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PUPPENBLUT. Ein Traumbild. „Ich hasse die Tannine, echt.“

 

„Wolkenspinner.“ „Lichtgewinsel.“ „Faselfurt.“

Wahr sei, behaupten die, je nur, was verworfen sei, abgründig und versifft, traurig-tief und höchstens sarkastisch-komisch. So dass, schlussfolgern wir, unwahr und verlogen sei unser Leben, das lachhaft ist, sauber und ordentlich, jederzeit greifbar, routiniert und saturiert. (Lach nicht, Schleimbeutel!)

Ich träume mich weiter fort nie als in die nächste Schlafkuhle unter deinem Arm. (Gott, lass mich sanfter lügen!) Das wird jetzt grün und rot, komplementär, aber herbstlich, weißt du? Noch. Wie es ist, sich in so einen Laubhügel zu werfen und wälzen? Begraben darunter, versteckt, heimlich, eine tote Puppe. Wer sagte das damals noch: Puppen bluten nie. Ich wünschte, ich hätte es besser gewusst.

Verwandte Links
(Bitte fühlen Sie sich getrost überfordert; ich auch. Meiner Vergangenheit bleibe ich gewogen):
Glut. Unfinished Business
Angel. Everybody said she´s good in bed
Die Fabrik der Engel
Blut musste fließen
Pani Tau

Wie immer hängt alles mit allem zusammen. Weiterziehen mit Rotweingläsern. (Niemals Prosecco, sage ich dir.) Ich hasse die Tannine, echt. Was in meiner Speiseröhre brennt. Wir dachten früher gelegentlich, dass uns die Stimme weg bliebe. Manchmal wache ich aus Träumen auf, in denen ich keinen Ton herausgebracht habe. Ich kann nicht sagen, ob sich das gemütlich anfühlte oder bedrohlich. Meine Hände liegen dann immer wie tote weiße Mäuse auf schwarzem Holz. So sieht die Stille aus, in die ich mich imaginiere, wenn alles gesagt und getan ist.

Auf dich habe nicht gehört. Ich habe dich nicht gehört. Deine Grobheiten und deine Selbstgewissheiten. Ich habe den Ton abgedreht. Wie du dich selbst berauschst. Und diese Überzeugung, die du nicht mal dir selbst eingestehen kannst, dass nur Rampensäue was zu sagen haben. Männliche. Weibliche flunschen. (Ich hasse das.) Shows auf kleiner Bühne, für den jeweiligen und seine Konkurrenz. (Ohne Konkurrenz kein Geschäft.) Warum ich dich immer mal nicht leiden kann. Wieder.

„Puppengespenster.“ „Pupsgelichter.“ „Silberschleim.“

So what? When she sang about Angels…Anything goes.
Es ist nur echt, wenn er eine blonde Perücke trägt. 

 

Die wahren Helden wohnen um die Ecke

 

Solingen ist ein düsteres Pflaster, wo die Ortschaften Rüden heißen, TeufelsinselSchwarze Pfähle, Papageiensiedlung und Werwolf. Der Kölner Komiker Konrad Adenauer nannte Solingen einst das Sibirien Deutschlands. Der Menschenschlag ist verschroben, geheimnisvoll und misstrauisch.

Und ein bisschen zurückgeblieben und schlecht angezogen.

Hundegebell von fernen Höfen empfing von jeher die Fremden, und das aus gutem Grund: es konnte ja die Gendarmerie sein, die sich näherte. Überall in den verstreuten Tälern und Hofschaften des Bergischen Landes hatte sich steckbrieflich gesuchtes Gesindel breitgemacht, das aus den großen Städten am Rhein geflohen war und sich dort nicht mehr blicken lassen konnte, weil man dieses oder jenes verbrochen hatte. Es ist dieses dunkle Erbe, welches das Bergische Land bis zum heutigen Tag zum großen Unbekannten, zum schwarzen Raucher auf der Landkarte Deutschlands macht.

Wer die Region bereist, ist bald verhext vom welligen Zungenschlag der Einheimischen. Nicht umsonst gilt das Bergische Land als Knautschzone des deutschen Dialekts. Nirgendwo sonst wird auf engstem Raum so viel verschiedenes Platt gesprochen. Die Landschaft ist verheißungsvoll und brombeerprall, ein kleines England, aber auch dunkel und einsam, die Erde ist sauer. Bushaltestellen der Linie 686 tragen Namen wie Jammertal und Geilenberg, und gleich die nächste Ausstiegsmöglichkeit heißt:

Hoffnung.

Dass die wahren Helden um die Ecke wohnen ist keine Verblüffung auslösende, brandneue Erkenntnis, aber es markiert einen Standpunkt. Mir ist der Nachbar lieber, der irgendwas im Leben gut auf die Reihe kriegt als das Idol aus dem Fernsehen, das hauptsächlich ein Geschäftsmodell verfolgt und in Wirklichkeit vielleicht ganz anders ist als das Bild, das ich von ihm habe.

Natürlich bekomme ich auch den Nachbarn nur in Ausschnitten mit, logisch, doch ich kann bei ihm klingeln und nach dem Rechten schauen. Das funktioniert beim Hollywoodstar eher nicht. Stell dir vor, es klingelt bei Jack Nicholson abends an der Tür, und als er öffnet, steht eine Million Fans auf der Matte: „Alles roger, Hans?“ Schwierige Konstellation, anstrengender Abend.

Da machen die Helden, die um die Ecke wohnen, ganz andere Probleme. Etwa: Was tun, wenn sie fortziehen? Wenn sie plötzlich ganz woanders wohnen und gar keine Nachbarn mehr sind, wenn sie dich zurücklassen, ohne sich um adäquaten Helden-Ersatz zu kümmern?

Ist das jetzt gemein oder bloß der Lauf der Dinge?

*

Der kleine dicke Mann, der seit 1962 um die Ecke lebt, zieht fort. Die Wohnung ist ihm zu teuer geworden. Außerdem hat er es in den Beinen, er kann nicht mehr gut gehen, er und seine Frau haben eine Erdgeschoßwohnung gefunden, in einer anderen Siedlung. Wo man keine Treppen steigen muss, um den Einkauf und sich selbst reinzubringen.

Wie oft habe ich mit dem kleinen dicken Mann vorm Haus zusammengestanden und seinen Geschichten gelauscht, in diesem warmen Solinger Singsang, der mich an meine Eltern erinnert. An meine Onkel und Tanten, an Opa, meine Oma, an die ganze Sippe, die Solinger Platt sprach, den Slang meiner Kindheit.

Manchmal ertappte ich mich dabei, dass ich einfach die Augen schloss und mich in den Worten des kleinen dicken Mannes hin- und herwog, ohne groß auf den Sinn zu achten. Es war, als badete ich, und der kleine dicke Mann war mein wohltemperierter kleiner dicker Badesee.

Wer Solinger Platt nicht kennt, wer als Auswärtiger hinzukommt, für den klingt es wie ein Nuscheln, aber ein freundliches Nuscheln. Der Begriff Neuschier etwa ist so viel freundlicher als das hochdeutsche Original. En Neuschier ist ein neugieriger Mensch. Doch wenn man das Wort Neuschier hört, sieht man sofort die Nase, die sich vorwitzig um die Ecke schiebt, um etwas mitzukriegen, was einen eigentlich nichts angeht. Es ist diese sehr eigenwillige Beziehung zum Leben, die sich im Solinger Platt ausdrückt. Oft nicht so gemütlich wie im Kölsch, eher derbe-direkt.

Weil er nicht mehr gut zu Fuß war und kaum noch lange stehen konnte, hatte er sich hinterm Haus einen alten Holzschemel hingestellt, der dicke kleine Mann. Da er wusste, zu welcher Tageszeit ich ungefähr mit dem Hund durch den Hinterhof spazierte, um Richtung Wald zu kommen, nahm er Platz auf dem Schemel und wartete auf mich. Um mich zu füttern. Mit Mundart. In die er stets Klassiker einfließen ließ, Klassiker des Solinger Sprachschatzes wie das rätselhafte mauschebeet(erledigt, völlig erschossen) oder huschhascheln, eines dieser wunderbare Worte, die meine Mutter zu sagen pflegte. Huschhascheln, was so viel bedeutet wie hin- und her räumen, kramen.

Oder ummeln. Wer im Bett liegt und gemütlich vor sich hindämmert, aber noch nicht eingeschlafen ist, der ummelt ein bisschen.

– Bist du schon am schlafen? –

– Nein, ich bin am ummeln. –

Finnig ist eine Suppe, der man auf Anhieb nicht ansieht, wie brühend heiß sie ist. Eine finnigeSuppe versteckt ihre Hitze unter einer unauffälligen Oberfläche, und dann verbrennt man sich das Maul, dass es nur so eine Art hat.

Jau ist ein Mensch, der geizig ist, aber da ist eine Spur mehr drin als Geiz, ein jauer Mensch ist gleichzeitig auch gefühlsarm, eine Karteileiche. Einer meiner Lieblingsbegriffe ist der schleihte Hungk. Wenn ich es ausspreche, höre ich sofort meinen Vater, der sein Urteil fällt über jemanden: En schleihten Hungk beschreibt wörtlich übersetzt einen schlechten Hund und meint einen Menschen mit zweifelhaftem Charakter, aber mit einem Augenzwinkern. Dat is en schleihten Hungk, damit meinte Vater gelegentlich auch mich.

Hm. Ja.

*

Der kleine dicke Mann erzählte gern von Fußball. Sein Enkel spielt bei der Fortuna, er ist aktuell sein ganzer Stolz, doch mir war lieber, er erzählte aus alten Zeiten. So erfuhr ich, dass hybridartige Fußballplätze wie der in Kohlfurth (in Kolfert), wo ich beim RSV alle Jugendmannschaften durchgespielt habe von der E- bis zur A-Jugend, gang und gäbe waren im Stadtgebiet, diese verfluchten Zwitterwesen aus Asche und Rasen. Das Gras säte sich mit der Zeit sozusagen von selbst aus und bildete erste Flächen, dann wuchs es von den Rändern des Feldes zur Mitte hin, es geschah von ganz allein, ohne Zutun der Vereine. Was auch daran lag, dass man die Plätze sich selbst überließ. So etwas wie einen Platzwart gab es nur insofern, dass jemand die Eckfahnen aufstellte am Spieltag und mit dem Kreidewagen die Linien abfuhr.

Nachdem der Ascheplatz in Kohlfurth mehr und mehr von Rasen dominiert wurde, (ohne ihn je ganz in Beschlag zu nehmen), stellte RASSPE einen Mähtraktor zur Verfügung und stutzte die Wiese gelegentlich. Das bot sich an, war RASSPE doch nicht nur Namensgeber des 1909 gegründeten Arbeitervereins Rasspe Sport Verein (RSV) Kohlfurth, sondern auch einer der führenden Landwirtschaftsmaschinen-Hersteller seiner Zeit, die Fabrikhallen lagen um die Ecke. RASSPE hatte keinen guten Ruf. Rasspe bot viele Arbeitsplätze, zahlte aber schlecht.

Willst du schlechte Löhne, geh zu Rasspe und Söhne.

Der kleine dicke Mann berichtete, dass es 1950 zum 40jährigen Bestehen des RSV ein einwöchiges Fest-Turnier in Kohlfurth gab. Im Endspiel standen sich der SV Sudberg und der SSC 95/98 gegenüber. Es war Sonntagnachmittag. Bratwurststände und Trinkbuden waren aufgebaut, Hunderte von Zuschauern säumten den mit Blumengirlanden geschmückten Acker, genannt Platz. Und dann, so der kleine dicke Mann, muss es eine mordsmäßige Klopperei unter den Spielern gegeben haben, in deren Verlauf eine betagte Sudberger Anhängerin („Minimum Mitte sechzig!“) den Platz stürmte und rigoros mit ihrer Handtasche zuschlug, wobei dem Vorstopper des Gegners 95/98 das halbe Ohr abrasiert wurde. Sofort wurde das Endspiel abgebrochen. Polizei fuhr vor (im Peterwagen) sowie ein Krankentransport, es wurde ein halbes Ohr gesucht und ein Dutzend Platzverweise ausgesprochen. Nicht vom Schiedsrichter, nein, der hätte das Finale gern weiterspielen lassen, aber die Polizei nicht, die hatte was dagegen.

„Dat woaren noch staatse Konden auffem Platz fröüher, die hatten noch Schitte anne Füöte!“

(Das waren noch prächtige Jungs auf dem Platz früher, die hatten noch Scheiße unter den Schuhen = die konnten noch was ab.)

*

Der Solinger Musiker/Performer Georg Zangl singt in dem wunderschönen Erop eronger, und ich übersetze den Anfang mal gleich, „ich sitz in der Küche rum und prakesier.“ Nun bin ich mit Platt groß geworden, und bei „prakesieren“ sehe ich sofort meinen Vater vor mir, der mich bittet, einen Moment zu warten, Jung, „ich bin noch am prakesieren.“

Auf Hochdeutsch bedeutet prakesieren in etwa: nachdenken, überlegen, aber da ist mehr drin in prakesieren, eine stille Verzweiflung ist in diesem Wort. Ich sitze in der Küche und denke nach ist etwas ganz anderes als Ich sitz in der Küche rum und prakesier.

Das ist eine komplett andere Küche.

Hin-und her überlegen trifft es noch am ehesten. Ich sitze in der Küche und überlege hin und überlege her. Prakesieren ist immer eine langwierige Geschichte, eine echt bergische Meisterschaft. Man leuchtet eine Sache aus, man guckt sich noch die kleinste Schneise im Lichtschein an, damit es später nicht heißt, hättest du doch.. ein bisschen mehr..

PRAKESIERT!

Ist Literatur nur noch Beipackzettel?

 

Wie lange ist es eigentlich her, dass von freien Schriftstellern und Schriftstellerinnen die Rede war? So weit ich mich erinnere ist das „Frei“ einmal nichts weiter gewesen als das Unterscheidungsmerkmal gegenüber im Fremdauftrag Schreibenden. Heutigentags aber sagt das keine Sau mehr, Freier SchriftstellerFreie Schriftstellerin, was daran liegen mag, dass so Mancher und Manche der gleichsam Veröffentlichten das Schreiben von Texten nicht in einem per se künstlerischen Kontext betreibt, sondern sich von Anfang an in der Sphäre des Bürgerlichen bewegt, also im Dauerzustand des per se Beauftragtseins. Allein schon die um sich greifende, mit keinem rhetorischen Geschwafel je zu rechtfertigende Verquickung von literarischem Schreiben und Journalismus ist Ausdruck dafür. Für das Schaffen von Kunst aber gilt nach wie vor, um das mal wieder all jenen Verwirrten ins Gedächtnis zu rufen, dass man diese zum einen aus eigenem Antrieb heraus zu erschaffen sucht und zum anderen durchaus nicht zwingend zu Markte, ins bürgerlich konstituierte Lager zu tragen hat, sondern dass ganz im Gegenteil der bürgerliche Mensch sich zitternd und zagend mit dem der Wohlverhaltensdoktrin (Ordnung und Fleiß) abgepressten Mute sich der Kunst nähert, so weit er dies vermag, nicht um sie zu kaufen und zu musealisieren, sondern um Fremdes, Unerhörtes, Falsches, Böses, Abgründiges, aber auch durchaus Schönes und Gutes zu erahnen, zu erschmecken, wohl bemerkend, wie sehr die Verachtung des Künstlers für sein bürgerliches Unterwerfungsleben jede Zeile etwa eines Romans durchdrungen hat, ohne jede Anbiederung an die Leserschaft, ohne eine einzige Geste des Wohlwollens. So wird der Bürgerliche in einen, ja in seinen Malstrom gerisssen, Ekel, Angst und Lust zugleich verspürend – oder würde gerissen werden, denn die gegenwärtig Schreibenden und dies oft und sicher bald ausschließlich in Instituten Lernenden streben, so scheint mir, nichts weiter an als eine bürgerliche Karriere, indem sie im Kontext von Preisen, Stipendien und Journalismus systemimmanent und reibungsfrei funktionieren und nichts anderes mehr im Kopf haben als jene, die ihnen ihre Werke abkaufen. Die bildende Kunst ist derweil schon völlig auf den Hund gekommen, dient entweder pädagogischer Bespaßung oder politischen Zwecken, während es in der Literatur noch, so denke ich, Hoffnung gibt, gelegentlich einmal eine Nadel im Misthaufen zu finden, ein Werk, dessen entscheidender Antrieb nicht vorauseilender Gehorsam war, sondern die Lust, aus der Wirklichkeit heraus etwas offen Anderes zu erschaffen, etwas Gewalttätiges aus Sprache, eine Herausforderung der Welt, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Alles andere ist keine Kunst.

Illustration zu Edgar Allan Poes „A Descent into the Maelstrom“, Harry Clarke (1889-1931)

 

Etwas über den tschechischen Ort Zruč

 

Die poesiepolitische Abteilung des Instituts vermerkt eine Hochkonjunktur der Wortfamilie um das Wort URZ. Angefangen habe das Ganze, so ein Bericht, als das Wort ÜRZUNG in Mode gekommen sei, das man wohl aufgrund einer Genmutation plötzlich als positiv empfunden habe. URZ danach habe man begonnen, URZSICHTIGKEIT als positives Attribut eines Menschen zu empfinden. Endlich aber sei dann sogar, weil man das Wort schon so gewohnt gewesen sei, ein Herr URZ zum Bundeskanzler gekrönt worden. Die poesiepolitische Abteilung widme sich nun selbst, so das Institut, intensiv dem Thema URZSTUDIEN bzw. verschiedenen Angeboten von URZBILDUNG, weil es neuerdings finanziell URZGEHALTEN werde. Das ist nun aber gar nicht INDISCH, sondern ERINDUNGSREICH.

sie sind noch da

 

endlich haben wir logbuchschreiber wieder mal zeit, bei frau katharina vasces und dem kobboi vorbei zu schauen.
es wurde ein wunderschönes zusammen sein bis tief in die nacht, ein kommen und gehen.
vögel sprangen herum, eine miss stiess auf unser wohl an, herr entrometido hatte für einmal, nur eine kleine mappe dabei, der kuchen von katharina wurde geentert, auch hans und jürgen fanden zu glück kein ende, ratur lites hörte gespannt zu, elsa war mit ihren gedanken ganz weit weit weg und herr tourtemagne kam wie immer zu spät, da er sich bei adad verlaufen hat.

Rosaleda

Im Rosengarten Gegenlicht
trommelt Wasser in den
Brunnen regnet über
blasse Blüten hinterleuchtete
Nachmittagssonne letztes
Rosagelb des Jahres

Es ist Ende November
kleiner Engel
deine schwarze Silhouette
steht stumm im Licht
hält unbewegt
im Rauschen inne

Auf der Höhe unserer Augen
zieht ein silbriger Strahl
am Himmel alle
Instrumente im Cockpit
auf Abzug gestellt
verschwinden hinter Rosenhecken
ins Licht kein Luftzug
um Lärchen Leuchttürme
Porzellan und Tauben

Hinterm Kristallpalast
plustern sich barocke Pokale
auf der Balustrade Streiflicht
schlägt glockenheller
Himmel wirbelt Jahreszeiten
schaut schon dünner
um Mund und Maisfeld

Bleib bei mir
rosarotes Welken
ich pflücke dich
oder lieber noch
hänge mich
einfach
neben dich

unreadables!

 

Dokumentation einer Ausstellung
Digitales Objekt, Download PDF, 2.8 MB, 36 S.:
„unreadable books – unlesbare bücher“
etkcontext 041, doi: 10.17436/etk.c.041

Aus dem Call for Submissions:

Aus einer Fehldruck-Auflage eines Buches sollten Exemplare unlesbar gemacht werden. Diese Edition dokumentiert einen Beispielkorpus unterschiedlicher Löschstile, aber auch verschiedenste Verfahren und Techniken der Übermalung, Text- bzw. Papiermanipulation, die das Ur­buch in neue “Editionen” übersetzen.

Eigentlich sollte der gesamte Buchtext, inklusive Covertext und Zeich­nung, unkenntlich gemacht werden und nur die Logos auf Frontseite bzw. Buchrücken noch erkennbar sein, ansonsten aber der Kreativität der Textauslöschung freien Lauf gelassen werden. Doch auch die Anweisungen des Calls und der Begriff der Unlesbarkeit wurden mitunter kreativ interpretiert. Die Exemplare wurden im November 2017 im etkbooks store in der «reihe showcase » präsentiert.

 

 

 

Der achtspurige Gehsteig

Es ist nicht ausgeschlossen, daß die
Wahrheit im Einkaufskorb dieser Frau
Zu finden ist. Gerne erlaubt sich das Produkt
Einen Spaß, indem es fleißig winkt, ohne
Einen Blinker zu setzen. Das ist die falsche

Richtung, denkt man und steigt nicht wieder ein.
Wozu auch? Der Lebenslauf führt etwas anderes im
Schilde, mit mehr Enthusiasmus, versteht sich.
Da es manche ohne ihr Zutun wissen, als stecke es
In den Genen einer jeden publizierten Arbeit,

Schlagen wir es nicht in einem Lexikon nach.
Der Tanz stoppt wegen der viel zu schlechten
Schuhe. Gestern waren sie noch schwarz.
Auch die Fotos von früher haben Hängetitten, manche
Sind sogar barfuß. Auffällig ist der rechte Rand,

Der einem Schafott gleicht, die Klinge mit Sojamilch
Gereinigt. Wenn die Linse das gesehen hat, was
Hindert uns daran, alles zu wiederholen?

Der Fahrtwind kommt von oben –

Aber kann das sein?

Die Rache steckt noch im Kühlschrank, der
Verdichterspirale, fest, neben der Butterdose
Ein Zelt aus Polymeren. Mit einem Mal löste die
Schrift ihre Knoten und hinterließ einen sehr
Langen Regenwurm, der sich durch ein Komma stülpte.

Der Text war augenblicklich nicht mehr zu gebrauchen,
Selbst das Papier hatte aufgehört, sich mit
Gedanken zu beschäftigen. Durch ein Radio konnte man
Kontakt mit dem Zimmer nebenan bekommen. Peilsender
sind das Ziel einer Yagi=Antenne. Im Spiegel

Wirken sie unnötig wiederholt. Nur achtet niemand auf
Dieses zweite Lied. Ein Fehler, wie sich schon oft
Herausstellen ließ. Die künstlichen Felle sind
Wahrscheinlicher. Auf einer Leine sterben sie in ihrer Haut.
Eine Zehntelsekunde lang wird alles wieder wie früher sein,

Oder aber die Täuschung ist mehr als gelungen. Auch
Der blaue Fleck auf dem Stuhl kehrt wieder. Es handelt
Sich um eine Wunde, mit Pfennigen geschlagen.
Ödland ist von der Terrasse aus zu sehen,
Gold wächst heran in eisernen Kisten, zerschossen,

Aber unbenutzt. Könnte je ein Hammer (Impuls und
Energie) so etwas anrichten? War es vielleicht
Etwas anderes? Nehmen wir den Wiesenfleck dort –
Er könnte das ganze Kapitel für sich beenden.
Der Philosoph arbeitet mit seinem Bart,

Stahlseile hängen von Kinn und Wangen,
Worte tropfen aus dem fiebrigen Mund,
hinterlassen einen Teller voll Buchstabensuppe.
Die Umkleidekabine ist angefüllt mit Wäsche,
Ein einsamer Badeanzug hängt an der

Klinke und stampft mit den Füßen auf. Später
Gesellt sich die Verwandtschaft hinzu.
Der Dorfkrug weint, weil er kein Geld mehr hat,
Die Reise zu bezahlen. Andere trachten ihm
Nach seiner Bleibe. Irgendwann wird er sie

Teilen oder sich verändern. Nur nicht heute.
Die Stadt heißt uns willkommen, auch wenn
Sie uns nicht einläßt. Noch schlafen die Menschen
Auf den Tischen, sorgen für einen Geräusch-
Pegel, der Insekten vertreibt. Der Ortswechsel
Kommt mir vor, als wäre ich schon einmal da gewesen,

Zwischen all den Kisten aus Glas, dem Taubenreigen,
Der Präsenz ominöser Bilder an den eingekerbten Wänden,
Taschenbücher ohne Rückgrat. Eine Wiege schaukelt
Im Foyer, hängt träge in einer unwirklichen
Stellung fest, bis ich komme, eine Hand unter die

Kufen klemme, die Dielen loslasse, sozusagen die
Fangarme spreize, um zu fangen, was aus dem Anzug rinnt.
Das Schaukelpferd ist nur ein Steckenpferd, das Kajak
Eine Luftmatratze. Wer die Stimme hört, verschafft sich die
Argumentation. Dazu gehört ein lang anhaltender Atem,

Ein Sirenenton, von Rippen erzeugt, durch das unbewegliche
Ausmaß gepumpt. In Teilen bleibt der Eindruck bestehen,
Hier sei etwas heimisch. Originalität ist ein Pfeifen in den Ohren.