Archiv der Kategorie: Ausgabe 03/2013

den tag u.a.

1 den tag …

den tag
(auch er
nur ein hund)
verbellt ein hund

in den mund
fährt ein martinshorn
den nächsten
kranken

in den die fliegen
fliegen

weil ihn plötzlich
die luft das maul
aufreißen läßt

in das die fliegen
fliegen

als fehlte ihr was

2 gargoyled …

mit gespreizten fingern
all das wasser
von mir speiend
das auf die hand läuft
(aber es wird nicht warm
grad wie das gezweig’
an lavinias händen)
je im eigenen fingerstrahl
gerüchte verbreitend
es habe eine der kuppen
den himmel durchbohrt

es erzählten es
die schwarzen engel
schreiend in ihrem
hin und her
zwischen mond und erde

als eine dicke taube
unterhalb der gürtellinie
der dachtraufen
sich zu fliegen traute

3 nachsicht …

wenn die frau
die auf den stufen
zum hof
ein buch liest
dessen grellgrünen
titel zu entziffern
auf dem rückweg
da du sie von vorn siehst
die augen
nicht mehr taugen
die den kindern
den rücken kehrte
die dir den weg versperrten
als du losgingst
und deiner stimme sich
zuwandte die da
hineinplatzte
und dir nachsieht
die schritte
dann wieder
treppauf
zum holunderbusch
in dem der zugvögel
stimmen den geist
des kindes
aufstöbern
das du warst
wird

оранжерея

wo ich hinschau’, ist orange:
farbe des hier mich erinnerns,
kindertagend her, so lange,
oft in fotos des beginnens …,

wenn nacht sich senkte über türme
in späten sommern auf balkonen,
als sanfter war’n noch herbstes stürme,
orangerien den kön’gen und baronen

sproßten nicht, doch standen stiller,
waren in ihr laub getauchter
hort der mandarinenkiller:
haut ab eingeschrumpfter trauer!

und trau’ mich endlich, mich zu färben.
im bunten mich dir anvertrauen
oranjes prinz dir ganz zu werden
und mich in dir jetzt anzuschauen.

früchte hängen hoch an zweigen,
kürbis reift nah an der erden.
nicht die zeit ist’s, abzuscheiden,
sondern sich wie’s laub zu färben.

den hagebutten will ich gleichen,
und auch im schatt’gen hain orangen,
und mit dir an mir selber reifen,
auf dass ein paradies wir fanden.

(для оранжевых Юлия)

(zwinkerlink: „orange minuet“ – musik: wendy carlos aus soundtrack zu stanley kubricks „a clockwork orange“, karaoke-text: ögyr 2003 / 2013)

Kitty Moffert

Der Strand schwamm, einem Zigeuner gleich,
Der ins Wasser gefallen, hinüber zur Insel
Der Mahagoni-Bäume, ruderte sandglitzernd
Mit grobporigen Armen, und wir ersetzten
Ihn gegen den Windacker
Ohne Almosen überhaupt erst zu fordern.

Es sah so aus, als lebten noch einige dieser
Bischofskröten, die nur wenn es donnerte aus
Den Erdritzen stakten, Goldhemd, Storchenstiefel an,
Aus einem Pamphlet rezitierend

                              die Stimme Zahngurgeln.

Die Majuskeln bestanden aus Bluturin,
Eine andere Tünche kannte der Verfasser nicht
Beim Namen, stolpernd über Hasenschlingen (man
Sieht ihn Tag für Tag im Zittergras
Verschwinden, das Generationen von Rennfahrern
Ernährt).

                              Ein aufgetrenstes Pferd,
Eine Harpune auf einem Schlitten.
Was siehst du da?
                              Die bescheidene Frage tauchte
Unwillkürlich auf, eine Sonne auf Halbmast
In einer nie mehr wiederkehrenden Bildmischung,
Stumme Sequenz, Schwenk und ab.

Der Ruhm ist ohnehin ein Akt der Näherinnen
                              sprunghafte Nadel
                              angefasst,
Ein überaus heißer Kuchen zerkaut
Den Pansen, gibt sich mehrere Minuten
Zeit,
            Rennt O-Beinig über die Brooklyn-Bridge,
Auch wenn es nur so aussieht, weil dein
Teller das Licht so komisch filtert, unsere

Großherzigen Lampen noch nicht erfunden sind.
Beinahe hätte ich’s vergessen,
Wie heißt die Dame eigentlich?

„Kitty Moffert“

Auf dem Seil

Philippe Petit auf dem Seil zwischen den New Yorker Twin Towers (1974)
Philippe Petit auf dem Seil zwischen den New Yorker Twin Towers (1974)

wenn du das seil bist
unter meinen füßen
gespannt von first zu first
kannst du mich leben
oder sterben lassen
niemandsland ein luft-ort
schwebendes gelände
über der schlucht
zwischen zwei türmen
aschkalt der eine hinter mir
verlassen und der andere
lockt durch ungewissheit licht
wie alles das versprechen darf
und gar nichts halten muss
wenn ich schwanke tritt mein fuß
dir taumel in die seele
und dein wiederzittern
lässt mich schaudern
rudern atmen in die stille finden
sirren wirst du in der klammen luft
erst wenn ich falle
oder feiern kann am ziel
wie beim harfenspiel
der klang der saite
erst einsetzt
wenn die berührung
endet

© Benjamin Stein (2013)

Philippe Petit auf dem Seil zwischen den New Yorker Twin Towers (1974)

schreibmaschinen poesie (anachronismus)

 

 

 

 

 

»anachronismus« schreibmaschinen poesie von anatol knotek

16 poesien, handgefertigt, unikat, DIN A6, hardcover;

»normalerweise ist ein buch nur eine kopie – bei diesem buch ist jedes ein einzelstück. die poesien werden direkt mit meiner schreibmaschine (adler triumph gabriele 10) geschrieben, also weder ausgedruckt noch kopiert. von insgesamt ca. 90 meiner arbeiten wähle ich für jedes buch 16 aus, sodass in keinem die gleichen vorkommen.«
(auf wunsch gibt es das büchlein ganz auf deutsch, komplett in englisch, oder gemischt.)

für mehr informationen schickt mir bitte eine e-mail.

Farah Days Tagebuch, 14

Montag, 9. September 2013

Schall und Rauch

Meine Liebe, du hast alle Zeit der Welt.
Die Dinge, die ich von Hand auf Zettel schreibe, sind jene, die nicht von alleine haften. Unzuverlässiges Zeugs.
Meine Hände altern schneller als der Rest meines Körpers, meine Ideen altern schneller, als die Zeit lang ist. Ich war der Freiheit immer troy, nun stellt sich heraus, sie ist ein riesiger, komplett leerer Parkplatz. Niemand greift sie an, niemand da außer mir. Ich parke trotzdem immer auf der gleichen Stelle, leg’ die verdammte Parkuhr an die Windschutzscheibe, obwohl keiner kontrollieren kommt. Mir egal; ich bestehe darauf.
Immer bin ich gewahr. Deswegen die Vorsicht. Vor-sicht: das, was man sieht, bevor man sieht.

„Dein Schlafzimmer“, moniert er, „sieht aus wie eine Krankenstation, die Kissen, dies gebrochene Weiß und Grün.“
„Ich brauche Sicherheit zum Einschlafen“, sage ich.
„Lass uns zu mir gehen“, sagt er, „hier kann man nicht dreckigsein.“
Ich mag weiß, sauber und Stille. Am allermeisten Stille. Lautloses Gleiten. Der Herbst tändelt schon in den Ecken, ich weiß nicht, ob ich diesmal gut vorbereitet bin, immernochmehr Türen, die sich nicht schließen lassen.

Eigenmächtig.

Was für ein unheimliches Wort.

„Sie ist mein Lieblingsmensch“, sagt er zu der Frau. Ich stehe dabei.
Die Frau lächelt, sieht mich an, sagt: „Oh, ich glaube, sie ist so eine, die der Lieblingsmensch von vielen ist.“
Er nimmt mich in den Arm. „Ja“ sagt er. „Nur ihr eigener nicht.“
„Vielleicht mögt ihr mich deswegen so gerne“, sage ich. „Ich nehme mir nichts heraus.“

Ich nehme mir nichts heraus, ich maße mir nichts an, ich bin frei. Mein Parkplatz ist der größte von allen.
Er
Ist
Unheimlich
Groß.

Selbst wenn …
… doch das sag’ ich nicht.

Auf einem anderen Zettel steht:
Bist Du derjenige, der meine Flucht aufhalten wird?

Die Raupe Stück für Stück, die mit ihrer Körperlänge die Welt ausmisst. Ausdehnen, Zusammenziehen, Atmen. Kann ich alles. Nur die Klebefüßchen unten an der Raupe, die bewirken, dass sie mit Ausdehnenzusammenziehenatmen vom Fleck kommt: die fehlen mir. Vielleicht muss ich von vorne anfangen. Einen ersten Punkt entdecken, an dem ich haften
bleiben
wollen
würde.
So viele Zettel. Unterscheidungen. Verschenkungen. Wer will schon besitzen? Von fern ein Geheul.

Die Hölle, das sind die Anderen.
Read my stitches. Replace me. Take over.

Meine Zunge schmeckt süß, wie frisch gemäht, seitdem ich nicht mehr rauche, und der Wind, der Wind, fährt mir ins Maul hinein. Wer will da noch atmen.

Alles ist immer anders.
Alles ist immer neutral.
Alles ist immer gleichzeitig.

Ich wähle mich. Und Euch. Und von einer Sekunde auf die andere schnurrt der Parkplatz auf die Größe eines Raupenkörpers zusammen. Man misst immer nur sich selbst, in allem, was fremd und anders ist, misst man nur sich selbst.
Die Welt, meine Kleine, mein Littelwitsch, ist nicht größer als Du.