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Inhalt 04/2011

Die Lesezeichen-Ausgabe 04/2011 erschien am 17. Januar 2012.


In dieser Ausgabe:
Verdammt gutes Gras, aus dem Eis geholte Kastanien, die Findesemanas, das Ministerium für Liebe, ein Krebsverdacht, ein Textportrait von Ernst Jandl, die stillen Säulen der Antike, das nächtlich beleuchtete Bayerkreuz über Leverkusen, eine Besichtigung der Luft, verbrannte Kadaver, die Sarabanda de la Muerte Obscura, die Krönung eines Affen zum Dichter, eine Fahrkarte für Derrida, der Dom von Utrecht, ein Sandwich und Dosenbier, zarter Flaum auf dem Handrücken, ein Gewürzsäckchen, Knöllchen von der Sittenpolizey, unzählige Anlegestellen, Billigleister im Schichtdienst, reifefreie Pädagogik, baumfliehende Früchte, Ringo, der Punktraucher uvm.

INHALT:

Gedicht des Tages – Hellmuth Opitz

Ich muss gestehen, im letzten Jahr sind dank der „Wanderbibel“ viele Entwicklungen in der zeitgenössischen Lyrik an mir vorbei gegangen. Vielleicht bin ich aber einfach mit Mitte Vierzig zu alt, um noch mithalten zu wollen und alle neuen Entwicklungen wahrzunehmen. Nein, ich möchte auch viele Gedichte und Autoren nicht mehr lesen. Ich möchte beim Lesen von Gedichten nämlich Vergnügen haben und nicht den Eindruck, dass alle angesagten und/ oder neuen Dichter das gleiche Gras geraucht haben. Es gibt wichtigere Dinge im Leben als die Zeit mit scheinbar oder angeblich guten Gedichten zu verschwenden.

Falls Hellmuth Opitz beim Dichten Gras rauchen sollte, dann ist es ein verdammt gutes Gras. Gerade ist sein neues Buch erschienen, mit dessen Titel ich nicht ganz glücklich bin. „Die Dunkelheit knistert wie Kandis“ ist mir ein klein wenig zu dick aufgetragen. Dafür sind darin wunderbare Gedichte, wie sie nur Hellmuth Opitz schreiben kann: Federleicht, heiter, melancholisch, voller lebenspraller Bilder und Metaphern. Und selbstverständlich habe ich schon alle Gedichte meiner Frau vorgelesen.
Danke, Hellmuth Opitz für:

Distanzen. Stimulanzen

Je tiefer die Dunkelheit, desto wacher im Cockpit
dieses Audi A 6 auf der A 7 nordwärts, die Nacht knistert
wie Kandis, dem man Tee zufügt oder Geschenkpapier,
in das Sterne verwickelt sind, überhaupt: eine Nacht,
durch die man gleitet wie durch einen Ärmel schwarzer Seide,
vorbei an polnischen Einsamkeitspiloten in ihren 40-Tonnern,
an russischen, tschechischen, dänischen, rumänischen
Lastkähnen und Mautseglern vorbei und Kilometer fressen,
Entfernungen schlürfen wie den Tee, natürlich schwarz,
natürlich nur kurz aufgebrüht, genau das Richtige
für dieses Überwachsein, es könnte immer so weitergehen,
immer schneller, keep the car running, auf einmal
dieser kristallklare Moment der Unbesiegbarkeit:
Wer ohne Dunkelheit ist, der werfe den ersten Stern,
dann wieder volles Augenmerk auf die Fahrbahn und sich
den Mittelstreifen reinziehn wie eine endlos lange Linie Kokain.

(Website Hellmuth Opitz)

Andrea Zanzotto (10.10.1921 – 18.10.2011)

La perfezione della neve / Das Reichtum des Schnee

Quante perfezioni, quante
quante totalità. Pungendo aggiunge.
E poi astrazioni astrificazioni formulazione d’astri
assideramento, attraverso sidera e coelos
assideramenti assimilazioni –
nel perfezionato procederei
più in là del grande abbaglio, del pieno e del vuoto,
ricercherei procedimenti
risaltando, evitando
dubbiose tenebrose; saprei direi.
Ma come ci soffolce, quanta è l’ubertà nivale
come vale: a valle del mattino a valle
a monte della luce plurifonte.
Mi sono messo di mezzo a questo movimento-mancamento radiale
ahi il primo brivido del salire, del capire,
partono in ordine, sfidano: ecco tutto.
E la tua consolazione insolazione e la mia, frutto
di quest’inverno, allenate, alleate,
sui vertici vitrei del sempre, sui margini nevati
del mai-mai-non-lasciai-andare,
e la stella che brucia nel suo riccio
e la castagna tratta dal ghiaccio
e – tutto – e tutto-eros, tutto-lib. libertà nel laccio
nell’abbraccio mi sta: ci sta,
ci sta all’invito, sta nel programma, nella faccenda.
Un sorriso, vero? E la vi(ta) (id-vid)
quella di cui non si può nulla, non ipotizzare,
sulla soglia si fa (accarezzare?).
Evoè lungo i ghiacci e le colture dei colori
e i rassicurati lavori degli ori.
Pronto. A chi parlo? Riallacciare.
E sono pronto, in fase d’immortale,
per uno sketch-idea della neve, per un suo guizzo.
Pronto.
Alla, della perfetta.

«È tutto, potete andare.»

***

Solche Reichtümer, solche
solche Alle. Der stachelig zusammensteckt.
Und auch Abstraktionen Astrifikationen Attraktion aus Asterisken
Eisung, in sidera und coelos
Eisungen, Weißungen –
ich stiege im Königreich
über die riesige Blendung, über Fülle und Leere hinaus,
könnte Steige erkunden
erscheinen, scheuen vor
entrischen düsteren; wüsste sagte.
Aber wie fest er ist, wie weit das weiße Überall
wie strahlend: zu Tal in der Frühe zu Tal
zu Berg aus hellen Quellen.
Bin gestapft hinein in dieses funkelnde Schneien-Scheinen
hui erstes Schaudern im Schnee, im Verstehen,
Prozessionen fordern: schau alles.
Und deine Enteinung Eilandung und meine, Frucht
dieses Winters, verquickt, verdickt,
auf den gläsernen Graten des Immer, auf den Schnee-Säumen
des Nein-nie-niemals-ließ-ich-los,
und der Stern der am Wuschelkopf brennt
und die aus dem Eis geholte Kastanie
und – alles – und Eros-alles, Lib.-alles Liebe in meine
Umgarnung Umarmung: geschneit,
der hereingeschneite Gast, ein weißes Programm, ein weißes Werk.
Gell, ein Lächeln? Und das (Da)Sein (Sehen-Es)
jenes für das man nichts kann, nichts wissen,
es lässt auf der Schwelle sich (kosen?).
Eiii übers Eis und Felder von Farben
gefrorene Feuer aus Gold.
Hier bin ich. Wer spricht? Wieder schließen.
Und bin hier, in der Unsterblichkeitszeit,
für eine Schnee-Skizze, ein Schnee-Blitzchen bereit.
Hallo.
Der, der Erreichten.

«Das ist alles, ihr könnt gehen.»

(Übersetzung Donatella Capaldi, Maria Fehringer, Ludwig Paulmichl und Peter Waterhouse, aus: Andrea Zanzotto, La Beltà / Pracht)

immer wieder

skizze

die findesemanas sind wie immer am wochenende auf der insel, was sie auf dem festland machen weiss niemand, aber samstag mit der ersten fähre treffen sie auf der insel ein um am sonntag abend wieder zu verschwinden. ist zwar nicht unsere aufgabe als inselschrieber, aber vielleicht müssten wir ihnen mal nachreisen und sie auf dem festland beschatten, um heraus zu finden was sie wärend der woche tun. selbstverständlich könnten wir sie ja einfach auch fragen, aber das trauen wir uns nicht. umgekehrt wissen sie von uns alles. den so oft es geht versuchen wir mit ihnen ins gespräch zu kommen um etwas heraus zu finden, aber irgendwie verstehen sie es, die gespräche so zu führen, dass wir ihnen irgendwelche alten geschichten aus unserem leben erzählen.

Höhle der Löwen

••• Morgen geht es in die »Höhle der Löwen«, den großen Konferenzsaal im Hause Beck, wo seit heute die Vertreter tagen. Schon einmal hatte ich das Vergnügen und war damals wie heute nervös. Und warum das, wenn es letztendlich doch ein Vergnügen war?

Es hängt so viel ab von den Vertretern, von ihrer eigenen Begeisterung für ein Buch, die sie schließlich zu den Buchhändlern transportieren müssen. Damals wusste ich nicht, wie so eine Buchvorstellung auf einer Vertreterkonferenz abläuft, und Premieren sind immer eine spezielle Angelegenheit. Ich habe mir das rote Wams Heinrichs mit den goldenen Löwen übergezogen und die Damen und Herren eingeschworen. Morgen werde ich mich als erstes bei ihnen bedanken können, denn dass sich »Die Leinwand« so gut verkauft hat, lag zu einem großen Teil an ihnen.

Aber nun, mit einem neuen Buch, stehen wieder alle Zeichen auf Anfang. Auf der Vertreterkonferenz werden alle Titel des Programms debattiert, Inhalt und Verpackung, Klappentexte und Vorschautexte, und der Autor, der seinen Titel vorstellen darf, wird mit Fragen überhäuft, die ans Eingemachte gehen. Ich fürchte, es wird viele Fragen geben, wenn man sich morgen in gleicher Runde wie vor zwei Jahren erneut trifft.

Mein »Geheimdienst« hat mir Mut gemacht. Einige Vertreter treffen sich jeweils schon auf der Frankfurter Messe mit den Verlagsleuten und halten mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. »Replay«, durfte ich hören, ist angekommen, aber es gibt auch Unsicherheiten, über die man wird reden müssen.

Ich halte es ja für ein Glück, dass dieser Roman ganz anders geworden ist als »Die Leinwand«. Ein Verkäufer aber – und das sind Vertreter wie Buchhändler – schätzt Anknüpfungspunkte mehr als das »ganz andere«. Da muss man erklären, wie es kommt, dass der von der Presse vor allem als Orthodoxer herausgestellte Autor der »Leinwand« nun mit einer technologischen Dystopie herauskommt, einem Buch, in dem es um Wahrnehmung und sehr auch um Körperlichkeit geht, einem Buch, das den Leser ins Silicon Valley der nicht zu fernen Zukunft führt, aber auch in einen Thai-Massage-Salon, auf hedonistische Swinger-Feste und in die arkadischen Gefilde sinnlicher Erinnerungen, die auf Knopfdruck reproduzierbar sind…

Mich hat gar nicht gekümmert, ob es Anknüpfungspunkte an »Die Leinwand« gibt. Dass gerade ich einen dystopischen Roman über eine totaltransparente Kommunikationsgesellschaft geschrieben habe, hat sicher damit zu tun, dass ich die letzten neun Jahre für Telekommunikationsunternehmen tätig war und weiß, wie nah wir schon heute Rosens Erzählungen sind. Die Journalisten werden nun vielleicht ein neues Schublädchen finden müssen, in das der orthodoxe Autor passt, der eben auch IT-Berater ist. Das kümmert mich aber wenig. Denn ich habe noch nie etwas von solchen Katalogisierungsversuchen gehalten. Ich kann da nur Truman Capote zitieren:

Ich begreife gar nicht, warum alle so verstört sind. Was dachten sie wohl, wen sie bei sich hätten — einen Hofnarren? Sie hatten einen Schriftsteller vor sich!

Tatsächlich aber, wenn ich mir »Replay« heute ansehe, sehe ich sehr deutliche Verbindungen zur »Leinwand«. Zwei Szenen aus der »Leinwand« muss man sich vergegenwärtigen. Die erste: Nathan Bollag debattiert mit Amnon Zichroni über dessen Lektüre von Bulgakows »Meister und Margarita« und warnt ihn vor den »Yevonnim« (den Griechen), in deren weltanschaulicher Tradition er eine Gefahr für seinen Ziehsohn Amnon sieht, gewissermaßen einen Gegenentwurf zur Weltsicht des jüdischen Milieus, in dem die beiden leben. Und die zweite Szene: Im Wechsler-Showdown der »Leinwand« hofft Wechsler, sich durch einen Sprung in die Mikweh von Moza erneut in ein neues Leben retten zu können, wie er es zuvor schon einmal getan hat. Das Becken aber, in das er springt, ist leer.

»Replay« beginnt wie der Zichroni-Strang der »Leinwand« mit der Erzählung einer Jugend, mit der Erzählung eben jenes Erlebnisses, das Ed Rosens jüdische Identität geprägt hat. Anders als Zichroni kommt Rosen aus einer säkular-jüdischen Familie in New York. Religion spielte keine Rolle, bis er 13 wurde und auf die Bar Mizwah vorbereitet werden sollte, das selbst unter diesen Vorzeichen unvermeidliche Fest der religiösen Mündigkeit. Statt ihn jedoch für den religiösen Weg zu gewinnen, führt die schwarze Pädagogik des Religionslehrers dazu, dass Rosen sich entschieden von Gott abwendet.

Eine Leserin hatte Schwierigkeiten mit dieser Exposition und bezeichnete sie etwas ratlos als den »jüdischen Vorspann«. Tatsächlich aber sehe ich in diesen ersten 15 Seiten des Romans die Exposition zu allem, was dann folgt: Der Lehrer konfrontiert den jungen Rosen mit einer Vision des Lebens nach dem Tod, das von grausamen Strafen geprägt ist für die Versäumnisse und Sünden unseres irdischen Lebens.

Auf dem Weg in die künftige Welt, dozierte er – und damit meinte er eine Welt jenseits der unseren – nach unserem Tod also müssten wir einen langen Weg durch eine Region zurücklegen, die Sheol genannt wird. Eine Prüfung sei diese Reise, auf der wir Rechenschaft ablegen müssten über unser irdisches Leben wie vor einem Gericht. Und im Sheol, fuhr er fort, würden uns keine Lügen helfen. Jedes Detail über unser Leben sei dort offenbar. Wir würden zwar unseren irdischen Körper abgelegt haben, dafür aber in einer Art Geistkörper wandeln, und an jenen Körperteilen, mit denen wir in der hiesigen Welt gesündigt hätten, würden wir dort untrügliche Zeichen tragen, die unsere Vergehen offenbarten: Verkrüppelungen oder Verkümmerungen. Eine winzige Hand beispielsweise, weil unsere Hände im Leben den Bedürftigen nicht hatten geben wollen. Oder riesige Ohren, weil wir zu Lebzeiten auf Klatsch und Tratsch und jede Art übler Nachrede begierig gelauscht hatten. Auch könnte es sein, dass wir uns im Sheol mit nur einem Auge wiederfänden, weil wir in dieser Welt ein Auge verschlossen hatten vor den göttlichen Wahrheiten oder weil wir – nicht weniger schlimm – unseren Blick an die Nichtigkeiten des schönen Scheins geheftet hatten. Was genau und in Gänze darunter zu verstehen sein mochte, überließ er meiner pubertären Phantasie. Die aber kam nicht zum Zuge, denn ich war, nachdem ich das alles gehört hatte, einfach nur wütend.

Mit diesen Ausführungen hatte er mich sofort und für immer für die Sache Gottes verloren. Er muss blind oder dumm gewesen sein oder – herzlos. Vielleicht war es auch eine Mischung aus all dem. Anders konnte ich es mir nicht erklären. Ein Blick in mein Gesicht hätte ihm genügt haben müssen, um zu wissen, dass er mich mit seiner Sheol-Vision verschonen musste oder doch zumindest mit den Details über die versehrten Geistkörper der zu prüfenden Seelen.

Ed Rosen nämlich ist auf einem Auge blind, und dass mit seinem rechten Auge etwas nicht stimmt, ist nicht zu übersehen.

Als nun aber mein Lehrer, der doch gehofft hatte, mich für Gott zu gewinnen, mir mit dieser Geschichte der versehrten Geistkörper kam, hatte er ausgespielt. Ging es nach mir, lebte ich, solange ich denken konnte, in diesem Zustand, den er als Vorhölle bezeichnete, in diesem Raum der permanenten Prüfung, in dem man die Schmach der Sünden eines ganzen Lebens offen zur Schau trug. Meine Schande stand mir ins Gesicht geschrieben. In dieser Welt. Was hätte ich noch auf seine Sheol-Warnungen geben sollen?

All die Wut, die sich in mir aufgestaut hatte, drängte zum Ausbruch, und da ich mir nicht erlauben konnte, sie ihm gegenüber zu zeigen, lenkte ich meinen Zorn auf das, was er Gott nannte. Ich verwarf diesen Gott ohne Zögern. Ich goss meine Wut über die Vorstellung von ihm aus. Und die Geschichten, die mein Lehrer mir erzählt hatte und noch erzählen würde, wanderten in die Abgründe meines Gedächtnisses, ins Sheol meiner Erinnerung, hinab, hinfort, aus dem Sinn, aus meinem Leben. Nichts, aber auch gar nichts wollte ich mit solchen Geschichten und ihren Urhebern zu tun haben.

Das also ist die Ausgangslage. Anders als die Protagonisten in der »Leinwand« entscheidet sich Rosen für den »griechischen Weg«. Naturwissenschaften, Informatik, »künstliche Intelligenz«, das bestimmt sein Leben. Dazu kommt ein gestörtes Körpergefühl, wie es bei »ungeliebten Kindern« nicht selten ist, und das er schließlich zu kompensieren versucht durch eine sich letztlich bis in den Kult steigernde Fixierung auf das Körperliche in all seinen Facetten. Nicht ohne Grund ist es gerade Pan, der Hirtengott der griechischen Mythologie, der sehr bald in Rosens Leben tritt und den er sich als Begleiter erwählt.

Die Komposition des Romans sorgt dafür, dass wir an keiner Stelle sicher wissen können, was Traum ist und was Realität, was tatsächlich geschehen ist und geschieht und was dem Bereich der manipulierten Wirklichkeit – dem Replay eben – zuzurechnen ist. Fest steht nur, dass Rosen, während er erzählt, im Bett liegt, das gesamte Buch über. Und fest steht am Ende auch, dass er sich in einem Zustand befindet, aus dem es für ihn keinen Ausweg geben wird. Der »grüne Schriftzug der Erlösung«, den er am Ende sieht, ist – und er weiß es – eine Lüge.

Die Dystopie, die der Roman erzählt, ist Rosens Sheol, seine ganz persönliche Hölle, ein Taumeln von Replay zu Replay, von einer manipulierten Erinnerung zur nächsten.

Es gibt noch eine dritte Verbindung mit der »Leinwand«. Wechsler erzählt dort von seinen Lektüren, auch von Orwells »1984«. »Replay« nun nimmt ein Motiv aus »1984« auf: Im »Ministerium für Liebe« werden bei Orwell die Renitenten umerzogen. Dem Engsoz-Regime genügt es nicht, sich Dissidenten per Exekution vom Hals zu schaffen. Stattdessen werden sie im »Raum 101« mit körperlicher und psychischer Folter dazu gebracht, sich »freiwillig« in die Umstände zu ergeben, gegen die sie opponierten. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass es sich bei dem Bett, in dem Rosen liegt, während er erzählt, um seinen persönlichen »Raum 101« handelt.

Anders als bei Orwell ergibt sich Rosen in »Replay« aber tatsächlich freiwillig. Denn die Diktatur, die er selbst mit errichtet hat, ist eine hedonistische Diktatur nicht nur der unbeschränkten Kommunikation, sondern auch der sinnlichen Genüsse. Sich der Corporation zu ergeben, ist so – angenehm…

Worüber sollte ich mich beschweren? Ich liege im Bett, von den Wänden meines phantastischen gläsernen Palastes umgeben, die mich vielleicht einsperren, aber auch einen atemberaubenden Ausblick bieten: auf der einen Seite der Ozean, auf der anderen ein paradiesischer Garten. Ich kann mich zurücklehnen, dösen und mich erzählen lassen oder mich selbst erzählen in immer neuen Varianten.

Rosen wähnt sich in Arkadien, während wir doch stark vermuten müssen, dass er im Sheol treibt.

Mich bekümmert nur, dass ich mich im Kreis bewege und ein und dieselbe Geschichte in immer wieder neuen, geringfügigen Abwandlungen durchleben muss, die allesamt damit enden, dass ich allein bin, von meinen Frauen verlassen. Wenn mir das System nicht ab und an einen Brosamen aus den Entertainmentkanälen überlässt, werde ich nichts Neues mehr erleben und auf ewig im Kreis meiner Erinnerungen treiben.

Eigentlich bin ich längst tot und vegetiere nur noch in einem Zwischenreich vor mich hin. So wird es von nun an bleiben.

»Ich liebte den Großen Bruder«, sagt O’Brien am Ende von »1984«. Und in »Replay« betont Rosen:

Ich liebe, was wir geschaffen haben. Ich liebe das UniCom, und wenn ich entscheiden müsste, was ich am meisten an diesem technischen Wunderwerk liebe, dann dies: Dass ich jeden Morgen im Paradies erwache.

Die perfekte Diktatur ist wohl jene, der es gelingt, allen das Gefühl zu geben, frei zu sein und jeden Morgen im Paradies zu erwachen. Aber wenn die Illusion auch perfekt sein sollte, bliebe es dennoch eine Diktatur.

05:49

Ein Vibrieren, das im Nacken beginnt, als könnte der Hals den Kopf nicht mehr halten. Ein Wandern, die Wirbelsäule entlang – aufrecht bleiben, die neue Unmöglichkeit. Ein Beben in Ober- und Unterschenkeln, darüber in Vergessenheit geraten: die blau angelaufenen Handflächen.
Als kröche etwas durch mich hindurch, pochte von innen gegen die Haut, ein Klopfen, ein Zeichen: bald. Als hätte ich nichts gelernt. Als wäre Schlaf etwas, das man sich beibringen muss. (Ich wünschte, der Wecker würde klingeln, dann wüsste ich, dass ich geträumt habe.)
Tinnitus ist ein schlechtes Wort für Signalstörungen. Schallschuss und Echo: Muskelstolpern, Herzrasen und Blütenstaub vor Augen, Strukturen schwimmen, gondeln an mir vorbei. Ich kniee am Beckenrand, der Atem taucht abwärts, als blinkte eine Münze am Grund.
Es bleibt etwas zurück, ein Begreifen vielleicht, es würde ja niemanden wundern, wenn dieses Wort Krebs Wahrheit würde, eine Silbe, mitten ins Gesicht, in den Körper geschmettert, denn was habe ich aus meinem Leben gemacht als eine zynische Bemerkung. Das Bedürfnis nach Zukunft tauchte nur noch in Behandlungsräumen auf, umgeben von Lichtern und Wörtern, die fremd bleiben müssen. Ich: eine Feier des Scheiterns. Was ist dieser Krebsverdacht mehr als eine beliebige Fortsetzung, ein nächster Versuch von Verfall.
Wunden lassen sich nicht auf Karten einzeichnen, mein Körper ist Atlas, eine Sammlung von Gesten und Worten für Schmerz. Ein Wühlen in Fußnoten von gestern und Suchen nach Messern für morgen. Ich war immer zu gut darin, mich allein zu fühlen. (Wenn ich allein bin, gibt es mich nicht.) Im Schulterblick: die verschlissenen Menschen vergangener Jahre, sauber aufgefädelt, Therapeuten, Freunde und Liebhaber, noch zuckende Reste freundlicher Worte, ungelesener Briefe und Bücher. Im Nacken: der Morgen. Vielleicht ist meine Krankheit ein Traum, der auch ohne mich weiterleben kann. Vielleicht heißt Krebs nur, dass Zellen unsterblich werden.

Das Rheinland für Touristen

In marktgängigen Reiseführern und auch in (vornehmlich kulinarischen) Fernsehdokumentationen über Vietnam und andere ferne Länder fanden wir nicht selten den Hinweis, die Menschen dort ernährten sich sozusagen ganztags, unterbrochen nur von geringfügigen Arbeits- oder Schlafeinheiten zwischen den zahlreichen landesüblichen Mahlzeiten. Die Wendung vom sich dauerernährenden Exoten scheint bei Reiseführerautoren allgemein beliebt, ein rheinsein-Korrespondent teilte uns soeben mit, daß er genau die gleiche Aussage in einem Reiseführer über das Rheinland entdeckt habe. In Reiseführern steht, und das macht sie gewissermaßen spannend, gerne ohne genaue Trennmerkmale Nützliches mit grobem Unfug vermischt. Manchmal läßt sich beides auch nicht genau unterscheiden. So heißt es in einem englischsprachigen Guide über Köln etwa, sämtliche Sehenswürdigkeiten der Stadt lägen entlang der Stadtbahnlinie 13. Eine steile These, die aber bereits Befürworter findet und für ein erhöhtes Fahrgastaufkommen entlang der Gürtelstrecke sorgt. Auf der Fahrt zum LCD saß uns eine spanischsprechende Dreiergruppe junger Touristen im Zug gegenüber, deren einer in einem Reiseführer blätterte, welcher in schmalen Achtzeilenabsätzen übersetzt in etwa „Das Beste von Deutschland“ aufzulisten versprach. Gerade passierten wir das nächtlich beleuchtete Bayerkreuz über Leverkusen. Wir murmelten: Aspirin, Aspirin, deuteten zunächst zurückhaltend auf den Reiseführer, dann mit größerer Geste aus dem Fenster. Als sie das Bayerkreuz erblickten, begannen auch die Augen der drei Touristen zu leuchten. Aspirin, Aspirin, murmelten sie nun gleichfalls – und unser efemeres Beisammensein wurde geadelt durch den Anschein einer quasi-religiösen Zeremonie. Um dieses seltene Erlebnis abzurunden, traten wir einem der drei zum Abschied rein versehentlich gegens Schienbein und entschuldigten uns nett. Die Verblüffung seitens der Touristen war unbeschreiblich. Wir erwarten von Deutschland keinen Dank, seinen Ruf einmal mehr en passant, diesmal in der spanischsprachigen Welt, weiter aufgewertet zu haben – uns genügt wie stets die pure Gewißheit. Wir haben ja auch Glück. Denn die Reiseführer haben uns Deutsche in unserem Wesen bisher nur sehr mangelhaft erfaßt, was reichlich Spielraum für positive Überraschungen läßt.
Eine weitere Geschichte, welche manchen Reiseführerautor bestätigen dürfte, spielte sich jüngst im Rheinlandinnern in Grevenbroich ab, einer Gegend, die stark nach Rübenanbau aussieht und in der scheinbar unerreichbar weit draußen auf den Feldern stehende Braunkohlekraftwerke zur Wolkenproduktion eingesetzt werden. Die Geschichte rauschte durch den Blätterwald, aus dem wir sie übernehmen. Sie handelt von einer Einbrecherin, die ihre Einbruchshandlung jedoch für zwei ihrer zahlreichen Tagesmahlzeiten, nämlich den kleinen Hunger zwischendurch und das frühabendliche Barbeque, unterbrach. Der Rheinländer, hier: die Rheinländerin gehorcht, das ist allgemein bekannt, den Vorschriften seiner, hier: ihrer inneren Uhr. Die Einbrecherin futterte also auf die Schnelle dies und jenes aus und in der fremden Küche, als sie von den heimkehrenden jugendlichen Kindern des Hauses überrascht wurde. Welche sie jedoch völlig ignorierte, um, die Zeit fürs typische frühabendlich-rheinische Barbeque war soeben angebrochen, im Garten einige Würstchen auf den Grill zu legen. In dessen nächster Umgebung sie festgenommen wurde. Nach Auskunft der Polizei gab die Frau bei ihrer Vernehmung zu, in das Haus eingebrochen zu sein, weil sie Hunger gehabt habe. In der Küche habe sie zwei Croissants, ein Brötchen, Zwiebeln, Tomaten, Mortadella und Leberwurst gegessen. Außerdem hatte sie sich am Sekt bedient.
Touristen, die das Rheinland besuchen wollen, seien erstaunliche Erlebnisse versichert. Kommen Sie nach Köln und fahren Sie einen Tag lang die Linie 13 auf und ab! Berichten Sie uns von Ihren ungewöhnlichen und aufregenden Erlebnissen! rheinsein dankt vorab.

ja ja jandl

„ja ja jandl“ © anatol knotek

…dies ist ein geschriebenes textportrait von ernst jandl, welches ich vor wenigen tagen fertigstellte.
jandl gehört mit sicherheit zu meinen liebsten poeten, dessen werk mich schon seit vielen jahren begleitet und mich immer wieder aufs neue inspiriert.
auf seiner homepage finden sich viele texte, aber auch audio- und video-ausschnitte seiner lesungen: http://www.ernstjandl.com/

sonar

22. Dezember 2011

ping

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sierra : 11.28 – Im Denken von Zeit zu Zeit laut und deutlich ausgesprochene Wörter: Das ist ja unglaublich, nein, fangen wir noch einmal von vorne an, was habe ich zunächst gedacht? – Hörbare Sätze. Atolle. – Ich überlegte, wie viel Zeit von einem Gedanken zum nächsten Gedanken vergeht, und was in dieser Zeit, die ich ohne einen Gedanken zu verbringen meine, eigentlich geschieht. Ein seltsames Gefühl, die Vorstellung der Gedankenstille. Eine Besichtigung der Luft. Warten. Lauschen. – stop

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