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Das direkte Streuen der Herzen war grundlos

Andere originelle Theile schwebten herbei; choreografiert
    (hohes Maß an Step 1, Step 2)
    aufgemalte Schritte, Gold=Step Silber=Step
    (Vaslav Nijinsky tanzt einen Faun, übergibt sich erst später hinter
der Bühne in das Costume der ihm schwanenden Kollegin, Pirouettchen
Pinimini. Während die Kotze zu einer Giraffe verläuft, züngelt ihr
Sopran heroisch
    – Ich nehme alles
    erhebt sich & hüpft gen Umkleide; setzt sich centimeter tiefer
auf einen Stein, seine Wanderschaft ebenfalls ein Geheimnis, wie sein
Schall, sein Alter; Bergfüße ragen oben seitwärts heraus, dieses
verblüffende Gaze, seine Formwandlungen. Noch habe ich nicht die Farben
erkannt, bleiche Tochter, grüngelb die Farben
    (oder das ausgebeinte Husarenstück)
    Kamm des Gestern, schön weit hoch von ungerühmter Abstinenz der
Klänge, außerhalb der verpothenen Zone steht die mobile Maniküre bereit;
Tromm frrrr elwirbel : Ovatter, könntest Dich mit dem
Rappen=Punzel messen : die Landsknecht=Trommeln sonoren langkammrig, die
Schnarre verunglimpft Stille, zunächst leise, dann immer lauter, jung,
schön, mit prächtigem Blondhaar. Es wird später gewesen seyn eine
vollkommene Hinrichtung mit eigenem Herd
    (Siedwasser sprudelt & sproint munter für den Thee nachher, der
hat ein wenig was von jedem & jeder darf mal munden mündeln müffeln)
    die Ilias liegt auf dem Tüsch, sanftes Schwertklirren entweicht dem
liebenswerthen Taschenbuch, fantastischer Morast, wenn man die Seiten
blättert)
    sie trat aus dem Haus, konnte frey sprechen im lodernden Gras,
Farbklatsch stand unter den Bänken mit dem Horn, kümmerte sich um den
Rest. Irgendwann hatte es immer einen Anlaß gegeben, war etwas
Unerklärliches geschehen, so daß die Sonne mit ihrer Kraft aufscheinen
konnte. Am Waldrand bewegte sich etwas, wo das Haus mit den 100 Köpfen
stand.
    Sie
    (die früher eine Serviette war)
    trug ihre Schuhe in
den Händen, eigentlich elegant an den Fingern, zu klein ihr Ring, zu
klein auch das Kettchen mit einem Bild von morgen, leuchtend im
Thorbogen, gemeißelt aus Ardennenstein. Allerdings gab es eine
Eigenschaft, die verschwiegen bleiben mußte, aufzusuchen mit geringer
Qualität.
    Er bekam Antwort vor Holzdächern & hölzernen
Pfannen von einem Mädchen mit langen blonden Zöpfen, mit dem Finger nach
rechts schlug sie einen Kreis. Ein heilloses Durcheinander durch eine
trübe Tasse erspechtet, verzerrt spuckend; die Eckkneipe : da trampelt
sie schon herein, schreit
    – Alle mal herhörn ! Wer !?
    aber
das wußte keiner, niemand wußte es, dem Hydranten zum Trotz, von
Feuerbowle genaschter Falt=Tropfen, Abfall abgefallen, außerhalb links :
Sonnenschein
    (derselbe von oben & weiter unten im Text)
    noch im Eckenerkerfenster.
    Sie nahm den alten Rasierpinsel ihres verstorbenen Mannes aus der Schublade, tauchte ihn in das Blutgefäß
    (ein schönes & werthvolles Erbstück ihrer geisteskranken Muhme)
    und pinselte sich den Teint – man mag es drehen und wenden – rot.
    – Wo ist der Daimonenjunge mit dem Kopf ?
   
es gab Essen in schaler Dunkelheit. Es gab Gebein unter dem
Schreibtisch, abgeschabt, staubumfangen. Viele dieser Aufzeichnungen
gingen im Feuer auf, die Buchstaben verendeten in der Luft, der
Geschmack war der nach Zitroneneis. Aus dem Geist des Pedals erhoben
sich unbekannte Formen, man kann nicht behaupten, daß es einen
Anhaltspunkt dafür gab, ein Gerücht, vielleicht auch mehrere, gesäht von
einem zweifelnden Mund, dem bald die Lippen sprangen, die Fetzen Blüten
ergaben.
    Als die Sache aufflog
    (ein Marsch in den Süden)
    sündige
Beine rasiert & voller Autobahn. Die Klinke war gebogen & aus
Metall, eine kühle Halle mit Rauhputz & Kahlheit : die Reden der
Königin in Ausschnitten, ein halbes Bureau, einfach nur Halluzination,
auf den Tischen traten kleine Lampen auf, Du kennst sicherlich die
Geschichte dieses kleinen Landes, die verurtheilten Todesmasken,
Freybier & auch kostenlosen Wein. Weiter vorn brannte kein Licht,
die Lichter des Dorfes; wo er hinschaute, nur Gesichter – und kein
Gesicht hatte der Zahn der Zeit zerstört. Das Haar schimmerte fast
golden, ein Stirnband hielt die Flut zusammen. Schattenhaft die Umrisse,
Dunkelheit nur ihr Schatten. Ich mußte vorsichtiger sein, der breite
Strom trennte beyde Gebirge, wir rollten ins Dorf, in den Fenstern
steckte natürlich kein Glas mehr, abgehauen auch : das Personal.
Weißgrüner Schimmel bedeckte die Wände, die alten Holzbänke, es gab noch
den Tresen. Hier unten roch es muffiger & feuchter, vor unseren
Fußspitzen lag ein quadratisches Loch.
    Die verdrehten Schritte näherten sich kostenlos, das Gewölbe stank
    (welch ein Wunder bey gutem Wurm, bey Regentropfen, die tiefer gingen)
    fernes Lächeln
    (die Edamer Katze)
    meist achtet der Wind nicht darauf, wo er hintritt
    (die verdrehten Schritte)
   
sein Spiel dem Zufall überlassen & nur durch das Medium großer
Künstler lernen wir die Wirklichkeit kennen, angestachelt von den
unterschiedlichen Luftschichten, aufzuklauben, was sich nicht an etwas
anderes krallt. Es waren die Gewichte, die ihn herausforderten, der
unheilvolle Geruch der Maronenbäume darf nicht durch das Fenster
drängen, der erstickende Rauch der Kamine
    (Du wirst Wasser sein, dann und wann Wasser sein)
   
hier ist das Schnitterfest vorbei, die Äpfel liegen rund & schön,
keine Schürze hängt an einem Haken, Jauche füttert die Bächlein, die
durch die Wiese gehen, ein stummes Firmament trägt die Atlaskugel, nicht
der Titan selbst
    (Missy. She was rescued by an animal charity. We had her far over 16 years, before a stroke took her away.)
   
Exploitation der Produktion ist dann zu purer Schönheit erstarrt, wer
nicht zaubern kann, billiger Stoff, verspätete Sätze im Mist
   
(auf den Balkonen drehten altehrwürdige Damen mit zitternden Händen an
den Operngläsern, die ihnen die Fruchtkolben der Jugend heranholten)
   
die Schwester erstickt beinahe brav an einem Samenschuß, den sie dann
aus ihrem falschen Hals mit Tränen schwemmt, die nie wieder so rein seyn
werden, so gemüsebrühig pikant, wie an diesem Tag der Asche, die aus
dem schlottrigen blankbusigen Schlot pfeift, Fruchtfleisch des Lichtes
also, Raumleib & Leib in Zeitgang
    (affentheuerlich & naupengeheuerlich)
   
wir kommen in keinem Buch vor, in das wir uns nicht selbert
hineinschreiben. Angeschissene Wände sieht der Wanderer auf sich zu
   
Blutkloaken, abgerissene Euter von Mensch & Maschine, Sickergruben
& Sand, Geklapper entzwei’ner Dachrinnen, Daimonenspocker &
Ratten Ratten Ratten, mit den Schwänzen anWäscheleinen geklammert
    (die verdrehten Schritte)
    – Hallo!
    (und ich auch : Hallo!)

Aus meinem Tagebuch

5. März 2014

Schlecht geschlafen. Tigerte durch die Wohnung. Selbst das Cellospiel konnte weder mich noch die Nachbarschaft beruhigen. Schrieb auf dem Klo ein Sonett mit dem Edding auf die Kacheln. Als ich es gar nicht mehr aushielt, weckte ich meine Frau. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Jetzt Pizza, obwohl Adorno davon abriet. Man trägt seine Risiken als selbstständig denkender Intellektueller.

6. März 2014

Ohrenschmerzen. Werden die in Fachkreisen nicht als Geniekrankheit bezeichnet? Traumlose Nacht. Sollte mehr schweres Essen vor dem Schlafen vertilgen, um auf mein Quantum Albtraum zu kommen, das ich so dringend für meine Schreiberei benötige. Große Pläne wollen an diesem Tag verwirklicht werden. Versuchte den Stuhlgang durch immense Mengen Kaffee anzukurbeln. Sollte den Zigarettenkonsum einschränken. Erwache bereits mit einer brennenden Kippe. Das wird irgendwann noch in die Hose gehen. Vielleicht wäre es ein Anfang, die Poster von Böll zu entfernen. Böll, rauchend beim Schreiben, rauchend beim Spülen, rauchend bei der Verleihung des Nobelpreises. Spielte auf der Trompete das Wecksignal aus der Soldatensymphonie von Herrlich. Großer Auflauf in meinem Arbeitszimmer. Begeisterungsbuhrufe.  Werde mich jetzt noch eine kleine Weile ausruhen, bevor ich weiter an meinem deutschen Vergangenheitsroman schreibe, über den die Kritiker momentan so lebhaft streiten. Dazu später mehr. (Stichwort: Der deutsche Vergangenheitsroman steckt in der Krise!)

Abends: Habe den ganzen Tag an meinem Roman geschlafen. (Der Kopf lag auf der Tastatur. Erwischte ein rollendes Lewitscharoff-R, das wie eine Tsunamiwelle über den Bildschirm schwappte.) Später Klingelmännchen bei Löfflers, die zwei Straßen entfernt wohnen. Meine Frau meinte, die Löfflers dort hätten nichts mit der Literaturkritikerin gemein. Egal. Hier tritt die Namenshaft in Kraft. Die anderen Nachbarn, bei denen ich Klingelmännchen “spiele”, müssen schließlich auch unter ihren Namen Walser, Karasek und Mangold leiden. Jetzt ein Cappuccino, auch wenn Kant in seinem Aufsatz “Kritik der Kaffeekultur” vom Verzehr dieses Getränks, “das jeglichen kategorischen Geschmacks entbehrt”, abrät.

7. März 2014

Bin krank. Erzählte meiner Frau, dass die Welt gerade unterginge. Bat sie, Trauerkleidung anzulegen. Sie meinte, ein Schnupfen hätte noch keinen umgebracht. Ließ mich von den Kindern an den Schreibtisch schleifen, damit man meine Leiche mit der Nase in der Arbeit zu meinem letzten Roman findet. Nachdem ich angeschnallt und nicht mehr in der Lage war, auf den Boden zu stürzen, musste meine Frau bei Suhrkamp anrufen. Sprach über den Lautsprecher mit ihnen. Ich sei der Totgeweihte, erklärte ich mit nasaler Stimme. Aufgelegt. Nächster Versuch. Ich bin die Stimme der deutschen Vergangenheitsliteratur. Wieder aufgelegt. Um meinen Zorn zu kanalisieren, ließ ich anschließend bei Rowohlt anrufen. Sagte kein Wort. Sie fragten zweimal nach, wer da sei, bis sie erzürnt aufgaben. Die Rache ist mein. Jetzt werde ich Zigarettenrauch inhalieren. Die Gesundheit geht vor.

Abends: Lag dem Sofa auf der Brust. Horchte es ab, neben mir Dr. Westphal, mein neuer Psychiater, der mich zu meiner Kindheit befragte. So vieles kam hoch. Die peinlichen Momente vor dem Tribunal aus Eltern und Tanten, die mich zwangen, in einem Eileiterkostüm vor ihnen auf- und abzumarschieren. Westphal führt meine Inkonsequenz, die mich des Nachts befällt, auf diese frühen Erlebnisse zurück. Rammdösig lauschte ich seinen Ausführungen zu Freud und dessen Theorie über Männer, die den Wunsch verspüren, mit einem Zwieback zu kopulieren. Meist stände das traumatische Erlebnis eines leeren Regals am Anfang einer solch verzweifelten sexuellen Entwicklung. Als ich Westphal versicherte, nie etwas mit einem Zwieback gehabt zu haben, auch an leere Regale könne ich mich nicht entsinnen, erhob er sich erbost und stürmte ins Schlafzimmer. So wolle und könne er nicht arbeiten. Trotz seiner Abneigung gegen mich, scheint Westphal bleiben zu wollen. Werde heute Nacht wohl oder übel im Wohnzimmer nächtigen.

Später: Meine Frau sitzt vor dem Fernseher. Schrieb diverse Mails an die großen Tageszeitungen, in denen ich auf meinen gerade entstehenden Roman hinwies. Bat darum, nicht aus den Teilen, die ich als Anhang mitschickte, zu zitieren. Das könnte einen langwierigen Rechtsstreit zur Folge haben. Ansonsten, auch dies schrieb ich, sei ich ein harmoniebedürftiger Kerl. Umgänglich, wie meine Freunde sagen, die einen Bogen um mich machen. Heute Abend wird es noch einen Film von Arne Jakobson geben, nicht im Fernsehen, sondern auf DVD. Ein Arthouse-Porno, der im Schimmelkäseherstellermilieu spielt. Alles im frankokanadischen Original mit französischen Untertiteln. Westphal ist zum Glück verschwunden.

8. März 2014

Die ganze Familie ist inzwischen an der Geniekrankheit Ohrenschmerzen erkrankt. Bei Schopenhauer kann man bereits darüber lesen. Über seinen Hang zu Ohrenschmerzen und warum ausschließlich Genies daran leiden. Wie auch an dem Unvermögen, Rechenaufgaben zu lösen. Und staubsaugen können sie auch nicht. Alle sind krank! Alle sind Genies! Ich fühle mich unwohl wie seit Jahren nicht. Versuchte meiner Frau und den Kinder einzureden, dass ihnen nicht die Ohren schmerzen, sondern der kleine Teilbereich daneben, wo bei anderen das Hirn sitzt. Um gleichmäßig zu atmen, um meine innere Mitte wieder zu erreichen, las ich in Blochs “Prinzipiell schon”, in dem er über die Ausreden moderner Genies schreibt. “Würdest du?” – “Prinzipiell schon, aber …” Seitenweise Geschwafel. Warf es in die linke Ecke des im Kinderzimmer aufgebauten Tors und vergnügte mich stattdessen mit “Zwei geile Knödel” von Josefine Mützenberg. Jetzt onanieren, wer weiß, vielleicht setzt sich die Büchner-Preisträgerin und Inquisitionsbeauftragte Lewitscharoff durch, die ein Verbot der morgendlichen Handgymnastik für weise hält.

Auszug aus “Zwei geile Knödel”: Geil knetete er meine beiden Knödel, die ich erst frisch an diesem Morgen in einen BH gezwängt hatte, der nun achtlos weggeworfen neben dem Bett lag. Wie ein Tier, das erlegt worden war. Traurig schielte ich zum BH hin, der sich nicht rührte, bis mir einfiel, dass er dazu gar nicht in der Lage war. Robert lag indes auf meinen Körper wie auf einer Aussichtsplattform, steif wie ein Scharfschütze, der sich auf seinen Schuss konzentrierte, der, bei der Größe seines kleinen Wurms, ich sah es ein, auch sein Ziel verfehlen konnte. Und tatsächlich, als hätte ich besser nicht darüber nachgedacht, erlegte er die Innenseite meines Oberschenkels.

„Das Schreiben ist nichts anderes als ein Kampf, den der Künstler mit den Menschen um seine hervorragende Bedeutung kämpft“ (Essay)

Ist Witold Gombrowicz’ Tagebuch so etwas wie die Urform des literarischen Weblogs? Diese Frage stelle ich mir, seitdem ich angefangen habe, die gesammelten Tagebucheinträge zu lesen. An einer Stelle schreibt er: „Ich schreibe dieses Tagebuch nicht gern. Seine unredliche Aufrichtigkeit quält mich. Für wen schreibe ich? Wenn für mich, weshalb wird das gedruckt? Und wenn für den Leser, weshalb tue ich so, als spräche ich mit mir selbst? Sprichst du so zu dir, daß es die anderen hören?“ (S.59. Alle Zitate aus: Witold Gombrowicz: Tagebuch 1953–1969. Fischer Taschenbuch 2004 bzw. Carl Hanser Verlag 1988) Wer ist dieser Herr Witold, dieser Gombrowicz? (Ich möchte, übrigens, um Nachsicht bitten dafür, daß ich mich mal wieder nicht mit der aktuellen Literaturproduktion beschäftige; ich weiß, da heißt es wieder, der Schlinkert mit seiner seltsamen Neigung zu Gutabgehangenem, zu all diesem alten Zeugs … doch wer mich kennt, der weiß, daß ich mich ausschließlich mit aktuellem Gedankengut beschäftige, ob es nun diese Sekunde veröffentlicht wird oder von Hesiod stammt.) Also: Gombrowicz, Witold, polnischer Schriftsteller, großer Erfolg in Polen 1938 mit seinem ersten Roman ‚Ferdydurke’, einem wunderbar absurd-komischen Roman mit hintergründigem Ernst, der imgrunde auch einen Diskussionsbeitrag zu der Frage darstellt, wie es um den Diskurs zwischen den altständigen und den modernen Polen bestellt ist. Im Jahr 1939 wird Gombrowicz in Buenos Aires vom Ausbruch des Weltkrieges überrascht und bleibt bis 1963 in Argentinien. Dort kleiner Bankangesteller zwecks Lebensunterhaltssicherung, ist er aber vor allem Schriftsteller und – quasi öffentlicher – Tagebuchschreiber, denn von 1953 bis 1969 werden seine jeweils nur mit dem Wochentag datierten Eintragungen in der in Paris erscheinenden polnischen Exil-Zeitschrift Kultura veröffentlicht. (Siehe dazu: Editorische Notiz. a.a.O. S.993.) Es ist also zunächst eine nur kleine Öffentlichkeit, bis dann 1957, 1962 und 1967 polnische Buchausgaben erscheinen.

Was nun macht Witold Gombrowicz so aktuell? Im Klappentext der Taschenbuchausgabe heißt es, Gombrowicz’ Überlegungen zu Themen wie Marxismus, Katholizismus oder Homosexualität seien unerwartet und wiesen auf verblüffende Zusammenhänge, sie seien aufschlußreiche Pamphlete gegen jedwede Lüge und Ideologie – so weit, so gut. Was mich nun unter anderem besonders interessiert sind aber die Fragen, die ich mir als „literarischer Blogger“ stelle (was für ein ekliger Begriff dieses „Blogger“ doch eigentlich ist, fast kommt es einem hoch!), denn wenn das literarische Weblog Literatur ist, die sich vermittels neuer technischer Möglichkeiten direkt und unvermittelt aktuell an Leser:innen wendet, dann scheinen mir diese Tagebuchbeiträge, zumindest in ihrer so schnell als möglich gedruckten Form, als eine Ur- oder Vorform des literarischen Weblogs. Der Vergleich mit Alban Nikolai Herbst’ Die Dschungel. Anderswelt drängt sich dabei geradezu auf, und das nicht nur, weil Die Dschungel ohne Zweifel einen bedeutenden Beitrag darstellt zur zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur (möge die Literaturgöttin dafür Sorge tragen, diese Beiträge der Nach-Welt zu erhalten!), sondern vor allem, weil beide Schriftsteller eine kompromißlose Haltung zu allem was Literatur ist und sein kann offen (aus)leben, weil beide sich mit einer hohen Risikobereitschaft an ein oder ihr Publikum wenden, ohne Liebedienerei und falsche Bescheidenheit. Deckungsgleich sind die Ansätze deswegen natürlich nicht, schon allein dadurch bedingt, daß ein Alban Nikolai Herbst dem tagebuchartigen Eintrag meist unmittelbar Weiteres folgen läßt, nämlich als direkte Reaktion auf Leser:innen-Kommentare. Diese Unmittelbarkeit ist sicher das eigentlich Neue und erweitert das Genre des Tagebuchartigen.

Vor- oder Urform also des literarischen Weblogs der Haltung zum Schreiben, zum Künstlersein wegen und vor allem auch aufgrund der so gelebten und gestalteten Beziehung zu den Leser:innen!? Doch birgt diese Art, sich an ein Publikum zu wenden, naturgemäß auch allerlei Gefahr in sich – die nämlich, sich trotz aller Offenheit selbst in die Tasche zu lügen. Gombrowicz schreibt: „Die Falschheit, die schon in der Anlage meines Tagebuchs steckt, macht mich befangen, und ich entschuldige mich, ach, Verzeihung … (aber vielleicht sind die letzten Worte überflüssig, sind sie schon affektiert?)“ (S.60.) Dies schrieb er 1953, und man sollte bedenken, daß er als Exilant in einer dauerhaft mißlichen Lage war, schon allein deshalb, weil er sich seine Leser unter seinen (fernen) Landsleuten zu suchen hatte und sein Heimatland zugleich noch unter der Knute des Stalinismus wußte  – wenngleich, auch das scheint mir bedenkenswert, er immerhin als Fremder in einem Land auch durchaus kleine Freiheiten hatte, die ein einheimischer Künstler, der sich als Künstler im eigenen Land fremd fühlt, was nicht selten der Fall ist, niemals haben kann. Was aber trieb nun unseren Autor zu dieser öffentlichen Form des Schreibens, zum reflektierend-nachdenklich-erzählenden Tagebuch? Das zuletzt Zitierte weiterführend schreibt Gombrowicz: „Dennoch ist mir klar, daß man auf allen Ebenen des Schreibens man selber sein muß, d.h. ich muß mich nicht nur in einem Gedicht oder Drama ausdrücken können, sondern auch in gewöhnlicher Prosa – in einem Artikel, oder im Tagebuch – und der Höhenflug der Kunst muß seine Entsprechung in der Sphäre des gewöhnlichen Lebens finden, so wie der Schatten des Kondors sich über die Erde breitet. Mehr noch, dieser Übergang aus einem in fernste, fast untergründige Tiefe entrückten Gebiet in die Alltagswelt ist für mich eine Angelegenheit von ungeheurer Bedeutung. Ich will ein Ballon sein, aber an der Leine, eine Antenne, aber geerdet, ich will fähig sein, mich in die gewöhnliche Sprache zu übersetzen.“ (S.60.)

Vereinfacht gesagt ringt Gombrowicz in seinem Schreiben insgesamt darum, als Künstler Mensch und als Mensch Künstler zu sein – daß dies nicht im Verborgenen und nicht in aller Bescheidenheit vor sich gehen kann, liegt in der Natur der Sache. Anmaßung ist hier das Stichwort, und wer Alban Nikolai Herbst’ Die Dschungel in den Jahren aufmerksam verfolgte, der weiß, wie oft Kommentatoren Herbst angriffen wegen seiner vermeintlichen Eitelkeit, seiner vermeintlichen Großtuerei. Auch Gombrowicz muß diesem kleingeistigen, imgrunde unterwürfigen Denken ausgesetzt gewesen sein, denn er bezieht klar Stellung zur Seinsweise des Künstlers (und weist zugleich seinem Tagebuchschreiben, indem er es nicht für sich behält, den Sinn und Platz innerhalb seines Gesamtwerkes zu). Er schreibt: „Ich weiß und habe es wiederholt gesagt, daß jeder Künstler anmaßend sein muß (weil er sich einen Denkmalssockel anmaßt), daß aber das Verhehlen dieser Anmaßung ein Stilfehler ist, Beweis für eine schlechte »innere Lösung«. Offenheit. Mit offenen Karten muß man spielen. Das Schreiben ist nichts anderes als ein Kampf, den der Künstler mit den Menschen um seine hervorragende Bedeutung kämpft.“ (S.61.) Dschungel-Leser wissen, daß Alban Nikolai Herbst dieselbe Überzeugung lebt, die er in seinem Weblog den Lesern folgerichtig nicht vorenthält. An einer Stelle schreibt Herbst: „Künstler jedenfalls, wenn sie das sind und also etwas zu sagen haben, kämpfen mit offenem Visier. Ausnahmslos. Schon, um ihre ästhetische Position zu bestärken, was wiederum ihr Werk stärkt und durchsetzt.“ (Interessant hier die doppelte Bedeutung von Durchsetzen: einmal im Sinne von Durchdringen, das andere Mal im Sinne von Erfolg auf dem Literaturmarkt.)

Das zugleich intime und zur Einsichtnahme gedachte Tagebuch ist ja bekanntermaßen keine Erfindung unserer Tage, das sei noch kurz angemerkt, sondern ist hierzulande seit gut dreihundert Jahren Bestandteil der literarischen Welt. Oft wurden Tagebücher zu Memoiren, eigenen Lebensbeschreibungen bzw. Autobiographien oder auch Romanen verarbeitet, man denke nur an die Memoiren der Glückel von Hameln (Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts, veröffentlicht 1910), Ulrich Bräker, Salomon Maimon, Adam Bernd, Heinrich Pestalozzi, Johann Heinrich Jung-Stilling, Karl Philipp Moritz und viele andere, wobei die gezeigte Offenheit oftmals einen stark aufklärerischen Impetus hat (Adam Bernd, Pestalozzi, Jung-Stilling), durchaus aber auch schon den Protagonisten zugleich als Künstler heraushebt (Bräker, Moritz), der als solcher das eigene Leben schreibend auf eine Art offenbart, die auf eben diese künstlerische Art hinaus in die Welt muß. Die Möglichkeit, als Schriftsteller Tagebucheinträge (so wie Gombrowicz) fast unmittelbar in einer Zeitschrift, beziehungsweise sie heutigentags tatsächlich unmittelbar auf einer eigenen Website unter Klarnamen zu veröffentlichen, ist somit nichts weiter als eine Erweiterung der Möglichkeit, in aller Offenheit und auf zugleich höchstem Niveau als Künstler zu sein und zu wirken und (s)ein Werk zu schaffen.

Geplant war Ewigkeit (4)

24. Januar 2014

“Bist du müde?” frage ich Vater.

“Was?!”

“Ob du müde bist.”

“Müde?!”

“Ja, müde. Bist du müde?”

Sein weißes Haar steht wirr in der Luft, wie nach einer Razzia. Er überlegt eine Weile. Dann:

“Ich bin nicht glücklich. Ich bin deprimiert. Und müde.”

*

“Wenn du gleich nach Hause kommst, ist dann der älteste Sohn da?”

Einen Moment denk ich, dass er mich vielleicht mit meinem Bruder verwechselt, der hat zwei Söhne. Vater schaut mich verzweifelt an. Er ahnt, dass er etwas gesagt hat, das irgendwie nicht stimmt, doch er kann es nicht gerade rücken, nicht berichtigen, weil er nicht mehr genau weiß, was er gesagt hat. Nur, dass irgendetwas damit nicht stimmt.

Ich glaube, mit ältestem Sohn meint er Sanne.

“Ja”, antworte ich, “Sanne ist da, wenn ich gleich nach Hause komme.”

Sein Blick glüht vor Freude, dass ich ihn verstanden habe.

*

Als das Abendbrot kommt, helfe ich ihm in die Sitzposition. Sagen wir, in eine halbwegs aufrechte Liegestellung.

“Noch was höher das Kopfteil?”

“Nee, ist schon gut. Ist schon gut.”

Ich schmiere ihm ein Brot mit Butter und Käse, schneide es in kleine Stücke und füttere ihn. Dazu gibt es roten Tee. Wie im Altenheim. Da gibt es auch immer roten Tee. Alte Leute trinken roten Tee, ob im Krankenhaus, im Sanatorium, im Altenheim, im Demenzclub der Busch-Stiftung, im Hospiz. Das scheint Gesetz zu sein. Wenn ich demnächst alt bin, will ich auch roten Tee haben. Oder wenn ich tot bin. Dann spiele ich alter Mann und saufe im Himmel kannenweise Früchtetee, ihr Arschgeigen.

Vater war schon immer ein langsamer Esser, doch seit er zunehmend Hilfe benötigt beim Essen, isst er noch langsamer. Er scheint jeden Bissen im Mund fünfzig Mal hin- und her zu wälzen, umzudrehen, zu kauen und zu prüfen, wie ein Edelsteinhändler, der neuerdings in Graubrot macht.

Aber ich bin ein geduldiger Mensch. Genauso geduldig wie die Menschen in meiner näheren Umgebung geduldig mit mir sein müssen. Ich bin nämlich meines Vaters Sohn. Wir sind vom langsamen Schlag. Er kaut und kaut und kaut. Und kaut und kaut. Und wenn ich zwischendurch die Geduld verliere und schon das nächste Stückchen Brot mit Käse nachschieben will, obwohl er noch was im Mund hat und kaut, funkelt er mich böse an.

“Willst du mich ersticken?”

Die gleichen Worte, mit denen er sich früher bei Mutter beschwerte, wenn ihr eine Speise zu trocken geraten war, für seinen Geschmack.

Die Scheibe Mortadella verlangt er ohne lästiges Brot und mümmelt die Wurst in sich hinein. Nicht nur das Abendessen, auch die Medikamentengabe zur Nacht nehme ich den Schwestern ab, die nirgends so unfreundlich sind wie auf dieser Station. Durch die Bank zickige Tanten, spezialisiert auf patzige Antworten und Selbstgerechtigkeit.

“Dazu darf ich Ihnen nichts sagen.”

“Müssen Sie warten, bis der Doktor kommt.”

“Müssen Sie warten, bis der andere Doktor kommt.”

“Der Doktor kommt erst morgen. Der kann Ihnen mehr sagen. Wir wissen nichts. Und selbst wenn wir etwas wüssten, dürften wir es Ihnen nicht sagen.”

Immerhin erhalte ich auf meine Frage, ob es medizinisch unbedingt nötig gewesen sei, Vater ins Klinikum zu überweisen, prompt eine Antwort, von Stationsschwester Monika, dem schläfrigen Monstrum:

“Ja.”

Mehr dürfe sie nicht sagen, klar. Aber soviel rückt sie dann doch raus: was den Blutzucker betrifft, musste die Medikamentation neu eingestellt werden. Die Werte seien öfter mal im Keller, dann wieder im Himmel. Das erklärt auch den Traubenzucker, der sich neuerdings stets griffbereit in Vaters Nähe befindet, als erste Hilfe, falls ihm schwarz wird vor Augen.

“Ich kann nicht mehr”, prustet Vater, und einige feuchte Bröckchen Brot fliegen durchs Bett.

“Genug?”

“Ja. Ich bin satt.”

Mit einer Papierserviette berge ich Krümel von seinem Mund und von der Bettdecke, eine Aktion, die er mit weit aufgerissenen Augen verfolgt.

“Wo ist mein Alligator?”

Ich schaue mich im Zimmer um. Der Bettnachbar ist immer noch nicht zurück, seit er sein Tablett auf den Gang rausgebracht hat. Auch sonst gibt es nicht viel zu sehen. Schon gar keinen Rollator, den Vater nur noch Alligator nennt.

“Den hast du doch bestimmt im Heim gelassen, oder nicht?”

“Bei Gisela? Hab ich den bei Gisela vergessen?”

“Wieso bei Gisela?”

Gisela ist eine Bekannte aus besseren Tagen, die er seit bestimmt zwei Jahren nicht mehr getroffen hat.

“Von der Gisela hab ich heut Nacht geträumt”, meint Vater und neigt mir vertraulich den Kopf zu. “Obwohl es bei ihr nicht mehr viel zu träumen gibt.”

Er gluckst schelmisch.

Bald ist der Rollator vergessen, Gisela ist vergessen, das Abendbrot ist vergessen. Und plötzlich wird er ernst.

“Ich hab manchmal Angst, Andreas”, sagt er. Wenn er mich beim Vornamen anspricht, weiß ich, dass es dicke kommt. “Angst davor, was kommt.”

Und so oft ich auch sonst blöde Gegenfragen stelle, aus lauter Hilflosigkeit, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll, in diesem Moment halte ich meine Klappe und sage gar nichts. Ich weiß natürlich, dass er unter all der Dunkelheit um ihn herum leidet, unter der Einsamkeit, und das wir Kinder ihm dabei nicht groß helfen können, so oft wir ihn auch besuchen.

“Haben wir nichts Süßes hier?” fragt er.

“Hm, ich kann was holen, unten in der Cafeteria.”

“Würdest du das tun?”

“Na klar. Bin schon unterwegs.”

Ich kaufe eine Packung Kaffeegebäck Schoko-Traum, die er fast alleine verputzt.

Waffelröllchen, Biscuit.

“Du haust aber ganz schön rein.”

“Ja nun, was soll ich sonst machen? Was bleibt sonst noch übrig? Soll ich auf meine alten Tage das Rauchen anfangen?”

Er greift ein letztes Mal in die Kekspackung und entnimmt ein Plätzchen. Von der Wärme im Krankenzimmer ist die Schokolade geschmolzen und bleibt an seinen Fingern kleben. In den folgenden Minuten, die wir schweigend verbringen, muss er sich mit der Hand durchs Gesicht gewischt haben, denn das nächste, was ich sage, als ich ihn mir näher betrachte, ist bloß ein einziges Wort, he,

“Schokoschnute!”

Und mit mir kamen die Tränen – Supergedichte I

Depressives Adventsgedicht

Advent, der erste.
Nicht mehr lange,
dann ist Weihnachten da.
Danach kommt Januar.
Und nicht mehr lange,
dann ist Sommer.
Schnell schreitet die Zeit
durch den Raum.
Ein paar Jahre später
ist man schon tot.
Scheiße.

Abendrot (Ein Gedicht, das Kraft schenkt)

Abendrot, der alte Bäcker,
der meine Frau früher beglückte,
ist, wie ich unlängst las,
verstorben.
Schade, denn nun ist Abendrot
tot.
Das versaut die ganze
Abendstimmung,
war er doch spätabends immer
mit seinem Hund Sonnenuntergang
unterwegs.
Und jetzt?
Wer führt den Hund Gassi?
Ja, das Leben kann
grausam sein.
Egal, wir dürfen
nicht aufgeben.

Morgenhetze und Geburt

Hetz doch nicht so,
sage ich dem Morgen.
Der hört nicht zu.
Der ist gerade mit
seiner eigenen Geburt
beschäftigt.
“Pressen!”, schreie ich.
Hach, da ist sie,
die Sonne.
Was für ein wunderschönes
Kind.

Winterkillerfüße

Kannst du mal anpacken,
wenn du willst.
Mein kalten Füße
sind so kalt
wie der Winter,
wie ein Killer,
darum nenne ich sie
auch
Winterkillerfüße.
Die sehen gar nicht so aus.
Sie erinnern an
ganz normale Füße,
meine Winterkillerfüße.
So kann man sich
täuschen.

Zangengeburt

Das hätte sie sich
nicht träumen lassen.
Dass eine Zange
so schwierig
zu entbinden ist.
Zumal der Verband
von einem der Lehrlinge
angelegt worden war.

Kaffee

Kaffee schmeckt gut,
wenn er heiß aus der Kanne
kommt.
Hm, lecker!
So ein Kaffee weckt
die Lebensgeister,
die aus ihren Gräbern steigen
und um einen herumfliegen,
wild wie Wild.
Mit Kaffee ist
immer eine Menge los.
Da ist man nie einsam.
Toll!

Warnung (Gedicht mit erhobenem Zeigefinger)

Schon als Kind
durfte ich bei Sturm
draußen nicht rauchen.
Das ist gefährlich,
erklärte mir meine Mutter.
Ich hörte nicht auf sie
und zog mir eine
Erkältung zu.
Hätte ich mal gehört.

Waschbecken

Es war einmal
ein Waschbecken,
das wuchs ohne Hahn auf,
sodass es jeden Morgen
verschlief.

Winterpromenade

Schick auf Skiern.
So kennt man mich.
Landauf, landab
bin ich mit
meinen Skiern unterwegs.
“Platz da!”
Mein Ruf eilt
mir bereits voraus.
Und schon wieder
habe ich eine Stadt
durcheilt.

Verlies (Wortwitzgedicht mit Suchtfaktor)

Als sie mich VERLIES,
erblickte
ich zum ersten Mal
das Tageslicht.

Morgengrauen (Horrorgedicht)

Unheimlich ist das,
wenn man schon
wieder, ich
wiederhole, wenn
man schon wieder,
jetzt geht es weiter,
aufstehen soll.
Das Grauen!
Fürchterlich!
Angsteinflößend.
Am besten, man
dreht sich um
und schläft noch zwei
bis fünf Tage.

Tablettsüchtig

Und plötzlich war ich
Tablettsüchtig.
Wo ich auch war,
nie erschien
ich ohne mein Tablett,
das ich lässig
auf den Fingerkuppen
meiner rechten Hand
balancierte.
Alle ahnten,
dass das irgendwann
schiefgehen musste.

Schreiben

Manchmal
könnte ich vor Zorn
laut schreiben.

Kinder soll man
nicht
anschreiben.

Wer schreibt, hat
meist Unrecht.

Céline ist schuld! Einige wirre Gedanken zur Klarsicht

Ich habe gelernt, die Welt mit anderen Augen zu sehen – oft hört man diese Formulierung, wenn jemand mit Leib und Seele Erfahrungen hat machen müssen, die ihm oder ihr das Weltbild zertrümmerten oder wenigstens schwerwiegend durcheinanderbrachten. Sicher, gelegentlich braucht der Mensch seine Portion unmittelbaren Bewegtseins, allein mit sich und seinen Gedanken oder in Gemeinschaft. In dem Roman Das Sägewerk von Daniel Odija wird ganz zu Beginn ein solcher Moment beschrieben: “Nach einer Stunde beruhigte es sich ein wenig, der Donner zog vorüber, doch die Blitze blieben. Immer noch rauschte das Wasser. Józef bemühte sich, keinem ins Gesicht zu sehen, denn sobald er hinschaute, blitzte es. Für eine Sekunde wurde es dann unheimlich. Er sah das Gesicht seiner Frau. Ihre Augen lagen im Schatten der Höhlen, und die Zähne schoben sich allzu deutlich zwischen den Lippen hervor. Sie wurde in Leichenlicht getaucht. Sie wollte ihm wohl etwas sagen. Irgendwie schienen ihre Zähne hervorzutreten. Offenbar sah sie auch in seinem Gesicht etwas, was sie nicht sehen wollte, denn sie machte bloß den Mund auf. Es gelang ihr, ein undeutliches a…a… hervorzustoßen. In diesem Moment dachte Józef, daß sich unter dem Gesicht, das wir bei Tageslicht sehen, immer das zweite verbirgt, das später einmal der Sargdeckel zudeckt.” Dieses Motiv des verborgenen Gesichts, oder auch das der Maske, die das eigentliche Gesicht verdeckt, findet sich häufig in der Literatur, etwa in Rainer Maria Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, und da sich das mit den Erfahrungen der Leser oder wenigstens doch deren Phantasie gut verträgt, öffnet dies nachspürbar die Schichten eines Textes und verweist buchstäblich auf alles Mögliche hinter der augenfälligen Realität. Bleibt ein Autor indes allein der Oberfläche verbunden, kann es blitzen wie es will, persönliche Erkenntnisse werden daraus nicht gewonnen – man denke nur an die Gewitterszenen in Adalbert Stifters Der Nachsommer, die zwar immer was auslösen, den Protagonisten aber seelisch unverändert lassen, obwohl er als Ich-Erzähler auftritt. So hat Stifter zwar sicher einen der schönsten Romane der realistischen Epoche geschrieben, Einblicke in das Wesen des Menschen aber gewährt er nicht oder nur sehr bedingt. Man sieht also die Welt nach der Stifter-Lektüre durchaus nicht mit anderen Augen, sondern eher mit denen eines anderen, während die Formulierung, man habe gelernt, die Welt mit anderen Augen zu sehen, ganz allein die eigenen Augen meint, und zwar im Sinne des Begriffes der Aufklärung. Dabei allerdings ist das berühmte “Sapere aude“, habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, nur die eine Seite der Medaille, die andere aber steht für den Mut, die eigenen Untiefen zu erkennen, weswegen der Marquis de Sade ganz zu recht als einer der großen Aufklärer gilt, Arsch an Arsch gewissermaßen mit Immanuel Kant. Allerdings will man als gemeiner Erdenbewohner der Spezies Mensch weder ständig vernünftig, noch sich seiner meist gut verborgenen Triebe und Ängste dauerhaft bewußt sein; es reicht einem also völlig, gelegentlich seine Vernunft vernünftig einzusetzen und sich ab und an mal seine Durchtriebenheit beblitzen zu lassen, weswegen die meisten Leser:innen demzufolge den de Sade eher nur mal kurz ob der Beschaffenheit des menschlichen Wesens befragen. Für Kant gilt dasselbe. Der Grund liegt in beiden Fällen nicht ganz zufällig darin, daß sich beide Werke in Sachen Leserfreundlichkeit und Unterhaltsamkeit nicht besonders hervortun, woraus sich die Frage ableitet, wer denn das womöglich tat, also die Ergründung des menschliches Daseins verband mit ausnehmend guter Lesbarkeit. Geübte Leser mögen Kafka rufen und Beckett und Joyce und Thomas Bernhard, man mag auch an Knut Hamsun und sogar an Karl Philipp Moritz erinnern, sie alle und noch einige mehr vermögen einem die Augen zu öffnen und die Welt mit den eigenen zu sehen – doch all diese Texte bleiben immer noch ganz und gar literarische, kunstvolle Schriften, von einer dünnen Membran von der Wirklichkeit getrennt; man sieht nicht wirklich anders auf die Welt und die Menschen, wenn man grad Kafka liest, eher sieht man, denke ich, anders auf sich selbst. Wenn man nun aber Louis-Ferdinand Céline liest, so ist die Sache nicht mehr ganz so einfach, dünkt mir. Sein Erstlingsroman Reise ans Ende der Nacht, der 1932 in Frankreich erschien, ist nicht nur (in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel) ein grandioses Lesevergnügen, nein, er verändert auch im richtigen Leben die Sicht auf dieses und insbesondere auch auf die Menschen, denen wir begegnen. Jedenfalls geht mir das so, und warum sollte ich dann nicht annehmen, daß es allen so geht? Wie nur macht Céline das, wie ist seine Sprache beschaffen, um eine solch direkte Ansprache und ein so hohes Maß an spannungsreicher Unterhaltung hinzubekommen? Liegt es daran, wie lakonisch er erzählt, ohne aber dadurch auch nur irgendeine Form von Distanz zu schaffen? Ist es sein Verzicht auf Ironie? Sein Humor? In jedem Fall ist Céline schuld daran, daß ich, seitdem ich die Reise las, nicht mehr wie sonst attraktive Menschen inmitten der Massen ausmachen kann – manches Mal nicht mal mich selber! Und dabei ist es mir ja durchaus nicht neu, was er über die Erniedrigten und Beleidigten schreibt, so daß es also tatsächlich die Art sein muß, wie er schreibt, wie er die menschlichen Angelegenheiten beleuchtet – nicht blitzartig eben, sondern in Dauerbeleuchtung, denn der Ich-Erzähler und Protagonist ist immer wütend, wenn er auch nie außer sich, sondern im Gegenteil immer in sich ist. Sicher scheint mir, auch mit Blick auf seine menschenfeindlichen und antisemitischen Pamphlete, die ja aus der selben Feder und dem selben Geist stammen wie seine literarischen Werke, daß Céline einfach nicht anders konnte als sich wütend und haßerfüllt ganz und gar direkt sozusagen auszukotzen, wobei er aber immer Mensch blieb im Sinne seines eigenen Menschenbildes, denn wer an den anderen kein gutes Haar läßt, kann der ein guter Mensch sein? Nun ja, er hielt sich womöglich nicht selten durchaus für einen guten Menschen, oder er glaubte, auf der richtigen Seite zu stehen, ein Recht darauf zu haben oder sogar die Pflicht, widerliche Haßtiraden in die Welt zu setzen, die Menschen zwingen zu dürfen, quasi mit seinen Augen auf sich selbst zu sehen. Aber machen das nicht alle so, sind nicht alle Menschen gleich schlecht und böse? Im Roman Reise ans Ende der Nacht jedenfalls läßt er daran keinen Zweifel, der Unterschied ist nur, daß die einen an ihrer Bösartigkeit und Verworfenheit keine Schuld haben, weil sie von denen, die schuldig sind, die Reichen und Mächtigen, daran gehindert werden – eben dies macht den Ich-Erzähler ja so wütend, denn wer nicht schuldig sein, nicht schuldig werden kann, dessen Leben hat keinen Sinn. Céline jedenfalls kämpft, so sieht es für mich aus, sein Leben lang wie ein Berserker darum, schuldig sein zu können, satisfaktionsfähig gewissermaßen, ganz ähnlich wie der alttestamentarische Hiob, der Gott, der ihm sein Unglück ja eingebrockt hatte, zu einem Prozeß zwang, in dem er, Gott, Angeklagter und Richter zugleich war; eine Geschichte sicher ganz nach dem Geschmack Célines.

Also, wie gesagt, ohne diese Art der Aufklärung eines Céline wäre die Aufklärung keine wirkliche, denn sie würfe, wie noch lange Jahre nach Kant, weiterhin tiefe Schatten, in denen die Ungeheuer unserer selbst hausen und im wahrsten Sinne des Wortes unbehelligt ihr Unwesen treiben. Diesen Bereich ausgeleuchtet zu haben ist somit sicher ein Verdienst Célines, selbst wenn ich mich nun meinerseits bemühen muß, dieses Licht wieder zu dämpfen, denn wer dauernd im Licht der Erkenntnis leben muß, verliert sein Urvertrauen und am Ende seinen Verstand, so ist zu befürchten, und dann, dann ist endgültig ewige Nacht – und das kann ja wohl niemand wollen.

Editorische Notiz

••• Es geschieht nicht oft, dass ein Buch ein zweites Leben geschenkt bekommt. Einmal in der Welt, ist es für gewöhnlich dazu verurteilt, zu bleiben, wie es geboren wurde. Keine Entwicklung, kein Reifen. Da haben Autoren es besser. »Das Alphabet des Juda Liva« war mein Debüt-Roman. Als ich begann, ihn zu schreiben, war ich 21 und hätte mit Vehemenz behauptet, dass ich nie auch nur ein Wort an diesem Text würde ändern wollen. Wie man sich irren kann!

Die Originalausgabe ist 1995 im Ammann-Verlag, Zürich, erschienen und seit vielen Jahren vergriffen, ebenso die Taschenbuchausgabe, die 1998 bei dtv erschien. Als ich meinem Verleger vorschlug, eine Neuausgabe zu machen, hatte ich eigentlich nur im Sinn, dass der Text zugänglich bleiben soll. Dann aber begann eine Auseinandersetzung mit dem Roman, wie ich sie nicht erwartet hatte.

Als ich das Buch nach so vielen Jahren noch einmal gelesen hatte, wusste ich, dass ich den Text in der vorliegenden Form nicht erneut publiziert sehen wollte. »Es gibt kein wirkliches Gelingen«, heißt es im Kapitel 16: »Nur verschiedene Grade des Scheiterns.« Ich erinnerte mich sehr gut daran, was ich hatte schaffen wollen, und mit dem zeitlichen Abstand fühlte ich mich gescheitert. Ich meine gar nicht die echten Fehler, von denen es einige gab, zu viele! Geschichte und Konstruktion begeisterten mich wieder wie damals, aber was die Sprache betrifft, hätte ich den Autor von damals am liebsten an den Ohren gepackt: Was hast du dir nur dabei gedacht?!

Ich würde den Text überarbeiten müssen. So viel war klar. Aber »redlich«. Ich wollte nichts umstellen, nichts hinzufügen, aber unbedingt kürzen!

Ich arbeite elektronisch, allerdings nur bis zur Abgabe des Typoskripts an den Verlag. Korrekturen mache ich dann lieber auf Papier, in den Fahnen. So war es damals auch beim »Alphabet«. Eine elektronische Version des veröffentlichten Textes ließ sich nicht mehr auftreiben. Zur Verfügung standen lediglich die elektronische Fassung meines Originals, ein Ausdruck dieser Fassung mit sparsamen Korrekturen und natürlich das gedruckte Buch. Ich beschloss, die Bearbeitung auf Basis des Originalmanuskripts zu versuchen. Im Mai 2012 entstand eine erste Neufassung. Die gab ich meiner Lektorin, und als wir einige Monate später ihre Anmerkungen durchgingen, wurde mir klar, dass sie und zuvor natürlich ich selbst noch viel zu zaghaft gewesen waren. Ich würde noch einmal Satz für Satz durch den Text gehen müssen und zwar schonungslos.

Ich arbeite selbst gern als Lektor mit Autoren, seit ich in meiner Zeit als angestellter Journalist Tag für Tag mit dem Redigieren der Texte von anderen beschäftigt war. Ich wollte versuchen, nun meinen eigenen Text so zu behandeln, als wäre ich lediglich Lektor. Als solcher habe ich meine Autoren nie geschont. Sie hatten, im Gegenteil, einiges auszustehen. Das musste ich mir auch selbst zumuten können.

Eine Zumutung bedeutete das Vorhaben aber zunächst für die Frau, mit der ich, während der Roman 1991/92 entstand, zusammenlebte. Sie ist noch heute eine enge Freundin und erklärte sich bereit, eine Fassung zu erstellen, in der die Korrekturen des Ammann-Lektorats und meine Überarbeitungen aus der ersten Neufassung farblich gekennzeichnet waren. Hinzu kamen wertvolle Anmerkungen. Ihr Gedächtnis funktioniert besser und anders als meines, und sie erinnerte sich im Gegensatz zu mir noch an diverse Debatten auch inhaltlicher Natur. Es muss eine aufreibende Fleiß- und Erinnerungsarbeit gewesen sein, für die ich umso dankbarer bin, da die Auseinandersetzung mit dem Text durchaus auch eine persönliche war.

Egon Ammanns Lektoratshinweise waren, wie ich nun sehen konnte, ausgezeichnet. Wahrscheinlich wäre er damals schon gern weiter gegangen, als wir es taten. Aber ich gehe davon aus, dass es kein Spaß gewesen ist, mit mir zu diskutieren. Jetzt immerhin durfte ich dem Autor von damals seine Marotten austreiben, seine »Kunststückchen« eliminieren und kürzen, dass es ihn in seinem damaligen Selbstverständnis um den Verstand gebracht hätte.

Die Bearbeitung ist redlich geblieben. Neben den Kürzungen und Korrekturen wurden Rechtschreibung und Zeichensetzung so angepasst, wie ich es auch in meinen anderen Romanen handhabe. Gewissen Scheußlichkeiten der neuen Rechtschreibung werde ich mich auch weiter verweigern, und für die Zeichensetzung in der wörtlichen Rede habe ich gute Gründe.

Der Text dieser Neuausgabe ist also nicht nur gründlich und kritisch durchgesehen. Es ist eine Neufassung, die sich deutlich von der Originalausgabe unterscheidet. Sollte sie nicht also auch aus eigenem Recht einen neuen Titel erhalten? Der Maharal, der Hohe Rabbi Löw von Prag, hieß Jehuda ben Bezalel Löw. Niemand außer dem Autor dieses Romans hat ihn je als Juda Liva erwähnt. Fragen sie mich nicht, warum ich einmal meinte, ihn so nennen zu müssen. Ich weiß es nicht mehr! Und so lautet der Titel nun »Das Alphabet des Rabbi Löw«. Denn ein Löwe war er, der Maharal, ein König unter den Mystikern. Sein Werk und die Legenden um ihn begeistern mich heute noch unvermindert, und gern würde ich ihm oder einer Reinkarnation von ihm begegnen.

Ich weiß, ich sollte vorsichtiger sein mit meinen Wünschen…

»Das Alphabet des Rabbi Löw« wird in einer schönen Druckausgabe in Leinen Anfang nächsten Jahres im Verbrecher-Verlag erscheinen.

DIE MACHT UND DAS KIND (noch einmal: Königliche Körper)

Um die Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert erhielt der Hofmaler Francisco Goya den Auftrag, die spanische Königsfamilie um Karl IV. zu malen. Goya hatte vorbereitend eine Reihe von Einzelporträts angefertigt, um sie schließlich zu einem großformatigen Gruppenbildnis zusammenzufügen. Unverkennbar orientiert er sich hierbei an Las Meninas von Velázquez, seinem berühmten Vorgänger als Hofmaler am spanischen Hof. Velázquez Beispiel folgend stellt er die Figuren in einem Raum des Palastes auf und sich selbst auf der linken Seite des Bildes vor seiner Staffelei dar.

Velázquez, wie Swetlana Alpers gezeigt hat, entwickelt in Las Meninas ein faszinierendes Spiel unterschiedlicher Ebenen der Repräsentation von Familie und Herrschaft, in dem die ausgeklügelten höfischen Machtstrukturen durch die Überschneidung der Blickachsen von Betrachtern und Dargestellten sichtbar werden. Velázquez kleine Infantin wird durch den elterlichen Blick aus dem Spiegel in den Blick der Betrachterin gerückt, dem sie unverwandt begegnet. Sie ist das königliche Kind, in dem und durch das die Einheit von Herrschaft und königlicher Familie sich herstellt, vor dessen selbstverständlicher Würde und Bedeutung die Hofdame kniet und die Betrachterin sich verneigt. Seitlich hinter ihr steht der Maler, der die Betrachterin in den Blick nimmt, als jene Instanz, vor der die Macht und die Familie inszeniert werden und durch deren Anerkennung zugleich die Ausnahmestellung der mächtigen Familie  konstituiert wird. Die Herrschaft der königlichen Familie wird in Stand gesetzt als selbstverständliches Einverständnis zwischen Herrschern und Beherrschten. Die königlichen Körper sind Träger der Macht, ohne dadurch ihre „Besitzer“ im Stich zu lassen. Die Familie des Königs ist auch im Inneren des Palastes durch und durch königlich. Dass der Maler und die Betrachterin, die Hofdamen und das Königspaar sich der Mittel dieser Inszenierung bewusst werden, wird noch nicht zu deren Denunziation. Denn: Die königliche Familie hat kein „Privatleben“.

Velázquez: Las Meninas

Anders als sein Vorgänger versteckt sich Goya auf dem Gemälde beinahe hinter der dargestellten Königsfamilie, stellt sich hinter der prunkvollen Inszenierung im Wortsinn „in den Schatten“. Von hier aus nimmt er Blickkontakt zur Betrachterin vor dem Bild auf, eine heimliche Übereinkunft zwischen Betrachterin und Maler, von der die königliche Familie ausgeschlossen bleibt. Goyas Gemälde erscheint auf den ersten Blick simpler, schlichter konstruiert als Velázquez´ komplexe Komposition. Die Familie steht aufgereiht vor der Wand, Goya hat sie kaum in die Tiefe gestaffelt. Nur der König selbst und sein Thronfolger treten ein wenig hervor, bilden auch durch die spiegelbildliche Körperhaltung einen Rahmen für die Königin und ihrer jüngsten Kinder. Die beiden Männer, die die dynastische Erbfolge verkörpern, werden von hinten durch die weniger bedeutenden Familienmitglieder geradezu gestützt, aufrecht gehalten: der Kronprinz durch seinen jüngeren Bruder, der König durch seinen Schwiegersohn, den Fürsten von Parma.
Die Enge der Situation, die Goya herstellt, lässt die königliche Familie in diesem Bild „wie an die Wand“ gedrückt erscheinen. Trotz des Prunkes, den ihre Kleidung ausstrahlt, beherrscht die Familie die Bildsituation nicht, sondern muss sich ihr gleichsam „stellen“, wird gestellt durch den Maler und die Betrachterin, zwischen denen sie wie eingeklemmt erscheint. Während die beiden männlichen Stützen der Dynastie sich links und rechts behaupten, weil sie durch die Verwandtschaft noch den Rücken gestärkt bekommen, steht die Königin Maria Luisa prachtvoll geschmückt mit ihren beiden jüngsten Kindern im Zentrum isoliert. Goya liefert die spanischen Bourbonen dem Blick einer Betrachterin aus, die in ihren prächtigen Königskostümen das Schlichte, das Hässliche, das Hochmütige, das Schüchterne, kurz: das Private der Figuren entdecken kann und soll.
Schon zu Lebzeiten Goyas ist darüber gerätselt worden, warum die Königin dieses sie beinahe entstellende Porträt akzeptiert hat. Doch Goyas Darstellung ist nicht karikierend und verletzend; er stellt die königlichen Körper lediglich so dar, wie sie sind: Kostümierte Menschen, die eine Rolle spielen, die Rolle der königlichen Familie. Diese Familie, zeigt das Bild,  steht (noch) zusammen und zerfällt zu gleich in drei Gruppen: die Gruppe um den Thronfolger, die Gruppe um den König, die Königin mit ihren Jüngsten.Die Familiensituation ist konfliktreich und problematisch. Das Private und das Politische kreuzen sich in diesen Körpern, kommen aber nicht mehr zur Deckung. Keine der Figuren nimmt die andere in den Blick. Sie schauen ostentativ an einander vorbei, einige auf die Betrachterin, andere über sie hinweg oder an ihr vorbei. Goyas Bild, indem es die königliche Familie als Privatfamilie zeigt, mit ihren familiären Ähnlichkeiten, ihren Störungen und Entstellungen, kündigt das Einverständnis zwischen Herrschern und Beherrschten auf und verwandelt es zu einem Einverständnis zwischen Maler und Betrachterin. Es ist das neue Wissen darum, dass die Träger der königlichen Körper „auch nur Menschen“ sind.
In den frühen Nuller-Jahren dieses Jahrtausends saß ich wegen einer Arbeit über Goyas Gruppenbild der Königsfamilie am Esstisch, den Katalog aufgeschlagen vor mir. Amazing, mein älterer Sohn, damals etwa 8 oder 9 Jahre alt, trat hinzu und betrachtete die Abbildung im großen Bildband. Nach einer Weile beobachtete ich, wie er sich eigentümlich hinstellte, seine Haltung immer wieder korrigierte, bis er zufrieden war. Ich fragte ihn: „Was machst du?“ Er deutete auf den schönen, kleinen Prinzen in Rot auf dem Gemälde. „Ich probiere aus, wie der Junge dasteht.“  „Und?“ Der Amazing sagte: „Er hat Angst. Er will nicht so dastehen.“ Ich war erstaunt. Aber der Amazing zeigte mir, wie der Oberkörper des Jungen leicht nach hinten kippte und wie fest er die Beine in den Boden stieß. „Und seine Mutter?“ „Hält ihn fest.“ Ich verstand, was der Amazing sagen wollte. Das Festhalten der Mutter, der Königin, war beides: Stütze und Fessel.
Auch Goya, sah ich, hatte wie vor ihm Velázquez ein königliches Kind ins Zentrum des Interesses der Betrachterin gestellt. Zwar steht auf Goyas Gemälde in der Bildmitte die Königin, doch der Blick wird auf den kleinen Jungen in hellen Rot zwischen seinen Eltern gelenkt, der die Verbindung und die Trennung zwischen beiden anzeigt, ausgeschnitten gleichsam aus dem Familienzusammenhang zeichnet sich sein schönes Gesicht vor dem dunklen Hintergrund der Wand ab. Überbetont hat Goya auch den starken Arm der Königin, mit dem sie das Kind an der Hand hält. Wie Velázquez kleine Infantin schaut der Junge den Betrachter direkt an. Aber es ist nicht mehr der selbstbewusste Blick eines königlichen Kindes, das sich seiner Ausnahmestellung von Anfang an bewusst ist, unterstützt durch die Unterwerfung erwachsener Hofdamen unter seine auf der Verwandtschaft zu König und Königin beruhende Autorität. Goyas Knabe wird von seiner Mutter gehalten, die auch Königin ist und ihre Macht inmitten ihrer Familie demonstrieren will. Doch die Macht der königlichen Mutter allein kann dem Kind die Ausnahmestellung nicht mehr sichern, denn an der Mutter selbst wird das Auseinanderfallen von Rolle und Person sichtbar.
Das königliche Kind, der Amazing hat es am Körper gespürt, will sich nicht präsentieren lassen und nicht repräsentieren. Es erfährt, unbewusst, die Gefährdung, die das Auseinanderbrechen von Privatheit und Öffentlichkeit für die Macht der königlichen Familie bedeutet, am eigenen Körper. Nach diesem historischen Umbruch wird der königliche Körper nicht mehr seinem Träger gehören und zugleich dessen Machtstellung repräsentieren, sondern öffentliches Eigentum werden, Paparazzi-Gut. Der Träger des königlichen Körpers wird durch das schauende Publikum von seinem Körper enteignet werden.
An Goyas Bild lässt sich jene bis heute wirkende Veränderung von Präsentation und Repräsentation der Körper der Mächtigen ablesen, die durch die Trennung von Privatem und Öffentlichem im bürgerlichen Zeitalter hervorgerufen wurde. Das Private ist nun zwingend unpolitisch. Die Mächtigen müssen daher auf der Hut sein, nicht zuviel von sich zu präsentieren und die Repräsentanten werden ohnmächtig, wie die bloß noch repräsentativen Monarchen unserer Tage. Mit dieser Veränderung verlässt das Kind die Bühne der Macht. Wo die Macht gemeint ist, kann das Kind nicht mehr erscheinen. Das Kind wird zum bloßen Repräsentanten der Privatheit der Mächtigen: Bilder mit Kindern und Enkeln unterstützen nun nicht mehr den Machtanspruch der Mächtigen und drücken ihn aus, sondern sollen zeigen, dass auch die Mächtigen „menschlich“ sind.
Von unserer Gegenwart her betrachtet ist an diesem Wandel auch noch etwa Anderes interessant: Die Macht hat, indem sie sich nicht mehr mit und durch das Kind repräsentieren ließ, auch aufgehört, sich auf die nächste Generation zu beziehen. Die Repräsentation enthüllt das Dilemma einer Macht-Perspektive, die sich in keiner Zukunft erkennen kann. Die Macht zeigt sich in unserer Zeit im Gruppenbild der gerade aktuell Mächtigen. Morgen schon können andere an dieser Stelle stehen, auf dem Gipfel der 20 oder 8, der EU oder des transatlantischen Bündnisses. DieTräger der Macht sind im Bild austauschbar geworden. Dass das Private nicht mehr politisch ist und sein darf, hat die Macht zugleich von der Verpflichtung auf die Zukunft und der Bindung an die Vergangenheit abgeschnitten. In den Bildern kann dieser Verlust sichtbar werden.
(Es gibt aus diesem Dilemma keinen anderen Ausweg als die Einsicht darein, dass Macht und Politik nicht dasselbe sind.)

Der 3. Todestag

26.12. 2010

Am Abend vor ihrem Tod hinterliess sie mit brüchiger Stimme eine Nachricht auf der Mailbox. Man spürte die Mühe, die ihr die Worte machten, doch dass sie den Ärzten am nächsten Vormittag unter den Händen wegsterben würde, mit zwei Herzinfarkten kurz hintereinander, das war nicht heraus zu hören.

Die Nachricht war an mich gerichtet, nahm aber einen Umweg über die Gräfin.

„Susanne, sag dem Andreas doch bitte, er möchte an die Tempo-Taschentücher und an das Baldrian extra-stark denken, wenn er mich morgen besuchen kommt..“

Dass sie die Gräfin direkt ansprach, lag an der Aufforderung ..sprechen Sie bitte nach dem Piepton, mit der die Gräfin das Wort an die Anrufer erteilte. Das machte sie sozusagen zur natürlichen Ansprechpartnerin.

Die knappe Nachricht beschloss Mutter wie üblich mit einem leicht belustigten, langgezogenen, die Rutsche runtergerutschten „Ennn..de“, als handelte es sich um ein Spaß-Telegramm alter Schule. Und während sie nun den Hörer umständlich Richtung Telefonapparat bugsierte, zeichnete die Sprachbox das Rascheln der Bettwäsche auf sowie Mutters allerletztes, leise im Abspann abtauchendes „schüss..“ Geradezu ein Klein-U-Boot von einem schüss, ein schüss, das mit dem Periskop noch einmal heimlich die See ablauschte, die an zweiten Weihnachten ruhig dalag, wenig Wellengang, no fish today.

Frau Wolf, die grundsympathische, in etwa gleichaltrige Bettnachbarin, (in jungen Jahren hatte sie als Hutmacherin in Hamburg gearbeitet), tuschelte noch irgendetwas im Hintergrund, das aber nicht zu verstehen war, nicht mal in Ansätzen, auch nach dem x-ten Abhören nicht.

Dann machte es klack.

27. 12.  2010

Als ich um die Mittagszeit vom Einkaufen heimkehrte, bepackt wie ein Sherpa des Kapitalismus und dementsprechend gelaunt, „Was sollen wir unseren Enkeln eigentlich später mal erzählen?! Wie schön wir früher Einkaufen waren??!“ „Welche Enkel?“, sprang der Hund kläffend an mir hoch. Die Gräfin stand in der Küche, noch dick eingemummelt vom Spaziergang.

„Wir sind auch gerade erst reingekommen.“

Während sie demonstrierte, wie tief der Hund und sie im Schnee eingesunken waren, bei acht Grad unter Null, oben auf den Feldern, klingelte das Telefon. Wir liessen es klingeln. Die Mailbox würde es schon aufzeichnen, und dann konnte man ja zurückrufen. Das war gängige Praxis bei uns, so verfuhren wir grundsätzlich, was das Festnetztelefon betraf.

Der Winter 2010 war der strengste Winter seit langem, die Temperaturen fielen kaum unter den Gefrierpunkt. Die Weide im Garten war so voller Schnee, dass sich der Baum schon dem Küchenfenster entgegenbog und uns das Tagslicht nahm. Und je länger das Winterhoch dauerte, desto näher kam uns die Weide. Auf einem der Zweige hockte ein Dompfaffen-Pärchen und glotzte stoisch in unsere Küche, wie zwei Punktrichter beim Eislaufen.

Wegen des strengen Winters hatten Nachbarn den Garten mit Vogelfutter-Spendern und jodierten Häuschen zugepflastert, mit durchschlagendem Erfolg. Der Garten war zu jeder Tageszeit Treffpunkt aller möglichen Raben, Blaukehlchen und Stare, die die Kästen und Meisenknödel anflogen oder ein Bad nahmen im Tauwasser, das sich gelegentlich unter den Abflussrohren sammelte.

Ich hörte die Mailbox ab. Es war jedes Mal eine umständliche Prozedur, man musste eine Kolonne von Zahlen eingeben, bevor man die aufgezeichneten Nachrichten abrufen konnte.

„Sie haben: ZWEI neue Nachrichten.“

Die erste Nachricht kam vom Städtischen Klinikum. Eine Schwester Monika. Ich möchte bitte umgehend auf der Intensivstation anrufen. Durchwahl. Danke. Da wurde mir schon mulmig, da ich aber Mutters Stimme vom Vorabend noch im Ohr hatte, stellte ich meine Befürchtungen hintenan, obwohl.. Intensivstation..

Ich fragte mich, wieso ich die Nachricht erhalten hatte und nicht eins meiner Geschwister. Stand ich ganz oben in der Hierarchie der Empfänger von schlechten Nachrichten? War ich der Bad News-Mann der Familie? Dann fiel mir ein: Unsinn. Da meine Schwester, in der Rangfolge obenan, in Wintersport war und mein Bruder um diese Uhrzeit arbeitete, war ich als einziger greifbar.

Die zweite Nachricht hörte ich gar nicht mehr ab, da das Telefon genau in dem Moment klingelte, ja aufbrauste, als ich sie abrufen wollte. Vater war dran. Schon im gleichen Moment, als ich seine angsterfüllte laute Stimme hörte, wußte ich, dass ich diesen Klang nie mehr los werden würde, für den Rest meines Lebens nicht.

“Es ist was ganz schlimmes passiert”, rief er, fast bewusstlos,“Mutter ist tot.”

Ich stand in der Küche. Da waren seine Worte, ich hörte ihr Nachglühen. Ich war gerade reingekommen, verschwitzt vom Einkaufen. Mutter ist tot. Es ist was ganz schlimmes passiert. Ich sank auf den Stuhl nieder.

“Was ist los?” rief die Gräfin. Sie war in ihrem Zimmer.

“Meine Mutter ist tot”, sagte ich tonlos, und zu Vater in den Telefonhörer: “Ich komme.. Ist jemand da?”

Die Nachricht vom Tod eines Menschen zu erhalten, der dir nahe steht, das ist, als würdest du bei voller Fahrt den Kopf aus dem Zugfenster stecken und gegen einen Mast knallen. Dabei wolltest du nur Luft schnappen.

Die Gräfin kam angelaufen, nahm mich in den Arm. „Verdammt“, flüsterte sie. Sie hatte Tränen in den Augen. „Verdammt, verdammt, verdammt..“

Ich konnte nicht weinen. Da war nur große graue Leere. Ein großes Unverständnis. Wie kann ein Junge ohne seine Mutter..? Sei nicht albern. Du bist fünfzig geworden, deine Mutter 83.

„Was ist denn passiert?“ fragte die Gräfin.

„Herzinfarkt“, sagte ich.

Aus dem Wasserhahn über der Spüle liess ich Leitungswasser laufen, es plätscherte ins Edelstahlbecken, dann erst hielt ich ein Glas drunter. Wieso trinkst du jetzt Wasser? dachte ich. Deine Mutter ist tot. Gerade gestorben, gerade eben. Wie kannst du etwas so profanes tun wie Leitungswasser trinken. Soeben hat der Mensch, der dir das Leben schenkte, das Leben verlassen, und du säufst Wasser wie ein Pferd. Planeten müssten vom Himmel stürzen, die Zeit müsste stillstehen, die Menschheit müsste im Boden versinken vor Scham.

Ein Glas Wasser.

..

Die ganze Geschichte erscheint demnächst

unter dem Titel „Raunacht

Dass Frauen älter werden, davon hatte ich gehört. Dass Frauen an meiner Seite älter werden, davon war nie die Rede. Und dann kehrte sie eines Tages vom Termin bei der Frauenärztin heim, mit einer Schachtel Hormonpflaster. Sie las mir aus dem Beipackzettel vor. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, und liess es mir übersetzen.

“Hormone sind.. Popcorn für die Gebärmutter”, erklärte sie aufgekratzt.

Nicht, dass ich fortan Bescheid gewusst hätte, doch jetzt hörte es sich wenigstens sexy an, nach großer Oster-Kirmes. Nach Blue Hawaii und Autoscooter, nach rieselnden Kokusnussbrunnen.

(aus: Popcorn & Hundehalsband auf Glumm.)