Archiv der Kategorie: Ausgabe 03/2017

Inhalt 03/2017

Die Lesezeichen-Ausgabe 03/2017 erschien am 16. Oktober 2017.

In dieser Ausgabe:

Kleine Konditoreien, Schweizer Volksmusik, Wolfgang Tillmans, die Grube der Sphinx, East River und die Brooklyn Bridge, Bambergs Abende, probiotische Verhältnisse, ein Mitternachtsmahl, Eugen Gomringer, ein sprachloser König, die Hildener Fußgängerzone, kaltes Wasser, kapitale Karpfen und Speichel von Korallenlippen … uvm.

INHALT:

fuga à due voces

oh ja, ich sang dir meinen kontrapu[ck/nk]t
in den schlitz, in das sehnen.
zweistimmig war ich, im kontradickt,
ich schrieb es in fut und fuga.
 

 
und sahest du mich so singen,
du hättest mich nicht ge- und erhört.
du bliebest im schweigen, das weib,
das mir die wäsche wäscht, gut’s mir zu tun.

das mir das mitternachtsmahl gekocht,
allein, du schwiegest weise all meinen
worten, denn die lassen sich nicht
braten im kreis einer pfanne,

wo jetzt das ei-gewusst des schweines
denaturiert oder der kühe,
die ihr haupt senken den schlächtern
wie ich dir hin.

oh ja, ich sang dir vom grabe,
vom balde das tröstende lied.
und wenn nicht, doch dann von den fenstern
den öffnenden klick.

(170907)
 

 

DUMMHEIT OHNE POESIE. Und: Wovor ich mich konkret fürchte

avenidas 
avenidas y flores

flores
flores y mujeres

avenidas
avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres
un admirador

Eugen Gomringer

Alleen, Blumen, Frauen
und
und?
Ein Betrachter


Keine korrekte Übersetzung ins Deutsche hier. Ein und? mit Fragezeichen. Denn: Man (d.i. der Asta der Alice-Solomon-Hochschule Berlin) liest hinein in die konkrete Poesie, es handele sich hier um die Fortführung einer „patriarchalen Kunsttradition“, in der Frauen „ausschließlich schöne Musen sind“.

Und? Wenn schon.

Nein, das meine ich, selbstverständlich, nicht so. Wenn Frauen „ausschließlich“ schöne Musen sein könnten, dann wäre das nicht schön. Schön ist aber doch, dass und wenn Frauen schöne Musen sein können, auch. Finde ich. 

Wie ist das mit der Konkreten Poesie noch mal gedacht? Die Konkrete Poesie entkleidet die Worte von ihrem semantischen Sinn, ohne freilich damit jemals vollständig erfolgreich sein zu können. Denn die Konkrete Poesie spielt mit den Worten, ihrem Klang, ihrem Zeichencharakter und – ein wenig, ein wenig, trotz alle dem  – mit ihrer Bedeutung. Sie scheitert damit zwangsläufig, je gelungener sie ist, mit jedem Mal, das sie Worte verwendet, an ihrer Konkretisierung. Und darum geht es. 

Und dann:
Alleen (pl.), Alleen (pl.) und Blumen (pl.) 
-as – es
y

Es gibt Alleen und es gibt Alleen und Blumen. Gleichzeitig. In einem Bild? In zwei Bildern, aneinander geschnitten? Alleen- breite, große, belebte, leere, laute, leise? Blumen – kleine, blättrige, blühende, große, kelchige, knospende? Kultur und Natur. Diese Interpretation geht schon zu weit. 

Man muss das auch hören. Auf Spanisch.

Und dann gibt es nochmal Alleen und es gibt Alleen und Frauen. Gleichzeitig. In einem Bild. In zwei Bildern, aneinander geschnitten? Frauen – große, kleine, dicke, dünne, helle, dunkle, kluge, dumme? Kultur und Natur. Diese Interpretation geht zu weit. Man muss zuhören.

Es gibt keine „Frauen und Blumen“.

(Denken Sie doch mal darüber nach!)

Es gibt einen Bewunderer. Unbestimmter Artikel. Männlich.
-or
un

Das Gedicht gibt das: einen unbestimmten, männlichen Bewunderer. Zuletzt. Von dem aus schaut die Leserin zurück auf Frauen und Blumen und Alleen. Keine schönen Musen weit und breit. Es bleibt aber ein männlicher Bewunderer nach der Mehrzahl von Frauen und Blumen und Alleen. Niemand sagt, übrigens, dass die schön sind, alle. Steht da nicht. Blumen sind schön, meistens. Und Frauen, oft (Ansichtssache). Aber Alleen? Vielleicht. Manchmal. Blumen und Frauen stehen nicht zusammen, da. Sondern: Ein Bewunderer. Männlich. Es ließe sich lesen: Ein männlicher Bewunderer sieht auf Straßen, Frauen und Blumen. Für männliche Bewunderer seien Frauen und Blumen und Straßen dasselbe oder mindestens auf derselben Schauwert-Ebene. Aber vielleicht auch nur „Straßen und Frauen“, denn „Frauen und Blumen“ gibt es nicht. Oder umgekehrt? Weil Blumen und Frauen Straßen gleichermaßen „beleben“ für den Bewunderer? 

Und wenn?

Wenn es so wäre, wäre das Gedicht Eugen Gomringers ein hochgradig ironischer Umgang mit jener „patriarchalen Kunsttradition“, von der der Asta der Hochschule schreibt, – und das Gedicht mithin selbst Kritik an dieser Tradition. (Und an einer männlichen Sichtweise, die die Wahrnehmung von Frauen bewundernd auf ihre äußere Erscheinung, ihren Schauwert einschränkt. Andererseits: Man könnte auch sagen, dass Männern, pl. die Bewunderung für den Schauwert ihrer Erscheinung traditionell allzu oft versagt bleibt. Auch und gerade in der Dichtung.)

Und: Das ist es wohl. Eine ironische Kritik am männlichen Schauen und Dichten. Auch. 

Und aber: Poesie. Konkret.

Es gibt hier keine Verben. Niemand belebt nichts. Niemand liest. Niemand sieht. Niemand denkt. Auch der Bewunderer nicht, Asta.

Es sind Worte. Auf die wir reagieren. Als Betrachterinnen und Leserinnen. Auf ihren Klang, ihre Form, ihre Bedeutung. Aber unsere Reaktionen auf sie und die Worte sind nicht dasselbe. Dass die Worte nicht sind, was sie bedeuten, darauf will die Konkrete Poesie nämlich aufmerksam machen. 

Was hier ganz offensichtlich gleichermaßen gelungen wie gescheitert ist, also sehr konkret, aber nicht poetisch: Der Asta der Hochschule versteht keine Poesie und liest die Worte nicht als Worte. An der Fassade oder sonstwo.

Sondern: Die Tradition. 
Die Klischees. 
Belästigungen von Frauen auf Straßen.
(Wo bleiben die Blumen? Asta.)
Es liest sich selbst. Ins Gedicht hinein. 

Und wenn schon? Das wäre ja weiters nicht schlimm. 

Die Hochschule hat aber entschieden – um des Schulfriedens willen -, das Gedicht auf der Fassade der Alice-Solomon-Hochschule zu übermalen. 

Zensur ist das (noch) nicht. (Weil das Gedicht ja damit nicht verboten ist.) 
Aber es ist dumm. 

Und es gibt guten Grund, die Dummheit* zu fürchten. 
Eine dumme Welt ohne Poesie. 
Konkret.


* Dass die Dummheit im Gewand des Feminismus daherkommt, stimmt mich persönlich besonders traurig.

32/17 – Eden

Unterschiedliche Passagen: Entwürfe und Aufzeichnungen aus dem Projekt -Eden- eine Rauminstallation: Der Wind II

Der König ist sprachlos, der Wind spricht für ihn,
er wendet, was ist, er durchweht was wird, er ist Wirbel,
Winde sind so, Könige ebenso, lautlos, im Sturm.

Lese ich Wind, lese ich Raum, sehe ich die Dinge fliegend,
die sonst unter der Erde wachsen, wo kein Licht sie erreicht,
fliehen die Schatten, leise, im Sturm, höre ich sie rufen.

Unsichtbar ist alles, sage ich dir, spricht der König,
erheben sich die Dinge aus den Winkeln der Erde,
diese schwebenden Lichter, wie Schiffe, die Worte.

Wachsen sie, wendet sich Zeit, der Wind,
kehrt sie um und ein und vorüber, in mir,
in diesem Land, durch die Jahre, ist es geworden.

Was wir nicht sehen, ist so geblieben,
unsichtbar, in unseren Augen, wie die Schatten
die uns stehen lassen, wo die Farbe fehlt,
entfacht sie das Licht.

die insel

milla cremeso

milla cremeso lebt auf einer fliegenden insel. auf einer fliegenden insel? ja, eine insel mit leuchtturm, anlegestelle, möwen und meer – mit fischen darin und wolken darüber. irgendwie scheint alles dort in der schwebe zu sein und fliegt. menschengeist. gleitet mit fischen durch kühle tiefe und zieht unterm blau der himmelskuppel mit den wolken. oder auch andersherum. und, was es dort auch gibt, sind die legendären hochzeitstorten milla cremesos.

milla cremeso betreibt eine kleine konditorei, in der sie ihre kreationen zum besten gibt. ich las, das gerücht gehe um, einige menschen würden ihrer hochzeitstorten wegen heiraten, und, noch besser, dass dies auch wahr sei und der zauber der torte den beginn einer großen liebe stifte.

eines späten nachmittags saß milla betrübt in der hintertür ihrer pâtisserie auf den stufen zum hof. stützte das kinn auf die hände und betrachtete über den blühenden garten hinweg den see. den see, der das meer um die fliegende insel inspiriert hatte. dessen wellen wiegten das glitzernde spiel der tief stehenden sonne. still lag er da, die ruhe selbst.

milla sann ihrer ehe nach, die ihr, allem zauber der von ihr gefertigten torten zum trotz, alles andere als die erfüllung einer großen liebe gebracht hatte. in die brüche gegangen war.

Tillmans Wahl-Werbung!

Immer wenn ich einen Kulturpessimisten sehen wollte, stellte ich mich vor den Spiegel. Meistens sah er mich nur an, der Kulturpessimist, bis ich aufgab und wegguckte. Ich weiß, was Du denkst, dachte ich jedesmal, aber das half mir dann auch nicht weiter. Einmal aber guckte ich nicht weg. „Unter der dünnen Schicht Zivilisationsschminke“, sagte ich, „scharrt doch die Barbarei mit den Hufen.“ Er guckte mich verächtlich an, als wäre er völlig anderer Meinung, drehte mir seine Hinteransicht zu und ging einfach weg. Das kann er doch nicht machen, dachte ich. Kurzentschlossen folgte ich ihm, ich sprang einfach in den Spiegel hinein, rollte mich gekonnt ab und lief ihm hinterher, packte ihn an der Schulter und riss ihn herum. Er grinste mich an. „Reingetappt!“, sagte er, machte sich mit einem Ruck los und ging seiner Wege. Ich aber war hinter den Spiegel geraten, das wurde mir erst jetzt richtig klar. „Verdammt!“, rief ich verdruckst in mich hinein. Ich sah mich um. Ich befand mich in einer Location in Berlin-Mitte, wie es aussah, überall lümmelten schicke Kulturschickeristen herum, tranken angesagte Getränke aus Pfanddosen, schleckten das beste Eis der Stadt von glutenfreien Hörnchen, pusteten nach Minze duftende, nikotinfreie Wasserwölkchen aus ihren wie kubanische Zigarren aussehenden E-Zigaretten teils selbst gezeugten Kindern mitten ins fröhliche Gesicht, präsentierten ihre Tätowierungen mittels extra zu diesem Zwecks in den Designerklamotten gelassenen Löchern, bewunderten sich selbst in den rundherum angebrachten Spiegeln, wiesen wie besoffen immer wieder mit aufgestülpten Lippen schwer nickend auf die wahrscheinlich mit speziellem Klebeband auf die Spiegel geklebten Plakate, … oha, dachte ich, was mochten diese wohl bedeuten? Schwungvoll trat ich näher heran. Blumen sind schön, las ich, Wählen gehen auch. Ein Foto von der Sorte Nicht-der-Rede-wert zeigt eine Blume, Wasser, Schiff und Berge, ich trat noch näher heran und, aha, im Kleingedruckten stand es, darum geht es also, dachte ich, zum Wählengehen am 24. September des Jahres 2017 wird hier aufgerufen, Bundestagswahl! Und es wird voll durchgeduzt, ergo ist die Jugend gemeint. „Geht wählen“, schallt es also von all den Plakaten, „wählt!, aber um der Gottheiten willen nicht die AfD!“ Ein weiteres Plakat der gleichen Sorte zeigt Menschen in einer angesagten Location, die angesagte Getränke aus Pfanddosen trinken und sicher irgendwo das beste Eis der Stadt von glutenfreien Hörnchen schlecken, naja, und so weiter, Sie wissen schon. Mannomann, dachte ich, da wird die Jugend es angesichts dieser Plakate aber schön bleiben lassen, die AfD zu wählen, denn schließlich kommt diese allerbestens gemeinte Aufforderung in der für die allgemeine Aufmerksamkeitsspanne genau richtigen Länge, Breite, Höhe und Größe daher, ist nicht weiter kompliziert und außerdem von eben den Menschen aus eben den Kreisen verfasst, in die doch alle Jugend hinein will. Feiern gehen, pastellfarbene Plakate angucken, angesagte Locations besuchen, das beste Eis der Stadt schlecken und so weiter. Welch herrliche Aussichten! Geht wählen! Und da rede noch einer von Kulturpessimismus, donnerwetternocheins!


http://www.tillmans.co.uk/zur-bundestagswahl-2017

Gen Eden

Ich ziehe an zwei Bändern, die rot aus meinem Sternum herabhängen, 
ich ziehe an einer von Hand in meinen Brustkorb gelegten Schleife. 
Ich tue das, weil es mir in den Sinn kommt 
als ich im Spiegel sehe, dass sich kleine Buchstaben 
auf meinen Lippen profilieren. 

Ich ziehe an beiden Bändern, löse einen Zirkus aus, 
der mich bauchpinselt, blau-weiß gestreift vom Nabel bis zu den Zehen 
versuche ich von hier oben aus 
     – mich tief in die offene, dunkle Erde hinabbeugend –

möglichst alle grünen Schlangen in meinen Korb zu legen, 
die gerade hektisch durch das Gewitter aalen, 

die die zwei Clowns, die sich entspringen 
sobald sie sich gegenseitig als Leiter zum Himmel zu nutzen versuchen, 
in die Grube der Sphinx werfen sollten. 
Papageien steigen aus meinem Hintern empor, 

fliegen gen Eden.

nahe warrenstreet

9

alpha : 22.28 UTC – Louis erzählte mir eine heitere Geschichte, die er nicht erfunden, viel­mehr von Monroe erzählt bekommen haben will, Monroe, die in Brooklyn in der Baltic Street seit fünf Jahren lebt. Sie habe, erzählte Monroe, ihre Freundin Lilly besucht in der Warren­street an einem fürch­ter­lich heißen Tag im August. Sie habe Lillys Wohnung betreten und sofort gespürt, dass etwas seltsam ist. Das linke Augenlid Lillys flat­terte nämlich wie ein wild gewor­dener Falter über ihrem Augapfel herum. Dieses Flat­tern habe nicht aufge­hört, sagte Lilly, seit in der Nacht vor drei Tagen über ihrem Bett ein Feuer­alarm­melder ange­sprungen sei, ein äusserst strenger heller Ton, der so kompo­niert worden sei, dass man unbe­dingt wach werden müsse, weswegen sie sogleich senk­recht im Bett hockte und nach Feuer suchte, aber keinerlei Feuer gefunden habe. Sie habe dann etwas abge­wartet, aber das Wesen an der Decke wollte sich nicht beru­higen, da sei sie dann auf einen Stuhl gestiegen und habe das pfei­fende, blin­kende Tier flugs abge­schraubt, habe versucht das Tier zu beru­higen, habe Schalter und Knöpfe gedrückt, dann das Tier in einen Pull­over gewi­ckelt, eine Decke darüber gelegt, und noch eine Decke, schließ­lich habe sie ihre Hand­ta­sche geöffnet, sei auf die Straße getreten, um zu Fuß in Rich­tung der Brooklyn Bridge zu marschieren. Indessen flat­terte ihr Augenlid noch immer herum wie ein gefan­gener Falter, weswegen sie sich sehr konzen­trieren musste im wilden Stra­ßen­ver­kehr. Das Tier, das in einer Weise in der Hand­ta­sche pfiff, dass Seemöven Lillys Gegen­wart flüch­teten, habe sie dann in den East River geworfen, was ihrem Auge ganz offen­sicht­lich nicht sofort geholfen habe. – stop

Aus den nördlichen Regengebieten

Dürer auf Durchreise
stieg in Bamberg immer
in seinem Lieblingskrug
Zum Wilden Mann ab, dann
eilte er sofort, rannte
mit wehenden Locken,
in denen der Wind
knisterte, hinaus an
die Regnitz, seinen Herz-
fluss, um am Ufer zu zeichnen.
Zeichnen die Pferde, die
über die Felder zogen
zwischen Nürnbergs
Waldungen, am Himmel
die Schwärme der Stare,
der Schwalben, der Krähen
und der Tauben. Zeichnen
im grünen Wasser den Fisch,
der dastand, still, zwischen
den lang behaarten Steinen
am Grund der Schilfbänke.
Die Köche zeichnen, jungen
Mägde, die Alten wie Geister
in den Augärten Kleinvenedigs.
Kleine schwarze Rose, gestochen
mit Tinte auf den Handteller, sein
Bamberger Blümla. Zeichnen Julie
und zeichnen Juliens Busch.
Den Hasen. Den Hohlweg.
Tout s’était passé
d’une manière révoltante,
sagte auf der Unteren Brücke
ein Franzose, und Dürer war heftiger
Widerspruch peinlich. Die Zeichen
im Zeichenbuch wuchsen. Wolken-
vielfältig Bambergs Abende.
Am nächsten Mittag der kalte
Regen von Franken, die Weinberge,
Würzburg, wozu immer weiter, weiter,
weiter in die nördlichen Regengebiete.
Das Licht war ein Puls, langsam,
beständig langsamer, beinahe
glaubte man, es hört auf.

*