschaffung einer freiheitlichen Demokratie, dem Absinken also der westlichen Welt in eine Diktatur ähnlich den damaligen in den Ländern des Ostens, verbunden mit der weltweiten Verbreitung von Atomwaffen, die letztlich aus den Händen der Wissenschaftler, vor allem auch der Physiker stammen, welche sich nicht zu wehren wissen, oder sich nicht wehren wollen, gegen die Forderungen der Geheimdienste und der politischen Eliten. In seinem Essayband Die Formel und die Sinnlichkeit. Bausteine zu einer Poetik im Atomzeitalter von 1964 schreibt Schirmbeck: „Der Einzelne und das Atom ist ein Gleichnis auf unsere Zeit“ – und auch dies findet sich im Roman als eine wesentliche Thematik, als die derSpaltung, nämlich sowohl des Atoms wie auch der der Persönlichkeit des Einzelnen. Letzteres wird im Roman nicht nur als Zwiespalt der Seele, sondern auch als die Folge einer medizinischen, neurochirurgischen Methode benannt, von staatlicher Seite in Auftrag gegeben, um unliebsame, kritische Menschen als Persönlichkeiten auszuschalten, indem man an ihnen eine Hirnoperation ausführt, die als Lobotomie oder Leukotomie bekannt ist. Diese Spaltung des ganzheitlichen Menschen wird vollzogen als Trennung der Nervenbahnen zwischen den emotionalen Zentren, und sie führt meist dazu, wie es im Roman heißt, „seelisch vollkommen verstümmelte Personen“ (S.171) zu schaffen. Auch diese Thematik zieht sich, als eine andere Form der Weltzerstörung, nämlich als die des einzelnen Menschen, durch die Handlung des Romans, eng verknüpft mit den harmloseren Methoden, kritische Geister zu besänftigen und ruhig zu stellen, denen man also etwa nur gutbezahlte, staatliche Stellen anbieten muss, so wie dies in der Wirklichkeit der BRD dann später mit der so genanten 68er-Generation geschah, während Künstler oder Schriftsteller ohnehin oft aus finanziellen Gründen sich genötigt sehen, etwa in der Werbewirtschaft zu arbeiten. Eben diese letztere Problematik, dass der Künstler sich ganz im Sinne der politischen Eliten zur Lohnarbeit genötigt sieht, beschreibt unser Protagonist durchaus hellsichtig folgendermaßen: „Es gibt Informationen mit Janusgesichtern; Informationen, die gleichsam eine göttliche und eine diabolische Seite offenbaren. (…) Es gibt auch hier eine Ordnung der Werte. Auf der untersten Stufe steht die kommerzielle Information. Sie soll bestimmte psychologische Möglichkeiten der Gesellschaft, soweit diese als kaufende Masse erscheint, zum Nutzen der Produktion in Bewegung setzen. Auch gewisse literarische Erzeugnisse: Filmdrehbücher, Leitartikel, Reportagen gehören dieser Stufe an; sie dienen der Erregung massenpsychologischer Reizabläufe. Sie sollen eine von gewissen Machtgruppen gewünschte Norm menschlicher Verhaltensformen fördern. Letzten Endes gehorchen auch sie dem Gesetz der technischen Ökonomie.“ (S.387, Kursivsetzung NWS) Heute, in dieser unserer Gegenwart, in der Konzerne nicht zuletzt durch permanente Werbung immer mehr Einfluss auf die Menschen gewinnen, einer Gegenwart mitunter, in der eben diese Konzerne ihr wie auch immer geartetes Kapital nutzen, um tatsächlich, quasi hinter den Kulissen, eine imgrunde neoliberale Politik zu betreiben, wird erst offenbar, wie sehr Heinrich Schirmbeck damals den Nagel auf den Kopf getroffen hat, in einer aus heutiger Sicht informationstechnisch noch harmlosen Zeit.

II) Es ist außerordentlich schwer, in diesem Roman positive Aspekte zu finden, was die Freiheit des einzelnen Menschen betrifft oder gar die Zukunft der Menschheit. Heinrich Schirmbeck hat sich dazu entschlossen, ein Romanwerk zu schreiben, in dem es keine Helden gibt, in dem keine Figur erscheint, mit der der Leser bangt, mit der er sich tatsächlich durchgehend zu identifizieren vermag und die als Hoffnungsträger agieren könnte, auch wenn es am Ende dann doch einige Figuren gibt, die sich weigern, der Staatsmacht zu gehorchen oder wie gewünscht zu funktionieren. Insgesamt folgt dieser Roman in seiner Dramaturgie um der Lesbarkeit willen übrigens durchaus der handlungsreichen Trivialliteratur, von der er sich aber zugleich zu lösen vermag durch die hohe und etwas altertümliche Sprache und durch die Dichte an Informationen zu den beherrschenden Themen. Er dient so als Produkt eben nicht, etwa indem er falsche, unrealistische Hoffnungen weckte oder einfach nur der Unterhaltung diente, der „Erregung massenpsychologischer Reizabläufe“, eben weil diese Schrift über das Produktsein hinaus hohe Literatur ist. So ist auch der einzige mit Optimismus aufgeladene Satz des Romans der auf Seite 5, die Widmung nämlich: „Für die kommenden Generationen“; sie bezieht sich auf eben die Zukunft, in der wir alle uns jetzt befinden, in der wir leben, nach der Kuba-Krise von 1962 und dem langen, kalten Krieg von 1947 bis 1989 und schließlich der Auflösung des Warschauer Paktes, der Auflösung also des Ostblocks, wie man in Westdeutschland sagte. Womöglich wäre es besser gewesen, die NATO Anfang der 90er Jahre gleich mit aufzulösen, des GleichgewichtesAuch dies, das Gleichgewicht der Kräfte zwischen Ost und West als Möglichkeit, einen dritten Weltkrieg und damit womöglich den Overkill zu verhindern, spielt eine wichtige Rolle in Schirmbecks Roman, denn diese Kräfte sind, wie sollte es anders sein auf diesem Planeten, natürlich im Endeffekt immer militärische Kräfte, deren Hauptbedrohungspotential die von der Wissenschaft ersonnenen, allesvernichtenden Bomben darstellen, von der Atombombe bis hin zur Kernfusionsbombe respektive Wasserstoffbombe. Doch da das Gleichgewicht niemals das eigentliche Ziel der jeweiligen Partei, „Ost“ wie „West“, sein kann, sondern selbstverständlich die Übermacht gegenüber dem feindlichen System, so stellt sich die Frage, damals wie auch wieder heute, wie die sozusagenfriedensstiftende Notlage, das Gleichgewicht des Schreckens zu erreichen ist. Was also ist zu tun, was kann der Einzelne, insbesondere auch der Wissenschaftler, der Physiker bewirken, zu verhindern, die Menschheit, den ganzen Planeten gleichsam zur Hölle zu schicken?

III) Heinrich Schirmbeck wählte Mitte der 1950er Jahre nun zunächst die Form des Romans, diese Thematik zu behandeln. Warum aber die quasi persönliche Ich-Perspektive, obgleich weder der Ich-Erzähler noch irgendeine andere Figur des Romans eine seelische Entwicklung durchmacht, die nachspürbar machte, wie sehr er oder sie persönlich mit der Verantwortung ringt? Eine mögliche Antwort findet sich in dem Umstand, dass der Kunstgriff des Romans darin besteht, in Thomas Grey nicht nur den Physiker sehen zu sollen, der am Bau von Vernichtungswaffen auch ohne sein Wissen indirekt beteiligt sein könnte bzw., wie er befürchtet, ist, sondern auch den Schriftsteller, dessen im Gefängnis verfasste Schrift eben diesen Roman darstellt, in dem alle Argumente aller Seiten in die Handlung verwoben sind. Diese Verbindung von Naturwissenschaft und Literatur zeigt sich dennoch nicht vordergründig darin, der erzählenden Literatur einfach nur eine Informationspflicht aufzubürden, sondern gründet sich auf die Erkenntnis, in einer quasi durch ein Übermaß an Technik neu definierten Welt zu leben, die neuer Kunstformen bedarf, in die die notwendigen Informationen zeitgemäß eingewoben sind, als Fäden im Gewebe, in derTextur. Im Roman äußert sich Thomas Grey folgendermaßen: „Für mich hatte die traditionelle Unterscheidung (…) zwischen Dichtung und exakter Forschung, zwischen Mathematik und Literatur nicht jene Gültigkeit, die sie für alle meine Studienkollegen noch besaß“ (S.97), und weiter an anderer Stelle, „ich wollte an den bestürzenden Offenbarungen der modernen Physik zum Lyriker werden. Ein abstruses, ein phantastisches Vorhaben, ich wußte das!“ (S.99) Es scheint unserem Protagonisten und damit dem im Sinne des Romans „eigentlichen Autor“ hier also darum zu gehen, die Literatur auf Augenhöhe mit der technisierten Wirklichkeit zu bringen, einer Wirklichkeit, in der die Technik eine eben immer größere, auch bedenkliche Rolle einnimmt. So zitiert Grey den am Ende der Geschichte sich aufs Land in die Einsamkeit zurückziehenden Physiker de Bary, der sich folgendermaßen äußert: „Die Roboter sind ein furchtbares Geschlecht. Nachdem ihre Saat einmal aufgegangen ist, wird es nicht lange dauern, bis sie die Welt überwuchert haben. Ich kann es nicht verhindern; ich kann nur noch darüber nachdenken, wo der Same des Samens liegt; (…).“ (S.491) Das klingt nun fürwahr sehr pessimistisch, vor allem wenn man bedenkt, dass ja der Roman in der Fiktion als ein Bericht des im Gefängnis einsitzenden Thomas Grey zu gelten hat und dieser Bericht somit wohl kaum das Licht der Öffentlichkeit sehen wird, dies Nachdenken de Barys somit ein Rückzug ohne Zeugen und damit ohne Relevanz ist. Zudem offenbart sich der Ich-Erzähler im Epilog als die schwache Person, die er in den Augen anderer Romanfiguren immer schon war, die ihn als Mitläufer, als naiven Chronisten sehen, als jemanden, unter dessen Fußsohlen die Lava kocht, ohne dass er es spürt, als ein Mensch, der quasi eine Maske trägt, unter der statt eines Gesichts einfach – nichts ist. Dieser im Gefängnis einsitzende Ich-Erzähler schreibt dementsprechend gleichsam abschließend, im Epilog nämlich, über sich: „Ich weiß, daß ich kein Dichter bin. Ich bin nicht einmal ein talentierter Schriftsteller. Mein Bericht ist nur an den Stellen gut, wo ich meine komplexen, meine zwiespältigen und hybriden Geisteszustände enthülle oder sie durch den Mund anderer enthüllen lasse. Ich weiß, daß mir das Einfache nicht liegt, weder im Leben noch in der Literatur. Und ich werde immer dem Komplexen verhaftet bleiben, dem Zwielichtigen und Polaren.“ (S.544) Letztlich sieht Grey also ein, dann eben doch Physiker zu sein, auch wenn ihm nahestehende Personen in ihm partout den Dichter sehen wollten, so wie er selbst es lange Zeit glaubte. Nimmt Schirmbeck hier also, zum Ende des Romans, zumindest vorläufig Abstand von der Annahme, es sei dem Schriftsteller möglich, „begriffliche Erkenntnisse, Denkmodelle wissenschaftlichen Denkverständnisses in emotionale Poesie umzuschmelzen, derart, daß sie menschlichen Rang und menschliches Interesse erhält“, so wie er dies Jahre später in dem bereits erwähnten Essay-Band Die Formel und die Sinnlichkeit formulierte? (S.23) Im selben Band räumt Schirmbeck auch ein, dass der Dichter vor den Stoffbergen der wissenschaftlichen Disziplinen ein Laie bleiben muss und so der poeta doctus eben eine Fiktion bleibe, anders als noch zu vergangenen Zeiten, in denen Geschlossenheit möglich gewesen sei. (S.69)

Thomas Grey als eine zeittypisch schwache Person also, als jemand, der ohne eigene Schuld seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden vermag, weil es eben grundsätzlich nicht mehr funktionieren kann, Dichter und Wissenschaftler zugleich zu sein? Der die Missstände zwar erkennt und sie als Chronist sogar beschreibt, ohne aber jemals Einfluss auf das Geschehen nehmen zu können? Die reinste Schwarzmalerei also? Nicht ganz, denn wenn ich sagte, es gäbe im Roman nicht einen wirklichen Helden, so ist das nicht ganz richtig, auch wenn dieses Heldentum des Einzelnen gleichsam nur beschworen, immerhin aber vehement und mutig gefordert wird, der erste Schritt dazu also getan ist. Der neben dem Ich-Erzähler zweite, nun aber gleichsam wahre Literat des Romans, Maxim Bernstein genannt und ebenfalls eine Art oder imgrunde das eigentliche Alter Ego Heinrich Schirmbecks, der einzige Mensch, so die blinde Giselle zu Grey, der „ein reines Gesicht hat“ (S.531), zeigt diesen Mut nun als Dichter mit einer Rede auf einem Kongress. Die Rede gipfelt in der Überzeugung Bernsteins, Dichtung müsse Nachahmung des Heldischen sein, denn „alle große Dichtung bei allen Völkern und Kulturen sei Heldendichtung gewesen, Bericht, Glorifizierung, Mythisierung heldischer Ereignisse“. (S.364f.) Es brauche also eine neue Dichtung des menschlichen Heroismus, des Opfers, des Wagnisses, der Prüfung, der Bewährung, denn der soziale Organismus entarte, die Moral zersetze sich, die Ordnung löse sich auf, weil die altenDrachen tot seien, die Augen einer neuen Generation aber noch nicht klarblickend genug, diese neuen Drachen zu erkennen, nämlich die Maschinen, die Elektrogehirne, die Atomkraft und den Strahlentod. (S.365) Dies habe zur Folge, so Bernstein weiter, dass auch der Dichter konkret zu handeln habe, und selbst wenn dies vordergründig Verrat bedeute, so müsse dies doch um einer höheren Treue willen getan werden. Der Dichter sei zum Sehen geboren, er müsse den Helden auf seinem dunklen Wege erkennen und ihm die Fackel voranhalten, so etwa im Falle des us-amerikanischen Ehepaars Rosenberg, die mit ihrer Spionagetätigkeit für den Osten doch immerhin dazu beigetragen hätten, zwei gleich starke „Drachen“ hervorzubringen, die sich dann also mit ihrem Atomwaffenpotential gegenseitig in Schach halten würden. (S.366f.) Womit wir wieder beim Thema des Gleichgewichts der Kräfte wären, eine Thematik, die uns auch heute angesichts des fahrlässig vom Westen mitverursachten Krieges in der Ostukraine und militärischer Bestrebungen in Ost und West wieder ins Haus steht.

IV) Eine weitere, ganz wesentliche Thematik des Romans ist die derKybernetik und die damit verbundene Frage des mitunter wechselseitigen Verhältnisses von Mensch und Maschine. Die Kybernetik als die Kunst, oder die Wissenschaft der Steuerung und Regelung von Maschinen ist uns Heutigen und besonders auch den jetzt Heranwachsenden in gewisser Hinsicht fast schon in Fleisch und Blut übergegangen. So jedenfalls will es uns scheinen, denn kaum ein Arbeitsplatz ohne Computer, kaum ein Blick in die von Menschen bevölkerte Wirklichkeit, in der nicht selten jeder zweite Zeitgenosse auf einem Laptop, Smartphone oder Tablet Einstellungen vornimmt, wischt und tippt, also mit der „Welt“ kommuniziert, alltägliche Dinge regelt, sein Konto einsieht, Eintrittskarten kauft oder sich neue Schuhe bestellt, spielt oder flirtet oder sich wie auch immer unterhalten, sich so aber auch meist von seiner unmittelbaren Umgebung isolieren, trennen lässt. Der Mensch ist mit seiner Maschine jedenfalls innig verbunden, so der Eindruck, der meiner Ansicht nach auch durchaus nicht täuscht. Man könnte mitunter glauben, man lebe tatsächlich in der Zukunft. Auch die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts brachten einen für die Zeitgenossen beachtlichen Schwung an neuer Technik, der Roman schöpft nicht selten aus der Beschreibung dieser technisierten Umwelt eine Stimmung, die nicht von ungefähr (heute) an Jacques Tatis Film Playtime von 1967 erinnert, in dem ein Paris gezeigt wird, in dem alles Geschehen unpersönlich wirkt, steril und gelenkt von Zweckmäßigkeit, nur dass Schirmbeck nicht das Absurde und Komische solch einer Welt aufzeigt, sondern das Bedrohliche und für den Menschen Gefährliche durchschimmern lässt. Im Vorwort zu Die Formel und die Sinnlichkeit schreibt Schirmbeck Mitte der 60er Jahre, dieser „Einbruch der Naturwissenschaft in unser Leben“ zeige sich in der Überflutung unseres Alltags mit technischen Geräten, in der Beschleunigung aller materiellen und informativen Prozesse. „Er zeigt sich aber“, so Schirmbeck weiter, „noch viel unheimlicher in der Entsinnlichung aller traditionellen Lebensverhältnisse. Es ist, als werde ihnen die Substanz zunehmend entzogen, so daß nur ein abstraktes Skelett von Funktionen übrigbleibt“, was aber vielleicht unvermeidlich sei, denn es mag wohl sein, so Schirmbeck, dass dies „im Entfaltungsplan des Menschlichen“ liege. (S.9) In seinem Roman, wenige Jahre zuvor erschienen, ist diese fatalistische, düstere Sicht auf die Welt der Technik und der Maschinen nun gleichsam Programm und prägt den Ich-Erzähler nachhaltig. Schon als Jugendlicher habe er, so Thomas Grey, im Geiste raffinierte Foltermaschinen für die Verdammten erfunden und zudem in den Bildern von Bosch, Breughel, Goya und so weiter das Satanische, Böse und Sadistische entdeckt, und eben diese unmenschliche Kälte habe fast immer einen deutlichen Zusammenhang mit dem Geist der Maschine Er fährt fort: „Zeitlebens empfand ich einen Horror vor Maschinen, ich hatte nie das, was man technischen Verstand nennt, obwohl ich später (…) Textilmaschinenkunde studieren mußte und auf dem Gebiet der mathematisch-kybernetischen Maschinen mich sogar zu einem Kenner entwickelte.“ (S.29)

Der Erzähler wird also, nach eigener Aussage, in diese Welt der Technik hineingerissen, die er von Anfang an als eine dämonische ansieht und die ihn zugleich abzustoßen und anzuziehen scheint. So schreibt er als junger Mann ein Mitte des 17. Jahrhundert spielendes Drama, in dem der Physiker und Mathematiker Blaise Pascal seiner Schwester Jacqueline die Motive darlegt, aus denen heraus er seine Rechenmaschine entwickelte, diePascaline, eine Ahnherrin der „modernen Denkmaschinen“. (S.81) Dieses Drama, das der Erzähler in seinen „Bericht“ einfügt, zeige seine geistige Entwicklung, so Grey, besser als jeder noch so aufrichtige Bericht (S.81), sei aber auch als der Niederschlag „einer pathologischen Verirrung“ (S.84) zu sehen. Ich denke, dass Heinrich Schirmbeck diese Konstruktion wählte, um eben dies zu tun, was er gegen Ende des Romans seiner Figur de Bary in den Mund legt, nämlich darüber nachzusinnen, wo der Same des Samensliegt, wo das Dämonische, die Durchsetzung der Welt mit Technik, seinen Anfang nahm. In diesem Drama findet nun also ein Gespräch statt zwischen Blaise Pascal und seiner strenggläubigen Schwester Jacqueline, so dass nicht zuletzt auch menschlicher Forschungsdrang auf Gottesglauben, aufGottvertrauen trifft. Die Schwester wirft nun in diesem Dialog ihrem Bruder vor, die Maschine mit dem Herzen gebaut, ihr also einen bedeutenden Raum in seiner Seele eingeräumt zu haben, weswegen er ja auch von einer „Metaphysik der Maschine“ spreche. Dies alles sei eine schwere Sünde. (S.82) Der Vorwurf könnte klarer nicht sein, Jacqueline geht eindeutig davon aus, dass diese Maschine ihren Bruder bereits stark beeinflusst, gar in seinem Wesen verändert hat. Dies räumt Pascal nun auch höchst erregt ein. Er erwidert: „Es ist wahr: ich baute jene Maschine nicht nur um des Nutzens und der Zeitersparnis willen. Eine tiefe Lust und eine wilde Freude des Herzens beherrschten mich, als ich ihre Konstruktion ersann. Ich habe den Menschen verglichen mit einem zerbrechlichen Rohr; einem Rohr indessen, das denkt. Und dieser Satz, in den ich alle Selbstdemütigung, alle kokette Verzweiflung, alles sündige Liebäugeln mit der natürlichen Schwäche unserer Kondition, zugleich aber auch allen Stolz und alle Selbstvergottunghineingelegt habe, dieser Satz wird mir vielleicht einst die ewige Verdammnis bereiten.“ (S.82, Kursivsetzung NWS) Schirmbeck wählt hier den Begriff der „Selbstvergottung“ als ein Schlagwort, das durchaus den Beginn unserer Moderne, des Maschinenzeitalters kennzeichnen kann. Jacqueline Pascal ist es dann schließlich, die die Entwicklung vorzeichnet, an deren Ende sich der Ich-Erzähler Jahrhunderte später wähnt, an dem Punkt, an dem die Menschheit der Maschine quasi erliegt. Jacqueline Pascal gibt also zu bedenken, dass eben diese Maschine „voller Unheil für die Seelen der anderen sein wird“ (S.83), denn, so die Schwester weiter zu ihrem Bruder, „andere werden kommen und Maschinen erfinden, die die deinige an Schnelligkeit und Vielseitigkeit übertreffen. Und diese Maschinen werden dazu dienen, neue Maschinen zu bauen, und das Herz des Menschen wird sich von diesen Maschinen einnehmen lassen und selber zum Maschinenherzen werden, und statt die Erbärmlichkeit seines Denkens zu erkennen, wird der Mensch mehr und mehr von seiner Selbstherrlichkeit überzeugt sein. Er wird eine Schöpfung um sich herum aufbauen, die er der göttlichen Schöpfung entgegenstellt. Er wird das Bewußtsein seiner Preisgegebenheit verlieren, und das Grauen vor dem Schweigen der ewigen Räume wird aufhören, ihn zu beunruhigen, wenn er erst gelernt hat, sie mit seinen Instrumenten zu messen.“ (S.84) Schirmbeck bzw. Grey legt hier seiner Figur also offensichtlich so etwas wie jenen „Entfaltungsplan des Menschlichen“ in den Mund, von dem bereits die Rede war, als etwas womöglich nicht Aufzuhaltendes, dem freien Willen des Menschen aber Entsprechendes. Letzteres wird deutlich in der Erwiderung Pascals auf die Frage seiner Schwester, ob er bereue, diese Rechenmaschine erfunden zu haben, denn Pascal bereut es nicht nur nicht, sondern bekennt offen, dass eben dies seine Seele befreit habe (S.84). Doch was bedeutet nun diese von Pascal behauptete Befreiung der Seele, ihre Loslösung aus den Vorgaben der christlichen Glaubenswelt, wenn der Mensch sich dadurch ein neues Wesen an die Seite stellt, die Maschine nämlich? Wird der Mensch mit ihrer Hilfe den Weg der eigenen Bestimmung gehen können, oder wird der Mensch der Maschine schließlich doch Untertan sein, an sie glauben müssen, so wie er einst an die Götter oder an den einen Gott glaubte?

Der Ich-Erzähler Thomas Grey nun bleibt bei seinen Verlautbarungen gegenüber anderen Figuren des Romans imgrunde bei der Ansicht, es sei nach wie vor sinnvoll, den negativen Seiten dieser technischen Entwicklung Paroli zu bieten. Seine, wenn man so will, Gegenspieler treten dabei ganz freimütig und selbstbewusst als Angehörige des auf militärische Überlegenheit setzenden, westlichen Systems auf, das nur der äußeren Erscheinung nach noch als ein demokratisches gelten kann, längst aber schon diktatorische Züge angenommen hat. So zeigt sich ein hoher Mitarbeiter des Amtes für strategische Informationen im Gespräch mit Grey ganz offen, was die Frage betrifft, wie sich die Gesellschaft als eine von Maschinen bestimmte entwickeln werde und was das für den Einzelnen bedeuten wird. Dieses gleichsam „hohe Tier“ äußert sich also, an Grey gewandt, folgendermaßen: „Wahrscheinlich geistern noch irgendwelche überlebten Vorstellungen in Ihnen; Vorstellungen von der Unverletzlichkeit des Individuums oder der Freiheit der Forschung. Die Kybernetik wird Sie lehren, daß das meiste von dem, was wir als intimen Besitz der Sphäre des Individuellen zuzuschreiben gewöhnt sind, zur Maschinenfunktion werden kann; (…).“ (S.207) Liest man diese Passage heute im Jahre 2015, so muss man unwillkürlich an eben jene bereits erwähnte alltägliche Abhängigkeit von der Maschine, dem Rechner, denken, denn mitunter wird ja der Mensch buchstäblich maschinell gelenkt, nicht nur mittels Werbung hin zu einem Produkt oder gleich zu einer kompletten Lebensweise, zu einem Lifestyle, sondern tatsächlich mit GPS von einem Punkt A zu einem Punkt B geführt, und zwar mit Hilfe von Satelliten, die unseren Planeten umkreisen, die immer mit uns sind wie einst die Götter.

Schluss) Heinrich Schirmbeck zeigt, ich denke, das ist deutlich geworden, die gesellschaftspolitischen Gefahren seiner Zeit insgesamt durchaus adäquat auf. Andere Autoren der Epoche nach dem Zweiten Weltkrieg wählten bei gleicher Thematik andere Herangehensweisen, so wie einige Jahre später Friedrich Dürrenmatt mit seinem grotesken Theaterstück Die Physiker oder der isländische Schriftsteller Halldór Laxness bereits 1948 mit seinem Roman Atomstation, der in einer launigen, ironischen Art und Weise das Thema Atomkrieg behandelt, oder auch der Ire Flann O’Brien, der 1964 in Aus Dalkeys Archiven sehr humorvoll und absurd die mögliche Vernichtung der Menschheit durch wissenschaftliche Errungenschaften behandelt. Schirmbeck geht wie gesagt einen anderen, einen wenn man so will ernsteren, humor- und ironiefreien Weg, auch wenn er so das Risiko einging, einen als schwer lesbar geltenden Roman vorzulegen – Heinrich Schirmbeck fordert, wie gesagt, „Einiges“ von den Lesern. Doch muteten nicht Robert Musil mit seinem Mann ohne Eigenschaften und Thomas Mann mit seinem Zauberberg den Lesern ebenfalls viel zu, indem sie hochkomplex die Atmosphäre und die Konstellationen am Vorabend des Ersten Weltkrieges aufzeigten? Die von Heinrich Schirmbeck beschworene Konstellation ist nun zeitlich vier Jahrzehnte jünger und zeigt gewissermaßen den Vorabend eines drohenden Dritten Weltkrieges. Der Unterschied zu den genannten Werken aber ist der, eben nicht im wissenden Nachhinein zu schreiben, sondern eindeutig vor der befürchteten Katastrophe zur Feder zu greifen, eine Katastrophe, die 1962 und damit nur fünf Jahre nach Erscheinen des Romans in der Kuba-Krise fast auch Wirklichkeit geworden wäre.

Ist dieser Roman von Heinrich Schirmbeck mit dem Titel Ärgert dich dein rechtes Auge nun also ein Roman von „Damals“, quasi nur noch ein wichtiges Dokument aus anderer Zeit, oder ist er auch heute noch ein Werk, das sich aktuell zu lesen lohnt? Thematisch jedenfalls muss der Roman naturgemäß auf fruchtbaren Boden fallen, bezieht der Text doch sein Spannungsmoment aus allen möglichen Formen vermeintlicher oder echter Gegensätze – es geht um Gott und Teufel, Licht und Finsternis, die Gegensätze politischer Systeme, um Kunst und Kommerz, Literatur und Propaganda, Mensch und Maschine – und all dies ist ja so aktuell wie eh und je und hat zum Teil sogar an Brisanz gewonnen, man denke an die erwähnte augenfällige Abhängigkeit des Menschen von Maschinen und von Rechnernaller Art und die Besetzung des Alltags und selbst des Privaten und Intimen mit Werbung und Kommerz. So gesehen müsste der Roman, bedingt letztlich auch durch die Neuauflage im Jahr 2005, anspruchsvolle Leser und Leserinnen zu finden wissen, beziehungsweise diese den Roman. Zu wünschen und zu hoffen ist in jedem Fall, dass die Veranstaltungen in diesem Jahr 2015, dem hundertsten Geburtstag Heinrich Schirmbecks, dazu beitragen, dessen Schriften wieder ins Bewusstsein der lesenden Bevölkerungsschichten zu bringen, damit es in diesem Lande in Sachen Literatur weiterhin vielschichtig, kontrovers und wild zugeht!

Norbert W. Schlinkert 2015 – Alle Rechte beim Autor

ES IST NIE ZU SPÄT (für C.)

Nur wenig später wünschte sie, dass nicht nichts passiert wäre.

 

Die Hand, die sie der nicht in den Nacken gelegt hatte.
Das Knie, das sie nicht zwischen deren Knie gedrückt hatte.
Der Kopf, den sie nicht an deren Brust gerieben hatte.
Der Fuß, mit dem sie nicht an der Außenseite von deren Bein entlang gestrichen war.
Die Halsschlagader, die sie der nicht unter den Mund gestreckt hatte.

 

Alles brannte. Besonders die linke Seite, die sie der einmal zugeneigt hatte, ein winziges Stück Milimeterabstand noch haltend.

 

Ein anderes Mal: Deren Hand an ihrem unteren Rücken, der kurze Druck aller fünf Fingerspitzen. Sie konnte das jederzeit fühlen.

 

Blicke. Wie die sich festgesaugt hatten an ihr, in ihrer Erinnerung. Ein einziges KOMM. Oder hatte sie sich auch das nur eingebildet? Beider Stimmen so rau, unwillkürlich ins Flüstern verfallend, obwohl sie doch niemand belauschte. „Und du?“ Der Klang dieses „du“, der in ihr widerhallte.

 

„Please stop dancing in my mind.“

 

Gespräche, die kreisten und sich tiefer schraubten. Fühler ausstrecken, um sich abzutasten, nicht invasiv. Ehemalige Lieben, stilles Versagen, Eingeständnisse an der Grenze zur Indiskretion. Sie hätten hier sehr leicht ihre Liebsten verraten können, längst vor einer ersten Berührung.

 

Nur dieser eine Kuss dann. Herbeigesehnt seit Wochen. Tagen. Minuten. Das Zurückschrecken. Lippe an Lippe. Diese Hitze. Der Druck. Ein Hauch von Feuchtigkeit. „Wir dürfen nicht.“ Welche von beiden hatte das gesagt? Wie sie einander umtänzelt hatten beim Rausgehen, ohne sich noch einmal anzusehen. Kurzes Nicken dann bei zufälligen Begegnungen tagsüber. Weinkrämpfe in der Nacht auf dem Klo.

 

Sie hatte es richtig gemacht. Sie wünschte sich was anderes. Schon wenig später.

Wirhier

„Warum kriegen die das nicht bei sich geregelt. Haben die kein Plan. Wie Akte X, ohne Scheiß. Tausend davon. Nachher werd ich da reingezogen. Nachher quartieren die noch sone bei mir ein. Wie im Krieg. Seit die jede Nacht rüberkommen. Das Meer sieht ja immer rabenschwarz aus. Kaum zu glauben dass man in der Brühe noch baden kann. Wo jetzt so viele reinfallen ist damit aber sicher bald Schluss.
Was können die hier schon machen. Kennt die jemand. Ich seh nur was krabbeln im TV. Manchmal träum ich davon. Wo es so heiß ist jetzt hab ich immer ein Handtuch am Bett.
Keine Namen. Jedenfalls hör ich nie einen oder dass jemand seinen mal sagt.
Wer wär zu mir denn freundlich wenn ich so am Arsch wär. Glaub bloss nicht dass da einer ein Spendenkonto für mich einrichtet drüben. Haben die überhaupt eine Regierung.
Ob die mich überhaupt rausfischen würden.
Nee nee.
Lauter welche die bei Null anfangen müssen. Könnt ich ja nicht. Aber wenn die sich den Krieg selbst eingebrockt haben. Und den Hunger. Weiß ja keiner. Die können ja nicht so leben wie wirhier. Reicht hinten und vorne nicht für alle wenn man mal nachrechnet. Aber wir sind ja auch schon länger am Hebel. Haben was aufgebaut.
Vielleicht sind paar anständige bei denen dabei. Aber wie soll man die auseinanderhalten. Solange die nass sind eh nicht.
Und was ich hab dafür hab ich mich krummgelegt. Was haben die gemacht in der Zeit. Alles laufenlassen und jetzt kommen sie her. Die Griechen bestimmt auch bald.
Unsere da oben haben ja kein Plan wie es werden soll wenn noch mehr kommen. Was die alles brauchen von uns. Ojeoje. Wenn die alle arbeiten wollen wie wirhier. Die wollen ja keine Almosen. Wer macht sowas schon freiwillig. Seine Heimat gibt keiner einfach so auf.
Aber was jetzt. Jetzt sperren wir die ein. Verbrecher sind die ja nicht. Ein paar vielleicht schon aber die kommen wohl eher mit dem Flieger.
Jemand muss den Schlamassel in Ordnung bringen. Sonst seh ich schwarz.“ 



Boote. 
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