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GOPHER-SPACE.

Wenn das Internet nicht von dem WWW getüncht worden wäre, sondern von Gopher, in welchem Space würden wir uns jetzt bewegen?
Geld spielt keine Rolle. Aber Geld spielt eine Rolle. Aufgerollt die Möglichkeiten des BTX, Minitel etc pp. (Draußen im Hof kippt das Licht langsam hinter den Dachfirst). Ein Telefon von LOEWE vor mir auf dem Tisch (Tee, stark gesüßt. Mittelmäßiger Schweißausbruch lässt mich müffeln. Keine Zeit zum Duschen). Loewe, eine Firma, die es vermutlich auch nicht mehr gibt. Oder liegt das nur an meinen eingeschränkten Weltwahnnehmungen, an der fernsehlosigkeit, realitätsblödigkeit, der vergangenen Jahre, die so unregelmäßig als einzelne, aufgeteilte Streams sich in meinem TV-Kopf voneinander wegbewegen, wieder zusammentrudeln, sich aber nie mehr nicht vollständig berühren. So dass eine Erinnerung an das Jahr 2005 schon endlos lange zurückliegt, hingegen eine andere aus dem selben Jahr sich aus kürzester zeitlicher Distanz nähert. Zack.
(Zug aus der E-Zigarette, Autogeräusche draußen, Fensterrahmen, schon fast ikonenhaft oft fotografiert von mir, in den letzten Jahren, Zeit-Clustern. Lewitscharoffs missgünstiges Hausfrauengesicht nun vor dem inneren Auge (DAS INNERE AUGE – eine gänzlich lasche Selbstüberwachung. Spiegelung an die leere Leere vor mir, Luftleinwand. Aber doch recht konsistent diese grellroten Lippen der Lewitscharoff, grell, ungut – und dieser Löwe in ihrem Roman natürlich ein blödes Bild für nichts Wesentliches, eine fade Metapher, ausgewalzt zur Freude des überwiegend dümmlichen Feuilletons, das ja jetzt empört zurückrudert in seiner Weihrächerung der Mittelgroßschriftstellerin, die nun, Überraschung, Überraschung, all die Nichtigkeit ihres Vorstellungsdenkens auf ein weniger goutierbares Thema als Löwen gelenkt hat) – (Wieviele Klammern muss ich an dieser Stelle des Textes schließen?) ))) )))
Und immer diese ZEITNOT. Dem Sterben forsch entgegengeschritten. Ha, Hallo, da is er ja, kann ihn schon sehen, mit dem übergroßen Fernglas der Imagination. Aber weit weg noch eigentlich, noch nicht auf den Weg gemacht hat er sich.
Da hilft nur noch BACH. All dieser TechnikMüll auf dem Wohnzimmertisch (den ich als Schreibtisch nutze, seit ich nicht mehr rauche, und also die Wohnung volldampfen kann, mit meiner merkwürdigen E-Zigarette). Müll, der jetzt noch weltbewegend zu sein hat, mir aber, natürlich, natürlich, wir sind ja Empfindsam, für einen kurzen Moment die Sehnsucht, Sehnensucht, Muskelsucht (aufgehängt an Bogensehnen oder Klaviersaiten, oder Darmsaiten der Gitarre, die drüben, im Zimmer nebenan, ein staubiges Dasein fristet (Hey, ich könnte noch mal Lieder erbrüten, Rochstar werden, endlich Geld verdienen, mich lächerlich machen) nach allumfassender, landschaftshinterlegter, milde natureller Ruhe eingibt.
Aber das ist natürlich Schwachsinn. Das INTERNET muss ja am Laufen gehalten werden. BLOG BLOG. Ein Meckern wie von einer Ziege in mir.
Auch ein Neuananfang kann eine Niederlage sein. Eine Biederlage. Befindlichkeit: Null. Befremdlichkeit: Eins.
(Ich geh jetzt das GOPHER-Netz suchen. Vielleicht kann ich es mit dem Loewe-Telefon von 1991 erkoppeln … ?)))

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Das direkte Streuen der Herzen war grundlos

Andere originelle Theile schwebten herbei; choreografiert
    (hohes Maß an Step 1, Step 2)
    aufgemalte Schritte, Gold=Step Silber=Step
    (Vaslav Nijinsky tanzt einen Faun, übergibt sich erst später hinter
der Bühne in das Costume der ihm schwanenden Kollegin, Pirouettchen
Pinimini. Während die Kotze zu einer Giraffe verläuft, züngelt ihr
Sopran heroisch
    – Ich nehme alles
    erhebt sich & hüpft gen Umkleide; setzt sich centimeter tiefer
auf einen Stein, seine Wanderschaft ebenfalls ein Geheimnis, wie sein
Schall, sein Alter; Bergfüße ragen oben seitwärts heraus, dieses
verblüffende Gaze, seine Formwandlungen. Noch habe ich nicht die Farben
erkannt, bleiche Tochter, grüngelb die Farben
    (oder das ausgebeinte Husarenstück)
    Kamm des Gestern, schön weit hoch von ungerühmter Abstinenz der
Klänge, außerhalb der verpothenen Zone steht die mobile Maniküre bereit;
Tromm frrrr elwirbel : Ovatter, könntest Dich mit dem
Rappen=Punzel messen : die Landsknecht=Trommeln sonoren langkammrig, die
Schnarre verunglimpft Stille, zunächst leise, dann immer lauter, jung,
schön, mit prächtigem Blondhaar. Es wird später gewesen seyn eine
vollkommene Hinrichtung mit eigenem Herd
    (Siedwasser sprudelt & sproint munter für den Thee nachher, der
hat ein wenig was von jedem & jeder darf mal munden mündeln müffeln)
    die Ilias liegt auf dem Tüsch, sanftes Schwertklirren entweicht dem
liebenswerthen Taschenbuch, fantastischer Morast, wenn man die Seiten
blättert)
    sie trat aus dem Haus, konnte frey sprechen im lodernden Gras,
Farbklatsch stand unter den Bänken mit dem Horn, kümmerte sich um den
Rest. Irgendwann hatte es immer einen Anlaß gegeben, war etwas
Unerklärliches geschehen, so daß die Sonne mit ihrer Kraft aufscheinen
konnte. Am Waldrand bewegte sich etwas, wo das Haus mit den 100 Köpfen
stand.
    Sie
    (die früher eine Serviette war)
    trug ihre Schuhe in
den Händen, eigentlich elegant an den Fingern, zu klein ihr Ring, zu
klein auch das Kettchen mit einem Bild von morgen, leuchtend im
Thorbogen, gemeißelt aus Ardennenstein. Allerdings gab es eine
Eigenschaft, die verschwiegen bleiben mußte, aufzusuchen mit geringer
Qualität.
    Er bekam Antwort vor Holzdächern & hölzernen
Pfannen von einem Mädchen mit langen blonden Zöpfen, mit dem Finger nach
rechts schlug sie einen Kreis. Ein heilloses Durcheinander durch eine
trübe Tasse erspechtet, verzerrt spuckend; die Eckkneipe : da trampelt
sie schon herein, schreit
    – Alle mal herhörn ! Wer !?
    aber
das wußte keiner, niemand wußte es, dem Hydranten zum Trotz, von
Feuerbowle genaschter Falt=Tropfen, Abfall abgefallen, außerhalb links :
Sonnenschein
    (derselbe von oben & weiter unten im Text)
    noch im Eckenerkerfenster.
    Sie nahm den alten Rasierpinsel ihres verstorbenen Mannes aus der Schublade, tauchte ihn in das Blutgefäß
    (ein schönes & werthvolles Erbstück ihrer geisteskranken Muhme)
    und pinselte sich den Teint – man mag es drehen und wenden – rot.
    – Wo ist der Daimonenjunge mit dem Kopf ?
   
es gab Essen in schaler Dunkelheit. Es gab Gebein unter dem
Schreibtisch, abgeschabt, staubumfangen. Viele dieser Aufzeichnungen
gingen im Feuer auf, die Buchstaben verendeten in der Luft, der
Geschmack war der nach Zitroneneis. Aus dem Geist des Pedals erhoben
sich unbekannte Formen, man kann nicht behaupten, daß es einen
Anhaltspunkt dafür gab, ein Gerücht, vielleicht auch mehrere, gesäht von
einem zweifelnden Mund, dem bald die Lippen sprangen, die Fetzen Blüten
ergaben.
    Als die Sache aufflog
    (ein Marsch in den Süden)
    sündige
Beine rasiert & voller Autobahn. Die Klinke war gebogen & aus
Metall, eine kühle Halle mit Rauhputz & Kahlheit : die Reden der
Königin in Ausschnitten, ein halbes Bureau, einfach nur Halluzination,
auf den Tischen traten kleine Lampen auf, Du kennst sicherlich die
Geschichte dieses kleinen Landes, die verurtheilten Todesmasken,
Freybier & auch kostenlosen Wein. Weiter vorn brannte kein Licht,
die Lichter des Dorfes; wo er hinschaute, nur Gesichter – und kein
Gesicht hatte der Zahn der Zeit zerstört. Das Haar schimmerte fast
golden, ein Stirnband hielt die Flut zusammen. Schattenhaft die Umrisse,
Dunkelheit nur ihr Schatten. Ich mußte vorsichtiger sein, der breite
Strom trennte beyde Gebirge, wir rollten ins Dorf, in den Fenstern
steckte natürlich kein Glas mehr, abgehauen auch : das Personal.
Weißgrüner Schimmel bedeckte die Wände, die alten Holzbänke, es gab noch
den Tresen. Hier unten roch es muffiger & feuchter, vor unseren
Fußspitzen lag ein quadratisches Loch.
    Die verdrehten Schritte näherten sich kostenlos, das Gewölbe stank
    (welch ein Wunder bey gutem Wurm, bey Regentropfen, die tiefer gingen)
    fernes Lächeln
    (die Edamer Katze)
    meist achtet der Wind nicht darauf, wo er hintritt
    (die verdrehten Schritte)
   
sein Spiel dem Zufall überlassen & nur durch das Medium großer
Künstler lernen wir die Wirklichkeit kennen, angestachelt von den
unterschiedlichen Luftschichten, aufzuklauben, was sich nicht an etwas
anderes krallt. Es waren die Gewichte, die ihn herausforderten, der
unheilvolle Geruch der Maronenbäume darf nicht durch das Fenster
drängen, der erstickende Rauch der Kamine
    (Du wirst Wasser sein, dann und wann Wasser sein)
   
hier ist das Schnitterfest vorbei, die Äpfel liegen rund & schön,
keine Schürze hängt an einem Haken, Jauche füttert die Bächlein, die
durch die Wiese gehen, ein stummes Firmament trägt die Atlaskugel, nicht
der Titan selbst
    (Missy. She was rescued by an animal charity. We had her far over 16 years, before a stroke took her away.)
   
Exploitation der Produktion ist dann zu purer Schönheit erstarrt, wer
nicht zaubern kann, billiger Stoff, verspätete Sätze im Mist
   
(auf den Balkonen drehten altehrwürdige Damen mit zitternden Händen an
den Operngläsern, die ihnen die Fruchtkolben der Jugend heranholten)
   
die Schwester erstickt beinahe brav an einem Samenschuß, den sie dann
aus ihrem falschen Hals mit Tränen schwemmt, die nie wieder so rein seyn
werden, so gemüsebrühig pikant, wie an diesem Tag der Asche, die aus
dem schlottrigen blankbusigen Schlot pfeift, Fruchtfleisch des Lichtes
also, Raumleib & Leib in Zeitgang
    (affentheuerlich & naupengeheuerlich)
   
wir kommen in keinem Buch vor, in das wir uns nicht selbert
hineinschreiben. Angeschissene Wände sieht der Wanderer auf sich zu
   
Blutkloaken, abgerissene Euter von Mensch & Maschine, Sickergruben
& Sand, Geklapper entzwei’ner Dachrinnen, Daimonenspocker &
Ratten Ratten Ratten, mit den Schwänzen anWäscheleinen geklammert
    (die verdrehten Schritte)
    – Hallo!
    (und ich auch : Hallo!)

„Das Schreiben ist nichts anderes als ein Kampf, den der Künstler mit den Menschen um seine hervorragende Bedeutung kämpft“ (Essay)

Ist Witold Gombrowicz’ Tagebuch so etwas wie die Urform des literarischen Weblogs? Diese Frage stelle ich mir, seitdem ich angefangen habe, die gesammelten Tagebucheinträge zu lesen. An einer Stelle schreibt er: „Ich schreibe dieses Tagebuch nicht gern. Seine unredliche Aufrichtigkeit quält mich. Für wen schreibe ich? Wenn für mich, weshalb wird das gedruckt? Und wenn für den Leser, weshalb tue ich so, als spräche ich mit mir selbst? Sprichst du so zu dir, daß es die anderen hören?“ (S.59. Alle Zitate aus: Witold Gombrowicz: Tagebuch 1953–1969. Fischer Taschenbuch 2004 bzw. Carl Hanser Verlag 1988) Wer ist dieser Herr Witold, dieser Gombrowicz? (Ich möchte, übrigens, um Nachsicht bitten dafür, daß ich mich mal wieder nicht mit der aktuellen Literaturproduktion beschäftige; ich weiß, da heißt es wieder, der Schlinkert mit seiner seltsamen Neigung zu Gutabgehangenem, zu all diesem alten Zeugs … doch wer mich kennt, der weiß, daß ich mich ausschließlich mit aktuellem Gedankengut beschäftige, ob es nun diese Sekunde veröffentlicht wird oder von Hesiod stammt.) Also: Gombrowicz, Witold, polnischer Schriftsteller, großer Erfolg in Polen 1938 mit seinem ersten Roman ‚Ferdydurke’, einem wunderbar absurd-komischen Roman mit hintergründigem Ernst, der imgrunde auch einen Diskussionsbeitrag zu der Frage darstellt, wie es um den Diskurs zwischen den altständigen und den modernen Polen bestellt ist. Im Jahr 1939 wird Gombrowicz in Buenos Aires vom Ausbruch des Weltkrieges überrascht und bleibt bis 1963 in Argentinien. Dort kleiner Bankangesteller zwecks Lebensunterhaltssicherung, ist er aber vor allem Schriftsteller und – quasi öffentlicher – Tagebuchschreiber, denn von 1953 bis 1969 werden seine jeweils nur mit dem Wochentag datierten Eintragungen in der in Paris erscheinenden polnischen Exil-Zeitschrift Kultura veröffentlicht. (Siehe dazu: Editorische Notiz. a.a.O. S.993.) Es ist also zunächst eine nur kleine Öffentlichkeit, bis dann 1957, 1962 und 1967 polnische Buchausgaben erscheinen.

Was nun macht Witold Gombrowicz so aktuell? Im Klappentext der Taschenbuchausgabe heißt es, Gombrowicz’ Überlegungen zu Themen wie Marxismus, Katholizismus oder Homosexualität seien unerwartet und wiesen auf verblüffende Zusammenhänge, sie seien aufschlußreiche Pamphlete gegen jedwede Lüge und Ideologie – so weit, so gut. Was mich nun unter anderem besonders interessiert sind aber die Fragen, die ich mir als „literarischer Blogger“ stelle (was für ein ekliger Begriff dieses „Blogger“ doch eigentlich ist, fast kommt es einem hoch!), denn wenn das literarische Weblog Literatur ist, die sich vermittels neuer technischer Möglichkeiten direkt und unvermittelt aktuell an Leser:innen wendet, dann scheinen mir diese Tagebuchbeiträge, zumindest in ihrer so schnell als möglich gedruckten Form, als eine Ur- oder Vorform des literarischen Weblogs. Der Vergleich mit Alban Nikolai Herbst’ Die Dschungel. Anderswelt drängt sich dabei geradezu auf, und das nicht nur, weil Die Dschungel ohne Zweifel einen bedeutenden Beitrag darstellt zur zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur (möge die Literaturgöttin dafür Sorge tragen, diese Beiträge der Nach-Welt zu erhalten!), sondern vor allem, weil beide Schriftsteller eine kompromißlose Haltung zu allem was Literatur ist und sein kann offen (aus)leben, weil beide sich mit einer hohen Risikobereitschaft an ein oder ihr Publikum wenden, ohne Liebedienerei und falsche Bescheidenheit. Deckungsgleich sind die Ansätze deswegen natürlich nicht, schon allein dadurch bedingt, daß ein Alban Nikolai Herbst dem tagebuchartigen Eintrag meist unmittelbar Weiteres folgen läßt, nämlich als direkte Reaktion auf Leser:innen-Kommentare. Diese Unmittelbarkeit ist sicher das eigentlich Neue und erweitert das Genre des Tagebuchartigen.

Vor- oder Urform also des literarischen Weblogs der Haltung zum Schreiben, zum Künstlersein wegen und vor allem auch aufgrund der so gelebten und gestalteten Beziehung zu den Leser:innen!? Doch birgt diese Art, sich an ein Publikum zu wenden, naturgemäß auch allerlei Gefahr in sich – die nämlich, sich trotz aller Offenheit selbst in die Tasche zu lügen. Gombrowicz schreibt: „Die Falschheit, die schon in der Anlage meines Tagebuchs steckt, macht mich befangen, und ich entschuldige mich, ach, Verzeihung … (aber vielleicht sind die letzten Worte überflüssig, sind sie schon affektiert?)“ (S.60.) Dies schrieb er 1953, und man sollte bedenken, daß er als Exilant in einer dauerhaft mißlichen Lage war, schon allein deshalb, weil er sich seine Leser unter seinen (fernen) Landsleuten zu suchen hatte und sein Heimatland zugleich noch unter der Knute des Stalinismus wußte  – wenngleich, auch das scheint mir bedenkenswert, er immerhin als Fremder in einem Land auch durchaus kleine Freiheiten hatte, die ein einheimischer Künstler, der sich als Künstler im eigenen Land fremd fühlt, was nicht selten der Fall ist, niemals haben kann. Was aber trieb nun unseren Autor zu dieser öffentlichen Form des Schreibens, zum reflektierend-nachdenklich-erzählenden Tagebuch? Das zuletzt Zitierte weiterführend schreibt Gombrowicz: „Dennoch ist mir klar, daß man auf allen Ebenen des Schreibens man selber sein muß, d.h. ich muß mich nicht nur in einem Gedicht oder Drama ausdrücken können, sondern auch in gewöhnlicher Prosa – in einem Artikel, oder im Tagebuch – und der Höhenflug der Kunst muß seine Entsprechung in der Sphäre des gewöhnlichen Lebens finden, so wie der Schatten des Kondors sich über die Erde breitet. Mehr noch, dieser Übergang aus einem in fernste, fast untergründige Tiefe entrückten Gebiet in die Alltagswelt ist für mich eine Angelegenheit von ungeheurer Bedeutung. Ich will ein Ballon sein, aber an der Leine, eine Antenne, aber geerdet, ich will fähig sein, mich in die gewöhnliche Sprache zu übersetzen.“ (S.60.)

Vereinfacht gesagt ringt Gombrowicz in seinem Schreiben insgesamt darum, als Künstler Mensch und als Mensch Künstler zu sein – daß dies nicht im Verborgenen und nicht in aller Bescheidenheit vor sich gehen kann, liegt in der Natur der Sache. Anmaßung ist hier das Stichwort, und wer Alban Nikolai Herbst’ Die Dschungel in den Jahren aufmerksam verfolgte, der weiß, wie oft Kommentatoren Herbst angriffen wegen seiner vermeintlichen Eitelkeit, seiner vermeintlichen Großtuerei. Auch Gombrowicz muß diesem kleingeistigen, imgrunde unterwürfigen Denken ausgesetzt gewesen sein, denn er bezieht klar Stellung zur Seinsweise des Künstlers (und weist zugleich seinem Tagebuchschreiben, indem er es nicht für sich behält, den Sinn und Platz innerhalb seines Gesamtwerkes zu). Er schreibt: „Ich weiß und habe es wiederholt gesagt, daß jeder Künstler anmaßend sein muß (weil er sich einen Denkmalssockel anmaßt), daß aber das Verhehlen dieser Anmaßung ein Stilfehler ist, Beweis für eine schlechte »innere Lösung«. Offenheit. Mit offenen Karten muß man spielen. Das Schreiben ist nichts anderes als ein Kampf, den der Künstler mit den Menschen um seine hervorragende Bedeutung kämpft.“ (S.61.) Dschungel-Leser wissen, daß Alban Nikolai Herbst dieselbe Überzeugung lebt, die er in seinem Weblog den Lesern folgerichtig nicht vorenthält. An einer Stelle schreibt Herbst: „Künstler jedenfalls, wenn sie das sind und also etwas zu sagen haben, kämpfen mit offenem Visier. Ausnahmslos. Schon, um ihre ästhetische Position zu bestärken, was wiederum ihr Werk stärkt und durchsetzt.“ (Interessant hier die doppelte Bedeutung von Durchsetzen: einmal im Sinne von Durchdringen, das andere Mal im Sinne von Erfolg auf dem Literaturmarkt.)

Das zugleich intime und zur Einsichtnahme gedachte Tagebuch ist ja bekanntermaßen keine Erfindung unserer Tage, das sei noch kurz angemerkt, sondern ist hierzulande seit gut dreihundert Jahren Bestandteil der literarischen Welt. Oft wurden Tagebücher zu Memoiren, eigenen Lebensbeschreibungen bzw. Autobiographien oder auch Romanen verarbeitet, man denke nur an die Memoiren der Glückel von Hameln (Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts, veröffentlicht 1910), Ulrich Bräker, Salomon Maimon, Adam Bernd, Heinrich Pestalozzi, Johann Heinrich Jung-Stilling, Karl Philipp Moritz und viele andere, wobei die gezeigte Offenheit oftmals einen stark aufklärerischen Impetus hat (Adam Bernd, Pestalozzi, Jung-Stilling), durchaus aber auch schon den Protagonisten zugleich als Künstler heraushebt (Bräker, Moritz), der als solcher das eigene Leben schreibend auf eine Art offenbart, die auf eben diese künstlerische Art hinaus in die Welt muß. Die Möglichkeit, als Schriftsteller Tagebucheinträge (so wie Gombrowicz) fast unmittelbar in einer Zeitschrift, beziehungsweise sie heutigentags tatsächlich unmittelbar auf einer eigenen Website unter Klarnamen zu veröffentlichen, ist somit nichts weiter als eine Erweiterung der Möglichkeit, in aller Offenheit und auf zugleich höchstem Niveau als Künstler zu sein und zu wirken und (s)ein Werk zu schaffen.

DAS HERZ DES VERBRECHENS (oder: George, Dick und Don)

Das Erste, was sie versuchten, nachdem die Wirkung der Sedative nachließ, war die Tapete abzukratzen. Beziehungsweise das, was sie zunächst für eine Tapete hielten. Ihre Reaktion war verständlich. Die Wände dieser gigantischen Halle, in der sie erwachten, waren von oben bis unten mit Bildern und Inschriften versehen. Großformatigen Fotografien von Eingeweiden, die aus Bäuchen platzten, zerfetzte Beine, aus denen Knochenteile ragten, verbrannte Leichenteile, schreiende Mütter hinter Lastwagen, auf denen ihre Söhne abtransportiert wurden, Trauernde, die Kindersärgen folgten, Szenen aus notdürftigen OPs, wo mit Sägen Extremitäten abgetrennt wurden, Brandwunden an Armen, Beinen und in Gesichtern, glatte Durchschüsse und mit Schrot versehrte Körper; alle zehn- oder hundertfach vergrößert; die Farbigkeit – Blut, Blut, Blut überall – extrem übersättigt oder aber brutal in Schwarzweiß-Kontraste gesetzt. Kein Wunder, dass sie die Schriften zunächst nicht beachteten. Ortsangaben und Jahreszahlen waren es zumeist, Namen und Altersangaben; versteckter, kleiner waren die Botschaften angebracht, die sich unmittelbar an die drei Gefangenen richteten.
 
Es war keine Tapete, das bemerkten sie schnell. Die Bilder und Wände waren mit etwas wie Lack überzogen, an dem ihre Nägel sich abschürften, aber keine Spuren hinterließen, nicht einmal Kratzer. Dick war es, der sich zu Anfang am meisten aufregte. Er begriff: Sie waren in die Hände der Feinde gefallen; sie waren entführt, gefangen und sollten bestraft werden. Er fluchte und beschimpfte die, von denen er glaubte, dass sie dahinter steckten. Dann stieß er Drohungen aus. Er folgte damit einem psychischen Muster, das sich als effektiv erwiesen hatte: Den Gegner definieren, aus der Verbindung von Wut und Selbstgerechtigkeit jene Klarheit erzeugen, die alle Skrupel ausblendet und zur Vernichtung befähigt. Mit dieser drohte er, wie gewohnt und bewährt, laut, dröhnend. Doch damit waren die Parallelen zu seinen bisherigen Manövern erschöpft. Dick, der ihre Verbrechen geplant und arrangiert hatte, war in dieser Halle erstmals plan- und hilflos. Denn der Gegner gab sich nicht zu erkennen und stellte nichts zur Verfügung, womit Dick arbeiten konnte. Dick hatte hier keine Macht. Das zu erkennen, kostete ihn, den Analytiker und Schnelldenker mehrere Stunden. Stunden, in denen er in der Halle herummarschierte, schrie, tobte, ätzte, seine Wut gegen die beiden Mitgefangenen richtete, seine Drohungen erneuerte. Selbstverständlich war es auch Dick, der die Kameras hoch oben unter der Decke der Halle zuerst entdeckte und der glaubte, in jenen ersten Stunden und Tagen zumindest, er könne sie nutzen, um eine Kommunikation anzufangen, einen Deal  einzuleiten, durch den er sich herausschwätzen und -lügen könnte, zur Not, das zeigte sich, auch auf Kosten und zu Lasten seiner Mitgefangenen. Dennoch gelang es Dick schließlich die Kälte und Präzision, mit er vordem den Apparat der Macht in Gang gesetzt hatte, mit seinem Selbsterhaltungstrieb zu verbinden. Er wusste, wie gefährlich es für ihn, der das fremde Herz in sich trug, war, sich so maßlos zu erregen. Er zwang sich nach und nach zur Ruhe, zunächst zu einer äußeren, die er schließlich in eine innere umzuwandeln wusste, ohne indes seine Wut preiszugeben; sie lediglich in eisige Kälte verwandelnd. Auch kam ihm dadurch die Idee, seine Anfälligkeit zu nutzen. Am zweiten Tag simulierte er eine Herzattacke, worauf aber zu seinem Erstaunen und Erschrecken keinerlei Reaktion erfolgte. Das war der Moment, in dem sogar Dick die Angst bis in sein kaltes Herz griff, feurig und böse, so arg, das er noch bleicher wurde und still, so dass beinahe seine Simulation echt geworden und er schon an diesem zweiten Tag verschieden wäre.
 
George kam von Anfang an mit der Situation am besten zu recht, soweit man überhaupt unter den gegebenen Umständen von so etwas sprechen kann. Die Langeweile machte ihm am wenigsten zu schaffen. Während Don und Dick immer häufiger die Inschriften und Botschaften studierten und über deren Interpretation miteinander stritten, verbrachte George viel Zeit mit Schlafen oder Beten. Er teilte sich seine Essensrationen sorgfältig ein, kaute stundenlang auf einem Brötchen und nahm nur alle Stunde einen Schluck aus seiner Wasserflasche. Mit den anderen beiden sprach er wenig. Er hatte auch früher schon wenig zu sagen gehabt. Instinktiv spürte er, dass er leicht durch eine unbedachte Bemerkung den Zorn, ja den Hass der beiden anderen auf sich ziehen konnte und er wusste nur zu gut, dass er zu unbedachten Bemerkungen neigte. Er fand seinen Frieden in seinen Zwiegesprächen mit Gott und obwohl alle drei keinerlei Gewissensbisse plagten, war es George, der am ehesten mit der Ungerechtigkeit umgehen konnte, der sie ausgesetzt waren. Denn George war zwar verwöhnt von seinen Eltern und seiner Frau, doch andererseits war George auch bereit, die Dinge zu nehmen, wie sie kamen. Er hatte sich niemals sehr anstrengen müssen. George vertraute darauf, dass am Ende doch immer alles gut und zu seinen Gunsten ausgehen würde, denn so war er es gewohnt. Er wartete ab und es war gerade das, was die anderen beiden so reizte.
 
Selbstverständlich kannten sie das schon an ihm und hatten es sogar genutzt, damals als George, Don und Dick an den Hebeln der Macht gesessen hatten. George war ihr Frontmann gewesen, Don das Kampfschwein und Dick die graue Eminenz im Hintergrund. Dick hatte die Pläne und Allianzen geschmiedet, erpresst, bedroht und belogen, Don hatte einsperren, töten und foltern lassen und George hatte das Ganze als Krieg gegen das Böse verkauft. Damit waren sie gut durchgekommen und hatten sogar noch einiges dran verdient. Nicht dass sie es nötig gehabt hätten. Sie hatten sich in den Dienst der Sache und des Landes gestellt, sie hatten – so hatten sie gesagt – ihre Skrupel und Bedenken beiseite geschoben und die Herausforderung angenommen, vor die sie gestellt waren. Dass weder Dick noch Don irgendwelche Skrupel hatten überwinden müssen, brauchten sie einander nicht zu gestehen, aber George ließen sie in dem Glauben. Sie ließen ihn überhaupt über manches im Unklaren. Das half ihm sein unbeschwertes Bubengrinsen zu bewahren und eröffnete ihnen Spielräume im Verborgenen. Natürlich hatten auch sie, so raunten sie es nun einander zu, der Versuchung nicht widerstehen können, zumindest einen Teil ihrer Taten für Gott und Vaterland auch öffentlich zu machen. Sie hatten sie sich nach Ruhm ebenso sehr gesehnt wie nach Verschwiegenheit. Da hätten sie einiges besser und effektiver abwickeln können, wurde ihnen in den Wochen in der Halle klar, wenn diese beiden Begehren nicht mit einander im Clinch gelegen hätten. Dennoch: Sie bereuten nichts. Darauf verständigten sie sich ohne Zögern und immer wieder.
 
Don hatte dieselbe Wut gefühlt, die Dick umtrieb in der ersten Zeit. Aber Dons Mittel gegen starke Emotionen war schon immer der Sarkasmus gewesen. Er ließ auch hier in der Halle öfter sein geckerndes Lachen hören, mit dem er sich lustig machte über ihre Peiniger genauso wie über seine Mitgefangenen. Dick und er wären sich sicher das eine oder andere Mal an die Kehle gegangen, hätten sie nicht beide gewusst, das jede körperliche Auseinandersetzung in ihrer beider Alter und gesundheitlichem Zustand die letzte hätte sein können. Don glaubte, darin glich er George, bis zum Schluss an einen guten Ausgang. Es sei, so machte er sich weis, eine Befreiungsaktion längst im Gange beziehungsweise der Plan der Gegner noch nicht zur Gänze ausgeführt. Es müsse etwas nachkommen, irgendein Ziel mit der Aktion verbunden sein, um dessentwillen Verhandlung aufgenommen würden, demnächst, und – daran zweifelte er nicht – in deren Verlauf die Gegner Fehler um Fehler machen würden bis sie schließlich vernichtet und er und seine Mitgefangenen befreit sein würden. Er malte sich aus, wie sie dadurch endgültig und unwiderruflich zu Helden würden, uneigennützige Beschützer der Idee von Freiheit und Demokratie. Diese Vorstellung amüsierte ihn sogar in dieser Lage köstlich.
 
Nur Dick begriff, je länger ihre Gefangenschaft andauerte, das sie es mit etwas zu tun hatten, mit einem Plan, in dem es um etwas ganz anderes ging, als um jene Machtspiele, mit denen sie Erfahrungen hatten. Es war eine Unbarmherzigkeit in dem Arrangement erkennbar, die ihn begreifen ließ, dass wer immer sie hierher gebracht und in dieser – womöglich unterirdischen, so vermutete er gelegentlich wegen der Geräuscharmut – Halle eingesperrt hatte, nichts von ihnen wollte und auch nicht die Macht angreifen, die sie einmal repräsentiert hatten. Vielmehr, so schien es ihm, ging es hier um ein Gerechtigkeitsexperiment, die empirische Überprüfung eines Theorems. Nur dass er nicht verstehen konnte, um welches. Sicherlich, ihnen wurden die Morde vorgehalten, die Drohnen, die Lügen, der Hunger, die Schmerzen, das Leid. So konnte man die Bilder und Daten verstehen. Auch die Texte gaben nur Fakten wieder. Nichts davon hätte er jemals bestritten. Für ihn las es sich nicht wie eine Anklage, sondern wie eine Huldigung, auch wenn ihm klar war, dass diejenigen, die die Texte angebracht hatten, es anders meinten. Dennoch: Es wurde keine Anklage formuliert, kein Urteil gefällt.
 
Nur wenige Textinschriften richteten sich direkt an die Insassen. Sie enthielten Instruktionen: Zur Benutzung der Toilette und der Dusche, die in einer Ecke der Halle angebracht waren (ohne jeden Sichtschutz allerdings) oder zur Öffnung des kleinen Liftschachtes, durch den ihnen einmal täglich ihre Essensration zugeführt wurde. Ihre Kost war, so wurde ihnen schriftlich an der Wand mitgeteilt, auf ihr Alter, ihr Gewicht und ihre Bewegungsmöglichkeiten abgestimmt. Auch die Matratzen, die in einer anderen Ecke ausgerollt waren, seien mit Bedacht ausgewählt worden und es werde empfohlen, jeweils die für einen bestimmte zu verwenden: blau für Dick, rot für George, weiß für Don. Sie akzeptierten das, jedoch erst nachdem sie festgestellt hatten, das auf Zuwiderhandlungen keinerlei Reaktionen erfolgte. Die Kameras überall unter der Decke beobachteten sie, aber egal, welche Faxen sie aufführten, ob sie sich krank oder tot stellten, ob sie die Matratzen durch die Halle zogen oder sich still zusammen kauerten, niemals erhielten sie eine Reaktion von denen, die sie an Bildschirmen irgendwo beobachten mussten. Jedenfalls gingen sie davon aus, dass sie beobachtet wurden. Jede andere Vorstellung wäre gar zu grässlich gewesen. Es gab sonst nicht in der Halle als die Bilderwände, die Matratzen, die Toilette, die Dusche. Das Essen kam in Plastikflaschen und auf Plastiktellern, keine Bestecke, kein Mobiliar, nichts zu zerlegen, keine Fenster, keine Luken. Die Wände der Halle waren mindestens vier Meter hoch. Sie gaben es schon am dritten Tag auf, einen Ausgang zu finden.
 
Anfangs hielt Dick gelegentlich Reden, in denen er sich gegen eine imaginäre Anklage verteidigte. Don polemisierte und posierte vor den Kameras. George verhielt sich ruhig. Sie waren einander nie sehr nahe gewesen. In den letzten Jahren vor ihrer Zusammenkunft in der Halle hatten sie sich sogar einander entfremdet. Was sie verbunden hatte, für eine gewisse Zeit, war der Kampf um die Macht und der Gebrauch der Macht gewesen. Sie hatten alle drei etwas gewollt und sie hatten sich dabei helfen können, es zu kriegen. Sie hatten sich benutzt, aber nicht gemocht. Dennoch verstanden sie sich hier in der Gefangenschaft nicht schlecht. Nach der anfänglichen Gereiztheit, den ersten Scharmützeln, richteten sie sich einigermaßen ein. Sie waren Männer mit demselben gesellschaftlichen Hintergrund, denselben Grundüberzeugungen und Benimmregeln. Daran hielten sie sich, so gut es ging, selbst in diesen orangefarbenen Overallen, die natürlich auch symbolischen Charakter hatten, wie ihnen wohl bewusst war. Die Tage schleppten sich so dahin. Die Nächte erkannten sie daran, dass für Stunden das Licht ausgeschaltet wurde. Dann kam das Essen, wenn es wieder hell wurde. Mehr Rhythmus hatte ihr Leben nicht mehr.
 
Dick fragte sich, wie lange das so gehen konnte. Wie waren sie her gelangt? Darüber war nichts zu erfahren. Ein jeder von ihnen drei war seinen ganz gewöhnlichen Tagesabläufen gefolgt und an irgendeiner Stelle herausgerissen worden, bewusstlos, da ließ sich keine Spur verfolgen, keine Gemeinsamkeit herleiten, keine unbekannte Größe enttarnen, obwohl Dick zu Anfang viel Zeit auf die Verhöre seiner Mitgefangenen verwendete. Sollten sie so sterben? Hier? An Herzversagen. Oder einer Erkältung. Konnte man sich unter diesen Umständen erkälten? Die Temperatur war gleichbleibend lau. Krebs. Man konnte sicher auch Krebs kriegen hier. Würde auch dann nichts geschehen, wenn einer von ihnen sich in Delirien wand, vor Schmerzen wimmerte? Er bereute, dass er zu Anfang einen Anfall simuliert hatte. Gesundheitlich war er der Angeschlagenste und würde wahrscheinlich als erster schlapp machen. Wenn sonst nichts mehr kam.
 
Doch dann geschah etwas. An einem Morgen (d.h. nachdem das Licht eingeschaltet worden war) fanden sie im Essenschacht neben den üblichen Rationen drei Revolver und eine Bedienungsanleitung, wie sie zu entsichern seien. Dick frohlockte innerlich. Die Entscheidung. Darum ging es also: Wer war der Stärkste unter ihnen? Wer konnte sich durchsetzen? So war das also. George wirkte lethargisch wie immer, bestenfalls ein wenig verwundert. Der konnte mit der Waffe nichts anfangen. Nicht ohne einen Plan. Einen Plan von Dick. Dick wusste, dass hier Schnelligkeit und Rücksichtslosigkeit gefragt waren. Jene Eigenschaften, in denen er den anderen beiden haushoch überlegen war. Ohne zu zögern, noch bevor George seinen ersten Schluck Wasser aus der Flasche nehmen konnte,  neben die er achtlos die Waffe gelegt hatte, erschoss Dick ihn aus nächster Nähe. In die Schläfe. Trotz seines Alters und seiner Erkrankung war Dick behände genug, die Waffe, noch bevor Don auf den Schuss reagieren konnte, auf diesen zu richten. In Dons Augen erkannte er, dass er ihm gerade noch zuvor gekommen war. Hätte Dick nicht George erschossen, hätte Don Dick niedergestreckt. Er oder ich. Am Ende lief es immer darauf hinaus. Das hatte Dick gewusst, jederzeit, und damit recht behalten. Keine Illusionen. Er hatte sich eben nie welche gemacht. Er schoss ein zweites Mal. Don. Er oder ich. Er war immer noch ein guter Schütze und die Entfernung gering. Don fiel vornüber. Danach konnte Dick sich ein Triumphgeheul nicht verkneifen. Er hatte es geschafft. Darum war es doch gegangen. Wer es schafft. Zu siegen. Hier. Unter ihnen drei. Das Experiment. Ein eindeutiger Ausgang. Er war der Sieger. Zum Siegen geboren. Mit oder ohne Herz. Ohne Herz.
 
Erschöpft ließ er sich auf seine Matratze sinken. Zufrieden. Er war mit sich zufrieden. Ziel erreicht. Ziele getroffen. Er wartete. Er wartete auf das Ergebnis. Dass jemand nun die Leichen abholte. Und ihn mitnahm. Ihm den Prozess machte. Den hatte er sich doch jetzt verdient. Verdient. Er hatte es verdient, vor ein Gericht gestellt zu werden. Er hatte für alle seine Handlungen Gründe. Die er darlegen konnte. Er hatte Verbrechen begangen, ja, aber um größere Verbrechen zu verhindern. Es war Notwehr. Alles war Notwehr. Nur der Stärkste kommt durch. Der Nervenstärkste. Das war er. Das hatte er bewiesen. Nun also.
 
Nichts geschah. Es geschah nichts. Als das Licht ausgeschaltet wurde, saß er im Dunkeln. Als es eingeschaltet wurde, kam die Essensration für eine Person durch den Schacht. Sonst änderte sich nichts. Die Leichen. Nur die Leichen. Stanken ein wenig. Nach einer Weile. Das ging doch nicht. Das konnten die doch nicht machen. Wenigstens die Leichen mussten sie abholen. Das konnte er doch verlangen. Er verlangte es. Er befahl es. Er wimmerte. Nichts geschah. Nur immer dasselbe. Licht an. Licht aus. Essen. Er wartete. Er hatte noch vier Schuss in seinem Revolver und zweimal sechs Schuss in den beiden anderen. Er schoss Dons Revolver leer. Er schoss auf die Kameras. Er traf zwei. Nur zwei. Er schoss Georges Revolver leer. Er traf keine Kamera. Er hatte jetzt noch vier Schuss. Er wartete. Er betete. Er lachte. Er schlief. Wenig. Er aß. Wenig. Er schaffte die Leichen in eine Ecke der riesigen Halle und richtete sich in der am weitesten entfernten ein. Er schuf sich eine Höhle aus den Matratzen.
 
Es geschah nichts. Licht an. Licht aus. Essen.
 
 
Dick hielt sieben Tage aus, nachdem er Don und George erschossen hatte. Die DVDs, die Dicks Martyrium zeigen, habe ich nicht per Post erhalten. Selbstverständlich war ich überrascht und erschüttert, als ich auf diese Weise erfuhr, was mit den drei bekanntesten Vermissten der Welt geschehen war. Was ihnen angetan wurde, ist unwürdig. Wie anderen auch ist es mir dennoch beinahe unmöglich, Mitleid mit ihnen zu empfinden. Jedoch: Unrecht bleibt Unrecht, selbst wenn es an Verbrechern begangen wird. Es fiel mir keineswegs leicht, diese Aufzeichnungen anzuschauen. Niemandem fiele das leicht. Denn sie sind vor allem langweilig. Insgesamt habe ich 24 DVDs erhalten. Nicht wenige Male habe ich ungeduldig vorgespult. Es ging aus, wie ich es von Anfang an erwartet hatte.

Editorische Notiz

••• Es geschieht nicht oft, dass ein Buch ein zweites Leben geschenkt bekommt. Einmal in der Welt, ist es für gewöhnlich dazu verurteilt, zu bleiben, wie es geboren wurde. Keine Entwicklung, kein Reifen. Da haben Autoren es besser. »Das Alphabet des Juda Liva« war mein Debüt-Roman. Als ich begann, ihn zu schreiben, war ich 21 und hätte mit Vehemenz behauptet, dass ich nie auch nur ein Wort an diesem Text würde ändern wollen. Wie man sich irren kann!

Die Originalausgabe ist 1995 im Ammann-Verlag, Zürich, erschienen und seit vielen Jahren vergriffen, ebenso die Taschenbuchausgabe, die 1998 bei dtv erschien. Als ich meinem Verleger vorschlug, eine Neuausgabe zu machen, hatte ich eigentlich nur im Sinn, dass der Text zugänglich bleiben soll. Dann aber begann eine Auseinandersetzung mit dem Roman, wie ich sie nicht erwartet hatte.

Als ich das Buch nach so vielen Jahren noch einmal gelesen hatte, wusste ich, dass ich den Text in der vorliegenden Form nicht erneut publiziert sehen wollte. »Es gibt kein wirkliches Gelingen«, heißt es im Kapitel 16: »Nur verschiedene Grade des Scheiterns.« Ich erinnerte mich sehr gut daran, was ich hatte schaffen wollen, und mit dem zeitlichen Abstand fühlte ich mich gescheitert. Ich meine gar nicht die echten Fehler, von denen es einige gab, zu viele! Geschichte und Konstruktion begeisterten mich wieder wie damals, aber was die Sprache betrifft, hätte ich den Autor von damals am liebsten an den Ohren gepackt: Was hast du dir nur dabei gedacht?!

Ich würde den Text überarbeiten müssen. So viel war klar. Aber »redlich«. Ich wollte nichts umstellen, nichts hinzufügen, aber unbedingt kürzen!

Ich arbeite elektronisch, allerdings nur bis zur Abgabe des Typoskripts an den Verlag. Korrekturen mache ich dann lieber auf Papier, in den Fahnen. So war es damals auch beim »Alphabet«. Eine elektronische Version des veröffentlichten Textes ließ sich nicht mehr auftreiben. Zur Verfügung standen lediglich die elektronische Fassung meines Originals, ein Ausdruck dieser Fassung mit sparsamen Korrekturen und natürlich das gedruckte Buch. Ich beschloss, die Bearbeitung auf Basis des Originalmanuskripts zu versuchen. Im Mai 2012 entstand eine erste Neufassung. Die gab ich meiner Lektorin, und als wir einige Monate später ihre Anmerkungen durchgingen, wurde mir klar, dass sie und zuvor natürlich ich selbst noch viel zu zaghaft gewesen waren. Ich würde noch einmal Satz für Satz durch den Text gehen müssen und zwar schonungslos.

Ich arbeite selbst gern als Lektor mit Autoren, seit ich in meiner Zeit als angestellter Journalist Tag für Tag mit dem Redigieren der Texte von anderen beschäftigt war. Ich wollte versuchen, nun meinen eigenen Text so zu behandeln, als wäre ich lediglich Lektor. Als solcher habe ich meine Autoren nie geschont. Sie hatten, im Gegenteil, einiges auszustehen. Das musste ich mir auch selbst zumuten können.

Eine Zumutung bedeutete das Vorhaben aber zunächst für die Frau, mit der ich, während der Roman 1991/92 entstand, zusammenlebte. Sie ist noch heute eine enge Freundin und erklärte sich bereit, eine Fassung zu erstellen, in der die Korrekturen des Ammann-Lektorats und meine Überarbeitungen aus der ersten Neufassung farblich gekennzeichnet waren. Hinzu kamen wertvolle Anmerkungen. Ihr Gedächtnis funktioniert besser und anders als meines, und sie erinnerte sich im Gegensatz zu mir noch an diverse Debatten auch inhaltlicher Natur. Es muss eine aufreibende Fleiß- und Erinnerungsarbeit gewesen sein, für die ich umso dankbarer bin, da die Auseinandersetzung mit dem Text durchaus auch eine persönliche war.

Egon Ammanns Lektoratshinweise waren, wie ich nun sehen konnte, ausgezeichnet. Wahrscheinlich wäre er damals schon gern weiter gegangen, als wir es taten. Aber ich gehe davon aus, dass es kein Spaß gewesen ist, mit mir zu diskutieren. Jetzt immerhin durfte ich dem Autor von damals seine Marotten austreiben, seine »Kunststückchen« eliminieren und kürzen, dass es ihn in seinem damaligen Selbstverständnis um den Verstand gebracht hätte.

Die Bearbeitung ist redlich geblieben. Neben den Kürzungen und Korrekturen wurden Rechtschreibung und Zeichensetzung so angepasst, wie ich es auch in meinen anderen Romanen handhabe. Gewissen Scheußlichkeiten der neuen Rechtschreibung werde ich mich auch weiter verweigern, und für die Zeichensetzung in der wörtlichen Rede habe ich gute Gründe.

Der Text dieser Neuausgabe ist also nicht nur gründlich und kritisch durchgesehen. Es ist eine Neufassung, die sich deutlich von der Originalausgabe unterscheidet. Sollte sie nicht also auch aus eigenem Recht einen neuen Titel erhalten? Der Maharal, der Hohe Rabbi Löw von Prag, hieß Jehuda ben Bezalel Löw. Niemand außer dem Autor dieses Romans hat ihn je als Juda Liva erwähnt. Fragen sie mich nicht, warum ich einmal meinte, ihn so nennen zu müssen. Ich weiß es nicht mehr! Und so lautet der Titel nun »Das Alphabet des Rabbi Löw«. Denn ein Löwe war er, der Maharal, ein König unter den Mystikern. Sein Werk und die Legenden um ihn begeistern mich heute noch unvermindert, und gern würde ich ihm oder einer Reinkarnation von ihm begegnen.

Ich weiß, ich sollte vorsichtiger sein mit meinen Wünschen…

»Das Alphabet des Rabbi Löw« wird in einer schönen Druckausgabe in Leinen Anfang nächsten Jahres im Verbrecher-Verlag erscheinen.

Céline ist schuld! Einige wirre Gedanken zur Klarsicht

Ich habe gelernt, die Welt mit anderen Augen zu sehen – oft hört man diese Formulierung, wenn jemand mit Leib und Seele Erfahrungen hat machen müssen, die ihm oder ihr das Weltbild zertrümmerten oder wenigstens schwerwiegend durcheinanderbrachten. Sicher, gelegentlich braucht der Mensch seine Portion unmittelbaren Bewegtseins, allein mit sich und seinen Gedanken oder in Gemeinschaft. In dem Roman Das Sägewerk von Daniel Odija wird ganz zu Beginn ein solcher Moment beschrieben: “Nach einer Stunde beruhigte es sich ein wenig, der Donner zog vorüber, doch die Blitze blieben. Immer noch rauschte das Wasser. Józef bemühte sich, keinem ins Gesicht zu sehen, denn sobald er hinschaute, blitzte es. Für eine Sekunde wurde es dann unheimlich. Er sah das Gesicht seiner Frau. Ihre Augen lagen im Schatten der Höhlen, und die Zähne schoben sich allzu deutlich zwischen den Lippen hervor. Sie wurde in Leichenlicht getaucht. Sie wollte ihm wohl etwas sagen. Irgendwie schienen ihre Zähne hervorzutreten. Offenbar sah sie auch in seinem Gesicht etwas, was sie nicht sehen wollte, denn sie machte bloß den Mund auf. Es gelang ihr, ein undeutliches a…a… hervorzustoßen. In diesem Moment dachte Józef, daß sich unter dem Gesicht, das wir bei Tageslicht sehen, immer das zweite verbirgt, das später einmal der Sargdeckel zudeckt.” Dieses Motiv des verborgenen Gesichts, oder auch das der Maske, die das eigentliche Gesicht verdeckt, findet sich häufig in der Literatur, etwa in Rainer Maria Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, und da sich das mit den Erfahrungen der Leser oder wenigstens doch deren Phantasie gut verträgt, öffnet dies nachspürbar die Schichten eines Textes und verweist buchstäblich auf alles Mögliche hinter der augenfälligen Realität. Bleibt ein Autor indes allein der Oberfläche verbunden, kann es blitzen wie es will, persönliche Erkenntnisse werden daraus nicht gewonnen – man denke nur an die Gewitterszenen in Adalbert Stifters Der Nachsommer, die zwar immer was auslösen, den Protagonisten aber seelisch unverändert lassen, obwohl er als Ich-Erzähler auftritt. So hat Stifter zwar sicher einen der schönsten Romane der realistischen Epoche geschrieben, Einblicke in das Wesen des Menschen aber gewährt er nicht oder nur sehr bedingt. Man sieht also die Welt nach der Stifter-Lektüre durchaus nicht mit anderen Augen, sondern eher mit denen eines anderen, während die Formulierung, man habe gelernt, die Welt mit anderen Augen zu sehen, ganz allein die eigenen Augen meint, und zwar im Sinne des Begriffes der Aufklärung. Dabei allerdings ist das berühmte “Sapere aude“, habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, nur die eine Seite der Medaille, die andere aber steht für den Mut, die eigenen Untiefen zu erkennen, weswegen der Marquis de Sade ganz zu recht als einer der großen Aufklärer gilt, Arsch an Arsch gewissermaßen mit Immanuel Kant. Allerdings will man als gemeiner Erdenbewohner der Spezies Mensch weder ständig vernünftig, noch sich seiner meist gut verborgenen Triebe und Ängste dauerhaft bewußt sein; es reicht einem also völlig, gelegentlich seine Vernunft vernünftig einzusetzen und sich ab und an mal seine Durchtriebenheit beblitzen zu lassen, weswegen die meisten Leser:innen demzufolge den de Sade eher nur mal kurz ob der Beschaffenheit des menschlichen Wesens befragen. Für Kant gilt dasselbe. Der Grund liegt in beiden Fällen nicht ganz zufällig darin, daß sich beide Werke in Sachen Leserfreundlichkeit und Unterhaltsamkeit nicht besonders hervortun, woraus sich die Frage ableitet, wer denn das womöglich tat, also die Ergründung des menschliches Daseins verband mit ausnehmend guter Lesbarkeit. Geübte Leser mögen Kafka rufen und Beckett und Joyce und Thomas Bernhard, man mag auch an Knut Hamsun und sogar an Karl Philipp Moritz erinnern, sie alle und noch einige mehr vermögen einem die Augen zu öffnen und die Welt mit den eigenen zu sehen – doch all diese Texte bleiben immer noch ganz und gar literarische, kunstvolle Schriften, von einer dünnen Membran von der Wirklichkeit getrennt; man sieht nicht wirklich anders auf die Welt und die Menschen, wenn man grad Kafka liest, eher sieht man, denke ich, anders auf sich selbst. Wenn man nun aber Louis-Ferdinand Céline liest, so ist die Sache nicht mehr ganz so einfach, dünkt mir. Sein Erstlingsroman Reise ans Ende der Nacht, der 1932 in Frankreich erschien, ist nicht nur (in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel) ein grandioses Lesevergnügen, nein, er verändert auch im richtigen Leben die Sicht auf dieses und insbesondere auch auf die Menschen, denen wir begegnen. Jedenfalls geht mir das so, und warum sollte ich dann nicht annehmen, daß es allen so geht? Wie nur macht Céline das, wie ist seine Sprache beschaffen, um eine solch direkte Ansprache und ein so hohes Maß an spannungsreicher Unterhaltung hinzubekommen? Liegt es daran, wie lakonisch er erzählt, ohne aber dadurch auch nur irgendeine Form von Distanz zu schaffen? Ist es sein Verzicht auf Ironie? Sein Humor? In jedem Fall ist Céline schuld daran, daß ich, seitdem ich die Reise las, nicht mehr wie sonst attraktive Menschen inmitten der Massen ausmachen kann – manches Mal nicht mal mich selber! Und dabei ist es mir ja durchaus nicht neu, was er über die Erniedrigten und Beleidigten schreibt, so daß es also tatsächlich die Art sein muß, wie er schreibt, wie er die menschlichen Angelegenheiten beleuchtet – nicht blitzartig eben, sondern in Dauerbeleuchtung, denn der Ich-Erzähler und Protagonist ist immer wütend, wenn er auch nie außer sich, sondern im Gegenteil immer in sich ist. Sicher scheint mir, auch mit Blick auf seine menschenfeindlichen und antisemitischen Pamphlete, die ja aus der selben Feder und dem selben Geist stammen wie seine literarischen Werke, daß Céline einfach nicht anders konnte als sich wütend und haßerfüllt ganz und gar direkt sozusagen auszukotzen, wobei er aber immer Mensch blieb im Sinne seines eigenen Menschenbildes, denn wer an den anderen kein gutes Haar läßt, kann der ein guter Mensch sein? Nun ja, er hielt sich womöglich nicht selten durchaus für einen guten Menschen, oder er glaubte, auf der richtigen Seite zu stehen, ein Recht darauf zu haben oder sogar die Pflicht, widerliche Haßtiraden in die Welt zu setzen, die Menschen zwingen zu dürfen, quasi mit seinen Augen auf sich selbst zu sehen. Aber machen das nicht alle so, sind nicht alle Menschen gleich schlecht und böse? Im Roman Reise ans Ende der Nacht jedenfalls läßt er daran keinen Zweifel, der Unterschied ist nur, daß die einen an ihrer Bösartigkeit und Verworfenheit keine Schuld haben, weil sie von denen, die schuldig sind, die Reichen und Mächtigen, daran gehindert werden – eben dies macht den Ich-Erzähler ja so wütend, denn wer nicht schuldig sein, nicht schuldig werden kann, dessen Leben hat keinen Sinn. Céline jedenfalls kämpft, so sieht es für mich aus, sein Leben lang wie ein Berserker darum, schuldig sein zu können, satisfaktionsfähig gewissermaßen, ganz ähnlich wie der alttestamentarische Hiob, der Gott, der ihm sein Unglück ja eingebrockt hatte, zu einem Prozeß zwang, in dem er, Gott, Angeklagter und Richter zugleich war; eine Geschichte sicher ganz nach dem Geschmack Célines.

Also, wie gesagt, ohne diese Art der Aufklärung eines Céline wäre die Aufklärung keine wirkliche, denn sie würfe, wie noch lange Jahre nach Kant, weiterhin tiefe Schatten, in denen die Ungeheuer unserer selbst hausen und im wahrsten Sinne des Wortes unbehelligt ihr Unwesen treiben. Diesen Bereich ausgeleuchtet zu haben ist somit sicher ein Verdienst Célines, selbst wenn ich mich nun meinerseits bemühen muß, dieses Licht wieder zu dämpfen, denn wer dauernd im Licht der Erkenntnis leben muß, verliert sein Urvertrauen und am Ende seinen Verstand, so ist zu befürchten, und dann, dann ist endgültig ewige Nacht – und das kann ja wohl niemand wollen.

Circe, poetisch ODER Katharina Die Zauberin Schultens im Ausland, Berlin.

sag das den wispernden gespenstern mein herz
meine arbeiter werden es dir danken
und laß die hosenträger oben
und laß die jacke: an

Katharina Stevens, Samarium

Das beschäftigt mich weiter. Dabei hatte mich Sabine Scho >>>> schon vor zwei Jahren gewarnt und vor zwei Tagen deutlich nachgelegt: „… mir ist nach gürteltierfunktion, einrollen wollen“, schrieb sie mir bei Facebook, „aber trotzdem schön, wenn Sie auch zum Scheitern kommen wollen, die großartige Katharina Schultens liest ja auch!“ Nun ist mir, dem formal Konservativen, gegen neue Lyrik eine gewisse Skepsis eigen, für Romane bin ich leichter zu >>>> entflammen; auch wenn ich neue Gedichte gut finden kann, ihnen folgen und sie verstehen kann, bleibt meine Begeisterung meist kühl: rein intellektuell; ich sehe und höre das Spiel sehr wohl, es ist aber nicht meines, mein poetischer Körper läßt sie nicht rein, sondern draußen, als Objekte, vor der Seelentür stehen, die ich zwar öffne, wenn geklingelt wird, und ich spreche dann mit ihnen, vielleicht biete ich ihnen sogar einen Kaffee an, aber bringe den Becher raus auf den Hausflur. Ich habe Vorbehalte. Genau das zog mir gestern abend >>>> im Ausland den Boden unter den Füßen weg. Wahrscheinlich hatte ich ein Fenster offenstehen lassen in meiner mir vermeintlichen Sicherheit, so, wie es immer offensteht, wenn es draußen nicht allzu sehr stürmt; es stürmte aber, nur hatte ich an ein Gewitter, das aufzog, nicht geglaubt. Es kam auch so leise, erst nur als Erscheinung: schlank, hochgewachsen, filigran, das Stürmenwollen hinter einer viel zu großen Brille versteckt, aber die Knöchel allein der rechten schmalen Hand, die sich ums Mikrophon legte, hätten mir schon vor dem Sirenengesang die Ohren verschließen sollen, nur weg, nur weg, am Steuer festgebunden die Schären umschifft, von denen es durch das Fenster aber hereinklang:
ich hob die arme fuhr mit allen fingern tief ins haar
und aktivierte probehalber diesen einen blick
ihre zungen blitzen nur einen moment
unterhalb der ohrläppchen hervor
denn das genügte
Ja, das genügte. Es ist das Schlimme an den Sirenen, daß, hat man sie einmal gehört, jede Faser des eigenen Körpers auf sie konzentriert wird; man hört nicht mehr nur noch akustisch, sondern hört mit den Zellen der Haut, hört mit dem Haar zu; es hören die Organe:
morgens wenn es dämmerte ging ich gewöhnlich tanzen
es gab einen club der wechselte die treppenhäuser
Der Vortrag, wiewohl dunkel grundiert in der Stimme, hebt sich ins Licht an, das schwirrt und vermittels einer so feinen Grausamkeit perplex macht, daß man sie weiter- und immer weiterspüren möchte, ja zu der Tatze wird, in die sie sich einbohrt:
ich tanzte mit einem kollegen im bärenkostüm
ich trug die stiefel noch aus dem büro

und wenn ich mich drehte bohrte ich den absatz
immer genau zwischen die zehen seiner tatzen
Doch aber nicht nur sie dreht sich, sondern die Aussage auch, so daß man wie wachgeklatscht dasteht:
und wenn die drehung dann vollendet war öffnete
ich meine lider schließlich war ich noch im praktikum
Verdammt, man wurde erwischt! Sie aber, Circe, dreht sich aufs neue, nun aber in ihr Ältestes zurück:
man hatte mir zwei schlangen zugestanden vor dem bereits die erste Strophe des Gedichtes unmißverständlich gewarnt hatte:
die wände waren reine screens
und nichts wurde vergessen
Schuld, Verhängnis, Verfallensein – alles gerät in den Strudel, der den Odysseus hinabsaugen will, ohne daß die Sirenen ihn, den Ozean, umrühren müssen; sie ändern nur unsern Kurs, locken mit sicher Scheinendem, Zahlen, Begriffen, Statistiken, Positivismen, auf die wir uns männlich verlassen:
kaum denkbar rauszugehen. glaubte wir stünden vorm büro
und hingen doch – einsehbar – gespickt auf der anzeige dort.

ich hatte unsere größe vergessen und die relation
unserer größe zu der des geschehens. ich will aus.

raus hörten wir. eine nach dem anderen ging
und wechselte den stamm und dachte

x habe das system verlassen. Allein schon dieses „eine nach dem anderen“! Wie elegant die Geschlechtercorrectness gelöst ist, befolgt und zugleich unterlaufen… Wie berauschend sich jede Komposition aus kalkulierter Verfügung über die Mittel in sensibelste Empfindung verwandelt, wie aus den technischsten Termini Seufzer werden können und Sehnsucht und Klagen einer von vornherein vergeblichen und so auch gewußten Hoffnung, zum Beispiel in „Prism“, was bereits ein Wortspiel ist, weil der Vortrag aus Prismen Gefängnisse macht:
wenn du mich suchst wo suchst du. suchst du mich im feld oder online.
suchst du mich treppab suchst du mich in meiner statusmeldung.
Weißt du
wie mein filter funktioniert. Weißt du welche standardeinstellung ich
wählte.
Doch damit nicht genug, daß sie den Social Networks genau die Seele g i b t, an die deren User so unbegriffen glauben, strömt sie sich wie persönlich, ganz persönlich da hinein und wird geradezu intim, weil gebethaft, Zwiesprach‘ mit dem HErrn:
(-/-/-/.) bitte lenke mein licht. bitte laß mich dich
kennenlernen. dein wille geschehe. dimitte debita nostra
(nobis!) und wenn ich niemand das geringste vergebe

so laß mich dennoch nicht allein Dazu eine Vortrags-Professionalität, die ganz nebenbei, fast, als wollte sie die Gedichte zurücknehmen, mit der eigenen Referentialität, der des auftretenden Selbstes, spielt: „Dieser Text funktioniert nur auf der großen Bühne, hier geht er schief“ – und trägt ihn gerade deshalb vor, diese Fingerknöchel, diese Fingerknöchel! und ich möchte hinter die Brille dieser Brillenschlange sehn, was sie versteckt, die eine von den beiden, die man der Zaub’rin „zugestanden“, die andre windet sich als Taille um die Taille hinauf und wird zum Hals, zum Zweig, so hat >>>> der alte Kaa all die Affen betört, als die wir in dem Raum sind – Reflexe der Tiere in Architektur, von denen Sabine Scho vorher vorgetragen hatte: bei ihr fast immer Dichtungen von Gefangenheit, bei Schultens aber einer Befreiung nach innen, glühende Transzendenz:
schatten schönster. allerliebster
treuloser idiot. du hast den zustand
unterschätzt. es steht so schlimm du bist
ein manifest inzwischen. schwimmst

nicht oben hast zu wenig masse um
zu schweben und du sinkst weil du
ein stein bist der vergessen hat daß er
ein schwarzes loch spielt in der nacht.
Oh, ich vergaß das Wachs in den Ohren. Jetzt lenk ich das Schiff – und Sie auf ihm – in den Abgrund der Sprache, denn ich hatte das Unglück, G e d i c h t e zu hören – reine Gedichte, die unsauber sind: so irdisch, daß ich ihnen die Brille abnehmen will, die sie schützt:
bitte entlaß mich in methodenlosigkeit
bitte erlaube mir ein ungewaschnes kind
bitte versteh meine bilder miß zu identität
bitte finde mich: bitte finde mich nicht

*******************************
[Die hier besungenen Gedichte entstammen einem noch
unveröffentlichten Buch >>>> dieser Dichterin .
Vorherige Publikation:

>>>> Bestellen.

Franz Kafka trifft Friedrich Nietzsche

Die wohl im Januar 1917 entstandene Erzählung Die Brücke von Franz Kafka (Titel von Max Brod) knüpft mit einiger Sicherheit direkt an das von Friedrich Nietzsche verwendete Brücken- bzw. Seilgleichnis an. (Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch, – ein Seil über einem Abgrunde. / Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben. / Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein  Ü b e r g a n g  und ein  U n t e r g a n g ist. [KSA 4, S.16f.]) Kafka nimmt ohne viel Federlesens das Gleichnis Nietzsches wörtlich und behauptet das ganz und gar Unmögliche im Duktus eines Berichts. Die Geschichte beginnt folgendermaßen:

“Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich, diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm hatte ich mich festgebissen. Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten. In der Tiefe lärmte der eisige Forellenbach. Kein Tourist verirrte sich in dieser unwegsamen Höhe, die Brücke war in den Karten noch nicht eingezeichnet. So lag ich und wartete; ich mußte warten; ohne abzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören Brücke zu sein.”

Zunächst einmal fühlt sich der (heutige) Leser an den Beginn des Romans Das Schloss (entstanden 1922, erschienen 1926) erinnert, wo es auch um eine Brücke geht. Ich möchte das Motiv des Übergangs jedoch nicht innerhalb des kafkaschen Werks, sondern im Vergleich zu Nietzsches Gleichnis beleuchten. Wie gestaltet Kafka den Übergang zu etwas Anderem, zu dem Anderen? Novalis sprach vom Traum als einem Riß in dem geheimnisvollen Vorhang zwischen den Welten, einem Riß, durch den sich wieder, allerdings „bereichert“, zurückschlüpfen läßt in die Wirklichkeit. Für Kafka, wie für Nietzsche, gibt es dieses Zurück nicht; das Vorher, das Zurückgebliebene läßt sich nur noch mit Sprache vergegenwärtigen.

Kafka beginnt seinen Text mit einem Ich, ganz als auktorialer Erzähler. Aber wer ist dieses Ich, was ist es? Die vom Autor gewählte Vergangenheitsform macht zunächst einmal eines deutlich: das jetzt erzählende Ich war einmal ein anderes Ich, nämlich eine Brücke, eine menschliche Brücke, ausgestattet mit allen menschlichen Eigenschaften, sowohl körperlich wie geistig, wie im Laufe der Erzählung zu erfahren ist. Dieses Ich wußte, ich muß eine Brücke bleiben; der Absturz führt zu meinem Ende als Brücke.

Wir haben hier nicht nur zwei Ufer, ein diesseitiges und ein jenseitiges, wir haben auch zwei oder gar drei Ichs, zählt man das Ich vor dem Sein als Brücke über dem Abgrund (den schließlich auftauchenden „Wanderer“?) hinzu. Konzentrieren wir uns aber zunächst auf das erzählende Jetzt-Ich und das Ich des Übergangs. Nietzsche spricht, in Person seines Zarathustra, davon, diejenigen zu lieben, „die sich der Erde opfern, dass die Erde einst des Übermenschen werde“ (KSA, S.17.). Das Jetzt-Ich Kafkas hat sich offenbar geopfert, berichtet es doch in der Erzählung vom Ende seines Seins als Brücke, jetzt (in einem Danach) gleichsam vom anderen Ufer aus, geradezu so etwas wie Rechenschaft ablegend. Spricht hier also, im Erzähler-Ich, der Übermensch? Fest steht, daß hier ein einzelnes Ich spricht, das Werden oder das Gewordensein allein durch den Erzählvorgang betonend.

Betrachten wir den Text weiter. Wir wissen um das Übergangs-Ich; ein zur Brücke gewordener Mensch, dessen gefährlicher Zustand über einem Abgrund nur enden kann mit dem Absturz, der aber für den Brücken-Menschen zunächst zwar denkbar, aber offensichtlich nicht machbar ist, da er nicht loslassen kann, weil es dafür keinen Anlaß gibt. Als sich endlich ein „Mannesschritt“ nähert, denkt er allein nur an die Aufgabe, den ihm „Anvertrauten“ hinüberzubringen, ohne aber, lesen wir hier parallel Nietzsche, ein Zweck zu sein, gleichwohl aber „ein Übergang und ein Untergang“. Der Brücken-Mensch sieht den Herankommenden, den Wanderer, nicht, er blickt wartend in den Abgrund, aber er hört ihn und macht sich bereit, ihn sicher ans Land zu schleudern, sollte er schwanken. Die Frage, wer der Herannahende wohl sein möge, stellt sich der Brücken-Mensch jedoch erst im „wilden Schmerz“, als dieser ihm mitten auf den Leib springt. Zuvor träumte er dem Wanderer „nach über Berg und Tal“, während derselbe unschlüssig und vorsichtig die Brücke zunächst einmal untersucht.

Träumt der Brücken-Mensch (in seinem Gedankenwirrwarr) sich selbst? Immerhin plant er den womöglich Schwankenden ans Land zu schleudern und sich dabei zu erkennen zu geben. Das Ich, das dem anderen Ich eine Brücke ist? Noch ist der Brücken-Mensch in seinen Träumen befangen, als der Wanderer, wie gesagt, plötzlich mit beiden Füßen auf ihn springt, und erst jetzt, im Schmerz, fragt der Brücken-Mensch nach der Identität des Anderen, fragt, ob er ein Kind, ein Turner, ein Waghalsiger, ein Selbstmörder, ein Versucher, ein Vernichter sei. Er wendet sich ihm zu, das heißt, er versucht es, aber noch bevor er den Anderen erkennt, stürzt er in den Abgrund.

Wie heißt es bei Nietzsche? War dort nicht in einem Atemzug die Rede von dem Menschen als einem Übergang, der Brücke, und einem Untergang, dem Absturz!? An anderer Stelle wird es noch deutlicher, wenn Nietzsche Zarathustra in den Mund legt: „Ich liebe Den, welcher lebt, damit er erkenne, und welcher erkennen will, damit einst der Übermensch lebe. Und so will er seinen Untergang“ (KSA, S.17.). Eben dies, das Erkennen, will der Brücken-Mensch, er will erkennen, wer ihm da auf den Leib gesprungen ist, wer den Übergang zu wagen beschlossen hat, wer sein anderes, sein geträumtes Ich ist; es steht gleichsam hier ein Erkenne Dich selbst zwischen den Zeilen. So lautet das Ende der Geschichte:

“Und ich drehte mich um, ihn zu sehen. Brücke dreht sich um! Ich war noch nicht umgedreht, da stürzte ich schon, ich stürzte und schon war ich zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die mich so friedlich angestarrt hatten aus dem rasenden Wasser.”

Erkennt der Brücken-Mensch, so ist zu fragen, im Absturz, im Untergang sein anderes Ich, den Wanderer, bevor beide aufgespießt und zerrissen sind, um dann schließlich vom rasenden Wasser, wie anzunehmen ist, fortgetragen zu werden? Die „Leerstelle“ im Text, die Zerreißung betreffend, ist hier aber keine Auslassung, sondern verweist auf den Beginn der Erzählung zurück; das (neue) Ich als erstes Wort des Textes gibt die Antwort! So ist nach dem Absturz der beiden Ichs ein neues, sich hier im Ich des auktorialen Erzählers offenbarendes Ich entstanden, das dann letzten Endes Übermensch zu heißen ist als eines Versuchers und Überwinders.

Ich denke, die Brücke kann in diesem Text durchaus als so etwas wie eine lebende Sollbruchstelle aufgefaßt werden, ein Ich, das im Untergang, im Bruch, zu einer neuen Existenzweise kommt kraft Überwindung seiner selbst und so zum Übermenschen wird – strikt in dem Sinne, in dem Nietzsche diesen Begriff meinte.

оранжерея

wo ich hinschau’, ist orange:
farbe des hier mich erinnerns,
kindertagend her, so lange,
oft in fotos des beginnens …,

wenn nacht sich senkte über türme
in späten sommern auf balkonen,
als sanfter war’n noch herbstes stürme,
orangerien den kön’gen und baronen

sproßten nicht, doch standen stiller,
waren in ihr laub getauchter
hort der mandarinenkiller:
haut ab eingeschrumpfter trauer!

und trau’ mich endlich, mich zu färben.
im bunten mich dir anvertrauen
oranjes prinz dir ganz zu werden
und mich in dir jetzt anzuschauen.

früchte hängen hoch an zweigen,
kürbis reift nah an der erden.
nicht die zeit ist’s, abzuscheiden,
sondern sich wie’s laub zu färben.

den hagebutten will ich gleichen,
und auch im schatt’gen hain orangen,
und mit dir an mir selber reifen,
auf dass ein paradies wir fanden.

(для оранжевых Юлия)

(zwinkerlink: „orange minuet“ – musik: wendy carlos aus soundtrack zu stanley kubricks „a clockwork orange“, karaoke-text: ögyr 2003 / 2013)