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DAS LESEZEICHEN 01/2021 IST ERSCHIENEN!

Lesezeichen, Ausgabe 01/2021 vom 03. Mai 2021.

In dieser Ausgabe:

visualisation / colouring /  artist book / literature Jetzt im Handel: die geplante Ewigkeit – Vaters fotografische Serien – Scheuen Gedichte den Bart? – Kraken im Laken – Krieg im Film – Eine Brücke als Heftklammer – Schulerstraße als die  Wiener Fleet Steet – Echt, Wendekitsch, ja geht’s noch?! – Bravo, Phyllis! (Titelbild) – How high the Moon? – Ein Abdruck im Geist. Eine kleine ausgeweitete Verdichtung farblicher Substanzen. Eine energetische Bündelung. – uvam. … 

Zum INHALT

Litblogs.net – Literarische und künstlerische Weblogs, hg. von Hartmut Abendschein, Markus Hediger und Chris Zintzen, Bern / Wien 2004-2021

Inhalt 01/2021

Lesezeichen, Ausgabe 01/2021 vom 03. Mai 2021.

In dieser Ausgabe:

visualisation / colouring /  artist book / literature Jetzt im Handel: die geplante Ewigkeit – Vaters fotografische Serien – Scheuen Gedichte den Bart? – Kraken im Laken – Krieg im Film – Eine Brücke als Heftklammer – Schulerstraße als die  Wiener Fleet Steet – Echt, Wendekitsch, ja geht’s noch?! – Bravo, Phyllis! (Titelbild) – How high the Moon? – Ein Abdruck im Geist. Eine kleine ausgeweitete Verdichtung farblicher Substanzen. Eine energetische Bündelung. – uvam. … 

INHALT:

  •  Litblogs.net – Literarische und künstlerische Weblogs, hg. von Hartmut Abendschein, Markus Hediger und Chris Zintzen, Bern / Wien 2004-2021

18/21 – abandoned thread

 

#Sprache, #Poem, #rûm, #nocte somnium, #*talō, #al-ǧabr „das Zusammenfügen gebrochener Teile“) #ὁρίζων horízōn, #inspiratio, #al- (wachsen), #Kanon. #wesan ‘das Verweilen an einem Ort, φύσις #phýsis – Natur, #Contemplatio „Richten des Blickes nach etwas“, #theórema ‚Angeschautes, #sýnthesis„Zusammensetzung“, „Zusammenfassung“ , Genesis (γένεσις), ein Segel #segal, #χυμεία chymeía „Vermischung“, #apokálypsis, „Enthüllung, #res, ‚Sache‘, ‚Ding‘, ‚Wesen‘ , #intuitio = unmittelbare Anschauung, #oneiros „Traum“ , #Kunst (lateinisch ars, griechisch téchne, #sectio aurea, proportio divina[, Goldener Schnitt, #Sphäre, σφαῖραsphairaKugel,#syllaba,συλλαβή „Zusammenfassung, Silbe“, Theorem (theórema‚ Angeschautes, Untersuchung, Lehrsatz, #mnḗstis, Gedächtnis, Eytmologie, étymos, ‚wahr‘, ‚echt‘, ‚wirklich‘ und λόγος lógos ‚Wort‘, Ekliptik (linea ecliptica ‚ der zugehörende Linie‘) //

In wessen Augenblick schaue ich auf und kreuze den Weg derer, die sich aus den Weiten der Zeit lösten? Sie ziehen nahe mit mir. Sie gleiten in meinen Träumen eine Handbreit weit von mir entfernt. Sie werden dort und hier Bild, werden Gestalt, die sie einmal waren und jetzt sind. Sein ist relativ, sagen sie, Bilder sind ewig. Ein Abdruck im Geist. Eine kleine ausgeweitete Verdichtung farblicher Substanzen. Eine energetische Bündelung. Langsam ist das Leben, langsam die Wandlung der Bedingungen. In diesen Breitengraden der Schöpfung brauche ich Geduld, Geduld mit mir selber, mit dem Leben anhin.

Auf einen Moment warten, auf eine Poesie. Sich in ihn einbetten. Ihn beteuern. Ihn hinaus tragen. Bewelten. Ihn erschaffen. Ihn erschaffen. Ihn erschaffen. Augenblick um Augenblick ufern. Erflehen, zu sein, einen Augenblick. Da blühen die Wiesengründe und Haine, über ihnen weiden die Wolkenschafe und anderes Getier. Leben ist Bilder erschaffen und Zeuge sein, was sie in ihrer Erscheinung wandeln. Wie ist Sein zu ergründen? Welcher Grund ist Sein? Das Sein der Kunst? Die Konzentration geistiger Strukturen? Da gehe ich, kleiner Mensch über die Erde und schaue. Das ist Sehnen.

 

 

Warum ich Lutz Seilers Roman „Stern 111“ abbrechen und verwerfen musste

 

Ein mir bis dato völlig unbekannter bekannter Schriftsteller riet vor einer Weile, war es in der NZZ, allen Lesern fortgeschrittenen Alters (so ab 40) unbedingt dazu, keine mittelmäßigen Romane mehr zu lesen und stattdessen die wenigen wirklich guten ein zweites (oder drittes) Mal. Das allerdings praktiziere ich seit Jahr und Tag, das muss mir kein schon wieder vergessener, wenn auch bekannter Schriftsteller sagen. Zurzeit lese ich den Siebenkäs von Jean Paul, über den ich einiges schrieb (=>), sodass ich nun eben deswegen völlig unbelastet zehn Jahre später wieder eintauchen darf ins Kuhschnappelsche. Besagter Jean Paul schreibt übrigens in besagtem Roman, nämlich in der Vorrede zum zweiten, dritten und vierten Bändchen, folgendes: „(…); und in der Tat ist ein Buch, das nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, auch nicht würdig, daß mans einmal lieset.“ Wo er Recht hat …

Aber was habe ich (sagen wir mal) seit Beginn der Covid-19-Pandemie nicht alles abgebrochen an Romanen, weil nach gutem Beginn so ein Roman ins Ungefähre plätscherte, sich Unwucht einstellte oder ich des Beweises, welch Genie hier schreibe, überdrüssig wurde. Das betraf unter anderem Schriften von Döblin und Nabokov und auch Lutz Seilers neuen Roman Stern 111, den ich nach der Hälfte abbrach. Letzterer hat mir allerdings die Laune am meisten verhagelt, denn imgrunde ist der Roman angelegt wie ein klassischer Schelmenroman (Handlung bezogen auf historische Ereignisse, hier die Wende- und Nachwendezeit, Figuren eher normativ), doch ohne den dafür notwendigen Humor und ohne die ebenfalls notwendige Verschmitztheit, ganz zu schweigen davon, dass ausschließlich der echte Schelmenroman den Leser unterfordern darf. Dazu kommt, dass der Roman in der dritten Person Singular geschrieben, aber in der ersten gemeint ist, sodass etwa die Kapitel über die Abenteuer der Eltern in Westdeutschland etwas im Leeren hängen, weil auch die vom immer selben allwissenden Erzähler stammen, der aber eben viel mehr über den autobiographisch gefärbten Carl weiß als über die Eltern. Warum? Da fehlt die Balance. Seiler hätte sich dafür entscheiden sollen, in der ersten Person Singular zu schreiben (muss man aber können) und die Briefe der Mutter aus Westdeutschland an den Sohn quasi im Original zu bringen, so nämlich wäre womöglich ein schöner Erzählrhythmus entstanden und auch, allein durch die unterschiedlichen Textsorten, ein Spannungsbogen oder -feld. Ein misslungener Roman, Wendekitsch statt großer Literatur. Wenn man mir hier denn nun vorwürfe, den Roman doch gar nicht zuende gelesen zu haben, ich also überhaupt kein Mandat zur Beurteilung hätte, so erwiderte ich, dass der Roman mir von einer tapferen Leserin zuende erzählt worden ist und ich froh bin, der fliegenden Ziege und der in einem deutschen Roman unvermeidlichen Auslandsreise des Helden (die Programmabteilung des Verlags lässt grüßen, vorauseilender Gehorsam ohnehin) durch Flucht entkommen zu sein. Die gute Nachricht aber ist, dass ich das seilersche Buch in eine Bibliothek auf dem Lande einpflegen werde können*, statt es in die Papiertonne zu kloppen, denn so schlecht, das Versöhnliche hat ja immer am Ende zu stehen, ist es dann doch wieder nicht. Was mir über das Ende hinaus allerdings jetzt noch einfällt ist, dass ich in besagter Romanabbruchzeit ein halbes Dutzend Romane Knut Hamsuns las, denen allen zu eigen ist, abbruchresistent zu sein, also Qualität zu haben, nicht zuletzt in der Zeichnung von Charakteren. So. Und was mir über das überzogene Ende auch noch in den Sinn kommt ist der mir schon fast entfallene Umstand, Michel Houellebecqs Roman Serotonin wirklich und wahrhaftig zuende gelesen zu haben, obgleich der an Belanglosigkeit kaum zu überbieten sein dürfte. Aber was rege ich mich auf …

*Nachtrag: das Einpflegen misslang, da der Roman eben dort, wo ich mich, dies schreibend, eben jetzt befinde, bereits gelesen und als misslungen erkannt worden ist.

Norbert W. Schlinkert, Reisigbesen

 

 

Die Wiener „Zeitungsgasse“

Die Schulerstraße in der Wiener Innenstadt ist ein etwas verstecktes Gässchen, das beim Stephansplatz beginnt und in Richtung Parkring führt. Wer hier entlangflaniert, kann geschichtsträchtige Häuser entdecken, so etwa eines der ältesten Hotels der Stadt oder ein ehemaliges Bierhaus, in dem nun ein Restaurant untergebracht ist, ein paar weitere Gaststätten sind im Verlauf der Straße zu finden, einige Textilgeschäfte und auch eine Buchhandlung. Es lässt sich angenehm schlendern, ruhig und beschaulich ist es hier.

Ganz anders erlebte es 1870 ein nach Wien entsandter Mitarbeiter des Stuttgarter Wochenblattes „Über Land und Meer“, der davon berichtete, dass sich den ganzen Tag über eine „wogende Menschenmenge“ durch diese Straße bewege, dass stets viel Trubel und große Geschäftigkeit herrsche. Der Grund dafür sei, dass in der Schulerstraße etliche Redaktionen und vor allem zahlreiche Expedite, also die Auslieferungen, von Zeitungen und Zeitschriften angesiedelt seien. Mit seinem Artikel, dem er den Titel „Die Zeitungsgasse in Wien“ gab, lieferte der mit A. S. zeichnende Reporter seinem Publikum ein detailreiches Stimmungsbild, das aus heutiger Sicht sowohl medienhistorisch als auch sozial- und stadtgeschichtlich interessant ist.[1]

Tatsächlich war die „Zeitungsgasse“, wie der schmale Straßenzug bis ins frühe 20. Jahrhundert häufig genannt wurde, ein Zentrum des Zeitungswesens. So etwa finden sich 1870 im Wiener Adressbuch „Lehmann“ 28 in der Schulerstraße angesiedelte Redaktionen und Expedite (oder, wie es damals hieß, „Expeditionen“).

Schon zu Tagesanbruch herrschte dort, wie A. S. berichtete, vor den Auslieferungen viel Leben und Treiben, denn da „harrt bereits die männliche und weibliche Schar der ‚Austräger‘ aller Altersstufen auf den ersten, welcher die Schlösser von der Ladentür löst. Die Wagen rollen mit Zeitungsstößen heran, Träger, mit Packen schwer beladen, keuchen herbei; nun wird ausgeteilt. Der eine bekommt so viele Hunderte, der andere Tausende, der dritte Dutzende des Blattes. Jeder oder jede rennt, wie von Eumeniden verfolgt, davon, denn es gilt in die entfernteste Vorstadt, in die Fabrik, in den Tabak- und Zeitungsverschleißladen, in den Abonnentenbezirk, ja zu dem ländlichen Omnibus zu eilen, welche bereits harren und die Zeitung verlassen, den Austräger zurückweisen würden, wenn sie nicht bereits frühe die Nummer hätten.“
Bald nach den ZeitungsausträgerInnen erschien „die Schar der Auskunft Verlangenden. Die Expedition gibt berufsmäßig Auskunft über die kleinen Inserate, welche Wohnungen, gebrauchte Möbel, Gouvernantenstellen, verlorene Hunde, ausgeflogene Papageien, reiche Bräute, Herren jeden Standes, die sich verheiraten wollen, hilfsbedürftige Verlassene, ‚ernstgemeinte Anerbieten‘ jeder Sorte und mitunter nicht unpikante Geheimnisse betreffen.“

Ebenso war es die Aufgabe der Expedite, die neu hereinkommenden Inserate entgegenzunehmen, denn „Geschäftliches“ war räumlich „strenge getrennt“ von den Redaktionen, die sich in teilweise auch in anderen Gebäuden befanden – so etwa in der parallel verlaufenden, renommierteren Wollzeile, von der aus man die Expedite „durch kleine Zwischengässchen oder mehrere Durchhäuser in einer Minute erreichen konnte.“

„Noch eine Menschensorte füllt des Tages über in wechselnden Gruppen die Straße“, wusste A. S. 1870 über die Wiener „Zeitungsgasse“ zu berichten: „Für sie ist die Zeitung so angeklebt, dass man sämtliche Flächen zu lesen vermag. Hieraus wird nun Gratispolitik geschöpft, oder eine flüchtige, mühelose Gratiseinsicht in den heutigen Inhalt der Nummer gewonnen“. Die Aushangtafeln bei den Zeitungsexpediten waren auch, so ist dem Bericht zu entnehmen, für jene Menschen, die nicht lesen konnten, eine Möglichkeit, sich über Aktuelles zu informieren, denn hier fanden sich „Bereitwillige, die ihnen über dieses und jenes erbetene Auskunft erteilen.“

Lesende vor dem Aushang der Wiener Mittags-Zeitung, die im Haus Schulerstraße 14 ihre Redaktion und ihr Expedit hatte. Die Aufnahme entstand am 19. Mai 1916 (Foto: Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv und Grafiksammlung)

Lesende vor dem Aushang der Wiener Mittags-Zeitung, die im Haus Schulerstraße 14 ihre Redaktion und ihr Expedit hatte. Die Aufnahme entstand am 19. Mai 1916 (Foto: Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv und Grafiksammlung)

Noch mehr Gedränge als bei der Auslieferung der Morgen-Ausgaben der Zeitungen gab es in der Wiener „Zeitungsgasse“ am späten Nachmittag, wenn die Abendblätter herauskamen: „Amtsdiener, Hausdiener, Köchinnen, Lehrjungen, alte Herren, die auf dem Heimwege begriffen sind, Kellner und Marqueure mit ihren weißen Wischtüchern neben jugendlichen Küchen- und Stubenmädchen bilden allmählich und endlich einen lebendigen Sturmbock, welcher gegen die Expeditionstüren gelegt ist. Hier hört man: ‚Heutʼ dauertʼs aber lang!‘, dort wird gekichert, gleich daneben geschimpft, disputiert, endlich hart gedrängt, fast gebalgt! Die Glastüre klirrt, der Einlass und die Abendblattausgabe beginnt. Es ist zuweilen ein Schlachten, keine Schlacht zu nennen!
Die Expeditoren schwitzen, die Andrängenden schonen weder fremde Hühneraugen, noch eigene Ellbogen. Es wird geschrien und gerafft, was errafft werden kann – und man stiebt auseinander in eiligster Flucht. Die Hausfrauen warten schimpfend neben leeren Kaffeekannen, die Kaffeehausgäste ungeduldig auf die Kurse, die Herren Beamten auf die Amtsblattauszüge und Ernennungen, die Politiker auf die Telegramme, die Korrespondenten und Journalisten auf den neuen Stoff, alle Welt will zwischen morgens und abends ganz Neues!“

Illustration aus der Wiener Wochenzeitung „Das interessante Blatt“, dessen Expedit sich in der Schulerstraße 14 befand. Auch diese, am 24. Januar 1884 publizierte, Zeichnung trägt den Titel „In der Wiener Zeitungsgasse“. Obwohl – so heißt es im dazugehörenden Text – in der Schulerstraße stets ein Gedränge herrsche, „wie man es sonst in Wien nicht zu häufig in den Straßen findet“, sei in den letzten Tagen der Andrang besonders groß gewesen, weil das „Interessante Blatt“ ausführlich über die Verhaftung eines Mörders berichtet hatte.Illustration aus der Wiener Wochenzeitung „Das interessante Blatt“, dessen Expedit sich in der Schulerstraße 14 befand. Auch diese, am 24. Januar 1884 publizierte, Zeichnung trägt den Titel „In der Wiener Zeitungsgasse“. Obwohl – so heißt es im dazugehörenden Text – in der Schulerstraße stets ein Gedränge herrsche, „wie man es sonst in Wien nicht zu häufig in den Straßen findet“, sei in den letzten Tagen der Andrang besonders groß gewesen, weil das „Interessante Blatt“ ausführlich über die Verhaftung eines Mörders berichtet hatte.

„Die Zeitungsstraße ist ein Parlament, ein Kriegslager, je nach der Art der erwarteten neuen Nachrichten, sie wandelt sich auch zum Gerichtshofe, zum Schauerraume, wenn Aburteilungen oder eine schreckliche Mordtat am heimischen Horizonte steht. Die Zeitungsstraße könnte täglich Dramen und Romane liefern. Erkennungen, Wiederfindungen, Glück und Unheil tauchen da auf, verknoten sich und schlingen sich in das Leben unzähliger Menschen.

Unmessbare Millionen werden hier jährlich umgesetzt und gefördert. Hier kann man allerdings nicht wissen, aber ahnen, wie viel Menschen-Wohl und -Wehe von der Existenz der Journale abhängt“ – so resümierte der Korrespondent von „Über Land und Meer“ in seinem Bericht über die „Wiener Zeitungsgasse“.

Die  Modernisierung der Vertriebsformen im Zeitungswesen führte dazu, dass im Laufe der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Expedite nach und nach von der schmalen Schulerstraße an leichter zugängliche Orte verlegt wurden. Und damit geriet es allmählich in Vergessenheit, dass sich einst hier die Wiener „Fleet Street“ befunden hatte.

Klick-Tipp:
Die Anregung zu diesem Beitrag gab eine virtuelle Ausstellung des „Buch- und Schriftmuseums der Deutschen Nationalbibliothek“. Unter dem Titel „Zur Geschichte des Zeitungsdrucks“ bringt diese eine interessante mediengeschichtliche Zeitreise von den Vorläufern der Zeitung – den Flugblättern der frühen Neuzeit – bis zur Produktion der Tagespresse im digitalen Umfeld. Dazu gibt es neben dem gut aufgearbeiteten Textmaterial auch zahlreiche Abbildungen – unter anderem auch von der „Wiener Zeitungsgasse“.
Ein Dank geht an Frau Mandy Stittrich und Herrn Peter Kühne (Deutsche Nationalbibliothek) für ihren Hinweis zur Herkunft der Abbildung der „Zeitungsgasse“.

[1] A. S.: Die Zeitungsgasse in Wien. In: Über Land und Meer. Allgemeine Illustrirte Zeitung. Stuttgart 1870, Heft 45, S. 9f. Die in diesem Beitrag zitierten Textteile wurden der aktuellen Orthografie angepasst.

 

 

Nr. 1

 

Die Jahreszeiten auf der Insel unterscheiden sich kaum. Das Klima ist mild, so dass die aus dem Atlantik ragende Landmasse auch im Winter mit einem immergrünen Teppich überzogen ist. Der Einzige, der den Jahreszeiten eine Kontur verleiht, ist der Nordwind, der während des Sommers seine Kräfte sammelt, um zu Beginn des Oktobers mit einer ersten starken Böe den Winter anzukündigen. Und wäre da nicht die Landbrücke, welche die zwei ungleich grossen Teile der Insel wie eine Heftklammer zusammenhält, wäre zu befürchten, dass der Nordwind den kleineren Teil eines Tages davonträgt.

Text: Susan Brandy

 

 

Komm und sieh

 

Komm und sieh. Komm und tritt ein. Komm und tritt in die Welt dieses Films, die deine Welt ist. Und meine. Unsere. Komm und sieh. Öffne die Augen. Blicke dich um. Im Weißrussland des Jahres 1943. Komm und sieh den Jungen Fljora. Buddel mit ihm nach Waffen. Nimm sie, die Waffen der Toten. Lass uns spielen. Alle Welt will Krieg, alle Welt will spielen. Komm und sieh. Tritt näher. Tritt in den Film. In die erdfarbene Welt. Tritt Eier entzwei, aus denen schon bald Vögel geschlüpft wären. Komm und sieh die Bomben, wie sie fallen, wie sie die Welt entzweireißen. Wie sie die Welt entkernen. Wie sie die Welt umpflügen. Wie sie Tote säen in dieser umgepflügten Welt, um noch mehr Tote wachsen zu lassen.

Komm und sieh. Tritt in diese Welt. Tritt in diesen Film. Folge dem Jungen Fljora, der von Alexei Krawtschenko gespielt wird. Nein, er spielt nicht. Er lebt diese Rolle. Er lebt Fljora. Er lässt ihn leiden. Er leidet in und mit ihm. Er wird mit ihm zum Leid, zu einem Gesicht, das älter und älter wird. Verlorener. Verbrannter. Ein Gesicht, das mehr und mehr Leid sieht. Entdeckt. Frisst.

Grauen. Es ist das pure Grauen, das dieses Gesicht sieht. Und wir mit ihm. Wie blicken in eine Welt, die auflodert, die von den deutschen Soldaten verbrannt wird.

Ausgebrannt. So viele weißrussische Dörfer, die verbrennen. Die verbrannt wurden. Und mit ihnen die Bewohner. 1943 in Weißrussland. Das überall ist. Ein Grauen, das keine Vergangenheit und keine Zukunft hat, sondern immer war und immer sein wird.

Komm und sieh. Sieh in die Gesichter, die immer wieder in die Kamera blicken, die uns ansehen, denn wir sind die Kamera, die das Grauen besichtigt, die den apokalyptischen Reitern bei der Arbeit zusehen.

Komm und sieh die Leuchtkugeln, die zum Himmel steigen, die zum Stern über Bethlehem werden, einem Bethlehem des Teufels, wo es zur Umkehrung der Geburt kommt.

Es geht um die Vernichtung des Menschen, das Tilgen des Antlitzes. Der Blick, er soll verschlungen werden.

Kein Film, den man so einfach besprechen könnte, daher diese Annäherung, dieses Fühlen und Tappen, dieser Versuch mit dem Film in Kontakt zu kommen, ins Gespräch, um mit dem zu sprechen, was unaussprechbar scheint, all die Blicke, die Körper, die Kinder, die ihre Leben nicht leben, weil der Tod sie zu sich ruft, weil das Grauen sich austoben will.

Komm und sieh die Bewohner eines Dorfes, die zusammengetrieben und verbrannt werden.

All die Leiber, die den Flammen zum Fraß vorgeworfen werden, den Zungen der Flammen, die ihre Häute ablecken, ihre Träume und Hoffnungen, ihre Lieben. Sieh das, was man hören muss, sieh die Schreie, sieh diesen Film, sieh ihn nicht, sei gewarnt.

Komm und sieh, wie die Welt aus den Angeln gehoben wird. Alles, was wir sehen, ist eine langer grausamer Geburtsakt, ein Pressen und Stöhnen und Jammern, um die Hölle zu gebären.

Komm und sieh nicht weg, auch wenn es schmerzt, denn das muss es.

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Unter Wasser

 

we should mesh them together
(Kim Deal)

tief im meer lebte ein kraken
er wurde vertrieben aus seinem
garten vom klärschlamm den
london hamburg und andere

unter sich ließen ein walross
als es sah was vor sich ging:
was ist das für ein eiertanz!
um die neunte stunde schrie

der kraken und verschied
ein mann nahm den leib und
wickelte ihn in ein laken

2. April 2021 20:19