Archiv der Kategorie: Ausgabe 04/2011

Die Geisteswissenschaften sind ein Zug

Das Folgende habe ich als Antwort auf einen Kommentar geschrieben, fand es dann aber so lecker, dass ich es noch einmal widerkäue und dabei ein wenig anreichere.

Die Geisteswissenschaften sind ein Zug, der immer in voller Fahrt ist und der niemals anhält, um Studierende oder anderweitig interessierte Reisende aufzunehmen. Es kommt auch kein Schaffner, der einem erklärt, dass die Fahrkarte für Derrida mindestens Freud und Platon und Aristoteles ist. Auch wenn er käme: man sitzt ja gar nicht drin, sondern steht draußen auf dem Bahnhof, der Zug fährt mit 200 Stundenkilometern vorbei und was immer der Schaffner sagt, man versteht kein Wort. Und selbst wenn man es verstünde: in einer einzigen Sekunde ist der Zug schon wieder weg, und man kann mit diesem kleinen Informationspartikel, das man aufgeschnappt hat, nicht viel anfangen. Man steht auf dem Bahnhof und denkt: Derrida ist mir einfach eine Nummer zu schnell und auch zu schnell wieder weg. Wenn man aber das Glück hat, innendrin zu sitzen, dann denkt man bisweilen, wenn man rauschaut: Grandios!

Die Welt da draußen, die ist, wenn man mit dem Zug durchfährt, nicht weg. Die Welt ändert sich nur ein wenig. Deswegen fährt man ja mit dem Zug. Nicht weil man irgendwohin will, sondern weil die Welt sich ändern soll! Weg geht sie davon nicht. Weg sind nur die Bahnhöfe und Haltepunkte.

Es gibt nur eine Welt, aber sie brauchen zwei Worte um sie zu betreten!

Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.

Anton Reisers Auffinden

Es spukt in manchen Häusern mit einer ganz besonderen Kraft ich weiß nicht wie ich das gesehen habe als der französische Ger=manist Robert Mindler ein Exemplar des Anton Reiser im Pferdekarren eines Antiquariats fand (schlossen mir die Augen) im Dorf : Beschneidungsrituale, Hochzeitsfeste, die Erste Nacht, Götzenanbetung, die Saftpresse mußte ihre Arbeit streng verrichten. Und die Musik denn der Zauber der Musik ist wie der Zauber der Liebe voller Wunder und Symbole und wer das eine nicht hat kann das andere nicht finden und der Nachhall der Töne ging noch säuselnd durch die Herzen der Versammelten. John Wilmot Earl of Rochester krönt einen Affen zum Dichter es ist doch eine so aufrecht versoffene und verhurte Zeit wie man sich nur wünschen kann da benötigen wir keinerlei Pferde vor den Kutschen des Buches, vor dem Verständnis für die wirklich wichtigen Dinge von denen in den Schrebergärten geheuchelt wird, ich bin nur dann wenn du mich betrachtest (gehe ich aus diesem Zimmer habe ich nie existiert) Thamyris /dem die Musen in einem Wettstreit den er verlor die Leier zerbrachen und das Augenlicht nahmen, das ist mehr als die Influenca weil man früher an den Einfluß der Sternkonstellation auf den Ausbruch der Epidemie glaubte und jetzt ist die Katastrophe (unsere Welt) ein Ergebnis des Wissens das expansiv ist und nicht konservierend wie der Mythos ich sprang nicht, aber etwas in mir sprang jedes Mal wenn ich mich in einer ähnlichen Situation befinden sollte (am Entsetzlichsten ist was sich durch Masse definiert) wir sind so viele Wege gegangen daß sie sich durch Gehen auflösten im Gras verschwanden und nur noch in der Mitte herumgondelten. Ich habe dann dein Blumenkleid betrachtet (und ich gestehe, ich habe es auch angehoben) aber es war zu spät, ließ mich nicht ein, deutete auf die Nacht, es ist sehr spät, nicht wahr ? so gingst du zu den Anderen und ich konnte das Kleid nicht mit dir teilen, sagtest, es müsse allein an dir haften bis das Fest sich niederlegt und die Gesellschaft in alle Winde ob mit ob ohne Pferde Kutschen Windjammer Taschentuch zum Tränen good bye schütteln. 1 Windhund benetzte die Stiefel die Spuren, da sind Pfützen entstanden Regen nach oben (andauernd tropft es aus der Erde) die Pferde trinken die Narren. Trinken sich Durst an und Swedenborg sah in allen uns umgebenden Geschöpfen Pflanzen Tieren Mineralien geistige Dinge ich in Worten.

Standort : Walldürn 1988, Waldkapelle umgeben von eigentümlichen Luftzirkulationen, die bei jedem Wetter zu messen sind.

überleben

die schule war so still und verlassen wie die ganze stadt. auch hinter den letzten häusern setzte sich die stille fort, lag über der brache aus verkommenen feldern, die sich neuerdings dort ausbreitete. wir hatten streifzüge unternommen, aber in dieser ersten zeit war keiner von uns daran gewöhnt, längere strecken unmotorisiert zu bewältigen. tiere gab es keine mehr. die kadaver in der umgebung hatten wir verbrannt. tagsüber wechselten wir verbände, bekämpften das fieber, sandten hilferufe in den äther, erkundeten die umgebung. aber das überleben geschah nachts. nachts versammelten wir uns im musikraum der schule. zu beginn waren wir unkundig gewesen. inzwischen waren wir alle musiker. wir spielten. wir spielten monatelang. und als endlich hilfe kam, liessen wir die instrumente zurück. niemand wusste schließlich, wie viele hier noch stranden würden.

Arrest

Immer erst mal ins innere Archiv,
das ungeräumte, räumen wäre kein Ende:

die Tassen, ja, blaue Landschaften
wie diese, und war so ein Teppich nicht das,

worauf man trat beim Besuch jeweils,
oder dieser Stich, der Dom von Utrecht:

ein Stich in den Himmel über allem,
Stativ einer Zeit ohne Aussicht

Darauf nicht vorbereitet, nicht wahr,
was zufällt, zerfällt, Archivbestand Ich:

Aushub mit Weckreiz, ein Aufhorchen, -blicken,
ist hier denn was zu holen, was denn

ÜBERTRAGUNGSHÄUTE. (Verlorene Fiktionen)

Verzweifelt wühlend: Ich öffne eine Datei in meinen Ordner-Wust. Titel: Die neuen Übertragungshäute. Sie enthält: Nichts. Zitternde Membrane. Ergebener Sex, vergebens? War das ein Thema? Ich weiß es nicht mehr. Ein anderer Ordner, ein Briefentwurf, niemals versendet, fiktive Absenderin, unbekannter Empfänger. Welche Geschichte verbirgt sich dahinter? Wer schrieb das?

Als wir uns leibhaftig trafen, wagte ich nicht Sie anzuschauen. Sie zogen mich nicht an, wahrhaftig nicht. Ich verstand es, mich zu hüten. Nie hätte ich zugelassen, dass Ihr Blick mich dort trifft. Das wussten Sie schon, oder? Andererseits: Ich sorgte immer für Zeugen, ganz unverfänglich. So wagten Sie sogar einmal, Ihre Hand auf meinen Schenkel zu legen. Doch glaube ich sicher, Sie taten das bloß aus Gewohnheit. Mich nahmen Sie gar nicht wahr. Ein weibliches Bein, das nur spannte, wenn ich die Augen schloss. Ich habe auf Ihre Hände nie gesehen. Dabei achte ich sehr auf Hände: Zarter Flaum auf dem Handrücken lässt mich zittern. Am Fenster standen wir, ein einziges Mal allein, erinnern Sie sich? Es gewitterte nicht. Da hätte ich beinahe…Doch ich bin still. So begehre ich. Sie kennen mich nicht und erkannten das nicht. Allenfalls… – war ich nicht nach Ihrem Geschmack. Ob mich das kränkt? Kaum, denn ich bleibe nicht unbefriedigt. An jenem Abend traf ich später draußen Herrn G. Er legte mich ohne Zögern aufs Gras. Doch hätte ich  gerade Sie gerne einmal schaudern sehen. Es steckt ein grausamer Zug in mir, den ich sorgsam verberge. Verzeihen Sie, dass ich Sie niemals belästigte. Ich muss lächeln, wenn ich das schreibe. Denn ich sehe Sie vor mir, wie Sie vor einer anderen knien und mit Ihrer Zunge deren Perle umkreisen. Darin liegt für mich ein sonderbares Glück: dass ich mir IhrVergehen so deutlich vor Augen führen kann. Fragen Sie nicht, was ich mir einbilde.Sie werden diesen Brief niemals erhalten. Jedoch einen anderen, das versteht sich. Wir bleiben einander gewogen.
Leben Sie wohl. ( Und bitte, bei Gelegenheit, senden Sie mir den Schal, den ich im Hotel vergasz und den Sie, wie man mir sagte, an sich nahmen.)
(Nicht) Die Ihre
S.

PS: Sie nannten mich eine Schlange, mein Lieber, ich gebe das Kompliment zurück!

Eine Erzählung, die ich verdrängt habe. Man soll nicht glauben, dass nur die Realität verleugnet werden müsse. Es sind die Fiktionen, denen sich kaum eine zu stellen traut. Mein Heldinnenmut ist (leider?) begrenzt. Die Fabelwesen wirkten daran, an dieser Geschichte, wie an anderen.  (Wildermuths Elbin auch, deren Versteinerung von Alters her beschlossen ist.) Das kann nicht weiter gehen, so. Ein Ende. Ist nicht in Sicht. Aber geboten.

Ich errichte mit Fleiß eine Wolken-Wand. In der Cloud sammeln sich die mythischen Wilden, denen mein Hirn (im Höschen) und mein Blog nicht gewachsen sind. Eine Form. Findet sich dafür nicht:
Wildermuths Elbin – die vorläufige Gestalt der grausamen Liebesgeschichte des schönen Mannes mit dem unmenschlichen Weib: Von Wundbrand zu Wundstarre. Als Word-Datei: Hier:

Hope Park

Über Edinburgh wurde es Nacht,
und ich war allein in East Mayfield,
an einer leeren Straßenkreuzung
zwischen afghanischem Takeway
und zwei dunklen Friseursalons.
In der Tasche hatte ich die Pfund
für ein Sandwich und Dosenbier
und die Faust geballt vom Glück,
mitten durch mein Leben zu gehen.

Da rannte zerzaust von den Böen
atemlos ein dicklicher Junge vorbei,
Handy am Ohr die Böschung hinab,
überholt vom Heulen und Blaulicht
einer Ambulanz, die vor ihm einbog
in die Straße am Park. Der Hope Park
da unten war das nachtschwarze Meer.
Und der Junge lief ins Blau wie ein Ball
bei Sturm über den leergefegten Strand.

*

Offenburgbrötchengesten (notula nova 133)

(verantwortlich sein für das Bauchladensterben
Samenspendersein für das Bauchladenleben
mit Actionfilmen DEN Actionfilm escapieren
So sind sie.

(Ein Gedicht über das zweimal mit Papier umwickelte Brötchen.
Ein Offenburgbrötchen
mit roter Nase
auf der Suche nach dem
universalen Danke
Dem Dankwort einer sicheren Verbindung)

(Die vernagelten Einwohner Offenburgs als schönes Wort.
Als anschlussfähige Sprachgeste

(Und: Gleichgewicht ist schwieriger als Wachstum)

Cola-Wodkatypen mit Festanstellung

(Und: Das Ambiente als Seele des Raums
ICE-Ambientetypen
Unterer Durchschnitt
Im Gegenteil von Fabulation
Die schwarzen Löcher der Fiktivität

Das Fazit, nein, Fazitsein der theoretisch Erbitterten.)

Das Gewürzsäckchen, die Signatur seines Genius

ARM
ARM
ARM
sind die Menschen, die in der Bahnzeitung „mobil“ lesen. (Eine Bahnfahrt ist selten Zufall. Man kann sich immer darauf vorbereiten, so, wie man sich morgendlichen Zigaretten- und Kaffeegenuss immer in der Nähe von Toiletten einrichtet. In mobil-Zeitungen lesen, ist wie im Wald scheissen mit zuwenig Papier.)

Burn your snout (Let’s du it)

Nichts bietet sich an dieser Tage, das der wohltemperierten Klaviatur Paroli bieten könnte, fast nichts (wehret den Ausnahmen), alles gefügige Abwägung und Kultur. Pendler kennen nur zwei Stationen, schwingen vom Funktionieren zum Kompensieren und wieder zurück. Auf der Mitte anhalten? Never! Gibt Knöllchen von der Sittenpolizey. Sie darf nicht verrutschen, die Temperatur. Die Haltung. Das Biest bleibt gebändigt. Flow my tears, the policeman said.
Lookin’ forward to my, Sie wissen schon – burnout. Nein besser, snout. Die Schnauze verbrennen. Let’s do it.

(Rrring. Anruf Des Sehr Alten Mannes:
„Siehst Du meinen Sohn später?“
„Ja.“
„Er soll sich mal melden.“
„Ich richte es aus.“
„Du hast viel aus ihm gemacht. Ich danke Dir. Bist aber auch ein guter Kerl.“)

(Stutzt: Guter Kerl. Damn it!)

Kein Wunder, dass die Wildschweine woanders saufen: wo ich hinschau’, ist nichts als Gegend. Keine Wühlplätze, keine Schlamm-Poetry. Stattdessen Herr und Frau Plausch. Einladungen: „It’s just us, why don’t u come over. Wish you were here, pet.“
Schoß-Tier. Ja, exakt da drin wohnt es, das Biest! Es liebt halt die Tropen und das Unverfasste. (Auch das Externalisierte hat seinen Reiz, führt aber an der Sache vorbei. Vorbei.)

Viel aus ihm gemacht.
Und aus mir?
Gebenedeit sei die Frucht Deines Leibes. Früchte tragen. Reife Früchte fliehen den Baum. (sagt parallalie.) Aber nur, sag’ ich, wenn sie müssen. Manche wachsen auch an den Zweigen schon in Flaschen hinein und werden Schnaps. Hochprozentig: Das wär’ cool. So hätt’ ich sie gern, die Früchte. Schnaps statt Saft. Für die Wildschweine vor allem. Und die Pendler.

Farah Day hat ihren Käfig verlassen.
Watch out for her next moves.